Verzweiflungsvoll über den halloenden Schmetter dieses Furiosos

enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Türe geschlossen,

so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter, die gellenden Akkorde lösten

sich auf in ein süßes, flüsterndes Dolce, sie ging über in die schöne

Melodie »Freudvoll und leidvoll«; mit Meisterhand führte sie dieses

Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten Leben heraufstiegen;

durch alle Töne des weichsten Moll klagte sie ihren einsamen Schmerz,

bis sie fühlte, daß diese Töne sie viel zu weich machen, und ihr Spiel,

ohne seine Dissonanzen aufzulösen, schnell wie ihre Hoffnung endete.

Die Mondwirtin.

Im goldenen Mond drüben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Bel-Etage

vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die

Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anständig

als möglich zu dekorieren. Das mittlere hatte sie durch einen eleganten

Armoir zum Arbeits-, durch ein großes Sofa zum Empfangszimmer

eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das rechte, weil

sie ihren ganzen Vorrat überflüssiger Tassen und eine bronzierte

Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das Teezimmer. Auch an

der Table d'hote, wo sonst nur einige Individuen der Garnison, einige

Forst- und Justizassessoren, Kreissteuereinnehmer und dergleichen,

selten aber Grafen saßen, waren bedeutende Veränderungen vorgegangen.

Zum Dessert kam sogar das feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und

die damaszierten Straßburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage

aufgelegt wurden.

Daß ihr angesehener Gönner und spezieller Freund, der Hofrat Berner,

jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem

Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirn des letzteren in

den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren neuen

Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier Postpferden,

den aus Leibeskräften blasenden Schwager darauf, vorfuhr, als der

reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf, sagte sie gleich zu

ihrem Ehezärter: »Gib acht, das ist was Vornehmes.«

Als sie aber dem Brktzwisl, so nannte sich der gute alte Diener, die

Kommoden in den drei Zimmern öffnete, ihm die Kleider und Wäsche seines

Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da schlug sie

vor Seligkeit und Staunen die Hände zusammen. Sie hatte doch von ihrer

Mutter gewiß recht feine, sanfte Leinwand zum Brauthemdchen bekommen,

aber das war grober Zwilch gegen diese Hemden, diese Tücher -- nein, so

etwas Extrafeines, Schneeweißes konnte es auf der Erde nicht mehr geben

wie dieses.

Es ist kein übles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen

abgelegt hat, und Grafen und Barone im nämlichen Gewand wie der

Bürgerliche erscheinen, daß die Frauen dem Fremden, der zu ihnen kommt,

nach dem Herzen sehen, das heißt nach seiner Wäsche. Ist sie grob,

unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, daß der Herr aus einem

Hause sein müsse, wo man entweder seine Erziehung sehr vernachlässigte

oder selbst malpropre und unordentlich war. Wo aber der bläuliche oder

milchweiße Glanz des Halstuches, die feinen Fältchen der Busenkrause

und des Hemdes ins Auge fällt, da findet gewiß der Gast Gnade vor den

Augen der Hausfrau, weil sie selbst immer dieses Zeichen guter Sitte

ordnet und aufrecht erhält.

Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schönheitssinn,

diese angeborene Vorliebe für schönes Linnenzeug in ihrer oft

schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren. Daher der ungemeine Respekt

vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden dutzendweis, bald

mit geglockten, bald mit gefältelten Busenstreifen, bald mit, bald ohne

Manschetten, aus den geöffneten Koffern hinüberreichte. Und als er

vollends an die Unzahl von Hals- und Sacktüchern kam, wovon sie jedes

zum höchsten Staat in die Kirche angezogen hätte, da vergingen ihr

beinahe die Sinne! »Ach! wie fürstlich ist der Herr ausgestattet! Das

hat gewiß die gnädige Frau Mama ihm mitgegeben?«

»Der tut schon lange kein Zahn mehr weh,« gab Brktzwisl zur Antwort.

»Ist sie tot, die brave Frau, die so schöne Linnen machte?« sagte die

mitleidige Mondwirtin. »Aber die gnädigen Fräulein Schwestern haben --«

»Hat keine mehr. Vor einem Jahr starb die Gräfin Kreszenz.«

»Auch keine Schwestern mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite

Prachtwäsche verfällt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir denken,

der gnädige Herr Papa Exzellenz --«

»Ist schon lange verstorben,« entgegnete das alte Totenregister mit

einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte.

»Der arme junge Herr!« rief sie, »was hat er jetzt von seinem schönen

Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr,

die ihn lobt, daß er alles so ordentlich gehalten, und keine Fräulein

Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich mir

denken, warum der gnädige Herr immer so schwarz angezogen ist und so

bleich aussieht, Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist recht zum

Erbarmen --«

»Ja, wenn's das allein wäre!« seufzte der alte Diener und wischte sich

das Wasser aus dem Auge. Doch, als hätte er schon zuviel gesagt, zog er

murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt, heran und schloß

auf. Die Wirtin hätte für ihr Leben gerne gewußt, was sonst noch für

Unglück den bleichen Herrn verfolge, daß der Verlust aller Verwandten

klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht, den alten Brktzwisl,

dessen Name ihr schon gehörig imponierte, darüber zu befragen, auch

schloß der Anblick, der sich jetzt darbot, ihr den Mund.

Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht

so recht gefallen wollen, sie hatte sich immer gedacht, ein buntes

Tuch, ein hübsches helles Kleid müßten ihn von selbst freundlicher

machen. Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen -- nein! Sie hatte

geglaubt, doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben.

Sie hatte in früherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die

Franzosen im Quartier gehabt, schöne Leute, hübsch und geschmackvoll

gekleidet. Später, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren

die Russen und Preußen da gewesen, große stattliche Männer wie aus

Gußeisen. Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die

früheren Gäste, aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn

doch auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser

Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und

Bürgermiliz-Kamisolen. Sie hob den Uniformfrack vom Sessel auf, wohin

ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht; nein, es war

nicht möglich, etwas Schöneres, Feineres zu sehen als dieses Tuch, das

wie Samt glänzte; das brennende Rot an den Aufschlägen, die herrliche

Posamentier-Arbeit an der Stickerei und den Achselschnüren.

»Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau,« belehrte

sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen

schien. »Möchte man da nicht gleich selbst in die mit Seide gefütterten

Aermel fahren und das spannende Jäckchen zuknöpfen? Und, weiß Gott!

so wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der Schneider

wollte sich selbst nicht glauben, daß die Taille so fein und schmal

sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern und Zagen, es

möchte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiß, wie es zugeht,

sie war zwar über seine breite Heldenbrust gerade recht, aber in den

Weichen viel zu weit; und dabei ist an kein Schnüren zu denken, mein

Herr verachtet diese Kunststücke. Der Schneider machte einen Sprung

in die Höhe vor Verwunderung, er konnte es rein nicht begreifen, die

anderen Herren beim Regiment ließen sich Korsette machen mit Fischbein,

schnürten sich zusammen, daß man hätte glauben sollen, der Herzbündel

wolle ihnen zerspringen, und dennoch rissen die Knöpfe alle drei Tage,

wenn sie nur ein wenig mehr als zuviel gegessen hatten -- mein Herr war

immer der Fixeste, gedrechselt wie eine Puppe -- und alles ohne ein Lot

Fischbein, so wahr ich lebe.«

»Es ist unbegreiflich, was es für herrliche Leute unter den Militärs

gibt,« unterbrach ihn die Wirtin, andächtig staunend.

»Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider

da anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den

silbernen Rädchen an den feinen Absätzchen, denn Füßchen hat er trotz

einer Dame; lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten auf die

Brust hängen, den Ehrensäbel, den sein Herr Vater vom Kaiser bekommen,

und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den Leib

schnallen; Frauchen, wenn ich ein Mädchen wäre, ich flöge ihm an den

Hals und küßte ihm die schwarzen Locken aus der schönen Stirne. Und

dabei war er so fröhlich, die Wangen so rot, das Auge so freundlich

blitzend, und alles hieß ihn nur den schönen, lustigen Martiniz. Das

alles ist jetzt vorbei,« setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu,

indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode legte,

»da liegt das schöne Kleid, nach dem Zehntausend die Finger leckten, so

liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es noch so liegen!«

»Aber sagen Sie doch, liebster Herr Wiesel, Sein Vorderteil kann ich

nicht aussprechen, sagen Sie doch, warum dies alles, warum sieht Sein

Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger

Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glänzen könnte?

Warum denn?«

Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er

über diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche,

appetitliche Wirtin mochte doch dem rauhen Mann zu zart für eine derbe

Antwort vorkommen. »Bassa manelka!« sagte er unfreundlich. »Warum? Weil

-- ja sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig, weil wir als Zivil

reisen,« und nach diesem war auch kein Sterbenswörtchen mehr aus ihm

herauszubringen.

Der polnische Gardist.

Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzählt, der sich in dem schönen

Speisesaal wohl eine Stunde früher als die übrigen Gäste zur Abendtafel

eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm dienen konnten,

einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und nur hie und da

seinen Graukopf ein wenig geschüttelt; als sie zu Ende war, dankte er

für die Nachrichten. »Und ihn selbst, Ihren wunderlichen Gast, haben

Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet? Ich kenne Ihren Scharfblick,

Sie wissen nach der ersten Stunde gleich, was an diesem oder jenem ist,

und auch über Leben und Treiben fangen Sie hie und da ein Wörtchen weg,

aus dem sich viel schließen läßt.«

Die Geschmeichelte lächelte und sprach: »Es ist wahr, ich betrachte

meine Gäste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jährchen auf

einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von außen, und innen.

Aber aus dem da droben in der Bel-Etage werde ein anderer klug. Mein

Mann, der sich sonst auch nicht übel auf Gesichter versteht, sagt:

›Wenn es nicht ein Polack wäre, so müßte er mir ein Engländer sein,

der den Spleen hat.‹ Aber nein, wir hatten auch schon Engländer, die

den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns, aber die sehen

griesgrämig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen, nehmen

Sie nicht übel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt als mancher

Professor. Der Graf sieht nicht spleenig und griesgrämig aus, nein, da

wette ich, der hat wirkliches Unglück, denn die Wehmut schaut ihm ja

aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus. Denke ich den

Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit ihm, vielleicht,

daß man da etwas mehr erfährt als von dem alten Burrewisl. Im Teezimmer

sitzt mein stiller Graf am Fenster, die Stirne in die hohle Hand

gelegt, daß ich meine, er schläft oder hat Kopfweh. Drüben spielte

gerade die Fräulein Ida auf dem Flügel so wunderschön und rührend, daß

es eine Freude war. Dem Grafen mußte es aber nicht so vorkommen, denn

die hellen Perlen standen ihm in dem dunkeln Auge, als er sich nach mir

umsah.«

»Wann war denn dies?« fragte der Hofrat.

»So gegen vier Uhr ungefähr; wie ich nun vor ihm stehe, und er mich mit

seinem sinnenden Auge maß, da muß ich feuerrot geworden sein, denn da

fiel mir ein, daß doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten umzugehen

sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht so ein Herr

Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit denen man

kurzen Prozeß macht, nein, er sah gar zu vornehm aus. ›Ich wollte nur

gefälligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis zufrieden seien?‹

hub ich an.

Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame wäre, holte mir, denken Sie

sich, so artig, als wäre ich eine polnische Prinzeß, einen Stuhl und

lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunlich, was der Herr freundlich

sein kann, aber man sieht ihm doch an, daß es nicht so recht von Herzen

gehen will.

An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Straße

gefiel ihm. Das Gespräch kam auf die Nachbarschaft und auch auf

Präsidents Haus; ich erzählte ihm von dem wunderschönen Fräulein, die

erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswürdig

sei; von dem alten Herrn drüben, und daß die gnädige Frau schon so

lange tot sei; und ich hatte mich so ins Erzählen vertieft, daß ich gar

nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte ich

die Gelegenheit so dumm verplaudert!«

»Schade! Jammerschade!« lachte Berner über die sprachselige Wirtin.

»Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo

es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schön ist, sitzt

mein Luischen; das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht

vernünftig, sitzt es im Garten und weiß nicht, daß ein so vornehmer

Herr hinter ihm steht. Ich war in der Küche und sah alles mit an; mein

Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein schwäbisches, ich

weiß nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der Graf hinter ihr steht,

fängt der Unband an zu singen:

›'n bissel schwarz und 'n bissel weiß,

'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch,

'n bissel weiß und 'n bissel schwarz,

'n bissel falsch ist mei Schatz!‹

Ich glaube, ich müsse vor Scham in den Wurstkessel springen, daß mein

Kind so ungebildetes Zeug singt, was mußte nur der Graf von meiner

Erziehung denken! Ihm aber schoß das helle, klare Schmerzenswasser in

die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm, herzte

und küßte es, daß mir brühsiedeheiß wurde, und fragte, wo sie das

Liedchen her habe?

Das Kind weiß vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf aber

langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und verspricht,

wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und zweimal singe, so

bekomme es den Taler. Ich hätte ihm befehlen mögen, wie ich hätte

mögen, es hätte nicht gesungen. Der Taler aber tat seine Wirkung; sie

sagte ihr Sprüchlein ganz mir nichts dir nichts auf und sang nachher

das ›bissel polnisch und e bissel deutsch‹, wie wenn es so sein müßte.

Den Taler bekam es richtig; er liegt in der Sparbüchse in ein Papier

geschlagen, und darauf steht deutlich, daß sie es in zwölf Jahren noch

lesen und einmal ihren Kindern noch zeigen kann: _den 12. November 1825

bekommen vom polnischen Gardeoffizier, Grafen von Martiniz_.«

Der Hofrat auf der Lauer.

Die Gäste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen.

Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm nächstens

wieder zu erzählen. Der Hofrat sann nach über das, was er gehört, die

Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte, gingen

ihm wie ein Mühlenrad im Kopf herum, sinnend kam er an seinen Platz und

setzte sich nieder. Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, und dennoch

hatte der alte Diener gesagt, ja wenn es dies _allein_ wäre! Was konnte

ihm denn sonst noch gestorben sein? Etwa eine Gel-- Nein! Geliebt

konnte er nicht haben, denn wie konnte er nach drei Vierteljahren, so

lange hatte der Diener gesagt, sei er traurig, wie konnte er nach so

kurzer Frist schon wieder um eine Gräfin Aarstein auf die Freite gehen?

Unmöglich! -- Hätte, wenn jenes doch der Fall wäre, hätte Ida auf ihn

einen solchen Eindruck --

Ja, was wollte er denn eigentlich, der gute Hofrat; Ida hatte bestimmt

auf ihn einen großen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und

gar sichtbar, denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach

ihr, und sein ernstes Gesicht, wie klärte es sich auf, als sie ihn im

Kotillon holte! Heute früh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie

heraufgeworfen, als hätte er eine congrevesche Batterie hinter den

Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die Schokolade

in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen, anfangen zu sieden?

Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des

Mädchens gefühlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so gerührt davon,

daß ihm die hellen Tränen hervorperlten, als der gute Graf Martiniz?

Und Idchen, nun die war ja rein weg in den Mondgast verschossen.

»Die Aktien stehen gut!« lachte der Hofrat in sich hinein und rieb

sich unter dem Tisch die Hände, »bin neugierig, ob diesmal der alte

vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem guten ehrlichen

Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretär Superklug und

Uebergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen, extrafeinen

Kniffen, _mir_ muß das Goldfischchen in das Netz, mir muß --«

»Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das

Vergnügen --« tönte dem alten Träumer, der über seinen staatsklugen

Plänen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt

erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr -- es war Martiniz, der

sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte; er hätte vor Schrecken in den

Boden sinken mögen, denn sein erster Gedanke war, dieser müsse seine

Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich

erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit sich

selbst gesprochen habe.

Die Nähe des Fremden übte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat

aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwärmerischen Glanz

Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch auf eine

Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als müsse er sich

vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine Blöße zu

geben oder einen seiner Pläne zu verraten. Die gewöhnlichen Fragen, wie

sich der Gast hier gefalle, Komplimente über seine Reitfertigkeit, mit

welcher er heute früh einem Kinde das Leben gerettet, und dergleichen

waren bald abgemacht, ohne daß er über des Fremden Gesinnungen näheren

Aufschluß bekommen hätte. Es kam an die Gegend des Freilinger Kreises,

es wurde gelobt, gepriesen, einzelne Güter, die durch Lage und Ertrag

sich auszeichneten, näher beschrieben, aber auch hier ging der Gast

nicht ein; er verlor kein Wörtchen, als wolle er sich nur um einen

Taler Land mieten oder kaufen.

Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz; er lobte die

Residenz, das angenehme Leben dort, die Schönen der Stadt und des

Hofes, jetzt mußte er etwas sagen, es mußte sich zeigen, ob er

die Aarstein -- Der Gast sprach von der Residenz, von den schönen

Anstalten dort, von der Militärverfassung, schien namentlich über

die Kavallerie sich gerne genauere Aufschlüsse geben zu lassen, aber

kein Wörtchen über die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade eine

trefflich bereitete Ortolane ~à la Provençale~, seine Leibspeise, am

Mund und einen tüchtigen Biß hinein getan, da wandte sich Martiniz zu

ihm herüber und fragte, ob er nicht in der Residenz die schöne Ar --

schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane auf den Teller,

wischte den Mund und war ganz Ohr, denn jetzt mußte ja die Gräfin aufs

Tapet kommen -- ob er nicht die schöne Armenanstalt kenne, die er in

solcher Vollkommenheit nirgends gesehen habe.

Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz,

denn solange er ja über das Verhältnis des Polen zur Gräfin Aarstein

nichts Gewisses wußte, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als

die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen

Nachbar ein, mit ihm noch ein Stündchen zu trinken. Berner sagte zu

und hat es nie bereut, denn hatte ihm der interessante junge Mann

zuvor durch seine äußere Persönlichkeit imponiert, so gewann er jetzt

ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch,

dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Würze zu geben verstand,

aufgetaut, eine so glänzende Unterhaltungsgabe entwickelte, wie sie dem

Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und gehört hatte,

selten vorgekommen war.

Wie freudig war aber sein Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde

schon bemerkte, daß er und sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben

schienen. Der kluge Alte bemerkte nämlich bald, daß der Graf auf

allerlei Umwegen sich immer nur einem Ziele, nämlich Ida, nähere. Er

konnte dieses Flankieren dem Ulanenoffizier gar leicht verzeihen,

hatte er doch nicht den Dienst der schweren Kavallerie gelernt, die,

wenn Marsch-Marsch geblasen wird, im Karriere geradeaus sprengt, das

feindliche Viereck durch ihre eigene Wucht und Schwere im Chok zu

zerdrücken. Der Ulan umschwärmt seinen Feind, sticht nach ihm, wo er

eine Blöße entdeckt, und sucht auf geflügeltem Roß das Weite, wenn der

Feind sich zu einer Salve sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber

der tapfere Pole mochte sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe

so versteckt machen, als er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf

Idchen ging es los, und dem alten Mann pochte das Herz vor Freude,

als er es merkte, auf Idchen ging es los, _sie_ wollte der Pole

rekognoszieren. Er glaubte, den Hofrat drüben am Fenster gesehen, auch

gestern auf dem Ball ein engeres Verhältnis bemerkt zu haben, er pries

des Mädchens königlichen Anstand, der sie vor den übrigen Freilinger

Damen so hoch erhebe; er lobte die Zurückhaltung, mit welcher sie

die ungestümen Herren zurückgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren

Gesang, womit sie unbewußt sein einsames Zimmer erheitert habe; eine

schöne Röte war durch das warm gewordene Gespräch auf den Wangen des

jungen Mannes aufgegangen, jener Zug von Unglück und Wehmut, der sich

sonst um seinen schönen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte

einem feinen, holden Lächeln Platz gemacht, das Auge strahlte von

freudigem Feuer, er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und

zog es bis zum letzten Tropfen so andächtig aus, als hätte er in seinem

Herzen einen Toast dazu gesprochen.

Der selige Graf.

»Herzensjunge! Liebes, bestes Gräfchen! Söhnchen! Goldpoläckchen!« alle

Schmeichelnamen hätte der Hofrat ausschreien, den trefflichen Redner

an sein Herz reißen und mit väterlichen Küssen bedecken mögen -- aber

das ging nicht; ein Diplomat vom Fach, und das war er ja bei seinen

jetzigen Negoziationen durch und durch, durfte seine Freude über eine

glückliche Entdeckung, über einen unverhofften, köstlichen Fund nicht

laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrüche des Vergnügens

wieder hinunter, faßte den Grafen nur mit einem recht zärtlichen,

seligen Blick und bestätigte weitläufig sein treffendes Urteil. Er

beschrieb ihm das Mädchen, wie er es, seit es den ersten Schrei in

die Welt getan, kenne, wie es früher ein lustiger, fröhlicher Zeisig

war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau herangewachsen sei; ihre Anmut,

ihre Geschicklichkeit in Sprachen und allen Dingen, die ein Mädchen

zieren, als da sind Stricken, Nähen, Schneidern, Sticken, Kochen,

Früchte-Einmachen, Backen, Blumenmachen, Zeichnen, Malen, Tanzen,

Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es in der Residenz trotz der

hohen Stellung, die es in der Gesellschaft eingenommen, doch immer

seinem Sinn für reine Weiblichkeit gefolgt sei; wie es seinen reinen,

keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden, wo schon so manches gute Kind

ausgeglitscht sei, bewahrt habe.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 4 / 26 段