Als der Klang dieser Worte sich erhob, scholl eine Stärke darin, die
dröhnte, daß Villon nachgebend sich beugte und ging.
Am Gitter traf er die Priorin. Gesenkten Blickes richtete er den Befehl aus
und sagte ihn her ohne Stocken. Sie antwortete nicht. Sie hielt mit einer
Hand sich in der Höhe der Achsel am Gitter und sah ihn an. Er lehnte auf
der anderen Seite gegen das Eisen. Dann hob er den Blick und traf ihr Auge.
Als dies eintrat, verwirrte sich sein Mund. Dunkel bog sich um seine Stirn
und klammerte sie zu. Er wollte danken, daß sie Güte über sein Leben getan,
aber ihm schienen unbegreiflich seine Lippen zu beben vor Flüchen. Doch aus
der Seligkeit, die ihn erschütterte und hinstieß, daß das Eisen knirschte
unter seiner Schulter, hob sich durch die Verwirrung der Gefühle ein
Augenblick der Jugend. Und er sagte:
»Als Kind, wie ich Psalter sang . . .«
Sie wartete noch eine Weile, freundlich lächelnd. Sein Mund jedoch trug den
Fluß der Gefühle, der riefenhaft anschwoll, nicht mehr. Er stammelte in die
Luft.
Fern sah er sie noch einmal durch den Hof gehn. Sie wandte am Tor das
Gesicht und wies leicht, ohne den Arm zu rühren, mit dem Finger nach oben.
Er wußte, daß er sie nie mehr sehen werde. Es war das Letzte.
Die Tauben allein flogen noch, bis ihr, als sie betete, ein schwerer Stein
aus dem Gebälk im späten Sommer den Nacken zerschlug. Zehn Nonnen, steif in
weißen Leinen, trugen ihren Sarg in die große Kirche des Männerklosters.
Als die Prozession vorbeiging, losch der Himmel aus. Dunkelheit schoß an
den Rändern des Horizonts herunter, band sich zäh an die Erde und trieb
Nacht und Wolke vor sich, die brüllend heranwälzten.
Dann schloß die Kirchentür. Villon erhob an seinem Fenster den Kopf und sah
die Sonne in einem Strahlenkranz, dessen Zacken alles berührten. Es wurde
Abend!
Er ging hinein ins Land. Je tiefer er aber vorausschritt, um so leichter
trugen ihn die Füße, und die Stoppelfelder legten sich wie Seidenwalzen vor
ihn. Wälder wogten unten über dem Fluß in das Dunkel der blauen Dämmerung.
Er dachte an Joi-Novel, denn ungezählte Mäuse überkrochen die Erde.
Aus einer Hütte, um die Bohnen hoch schossen, trat ein Mädchen mit einer
Hacke. Sein Blick fiel auf ihre Hüfte, die sich leicht wölbte. Der
Bückenden bogen die Brüste sich aus dem Tuch und die Beine standen rund und
straff vom Rock gehalten. Er sah in die Dämmerung weg, die den Wald schon
einsog und rotbraun wurde, dann fiel sein Blick zurück. Wieder wandte er
den Kopf. Aber in der Sanftheit eines ungewohnten Jahres war sein Blut
angeschwollen und warf sich bäumend auf.
Doch er zwang sich und bebend sprach er sich vor: »Der Tod der Herzogin
. . . der Tod der Herzogin . . .« Allein die Worte waren ohne Klang. Sein
Schmerz war vor ihm selbst zugezogen und sprang durch Reizung selbst nicht
auf. Er preßte noch einmal sein ganzes Bewußtsein wie einen Stempel auf,
daran zu denken, daß sie in der Kirche liege, die Prozession, der
Weihrauch, der schreiende Tod.
Aber es war nicht stark genug.
Seine Hände ergriffen das Mädchen, und sein Blut sprang an das ihre wie an
das keiner Frau.
In der Nacht kehrte er zurück, die Sterne anflehend, ihn zu erschlagen. Er
ging in den Zwinger und löste die Hunde, die auf Wölfe geschult waren. Sie
rissen die blutigen Lefzen auf. Aber keiner sprang zu, so sehr er die
Gurgel wies.
Da schien es ihm, sein Herz selbst müsse springen und aufplatzen vor
Traurigkeit und Verzweiflung. Er nahm ein härenes Hemd, band einen Strick
um das Genick und legte sich auf den mit Asche bestreuten Boden und wartete
so auf den Tod.
Um die dritte Nachtstunde, da er noch lebte, erhob er sich, mehr
verzweifelt, und schlich an die Kirche. Dort horchte er. Dann ließ er die
Befangenheit und stieß, sich aufrichtend, die dumpfe Tür mit dem Fuß auf
und trat ein. Der offene Sarg stand zwischen wächsernen Kerzen. Ein fremder
Mönch hielt die Vigilie. Er sah auf und wies ihn mit der Hand streng
hinaus.
Villon hielt ihm das Messer vor den Bauch.
Da zerfloß das hagere Gesicht des Mönchs in Mitleid: »Du mußt elend sein,«
sagte er.
Aber Villon, außer sich, achtete nicht auf ihn, sondern warf sich
aufheulend wie ein Hund quer über das Fußende des Sarges und blieb so.
Jede Viertelstunde sang der Mönch einen Psalm und scheuchte ihn nicht.
Plötzlich sah Villon auf und, vom Anblick der Toten geschüttelt, schrie er:
»Schreier, mach das Maul zu! Schweig. Gib mir eine Antwort: kann es sein,
diese Frau zu lieben und am Abend ihres Todes eine Dirne zu umarmen? Kann
es sein?« Er drohte mit der Stimme und stieß mit den Fußspitzen haltlos auf
den Boden.
»Du hast die Inbrunst,« sagte der Mönch.
»Sie hilft nicht durch,« schrie Villon im letzten Zorn sich
entgegenstemmend: »Ich habe die tripolitanische Heilige verehrt und nannte
sie mit gleichem stinkendem Atem Hure. Die Güte der Herzogin schien mich
an, aber ich stahl und tötete.«
»Ereifere dich nicht. Ich kenne dein Leben,« sagte der Mönch.
Er war die Pfeiler hinabgeschritten, Lichter löschend, und wie er sich
unten umwandte, schien seine Gestalt mit dem Plafond verschwommen, seine
Kutte schwebte in einer dunkelen Glocke um ihn und verwuchs den steinernen
Rippen der Kirche, und vor den Augenhöhlen seines riesigen Kopfes wogten
die Schatten des Weihrauchs. Wie er jedoch, im Chor stehend, nun die Stimme
erhob, war seine Gestalt wieder klein und gewöhnlich, doch die Rede, die er
begann, wurde vor seinem Munde so furchtbar, daß in der ertosenden Kirche
sich die Echos blendend zerschlugen.