Er warf sich auf die Knie nieder und schrie: »Laß mich!«

Die Gestalt aber wandte nicht ihr Gesicht (er bedurfte es nicht, um sie zu

wissen), doch sie machte eine große Bewegung mit ihrer Hand und

durchschritt die Tür.

Aufschwingend stürzte er nach: »Warum,« schrie er, »warum verfolgst du mich

mit Güte, -- -- -- warum überlädst du mein Leben mit Licht? Ich bin hilflos

dagegen. Aber ich will es nicht.«

Die Tür war zu.

Er hämmerte die Fäuste dagegen und Schaum deckte sich über seine Lippen:

»Laß mich, verdammt, ich fluche dir, in meiner Niedrigkeit. Das Heilige an

deinem Tun verzweifelt mich . . .«

Und er bäumte auf und stemmte sich dagegen.

Allein der Raum war leer, und nichts vollzog sich.

Böse und zornig setzte er sich in die Ecke.

Eine Furcht erfüllte seine ganze Nacht, die er verstockt und fluchend

wachte: sie würden ihn befreien, ohne Gegenleistung, die er von Gott erbat.

Am anderen Morgen geschah es. Er wurde frei.

»Ich weigere mich,« sagte er und verließ den Klotz nicht, auf dem er saß.

Die Wächter stießen sich mit den Ellenbogen in die fetten Seiten und

bestaunten sich.

»Es ging um deinen großen Kopf,« sagte einer und stemmte die Hände auf die

Hinterschenkel.

Villon lief wie ein Marder auf und ab: »Wer fällt dem Recht in den Arm?

Warum setzt Unrecht sich gegen Gesetz? Ich stahl. Möge man mich rädern.

Aber es ist feig, mich laufen zu lassen ohne Buße.«

Sie aber lachten und warfen ihn wie ein Tier auf die Straße.

Dort legte er sich auf die Erde aus Trotz. In der Nacht leckte ein Hund

sein Gesicht. Er küßte ihn auf die Schnauze, umschlang den dürren Hals mit

beiden Armen und schluchzte in das Fell.

Darauf gingen sie beide weiter aus der Stadt hinaus in das Feld. Sterne

überklommen den Himmel nicht, den Nebel zudeckte, in dessen Schein ihre

Schatten riesenhaft vor ihnen hingen. Da er das Tier liebte, nannte er es

Joi-Novel.

»Sie lebten lange im Wald ein einfaches Leben. Wandernd kamen sie an eine

Jagdhütte, die eine schlichte Frau bewohnte. Sie bot ihnen Obdach, und sie

gewöhnten sich daran und blieben. Einfache Liebe beglückte ihn.

Eines Tages, als er jagte, teilten sich die Büsche, und in den

auseinandergeschlagenen Zweigen ritt eine Frau auf ihn zu. Sie hatte ein

kastilisches Pferd mit weißen Füßen.

Sie hielt kurz an, und er verbeugte sich.

»Ihr Name?« fragte die Dame.

»Villon.«

»Villon . . .,« sagte sie und zog die grauen Augen zu einem Strich

zusammen, warf den Blick von seinem Gesicht bis zu den Füßen, streichelte

über den Pferdehals und ritt davon.

Sie hieß Loba. Sie bewohnte das Schloß in der Knickung des Waldes zwei

Stunden von Marseille. Die Frau in der Hütte sagte es ihm, als er Joi-Novel

eine Amsel zu speisen gab.

Am Morgen klopfte ein Diener und befahl ihn nach dem Schloß. Er aber sagte,

daß niemand von ihm zu fordern habe, schlug den Diener und jagte ihn.

Später traf er die Gräfin wieder im Walde.

»Warum kommen Sie nicht?« fragte sie. Ihr Zaumzeug aus limusinischem Leder

und Silber blitzte. Ihr Gesicht war kühl und zugekniffen.

»Was soll ich dort?« sagte er ruhig. »Lassen Sie mich hier, wie es paßt für

mich, niedrig und in elender Zufriedenheit!«

Sie warf den Arm mit einer Gerte in einer ungestümen Bewegung nach

aufwärts, folgte der Kurve mit einem großen Blick und ritt grußlos.

Nach einer Woche ließ sie ihn bitten, unter ein Bild ihr zwei Verse zu

setzen. Er widerstand nicht. Aber es schmerzte ihn, daß es ihn hochzog.

Doch da der Zug übermächtig war, folgte er.

Sein Anzug vollendete sich wieder höfisch. Seine Bewegung entschälte sich

dem Schweifenden und erhielt Maß. Sein Mund bequemte sich dem runden Fall

schöner Vokale. Aus den Fenstern des Schlosses sah er das Meer als dünnen

blauen Rauch.

»Ich liebe das Tier nicht,« sagte Loba und deutete auf Joi-Novel. Dies

bedeutete des Hundes Verstoßung. Als die Sehnsucht ihn zurücktrieb, seinen

Tod. Villon tötete ihn eifrig und unter Tränen.

Lobas Gatte kam einige Zeit erst, nachdem Villon sich seiner Gefolgschaft

gereiht hatte, zurück zum Schloß. Seine breite Gestalt verteilte

zufriedenes Gleichgewicht. Als er Villon sah -- -- und da er ihn nicht

liebte und nicht haßte -- -- gähnte er, um seine leidenschaftslose

Billigung darzutun. Auf Festen sang Villon Lobas Geist und Gestalt. In

verschwiegenen Nächten hin und wieder schlich er sich zu Küchen und

Dienerkammern, Würfeln und Wein und Geschwätz.

Scheu wie ein Hund wandte er den Blick weg von der vergangenen Zeit. Er zog

den Hals schräg und blinzelte in die Sonne, wenn ihm der Gedanke kam. Durch

den verhängten Raum seines Willens drang kein Laut in das untere

Bewußtsein.

Traf er Loba morgens im Saal, kreuzten sich ihre Wege. Sie ging an ihm

vorbei, ihn kaum sehend und doch mit einem Lächeln, das seine Knie

erschütterte. Fernbleibend bewegte sie durch Duldung allein den Kern seines

Wesens. Ihn zog es so hingerissen zu Loba, daß die Frau in der Hütte seinem

Gedächtnis entschwand, daß er sich unter Loba breiten wollte, damit sie

herrschend seinen Dienst nehme, in jeder Form.

Er nannte sich Wolf, damit sein Name dem ihren gleiche. Er zog ihr

Wachtelgeier und Lerchenfalken. Ihre venezianischen Gläser zierte er mit

gebogenen Sprüchen. Nie fehlte er, das Federkissen auf ihren Sattel zu

schieben.

An einem Jagdmorgen nahm er die Haut einer Wölfin und schlang sie um sich.

Aufbellend nahm die Meute seine Spur. Er lief, als gelte es sein Dasein und

hörte Lobas Schnalzruf an die Hunde. Quer lief er durch den Wald. An einer

Lichtung kreiste ihn die Meute ein.

Ein schwarzgefleckter Jagdhund biß sich in sein Genick.

Hochspringend, als andere Hundeleiber sich über ihn wälzten, scheuchte er

das Vieh zurück und stand blutend vor Loba.

Sie ritt den kastilischen Hengst wie zum ersten Male und zog die Augen zu

einem schmalen Spalt. Er verneigte sich und verbiß die Schreie. Sie

lächelte ein wenig und sagte:

»Eilen Sie zurück!«

Heulend vor Schmerz, schweißend, erreichte er das Schloß. In den

Fiebertagen näherte die Gräfin sich oft seinem Lager, entfernte die Binden

und goß zyprisches Öl in die Wunden. Er, der nach Dienerinnen hieb, die

laut die Diele überschritten, hielt den höllischen Schmerz aus mit ruhigem

Gesicht und strich einmal über ihren Arm, die Seele geduckt in Erwartung,

daß sie ihn ins Gesicht schlüge. Doch sie sah ihn nur an.

Wie es ihm besser erging, faßte ihn ein törichtes Glücksgefühl, für das es

keine Rechenschaft, keine Begründung gab. Jedem Menschen erwies er Freude.

Er sprach mit den Kühen. Er tanzte allein im Walde und rief: »Barral,

hättest du Fleisch noch auf den Knochen, wie lachtest du über Villon -- --

--«

Dann wagte er in mondloser Nacht zur Gräfin hinaufzuschleichen. Auf der

Treppe verließ ihn die Kraft, er wurde feig und kehrte um.

Das andermal wusch er sich gründlich und badete lang, damit ihn nicht

plötzlich Furcht überfalle, es möge Erde irgendwo an ihm sein, denn die

Angst seiner Herkunft saß in seinem Blut. Sodann stieg er hinauf. Sein Herz

drängte selig nach ihr. Er hatte Mut.

Beim Betreten des Gangs blieb er stehen. Etwas huschte an ihm vorbei und

hielt lauschend an. Es war eine der afrikanischen Mägde, deren Haut

goldbraun glänzte. Er sah es, wie sie sich durch den Lichtschein einer Tür

bewegte. Er sah ihre weiche Hüfte und pfiff leicht. Sie wandte den Kopf,

und ganz gefüllt mit ihrem Bild folgte er ihr.

Lange trat er nicht vor Lobas Augen, von Reue angenagt. Sie sandte ihm aber

einen arrasischen Teppich, daß er einen Spruch dafür zeichne. Er machte

eine große Tirade und schöpfte aus ihr neuen Mut. Sein Spiegel wies ihm ein

scharfes Gesicht schöner Männlichkeit. Er legte eine Schminke darauf aus

Quecksilber, Bohnen und Pferdemilch, damit die Schläfen einen weicheren Ton

erhielten.

Darauf wagte er es.

Ihr Zimmer war unverschlossen. Nähertretend sah er sie liegen, es kam viel

Licht vom Himmel, darum sah er sie genau. Er beugte sich nieder und küßte

sie auf den Mund.

Schlaftrunken nahm sie die Hand von der Brust und hob sie zu ihm, und

denkend, es sei ihr Mann, erhob sie sich und stand auf. Da sah sie Villon

vor sich. Sie tat nichts zuerst. Sie sah ihn an.

Diesen Blick trug er wie ein Mal tief im Haß seiner Seele weiter. Er

knallte ihn zu Boden.

Dann seinen schiefen Blick sehend, begann sie zu schreien. Türen schlugen.

An Mägden vorbei, die mit Kerzen kamen, verließ Villon eilend das erregte

und helle Schloß.

Er fühlte überall Schmutz an seinem gebadeten Leib.

Zweimal murmelte er: »Bande . . . Bande . . . -- -- warum, Villon, gabst du

dich, Sohn einer Dirne, den Feinen hin -- -- -- --?«

Die Nacht war schön. Wind blätterte sanft durch den Baumstand.

Durch den Wald irrend hob er die Hände zwischen den Stämmen und rief:

»O Joi-Novel, wo bist du nun?«

Bebend vor Zorn und in heißem Schmerz über des Hundes Tod, der seine Seele

nun schwer bedrückte, eilte er nach Marseille. Im Hafen lebte er versteckt

zwei Tage, bis eine Ruderbark nach Genua abfuhr. An den Mast gelehnt, das

wundersame Meer umfassend und voll Angst, seekrank zu werden, verließ er

aufgerichtet das heimatliche Ufer.

Den fremden Strand besprang er mit Gleichmut. Seine Erregung hatte die

Bewegtheit der Wellen eingesogen. Er durchstreifte die Stadt und verließ

sie. Auf und ab wandernd die Küste des Meeres, durchmaß er Italien und gab

wenig Acht auf Monat und Jahr.

Er schlief auf schlechter Streu und in Betten, er ward verfolgt, und Ehre

umgab ihn wie Beleidigung. Lungernd trieb er sich im Gewühl der Häfen hin

und gab sich tagelang dem Meere preis an heller Küste mit entkleidetem

Körper, Sonne aufnehmend und in die geweitete Seele das Meer einspannend.

In einem Winter schloß er ein Quartett zusammen, das die Schelle, den

Tamburin, eine kleine Orgel und die Querpfeife führte. Die Feuer mancher

Höfe und Märkte, das Geschrei vieler Nächte umfuhr die vier seltsamen

Gesichter. Dann löste er sich hiervon wieder, schwankte trunken und

verkommen, geldlos die Taschen, in die Städte, bettelte alte Fische und zog

Ringe von Damenfingern. Mancher Morgen aber umschlug ihn, auf einem Pferde

sitzend, lässig die Haltung, ein Birett über dem Kopf und eine Harfe am

Sattel, deren Kopf eine Wölfin war.

Als er Genua, von Syrakus kommend, durchwanderte einmal, sah eine volle

Frau aus einem Fenster, und er blieb stehen. »Dein hoher Busen reizt mich,«

sagte er. Sie betrachtete ihn und schimpfte ihn: »Provenzale!« Doch er

lachte und wies auf ihre Brust.

Er schlug einige schiefe Triller an und intonierte: »Dein hoher Busen

. . .« Die Frau wurde rot vor Zorn und schrie: »Ich verstehe dich weniger

als einen Berber, Deutschen oder Sarden.« Jedoch nahm sie seine Hand und

führte ihn in ihr Haus. Im Gange dann schlug er den Arm hoch um ihre Hüfte,

und da sie dies verstand, entfremdeten sie sich nicht mehr.

Gut gepflegt nach Abenteuern des Weges blieb er gern bei ihr. In den

Jahren, die daraus erwuchsen, erhielt sie Gewalt über ihn. Wohl schlug er

sie manchmal, wenn er trunken war oder eine andere zufällig genossene Frau

ihn zu neuem Mut gespeist hatte, aber später ihr Blick duckte ihn wieder

feig. Einmal prügelte sie ihn und warf ihn vor die Tür. Es war eine bittere

Nacht, und der Hahn schrie vor Kälte. Morgens kroch Villon wieder in das

Haus.

Er fühlte, daß sein Leben nicht mehr weit ausschlug, sondern im Kleinen

hinschwankte, und trotz manchen Schmerzes befriedigte es ihn mit Wollust.

Sie besaßen einen Raum, in dem sie Wein ausschenkten. Menschen aller

Gattungen schoben sich vermischt durcheinander zwischen diesen Tischen, die

nie leer wurden. Hier traf er Babolin und Jaufre Rudel, die mit ihm waren,

als er die Antilope holte im königlichen Garten. Doch er redete wenig davon

und ließ sie ziehn. Fremde Herren, die mit den schlanken Weibern der

unteren Viertel schwelgten, trafen sich in diesen Räumen. In den hinteren

Zimmern, die sie später aufsuchten, entkam ihnen manches Kleid, viel Geld

und Schmuck, der Villons Reichtum erhöhte.

Sein niederes fettes Leben gab ihm keine Verse mehr.

Da sprach eines Abends ein reisender Lombarde von der Fürstin von Tripolis,

die niemand noch sah auf der Welt, und deren Güte und Schönheit an kein Maß

reichte.

In dieser Nacht schlief Villon schlecht neben seiner hochbusigen Frau, und

in den folgenden kämpfte er verbissen gegen sich selbst.

Am Mittag des vierten Tages ging er an das Meer, über dem die Sonne lag,

und da überfiel es ihn. Als werde er leicht und verliere sein Gewicht,

erschien es ihm; der Himmel wurde heller und weißer, und es vollzog sich

eine Klarheit des Gesichts in ihm, daß er bestürzt zu Boden fiel. Wo er

gedacht hatte, sein Leben beschließe sich in ruhiger Niedrigkeit, entstieg

es ihm steil und seinem Willen und wuchs in das Lichte des Himmels hinauf.

Taumelnd durchlief er die Straßen bis zum Abend, nahm dann viel von dem

gesammelten Geld und verließ die Stadt.

Ein Schiff fuhr ihn. Das Meer glänzte. Die ferne fremde Küste schwebte ihm

entgegen. Als er ausstieg, war sein Herz nach oben hin beschwingt . . .

nach Herrlichem lüstern, Gutes zu tun bereit, seine Seele voll Verachtung

auf das Seither.

Der Strand war ungewohnt herrlich. Indigofarbner und blauer Zindel stand in

den Gärten. Pferdestimmen riefen. Hörner und Klarinetten ertobten aus den

Zelten.

Er mischte sich unter die Menschen. Doch hier war nicht das Hoflager der

Fürstin. Tagelange Reisen brachten ihn zu ihrer Stadt.

Er fragte ihren Palast. Er klopfte an.

Allein die eiserne Tür bewegte sich nicht. Er sang und rief und trotzte.

Doch sie blieb ihm verschlossen. In wochenlangen Listen erschöpfte sich

sein Hirn, aber keine Klugheit brachte ihn näher. Er lernte die Sprache des

Landes und die Dialekte der Städte. Er wurde schwach und wich vom Pfade der

Sehnsucht und besaß geringe Frauen, aber sein großes Gefühl erzitterte nur

sacht unter ihnen und warf sich in weiter Flut von neuem nach der Fürstin.

Als er heißköpfig von Wein eine Nacht mit Edelleuten aus der Bretagne

würfelte, spotteten sie auf seine Sehnsucht. Im Zweikampf ringend auf

bretonische Art warf er den einen, der andere aber besiegte ihn. Da spie er

ihm in das Gesicht vor Wut, daß dieser seine Hoffnung zertrete und auch im

Gottesurteil über ihm sei.

Er versuchte es zu zwingen, daß er die Fürstin sähe.

Er ritt mit einem großen Hengst klirrend auf die Brüstung vor dem Schloß,

warf den Arm auf und schrie hinauf nach den Fenstern: »Du Hure.« Doch

niemand nahm Acht davon. Da schäumte er und schwur bei seinem Gedärm und

den Wunderzeichen von Compiègne, daß er die Fürstin besitzen werde. Doch

der sonst menschenvolle Platz war ausgestorben, und kein Fenster öffnete

sich, keine Strafe kam.

Nun bestach er die Wachen mit Geld von verkauften Reliquien (deren Handel

er großzügig an Europäer betrieb) und verführte liebend und mit Gesang

Dienerinnen des Palastes, es war umsonst. Hingenommen von seiner Aufgabe,

überließ er seine Tapferkeit den Heerführern der Fürstin, streifte durch

unerhörtes Gebiet, sah Tier, Waffen und Mensch, die er nie erahnte.

Als Belohnung erbat er, die Fürstin zu sehen, deren Ruf er, singend, in die

Levante hinein erhob. Er bat, befahl und drohte. Es war umsonst.

Da ließ er, geruhiger, vom Trotz und lebte still verehrend in der Nähe des

Palastes. Bald bekam er von ungefähr, ohne daß er die Hand nun danach

streckte, eine Stelle in den Anlagen. Monate diente er, indem er Sklaven

beaufsichtigte. Eines Morgens, als die Aussichtslosigkeit seiner Sehnsucht

ihn bedrückte, in Verzweiflung und Ungeduld, schlug er eine junge Sklavin,

daß sie schrie.

Während er schlug, erstarrte sein Arm. Ruhe überkam ihn mit strömender

Gewalt. Er drehte sich.

Über eine Terrasse schritt eine Frau herunter, ganz in hellen und roten

Farben. Ihr Gang betäubte ihn. Langsam verlief das Bild nach der Seite des

Wegs. Er breitete die Arme hoch.

In diesem Augenblick wandte sie sich um. Ihr Gesicht strahlte kurz herüber.

Der Garten begoß sich mit Licht.

Villon fiel nieder, demütig die Hände gefaltet. Sein Herz neigte sich. Er

weinte in die Hände über seine Schlechtigkeit. Als er aufsah, machte die

Fürstin eine leichte Bewegung dahin, wo wolkenloser Himmel stand, und ihr

Bild erlosch hinter Gebüsch.

Drei Jahre sog Villon Kraft zu stiller Tätigkeit und Leben, das nach der

Höhe des Herzens zielte, bis eine Pest die ganze Landschaft überzog und die

Fürstin mitnahm.

Bei ihrer Beisetzung stand er vor dem Sarg. Lange blickend und das ganze

Bewußtsein auf sie zwingend, kam ihm ihr Gesicht durch den Stein des

Sarkophags, unter dem sie lag, deutlich entgegen, wuchs durch den Deckel

und erleuchtete ihn. Aber langsam löste sich das Bild und nahm eine andere

Form, die er bebend gewahrte, ängstend und die Hände dagegen gekehrt. Denn

seine Erinnerung sagte ihm, daß sie in dem Teil um das Kinn deutlich aussah

wie Loba. Doch der Glanz um die Schläfen war von der Herzogin von

Ventadron.

Da riß er sich weg von den Trauernden, lief hinaus und begriff es nicht.

Vor dem Haus aber schrie er plötzlich:

»O, warum, mein Gott, gleichen sich die Frauen?«

Tief bestürzt sann er nach, aber _im Grunde blieb nur das Bild der

Herzogin_. Der Gedanke an sie, gegen die er sich sträubte, ließ ihn nicht.

Er kam in Trotz und irrte durch die Landschaft. An die Fürstin dachte er

nicht mehr. Das Gesicht der Herzogin aber stand vor ihm, wenn seine Hände

in den Haaren geringer Dirnen wühlten. Er floh davor. Und auch es sank

zurück, wo er sich ganz dagegen wehrte.

Noch war nicht seine Zeit.

So trieb es ihn in das niedere Gedränge zurück, das er in stillem Leben

verlassen hatte. Das Blut nur gab den Ausschlag seines Daseins. Bald lobte

er Gott und abends spie er ihn aus.

Irrend kam er nach Genua.

Er schlich an sein Haus. Als er es von anderen Menschen bewohnt sah,

empfand er Erleichterung. Nach dem Weib, mit dem er Jahre hier lebte, frug

er nicht. Es kümmerte ihn nicht, mochte sie aus diesem Leben getreten sein

wie aus seiner Errinnerung. Einiges begann er, aber es mißlang, weil er

wenig Trieb dazu fühlte. Eines Nachts band er eine Barke ab, die eines

Wüstlings, den er kannte, Namen trug, und fuhr nach Marseille.

Gereifter im Antlitz, einiges Grau an der Schläfe, betrat er heimatliches

Land. Nachdem er die Barke gut verkauft hatte, mietete er ein kleines Haus.

Er beschloß zu bleiben und sah sich um. Bald legte er die große Kleidung

ab, die er trug. Er griff zu blauen Hosen, dem Wollkleid und roten

Rindlederschuhen und nahm Gürtel und Mütze. Den Orient kannte er zu gut, um

ihm nicht über zu sein im Handel. Durch seine kaufmännischen Hände ging

alle zweideutige Fracht: Speckseiten, Frauen und Gewebe, es gab keinen

Unterschied. Er begann zu schielen und die Hände zu reiben. Oft machte er

Bücklinge vor jedermann. Araber scheuten sich vor ihm. Spanische Juden

nannten ihn den drohenden Finger.

Eines Tages brachte er Spitzen und Steine nach dem Schloß. Er sah Loba,

doch sie erkannte ihn nicht.

Sie stand mitten in der Halle, breit geworden, kinderlos. Graupelz umsäumte

kühl ihr Gewand. In dem dunklen aufgewellten Haar hoben sich stolz die

Büschel der wunderbaren Pfeile des Stachelschweins. Sie herrschte ihn an,

er solle sich beeilen.

Herantretend bückte er sich tief vor ihr. Während sie wählte, beschaute er

sie von unten, schielend, diensteifrig. Sie rührte ihn nicht. Er dachte

vergnügt an ein schmales baskisches Mädchen, das jung war und in

vorgeschriebenen Zeiten ihn besuchte. Er zwang Loba einen unerhörten Preis

ab und ging grinsend vor Wonne und Rache.

Timur: Novellen · 第 10 / 22 题