Geschöpf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden, so schonungslos
zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo er sich
hingestellt hatte, um die Tafel zu übersehen, alles mit angehört; er
hätte mögen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie noch hatte,
mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer jungen Dame
tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rückte, nur um die giftigen
Bemerkungen nicht zu hören, um ein Fenster weiter hinauf. Aber hier
kam er vom Regen in die Traufe. Frau von Schulderoff setzte dort
ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitläufig auseinander, daß er, um
den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf den Strumpf zu bringen,
notwendig eine gute, sehr gute Partie machen müsse, und dazu sei die
Ida ganz wie gemacht.
Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses
bei Juden und Christen einige tausend Tälerchen mehr stehen hatte,
als sein Gage-Abzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen
konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das _Wie_ wollte
ihm nicht recht einleuchten.
Aber die gnädige Mama wußte Rat. »Erstens: recht oft mit ihr getanzt,
namentlich im Kotillon recht oft geholt. Das heißt Attention beweisen,
das Mädchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird aufmerksam auf
dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am Haus vorbei; dort
verlierst du, im Staunen über sie, die Reitpeitsche; du voltigierst
ja so gut, hältst also nicht an, sondern herab vom Gaul, Peitsche
ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick dem Fräulein zugeworfen, und
davon im gestreckten Galopp. Wenn nun ihr Herzchen aus Angst für dich
einmal schneller pulsiert, dann hast du sie schon im Sack. Drittens:
in einer schönen Nacht mit der ganzen Regimentsmusik vors Haus; einige
mutige Stücke, einige zärtliche Arien aufgespielt, und sie kommt hinter
die Jalousien, darauf wette ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt
zufällig bei Levi ist. Einige Kameraden tun dir schon den Gefallen
und gehen mit; sie rufen: ›Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du
denn? Ach siehe, der arme Junge weint.‹ -- ›Ach, laßt mich, tapfere
Kameraden,‹ antwortest du, ›mir ist so weh und so wohl in ihrer Nähe.‹
So kommt es in allen Ritterbüchern, wo der Adel noch allein liebte, und
die dummen Bürgerlichen noch kein Geld hatten.«
»Auf Ehre, Mama, Sie haben recht,« antwortete der Leutnant und wichste
sich den Schnurrbart; »sehen Sie, dann kann ich auch so angr--«
Emil wurde, er wußte nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den
Eroberungsplan des Wildfangs hörte, er rückte um einige Fenster weiter
hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmähsucht der Weiber
zu zerreißen, der Eroberungsgeist Schulderoffs zu gewinnen suchte.
Obenan saß der Präsident, die feierliche Geschäftsmiene war zu Hause
geblieben; er hatte den freundlichen, gefälligen Gesellschaftsmenschen
angezogen und tafelte zum großen Trost der jüngern Glieder seines
Kollegiums wie ein Junger.
Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell, wie ein Gedanke,
ein satirisches Lächeln, wenn er und der Hofrat Ida zum süßen,
brüsselnden Schaumwein nötigten.
Es war nicht möglich, etwas Liebreizenderes zu sehen als das Mädchen,
eine ewig junge Hebe zwischen den alten, fröhlichen Herren. Es war
jetzt ganz das wählige, mutwillige Kind wie vor drei Jahren, wenn
es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem Schoße saß;
Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der schweren
Weine über die Purpur-Barrieren ihrer Lippen gelassen hatte, alles
Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren Adern
so warm und so wohltuend, daß das Auge von Lust und Liebe strahlte,
und die rosige Tiefe des Schelmengrübchens alle Augenblicke sich
zeigte. Der Champagner, den sie auf den Drymadeira setzte, war auch
nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein fröhlichglühendes
Engelsköpfchen abzukühlen und einen in ewig wechselnder Wonne Flut und
Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wußte sie doch selbst nicht,
was sie so fröhlich machte! Die Rückkehr ins Vaterhaus allein war es
nicht, auch nicht, daß die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder
alle auf sie flogen, es war noch etwas anderes; war es nicht ein
bleiches, wunderschönes Gesicht, das sich immer wieder ihrer Phantasie
aufdrängte, das sie wehmütig durch Tränen anlächelte? Warum mußte er
aber auch gehen, gerade als man zur Tafel ging, wo sie ihn hätte sehen
und sprechen können. --
»Ei, Kind!« sagte der Präsident und weckte sie aus ihren Träumen. »Da
sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf
den Teller hin, als lesest du in der Johannisbeer-Marmelade so gut als
im Kaffeesatz deine Zukunft, und lächelst dabei, als machten dir alle
ledigen Herren, unsern Hofrat mit eingeschlossen, ihr Kompliment!«
Die Glutröte stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und mußte
doch wieder heimlich lächeln über den guten Papa, der doch auch
kein Spürchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends
der Hofrat ihr von der andern Seite zuflüsterte: »Der alte Herr hat
fehlgeschossen, wir alle könnten uns den Rücken lahm komplimentieren
und die Kniee wund liegen, mein stolzes Trotzköpfchen gönnte keinem
einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslächeln, das hier
in den Teller ging. Aber da darf nur ein so interessanter Fremder in
einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso --«
»Ach, wie garstig, Berner! an den habe ich gar nicht mehr gedacht!«
rief sie, ärgerlich, daß der Kluge ins Schwarze geschossen haben
sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas silbernen
Teller und deutete lachend auf den Rand --
»Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da gekritzelt?
Fräulein Lügenhausen? He!«
Nun, da hatte sich das Mädchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne daß
sie es im geringsten wußte, unter ihrer Gedankenreihe das Dessertmesser
in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt, und da stand mit
hübschen, deutlichen Buchstaben: Emil v. Mart. --
»Nein! wie einem doch der Zufall bei bösen Leuten Streiche spielen
kann!« replizierte sie mit der unverschämtesten Unbefangenheit,
kratzte, indem sie sich selbst über ihre furchtbare Kunst, zu
verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnörkelchen hin,
wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: »Sehen Sie? Da war
irgend einmal eine reisende Prinzessin hier, welcher man auf Silber
servierte, und um den merkwürdigen Tag ihrer Anwesenheit zu verewigen,
schrieb sie die paar Worte hieher: Emilie v. Mart., heißt offenbar:
Emilie, am fünften März.«
»Gott im Himmel, was hättest du für einen Rechtskonsulenten und
Rabulisten gegeben!« antwortete Berner und setzte vor Schrecken den
frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder
nieder. »Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest,
und jetzt täte es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?« Doch
Engelsköpfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, daß er unwillkürlich
wieder gut wurde; in den süßesten Schmeicheltönen bat sie ihm die Unart
ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er gelobe,
dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang mit ihrer
Silberschrift necken würde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt sich zum
Kotillon zu rüsten. »Nur noch ein Viertelstündchen!« bat Ida, weil sie
dem widerwärtigen Kreissekretär habe zusagen müssen. Aber das Sträuben
half nichts; die Hörner erklangen im Tanzsaal, und die Tafel rüstete
sich, aufzubrechen. Da stand der Präsident auf. »Noch einen Kelch,
meine Damen!« rief er über die Tafel hin, »noch einen echten Toast aus
den guten alten Zeiten: die Gläser hoch -- der Liebe und der Freude!«
Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf unter den Jubel, aber
mitten durch das Geschmetter, durch das donnerschlagähnliche Wirbeln
der Pauken, mitten in dem schrankenlosen Hallo der bechampagnerten
Gäste war es Ida, als hörte sie hinter sich tief seufzen; und als sie,
von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, sich schnell umsah, begegnete
sie Emils Auge, der wehmütig, tränenschwer in das Gewühl der Freude
schaute. Alles Blut jagte die Ueberraschung dem Mädchen aus den Wangen,
es hatte keinen Atem mehr, und doch konnte es um keinen Preis ihr
Auge wieder von ihm abwenden. Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit
Meister werden konnte, gerade als sie der schöne junge Mann anreden
zu wollen schien, riß ihn das Gedränge der Aufstehenden aus ihrer
Nähe, der Kreissekretär kam mit seinem widrigen, sauersüßen Gesicht,
schätzte sich glücklich, den Kotillon errungen zu haben, und führte
seine Tänzerin im Triumph durch die dichten Reihen seiner Neider. Sie
aber folgte ihm, noch immer über diese Erscheinung, über die Gewalt
dieser dunkeln Flammensterne sinnend. »Wahrhaftig!« sagte sie zu sich.
»Der Hofrat hat doch recht, es muß Menschen geben, die Häkchen im Auge
haben, von welchen man sich gar nicht losreißen kann, und dieser muß
einen von den großen Angelhaken haben.«
Der Kotillon.
In rauschenden Tönen klangen die Hörner und Trompeten durch den Saal,
in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, hüpften die
Paare den fröhlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf
und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald
dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft wenn der
Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelseitenblick über
den Saal hinüber nach ihm, zu welchem ein unerklärliches Etwas sie
noch immer hinzog, und wenn die Flöten leiser flüsterten, wenn die
weichen, gehaltenen Töne der Hörner süßes Sehnen erweckten, da glaubte
sie zu fühlen, daß diese Töne auch in seiner Brust widerklingen
müssen. In glänzender Kette schwebten jetzt die Mädchen in der
Runde, bis die Reihe sich löste, und sie den Saal durchschwärmten,
um selbst sich Tänzer zu suchen. Emil stand wieder an seine Säule
gelehnt. Kaum den Boden berührend, schwebte eine zarte Gestalt, auf
dem Amorettengesichtchen ein holdes verschämtes Lächeln, auf ihn zu
-- es war Ida. Lächelnd neigte sie sich, zum Tanz ihn einzuladen; er
schien freudig überrascht, eine flüchtige Röte ging über sein bleiches
Gesicht, als er das holde Engelskind umschlang und mit ihr durch den
Saal flog.
Aber ängstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in
der ihrigen ruhte; schaurige Kälte fühlte sie aus des Fremden Arm, der
ihre Hüfte umschlang, in sich eindringen, scheu suchte ihr Auge den
Boden, denn sie fürchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen, jetzt erst
fiel ihr auch ein, daß es sich doch nicht so recht schicke, den ganz
fremden Menschen, der ihr von niemand noch vorgestellt war, zuerst zum
Tanze aufgefordert zu haben.
Aber ein freudiges Flüstern des Beifalls begleitete sie durch die
Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der Bewegung
des Tanzes leicht gerötet, bedeutender erschien seine edle Gestalt,
sein hoher, königlicher Anstand; und dem schönen Mann gegenüber
erschien auch Ida in noch vollerem Glanze der Schönheit. Mit dankendem
Blick schied er, als er sie an den Platz zurückführte; wieviel stiller
Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick; ja, wenn sie sich den
Ausdruck seines Auges noch einmal zurückrief, wieviel Dank lag darin,
wieviel Lie--
Sie drückte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen,
die sie unablässig verfolgten, sie tanzte rascher und eifriger, nur um
sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von der
einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr ins
Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht, wegen
dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen. Der Kotillon hatte jetzt
seine glänzendste Höhe erreicht; eine Tour, die in Freilingen noch
nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die Dame, welche die
Reihe traf, setzte sich, von ihrem Tänzer geführt, auf einen in die
Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem seidenen Tuch wurden
ihr die Augen verbunden und dann Tänzer jeglicher Gattung zur blinden
Wahl vorgeführt. Die Ausgeschlagenen stellten sich als Gefangene und
besiegt hinter den Stuhl, der Erwählte flog mit der von der Binde
erlösten Tänzerin durch den Saal. Die Tour an sich war gerade nicht
so kühn erfunden, um durch sich selbst sehr bedeutungsvoll zu werden;
sie ward es aber dadurch, daß der Vortänzer, ein gerade von Reisen
zurückgekommener Herr aus Freilingen, behauptete, in Wien werde diese
Tour für sehr verhängnisvoll gehalten, denn es gelte dort bei dieser
blinden Wahl das Sprichwort, der Zug des Herzens sei des Schicksals
Stimme, und mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour
eintreffen sehen. Die Freilinger Schönen machten zwar Spaß daraus und
behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen
haben, doch mochten sie abergläubisch genug sein und wünschen, des
Schicksals Stimme möchte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen den
schönen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbärtchen oder einen
dergleichen vor die blinden Augen führen.
Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen, der sauersüße
Kreissekretär führte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein
sollendem Lächeln, das aber sein Gesicht zur scheußlichen Fratze
verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das
Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei
arme Unglückliche, von der spröden, blinden Mamsell Amor-Justitia
verschmäht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an
Martiniz durch das Köpfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht
tüchtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen möge sie ziehen,
wie es wolle, das Schicksal möge noch so gebietend rufen, sie lasse
drei ablaufen, und den vierten wollte sie endlich nehmen.
»Numero vier! gnädiges Fräulein!« meckerte der Kreissekretär. Sie ließ
die Binde lösen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils Arme, der
sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der Hörner
im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie hatte
keinen deutlichen Gedanken, als das immer wiederkehrende: »Der Zug des
Herzens ist des Schicksals Stimme.« Ach! so hätte sie durch das Leben
tanzen mögen; ihr war so wohl, so leicht; wie auf den Flügeln der
Frühlingslüfte schwebte sie in seinen Armen hin, sie zitterte am ganzen
Körper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie mußte ihn ansehen,
es mochte kosten, was es wollte, sie hob das schmachtende Gesichtchen,
ein süßer Blick der beiden Liebessterne traf den Mann, der ihr in
wenigen Stunden so wert geworden war; das edle Gesicht lag offen vor
ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund von Mund, ach, wie unendlich
hübsch kam er ihr vor, wie fein alle seine Züge, wie schmelzend sein
Auge, sein Lächeln, sie hätte mögen die paar Zöllchen breite Kluft
durchfliegen, ihn zu lieben, zu kü--
Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die
glacierten Handschuhe zusammenschlugen, daß die zarten Nähte sprangen;
will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen, wenn ihr
wüßtet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen Minute
liegt, wie die Pforten des Lebens sich öffnen, wie die Seele hinter
die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um hinüberzufliegen zu
der Schwesterseele -- wahrlich, ihr würdet diesen Moment des süßesten
Verständnisses nicht durch euer Klatschen verscheuchen.
Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und
das wärmende Mäntelchen umzuwerfen, er nahm dann ihren Arm, um sie
zur Abkühlung noch ein wenig durch den Saal zu führen. »Sie haben mit
ihm getanzt, Töchterchen?« -- »Ja,« antwortete sie, »und wie _der_
tanzt, können Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so
schwebend!« -- »Idchen, Idchen!« warnte der Hofrat lächelnd. »Was
werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie über einen
Landfremden so ganz und gar vergessen?« -- »Nun, die können sich
wenigstens über das Vergessen nicht beklagen, denn ich habe nie an
sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was
man interessant nennt?« -- »Ihnen wenigstens scheint er es zu sein,«
antwortete der neckische Alte. »Nein, spaßen Sie jetzt nicht, ist nicht
etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen? Etwas, das man nicht recht
erklären kann?« Der Hofrat schwieg nachdenklich. »Wahrhaftig, Sie
können recht haben, Mädchen,« sagte er, »habe ich doch den ganzen Abend
darüber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen gar nicht aus dem Sinne
bringen kann.«
»Aber noch etwas,« fiel Ida ein, »wissen Sie nicht, wo er so plötzlich
mit dem alten Diener hinging?« -- »Das ist es eben!« sagte jener. »Eine
ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den Ball, tanzt
nicht, geht fort, bleibt über eine Stunde aus, kommt wieder; und wo
blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Münster!!«
»Jetzt eben, in dieser Nacht?« fragte Ida erschrocken und an allen
Gliedern zitternd. »Heute nacht, auf Ehre! Ich weiß es gewiß; aber
reinen Mund gehalten, Gold-Idchen, morgen komme ich dem Ding auf die
Spur.«
Der Wagen war vorgefahren; der Präsident kam in einer Weinlaune;
»Hofrätchen,« rief er, »wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein
könntest, wollte ich dir Ida kuppeln!«
»Hätte ich das doch vor dem Ball gewußt,« jammerte der Hofrat, »aber
da gab es allerlei interessante Leute usw.« Errötend sprang Ida in den
Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa auf
dem Heimweg Mühe, zu erfahren, was jener gemeint habe. Trotzköpfchen
hätte mögen laut lachen über die Bitten des alten Herrn; es biß die
scharfen Perlenzähne in die Purpurlippen, daß auch kein Wörtchen heraus
konnte.
Nicht mehr so fröhlich als in früheren Tagen und dennoch glücklicher
legte Ida das Lockenköpfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so
bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fußende des
Bettes, und auch die dünne Seidenhülle, die jetzt noch übrig war,
mußte immer weiter hinabgeschoben werden, daß die wogende entfesselte
Schwanenbrust Luft bekam.
Aber wie, ein Geräusch von der Türe her? Die Türe geht auf, im matten
Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht;
sein dunkles, wehmütiges Auge fesselt sie so, daß sie kein Glied zu
rühren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann
den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhüllen: sie will zürnen
über den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr. Aufgelöst
in jungfräuliche Scham und Sehnsucht, drückt sie die Augen zu; er
naht, weiche Flötentöne erwachen und wogen um ihr Ohr, er kniet nieder
an ihrem bräutlichen Lager, »der Zug des Herzens ist des Schicksals
Stimme,« flüstert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle, wehmütige
Gesicht über sie hin, heiße Tränen stürzen aus seinem glühenden Auge
herab auf ihre glühenden Wangen, er wölbt den würzigen Mund -- er will
sie kü--
Sie erwachte, sie fühlte, daß ihre eigenen heftig strömenden Tränen sie
aus dem schönen Traume erweckt hatten.
Die Beichte.
Am andern Morgen sehr früh stand der Hofrat schon vor des Präsidenten
Haus und zog die Glocke. Er mußte ja sein holdes Idchen fragen, wie
es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte
er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, daß er nicht wußte, wo ihm
der Kopf stand. Nur so viel war ihm klar, als er den hellpolierten
Handgriff der Glocke in der Hand hielt, daß er um keinen Preis von dem
interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; _sie_ soll mir
daran, sagte er, sie soll mir beichten; er tat sich auf seinen Witz
nicht wenig zugut und lächelte noch still vor sich hin, als er die
breite Treppe hinanstieg.
Der Präsident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die
Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnädiges Fräulein nehme
ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei.
Man meldete ihn, er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen,
aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir saß Ida auf einer Estrade
am Fenster, das Lockenköpfchen in die Hand gestützt. War es doch, als
sei das Mädchen in dieser Nacht noch tausendmal schöner geworden! Der
Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schönheit; es lag so viel
Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben
Gesichtchen, das ihn begrüßte, daß er gar nicht wußte, woher dies alles
das Wunderkind gestohlen hatte.
Er sagte ihr auch, wie schön er sie finde, sie aber lachte ihm geradezu
ins Gesicht; sie finde, daß sie weit bleicher aussehe als sonst, der
Ball könne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu komme, daß sie
heute nacht so dumm geträumt habe und alle Augenblicke aufgewacht sei.
Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst aussehen, aber das kleine
Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich um den Mund, als wüßte es,
was dem hübschen Engelskind geträumt habe.
Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen
möglichen Schönen, aber er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, ehe
er von Martiniz zuerst angefangen hätte, obgleich er wohl sah, daß Ida
darauf warte.
Er sah sich daher, als alle Tänze und Touren bekrittelt waren und
das Gespräch zu stocken drohte, im Zimmer um. »Nein,« sagte er, »wie
wunderschön Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren ließ, die bronzierte
Lampe am gewölbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich
Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem
Sofa streiten darf, denn jenes von hellbraunem Kasimir, das sich an
drei Wänden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der
Mitte, kann ja eine ganze Legion von Dämchen in sich aufnehmen. Der
französische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht sehr
warm geben zu wollen, doch Hoffart muß schon auch ein wenig Schmerz
leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiß selbst erst aus
der Residenz geschickt, denn hier wüßte ich niemand, der solche Arbeit
lieferte.«
Das ging ja dem alten Herrn aus dem Munde wie Wasser; schade nur,
daß er den tauben Wänden predigte, denn Ida schaute stillverklärt
durch die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren für ihren alten
Freund, dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Mädchens, folgte
ihrem Auge und -- drüben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes
zum goldenen _Mond_ hatten sich die rot und weißen Gardinen aufgetan,
und im geöffneten Fenster stand -- nein, er machte es gerade zu, als
der Hofrat hinsah, und ließ die Gardine wieder herab; das selige Kind
drehte jetzt das Köpfchen, und ihr Blick begegnete dem lauernden Auge
des Hofrats. Die Flammenröte schlug ihr ins Gesicht, als sie sich so
verraten sah, aber dennoch sagte Trotzköpfchen kein Wort, sondern
arbeitete eifrig an einer Zentifolie; nun, dachte der Alte, wenn du es
durchaus nicht anders haben willst, auf den Zahn muß ich dir einmal
fühlen, also sei's.
»Sie haben brave Nachbarschaft, Ida,« sagte er, »da können Sie Ihre
astronomischen Betrachtungen nach den Glutsternen des Herrn von
Martiniz recht kommod anstellen: ich habe zu Haus einen guten Dollond,
er steht zu Diensten, wenn Sie etwa --«
»Wie Sie nur so bös sein können, Berner!« klagte das verschämte
Mädchen. »Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht
gewußt, daß er nur im Mond logiert: und daß ich gestern diesen Mann
schon wegen seines Aeußeren gehaltvoller gefunden habe als unsere
jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flöckchen Seide gebe,
ist das denn ein so schweres Verbrechen, daß man es noch am andern
Tag büßen muß? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem
Menschen, der so unglücklich scheint?«
»Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt,« sagte der
Hofrat, »daß der junge Herr im Mond drüben gestern nacht in der
Münsterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat? Das
wissen Sie nicht, und was bekomme ich, wenn ich es sage?«