bemüht, ihre Neugierde zu bekämpfen. »Er hat sich wahrscheinlich die
Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun.«
»Durchreise? Als ob ich nicht wüßte, daß Herr von Martiniz die drei
Zimmer Ihnen gegenüber auf vier Wochen gemietet hat --«
»Auf _vier_ Wochen?« rief Ida freudig aus, erschrak aber im nämlichen
Augenblick über die laute Aeußerung ihrer Freude. »_Vier_ Wochen?«
setzte sie gefaßter hinzu. »Wie freut mich das für die gute Mondwirtin!
Sie muß immer Schelte hören von ihrem Mann, daß ihre Table d'hote nicht
so gut sei wie im Hotel de Saxe; und kein Mensch bleibe recht lange, da
hat sie nun doch einen Beweis für sich.«
»Die arme Mondwirtin,« spottete der Hofrat, »die gute Seele! Muß sie
jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude nicht
recht verbergen kann! Und, um aufs Vorige zurückzukommen, Sie glauben
also, der _Mann im Monde_ da drüben habe sich als durchreisender
Fremder unsern Münster zeigen lassen und dazu die glückliche Stunde
nachts von zwölf bis ein Uhr gewählt, habe den Küster mit seiner
Laterne alles beleuchten lassen, nur um die Finsternis desto deutlicher
zu sehen?«
Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und ließ den
Hofrat immer fortfahren --
»Heute in aller Früh war ich beim Küster, dem ich vor Zeiten einmal
einen Prozeß geführt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiß,
ohne diese Empfehlung wäre ich bei dem Alten nicht durchgedrungen.
›Gevatter!‹ sagte ich zu ihm, ›Er kann mir wohl sagen, was der Fremde,
der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Münster getan hat.‹ Der Mann
wollte von Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen alten
Balthasar, Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles aufzuspüren,
diesen rief ich her und konfrontierte beide: der Balthasar hatte den
Bedienten des Fremden in des Küsters Haus gehen und beide bald darauf
mit dem Fremden im Münster verschwinden sehen. Er gab dies zu; bat
mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil es ein furchtbares
Geheimnis sei, das er nicht verraten dürfe. So neugierig ich war,
stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, daß er nichts sagen
dürfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine schwache Seite)
eingetragen hätte, da gab er weich und erzählte --«
»Nun, fahren Sie doch fort,« sagte Ida ungeduldig, »Sie wissen von
früher her, daß ich für mein Leben gerne Geschichten höre, namentlich
geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen.«
»So, so? Man hört gerne Geschichten von interessanten geheimnisvollen
Leuten? Nun ja, hören Sie weiter. Der Küster, der für seine Mühe einen
harten Taler bekam, führte gestern nacht einen Herrn, der bleich wie
der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz ausgesehen haben soll, in den
Münster. Dort habe sich der Fremde auf die Altarstufen gesetzt und
in voller Herzensangst gebetet. Dann sei ein Sturm gekommen, wie er
fast noch nie einen gehört; er habe an den Fenstern gerüttelt und
geschüttelt und die Scheiben in die Kirche hereingeschlagen, der Herr
aber habe wunderliche Reden geführt, als reite der Teufel draußen um
die Kirche und wolle ihn holen.
Der Küster glaubt auch daran, wie ans Evangelium, und weint wie ein
Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so früh in die Hölle fahren
solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr alle
Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Münsters begebe,
solle ihm vom Bösen kein Haar gekrümmt werden. Sehen Sie, das ist die
Geschichte, da werde jetzt einer klug daraus; was halten Sie davon?«
In ängstlicher Spannung hatte Ida zugehört; in hellem Wasser schwammen
ihr die großen blauen Augen, die volle schöne Schwanenbrust hob sich
unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen Berg von sich
abwälzen, die Stimme versagte ihr, sie konnte nicht gleich antworten.
»O Gott!« rief sie. »Was ich geahnt, scheint wahr zu sein, der arme
Mensch ist gewiß wahnsinnig, denn an die törichte Konjektur des Küsters
werden Sie doch nicht glauben?«
»Nein, gewiß glaube ich an solche Torheiten nicht, aber auch, was Sie
sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines
Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen.«
»Aber haben Sie nicht bemerkt,« unterbrach ihn Ida, »nicht bemerkt, wie
unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug? Gewiß
hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und irgend eine
Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in dem Heiligtum zu
suchen, das jedem, der mühselig und beladen kommt, offen steht.«
»Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt,«
antwortete der Hofrat, »und sehet oft weiter als wir, doch will ich
auch hier bald auf der Spur sein, denn mich peinigt alles, was ich nur
halb weiß, und mein Idchen weiß mir vielleicht auch Dank, wenn ich mit
dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das greifen wir so
an: der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich gewöhnlich abends
mein Schöppchen bei ihm trinke und mir seit zehn Jahren das Essen von
ihm tragen lasse. Ich speise nun die nächsten paar Tage an seiner
Tafel, und er muß mein Kouvert neben das seines bleichen Gastes setzen
lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein, und habe ich ihn nur einmal
auf einem freundlichen Fuß, so will ich den alten Diener aufs Korn
fassen. Natürlich holt man weit aus und fällt nicht mit der Türe ins
Haus; aber ich habe schon mehr solche Käuze ausgeholt, es ist nicht der
erste.«
Das Dejeuner.
»Das ist herrlich,« sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie
ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. »Das
machen Sie vortrefflich, zum Dank bekommen Sie aber auch etwas
Extragutes, und gleich jetzt!« Sie stand auf und ging hinaus; dem
Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche Mädchen
dahingehen sah; die zarten Füßchen schienen kaum den türkischen
Fußteppich zu berühren, der einfache, blendendweiße Batistüberrock
verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmaß dieses herrlichen
Gliederbaues, diese frische jugendliche Kräftigkeit! Er versank in
Gedanken über das holde Geschöpf, das allen Lockungen der Residenz
Trotz geboten, sich das jungfräuliche Herz frei bewahrt von Liebe, und
jetzt, als sie in ihre kleine Vaterstadt zurückkommt, am ersten Abend
einen Mann findet, den sie -- nein! sie konnte es nicht leugnen, es war
ja offenbar, daß sie ihm mit der hohen Glut der ersten jungfräulichen
Liebe zugetan sei. Aber wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese
Neigung, die doch wahrscheinlicherweise kein vernünftiges Ende nehmen
konnte, durfte er sie unterstützen? Konnte nicht der landfremde,
wie es schien sogar gemütskranke Mensch alle Augenblicke wieder in
seinem Landau sitzen und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon
verfahren. --
Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgerötet, sie trug einen silbernen
Teller mit zwei Bechern, ein Kammermädchen folgte mit allerlei
Backwerk. »Schokolade mit Kapwein abgerührt,« sagte Ida lächelnd, indem
sie ihm einen Becher präsentierte, »ich kenne den Geschmack meines
Hofrätchens gar wohl, darum habe ich dieses Frühstück gewählt, und
denken Sie, wie geschickt ich bei Madame la Truiaire geworden bin, ich
habe ihn ganz allein selbst gemacht, Gesicht und Arme glühen mir noch
davon; versuchen Sie doch, er ist ganz delikat ausgefallen.«
Sie lüftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte
Ueberröckchen; eine himmlische Aussicht öffnete sich, der weiße
Alabasterbusen schwamm auf und nieder, daß der Hofrat die alten
Augen in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen
trinken. »Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen,« dachte
er, »Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem
offenen leichten Ueberröckchen vor sich -- ob er nicht rein von Sinnen
käme.« Beinahe ebenso großen Respekt als vor ihren entfesselten Reizen
bekam er aber vor der Kochkunst des Mädchens. Die Schokolade war so
fein, so würzig, das rechte Maß des Weines so gut beobachtet, daß er
bei jedem Schlückchen zögerte, zu schlucken.
Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben, denn ein
neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener des
Fremden führte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des goldenen
Mondes. Sie selbst war so viel Reiterin, daß sie wohl beurteilen
konnte, daß besonders das eine Pferd, ein majestätischer Stumpfschwanz,
Tigerschimmel, von unschätzbarem Wert sei. Auch Berner, der in allen
Sätteln gerecht war, stimmte bei und pries die einzelnen Schönheiten
des Schimmels, besonders auch das elegante geschmackvolle Reitzeug.
Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein
stattlicher Vierziger, trat gravitätisch aus dem Torweg und
bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zügel des
Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschäft nicht
nehmen ließ, hielt er den Steigbügel. Emil von Martiniz, in einem
eleganten Morgenüberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von dem
Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels und
warf über ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenüber, wo Ida
neben dem Hofrat saß.
Indem tönte der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden Pferdes
die Straße herauf, es kam näher, es war der junge Dragonerfreier,
Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und von einem
seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und langte jetzt
in vollem Wichs vor des Präsidenten Haus an.
Nach Vorschrift der gnädigen Mama ließ er jetzt mit einem Blick auf die
Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geübte Voltigeur
herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder aufspringen
wollte, scheute sein Roß an denen, die vor dem goldnen Mond standen,
machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon, gerade auf einen
Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der Schule kamen, ihre
unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis jetzt noch immer
den Bügel gehalten, flog rechts, der alte Diener links, und ~ventre à
terre~ flog Martiniz mit Windeseile dem Rappen nach, überholte ihn noch
drei Schritte vor einem Haufen Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten,
packte mit Riesenkraft den Ausreißer und brachte ihn zum Stehen. Alles
dies war das Werk eines Augenblicks. Der liebende Dragoner hinkte auf
seinen Freiersfüßen dem Rappen nach, murmelte einige Flüche, die wie
ein Dank lauten sollten, saß auf und jagte davon. Martiniz aber ritt,
ohne auf den tausendstimmigen Beifall, der ihm von der Menge, die
sich versammelt hatte, zugejubelt wurde, zu achten, zurück, grüßte
ehrerbietig an des Präsidenten Haus hinauf und zog, gefolgt von dem
alten Diener, auf seinem Morgenritt weiter.
Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie
hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den
gefährlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein
Pferd herumriß, auf die Gefahr hin, zu überstürzen; sie hätte mögen
mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als
er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruß so freundlich als möglich
zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie
fühlte, ward sie sich bewußt, wie teuer ihr der Mann war, der dort
hinflog. Das gepreßte Herz, die stürmisch wogende Brust rang nach einem
Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen lassen,
aber er drängte ihn zurück, als ihn das Mädchen so bittend ansah, als
sie seine Hand drückte, und die hellen, vollen Tränen aus den sanften
Augen herabfielen. »Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr, Hofrat? Aber
über solche Szenen kann ich nicht anders, muß ich unwillkürlich weinen.
Lachen Sie nur nicht über mich, es würde mir gerade jetzt recht wehe
tun.«
»Gott bewahre mich, daß ich lache,« entgegnete der Hofrat, »wenn eines
im höchsten Fieberparoxysmus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht man
gewöhnlich nicht.« Er dankte ihr für ihre Schokolade, nahm Stock und
Hut und ließ das Mädchen mit ihrem siebzehnjährigen, von dem Keim der
ersten Liebe stürmisch bewegten Herzchen allein.
Der Brief.
Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Präsidenten Haus kam, um
ihn, da er ihn heute früh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida
wieder so vergnügt und fröhlich wie immer. »Das ewige Aprilwetter!«
dachte er. »Auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn _wir_ morgens
weinen, so darf man gewiß sein, daß uns auch der Abend noch traurig
oder doch ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt
durcheinander wie Heu und Stroh.« Er setzte sich zum Präsidenten,
der gewöhnlich vor dem Kaffee noch ein halbes Stündchen tischelte;
gegenüber hatte er das liebe Aprilenkind und nötigte sie durch sein
beredtes Mienenspiel, wodurch er sie an heute früh erinnerte, alle
Augenblicke zum Lachen oder Rotwerden.
»Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner,« sagte der Präsident,
»hätte ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie können mir durch
Ihre Umgänglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die
Sie haben, einen sehr großen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom
Ministerialsekretär ein Brieflein, worin mir unter den größten Elogen
der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als Präsident
auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen. Da haben
Sie,« fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem großen Dienstsiegel
hervorzog, »lesen Sie einmal vor, aber da die Elogenstelle bleibt weg,
ich kann das Ding für meinen Tod nicht leiden, wenn man einen so ins
Gesicht hinein lobt.«
Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Fällen der Staatssekretär
von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und begann:
-- »Nächstdem wurde mir höheren Orts der Wink gegeben, daß, da ein
sicherer Graf von Martiniz den Kreis Euer Exzellenz bereisen werde,
ihm aller mögliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter
Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den --schen ~Ministre
plénipotentiaire~ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im Sinne,
bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich bedeutende
Güter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen Taler hat und
vielleicht noch mehr bekommt, und muß daher womöglich im Lande gehalten
werden. Eure Exzellenz können, wenn solches gelingen sollte, auf großen
Dank höheren Orts rechnen, da, wie ich Ihnen als altem Freunde wohl
anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande ansiedelte und sein Vermögen
hereinzöge, die Hand der Gräfin Aarstein Exzellenz demselben nicht
vorenthalten werden wird.«
Im Anfang dieses Briefes war Ida bei dem Namen Martiniz hoch errötet,
denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der über den Brief hinweg
zu ihr hinübersah; als die Stelle von den drei Millionen kam, wurde
die Freude schwächer; ein dreifacher Millionär war nicht für Idas
bescheidene Wünsche; als aber die Hand der Gräfin Aarstein nach ihrem
sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den Wangen
des zitternden Mädchens, sie senkte das Lockenköpfchen tief, und eine
Träne, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl sich aus
den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das verdunkelte Auge und
fiel auf den Teller herab.
Sie kannte diese Gräfin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die
natürliche Tochter des Fürsten ...; von ihm mit ungeteilter Vorliebe
erzogen und mit einem ungeheuren Vermögen ausgestattet, lebte sie in
der Residenz wie eine Fürstin. Sie war einmal einige Jahre verheiratet
gewesen, aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte den Grafen
Aarstein genötigt, seine Person von ihr scheiden und ihr nur seinen
Namen zurückzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz; sie galt dort
in der großen Welt als Dame, die ihr Leben zu genießen wisse; wenn man
aber nur _eine_ Stufe niederer hinhorchte, so hörte man von der Gräfin,
daß sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes führe, zehn
Liebeshändel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so viel als Steine
in ihrem Schmuck habe und Kokette sei, die sich nicht entblöde, mit dem
Geringsten zu liebäugeln, wenn seine Formen ihr gefielen.
So war Gräfin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in
der Residenz die reine, jungfräuliche Ida von dieser üppigen Buhlerin
zurückgeschreckt; so oft sie zu ihren glänzenden Soirees geladen war,
wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit
zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen, und diese Frau, deren
Geschäft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war,
sie sollte der ernste, unglückliche junge Mann mit dem rührenden Zuge
von Wehmut, dem gefühlvollen sprechenden Auge --
Berner hatte schweigend den Brief noch einmal überlesen und legte
ihn dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurück. »Nun, was sagen
Sie zu dem sonderbaren Auftrag?« fragte der Präsident. »Wahr ist es,
der Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man
nicht hinauslassen darf, ja, ja -- man muß negoziieren, daß er in
unserem Kreise bleibt. Da könnte er zum Beispiel Woldringen kaufen; um
zweimalhunderttausend Tälerchen ist Schloß, Gut, Wiesen, Feld, Fluß,
See, Berg und Tal alles, was man nur will, sein; und dieser Preis ist
ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht übel gekartet von
den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der Fürst
übernehmen müßte, die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du kennst die
Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?«
»Nie!« antwortete Ida unter den Löckchen hervor und sah noch immer
nicht vom Teller auf.
»Nie?« fragte der Präsident gereizt. »Ich will nicht hoffen, daß die
gnädige Gräfin _meine_ Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat
sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?«
»O ja,« sagte Ida, »sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie
dazu, hinzugehen.«
»Was? der T--! Ich hätte geglaubt, du wärest ein vernünftiges,
gesittetes Mädchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen
und die Einladungen einer Dame, die mit dem fürstlichen Hause so nahe
liiert ist, refüsieren?«
»Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen,«
antwortete Ida und hob das von Unmut gerötete Gesichtchen empor; »man
hat sich vielleicht gedacht, daß es der Ehre eines unbescholtenen
Mädchens wohl anstehe, so fern als möglich von der Frau Gräfin zu
bleiben.«
»So sieht es dort aus?« fragte der Präsident kopfschüttelnd. »Nun, nun!
Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darüber weg.
Ich mag dir hierüber nichts sagen, ihr jungen Mädchen habt eure eigenen
Grundsätze; nur wäre es wegen den jetzigen Verhältnissen besser
gewesen, du hättest sie öfter gesehen; denn wenn sie sich hier in der
Gegend ankaufen, nach Freilingen kommen sie doch auch alle Jahre ein
paarmal, wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft die Dame
des Hauses vorstellen, wie kannst du nur die Gräfin Martiniz empfangen,
wenn du in der Residenz sie so ganz negligiertest?«
»Nun, Gräfin Martiniz ist sie ja noch nicht,« meinte der Hofrat und
lächelte dabei so geheimnisvoll, daß es sogar dem Präsidenten auffiel.
»Nun, Er spricht ja so sicher über diesen Punkt,« sagte dieser, »als
kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem
Fundament.«
»Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht,« lächelte Berner,
»aber den Grafen hatte ich die Ehre, gestern kennen zu lernen --«
»Wie?« unterbrach ihn der Präsident, »er ist schon hier? Und wir
schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts --«
»Fräulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich,« entgegnete
jener, »sie kennt ihn sogar genauer als ich.«
»Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat
Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?«
»Nein -- ja --« antwortete Ida, noch höher errötend. »Ich habe mit ihm
getanzt, das ist alles.«
»Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natürlich, ein
ältlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?«
»Nicht so ganz,« sagte dieser mit Hohn, »er mag so seine drei- bis
vierundzwanzig Jährchen haben. Uebrigens können Exzellenz seine
Bekanntschaft recht wohl machen, er logiert drüben im Mond.«
Der Präsident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie
der junge Mann am besten zu halten sein möchte, denn er trieb alles
gern nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rat zog,
rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnügen als möglich
zu geben. Der Hofrat nahm es über sich, die Sache einzuleiten, und der
Präsident ging um ein Geschäft leichter in sein Kollegium.
Operationsplan.
Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein
Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde,
zwang sich, obgleich ihm die wehmütige Freundlichkeit in Idas Gesicht,
ihr tränenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein weh tat, zum Lächeln.
»Nun, wer hätte es,« sagte er, »wer hätte es dem leidenden Herrn
von gestern nacht angesehen, daß er drei Milliönchen habe? Wie dumm
ich war, daß ich glaubte, er weine in seinem Landau, weil er keine
Wechselchen mehr habe! Wer hätte es dem trübseligen Schmerzenreich
angesehen, daß er bald eine so glänzende, lustige Partie machen würde.«
Ida schwieg noch immer; es war als scheute sie sich vor dem ersten
Wort, das sie vor dem Freunde, der ihr Herz so tief durchschaut hatte,
auszusprechen habe.
»Oder wie?« fuhr er fort. »Wollen wir eine Allianz schließen, mein
liebes Aprilenwetterchen, daß die Gräfin Aarstein ihre Schulden nicht
zahlen kann, daß --«
»O Berner, verkennen Sie mich nicht,« sagte Ida unter Tränen; »es ist
gewiß nur das reine Mitleid, was mich nötigt, auszusprechen, was sonst
nie gesprochen worden wäre. Sehen Sie, dieses Weib ist die Schande
unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, daß ein ehrliches Mädchen
erröten muß, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Prüfen Sie den
jungen Mann da drüben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er edel
ist und trotz seines Reichtums unglücklich, so machen Sie, daß er nicht
noch unglücklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen, die man um
ihn legen wird, zu reißen --«
»Das kann niemand besser als mein Idchen,« entgegnete jener und sah
ihr recht scharf in das Auge; »wenn mich nicht alles trügt, hängt das
Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als an dem, womit ihn der
Minister ködern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind. Ich will
alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will ihm
die Augen auftun, daß er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt, will
machen, daß er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei Millionen
ins Land zieht, will machen, daß er mein Mädchen da lie--«
»Still, um Gottes willen,« unterbrach ihn die Kleine und preßte ihm das
kleine weiche Patschhändchen auf den Mund, daß er nicht weiter reden
konnte. »Wer spricht denn davon? Einen Millionär mag ich gar nicht; es
wäre ganz gegen meine Grundsätze, nur die Schlange im Residenzparadies
soll ihn nicht haben; vom übrigen kein Wort mehr, unartiger Mann! --«
Verschämt, wie wenn der Hofrat durch die glänzenden Augen hinabschauen
könnte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die Gedanken sich
insgeheim drängten und trieben, sprang sie auf und an den Flügel
hin, übertönte die Schmeichelworte des Hofrats mit dem rauschendsten
Fortissimo, drückte sich die weichen Kniee rot an dem Saitendämpfer,
den sie hinauftrieb, um die Töne so laut und schreiend als möglich zu
machen, um durch den Sturm, den sie auf den Elfenbeintasten erregte,
den Sturm, der in dem kleinen Herzchen keinen Raum hatte, zu übertäuben.