Im Jahre des Tigers geschah Timurs Geburt, im Monat Schual, geronnenes Blut
fest in der Faust. Vierzehnjährig ließen sie ihn aus der Jurte auf seine
erste Jagd. Er tötete dreißig Hirsche in hüfthohem Schnee. Sein Oheim
Hadschi berlas salbte ihm den Daumen und schenkte ihm ein Weib. Im Garten
am Fluß spielte er mit ihm den Abend. In der Nacht tötete er sie und fraß
sie an, schwamm durch den Fluß, machte einen Stamm Pferde los und ritt
einen Wirbel durch die Landschaft Kesch.
Hadschi berlas wies ihm ein Frauenhaus zu. Allein von diesem Tage ab
verließ er sein Zelt nicht mehr. Breit wie eine Kröte hockte er
zusammengezogen und sah schräg nach den Falten des Tuchs. Nie besah er das
Haus, aus dessen Innern sie ihm Harfen entgegenschlugen. Sein Auge wuchs
sich zu mit einem Nebel, daß die Pupille verschwand. Hadschi berlas setzte
Spione um sein Zelt, die ihn lockten. Sie sprachen von der Güte dieses
Oheims. Sie lobten seine Stärke, seine Schenkel und grinsten über die Kraft
seiner Lenden. Stets beobachteten sie seine Miene. In Monaten vermochten
sie keine Änderung des Gesichts zu melden, das größer nur und
undurchsichtiger sich zusammenschloß.
Beim Fest des Tages Gleiche mit der Nacht äffte der Narr im Hause Hadschi
berlas einen Emir, der Rücksicht vergaß und, die Hand im Gürtel, aufsprang.
Der fliehende Narr warf, über den Tisch springend, die Lichter um. Der
Dolch des Emirs ritzte einem Wächter die Hand. Ein Rustemdare schrie,
Hadschi berlas blute, in tobender Verwirrung knallten die Türen zu, die
Posten deckten außen die Türen, den Mörder abzufassen. Als der Narr, blind
die Augen vor Angst, durch einen Teppichschlitz hinaussprang, hieb ihm der
Wächter den Dolch in die Seite, und er verschied. In der Dunkelheit schrie
ein Emir, erkennend, daß Hadschi berlas nicht der zuerst Blutende sei, und
ihn nicht findend, er sei der Tote.
Das Geschrei lief bis an Timurs Zelt, doch gab es seinem Gesicht keine
Veränderung.
Später sagten ihm die erbleichten Spione, nicht Hadschi berlas trage den
Dolch in der Seite, denn sie fanden ihn, Schweiß auf der Stirn, in eine
seidene Tapete gewickelt, in der Ecke des Saals.
Als dies Timur hörte, gab es eine Welle Blut in seine Schläfe.
Wenige Nächte darauf tastete er mit zwei Katzensprüngen über die Lauernden
vor seinem Zelt, lief zum Palast seines Oheims und trat mit einer ruhigen
Bewegung zu dem Türhüter. Er sprach mit ihm lange plaudernd und ging
schlendernd wieder. Kaum aber war er aus der Füllung des Tors getreten,
trug ein schnellender Satz ihn zurück, an der Wohnung des Pförtners vorbei,
die Stufen nach oben. Durch stiere Gänge, die er nicht kannte, irrte er,
bis er eine Lampe sah.
Hadschi berlas lag nackt auf seinem Lager, schlafend, die Hand auf dem
Nacken der Frau, die er für diese Nacht gewählt. In der Ecke stand eine
Lanze. Timur hielt die Spitze in die Lampe, bis sie knisterte, dann stieß
er sie der Frau durch die Brust. Seine rechte Hand schlug einen Säbel in
den Hals des Oheims, die linke riß den Kopf weg, und, den der Frau
dazunehmend, erstieg er einen Turm, ließ die eisernen Rasseln sich
knirschend drehen und stellte sich auf die Galerie.
Die weiße Nacht ging gegen das Ende. Er schwang die Köpfe im Kreis und rief
sich zum Chan aus. Seine Stimme klang zum erstenmal rollend über die
Dächer. Aus den Hälsen fiel klatschend Blut auf die Straßen.
Der Astronom Guines trat auf das Minarett der Moschee und rief über die
Stadt ihm zu: »Bewahre die große fernhin schmetternde Trompete.«
Am Mittag zogen die Emire in die Ebene. Sie warfen die Mützen in die Luft,
schwangen die Gürtel über den Rücken. Sie warfen sich auf den Bauch, die
Sonne anzubeten, und huldigten durch neunmalige Kniebeugung dem neuen Chan.
Ein Prinz reichte ihm kniend den Becher mit Stutenmilch, er gab ihm, den
Kopf wenig lüftend, als Gegengabe das Todesurteil.
Dann ließ er, damit sich Hadschi berlas nur mit einer Frau, den Thron mit
der Gruft wechselnd, nicht allzu langweile, sechzehn seiner
Beischläferinnen schlachten und befahl den Zug nach Samarkand. Den Emir
dieser Landschaft zerhieben sie, und da sie ihm gefiel, baute er sich ein
Haus hinein neben die Stadt, umgab es mit zungenlosen Wärtern und pflanzte
die Fahne der Macht vor die Tür.
Er stieß sie selbst, neungipflig mit weißen und schwarzen Schweifen, in den
Boden, wandte sich langsam um und ging in das Haus.
Zehn Jahre lang sah ihn kein Tatare wieder.
Von diesem Orte ging nun Gewalt aus, die sie alle traf. Jeden Tag erhoben
sich aus der Ferne Reiter, rannten bis an den Gürtel der Wachen, saßen ab,
erhielten Befehle und kreuzten, abreitend, Kommende, die Nachrichten
brachten. Ein Graben, tief einen halben Fuß, umlief das Haus, sonst nichts.
In Jahren beugte er alle, niemand wagte ihn zu überschreiten.
Einmal, während die Massen im Kriegszug lagen, schlichen, unabgewehrt, zwei
Horden in das Haus. Sie fanden es ohne Gerät, ohne Lager, wie seit Jahren
unbewohnt. Echos schallten ihnen entgegen, ihre flüsternden Stimmen brachen
sich dreifach an den tauben Wänden. Ihre schrägen Blicke flimmerten. Da
brach die Furcht irr in ihre Augäpfel. Sie sprangen auf die Rücken der
Pferde, verwirrt in ihrem Hirn, und hingen ihre Leiber in einem nahen Wald
an die Äste.
Einmal brach ein tatarisches Heer aus den Steppen. Reiter im Halbmond den
Kopf geschoren, mit großen Schenkeln, die Achseln spitz gereckt, ritten um
Samarkand, fielen in die Ebene und wälzten sich durch die Städte. Sie
schwammen durch die Ströme und standen nach zwei Jahren auf den Graten des
Gebirges. Abgleitend verloren sie viele Pferde, doch im Anblick persischer
Ebenen schloß eine Felsmauer das Tal ihnen zu. In Vorhuten, tagelang,
schwärmten sie aus, sie fanden keinen Ausgang. Die Bergseite dampfte von
den Lagerfeuern. Da stob den Wartenden ein Bote an, setzte den Feldherrn ab
und gab die Zügel des Befehls einem kleinen Gruppenführer, den keiner
achtete. _Er hinkte und bewegte die linke Hand nicht._ Er ließ mit siebzig
aufgestellten Blasebälgen den Felsen wochenlang erhitzen. Dann warf er
einen abgeleiteten Fluß dagegen, daß der Basalt zerknallte. Das Heer trabte
in die Ebene. Sie schlugen die Perser in zwei Treffen und, abtretend, gab
der Feldherr sein Amt ab, zurückberufen, an Yakou, dem die Augen bis an die
Mitte der Schläfen saßen, und der Schiraz in einer Nacht in den Himmel
feuerte.
Ein anderes tatarisches Heer, stummem Winke folgend, stieg aus den Steppen,
zog um Samarkand, überritt die Wüste und das stachlige Tiefland. Die Reiter
trabten wochenlang, Weiber auf den Sätteln, Kamele hinter sich mit Kindern
und Proviant. Eine Wolke von Schweiß brach vor ihnen her, und die Geten
zündeten ihre Dörfer an und verließen sie und schrien nachts aus den
Wüsten. Die runden Säbel glühten in der Sonne. In einem Halbkreis rannte
das Heer über die Steppe. Sie banden die feindlichen Männer mit den Köpfen
in die Kniehöhle und warfen sie in die Sonne.
Sie hatten ihre Weiber auf den Sätteln und verließen die Pferde nicht. Sie
machten große Feuer und trabten darüber in den Horizont. Reitende Boten
täglich zogen eine Schnur zwischen ihnen und dem Haus in Samarkand.
Aus den Schneesteppen brachen tatarische Heere. Die Pferde stampften in die
Jurten vor Kurdistan. Sie brieten einen Emir überm Lagerfeuer und ließen
seine Söhne daran speisen. Zwei Tage nach einer Schlappe des Führers
wechselte der Oberbefehl. Zurückkehrend nach Samarkand verschwand dieser.
Axalla führte die Geschwader. Sie warfen sich über die Landschaft und
trieben Pferde zusammen und das Vieh. Ein mongolischer Fürst wehrte Axalla
mit Gebeten. Stolz trat er redend vor ihn und erfragte den Sinn der
Überfälle. Axalla sagte: »Gibt es anderes für mich als zu folgen? Dein
Aussehen ist besser als deine Frage,« und ließ ihn hinausführen.
Als Axalla nach Georgien aufbrach, betrat ein Unterführer sein Zelt.
Axalla speiste auf dem Boden kniend und sah unwillig schief nach der Tür.
Der Unterbefehlshaber hob rasch das gesenkte Gesicht und warf den Mund
brausend auf: »Teile das Heer.«
Axalla stand auf, lehnte sich gegen den Pfosten, Spott um den Mund:
»Wer bist du?«
»Genug, dich zurechtzuweisen.«
Da stand Axalla, gegen diesen Stolz gerichtet, zurückgeworfen den Kopf, vor
dem Unterführer, _aber da war dieser aus den Schultern heraussteigend mehr
als zwei Köpfe größer als er._