Das ging nun lange Zeit gut: kein Mensch merkte, daß Herr Baron Antonio

die junge Gräfin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber, welche

großes Geräusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb seine

Sache im stillen und kam wohl bälder ans Ziel als die andern; denn

er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schönen Brillantring am

Finger, der auch mir bekannt vorkam. Plötzlich faßte Graf Emil seine

Hand und fragte: ›Wo hast du den Ring her?‹ Er aber sagte lächelnd und

ganz gelassen: ›Von deiner Schwester.‹ Nun wußte ich, was die Stunde

geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem sonderbaren Blick an, gab

ihm die Hand und sprach: ›Ich habe nichts dagegen, nur sei ihr treu.‹

Es verging wieder ungefähr ein Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal

nach Hause, wie ich ihn noch nie gesehen hatte; seine Augen rollten und

blitzten schrecklich, zweimal schnallte er den Säbel um, und ebenso

oft warf er ihn wieder hin. Ich fragte, was ihm wäre, aber er gab mir

gar keine Antwort, was er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den

ganzen Handel erfahren und darf ihn wohl erzählen. Der Graf war an

jenem Nachmittag in ein Kaffeehaus gekommen, da kam ein Offizier zu

ihm, nahm ihn auf die Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er

ihn wohl kenne. Der Graf besah ihn genau und erkannte, daß es derselbe

Ring sei, den seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er äußerte dies

aber nicht gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring

habe. Der Offizier sagte ihm, daß er diesen Ring an Personen gesehen

habe, die den Grafen Martiniz nahe angingen, er sei daher gekommen,

um ihm freundschaftlich zu sagen, daß er diesen Ring auf eine Stunde

von Madame Trizka entlehnt habe, die ihn von einem Italiener, seinem

Vetter, zum Präsent bekommen zu haben behaupte.

Madame Trizka aber war die berüchtigtste Courtisane der Stadt und um

Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort, ob

alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung sogleich

zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen Vetter und

ließ ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen habe. Der

Italiener antwortete mit einem kalten, einfachen Ja, das meinen Herrn

nur noch wütender machte. Seiner Fräulein Schwester mochte er das

Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstück zu sagen, und

beschloß daher, den treulosen Vetter so bald als möglich aus der Welt

zu schaffen.

In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich

den Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht

gestreift. Er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf

dreißig Schritte traf, schoß den Marchese durch die Brust, daß er

keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit

dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen,

aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm, aber er lag ohne

Besinnung, und die Aerzte gaben gar keine Hoffnung.

Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch

beweinte, war so um ihn besorgt, daß er sogar nicht auf seine Rettung

bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen ließ.

Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung. Mein

Herr saß bis tief in die Nacht bei ihm, am Ende gegen zwölf Uhr hin in

der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der Wundarzt

und ich. Mit dem Schlag zwölf Uhr aber schlug der Italiener seine

greulichen, dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Höhe und sah

sich im Zimmer um.

Uns alle wandelte ein Grauen an, denn man konnte glauben, er sei

schon gestorben, so gestanden und gläsern war sein Blick. Endlich

sah er meinen Herrn, wütend riß er seine blutigen Binden von der

durchschossenen Brust, daß das Blut herausströmte. ›~Maledetto

diabolo!~‹ brüllte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf, sank

zurück auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu unterstützen,

hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben.

Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht

gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so unglücklich

wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem

Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte,

da ging erst der Jammer von neuem an, denn während der Krankheit war

er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Gräfin war ein paar

Tage nach dem traurigen Vorfall plötzlich gestorben. Man sagt arge

Sachen in Warschau, von Gift und dergleichen, die aber ein alter Diener

nicht glauben darf. Die Frau Gräfin Mutter, die immer gesiecht hatte,

überlebte sie wenige Tage, dann trug man auch sie zu Grabe.

Der junge Herr vernahm dies alles mit großer Fassung, als man ihm aber

einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er außer sich, so daß wir

fürchteten, er komme wieder vom Verstand.

Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle

glaubten, denn der Graf ließ sich auf sein Grab führen, weinte dort

lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung.

Als ich in der nächsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum erstenmal

seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches Geschrei

-- es kam aus seinem Zimmer -- ich eilte hinein und sah ihn in

Schrecken und Wahnsinn, denn er glaubte, der Italiener sei in seinem

blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie ihm an

den Kopf geworfen und sein ~Maledetto diabolo~ dazu geschrien. Mit dem

Schlag ein Uhr hörte auch sein Wahnsinn auf. Aber seitdem kehrte er

jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells Begnadigung, mußte aber

auf einige Zeit sich außer Landes begeben.

Diese Weisung kam erwünscht, denn die Aerzte rieten zur Zerstreuung

durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz

Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube

nicht an Gespenster, Herr, aber oft ist es mir doch auch, als habe

mein Herr recht und der selige Herr Antonio folge uns auf den Fersen.

In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er mir in

seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag, von da an

behauptet er, der Spuk könne nicht zu ihm herein, wenn er am Altar

sitze.

Wer war froher als ich über dieses Auskunftsmittel? Aber auch nicht

jede Kirche war ihm recht, bald ist sie zu groß, bald zu klein, wie es

so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut. Die

Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn Tagen hat

er gar nicht mehr gewütet, sondern nur geweint.«

Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine Erzählung

beendigt. Berner konnte kaum seine Rührung zurückhalten. Es wollte

ihm das Herz abdrücken, daß ein Mensch, so schön, mit allen Gaben des

Glückes so reichlich versehen, mit _einem_ Schlage in so namenloses

Unglück stürzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen, aber welchen Weg

konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen schrecklichen Wahn zu

benehmen? Waren nicht gewiß alle Mittel schon versucht worden, ihn zu

heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm behilflich sein könnte bei

dieser Sache.

Der alte Brktzwisl lächelte geheimnisvoll vor sich hin und begann dann:

»Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten Wege zur

Heilung, und der Herr Hofrat können als Arzt dabei dienen. Vor allem

muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht gesehen hätte.

Einem alten Diener, der nur für das Wohl seines Herrn besorgt ist,

kann man ja schon etwas zugut halten. Der Herr Onkel des Grafen, ein

steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermögen des Grafen verwaltet,

hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, daß ich jeden berühmten

Arzt um Rat fragen konnte. Ueberall, wohin wir kamen und uns auch nur

zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die Aerzte; die einen wollten

dies, die andern jenes, was man schon oft probiert hatte, die meisten

aber rieten Reisen und Zerstreuung.

In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht hätte,

traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein kleiner

alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich Vertrauen zu

ihm einflößte. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern betrachtete

den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen. Den andern Tag

sagte er zu mir: ›Höre, Alter! Dein Herr ist unheilbar, wenn ihn nicht

Liebe heilt; und zwar recht innige, warme Liebe zu einem Mädchen,

das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine recht gefaßt, so ist es

unzweifelhaft, daß sein Wahnsinn sich zerstreut und nach und nach

vergeht.‹

Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag, denn ich

wußte, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch

Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er verloren,

dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an keinen Ort,

wo schöne Mädchen waren, in keiner Stadt wollte er über einen oder

zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst recht zur

Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem alten Herrn

Onkel.

Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem

Neffen eine recht gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen

hierher ins --sche gehen.

Hier in Freilingen geschah nun, was ich für meine Seele nicht für

möglich gehalten hätte. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr

auf dem Ball, daß ich ihn sogar abrufen mußte; nach der Kirche geht er

wieder auf den Ball, was er in einem Jahr nie getan, und kommt ganz

still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen läßt er mich das Logis

im goldenen Mond auf vier Wochen bestellen, ich glaubte, mir solle

Hören und Sehen vergehen; er merkte auch, daß ich mich so verwunderte,

und gab vor, daß ihm die Kirche so wohl gefallen habe. Aber wie ich aus

unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde ich in dem Haus

drüben einen Engel gewahr, der so holdselig herüberlächelte, daß mir

altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging mir denn ein Licht auf!

Schon auf der Herreise hatten wir dieses Fräulein gesehen; auf dem Ball

war sie auch gewesen, und tagelang schaute jetzt mein Herr hinter dem

Vorhang nach dem Fenster im Haus gegenüber.

Und das ist niemand als die wunderschöne Fräulein Ida. Meinen Sie, mein

Herr sei früher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele, obgleich ich

für jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte; aber ich will

die Tasse Tee mit Löffel und Stiel aufessen, die er seit einem Jahr in

Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus hinüberkommt, geht er

alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinüber.

Seit der Zeit läßt aber auch sein Zustand mehr und mehr nach, er raset

gar nicht mehr; er richtet sich nicht mehr auf; er bleibt ruhig am

Altar sitzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine Freude, als

ich dies bemerkte, daß ich dem alten Doktor auf der Stelle mein Hab und

Gut geschenkt hätte, dem Engelsfräulein aber, das dies Wunder bewirkte,

möchte ich, so oft ich sie sehe, vor purer Freude zu Füßen fallen.

Wenn es nun Gottes Wille wäre, daß das Fräulein meinen Herrn liebte,

ach, da wäre ihm geholfen, so gewiß ich selig werden will! Und wenn sie

nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiß recht sein.

Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen Sie ihn

nur ein wenig lächeln wie früher, lassen Sie ihn erst einmal wieder in

die Uniform schlüpfen statt des schwarzen Zeuges, das er anhat -- da

muß er ja einem Mädel gefallen, und wenn sie einen Marbelstein in der

Brust hätte statt eines Herzens. Ueber das Vermögen will ich gar nichts

sagen; sehen Sie, da ist das herrlich eingerichtete Hotel in Warschau,

da sind die Güter Ratitzka, Martinizow, da ist Flazizhof, da --«

»Laß gut sein, Alter,« bat der Hofrat, »mit einem davon könnten wir

samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn betrifft, so glaube

ich selbst, daß er das Fräulein gerne sieht; wie das Fräulein über ihn

denkt, weiß ich nicht so genau, doch kann sie ihn nicht übel leiden.

Das Ding muß sich übrigens bald geben, glaube mir. Hat dein Herr das

Fräulein recht von Herzen lieb, so soll er, merke wohl auf, so soll er

es ihr sagen; ich meine, ich könnte dafür stehen, daß sie nicht nein

sagt.«

Der alte Brktzwisl war außer sich vor Freude, als er dies hörte.

»Nun, das muß wahr sein, wenn sich vernünftige Menschen miteinander

besprechen, gibt es ein Stück; mein Herr soll dran, soll Hochzeit haben

und wieder fröhlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln, und all

sein vierzigjähriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht, ehe acht

Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten Fährte hat.«

»Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du

den Herrn Neveu verheiratest? Das Fräulein ist eigentlich doch keine

rechte Partie für einen polnischen Grafen --«

»Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an

der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist

ein räsonnabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht.

›Mache mir meinen Emil gesund,‹ hat er zu mir gesagt, als wir abfuhren,

›bringe ihn vernünftig zurück ~à tout prix~.‹ Da darf man ja wohl auch

eine Heirat dazu rechnen! Und überdies bekümmern wir uns eigentlich

nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist eigentlich

sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu gestatten

oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und daß der Alte mit

Freuden seinen Segen gibt, dafür stehe ich; ach, wenn er nur das liebe

Engelskind selbst sehen könnte!« Dem alten Mann schien der Mund zu

wässern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und ging.

Der selige Berner.

Als Brktzwisl fort war, schlug der Hofrat ein Schnippchen nach dem

andern in die Luft. Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem

klugen Alten nicht merken lassen dürfen, und doch hätte er dem alten,

verwitterten Polacken um den Hals fallen mögen, so recht ins Schwarze

seiner Seele hatte er mit seinem Plänchen getroffen. »Ein kapitaler

Kerl, der Brktzwisl,« dachte der Hofrat, »ohne den wären wir doch

samt unserer stillen Liebe und unseren geheimen Plänchen ganz und

gar den Katzen. Beim alten Oheim scheint er einen Stein im Brett zu

haben, und nicht nur so einen Bauern oder lausigen Läufer, wie man von

der alten Tressenrockseele glauben sollte, sondern einen gewichtigen

Rocher, der dem ganzen feindlichen Hof, der Königin Aarstein und dem

Staatssekretär Springer mit seinen Winkelzügen ein verdecktes und

entscheidendes Schach geben soll!« So waren des Hofrats Gedanken; es

war ihm dabei so federleicht und stolz zu Mut wie einem Kandidaten, der

sein letztes Examen im Rücken und vor sich die Aussicht auf eine fette

Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Kühen, Schafen und

Schweinen mitten unter seiner lieben Pastoralherde residieren kann.

Ja, es war ihm sogar ein wenig göttlich zu Mut, als hätte er Stangen,

Zaum und Trense der Welt unter der Faust, und regiere an geheimen

Schicksalsfäden das Los des Grafen und seiner Ida.

Alle Leute blieben auf der Straße stehen, als Berner vorüberkam.

Man kannte ihn sonst als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne

jedermann grüßte und hier und dort mit einem sprach; aber heute --

nein, es sah zu possierlich aus, wie der gute alte Herr vor sich hin

sprach und lächelte und alle Mädchen in die Wangen kniff, allen Männern

zuwinkte und ein paar Bettelbuben, die sich am Markte prügelten, einige

Groschen schenkte, daß sie sich einen vergnügten Tag machen möchten.

Den Präsidenten traf er auf der Treppe; er bot ihm einen guten Morgen,

schüttelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte sich, wie sich wohl

der Alte freuen werde, wenn der polnische Freier angestiegen komme, um

sein eheleibliches Töchterchen zu freien.

»Alte Exzellenz,« wisperte er ihm ins Ohr, »aus der Heirat des Polen

mit der Gräfin Aarstein wird -- nichts.« -- »Nichts?« fragte der

Präsident mit langem Gesicht. »Nichts? Hat Er Nachrichten, Berner? Hat

etwa der Hof andere Absichten mit dieser Dame?«

»Was der Hof! Was der Staatsminister!« lachte der Hofrat. »Es gibt

noch ganz andere Diplomaten als die Herren in der Residenz! Meinst

denn du, wenn so ein echter feuriger Pole liebt, daß ihm das Feuer aus

den Kohlenaugen herauspfupfert, er werde erst vor dem Staatssekretär

den Hut abziehen und fragen: ›Erlauben Sie gütigst, wollen Euer Gnaden

mir einen Gegenstand für meine zärtlichen Neigungen rekommandieren?‹

Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders gehalten Anno

achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen Jungen nicht

verdenken, wenn er es auch so macht.« -- »Wie, so wäre der Graf in eine

andere verliebt?« unterbrach ihn der Präsident.

»Verliebt, wie ich sage, und für die Gräfin so gut wie verloren.« --

»Ei, ei,« sagte der Präsident mit einem klugen Gesicht, indem er den

Finger an die Nase legte; »siehst du, das habe ich mir neulich gleich

gedacht, daß das Attachement an die hohe Person nicht so gar groß sein

müsse. Du weißt von den Aufträgen, die mir in einem Handschreiben des

Staatssekretärs zukamen; ich richtete mich mit aller Gewissenhaftigkeit

nach meiner Vorschrift und bohrte ihn zuerst über die hiesige Gegend

an; weiß Gott, ich meine, der Mensch wird mir närrisch; lobt und

preist die Gegend bis an den Himmel, hat in den vierzehn Tagen, wie er

mir versichert, mit seinen scharfen Augen Lokalschönheiten entdeckt,

die ihn unwiderstehlich anziehen und fesseln, ja, sogar unser gutes,

ehrliches Freilingen, das nun in meinen Augen eben nichts Apartes hat,

liebt er so, daß ihm die hellen Tränen liefen. Nun haben wir ja den

Goldfisch, denke ich; ja, ja, der Freilinger Kreis ist nicht übel, aber

die Gräfin Aarstein ist wahrscheinlich der Köder; ich wende also das

Gespräch auf den Hof und endlich auch auf die Gräfin; da ist er aber

so kalt und gleichgültig wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar

nicht anbeißen wollte, ob er die Gräfin denn nicht kenne, und da machte

er ein ganz eigenes Gesicht, wie wenn man beim überzuckerten Kalmus

endlich aufs Bittere kommt, und sagte: ›Nicht anders kenne ich sie als

~par renommée~.‹ Das ist nun freilich bei der Frau Gräfin nicht das

Beste, das man haben kann. Wenn er sie daher nur, und zuerst von dieser

Seite kennt, so hat der Herr Staatssekretär schlecht manövriert.«

»Weiß Gott, das hat er,« lachte der Hofrat, »ich könnte dir Dinge sagen

-- doch gedulde dich noch ein paar Wochen, und du siehst den Herrn

Grafen als Bräutigam; eine Dame aus der Residenz ist es nicht, an die

er sein Herz verlieren wird, nichtsdestoweniger ist es ein Landeskind

unseres allergnädigsten Herrn, und zwar ein gutes, liebes, schönes --«

»Nun, nun, so arg wird der Engel auch nicht sein,« meinte der

Präsident, indem er sich verabschiedete; »aber ordentlich wohl ist es

mir, daß es die Gräfin nicht ist, denn ich sammelte mir so unter der

Hand Nachrichten über sie, und die lauteten denn doch gar zu fatal.«

War es dem Präsidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat

außerordentlich selig zumut, als er vollends die Treppe hinanstieg,

als er näher und näher an Idas Zimmer kam, als ihn das Mädchen

»Wunderhold« empfing. Er hätte mögen nur gleich mit allem, was er im

Herzen und Gedächtnis hatte, herausplatzen, aber nein! Hand auf den

Mund! so ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, was er jetzt

dirigierte, wäre _das_ Mädchen bis in das Herz hinein errötet und

davongelaufen. Daher ließ er seine Gedanken eine kleine Schwenkung

rechts machen, um dem Mädchen mit den Plänklern der Neugierde und mit

den schweren Kavalleriemassen der Rührung in die linke Flanke zu fallen

und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzählte er ihr das Unglück des

Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die rührendsten Farben

hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu schildern.

Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Mädchens Tränen

flossen, als er noch nicht zur Hälfte fertig war. Wenn sie sich den

fröhlichen, kräftigen Jüngling dachte, geliebt, geachtet von allen, und

plötzlich so unendlich unglücklich; ja! jetzt hatte sie den Schlüssel

zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen.

Jetzt wußte sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah,

so bitter geweint habe, jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er

niemals wieder recht fröhlich sein könne. Er hatte seinen liebsten

Freund getötet, und wie die Erzählung des alten Dieners merken ließ,

unschuldig getötet; je zarter ihr eigenes Gefühl war, desto tiefer

fühlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so verwandten

Brust.

Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses

Tränenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darüber

gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein möchte; so

schonend wie möglich berührte er diese Saite, indem er nicht undeutlich

zu verstehen gab, daß ihre Nähe wunderbar auf ihn zu wirken scheine.

Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besänne, ob sie auch recht

verstanden habe; eine hohe Röte flog über das liebliche Gesichtchen,

ein schelmisches Lächeln mitten durch die Tränen zeigte, daß sie dies

selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zögern, das auszusprechen, was

sie dachte, aber endlich warf sie sich an die Brust des alten Mannes,

verbarg ihr glühendes Gesichtchen und flüsterte kaum hörbar: »Wenn er

durch warme Teilnahme, durch lautere innige Freundschaft zu retten

ist, so will ich ihn retten!« Sie weinte an Berners Brust leise fort

und fort, ihre Schwanenbrust hob und senkte sich, als wolle sie alle

sechsunddreißig Schnürlöcher des Korsettchens zumal zersprengen.

Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz höchst komisch vor.

Die weint, dachte er, weil sie einen schönen Mann und drei Millionen

verdienen soll; er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch,

um das Mädchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. »Ist es doch,

als ob es Ihnen blutessigsauer würde, daß Sie den schönen, edlen Grafen

aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja nicht die

Rede von einem solchen leeren Schnüffel und Musje Unausstehlich, wie

sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um solche wäre es nicht

der Mühe wert, sich die Hand naß zu machen, und wenn sie im Sumpf bis

unter die Nase stäken und nicht mehr um Hilfe schreien, sondern nur ein

wenig näseln und rüsseln könnten. Aber nein, da ist der Ausbund von

Männerschönheit, der Mann mit dem interessanten, feurigen Auge, mit der

zarten Blässe, welche die Gemüter so anzieht, mit dem feinen Bärtchen

über den Lippen, das ein ganz klein wenig sticht, wenn er den würzigen

Mund wölbt zum Ku--«

»Nein, es ist zu arg!« maulte Idchen und tat so ernst und reputierlich

wie eine Kartäuserin, und doch mußte das lose Ding die Knie

zusammenpressen, um nicht zu lachen. »Zu arg! nicht einmal ein Fünkchen

Mitleiden darf man zeigen, ohne daß die böse Welt, den Herrn Hofrat

an der Spitze, gleich darüber kritisiert, ob es einem _schönen_ Herrn

gegolten oder nicht.«

»Nun, nun,« lachte der Hofrat noch stärker als zuvor, »es kommt

immer besser, Sie machen ja, weiß Gott, ein Gesichtchen, als wollten

Sie mir nichts, dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber

im Hintergrunde lauert doch der Schelm, denn mein Idchen hat es

faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewiß nicht wie Fräulein von

Sorben und Frau von Schulderoff die große Stadtklatsche, aus jedem

Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber -- wer schaut denn immer hinter

dem Vorhang hinüber in den Mond, um ›den Mann im Mond‹, wie ihn die

bösen Stadtkinder heißen, herauszuäugeln. Aber freilich, die jungen

Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den schönen

Sternen, welche das schöne Fenster haben, da muß man ja doch auch in

den Mond sehen; aber Fräulein Ida wird nicht, wie jener scharfsichtige

Astronom Städte, Festungen, ganze Wälle und Verschanzungen darin

erschauen, sondern höchstens die Besatzung selbst, den Gr--«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 8 / 26 段