An den Bettagen, wo Handel untersagt war, kamen Spaniolen, die eilend
löschen wollten, und schlugen ihm günstige Bedingungen vor zum Kauf. Er
folgte früh morgens auf das Schiff. Während er Häute musterte auf dem
Verdeck, begann Geheul im Nachbarboot und griff um sich. Eine Frau rang
hingekniet neben den Anker die Hände. Matrosen neben ihr sahen neugierig in
das Wasser. Seinem Blick, der ihren folgte, begegnete der Kopf eines
kleinen Kindes, der wieder auftauchte aus dem Wasser, -- und sich
schüttelnd sprang er nach und holte es heraus.
Als er das Kind hochhob mit beiden Armen, schien die Sonne über das weiße
Gesicht, und plötzlich vergrößerte sich der Kopf und wurde, steigend,
milder werdend und sich verklärend, das Gesicht der Herzogin.
Die Mutter wand sich vor ihm, doch er sah es nicht.
Sofort begab er sich auf die Flucht. Streifend lebte er im Bezirk
Carcassonne, wanderte durch albigensisches Gebiet. Einen Winter war er auf
Schloß Gaillac, und fütterte den Sommer Rehe und Eichhörner auf Schloß
Fanjau.
Als Bote eines provenzalischen Dichters zog er mit goldenen Ringen, mit
weißen und schwarzen Bändern nach Norden. Es hielt ihn kein Ort. Die Unrast
stieg. Manchmal bei kleinen Menschen mit tierischen Gebärden zog ihn die
Sehnsucht unter Schreien weg nach Höherem. Aus den Sälen der Schlösser
zwang ihn dumpfer Drang in die Niederkeit.
Unter gefälschtem Namen kam er zu dem Herzog von Burgund. Er trug den Titel
eines tripolitanischen Adels. Er sprach die Mundart des Genuesischen,
Neapels und des Orients. Sein Gesang umfaßte alle französischen Zungen.
Geruch maßloser Unternehmung umgab ihn. So auffallend, erreichte er bald
die Nähe des Herzogs. Er zog eine eiserne Linie von Feinden hinter sich
her, indem er so rasch die Ringe um den Herzog sprengte. Doch dieser
überhäufte ihn mit Nachsicht und Gnade.
Er wurde unentbehrlich für Feste und Beratung. Aus Alexandria ließ er
Kunststicker kommen, die den burgundischen Hof im Schmuck an die erste
Stelle brachten. Er verschaffte ihm Affen für die Boudoirs seiner Damen.
Für die Portalkäfige des Schlosses besorgte er tanzende Bären. Die Zwinger
füllte er mit Löwen, denen der Herzog bei guter Laune unter den rostroten
Abenden der flamischen Landschaft Stiere zum Zerreißen vorwerfen ließ.
Er beschenkte Villon mit dem Goldenen Vlies.
Wenn er trunken war, überschüttete er Villon mit Wein und schlug ihn,
Villon, der dann zitterte, der sonst glänzend an der Spitze seiner
Kavalkaden ritt.
Je mehr aber sein Leben im Äußeren aufstieg, um so größere Sehnsucht trieb
ihn weiter. Gefühl nach Ruhe war langsam in ihn gekommen, wo sein Haar
mählich über dem herrlichen Kopf erblich. Doch die Unrast, die ihn trieb,
war, wie wenn er einem blinden Stern gehorche, der ihn magisch zu sich
führte aus einer unbekannten Dunkelheit her.
Geringer wurden seine Nächte. Der Schlaf schrumpfte. Es zog und zwang.
Da gab er nach und ritt auch aus dieser Stadt. Er wußte nicht wohin.
So kam er nach Paris.
Er ritt hinein. Sein Kopf erdröhnte. Das war die Stadt Villons, die Gärten
der Jugend, Gassen und Tavernen. Er faßte nichts und ritt.
Sein Pferd hielt an. Wie einen Schlafwandelnden riß es ihn aus der
Betäubung. Er sah durch Nebel und Erinnerung.
Sein Tier hielt vor dem Schloß der Herzogin. Doch sie kam nicht das Gitter
heruntergeschritten mit den vergoldeten Staketen. Keine Handbewegung
erfüllte den mittäglichen Garten. Er wartete und kehrte um.
Fliegenden Mundes durchstürmte er die Keller, die Kneipen der Stadt. Er gab
ein Schauspiel für viele in den Tagen dieser Suche und Fahrt. Er trug den
Orden des Goldenen Vlieses durch die Spelunken verkommener Akteure und
Mörder. Gier, Altes, Bekanntes zu sehen und zu befragen, trieb ihn rastlos.
Doch er traf keine Seele, keinen Kopf, von dem er wußte. Vertraut und
dennoch durch die fehlenden Menschen unsäglich entrückt, kamen ihm Bänke,
Schilder, Räume ins Gesicht. Die Kirche Notre Dame jagte er vor Angst
vergehend hinaus.
Der Herzog von Ventadron war lange tot. Niemand wußte um seine Frau.
Ihr Lächeln aber stand wie ein Mond, milder und heller werdend, über ihm.
In einer Nacht hielt er sich nicht mehr, erhob sich, schlich den Weg durch
den Garten zur Rückseite des Schlosses, erbrach es und durchwanderte es die
ganze Nacht. Gegen Morgen quoll ein Zorn in ihm auf, daß er den Degen nahm
und, vor Wut schreiend, das Zimmer zerhieb, in dem sie geschlafen haben
mußte.
Dann sank er um, und als er erwachte, war nur eine große Müdigkeit in ihm
und Sehnsucht nach Stille. Viele Tage blieb er im Bett seines Gasthofs,
dachte, schlief und besah die Bäume im Garten, hinter denen blauer Himmel
und Sternentfaltung sich vollzog. Er stand dann auf und ließ Bettler kommen
und Insassen der Kneipen und schenkte ihnen seine Kleider. Sein Gold nähte
er in den Mantel. Nur das Metall behielt er des Goldenen Vlieses unter
grauer Wandrerkleidung auf der Brust. Er vergaß seine Schuld zu zahlen,
müden Auges, fast ruhig im Innern, zog er wieder in die Welt.
Nach wenigen Tagen kam er an ein Kloster, das in fruchtbarer Ebene lag.
Soweit, daß die Sonne die Kuppeln morgens mit Glanz enthüllte, schwebte der
weiße Bau eines anderen Klosters gegenüber vor dem Horizont. Die Luft war
klar und mild, es roch nach Blumen und Stille.
Da hielt Villon den wandernden Fuß an und beschloß sein Leben hier dem Ende
zuzuführen. Dicht am Kloster war ein Konvent für Menschen der Welt, die,
der Einsamkeit anheimgegeben, Gott suchten, die Gebräuche der Mönche
teilend, ohne Klerks zu sein. Ihnen, die aus großer Welt kamen, schloß sich
Villon an, denn der Geruch der Mönche und Tonsuren stach ihn fuchsend in
die Nase und das Die-Ruhe-Wollende seiner Seele überstieg noch nicht seinen
Instinkt.
Er half dem Pförtner, den die Gicht angeschwellt hatte und der, mit
vernichteten Gelenken, nur die Augen bewegte und vier Finger der linken
Hand.
Seine Liebe war jedoch der Garten. Wenn er morgens erwachte, sah er über
die Beete und die Ebene hinüber zum anderen Kloster, das sich aus dem Nebel
schälte. Dann erhob er sich und begoß im Schatten, eh die Sonne Brand
herunterwarf. Mit Messer und Schere zähmte er den schmalen Weinberg, umgrub
die Wurzeln und schleppte schweißiger Stirne schwere Wasserkannen den Hügel
hinan. Ihm unterstand die Hühnerzucht, und er mästete die Tiere, Körner vor
sie streuend, und sandte manches fette Huhn als Geschenk ins andere
Kloster. Oft half er den Käse bereiten. Manchmal fing er Fischottern und
briet sie, und eines Morgens stand ein zarter Amarellenbaum im Garten, von
dem niemand wußte, woher er kam.
In den freien Stunden des Mittags ging er ruhig durch den Hof und mit
langen gemessenen Schritten hin zwischen den Beeten. Er sah Eidechsen die
braunen Köpfe auf den weißglühenden Steinen sonnen, und hin und wieder saß
eine Kröte unter dem Holunder.
Letzte Stille schien über sein Leben gekommen.
Da schlugen Zigeuner ein Lager auf, nahe dem Konvent. In der Nacht sahen
die Kleriker Villon berauscht in zuckenden Sprüngen im Feuerschein. Später
durchtobte er das Haus, zerschlug die Scheiben und füllte die Kirche mit
satanischen Rufen. Altardecken beschmutzte er, als er die Weinfülle wieder
ausspie.
Sie waren erstaunt so sehr, daß sie Mitleid mit ihm empfanden.
Der Abt sprach ihn ohne Buße frei.
Villon grübelte tagelang, dann ging er in die Zelle des Abts: »Ich stahl
den Amarellenbaum nachts im Nachbarkonvent,« sagte er und wies hinüber nach
den weißen Mauern.
Der Abt befahl ruhig, den Baum hinüberzutragen.
Da brüllte Villon: »Strafe mich!« und trommelte die Fäuste auf die Brust.
Der Abt verneinte lächelnd.
»Warum?«
»Du hast den guten Willen,« sagte der alte Mann kühl.
Villon aber stand noch eine Weile, ehe er die Zelle verließ, die
Augenbrauen gegen die Schläfen hinaufgezogen, und starrte vor sich hin.
Als er am Mittag, den zagen Baum in der rechten Hand vor sich haltend, zum
Frauenkloster ging, sah er durch die geöffnete Tür die Priorin den Hof
durchqueren.
Da brach sein Herz, daß er aufschrie und Seligkeit ihn so erhob, daß er
begann, das Haar aus seinen Schläfen zu reißen und schrie.
Aber sie wandte ihm nur das Gesicht zu. Es war jung und strahlte groß. Ihre
Haare waren weiß. Es war die Herzogin.
Sie staunte nicht. Sie lächelte nur und winkte einer Dienerin, die den Baum
von ihm nahm.
Doch da schrie er schon nicht mehr, sondern kniete verzückt und wagte nicht
aufzusehen. Lang blieb er so vor längst verschlossenem Tor.
Mit der Dämmerung erhob er sich und singend: Regina celi laetare alleluja
-- schritt er, die Arme ausgebreitet, nach seinem Haus. Dort schloß er sich
ein und sang Tag und Nacht. Erleuchtung schien über ihm zu sein. Aber nach
einiger Zeit kam er heraus, älter in der Haltung, aber froher, durchlebter
von Geist, und wandte sich seiner Tätigkeit zu wie seither.
Er floh nicht.
Nichts änderte er an sich. Wochenlang sah er kaum nach dem anderen Kloster.
Er sprach weniger zu seinen Genossen. Mittags einmal, als sie speisten,
erschien ein großer Edelmann des burgundischen Hofs und ließ Hörner blasen.
Der Abt erschien. Er aber wollte nur zu Villon, dem er die Bitte brachte,
zurückzukehren. »Weiber und Löwen brüllen nach dir,« schrie er hinauf nach
Villons Fenster, der ihn in dieser Haltung empfing. Doch Villon sagte: »Gib
ihnen Fressen« und machte eine Bewegung, eh er zurücktrat, lächelnd mit der
Hand.
Nachts nach Wochen brach er einmal auf, er widerstand nicht mehr. Wie ein
Dachs umschlich er das andere Kloster. Seine geschärften Augen nahmen die
Steigung jeder Treppe, die Bewegung jedes Lichts auf. Er wußte bald um das
Zimmer der Priorin.
Dann zog er sich wieder lange in sein Zimmer zurück. Seine einzige
Genossenschaft waren zwei Tauben, gefleckt wie Falken mit langen Schweifen.
Sie trennten sich nie mehr von ihm. Ging er in hellen Nächten über Land,
saßen sie auf seinen Schultern, und sie umtanzten ihn im Garten, wenn er
grub.
Eines Tages aber beendete er diese Art mit ihnen zu sein. Er zwang ihnen
seinen Willen auf, daß sie aufstoben, sich in die strahlende Höhe warfen
und verschwanden. Sie wußten ihr Ziel.
Jeden Monat einmal schob er Papier in ihre Federn, auf dem Verse standen.
Doch schämte er sich dann ein jedesmal. Einmal aber hielt seine erstarrende
Hand, die die Heimkehrenden aufnahm, beim Einfangen eine Blume fest.
Da nahm er das Höchste, was ihm blieb vom Leben, er trennte sich davon. Er
löste von seiner Brust die Schnalle des Goldenen Vlieses und band es der
Taube um. Heimkehrend die gleiche Nacht trug das Tier, flatternd vor
eisiger Kälte, einen Ring aus Haaren geflochten, über die Flügelenden
gestreift.
Aber die weiße Farbe der Haare schlug ihn nieder, daß er nie mehr wagte,
Dinge hinüberzusenden. Und was gab es noch, das die Unendlichkeit dieses
Gefühls überträfe.
Nach einem Jahr gab ihm der Abt Auftrag, hinüberzugehn und mit der Priorin
zu verhandeln um eine Orgel. »Es ist dein Fach,« sagte er und wandte sich
zu den Papieren um. Villon weigerte sich. Er schüttelte den Kopf.
»Ich will nicht.«