hellen Tränen hervorstürzen, daß er sich so dumm verplaudert hatte,
und dennoch sollte er lächeln und freundlich sein, er grinste daher
furchtbar wie einer, der ~Asa foetida~ oder recht bitteres Salzkonfekt
im Mund hat und doch zuckerhonigsüß dabei aussehen will.
Das Unkraut wächst.
Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber
die Miene des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spaßhaft
vorkommen, als sie aussehen sollte. »Mir scheint es, als dürfe man die
Sache nicht nur so gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob
der Graf gehorsam sein will oder nicht, denn hole mich der -- verzeihen
Sie, gnädige Gräfin -- wenn ich selbst drei Millionen hätte, wie der
Goldfisch, der jetzt in Freilingen vor Anker liegt, so täte ich nach
meinem Sinn, und nicht wie mein alter Oheim wollte.«
»Das heißt also,« rief die Gräfin pikiert, »Sie würden Ihrem Kopf
folgen, auch zu den Füßen des Fräuleins Ida liegen und die Gräfin
Aarstein refüsieren?«
»Wie Sie nur so reden mögen?« antwortete der Rittmeister empfindlich,
»Sie wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit
sagen, daß der Graf Sie sehen muß. Und hat er Sie nur erst einmal
gesehen, nun, so stehe ich dafür, daß er keine weitere Vergleichung
anstellt, sondern zu Ihren Füßen liegt.«
Die Geschmeichelte schlug ihn mit dem Éventail auf die Hand und meinte
selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, daß
dieser Rat vielleicht so übel nicht wäre. Auch Sorben schien er das
einzige Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst
einmal hinter den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gnädig. Denn wenn
_die_ einen lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es
vierundzwanzig Stunden, und er ist im Netz.
Sie hielten jetzt großen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der
Rittmeister von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten
und kaum zuvor der Gräfin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit
dem überein, was Fräulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. Ueber
den Tatbestand war also nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem
Grafen beikommen?
»Ist sie denn wirklich so hübsch?« fragte Sorben, um die feindliche
Stellung recht genau zu rekognoszieren.
»Hübsch?« lachte die Gräfin bitter. »Hübsch? Nun das müssen Sie ihren
~primo amoroso~, den Rittmeister, fragen. Wenn durcheinandergefitztes
Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zähne, ein Paar rote Bäckchen, eine
gedrechselte Hopfenstange von Körper, die mir die Nerven angreift, weil
man sie nicht berühren darf, ohne fürchten zu müssen, daß man eines der
zarten Gliederchen abknicke« (bei der kolossalen Riesen-Kürassierfigur
der Gräfin war dies nicht zu befürchten), »wenn dies alles für hübsch
gelten soll, so ist sie wunderschön. Ha, ha, ha! wunderschön! Nun, und
das -- muß man ihr lassen, viel Welt und Bonton hat sie auch. Denken
Sie sich, ich lasse mich herab, sie mir letzten Winter präsentieren
zu lassen, lade sie zu meinen Soirees und Hausbällen ein, aber siehe
da, Mamsell Zimperlich setzte mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob
dies nicht eine Sottise ohnegleichen ist? Und als ich mich einmal bei
ihrer Frau Pate, die einen Affen an ihr gefressen haben mußte, als ich
mich bei der Fürstin Romanow beklagte, warum die junge Dame sich so
impertinent gegen mich betrage, was meinen Sie, daß ich zur Antwort
erhielt? Denken Sie sich, das gute Kind sei zu unverdorben und keusch,
als daß sie sich in meinen Cercles gefallen könnte! Dergleichen kann
man von der Fürstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken,
aber, ~ma foi!~ sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun,
der Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen.
Wie ist es damit? Gestehen Sie!«
Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, daß er Ida immer
nur als ein reines Kind der Natur gefunden habe, aber sein höhnisches
Teufelslächeln bei diesen Schwüren, die Art, mit welcher er den
Stutzbart bis an die Ohren zurückriß und die Augen einkniff, ließ fast
erraten, daß er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle.
»Nun,« sagte Sorben, »wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht
schwer, zu agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize
aus dem Sattel, der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, daß er den
Grafen eifersüchtig macht. Er darf nur dem süßen Schwärmer schwören,
daß er die Gunst des Fräuleins Engelrein noch nie ganz genossen habe,
und dazu ein Gesicht machen, wie wir es eben gesehen haben, so muß der
gute Mann abgekühlt sein, als sei er nie entbrannt gewesen.«
»Aber wie soll dies alles geschehen? Wir können doch die Mamsell
Zimperlich nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn
Tagen die Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so
schnell zu meinen Füßen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen.«
»Ist gar nicht nötig,« replizierte Sorben, indem er seine Karte immer
hübscher mischte, »nicht nötig. Wie wäre es, ja, das wäre am Ende das
beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spaß
auf einmal ein Ende machten?«
Der Gedanke schien der Gräfin nicht übel zu gefallen. »Wahrhaftig,
es wäre so übel nicht,« antwortete sie sinnend; »der alte Präsident,
wahrhaftig, ich quartiere mich selbst bei ihm ein. Erst vor einem
Jahre hat er mich eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise
auf meine Güter durch Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das
wäre ein zu hübscher Spaß, Fräulein Ida in ihrem eigenen Hause den
Galan abzuspannen. Nein, der Einfall ist göttlich, und ich bin fast
entschlossen, ihn auszuführen.« Sorben atmete wieder freier, als er die
Gräfin auf so gutem Wege sah. Jetzt konnte, jetzt mußte ja noch alles
gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre war gerettet. Er tat sich
nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er so hübsch die Volte
geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert hatte. Noch einmal
riet er dringend zur Reise und empfahl sich.
Als er fort war, gestand die Gräfin ihrem Cicisbeo, daß sie nach
Freilingen reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter _einer_
Bedingung, nämlich _er_ müsse sie eskortieren. Einmal würde ihr die
Reise zu langweilig ohne ihn, und dann habe sie ihn auch höchst nötig,
um Ida bei dem Grafen aus dem Felde zu schlagen. Der Rittmeister sagte
freudig zu. Eine Reise mit einer solchen Frau war eine herrliche
Aussicht. Daß er als Reisestallmeister den Wein nicht zu schonen habe,
wußte er wohl. Nach Freilingen war es drei Tagereisen, wie angenehm
ließ es sich bei der Gräfin im Wagen sitzen, wie interessant ließen
sich die Verhältnisse weiterspielen, wenn man abends ins Nachtquartier
einrückte. -- Und dann, er kitzelte sich schon mit dem Gedanken,
sich an Ida zu rächen, in die er, er mußte es sich zu seiner Schande
gestehen, bis zum Tollwerden verliebt war, und die ihm nicht einmal ein
Küßchen -- nein, es war zu unverschämt. Bei andern hatte er nach den
ersten Präliminarien beinahe ohne Schwertstreich gesiegt, und dieses
Landpomeränzchen hatte ihm so imponiert, daß er es nicht wagte, nachdem
sie ihn einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch einmal einen
Versuch zu machen. Und diese Blame war ausgekommen, man wußte es sogar
in dem kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz, sein
Kamerad Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu
räch-- es mußte sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau,
daß ihr die Haut schaudern sollte.
Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit den gräflich Aarsteinischen
Wappen zum Tore hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von
Sporeneck mit seinem Jockei hinterdrein, eine Stunde vor der Stadt gab
er das Pferd dem Jockei und setzte sich in den gräflichen Reisewagen,
und fort ging es über Stock und Stein, bis man den Münsterturm von
Freilingen sah. Dort stieg er aus, küßte noch einmal eine schöne Hand,
die ihm aus dem Wagen geboten wurde, saß auf und ritt auf einem Umweg
in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum goldenen Mond einquartierte.
Trübe Augen.
Ida fühlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Gräfin aus dem
Wagen steigen sah: »Nun adieu, Liebes- und Lebensglück!« seufzte
sie, indem sie einen trüben Blick über Martiniz hinfliegen ließ und
zur Treppe eilte, um den erlauchten Gast zu empfangen. »Nun adieu,
Liebesglück, wenn dieses Weib in mein Leben greift!«
Sie zerdrückte eine Träne des Unmuts über ihr Geschick und ging weiter.
So ungefähr muß es jenen unschuldigen Tierchen zumut sein, wenn sie die
Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick übertäubt,
nicht auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem
Verderben entgegengehen.
Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in höheren Verhältnissen von
Kindheit an studiert, wußte die Gräfin schnell über das Unangenehme
der ersten Augenblicke hinüberzukommen. Sie war die Freundlichkeit,
die Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung
nicht gebracht, daß sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren
wärmsten Freunden begegnete. Auch war _sie_ die Ueberraschte und die
Gräfin die Ueberraschende, daher war Ida etwas befangen und zeremoniös
beim Empfang der hohen Dame; aber ihr natürlicher Takt sagte ihr, daß
sie jede andere Rücksicht beiseite setzen müsse, um nur die im Auge zu
haben, die Gräfin, die nun einmal ihr Gast war, anständig und würdig zu
behandeln.
Um wieviel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen
leiteten, als die der Gräfin! So verschieden als Natur und Kunst. Die
Aarstein wußte gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter haßte und ihm
hätte den Dolch in den Leib rennen mögen, freundlich und leutselig zu
sein. Sie konnte ihm etwas Verbindliches sagen, wenn sie das bitterste
Wort auf der Zunge hatte. Aber so sind jene Gesellschaftsmenschen,
die nichts Höheres kennen, als sich so zu produzieren. Wenn man in
ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten Zeiten zu kommen, wo noch
alles so brüderlich und freundlich war; da ist alles übertüncht, alles
hat den schönen Anstrich der Geselligkeit, aber man soll nur einmal
hinhorchen, wie es da über die ehrlichen Leute hergeht, wie medisant
da alles bekrittelt wird, wie da der Bruder, der Freund gewiß sein
darf, von dem, der ihm gerade noch so schön getan, ohne Schonung bitter
bespöttelt zu werden.
Aber ist es nicht überhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer
dem andern so viel als möglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin
gebracht hat, daß er ruhig in dieses böse Treiben hineinsieht und
dazu lächelt. Mit Ruhe und dem Bewußtsein, Gutes gewollt zu haben,
in der zufriedenen Brust, lache ich über den Spott meiner Neider,
über die hämischen Bemühungen jener Falschmünzer, die mit schnöder
Schadenfreude aus allem, was man je gesagt und gedacht, nicht gesagt
und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer frechen Leumundsiederei
ein Gebräu zusammenkochen, das sie gerne mir unterschieben möchten!
Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die von Neid und
Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge
verlieren, glücklich und brüderlich untereinander zu wohnen! So
denke ich und viele Tausende mit mir über jene bösen Menschen in den
gesellschaftlichen Zirkeln und in der Welt überhaupt, so denken wir
und lachen, denn _das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man
ein sicheres Glück im Herzen trägt, und froher kehr' ich, wenn ich es
gemustert, zu meinem schönen Eigentum zurück_.
So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Gräfin die Treppe
hinanstieg; ein tröstender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele,
sie verglich ihren innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte,
wenn Martiniz mich liebt, wie ich ihn liebe, so wird er diese Frau
verachten, und wenn -- ach, sie durfte den Gedanken nicht recht
ausdenken, ohne daß ihr das Wasser in die Augen trat! -- nun, wenn er
an _sie_ verloren geht, so habe ich wenig verloren.
Es gab einen sonderbaren, aber schönen Anblick, wenn man die beiden
Damen so nebeneinander hingehen sah. Gräfin Aarstein, eine kolossale
Figur -- sie hätte ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen können
-- voll, üppig gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes,
Majestätisches, Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an
Uebermut grenzte. Ihre dunklen Augen hatten das holde, mädchenhafte
Niederschlagen schon lange verlernt und rollten mit einem unstäten
Feuer umher, als suchten sie lüstern einen Gegenstand der Begierde,
oder als musterten sie alles umher, ob auch die gehörige Ehrfurcht
gegen einen Sprößling eines so hohen Hauses bewiesen werde. Ihr Gang
war etwas schwerfällig, weil die korpulente Figur für die in die
feinsten Pariser Atlasschuhe eingepreßten Füße etwas zu schwer war.
Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenähnliche Gestalt Idas, nein,
dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber
doch war das holde Lockenköpfchen ein wenig vorwärts gesenkt; das
sanfte Auge, oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es
aufschlug, so glänzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden
Ernst, daß es durch die sanfte Beredsamkeit überzeugender gebot als
das Rollauge der gebietenden Gräfin. Und um wieviel anziehender war
das Schelmengrübchen-Lächeln des süßen Mädchens als das schrankenlose
Lachen und Gurren der Gräfin, die durch ihre rauhe, tiefe Stimme jedes
Ohr verletzte. So schwebte Ida neben der Gräfin hin, so wie Juno und
Hebe traten sie in das Zimmer.
Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn
so unbarmherzig aus dem süßesten Moment seines Lebens herausgerasselt
hatte. Er verwünschte den Gast, der gerade jetzt kommen mußte, wo er
endlich seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Mädchen, das er liebte,
das er anbetete, seine Gefühle gestanden hatte, wo er Gegenliebe, süße
verschämte Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von Engeln
des Himmels gesungen, »_mein_ Emil« von ihren Lippen tönte, wo er das
Engelskind im Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust, Himmel
und Erde vergaß und auf diese würzigen Purpurlippen, auf die bräutlich
errötenden Wangen den ersten, seligen Ku--
Die Gräfin agiert.
Die Flügeltüren flogen auf, und Ida, hoch errötend beim Anblick des
Geliebten, führte die Gräfin herein. Sie zitterte, von so vielen
gegeneinander kämpfenden Empfindungen bestürmt, die Stimme wollte ihr
beinahe versagen, als sie »den Grafen Martiniz« der »Gräfin Aarstein«
vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erröten, sie sah, wie
sie den bildschönen Mann mit ihren Feuerrädchen beinahe zu versengen
drohte; es zuckte ihr ganz eisig in das liebende, ängstliche Herzchen
hinein, als die Gräfin sich in einer nachlässigen Stellung auf das Sofa
warf, ihr zurief, sie möchte sich doch gar nicht genieren und ihre
Arrangements treffen, die ein so plötzlicher Ueberfall wie der ihrige
immer notwendig mache, sie möchte sich doch durchaus nicht genieren,
der Graf werde schon die Gnade haben, sie zu unterhalten.
»Da sei Gott gnädig,« flüsterte Ida in sich hinein, indem es ihr
fröstelnd und doch wieder siedheiß durch alle Glieder ging, »wenn die
so fortmacht, so müssen wir ja alle samt und sonders, den Grafen mit
eingeschlossen, zu ihren Füßen knien.«
Sie nahm ihre Schlüssel und ging; aber noch in der Türe warf sie einen
Blick auf Martiniz zurück, so voll Liebe und Besorgnis, als müsse sie
ihn bei einem reißenden Tier allein lassen.
»Ein liebes Kind, die Ida,« wandte sich die Gräfin an Martiniz, der
schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, »ein liebes
Kind, schade nur, daß man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe
sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat.
Nun, das macht sich noch gerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade
der Ort ist, wo sie anständige Vorbilder dazu haben mag; in größeren
Städten findet sich dies eher.«
Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen, diesem
aber schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und
jetzt erst, als die Gräfin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen und
beantwortete ihre Frage durch ein leises Kopfnicken.
»Warte, ich will dich schon aufmerken lehren,« dachte die Aarstein,
der die Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. »In _einer_
Hinsicht ist es gut, daß das Fräulein aus der Residenz wegkam, Sie
können sich gar nicht denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als
sie so lieblich aufblühte; die Straße vor dem Haus der Madame la
Truiaire wurde nicht leer von den Anbetern, und natürlich! ein solches
Mädchen hat denn doch auch ein Herzchen und fühlt sich durch diese
Aufmerksamkeit geschmeichelt. Uebrigens, das muß man ihr lassen, mit
dem größten Anstand wußte sie den Herren zu imponieren und sie sogar zu
verscheuchen; daß sie nun freilich bei dem Rittmeister von Sporeneck es
nicht ebenso machte, kann man ihr nicht verdenken.«
»So--o?« fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen überzog.
»Der Rittm--« -- »Nun ja« lachte die Gräfin, »da ist es auch kein
Wunder, daß sie ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in
der Residenz ein Damenherz, das er zu überwinden sich vorsetzte, und
das er nicht überwunden hätte? Er hat zwar etwas leichte Grundsätze,
ist aber sonst ein artiger Mensch; ~au fond~ ist es übrigens dennoch
gut, daß man das Mädchen schnell aus der Pension nahm, denn sehen
Sie -- da kommt sie ja selbst,« lachte sie Ida entgegen, die mit
liebenswürdiger, wirtlicher Geschäftigkeit Tee für ihren Gast brachte.
Beinahe hätte sie das ganze zierliche Dejeuner auf den Boden fallen
lassen, denn der Graf -- was mußte ihm nur begegnet sein? Er saß da so
bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet --
»Nun, da erzähle ich,« fuhr die Gräfin Satanas, die mit teuflischer
Freude das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen
hatte, zu zerreißen strebte, »da erzähle ich gerade dem Herrn Grafen
Ihre Affaire mit dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedauere,
daß man sie so grausam herausriß aus der Wonne der ersten Lie--«
»Gnädige Frau!« rief Ida mit den Tönen des Schreckens und setzte die
Tasse nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann.
»Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, daß ich aus der Schule
schwatze; das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa
hätte auch keine ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurückberufung wählen
können --«
»Ich muß Sie bitten, gnädige Frau --«
»Ei, so lassen Sie doch die gnädige _Frau_,« fiel ihr die Aarstein
ins Wort, »ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar
nicht, als ob ich Frau wäre, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich
gar nicht,« setzte sie naiv und mit einem schalkhaften Lächeln gegen
Martiniz hinzu, »ich lebte nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl,
Gott hat uns kein Kind beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut
als Mädchen.«
Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Aeußerungen mußten
ihre unentweihten jungfräulichen Ohren hören, ohne daß sie diese
wegwerfende Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen
mit dem Rittmeister, es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie
konnte gar nicht begreifen, was nur die Gräfin damit wollte; hatte
sie ihn denn nicht so gut abgetrumpft wie jeden andern? Was mußte
nur Martiniz von ihr denken! Sie nahm sich vor, bei der nächsten
Gelegenheit ihn zu überzeugen, daß gewiß an der Geschichte mit dem
Rittmeister kein wahres W-- Aber nein, wie sah der Graf aus! Er hatte
die Lippen zusammengekniffen, daß sie ganz weiß wurden, sein Auge
rollte unstät umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch schlug
er es nieder, so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange
ums Herzchen, als ahne sie irgend ein Unglück; sie klügelte hin und
her, was ihm sein könnte, und fand immer nichts.
Die Gräfin zog sich jetzt in ihre Zimmer zurück, um sich umzukleiden.
Ida sah ihr mit leichterem Herzen nach, denn sie hoffte -- sie gestand
es sich nur so halb und halb, daß sie es hoffte, aber sie hoffte, der
Graf werde vielleicht an dem Gespräch von vorhin fortmachen, aber sie
täuschte sich bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas
fragte, finster sah er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten
sprang er auf und ging. Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb
ihr unbegreiflich. Endlich aber fiel ihr ein, der Rittm-- ja, das war
es, eifersüchtig war der gute Graf. Sie mußte lachen, als ihr der
Gedanke kam. Sie fühlte sich so rein und unschuldig, daß es ihr ein
leichtes schien, den Grafen zu überzeugen; aber Strafe soll er leiden,
der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir die Aarstein zuviel
ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister sprechen und ihn recht
bös machen.
Das gute, fröhliche Kind; wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht
Böses anrichten könne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete!
Eifersucht.
Das Gift, das die Gräfin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel
tödlicher auf Martiniz, als man hätte denken sollen. Ein anderer hätte
entweder der Gräfin keinen Glauben beigemessen, hätte gedacht: »Nun,
das ist so das gewöhnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den
Damen,« und damit holla; aber auf sein Gemüt, das kaum erst von seinem
Trübsinn, von seinem Mißmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war,
auf ihn machte es einen viel tieferen Eindruck; dieses Mädchen, das so
hoch stand in seiner Meinung, auch dieses sollte so leicht wägen wie
alle? Auch sie sollte so zwanzig, dreißig Liebschaftchen und am Ende
noch eine rechte tüchtige Amour mit einem leichten Rittmeister gehabt
haben?
Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob
ein Mädchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem
Rittmeister viel oder wenig Gehör gibt? Was ging es denn ihn an? Das
flüsterte ihm sein tief zerrißnes Herz zu, das, daß sie die Maske der
hohen, reinen Jungfrau so künstlich vorhielt, daß sie ihn begünstigte,
ja, er durfte sagen, an sich zog, während sie noch einen anderen, wie
es schien, Unwürdigen im Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch
möglich, vielleicht war es doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur
sich eingebildet, von ihr geliebt zu werden, und er, er war vielleicht
doch ihre erste Lie--
»Bitte untertänigst um Vergebung, wenn ich störe,« schnatterte ein
Jockei, der während des Grafen Selbstgespräch ins Zimmer gekommen war,
»der Herr Rittmeister von Sporeneck --«
Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen Sporeneck genannt? Sollte er
hier sein?
»Lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen,« fuhr jener fort, »und ob
der Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus
abtreten wollten?«
Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenüber
Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun,
diese Forderung war zu unverschämt -- gedankenlos starrte er den
Bedienten an, der ihm die Unglücksbotschaft hinterbracht hatte; dieser
glaubte, der Graf wolle noch weitere Aufträge von seinem Herrn, und
schnatterte weiter:
»Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten, aber
mein Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schöne Aussicht, und da
hat er gemeint, Exzellenz könnten vielleicht eines von den drei --«
»Nein! --« rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte
so finster die Augen dazu, daß dem armen Jockei ganz wind und weh
dabei wurde, und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal
vormachen ließ.