Aber bei dem feinfühlenden Manne, der schon früher ihren Anstand, ihre

Würde, ihre Erhabenheit über jedes Verlegenwerden bewundert hatte,

erhöhte gerade diese süße Verlegenheit den Wert des Mädchens. Mit

unendlicher Gewandtheit wußte er sie aus der peinlichen Verlegenheit

dieser ersten Minuten herauszuführen, in wenigen Augenblicken war sie

wieder das frohe, unbefangen scheinende Mädchen wie früher und konnte

die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese war, als die Flügeltüre

aufging, dagestanden wie Frau von Lot bei Sodom, als sie in Steinsalz

verwandelt wurde, starr, steif, atemlos, nur die beiden ungeheuren

Fleischmassen ihres aufgepreßten Busens arbeiteten, von dem rasenden

Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch immer fort. Als ihr Martiniz

vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu Atem gekommen, sie ließ also

nur einen Liebesblick auf ihn hinüberspazieren und verneigte sich hin

und wieder. Als sie aber wieder Atem geschöpft hatte, fing sie in ihrer

naiven Manier an zu kichern und erzählte, daß sie für ihr Leben gern

tanze, und daß es ihr und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich

in die Füße gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider

schien ihr nur der Hofrat zuzuhören, denn Martiniz, der neben Ida Platz

genommen hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespräch, daß er auf

das Geschnatter der Dicken nicht hören konnte. Sich so vernachlässigt

zu sehen, konnte das fünfundzwanzigjährige Kind nicht dulden, sie

erhob also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der

Graf, dachte sie, nein, einen so verschämten Anbeter hatte sie noch

nicht gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen;

aber der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, daß

er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen nötig,

um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind

Ida ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die

Tassen warmes Wasser strömen ließ, um sie in dem Gümpchen zu reinigen;

wie allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie

verbindlich wußte sie die Tasse zu reichen; ach, er hätte sich auch

die Butterbrötchen, den Zucker, den Arrak und alle anderen Bedürfnisse

viel lieber von ihr reichen lassen, als von den fünf reich galonierten

Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an

allen ihren Bewegungen! Und Ida hätte nicht das pfiffige Mädchen sein

müssen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefühl bemerkt

hätte, das für sie in seiner Brust lebte.

Die Gesellschaft war nach und nach größer geworden; der Präsident

hatte einige seiner jungen Assessoren und Räte mitgebracht, einige

junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und

die Freilinger mußten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich

schrecklich ennuyierte, gestehen, daß sie selten einen so geselligen,

interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, daß der

Präsident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast

zu erheitern; dadurch wurde das Gespräch allgemein und anziehend.

Es ist eine alte Erfahrung, daß der allgemein anerkannte Wert des

Geliebten ihn in den Augen seines Mädchens noch unendlich reizender

macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so

ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespräch

mit den Männern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen

von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte,

seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespräch zog,

die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhörte und ihr Urteil

weiter auszuführen und unbemerkt so zu drehen wußte, daß es wie etwas

Bedeutendes klang, sein glänzender, lebhafter Witz, den ihm das immer

rascher fortrollende Gespräch entriß -- dies alles gewann ihm die

Achtung der Männer, riß die Herzen der Damen zu dem glänzenden Fremden

hin.

Und Ida -- sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine

Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh;

wo die Sorben und die anderen Freilingerinnen seinen kühnen Ideen

nicht mehr folgen konnten, da fing für sie erst die rechte Straße an;

sie plauderte, wie ihr das Rosenschnäbelchen gewachsen war, lachte,

scherzte in Witz und Schwank, daß dem Präsidenten vor Freuden das Herz

aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden war. Er

nahm sich in seinem Entzücken vor, gleich morgen ein Belobungsschreiben

an Madame la Truiaire zu schreiben, die ihm eine so glänzende Weltdame

mit ungetrübter Unschuld und Natürlichkeit erzogen habe. Die gute

Madame la Truiaire aber hatte _dieses_ Wunder nicht bewirkt; zwar

galt Ida von Sanden in den ersten Häusern der Residenz für eine sehr

feine und anständig erzogene junge Dame; doch war sie dort ernst,

zurückhaltend, so daß, wer sie nicht näher kannte, über ihren Geist

wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein, eine andere Lehrmeisterin,

die reine Seligkeit der ersten, erwiderten Liebe hatte sie so

freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten ihres tiefen Herzens

aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes ans Licht gelockt.

Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das Gespräch

noch nicht recht fort wollte, hatte er alles getan, um es ins rechte

Gleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurückgezogen und nur

beobachtet. Da entging ihm denn nicht, daß der Graf, je länger er

mit dem süßen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das geistvolle

Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte Mädchenhaftigkeit,

dieser reiche Geist, diese hohe Herzensgüte entfaltete, immer

mächtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als er ihm von des

Mädchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden erzählte, so

verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus seinen Zügen; eine

rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz gab, ging an ihm auf,

er konnte, was der Hofrat bei diesem Unglücklichen nicht für möglich

gehalten hätte, sogar recht herzlich lachen, er konnte -- nein, der

alte Mann war selbst verliebt in ihn, er sah ja vor Seligkeit und Liebe

aus wie ein verklärter Cherub.

Kam übrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm die

Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle erdenkliche

Mühe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte sie nicht die

kleinen Kalmückenaugen aufgerissen, daß ihr das Wasser darin aufstieg,

nur um ihm das Feuer zu zeigen, das für ihn strahle; hatte sie nicht

alle naiven Künste aufgeboten, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu

ziehen? Aber jetzt sah sie klar, die kleine unzeitige Kokette, ihre

Cousine, hatte ihr den herrlichen Mann weggeschnappt. Sie warf allen

Haß auf diese; hatte sie sich doch vorhin so kindisch gestellt, als

könnte sie nicht fünfe zählen. Sie selbst, o, sie hätte sich können

auf den Mund schlagen für die Dummheit, ja, sie selbst hatte offenbar

das Mädchen, das eigentlich noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt,

den Grafen zu fangen. Wäre sie mit ihrer Anleitung zur Routine

zurückgeblieben, das Kind hätte nie daran gedacht, ihre Augen zu dem

schönen Fremden zu erheben. So dachte die Sorben.

Ihr pomeranzenfarbiger Teint rötete sich vor Zorn, sich so

hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darüber

nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas

recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, daß

jetzt alles Fräulein heiße, was man sonst wohl auch schlechthin Mamsell

genannt habe. Man sprach her und hin darüber, und um Ida einen Stich

zu geben, die zwar von väterlicher Seite von altem Adel war, aber eine

Bürgerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die witzige Bemerkung

ein, die Fräulein kämen ihr gerade vor wie die Spitzen. Es heiße alles

Spitzen, und doch sei ein so großer Unterschied zwischen den echten

und unechten, daß jedes Kind die Feinheit der echten von den gröbern

unterscheiden könne. Sie hatte triumphierend über ihr Bonmot im Kreise

umhergesehen, die Antwort des Grafen machte sie aber stutzen. »Sie

haben recht, gnädiges Fräulein,« hatte er gesagt, »und die echten

unterscheiden sich, wenn ich nicht irre, hie und da auch durch ihre

Farbe von den unechten, wenigstens habe ich mir sagen lassen, daß die

ganz echten gelblichbraun aussehen.« Hatte er auf ihre bräunliche

Haut anspielen wollen? Die Herren und namentlich der Hofrat hatten so

höhnisch dabei ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie über Ida

gänzlich zu ignorieren schien, bestätigte die Meinung. Sie kochte Rache

in ihrer Brust und schwur sich mit den fürchterlichsten Eiden, daß

der Backfisch seine Eroberung nicht weiter fortsetzen solle. Sie war

auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spät war,

folgten die übrigen. Nein, es war ihr unerträglich. An der Türe noch

mußte sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch verabschiedete,

mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie mußte hören,

wie er versprach, recht oft herüberzukommen. Verachtungsvoll wandte

sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum Abschied küßte, den

Rücken, stürmte die Treppe hinab und setzte sich, mit der ganzen Welt

zerfallen, in ihren Wagen.

»Herrlicher Mensch, der Martiniz,« sagte der Präsident, als die

Gesellschaft auseinandergegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die noch

bei ihm saßen; »scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein! Schade

nur, daß er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie er

alles so artig zu geben weiß; wie er allem, auch dem Trivialsten, was

unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhörte und gutmütig ein

glänzendes Mäntelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten. Er wäre

eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte. Die Gräfin

Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl gönnen, möchte übrigens wissen, wie

weit er mit ihr steht.«

Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und

fliegender Brust zugehört hatte, fühlte bei den letzten Worten nicht

nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr

Füßchen. Sie merkte gleich, woher dies kam und begegnete dem listigen

Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa über seine

Fehlschüsse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, süßer Trost in ihr

auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe der Männer

gehört und gelesen; sie wußte das Sprichwort solcher Reisenden: ein

ander Städtchen, ein ander Mädchen. Sie erinnerte sich an die üppigen

Reize der Aarstein, an ihre Verführungskunst, die schon so manches

junge unerfahrene Männerherz betörte, an ihre wichtigen Verbindungen

mit dem Hof, an ihre eigene nicht ganz streng stiftsfähige Geburt.

Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar nicht an das Glück denken,

Hand in Hand mit diesem Mann durchs Leben zu gehen, sie wollte ja nur

geliebt sein, und daß sie es war, sagte ihr ihr scharfes Auge, ihr

Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden hatte. Aber konnte dieses

alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer sagte ihr, daß dieser fremde

Mann sie nicht betr--

Nein! betrügen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut dieser

Augen konnte nicht täuschen. Froh dieser Ueberzeugung, die sie während

dem Auskleiden gewann, hüpfte sie in ihr Schlafzimmer und machte

dort vor dem Spiegel einen komischen Knicks. »Habe die Ehre, mich zu

empfehlen, Frau Exzellenz, Gräfin von Aarstein,« sprach die Mutwillige,

»hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den Kampf um den

schönen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz als Sattelpferd

an Ihren Triumphwagen spannen möchten. Ich bin zwar weder so dick, noch

so geschminkt als Sie, aber dennoch wagt es meine Wenigkeit, gegen

Höchstdieselben zu streiten.« Noch einen Knicks, und dann Unterröckchen

und Strümpfchen herunter und mit einem Satz in das weiche Bettchen.

Dort streckte sie das Engelsköpfchen noch einmal aus der Decke hervor,

warf ein Kußhändchen nach dem goldenen Mond hinüber und flüsterte:

»Gute Nacht, mein armer Emil; schlafe sanft und träume süß, träume auch

ein ganz klein wenig von Ida.« Sie schloß selig die Augen und legte

sich zurecht, wollte eben hinüberwandern in das unbekannte Land der

Träume, da schüttelte sie ein jäher Schrecken wieder auf und jagte sie

aus dem Bette. --

Das Ständchen.

Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner

gnädigen Frau Mama zu wohl gefallen, als daß er sich durch den

ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er überall lieber als vor

Präsidents Haus erlebt hätte, abschrecken ließ.

Im Gegenteil, wenn er recht darüber nachsann, so schien ihm die Sache

eine glücklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft

hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mädchen gelesen, und daß aus

Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer

seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische

Dogge. Dieser war der Fuß abgeführt worden, und wie es mit den

Invaliden zu gehen pflegt, der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder

geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben,

erhielt sie als Geschenk, und jetzt läuft sie auf allen vieren so gut

wie zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben kann,

und das alles aus Mitleiden! So konnte auch _ihr_ Mitleiden bald in

Liebe verwandelt werden. Daß sie aber Mitleiden fühle, war gar keine

Frage. War sie nicht, als er die verdammte Mähre nicht mehr erreichen

konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster hinausgefahren, als wollte

sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte sie nicht seinem Roß mit

einem Jammerblick nachgesehen, der ihm deutlich sagte, daß sie den

innigsten Anteil an seiner Fatalität nehme?

Der erste Coup war solchergestalt unglücklich und dennoch glücklich

ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte

auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den

Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingeprägt,

wie er sich dabei zu gebärden habe, und endlich schritt man an das

große Werk.

Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem neuen

Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus geführt, wo sie sich

gütlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je näher es aber

an zwölf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an, denn

Schulderoff hatte, sie wußten nicht wie, einen kapitalen Hips bekommen,

daß er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber die Kälte

draußen konnte ihn schon zur Besinnung bringen, man brach also Schlag

zwölf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem Bierhaus, wo sie

sich versammelt hatte, und fort ging es vor des Präsidenten Haus.

Da man voraussetzen konnte, daß Ida schon sanft entschlafen sei, so

wurde zum ersten Stück kein Adagio gewählt, sondern das rauschendste

Fortissimo, das unter den Dragonern _Tagwache_ oder Reveille genannt

wurde, weil die achthundert Dragoner alle Morgen mit diesem Stück aus

ihrem sanften Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille

setzten die zwanzig Trompeter ihre Hörner, Posaunen und Trompeten an,

der Stabstrompeter oder, wie er sich lieber nennen ließ, Kapellmeister

winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den jüngsten

Tag anblasen, tönte die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem

einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus süßen Träumen. Diese Art von

Attention war ihr so ungewohnt, daß sie von Anfang glaubte, es brenne

irgendwo im Städtchen, als sie aber nachher deutlich einige Walzer

unterschied, so war kein Zweifel mehr, daß es eine Nachtmusik sei, die

ihr gelte.

Es war kalt, sie hüllte sich fröstelnd wieder in ihre seidene Decke und

dachte unter den lockenden Tönen nach, ob wohl Martiniz auf so unzarte

Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der Unglückliche

mußte ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er, der sich in

allem so zartfühlend, so sinnig bewies, er konnte nicht diese Trompeten

zu Organen wählen, um seine Empfindungen auszudrücken; in Wälzerchen

und Polonäschen, in diesem rauhtönenden Deideldum und Schnirkeldum

konnte Emil seine Liebe nicht ausdrücken.

Jetzt schwieg die Musik, sie hörte Stimmen auf der Straße.

Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straßenlaterne

an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten

Walzer an: »Herr Bruder! Schulderoff! wo steckst du denn? Ich glaube,

die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht!«

»Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!« stammelte der begeisterte

Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar gerade

der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit großer Wahrheit

spielte. »Blast, blast!« rief er dann, und focht mit den Armen in der

Luft, »blast! O, wären das. die schwedischen Hörner, und ging's von

hier gerad' ins Feld des Todes.«

»Wie der Herr Leutnant befehlen,« antwortete der Stabstrompeter.

»Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!« Und jetzt ging der Tanz von

neuem los, daß alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die

Nachbarn sich beklagten, daß man ihre Nachtruhe störe. Ida war kein

Wörtchen des Gesprächs entgangen, und sie schämte sich ordentlich, dem

Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der empfehlendsten

Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug ein Uhr, als

die Künstler abzogen, und von Idas Augen war aller Schlaf gewichen.

Sie warf sich hin und her, aber es wollte ihr nicht gelingen, den

mohnbekränzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise verscheucht

hatte, zurückzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder dieses Abends und

der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht hoffen, daß sie ihm

nicht gleichgültig --

Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen, aber das bewies

nur, daß auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm nicht ihr

wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein, konnte er nicht deswegen so

oft nach ihr gesehen haben? -- Bei dem Souper, ja, da war er hinter

ihr gestanden, hatte, als sie anstießen auf Liebe und Freude, tief

geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen? Konnte ihn, der

so unglücklich schien, nicht so manches seufzen machen? -- Nachher

bei dem Kotillon, ja, er errötete, als sie ihn zum Tanz aufzog, aber

etwa nur wegen ihr? Nicht weil sie die einzige war, die es wagte, ihn

aufzuziehen? -- Heute abend, als er beim Tee neben ihr gesessen, da

hatte er oft sonderbare Winke ihr zugeflüstert; einmal, als man ihn

fragte, was ihm an der hiesigen Gegend so anziehend sei, hatte er ihre

Hand unter dem Tisch gefaßt, sie gedrückt und ihr zugeflüstert: »Ich

weiß wohl, darf es aber nicht sagen.« Was konnte er damit gemeint

haben? Es war wohl bloße Galanterie gegen sie als Dame des Hauses.

Schelmchen Ida wußte es wohl, was es war, aber sie belog sich selbst,

um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lächelte sich

selbst aus über ihren Zweifel. »Nein, der Hofrat muß mir beichten,«

sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, »der muß beichten;

hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf sein ganzes Herz

gegen ihn ausgeschüttet, da will ich schon erfahren, ob er mich lie--«

Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr

Selbstgespräch; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein

süßes, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas

weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlänglich die Schwierigkeit

dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines

andern Instruments die Gefühle in wohlgerundeten vollen Sätzen

ausdrücken soll; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen

gehört. Es graute ihr vor diesen fließenden Läufen, wenn sie daran

dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klänge, diese

melodischen Klagen, die den ärmlichen sechs Saiten entlockt wurden! Wer

konnte nur in Freilingen so hinreißend, so süß spielen? Sie huschte

schnell in die Pantöffelchen, zog die seidene Mantille um und schlich

ans Fenster; sollte Mart--

Ja, weiß Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen

waren herabgelassen, aber deutlich konnte sie den Schatten eines an den

Fenstern Auf- und Abwandelnden erspähen. Es war Martiniz; und jetzt

gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie seine

flüsternden Klagen, seine sehnenden Uebergänge, die süße Melancholie

seiner Mollakkorde. Er schwieg, er stand, sie sah deutlich seinen

Schatten, er stand ihr gegenüber am Fenster. Ein bedeutungsvolles

Vorspiel begann. »O, wenn er auch singen könnte, wie köstlich, wie

wunderschön wäre es!« dachte Ida, hüllte sich tiefer in ihr Mäntelchen

und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll Erwartung.

-- Er sang; eine tiefe, volle, klare Männerstimme trug eines jener

polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehört hatte,

und die jedes fühlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre sanften

Klagen so tief ansprechen; er sang; sie verstand kein Silbchen von den

polnischen Wörtern, aber dennoch faßte sie den Sinn so gut als irgend

eine polnische Schöne; ach, es waren ja die Töne, die man auf der

ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich nach dem geliebten

Gegenstand sehnt, die um Erwiderung fleht, die ihren Schmerz in den

flüsternden Tönen der Wehmut ausweint. Tränen stürzten dem liebenden

Mädchen aus den Augen, sie schlich sich zurück zu ihrem einsamen Lager,

Emils Töne begleiteten sie. Die geheimnisvolle Stille der Nacht, das

rätselhafte Leiden des interessanten, unglücklichen Mannes, sein Liebe

atmender Gesang, der ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht

galt, dies alles erfüllte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war

ein unaussprechliches, aber süßes Gefühl der Wehmut und des Glückes;

ja, sie war geliebt; diese liebewarmen Töne wisperten es ihr in die

Seele, sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie preßte

ihre weichen Händchen auf das lautpochende Herz, auf die entfesselte

Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle Feuerauge des

Geliebten das wallende Blut wie dürren Zunder angezündet. Verschämt,

als könne er durch die finstere Nacht, durch ihre dichten Jalousien zu

ihr herübersehen, verhüllte sie das pochende Herzchen, zog die Decke

bis an den Mund herauf, preßte die Aeuglein zu und flüsterte hinüber in

die weichen Töne seiner Laute noch ein herzliches: »Schlaf wohl!«

Die Freilinger.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 5 · 第 6 / 26 段