»Es ist mir unbegreiflich,« setzte er, von dem Eifer, der ihn beseelte,

fortgerissen, hinzu, »rein unbegreiflich, wie dieses für alles Schöne

und Gute glühende Herz sich in der Residenz so vor aller Liebe bewahrt

hat. Unsere jungen Herren schreien gewöhnlich bei solchen Mädchen

über Eiskälte und Phlegma, aber Gott weiß, _diesem_ Mädchen kann man

_dieses_ nicht nachsagen. Aber unsere jungen Herren sind meistens

selbst daran schuld. Kraft- und marklos schlendern sie einher, auf

den Bällen stehen sie scharweise zusammen, gucken durch Gläser von

Nr. 4 und 5, die für Blinde scharf genug geschliffen wären, nach den

Reizen der Ballschönen, lassen ganze Reihen sitzen und tanzen nicht,

und geben sie sich auch einmal zu einem Walzerchen und Kotillönchen

her, so meint man, sie wollen den letzten Atem ausschnaufen, so wogt

es in den ausgedörrten Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen,

schönen, in der Fülle der Kraft strotzenden Mädchen, das zwei solcher

Flederwische an die Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem

solchen Engelskind, das sich so gut wie jeder andere abends im Bettchen

mit verschlossenen Augen und verstohlenem Lächeln sein Ideal vormalt

und vorträumt, kann man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen

gering achtet und kalt abweist?

Ein solches Mädchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im

Leib haben; habe ich doch Über mein Goldmädchen gestern abend solche

Urteile hören müssen; geschossen hätte ich mich um sie, wäre ich nur

dreißig Jahre jünger gewesen. Sie hätte kein Feuer? Habe ich nicht

gesehen, wie sie heute früh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten, das

Fenster aufriß und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefühl? Und dieses

Mädchen hätte kein Feu--?«

»Das hat sie getan?« fragte der glückliche Martiniz, bis an die Stirne

errötend. »Sie hat das Fenster ein wenig geöffnet und herausgesehen?«

»Was öffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten, aber

aufgerissen hat sie das Fenster, daß sie mir den Schokoladenbecher

beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen

Sie, so ist das Mädchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schönes, wahrhaft

Freudiges, Erhabenes gilt, schwärmerisch empfindsam, wenn sie wahre

Leiden der Seele sieht, aber kalt und abgemessen, wenn die leere schale

Alltäglichkeit sich ihr aufdrängen will.«

Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende Herz

gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der nirgends

widerklang als in seinem tiefen Herzen, aber dort traf er so viele

Anklänge, daß dieses wehmütige, traurige Herz, das so lange nichts

kannte als die Wehmut und den Kummer heimlicher Tränen, im stillen,

aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vorzeiten unter dem

Ordensband hob, das es von außen zierte.

Er sagte dem Hofrat, daß er, wenn es möglich wäre, während seines

hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den

würdigen Herrn Präsidenten Gebrauch machen würde, das er heute durch

den Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretär bekommen

habe. Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzuführen und seine

Abende im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen.

Bei sich lachte er aber über den Staatssekretär, der seine Sachen so

geschickt einzufädeln wisse; der Graf solle dem Lande bleiben mit

seinen drei Milliönchen, aber die Gräfin soll ihn nicht bekommen, dafür

steht der Hofrat Berner. Auch er trank jetzt im stillen ein Toastchen

und ließ mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick die künftige

Frau Gräfin leben. Vivat hoch! scholl es in allen Winkeln seines alten

treuen Herzens, hoch und abermal h--

Da brummte in dumpfen Tönen die Glocke vom Münsterturme elf Uhr. Mit

wehmütigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den erschrockenen

Hofrat eine Entschuldigung hervor, daß er noch einen Besuch machen

müsse, und ging.

Berner konnte sich wohl denken, wohin der unglückliche Junge ging.

Mitleidig sah er ihm nach und lehnte sich dann in seinen Stuhl zurück,

um über das, was diesen Abend gesprochen worden war, nachzudenken;

der Graf hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm

nicht leicht ein junger Mann so wohl gefallen wie dieser; so viel

Grazie und Feinheit des Umganges, so viele Bildung und Kenntnisse,

so viel anspruchslose Bescheidenheit bei drei Millionen Talern, so

hohe männliche Schönheit und doch nicht jenes eitle, gefallsüchtige

Sich-zeigen-wollen, das schönen jungen Männern oft eigen ist --

nein, es ist ein seltener Mensch und gewiß beinahe so viel wert als

mein Idchen, dachte er, wenn die beiden erst einmal ein Paar -- die

Mondwirtin unterbrach ihn; mit zornglühendem Gesichte setzte sie sich

hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben verlassen hatte. »Nein,

da traue einer den Männern,« wütete sie, »hätte ich doch mein Leben

eingesetzt für diesen Herrn Grafen; hätte geglaubt, er wäre ein

unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder Liederlich, die an jede

Schürze tappen --«

»Nun, was ist denn geschehen?« unterbrach sie der aus allen Himmeln

gefallene Hofrat. »Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt, Frauchen?«

»Was ich habe? Möchte da einem nicht die Galle überlaufen, so ein

schöner, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen

würde, in nähere Bekanntschaft -- geht auf nächtlichen, liederlichen

Wegen; glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine großstädtische

Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehüllt, ist er zum Torweg

hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Berrzwisel. Will haben, man

solle das Haus offen lassen bis ein Uhr. Aber die Türe schlage ich ihm

vor der Nase zu, ich brauche keinen solchen Herrn im Haus, der bei

Nacht und Nebel nicht weiß, wo er steckt.«

»Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt,« sagte der Hofrat, wieder

freier atmend; »da dürfen Sie ruhig sein, der geht nicht auf schlimmem

Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch, ich weiß wo, darf

es aber nicht sagen.«

Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. »Ist es aber auch so?« sprach sie

freundlicher. »Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor?

Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich ärgere mich nur, daß ich

gleich so Schlimmes dachte; aber die Welt liegt jetzt im argen, unseren

jungen Herren ist nicht mehr über die Straße zu trauen. Sagen Sie ihm

aber um Gottes willen nichts, ich glaube, er könnte mich mit einem

einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter christliche Liebe zu meinem

Nebenmenschen.«

Der Hofrat lächelte fein, indem er ihr die Hand zum Versprechen und

zugleich zum Abschied bot; er jagte ihr alle Röte auf die hübschen

Wangen, sie wußte nicht, wo sie hinsehen, ob sie lachen oder zürnen

solle, denn, schon im Fortgehen begriffen, wisperte er ihr ins Ohr: »Es

war all nichts als lauter christliche, nebenmenschliche -- Eifersucht!«

Gute Nachricht.

Man hätte glauben sollen, das Haus des Präsidenten sei ein großer

Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvögel, Stärchen

und alle Gattungen gefiederter Bewohner wären. Es hüpfte etwas

treppauf, treppab, ein süßes Stimmchen hörte man bald in gehaltenen,

wehmütigen Tönen singen, bald in fröhlichen, scherzenden Rouladen

jauchzen und jodeln wie die Kanarienhähnchen, bald zwitschern und

plaudern wie Stärchen; aber Hähnchen, Nachtigallen und Stärchen, sie

alle waren in _einer_ Person Idchen, das vor Freude, vor Sehnsucht,

vor Langerweile und Geschäftigkeit treppauf und -ab flog, mit allen

Menschen anband, alle auslachte, alle begrüßte und neckte, allen

zugleich befahl und schalt.

Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des

Staatssekretärs geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr gekommen

und hatte sie förmlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen sei; nach

seiner Ansicht, wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch so, mußte man

den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher zum Tee, nach

zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner Abreise mußte ihm ein

kleiner Hausball gegeben werden.

Das selige Mädchen drückte die Augen zu und biß die Purpurlippen

zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach ihrer Ansicht, und das

war endlich doch die vernünftigste, sollte man ihn auf Mittag zu einer

Suppe laden, Nachmittag setzte er sich dann zu ihr ans Klavier, abends

trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja ein kleiner Hausball mit einem

Souper den seligsten Tag ihres Lebens schließen; doch nein -- sie nahm

sich zusammen und erklärte ihm, wie sie das in der Residenz ganz anders

gelernt habe.

»Es würde dem guten Grafen ein wenig kleinstädtisch vorkommen, wollten

wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir müssen

einen Bedienten hinüberschicken und ihm sagen lassen, daß wir ihn zur

Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten Direktors

Pauline und Fräulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen oder den

anderen deiner jungen Räte dazu. Ich mache die Honneurs beim Tee,

und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem Grafen

sagen Sie, Sie wünschen ihn öfter bei uns zu sehen und namentlich um

die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet man ihn einmal

beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe ich eines Tages

recht flott und anständig, Sie, lieber Papa, geben ihm morgens nur

so ~en passant~ einen Besuch heim und lassen fallen, ob er nicht

einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es wäre unartig,

es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist recht hübsch, übrigens

darf nur _er_ allein merken, daß es _ihm_ zu Ehren geschieht; wir

würden uns lächerlich machen, wollten wir den Leuten sagen, daß wir

dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann ja heißen, Papa gebe mir

einen Einstand in sein Haus.«

Papa Präsident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte, daß

man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder die

alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die Schlüssel des

Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller übergeben, und das Mädchen

rumorte jetzt als tätige Hausfrau in dem großen Gebäude umher, als

sollte sie zwanzig Wagen voll Gäste empfangen. Sie sollte ihn sehen,

sie sollte ihn sprechen, er mußte, wenn er nur halbwegs so artig war,

als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens viermal herüberkommen --

nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch selig das Mädchen war!

Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und zu rumoren, und schon um

zwölf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es heute abend sein mußte.

Erschöpft von den Haushaltungsgeschäften warf sie sich in ein Sofa; sie

machte die Augen zu, um sich den Abend schon recht selig zu träumen,

sie besann sich, wie man ihm den Abend recht schön mache, daß er recht

oft wiederkomme, sie suchte ihre beste Musik zusammen, um ihn zu

erheitern und die Schwermut von seiner Stirne zu bannen, so -- o, es

mußte einen herrlichen Abend geben; da fiel ihr auf einmal die Gräfin

Aarstein ein, und alle Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen;

Träne auf Träne stahl sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an

und war auf sich, auf die Welt bitterböse.

Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein wenig bei ihr einsprach,

verscheuchte diese Wolken. Er war zwar zu vorsichtig, um ihr den tiefen

Eindruck zu schildern, den sie auf den geliebten Fremden gemacht

hatte, aber das sagte er mit triumphierender Miene, daß sie vor der

Aarstein nicht bange haben solle; er habe gute, köstliche Nachrichten,

die dies vollkommen bestätigen; weg war er, ehe sie ihn noch recht

fragen konnte, und sie hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen.

Er hatte ihr nur von der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts

weiter merken lassen, der gute Hofrat! Aber wo ist ein Mädchen, das die

Flamme der ersten, reinen Liebe im Herzen trägt, wo ist ein solches

Engelskind, das nicht in ein paar Stunden die größten Fortschritte in

der Kunst, zu schließen und zu berechnen, gemacht hätte? Man sprach so

viel von magnetisierten Schläferinnen und Clairvoyantes, man schrieb

viele gelehrte Bücher über solche seltene Erscheinungen, und wie

gewöhnlich ließ man, was am nächsten lag, unbeachtet! Das sind ja die

eigentlichen Clairvoyantes, die Mädchen mit der ersten, kaum erkannten

Sehnsucht in der Brust, wohl haben sie die Augen niedergeschlagen, aber

dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit der schärfsten Brille, die

Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das Auge des Geistes geöffnet,

daß sie in den Herzen lesen. So auch Ida; sie merkte dem Hofrat wohl

an, daß er mehr wisse, als er sagen wolle, mit der Gräfin war es

nichts, aber ebensogut mußte er wissen, daß es auch mit keiner andern

etwas sei, sonst hätte er nicht so vergnügt, nicht so schelmisch

gelächelt. Er wußte, das sah die neue Clairvoyante jetzt hell und klar,

er mußte sogar wissen, daß Martiniz _sie_ --

O, wer das Mädchen jetzt gesehen hätte, wie es das Köpfchen in die Ecke

des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom süßen Schauer der ersten

Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der jungfräuliche

Busen zitterte und hüpfte, wie ein nie gekanntes Gefühl, wie eine

Mitternachtssonne in den Nächten des Nordpols, im Tiefsten ihres Innern

mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging! Wahrlich, es liegt

eine rührende Zaubermacht in einem solchen Gesichtchen voll stiller

Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des jungfräulichen Lebens, zu dem sie

einen kurzen Weg hinauf, von welchem sie lange, oft traurige Stufen

hinabsteigt!

Der lange Tag.

Aber der Nachmittag war auch gar zu lang, die Stunden gingen so

träge hin, sie konnte sich ordentlich über sich selbst ärgern, daß

sie schon heute früh das Teezeug gerüstet hatte, sie fing an zu

arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurück.

Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte

sonst mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch

auch gar zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine

Gedanken recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blätter und

Blättchen zusammenband -- zurückgelegt bis auf weiteres; sie nähte so

wunderhübsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und

gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging

ihr so schnell von der Hand, daß es eine Freude war. Ihre Freundinnen

in der Residenz hatten sich immer Stücke von Paris und London kommen

lassen; da waren die schönsten Girlanden von Rosen Astern, alle

möglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen,

daß die Damen nach ihrem Belieben hineinnähen konnten, was sie immer

wollten; natürlich stachen meistens die schönen Pariser Girlanden

sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur

ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit geübter

Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig,

die Idas Arbeit für Zauber, für nicht möglich gehalten hätten, wenn

sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden wäre.

Sie hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fußkissen für Papa

angefangen, sie nahm es jetzt auch wieder vor, aber sie konnte sich

selbst nicht begreifen, wie sie früher so langweilige Arbeiten machen,

Stich über Stich und immer wieder Stich um Stich machen konnte --

zurückgelegt bis auf weiteres. Sie zeichnete mit schwarzer Kreide so

fein, so gefällig für das Auge, daß sie der Stolz ihres Zeichenlehrers

war; auch hier war ihre Geduld unermüdlich gewesen; wenn andere ihre

Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten Schatten versehen,

schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur Vollendung auf einen

Geburts- oder Namenstag übergeben hatten, so hatte Ida fortgemacht, und

man sah allen ihren wunderlieblichen Bildern an, daß sie ~con amore~

ausgeführt waren; denn hatte sie einmal etwas angefangen, so mußte

es auch vollendet werden. Sie hatte eine angefangene ~Madonna della

sedia~ mitgebracht, sie öffnete jetzt die Mappe, breitete das Bild,

das schon in seinen Umrissen viel versprach, vor sich aus, spitzte

die Kreide, nahm sich vor, mit recht viel Geduld zu zeichnen, aber

bald gab die Kreide keine Farbe, bald wurden die Striche zu dick und

mußten verwischt werden, sie wurde von neuem gespitzt, aber war die

Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu ungeduldig oder die Kreide zu

grobkörnig, alle Augenblicke brach sie unter dem Messer ab, und Finger

bekam man so schwarz, daß sie kaum mehr rein gemacht werden konnten;

sie entsetzte sich wie Lady Macbeth vor ihren eigenen Händchen, packte

die Madonna schnell ein und legte sie ad acta. Sie setzte sich vor ihre

Kommode, zog alle Schubfächer heraus, wühlte in Blonden und Bändern

und besah sich Stück vor Stück, auch der Schmuck wurde hervorgezogen

und gemustert; aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und

wieder gesehen? Schnell Schmuck, Bänder und Blonden in die Fächer und

zugeschlossen, alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen

nicht zerstreuen.

Endlich, endlich schlug es fünf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch,

ohne sich von ihrem Zöfchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen. Sie

studierte jetzt recht ernsthaft, was sie wählen sollte; einen vollen

Anzug oder ein Hausnegligee? In der Residenz hätte sie, ohne sich zu

besinnen, das erstere gewählt. Dort fing ja der Tag eigentlich erst

abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie dort kein Negligee

wählen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen, der Mittag Mittag,

der Abend nur Abend war, hier schien ein Negligee für den Abend ganz

am Platz, um so mehr, da die paar Fräulein, die sie geladen hatte,

wahrscheinlich recht geputzt kommen würden. Sie wählte daher ein

feines Hausnegligee, ein allerliebstes weißes Batist-Ueberröckchen,

das nach einem Muster, wie man es hier zu Land noch nie gesehen hatte,

gemacht war; und wie glücklich hatte sie gewählt! Das knappe, alle

Formen hervorhebende Ueberröckchen zeigte den in jugendlicher Frische

blühenden Körper, den Teint hob zwar keine Perle, kein Steinchen,

aber er war so schneefrisch, so zart, so blendend weiß, daß er ja gar

keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar wurde dafür so sorgfältig, so

glänzend als möglich geordnet. Die seidenen Ringellöckchen schmiegten

sich eng und zart um Schläfe und Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone

war so entzückend, daß sie sich selbst gestand, als sie beim Glanz der

Kerzen in den Spiegel blickte, als sie ihre höher geröteten Wangen,

ihr glänzendes Auge sah, mit Lust und heimlichem Lächeln sich gestand,

heute ganz besonders gut auszusehen.

Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der

große Lüster verbreitete eine angenehme Helle über das ganze Zimmer.

Die Sitze waren im Kreise gestellt, ihr Platz neben dem Sofa, neben

ihr mußte der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr

zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in

voller Parade, die goldenen Löffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen

mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht übel zwischen

dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem Punsch aus.

Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm, kalte und warme

Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Hüllen gefällig geordnet --

es fehlte nichts mehr, als, weil es einmal in Freilingen Ton war, beim

Tee zu arbeiten, eine geschickte Arbeit für sie; auch diese war bald

gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten in Erwartung gesessen, so

fuhr ein Wagen vor.

»Wenn dies Marti--« doch nein, er konnte es nicht sein; die paar

Schritte aus dem goldenen Mond herüber machte er wohl ohne Wagen;

die Flügeltüre rauschte auf -- Fräulein von Sorben. »Wenn nur die

andern auch bald kämen,« dachte Ida, indem sie das Fräulein empfing,

denn diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten. Sie

war wenigstens acht Jahre älter als Ida, spielte aber doch immer

noch das naive lustige Mädchen von sechzehn Jahren, was ihr bei

ihrer stattlichen Korpulenz, die sich für eine junge Frau nicht übel

geschickt hätte, schlecht paßte. Sie mußte übrigens von Präsidents

mit Schonung und Achtung behandelt werden, weil sie einigermaßen

mit ihr verwandt waren und ihr Oheim in der Residenz eine der

wichtigsten Stellen bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida

an den Hals, nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle möglichen

süßen verbrauchten Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem

deckenhohen Spiegel ein wenig zurechtgeordnet, die Falten des Kleides

glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken

werde? Kaum hatte Ida zögernd, als würde er dadurch entheiligt, den

Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige mühselige Entrechats

und küßte Ida die Hand: »Wie danke ich dir für deine Aufmerksamkeit,

daß du mich zu ihm eingeladen hast! Du bemerktest gestern gewiß auch,

wie er mich mit seinen schwarzen Kohlenaugen immer und ewig verfolgte?

Und heute früh, ich habe mich kaum frisieren lassen, war schon mein

guter Graf zu Pferd vor meinem Haus; das macht sich herrlich, so

ein kleiner Liebeshandel ~en passant~. Lache mich nur nicht aus,

Herzenscousinchen, aber du weißt, junge Mädchen wie wir plaudern gern,

und die andern nehmen es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung

gemacht hat.«

Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach der

alten gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem Trumeau, sie

warf einen Blick in das helle, klare Glas und überzeugte sich, daß Emil

nicht nach der Cousine geschaut haben könne. Das »mein guter Graf« und

das »wir jungen Mädchen« aus dem Munde der alten schnurrenden Hummel

kam ihr so possierlich vor, daß sie, statt in Eifersucht zu geraten,

des heitersten, fröhlichsten Humors wurde. »O du Glückliche,« sagte

sie boshaft, »wer auch so im Flug Eroberungen machen könnte!« -- »Es

gehört nichts dazu, mein Kind, als Routine, nichts als eine gewisse

Gewandtheit, die man freilich so schnell nicht erlernt; die Gewohnheit,

der Geist muß sie geben. Du bist hübsch, Cousinchen, du bist gut

gewachsen, an Anstand, an schönen gesellschaftlichen Formen fehlt es

dir auch nicht; ehe drei Jährchen ins Land kommen, angelst du Grafen,

als hättest du von Jugend auf gefischt.«

Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten

Jubel aus: »Das wäre schön, das wäre herrlich, Grafen fangen!« rief

sie, nahm ihre naive Lehrerin unter den Arm und flog mit ihr im

rasenden Schnellwalzer um den Teetisch.

Von Anfang ließ sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen,

obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken

geschnürt war, der Walzer nicht sehr behagte, aber sie wußte, wenn man

nur erst aufhöre zu tanzen, so werde man gleich unter das alte Eisen

gezählt, und gab sich also alle Mühe, leicht zu tanzen. Als aber das

Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen hervorsah, immer

rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da stöhnte sie: »Ich

kann nicht mehr -- oh -- hö--re auf!« Aber Idchen riß sie noch einmal

herum und ließ sie dann, weil sie das Geräusch der Kommenden hörte,

atemlos und bis zum Tode gepreßt vor der Flügeltüre stehen, die in

diesem Augenblick von zwei Lakaien aufgerissen wurde.

Der Tee.

Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher kräftiger

Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner würdigen Haltung,

war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmütige

Ernst, der auf diesem schönen Gesichte lag und ihm einen so unendlichen

Liebreiz gab, waren die Träume der Ballnacht wieder aufgestiegen,

um süße Erinnerungen zu flüstern? -- Ida stand versteinert, als sie

den Grafen erblickte. Ach, sie hätte viel darum gegeben, in diesem

Augenblick nicht die Hausfrau machen zu dürfen, sie hätte ganz von

ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat Berner stellte ihn

mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber diese hätte sich in

diesem wichtigen Moment selbst Schläge geben mögen, so linkisch, meinte

sie, so albern hatte sie sich noch nie benommen. Was mußte er nur von

ihr denken? War sie doch gerade aus der Residenz gekommen, wo ihre

Erziehung nach allen Regeln vollendet worden war, hatte sich in allen

Zirkeln, in den feinsten Salons ohne Aengstlichkeit bewegt, und hier

stand sie errötend, mit niedergeschlagenen Augen, und stammelte recht

kleinstädtisch »von der Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 5 / 26 段