Die Herzogin

Als der Dichter Villon in Armut und tiefstem Leben der Stadt Paris stand,

sah er die Herzogin von Ventadron. Sie kam ihren Garten

heruntergeschritten, und ihre Gestalt ergriff ihn so, daß er die Dirne, die

ihn begleitete, von sich wies. Er schritt die Reihen des vergoldeten

Stakets weiter, und sie kamen aufeinander zu. Sie aber bog ab, ehe er sie

erreichte, doch ihm gelang es, beim Wenden ihr Gesicht zu sehen. Der Schein

ihres Gesichts fiel über sein Leben, um es nie zu verlassen.

Sein Herz verneigte sich tief vor ihr.

Sanftheit umgab seine kommenden Tage und umwölkte die Ausschweifungen und

Tavernennächte. Eines Abends sammelte er Mondlicht und Sehnsucht mit seiner

Seele und formte es zu einem Gedicht, das er der Herzogin sandte. Er legte

einen Brief hierbei und bat, daß sie den Kopf wende, wenn sie bei der

Auffahrt zum Schloß die vierte Baumreihe erreichte, denn dies zeige, daß

der Vers ihr gefiele.

Sie neigte drei Tage darauf das Gesicht aus einem großen Fächer nach der

vierten Baumreihe. Da sah er es noch einmal.

Sein Herz versank in Demut, alles für sie zu erleiden und Höchstes über sie

zu sammeln.

Nach Tagen erst, weil er elend war, besann sich sein Hirn auf ein Geschenk

für sie. Es schien ihm schön für sie. Er mußte es stehlen. Aber kein Stern

dünkte ihn zu hoch.

Da er Geld zu den Vorbereitungen nicht besaß, verkaufte er zwei dem Chor

entnommene goldreiche Kerzen wieder am Portal von Notre Dame einer

inbrünstigen Frau und trug den Erlös in seine Taverne. Aufgescheucht von

seinem Gelächter, tranken sie seinen Wein, hörten sie seinen Plan, gierig

die Profile, die Augen funkelnd, ihn auszuführen.

Sie brachen mit Fackeln auf. Villon schritt ihnen voran. Barral stieß vor

Wonne sein Messer in eine Tür. Die Gassen schwelten von Dunkel. In der Rue

des Saints Pères stand vor einem öffentlichen Haus ein Mönch, der mit den

Fäusten das Tor verbeulte. Sie gingen, ein Lied beginnend, das ihn

verhöhnte, im gleichen Paßschritt auf der anderen Seite vorbei, und ihr

Gesang dröhnte erzen durch die lange Gasse.

Der Mönch aber kam über die Pflastersteine herüber, stemmte die Fäuste in

die Hüften und begann mit normannischen Worten zu keifen. Er war groß und

breit und die Augen brannten rot. Sie gaben wenig Acht auf ihn und zogen

singend weiter. Einer der letzten stieß ihn auf die Brust mit der Fackel,

daß er, von Funken umsprüht, in eine Pfütze fiel. Aufjagend warf er sich

auf den Angreifer, schrie, aber die anderen lösten ihn los und warfen ihn

prallend ins Dunkel zurück.

Die Dirnen winkten aus den Fenstern und hielten Windlichter auf die Gasse,

aber Villon erhob aufs neue den Gesang und schritt weiter. Wie die übrigen

begannen, ihre Stimmen der seinen zu verketten, brach der Mönch noch ein

letztes Mal aus der Torflucht und hieß, ihn erkennend, Villon einen Säufer

und schlechten Dichter.

Villon zog den Fuß an, ihn beiseite zu treten, ließ es dann mit einer

Grimasse und sang weiter. Der Mönch aber stieß einen Pfeil in seine Scham

und rief: »Sohn einer Hure.« Da erbleichte er, schwankte und warf ihm sein

Messer in den Leib.

Während der Gesang wieder aufschwoll und dumpf die Gassen,

hinuntergleitend, erfüllte, lag der Priester auf der Erde, schrie und stieß

Arme und Beine in die Luft und goß langsam sein Blut in die Gosse. Die

Weiber im ersten Stock des Hauses hängten sich weit aus den Fenstern und

sandten ihm Einladungen hinunter.

Der Gesang war bis zur Seine gekommen. Villon betrat mit seinen Leuten ein

Boot und fuhr dunkelrot beleuchtet den Fluß hinunter.

Villon sagte: »Ich habe kein Blut an mir,« und wusch sich zufrieden die

Hände, denn es schien ihm geringer als der Tod einer Krähe, einen fetten

Mönch zu erschlagen. Plötzlich löschten alle die Fackeln, indem sie sie zu

beiden Seiten der Kahnwände ins Wasser stießen, es zischte, weiße Blasen

stürzten in die Höhe, und langsam legte sich das Boot ans Ufer der

königlichen Gärten. Sie überstiegen einen Zaun und verteilten sich nach

allen Seiten. Hinter Statuen und Bosketten lagen bald alle auf der Lauer.

Villon schlich allein vorwärts. Der Wein sauste durch sein Blut, aber er

fand die Richtung. Barral folgte ihm. Ein Truthahn neben ihnen begann zu

schreien. Ärgerlich drückte ihm Villon den Daumennagel in den Hals, denn er

hatte es nicht auf das Tier abgesehen, das sich grundlos in den Tod hinein

exaltierte. Es geht Sterben ohne Sinn von mir aus -- dachte Villon, indem

er die Tür zu den Tierställen aufbrach.

Aus weißem Stroh sahen ihn im Dunkeln unermeßlich und still glänzende Augen

an. Unter rasch entzündetem Licht breitete sich das sanfte Fell einer

Antilope vor ihnen aus. Villon löste mit der Linken die Schellen aus ihrem

Geweih, während die andere über den Rücken streichelte. Dann nahm er

behutsam das Tier in den Arm und trug es ins Boot.

Sie fuhren zurück und stiegen am anderen Seineufer aufs Land. Hinter dem

Louvre hörten sie das Aufklappern der Lanzen von der Wache. Sofort brachen

sie in Gesang aus, Villon mit dem Tier in der Mitte. Auf dies furchtbare

Signal hin verschwand der Tritt der Wachen in der Ferne. Noch eine Weile

gingen die Leute Villons taktmäßig im Paßschritt.

Dann verstummten sie, Villon ging allein vor bis an ein Schloß, öffnete das

Tor und trat in einen Garten. Auf dem Rasen ließ er sich nieder, schlich

bis an die Mauer, umkreiste den Flügel und band sein Geschenk, die

Antilope, mit langer Kette an einen Rosenbaum auf der Rückseite, damit am

Morgen nach dem Erwachen der Blick der Herzogin sich eine Sekunde sanfter

färbe und kleines Glück sich über den Park ergieße.

Dann kehrte er um, sie zogen zurück und stiegen in eine Kellertaverne, wo

sie würfelten.

Am Morgen zog eine Kompagnie auf, umstellte das Loch und fing einen nach

dem anderen der Herauskommenden ab.

Villon ward feig und fiel auf die Knie, als er sich gefangen sah. Sie

schlugen ihm mit den Schäften über den Kopf und brachten ihn verquollenen

Gesichts in einen der drei Türme. Er fiel die Stufen hinunter, die Wände

waren feucht und überschimmelt, es gab kein Licht.

In den Tagen, die sich zu Wochen zerdehnten, die er hier lag, bekam sein

Auge Macht über die Dunkelheit. Er erkannte den Wechsel des Tages und der

Nacht und die Bewegung des kleinsten Ungeziefers an der Wand. Er sah Kreise

und Strudel von blauem Licht, die Stille bekam Gewicht und sauste über sein

Gehör und er versank in Zustände, die zwischen Schlaf und Wachsein lagen.

Ihm wuchs ein Bart, indem sein Fleisch zerfiel. Ein pilziger Ausschlag

sammelte sich auf seinen Knien. Er dachte an nichts. Das Dasein ohne Welt,

das ihn weich dahintrieb, erfüllte ihn ganz.

Da sprang die Tür auf, zwei Männer mit Lichtern kamen. Hinter ihnen stand

ein Herr in grauem Kleid. Er beugte sich neugierig über Villon. Hierauf

ließ er die Laterne neben ihn stellen und nickte schräg nach oben mit dem

Kopf, worauf die Männer lautlos ins Dunkle der Tür zurücktauchten.

»Man interessiert sich für Sie.«

»Sie?«

»Nein . . .: man.«

Da erhob Villon den Blick genauer und erkannte den Herzog von Ventadron und

verbeugte sich tief und wurde feig und zitternd.

»Sie werden wohl verurteilt,« sagte der Herzog leutselig; »obwohl es mich

ergötzt, die Sache mit dem Klerk, geschieht hiermit Gesetz. Aus andrem

Grunde aber möchte ich mich für Sie einsetzen. Kennen Sie den Abt vom St.

Romacle? Ja?«

Villon, der den Ruf des Abtes kannte, nickte und zog ein schwaches Lächeln

über sein bebendes Gesicht.

»Ich möchte ihn sehr kränken, verstehen Sie. Er hat ein Haus mit einem

Olivengarten, daneben grenzt mein Gebiet. Da steht gerade ihm gegenüber ein

alter Bau mit vielen Zimmern. Sie kennen die Frauenviertel von Paris?

Villon nickte.

»Sie werden wohl verurteilt. Ich aber möchte in diesem Bau ein

Frauenkloster aufschlagen, wo jedem Mann freier Eintritt ist mit Gesang und

Wein. Wollen Sie?«

Da Villon der Plan sehr gefiel und seine Augen funkelten und er

zusammenzählte, wen er dazu gebrauche und welche Tavernen er leere,

erschrak er im Bewußtsein, daß der Fordernde der Gatte der Herzogin sei. Er

fragte sich, ob dies eine Falle sei, doch da er den Herzog kannte als edel,

tapfer und einen großen Verführer der Frauen, stieß er mit dem Fuß auf vor

Freude und sagte:

»Ich kann und will.«

Aber im gleichen Augenblick verfinsterte sich sein Gesicht und zerfiel im

trüben Schein gelben Lichts der Laterne, denn diese schlechte Sache, die er

gern täte, lag zu nah dem Gefühl für die Herzogin und in Scham zergehend,

lehnte er wieder ab.

Der Herzog stutzte.

Dann schwang er einen Schlüssel spielerisch im Kreise und sagte: »Kerl,

dann wirst du gehängt.«

Villon warf sich nieder und flehte hündisch ums Leben.

Er versprach dem Herzog Dinge sonst, von denen er nichts ahnte, obwohl er

Paris kannte wie wenige, aber Villon wußte mehr.

». . . oder -- -- -- aufgeknöpft,« achselzuckte der Herzog.

An dieser Kühle begriff Villon, was es heiße, nicht mehr zu atmen, bis in

die Nerven seiner Zehen. Von dem Ungeheuerlichen des Todes gestürzt, fiel

er auf die Füße des Herzogs, wand sich und küßte sie.

Er kämpfte mit sich, daß er den Plan ausführe, der seine Sinne reizte, doch

er stritt vergeblich gegen das Gefühl, das es ihm verbot, und selbst die

Grausamkeit des Sterbens war gering gegen dies Gefühl.

Es gelang ihm nicht.

Er fürchtete sich entsetzlich und wurde grün. Aber er sagte nicht wieder:

Ja.

Der Herzog entfernte ihn mit dem Fuße von sich und ging.

Villon fiel auf die Knie und betete inbrünstig zu einem Bild, das, aus

seiner Seele heraussteigend, sich durch die blauen Flammenkreise in das

Dunkel hinabneigte, Tränen stürzten ihm im Jubel aus den Lidern. Dennoch

schien es ihm zugleich, als ob er sich zerfleischen solle über den

Wahnsinn, die schöne Einrichtung des Dirnenklosters ausgeschlagen zu haben.

Nicht mehr rauschte die dunkle Luft um sein Gehör. Zwischen Inbrunst und

Schmähung schwankten die Tage. Dennoch kam an einem Morgen die Nachricht,

daß er begnadigt, aber verbannt sei. Eine halbe Stunde darauf verließ er

den Turm.

Zwei Wächter gingen neben ihm her. Ohne Pause schritten sie bis zum Tor.

Sie gaben ihm ein Papier. Er war auf fünfzig Lieues des Umkreises der Stadt

verwiesen. Dann fluchten sie, lachten und ließen ihn laufen.

Und er lief wie ein Hase in einem entsetzten Bogen in die Landschaft

hinaus, bis ihm der Pulsschlag des Herzens in die Gurgel sprang. Dort hielt

er sich an einem Baum. Es war ein junger Birnbaum und schwankte unter

seiner Last.

Er aber sah zitternd an dem schlanken Schaft hinauf, erblickte die

gründunkle Krone, sah den überwältigenden Himmel, streichelte den Baum und

fiel auf die Erde vor Übermaß.

Am Mittag ging er weiter. Die Sonne lag eine lange Straße hinunter

überhell. Auf den Feldern stand Korn und rauschte. Vor der unerlebten

Herrlichkeit der Landschaft ergriff ihn um so tiefer die Wut, daß die Stadt

ihm versperrt sei. So rasch lief sein Herz im Kreis. Er sah sich an, wie er

so zerrissen dastand, ein Bach wies ihm stechende Augen in kalkenem Gesicht

und wildes Bartwerk. Er wankte auf der Straße. Ein Strolch lachte über ihn,

daß es schallte. Aus einem Bauernhof sprang ein Hund, der wütend in die

leblose Gegend hinausbellte.

Er hob einen Stein. Aber er hatte nicht viel Kraft mehr.

Am Abend sank er vor Erschöpfung in einen Graben und schlief. Zwei Tage

lief er sinnlos weiter. Als er am Mittag des dritten an einen Weinberg kam,

in dem ein alter Mann mit stillem Gesicht Wasser goß und Spaten führte,

blieb er neidisch stehen, Arbeit erbittend. Er erhielt sie. In wenigen

Wochen war sein Gesicht braun und bartlos, das Auge erfrischt. Enges Kleid

umschloß den gespannten Körper.

Eines Nachts schlich er an die Grenzen von Paris zurück. Doch schon ehe er

verbotenes Gebiet betrat, erhob ein Kleriker Geschrei, der ihn erkannte. Er

kehrte um. In einer Absteigschenke der Landstraße ließ er sich nieder und

schrieb nach allen Seiten. Er schrieb an Barral, an die anderen, an Weiber

und Wirte. Er flehte und drohte, ihm zu helfen, daß er in die Stadt

zurückkehre. Dann wartete er.

Aber als Antwort kamen nur zwei Dirnen, die er geliebt hatte. Barral sei

entsprungen, die anderen säßen. Er zitterte vor Zorn und schlug sie.

Allein sie erstickten ihn mit Küssen. Schwer gepeinigt und ihrer Treue doch

wieder süß entgegengebracht, schrieb er zwischen ihren Umarmungen und

Scherzen einen Brief an die Herzogin, schrieb: wie sehr sein Sinn sich in

das Hohe treibe und wie rasch er falle, denn sein Blut ziehe wie ein Blitz.

Doch immer sei sein Herz voll Inbrunst.

Als die Dirnen den anderen Tag zurückwanderten, sah er ihnen nach, die den

Brief trugen. Sie hatten schöne Beine, er sah es wieder.

Dann aber weinte er auf dem Rasen sitzend, denn die Welt war weit zwischen

ihnen und der Heiligen, und die Brücke des Briefes zwischen ihnen schmal.

In der Nacht verschwand er, ohne die Zeche zu zahlen.

Am Waldrand hob er, aus dem Schatten noch einmal tretend, die Hand steil

gegen die Stadt.

Dann brach er in das neue Land vor ihm hinein, gestärkt im Inneren und

festgefügt in der Entschlossenheit, daß sein Leben in großes Maß

hineinwachse und gleichschwingenden Strömen sich füge.

Ihm, der nie die Stadt verlassen hatte, war Wandern unbekannt. Nie kam

Gesang in seinen Mund. Sein Gang bewegte sich erfüllt vom Rhythmus seiner

Gefühle. Kaum daß er, aufgescheucht, die Landschaft knapp musterte und in

sich sog.

Einmal dachte er zurück und sah sich wie ein entferntes Spiegelbild, bunt

gekleidet, auf einer Straße den Kopf sanft gesenkt, weither durch ein

unbezirkbares Gitter von Bäumen herkommen.

So erfüllte sich diese Zeit an ihm mit Stille.

Abends betrat er Sonntags eine kleine Stadt. Auf dem Platz glänzten viele

Lichter. Zwischen zwei Bäumen zog sich ein Seil mit Tanzenden. Er mischte

sich am Ende des Spiels unter die Gaukler. Sie kamen ins Würfelspiel.

Trinkend und sich frei gebärdend traf ihn die lässige Haltung dieser

Menschen beglückend. Das selbstgefällige Wiegen der Frauenhüften, die

breite Sicherheit der Männer und beider geduckte Klugheit gaben ihm

Wohlgefühl. Er schloß sich ihnen an.

Sie waren aus Limoges, und die Weiber hatten heftigere Sitten, die seiner

Nordischkeit erregend waren. Sein Können überstieg das ihre im Geschäft. Er

gab schönere Positionen, elegantere Sätze, ihr Beifall wuchs. In Angers

engagierte ihn die Bürgerschaft mit seiner Truppe.

Als sie die reiche Stadt nach Abenden des Triumphs verließen, folgte ihnen

ein Ratsherr auf einem Pferd und bat Villon auf das Stadthaus zurück. Der

Bürgermeister wies ihm einen grauen Mönch und bat, daß er ihn, der Pra

hieß, unterstütze in der Einrichtung einer großen Passion. Villon musterte

kurz den Saal.

Dann verließ er seine schweifende Gefährtenschaft.

Auf einem Faschingsfest der Stadt sprach er den Prolog, die Halbmaske vorm

Gesicht, glühend, daß das Publikum ertobte.

Kommenden Morgens begann er still das Werk.

Dem steifen Redefluß des Priesters fügte er Fülle des Talents. In einer

Woche wies er dem Kleriker Irrtümer der Mythologie nach, zog das Ereignis

in Verse, Kinder sangen sie für geringes Entgelt auf den Gassen. Der Mönch

verließ die Stadt.

Nun umfaßte er allein das Geschäft. Morgens früh begann er die Dressur der

Massen. Er lernte sie die Arme aufstülpen gegen den Himmel, die Gesichter

verzerren und auf gekrümmtem Bauch zu schreien vor Entsetzen. Ein Rudel

Zimmerleute fügte das Amphitheater zusammen in mächtig geschweiftem Bogen,

nah der Kirche auf dem Gräberfeld. Etage der Bühne, Mansion an Mansion,

staffelte sich nebeneinander. Er lehrte die schöne Entzückung, den Schrei

der Brunst und Stille der Ergebung.

Er knetete den Teig der Menge, daß die Glieder des Stücks sich abrollend

wie durch Fadenziehung seiner Finger bewegten. Den Kostümen gab er Prunk,

der Schminke Wahrhaftigkeit. Den Text bearbeitete er mit Glätte und gab ihm

feurige Funken. Ein Hohngedicht auf graue Mönche fügte er ein.

Der Tag wuchs ihm vom Ausgang der Sonne bis ins Herz der Nacht. Wohlgefühl

der Tätigkeit, die er umspannte, durchfloß ihn. Die kleine Weltkugel der

Passion, die in seinen Händen allein ruhte, erhob ihn zu Begeisterung für

sich selbst.

Dann durchfuhr, als das Werk endete, Geschrei die Stadt. Der König zog ein.

Teppiche fielen aus den Fenstern. Binsen bedeckten den Gehsteig. Blumen

lagen im Fahrweg. Quer über die Straße hingen Räucherpfannen.

Morgens begann das Spiel des ersten Tages. Aus dem Zelttuch, das das

hölzerne Theater deckte, fielen zerstäubt gutriechende Wasser. Dann zog

weißgegürtet Villon auf einem Esel über die Bühne. Hörner erhoben sich.

Der König betrat die Loge. Unter Schweigen vollendete sich bis zum Abend

das Spiel. In der Dämmerung erst gab es Tumult. Ein Taschendieb schnitt

einem Adligen den Ärmel ab und versteckte ihn. Villon ließ ihn auf einen

Pfahl schnallen und verhöhnen, denn er gedachte streng zu sein in seinem

Bereich.

Aber in der Nacht band er verkleidet den Sträfling ab.

Der zweite Tag begann mit Hitze, am Mittag schon wurden die Gesichter

schlaff. Die Kinder auf den Brüstungen schrien. Das Volk hetzte Hunde in

die Arena.

Gegen Abend fiel der Tod des Judas, den Villon spielte. Während sieben

Teufel mit Hammelschädeln und Kuhglocken über dem Kopf tosten, erhob sich

eine dunkele Sonne. Satan stand auf, goldbraun im Gesicht, mit einer Krone

aus rotem Satin und orientalischen Perlen. Judas fiel weinend vom Gerüst.

Und weil sein Mund zu niedrig war und verräterisch, die Seele zu entlassen,

platzte der Bauch, dem sie entstieg.

Der König erhob sich Beifall winkend.

Zurücktretend hinter die Kulissen fühlte Villon einen Zettel, der sich in

seine Hand schob. Er sah sich um. Als sei nichts vorgegangen, stand hinter

ihm eine der Sibyllen, deren Tanz sich den Morgen in sein Bewußtsein

geprägt hatte. Es war eine elende Dirne, aber ihr Mund glühte von Worten,

wenn sie sprach.

Beim Austritt in die Stadt verhafteten die Leute eines Bischofs Villon

wegen des höhnenden Verses auf die Mönche, allein ein Reitender des Königs

machte ihn wieder frei.

Er betrachtete nun das Papier. Es war ein Bild: die heilige Susanne, ein

Bein ins Bad setzend, mit den Augen lächelnd. Es gefiel Villon, daß er

lachte.

Am letzten Mittag kam Villon, Christus spielend, auf das Podium.

Er war nackt, sie hingen ihn ans Kreuz, und der Schmerz erpreßte ihm

Geschrei von den Lippen. Ihm zu seiten hingen die Verbrecher, stöhnend,

Fratzen um die Nabel gemalt. Rechts gähnte eine Hölle. Links aber standen

Knaben mit roten Binden um die Stirn und hinter ihnen eine Kette Engel mit

den Instrumenten, alle herübergebeugt.

So groß waren Villons Trotz und Übermut, daß er das Haupt nach der Hölle

wandte und das Unerhörte begann, mit aufschwellender wilder Stimme nach der

Hölle zu reden.

In dem blassen Schweigen des Raumes löste sich da der Vorhang einer Loge

neben der königlichen, Villons Blick traf den Scheitel einer Frau.

Der Vorhang fiel zurück.

Unsägliches füllte seine Lippen, als er das Gesicht erhob. Es war ihr Kopf.

So sah er ihn noch einmal.

Er begriff die Wonne nicht. Er verstummte.

Aber sein Kopf fiel herum demütig und sein Blick umklammerte die Kulisse

des Paradieses. Maiwuchs und Orangenbaum sanken ihm in die Augen. Zwischen

Rosen und Majoran erhob sich in Granaten eine Fontäne.

Sein Herz neigte sich.

Der Vorhang schaukelte, aber er zog nicht mehr auf.

Seine Stimme aber erscholl, hochgetragen und lind, unwahrscheinlich sich an

das Brüllen schließend; der Kopf bog sich in die Höhe und spannte den

Körper von den Füßen bis an das Genick wie einen Sprenkel. Worte entfuhren

seinem verzückten Munde voller Ergebung und wuchsen wie aus breiten

Trompeten zu einem ehernen Donner.

Dann neigte er auch den Kopf.

Vorhänge teilten die Welt von ihm ab. Es war dämmrig geworden.

Als er wieder aus der Garderobe heraustrat und dem Gerüst zuging, befahl

ihn ein Ratsherr zum König.

An der Wand des Zaunes streifte jemand seine Hüfte. Er blickte flüchtig und

sah die Sibylle.

»O,« sagte sie und machte den Mund auf und biß auf die obere Lippe.

Villon dachte an das Bild und sah sie an. Dann legte er den Arm über ihre

Schultern, denn die Achseln schimmerten weiß und erwartungsvoll durch das

Tuch.

Sie ging zur Seite, wo die Friedhofkreuze gleich begannen, es ward ganz

dunkel um sie. Ihre Hüfte streifte ihn. Er küßte sie und biß ihr in den

Mund.

Sie lagerten hinter einem breiten Grabstein.

»Ich fürchte mich.«

Villon lachte.

Dicht neben ihnen liefen die letzten scharfen Grenzen des Lichts. Die Menge

tanzte lärmend auf dem Platze. Auf den Bänken des Amphitheaters begann

Gelage. Funken sprühten gegen die dunkle Wand des Horizonts. Ein roter

Dunst hängte sich um den Kirchturm.

»Willst du Geld? Nachher habe ich zwanzig Dukaten.«

»Nein.«

Sie schob die Zunge zwischen Zähne und Lippe. »Nimm mich mit. Heirate mich.

Gib mir ein Kind.«

»Lege die Hosen eines Franziskaners in dein Bett, da wirst du von selbst

eines haben.«

Villon lachte.

Sie gefiel ihm. Ihre Lippen schwellten sich vor Blut.

»Fünf Dukaten schenke ich dir.«

»Ich fürchte mich.«

»Du kaufst dir Armbänder und seidene Ärmel.«

»Ich fürchte mich.«

»Spei auf die Toten.« Er preßte ihre Brust.

»Wie warst du schön, als du auf dem Esel, den du Rutebeuf nanntest, wie du

mit dem weißen Gürtel auf dem Esel einrittest . . . . .«

Er küßte sie mit geschlossenen Augen.

Da aber stieg durch den Spalt der Dunkelheit ein Gesicht. Er preßte die

Lippen noch fester zusammen, um das Gesicht zu zerdrücken. Doch der selige

Kopf wurde immer größer, die Herzogin neigte sich freundlich über ihn. Das

Gesicht bedeckte seine Seele, indem er in immer wilderem Kuß sich ihm zu

entziehen suchte. Ihr gütiges Lächeln zog sich über den Garten, die Kreuze

und den Himmel.

Da stieß er entsetzt und bezwungen die Dirne mit den Füßen, sah von ihrer

offenen Brust verzerrt in die Höhe, um das Bild zu erreichen.

Sein Herz neigte sich, und aufstehend, laut jammernd, lief er in die Nacht.

Er ließ die Dukaten und den König.

Sein Lauf währte Tage, die er nicht zählte.

Verwilderten Bartes kroch er nachts in eine Scheune. Als er einschlief,

fiel durch das Gitter des Heus der Schein einer enthüllten Laterne über

seine Augen. Er fuhr herum und umarmte Barral, den er so fand.

»Wo warst du?« sagte Barral und lachte.

»Ich lief --« sagte Villon.

Er schob sich Stroh über den Körper. Dann weckte er Barral noch einmal:

»Barral,« sagte er, und sein Gesicht leuchtete von bösem grinsenden Hohn,

»ich möchte über die Welt hinkotzen in einem Strom. Mein Alter, wir wollen

Frauen verführen, Ställe anzünden und es mit Tobsucht tun.«

»Ja, mein Freund,« sagte Barral und zog sich Stroh aus dem Bart.

Ihre Nahrung ward Feldfrucht und geraubtes Geflügel. Bauern erschreckten

sie, indem sie das Land überquerten, des Abends auf ihren Feldern, daß sie

brüllend wegliefen. Mönche prügelten sie mit dornigen Stecken und trieben

lange ihr Wesen mit Frauen, denen sie die Röcke zuschnürten, daß sie als

Statuen auf allen Straßen standen.

Einmal fiel Villon in eine Falle. Von allen Seiten plötzlich

hervorbrechend, schlugen Burschen mit Gegenständen auf ihn. Knapp entwich

er aus der verdunkelten Dorfgasse, einen blutenden Riß über die Stirn.

Die Nacht zündeten sie das ganze Dorf an.

Villon und Barral standen auf einem Hügel, während die dunklen Scheine über

den Wald flatterten.

»Es ist ein schöner Anblick,« sagte Villon und legte den Arm über Barrals

Schulter.

»Es ist ein Schauspiel,« sagte Barral.

Zur Zeit der großen Prozession erreichten sie nach Wochen solchen Daseins

Toulouse. Sie fanden die Stadt gefüllt mit Fremden und reichen Klerikern,

die heimatlichen Erwerb in leichtem Leben verströmten. Barral stahl in der

vornehmsten Kirche Pelze und Steine. Sein Blick sah manche große Gabe in

den Opferstock eingehen. Es prägte sich ihm ein. Er vergaß es nicht. Sie

faßten abends rasch einen Plan.

Barral hieb wie ein Bär, nachdem sie die Tür erschlichen hatten, den

Opferkegel in der Mitte durch. Neben Kupfer und einigem Silber überrollte

vieles Gold den Boden. Sie teilten gemächlich. Als sie durch die blinde Tür

des Chorgestühls hinaustraten, prallte ihnen ein leichter Ruf entgegen.

Villon sah Barrals Hand erhoben und, selbst von zehn Fäusten angepackt,

vernahm und sah er beim Wenden des Kopfes eine Hellebarde, die breit

Barrals Bauch durchstieß.

Dann brachte ein kurzer Gang ihn zu der Dunkelheit des Turms.

Während die dauernde Nacht ihn umschloß, blieb sein Bewußtsein nicht ohne

Trübung. Nicht unterschied er Tag und Abend. Kein Schweben der Seele zog

ihn aus Welt und Gegenwart. Reue fraß ihn an, und er bog den Kopf gegen die

faulende Wand und sagte verzweifelt, während sein Blick ihm die Seligkeit

freier Landschaften, der blühenden Bäume und des zinnobernden Herbstes

vorspielte: »Warum bin ich Bandit, wo ich Dichter sein könnte . . .« Die

schmerzende Qual dieser Wochen gab ihm aber Verse von Frauen, Wiesen und

Mond.

Und unter der Beglückung dieser Tätigkeit weitete sich sein Herz. Er genoß

in größter Entfaltung der Seele, die das Umgebende durchdrang, Horizont,

Sonne und Meer.

In den Pausen aber schrie sein elendes Herz vor Sehnsucht und Qual. Er

empfand Mitleid mit seinem Geschick. Er sah den Tod als Strafe sicher vor

sich. Darum betete er zu Gott, daß dieser ihm helfend ein Mittel sende. Und

sei es, daß einer den Vorschlag wiederhole, den er im ersten Kerker

ausschlug. Er schwor, daß er ihn diesesmal packe und tue und mit noch

tieferen Demütigungen dabei. Denn die gestand er Gott als Erschwerung zu.

Dann aber weinte er lange aus Scham über diese Schwäche und hatte nichts

als Verachtung für sich.

Doch der Wille zum brünstigen Leben strahlte so stark in seinem Wesen, daß

er um weniges später das Gebet um Hilfe noch erniedrigender von den Lippen

stieß.

In dieser Nacht aber erfüllte sich sein Raum mit weißem Licht, und in

seinem Traum wuchsen helle Figuren mit Kerzen in den Händen, und eine

Stimme erfüllte das Zimmer, daß er erzitterte vor Bewegtheit: »dennoch,

mein Armer, sollst du dem Lichte dich zuführen lassen« . . . und erwachend,

die Augen weit geöffnet, empfand er, wie eine Hand, die, über seine Stirn

geführt war, sich davon löste. Er empfand das rasche Hinweggleiten nach der

Tür.

Da sprang er auf und bebend vor Glück erhob er den Kopf.

Die Tür öffnete sich zum Verlassen, er spürte den Luftzug.

Timur: Novellen · 第 9 / 22 题