Sie sagte: »Rono!« und sonst nichts. Aber ihre Augen fragten. Sie kehrten
zurück.
Manchmal kamen Natives an den Rand des Waldes und sahen nach der Hütte und
gingen scheu zurück.
Die Luft war klar und hell. Geräusche spannten sich unendlich aus. Klang
entfernter Fischerboote hallte lang herauf. Selten wurden die Nächte kühl.
Drei Kokosbäume standen um ihre Hütte. Kam Sturm, bogen sie sich wie Glas
tief hinunter nach dem Meer. Es wurde heiß, aber eine leichte Brise schob
die Luft klar zusammen und machte das Klima wie aus Seide glatt und kühl.
Kalekuas Wesen war durchsichtig und glänzend, und ihre Haut glich geblaßtem
Bernstein. Manchmal erzitterte sie, wenn sie Jean François sah und schien
unter seinem Blick aufzugehen und sich zu entfalten, und in immer
steigender, unirdischer Hingabe ihn mitzuführen und nach seiner Seele
wiederum hinaufzuwachsen, daß er in den Umarmungen ihrer Nächte sich wie
schwebend empfand.
Einmal traf er sie, als er durch den Wald streifte. Sie saß neben einem
Ohiobaum, spielte mit den roten Früchten und hielt eine zwischen den Knien.
Ihr rotes Haar fiel straff zurück. Sie sang:
Inoa o Mauae a Para,
He aha matou auanei?
O Mauae, te wahine horua nui,
Wahine maheai pono.
Tuu ra te Ravaia
I ta wahine maheai,
I pono wale ai te aina o orua.
I ravaia te tane.
I mahe ai te wahine.
Mahe te ai na te ohua,
I ai na te puari.
Sie hatte eine Verklärung in ihr Gesicht gesammelt, daß er nicht wagte, sie
anzureden. Er schloß die Augen. Dann zog er wie ein Fuchs den Kopf ins
Dickicht zurück.
Ein paar Tage regnete es hintereinander. Dann kam die Luft gesträhnt frisch
herauf. Jean François lag auf seinem Bett und kaute gelangweilt an den
Limonenblättern. Kalekua trat ein. Sie war noch feucht vom Bad. In ihren
Haaren staken vier weiße Federn.
»Du hast die weißen Federn . . .«
»Es ist das Königszeichen.« Sie strich über sie.
Ihre Brust bebte. Sie nickte. Dann ging sie allein hinunter den langen Weg
nach Honoruru zu den Zeremonien der Königin, der sie verwandt war in der
dritten Reihe. Jean François lief den Tag durch den Wald.
Die Fledermäuse stoben auf. Sie reizten ihn nicht. Kein Trogu entzückte
seine Augen. Er warf mit Früchten nach den wilden Schweinen und brüllte aus
breiter Brust, daß sie verstoben. Er kam heim, als die Sterne sich über den
Wald wölbten und lag eine Nacht, das Gesicht verzerrt gegen den Himmel,
schlaflos.
Am Morgen wusch er sich, nahm ein Kanoe, stieß ins Meer, sang heiß, kam des
Nachts in die Stadt und durchschweifte die Gassen. Gegen Morgen kam er an
die große Bai. Draußen lagen im fahlen Silbergrau sieben Schiffe. Er
begriff nicht. Er visierte. Es waren sieben Schiffe. Es waren nicht die
seinen.
Drei waren Sandelholzfahrer, Amerikaner. Die anderen hatten die plumpe
Bauchlinie und das Grau der Walfischfahrer der südlichen Meere. Er verstand
diese große Flotte nicht, wo sonst nur einzelne in Monaten Pause ankerten.
Er ging zurück und trat in eine erleuchtete Hütte. Matrosen johlten darin.
Sie hatten Rumfässer aus den Schiffen herübergewälzt. Er ging auf den
Besitzer zu und nahm ihn zur Seite. Es war ein alter Chinese, er kannte
ihn. Der sah ihn an von unten und sagte, seit vier Wochen sammelten sich
Schiffe und Matrosen am Strand. Jean François erstaunte, allein seine
Sehnsucht ging nach Kalekua. Er vergaß alles darüber.
Als er aber im großen Garten von Ananas bei ihrem Oheim Kuakini saß,
begannen die Amerikaner das Haus der Königin zu beschießen. Sie speisten
gerade. Jean François sprang hinaus. Zwischen den verankerten Schiffen und
der Küste wimmelten Boote.
Ein Weißer kam ihm entgegen. Er trug den dürftigen Taillenrock um die
eherne Brust, ein starres Gesicht, um das sich Locken kräuselten. Er war
ein Missionar von den Schiffen.
»Warum tun sie das?«
Der Missionar sprach von Christi Wunden und hob sein Bibelbuch. Da schlug
ihm Jean François die Hand voll ins Gesicht.
Die Natives flohen aus allen Häusern. Die Matrosen stellten Espingoles am
Strand auf und schossen einpfündige Kugeln. Häuser brachen knallend
zusammen. Das Haus der Königin brannte. Jean François ging in den Garten
zurück, nahm Kalekua und floh mit ihr. Überall in breiter Kette strömten
Menschen in den Wald, wo die Matrosen nicht mehr folgen konnten. Einige
blieben stehen, hoben die Arme und machten demütige Gebärden, »Rono«
rufend.
Allein er umarmte Kalekua und fragte nach nichts.
Sie zogen zwei Tage durch den Wald. Am Abend noch, da sie ihre Hütte
erreichten, fuhr er hinaus aufs Meer. Er sah sein dunkles Lavariff in den
Himmel aufwärts stoßen und sein Haus wie auf einem Wellenrücken hoch
tragen. Er sah die geschmeidige Flanke der Bucht ausgedehnt nach den beiden
Seiten. Sah darüber gewölbt die Unendlichkeit des Waldes, den hellen Sand,
die Muscheln, die Sonne . . . er sang, er spürte in einer heißen
Gehobenheit, wie dies alles zu ihm gehöre und er sich wieder darein
zurückergieße wie an die weißen Glieder Kalekuas.
Kalekua aber irrte verwirrt umher. Glanz zog aus ihrem Auge. Sie sprach
nicht, sie sah ihn lange an. Es war einsam um die Hütte. Selten tauchten
Eingeborene auf. Das Klima wurde köstlicher und von Blüten durchzogen.
Einmal wagte Kalekua zu reden und bat, er solle das Unglück bedenken. Er
verstand sie nicht. Sie meinte die Stadt und sagte es. Jean François hatte
es vergessen, als er den Abend in die See stieß, denn es war an der Größe
seines Gefühls hinabgeglitten und beiseite geblieben. Wenn er die Höhe der
Seele empfand, was war es ihm, daß Matrosen Kokos plünderten! Und er lachte
und sagte es ihr.
Doch sie setzte einen Fuß vor den anderen wie spielend und sagte: »Sie sind
noch da, streifen und suchen die Königin.«
»Was willst du --.«
Da wies Kalekua auf ihre weißen Federn und bat zu ihr gehen zu dürfen, die
versteckt sei, und zitterte vor ihm.
Schmerz wühlte sich kurz in seine Brust, wie er dachte, daß sie gehe, aber
er sah in ihre Augen und ließ sie gehen.
Am vierten Tage ihrer Abwesenheit tauchte eine Flotte aus dem Horizont.
Jean François lag auf dem Bauch über den Rand der Klippe gebeugt und
erwartete sie. Sie schaukelte weich getragen heran. Plötzlich riß er den
Kopf zurück und schüttelte ihn. Dann sprang er auf und lief ins Haus.
Es war kein Zweifel. Es waren seine eigenen Schiffe.
Er schrieb sofort einen Brief. Er schrieb, fette Walkähne hätten die Küste
beschmutzt, an der er lebe. Man solle sie zerschießen, obwohl es
verächtliches Handwerk sei. Er habe sich vom Schiff entfernt wie er
gekommen sei. Er habe darauf vorbereitet, auch ohne zu wissen, warum. Darum
unterlasse er es, Entschuldigung zu ersuchen, denn allein das Verständnis
erkläre sein Tun: daß so sein Drang und seine Art sei.
Als die Schiffe Anker warfen in der Dämmerung, schwamm er hinüber und warf
ihn ins Admiralschiff.
Die Nacht lag er schlaflos. Er bedachte Vergangenes, wo die alte Welt ihn
wieder überspülte. Sein Hirn fand keine Brücke zu ihr. Sein Herz staunte
über sie. Sein Leben schien nur nebensächliche Vorbereitung für den
Zustand, in dem er nur die höchste Gleichgewichtslage seines Daseins
empfand. Er hob eine Muschel und schlürfte sie voll Andacht. Er streichelte
den Boden des Hauses und empfand Erschütterung. Er lächelte, hob die Hand,
und unter dieser Bewegung schwang das Vergangene ins Uferlose zurück.
Morgens wechselte das Admiralschiff Signale nach dem Strand. Graf d'Aché
stand auf der Brücke in großer Uniform, das Band des Ludwigskreuzes über
der Brust. Er kommandierte:
»Mein Herr, Sie sind desertiert. Ich würde Sie in Eisen schlagen, träfe ich
Sie. Ich werde den Strand absuchen lassen mit fünfzig Mann. Man wird Sie
wie eine Dohle fangen. Ihr Wunsch um Hilfe sei aus Sachlichkeit gewährt.
Ich werde morgen fahren. Nehmen Sie von einem Gentleman am Schluß die
Versicherung bewundernder Freundschaft.«
Kurz danach kam Kalekua.
Am Mittag suchten fünfzig Mann mit Bajonetten die Küste ab. Jean François
floh nicht. Er wußte, daß sie die Wege zu ihm nicht fanden, und sie fanden
sie auch nicht. Anderen Morgens lösten sie eine metallene Kanone, begaben
sich kreuzend unter Wind und trieben aus der Bucht nach Honoruru zu.
Kalekua hatte eine neue Weise zu gehen, sie berührte den Boden weniger wie
früher, ihre Hände hatten einen eigenen Takt und ihre Augen sahen durch die
Dinge hindurch, die sie umgaben. Die Feierlichkeit reizte Jean François,
und er bat sie, ihn zur Königin zu führen, wenn sie wieder zu ihr ginge.
Und sah sie fest an.
Sie erschrak und wurde braun im Gesicht und sagte stockend vor Freude und
Angst: »Ich will.«
Sie speisten auf dem Tisch vor dem Haus. Sie brachte eine Karabasse mit
Teig, gebratenes Schwein und süße Kartoffeln. Als sie die Holzschale mit
Wasser reichte, sah er wieder, wie schön sie war.
Sie setzte sich ihm gegenüber, eine Yameswurzel leicht zerkauend, die
Palmen bogen sich in der Luft, das Meer scholl herauf.
Da wies er hinunter und sagte ihr, daß er fremde Schiffe gesandt habe gegen
die Chinafahrer und verzog keine Miene. Sie aber, ungläubig, übermäßig
erbebend, sprang auf, wandte sich wie zum Fliehen, kehrte um und küßte ihn
zwischen die Warzen seiner Brust, wagte den Blick nicht aufzuheben zu ihm
und flüsterte: »Rono«. Jean François erzürnte über das Wort, das wieder auf
ihn traf, ohne daß er es faßte, drohte ihr und fragte, was sie damit sage.
Sie hob wieder den Blick. Aber sie brachte das Auge nur bis dahin, wo sie
ihn geküßt hatte, und fast vergehend sagte sie:
»Du wolltest zur Königin. Sie will dich sehen.«
Ihre Haltung war schwach. Die Schultern hingen. Sie kehrte um in das Haus,
kam zurück und trug die weißen Federn. Sie nahm seine Hand und sagte:
»Komm.«
Dann gingen sie in den Wald hinein und ließen das Haus hinter sich.
Die Tür stand offen.
Das Meer brauste blau hinein.
Kalekua sah sich noch einmal um.
Nachts schliefen sie in einer Platane. Morgens wanderten sie weiter. Als
die Sonne steil stand, kamen sie an einen Paß, der in Windungen sich
aufwärts drehte. Sie gingen lange. Mit einem Male endete der Weg. Hinter
einem Busch trat ein Mann hervor, der mit dem Firnis der Gumminuß im
Gesicht gezeichnet war. Er neigte sich. Kalekua winkte mit der Hand. Da
ging er vor ihnen her.
Sie schritten durch den Busch und gingen über eine Gegend, die verbrannt
war, dürrer als Wüste. Erdhaufen bogen sich wie Wellen. Risse durchfuhren
den Boden. Trockene Büsche klebten am Rand der Steigung. Kalekua packte
seine Hand. Sie kletterten über eine Lavadüne, bogen und stiegen eine
kleine Terrasse hinunter.
Der Boden senkte sich tief und lief in mächtigen Kurven sich verschlingend
um einen Streifen Wasser, der sich tief ausdehnte, den wieder Zungen und
Wellen Landes durchstießen und sich so zum Horizont verloren.
Aus dem Wasser brachen Kegel wie spitze Maulwurfshügel. Aus ihren Röhren
stieg lautlos weißer Dampf. Es waren Hunderte von Kegeln. Einer spritzte
Gelbes aus seinem glasdünnen Schlund.
Kalekuas Hand führte ihn weiter. Vor ihnen ging der Gezeichnete. Sein
Rücken zitterte.
Jean François schritt federnd und leicht. Sein Herz stürmte in eine große
Erwartung. Seine Augen streiften ein großes Erlebnis über den Tag und
hungerten danach.
Sie stiegen wieder. Es wurde glühend vor Sonne. Die Erde tat den Sohlen
weh. Nirgendwoher kam ein Wind.
Dann tauchte eine Mauer auf, die den Bergrücken herunterlief in einem
langen und leeren Bogen. Auf ihr war ein Holzstamm rund gehauen aufgestellt
mit vielen schmalen Rinnen, die nach unten liefen. Darauf hockte, halb
stehend, eine Figur. Sie war in die Knie gebeugt mit einer Knickung, daß
die Schenkel wollüstig und breit anschwollen. Die Arme waren dünn und
verkürzt leblos nach der Erde gehängt. Die Brüste waren klein und saßen
dicht unter dem Hals. Der Kopf bestand aus einem einzigen wüsten Rachen und
trug einen Helm, dessen Schweifung sich in einer Raupenfahne bis zum Becken
hinabzog.
Sie machten einen Bogen und traten dicht an der Bergwand in einen Gang.
Zuerst war es dunkel. Dann sonderten die Wände ein Licht aus, das mit einem
matten gelben Schein die Höhlung durchdrang. Die Luft war weich. Kalekuas
Daumen strich über den Ballen seiner Hand. Das gelbe Licht aus den Mauern
verdichtete sich zu phosphorischem Glanz.
Eine Stimme scholl ihnen entgegen, die seinen Schritt hemmte. Aber Kalekua
trat vor ihn. Er fragte: »Kalekua? Am Ziel?« Sie drehte sich halb und
sagte: »Der Priester, der das Kommende weiß,« und zog an seiner Hand. Sie
waren in einem runden Saal voll von dem Licht. In der Mitte stand ein
Gehäuse, oval und derb geschnitzt, mit Gitterung in der Hälfte der Höhe.
Kalekua deutete auf ihre Federn, wies mit beiden Händen darauf und sagte:
»Zur Königin.«
Als ein dumpfer Laut zurückkam, wollte sie vorgehen. Allein Jean François
trat, sich von ihr lösend, an das Gehäuse und erfragte streng den Sinn des
Wortes, das ihn überall traf und das sein Bewußtsein quälte. Er fragte:
»Was ist Rono?«
Ein Kopf schob sich aus dem Gitter, pergamenten die Wangen, mit
geflochtenem, weißem Bart, starrte ihn an und erschrak. Dann zog sich der
Kopf zurück, und eine demütige, zitternde Stimme fragte aus dem Inneren des
Gehäuses, warum er scherze. Doch Jean François befahl laut die Antwort.
Da begann die Stimme wieder. Sagte -- wenn er Bekanntes wiederholen müsse
--, daß Rono ein Gott gewesen sei, der die Insel bewohnte, dann Menschen
die Erlaubnis gab, sie zu besiedeln, die ihn aber schlecht ehrten. Da brach
er los, tötete viele und verließ die Insel . . . Und daß er wiederkomme
übermächtig in einem Schiff, der Gott, der Gott -- -- -- sagte er, und
heulte erbärmlich.
Kalekuas Gesicht war starr. Der Priester wimmerte und bewegte sein Gehäuse,
daß es um die Achse schnellte und ein hallendes Geräusch gab.
Nun wußte Jean François Kalekuas tiefste Gedanken.
Sie drangen weiter vor. Das schwebende Licht hörte auf, die Beleuchtung
ward mehr die des Tages, blau und durchsichtig.
Plötzlich wich die Wand auf der einen Seite tief in die Dunkelheit hinein,
die anbrach. Am Ende des finsteren Raumes jedoch sahen sie hellen Himmel
hereinkommen. Als sie die Augen senkten, öffnete sich das Meer vor ihnen,
und vertiefter noch dann die Stadt und die Bai.
Jean François gewöhnte sein Auge an das strahlende Licht. Da sah er die
Bucht voll von Booten, die vom Strand zurückeilten. Um die Klippe aber
schwammen fremde Schiffe, von denen weiße Wolken sich hoben.
Kalekua drückte ihn gegen die Wand.
Ein feiner Lärm kam von unten heran. Zehn junge Männer gingen vor einem
Zuge. Sie bliesen Hörner aus weißen Knochen, die spitz gleich
Schäferpfeifen klangen. Ihnen folgten andere, die Besen hatten, die
brannten und einen Moschusduft ausspannten. Dann kamen, stampfend, die
Beine wirbelnd, Mädchen in gelben Mänteln. Sie hatten in der linken Hand
kleine und dicke Stöcke, in der anderen große geschälte hohle und schlugen
quirlende Takte darauf. Zwei hatten Trommeln aus Haifischhaut. Sie
rasselten knatternd und dumpf.
Sie rannten vorüber nach dem Felsausblick, und ihr Geschrei erhob sich
heftig und monotoner, während sie die Schlacht beschauten. Kalekua faßte
ihn. Sie gingen weiter. Es wurde wieder dunkel. Dann aber kam von neuem
Luft zart und mild herauf. Sie blieben stehen.
Ein Teich lag vor ihnen. Ein schmales Stück Land schloß ihn am Ende rund
ein. Darüber stand die große Öffnung des Berges gegen den Himmel hin.
Aus dem Wasser stiegen langsam Frauen. Eine kam zuerst. Sie trugen alle,
ohne diese, Helme mit roten Papageienfedern. Eine nur trug einen Wedel aus
Palmenfächern.
Die erste aber schwang in leichtem Spiel die Arme zum Trocknen durch die
Luft. Das Blau zog dick hinter ihr zusammen. Sie war schlank mit
wunderbaren hohen Beinen und nackt.
Ihre Knöchel trugen Ringe von Gardenien.
Ihre Haut war gefärbt; gelblich braun wie eine reife Olive.
So trat sie vor ihn, das Haupt zurückgelehnt, und sah ihn starr an.
Ihr Blick aber streifte die Welt um ihn hinweg. Er sah ihren Kopf, ihre
Nacktheit, die weich und einfach auf ihn strahlte. Ihr Blick weilte auf ihm
mit stolzer und demütiger Klarheit, und dies erhob sein Gefühl, daß sie ihm
wie ein Ausgleich schien zwischen seiner Kraft und ihrer Höhe, sein Blut
strömte gesteigert bis an Grenzen, die er selbst nicht mehr erreichte, sein
Hirn, unirdisch geworden, schrie: Königin.
Er begehrte sie.
Er löste Kalekuas Hand von sich ohne Empfindung. Dann warf er mit einem
Schrei den Stolz der Königin nieder.
Ihr Blick fiel. Sie wurde bleich.
Von den Strömen seines Ich durchschwellt erhob er die Hände nach ihr:
»Liebe mich«.
Seine Stimme schuf ein Schweigen, in dem die anderen erstarrten und Kalekua
niederfiel. Er sah ihr Gesicht, als er die Königin auf seine Arme legte,
versteint und still zu ihm aufsehn von der schmutzigen Erde. Aber so sehr
kreiste dieses Erleben in ihm, daß es seinem Bewußtsein vorbeischwamm wie
ein rascher Mond.
Er nahm die Königin hoch, küßte sie und trat mit ihr in das Wasser, das bis
zu seinen Hüften stieg. Dann wurde es seichter. Er bog in den Seitengang
und kam in ein Nebengewölbe, das voll stand von kleinen Geräten, Waffen und
Figuren aus Jade. Sie aßen grünes Harz zusammen, das ihre Adern tosend
erhitzte und er küßte sie, die verging.
Als am Morgen sein erwachter Blick gegen das Blau des Horizonts prallte,
stürzte das Bild Kalekuas von allen Wänden gegen sein Gesicht und verstörte
sein Gefühl.
Er richtete sich auf, bis er kniete. Er sah auf die Königin. Sie war schön.
Ihre Lippen lagen fest zusammen und zitterten. Er verglich ihre Glieder. Er
berührte ihr braunes Haar und den schmalen Ansatz des Augenschlitzes, er
fuhr über ihre jungen Brüste. Er hielt die beiden Weiber gegeneinander.
Aber Kalekua stieg.
Er stand auf, trat bis zur Öffnung, wo der Berg hinuntersauste, schwang die
Arme, sah noch einmal auf die Königin und ging. Das Wasser nahm ihn kühl
auf. Am anderen Ufer schüttelte er sich wie ein Hund, die Tropfen spritzten
gegen die Mauern. Er wußte, daß er eine große Höhe erlebt habe, aber daß er
sie wegtun müsse aus der bleibenden Erinnerung. Es war nicht viel, eine
Nacht aus dem Leben zu streichen. Er schob sie zurück.
Im Gang standen in Nischen große Figuren aus Holz und Stein. Sie hatten
aufgeblasene Bäuche und grüne Augen.
Am Ausgang lag Kalekua, zusammengekrümmt. Sie schlief. Tau hatte ihr rotes
Haar verwirrt und feucht geballt.
Er bezähmte sich. Er stürzte nicht auf sie. Er wagte nicht sie anzureden.
Er sah sie lange an und ging vorüber.
Nach fünf Schritten holte ihre Stimme ihn ein; sie schüttelte sich, stand
auf und kam. Er senkte den Kopf ein wenig. Sie aber nahm seine Hand wie
immer. Sie gingen zusammen, wie sie kamen, den Paß hinunter. Sie stießen
durch die Dämpfe der aufgespitzten Vulkane. Sie schliefen die Nacht in der
Platane. Mittags erreichten sie das Meer.
In der ersten Nacht glaubte er, daß Kalekua ihn töten werde. Doch sie
zeigte Andacht und Liebe. Er grübelte, warum sie sich mit Freundlichkeit
verstelle. Dann stellte er sie zur Rede. Er sagte ihr, daß sie unehrlich
sei und Masken über ihr Empfinden ziehe. Sie weinte darauf und erbleichte
in Schmerz. Da stieß er roh in den Mittelpunkt des Gefühls:
»Hast du nicht Schmach über mich? Ich ließ dich beiseite und nahm andere
Glieder an die Brust.«
Da lächelte sie ihn an, verständnislos, und sah unsicher nach der See, über
der die Brandung aufschwang. Am Abend begann sie langsam zu weinen, und als
er ihr die Haare grade legte, fragte sie, ob sie bleiben dürfe. Da ließ
Jean François sein Mißtrauen vor solcher Liebe, deren Quellen er nicht
begriff, und überströmte sie mit Zärtlichkeit.
Als sie später aufbrach zur Königin, blieb er allein auf seinem Felsen
sitzen. Die ganzen langen Stunden sann er ihr Bild in die Luft, daß er am
Abend des dritten Tages, halb verstört von Liebe und heißer Luft, in die
Hütte taumelte, um die Kalekua in unzähligen Formen und Haltungen
schwankte. Jede Linie schob sich zusammen mit anderen und wurde ihr Bein,
ihr Arm, ihre Brust, ihr Winken. Seine Augen wurden rot. Im Fieber schlief
er ein. So wartete er auf sie.
Sie kam des Nachts und trat nicht ein. Als er unruhig erwachte und Kühlung
begehrend hinaustrat, sah er sie leblos vor der Tür. Das Sternlicht
überschwankte sie, und sie fror. Er trug sie auf Armen hinein. Das Herz
ging. Aber es schlug nicht nach dem seinen hin, es lief durch den Takt des
seinen ohne Sinn und Ziel.
Er blies ihr seinen Atem in den Mund. Sie stöhnte. Er stieg auf das Bett
und legte sich auf sie, daß sie erwärme. Ihr Blick traf ihn. Er war
ausdruckslos. Ihre Federn hatte sie aus den Haaren genommen.
»Kalekua.«
Die Pupille bog sich nach oben.
Sie bekam einen kleinen Ausdruck auf der Oberfläche. Es war Angst.
»Die Königin . . .«
»Was --« Seine Stimme fuhr scharf auf.
Doch sie antwortete nur mit einer leeren Geste, auf die keine Frage gesetzt
werden konnte. Kalekua war allein zurückgekommen, sie hatte die Königin
nicht gefunden. Grauen hatte sich in ihr Hirn gestürzt. Die Königin war
fort.
Nicht mehr strich Kalekua an sein Lager und durchduftete das Zimmer mit
Liebkosung. Die Welle ihrer erregten Brüste schlug nicht mehr an seine
Brust. Ihr Auge mied den Meerkreis. Kein Blick segelte auf den Horizont.
Echos schlug ihre Stimme nie mehr aus dem Riff.
Jean François tröstete sie mit Streicheln und mit Worten. Doch ihre Haut
zuckte nicht. Worte fielen von ihr ab. Da befahl er ihr, sich zu freuen,
aber sie sagte: »Die Königin . . .« und vertiefte das Auge zu Boden.
Sie ging ziellos durch die Gegend, fürchtete etwas Entferntes und hielt die
Haare in Verwirrung. Einen ganzen Morgen lief sie an der Küste auf und ab
ohne Laut. Sie wich den Wellen aus, die kamen, und bog in die
zurückflutenden ein in einem erschreckenden Zickzacklauf. Manchmal hielt
sie erstarrt einen Augenblick die Arme senkrecht. Jean François sah es
stundenlang an, bis es ihn tief bestürzte und er hinunterlief und sie
holte. An diesem Morgen begriff er, daß sie ein fremdes Gefühl in sich
trug, das von seiner Seele wild hinwegwuchs. Denn sie glaubte, daß sie ihn
der Königin entzogen habe, und daß diese ihr furchtbar zürne, und ihre
Liebe ging scheu geworden von der seinen zurück, die übermächtig über sie
hing. Er aber glaubte, daß sie Schmach trüge, weil er, ausbiegend vom
graden Sinn seiner Liebe, die Lust der Königin empfand.
Er suchte dies aus ihrer Seele zu werfen und sie mit Funkelndem zu
erfüllen. Er fuhr mit dem Kanoe sie tief hinein ins Meer, bis der
aufglühende Abend, als sie selbst schon vom Dunkel verzehrt waren, die
Bucht brandrot entflammte. Er fing kleine Schweine im Wald, damit das
Tiergequietsch bis zu ihrem Gelächter vordringe. Drei Wochen fertigte er an
einem Haken, mit dem er einen Haifisch fing, den Bauch vom Boot aus aufriß
mit dem Messer, und aus dessen Zähnen er eine Kette machte, damit der Stolz
darüber ihre zu Traurigkeit zusammengeschlossene Seele lockere. Er log zu
ihr eines Abends, als ein fernes Lächeln hinter ihren Augen saß, von einem
Bruder, den er nicht besaß, der mit Schiffen, wie mit Bauchflossen von
Fischen gestalteten, fahre.
Als er an einem Morgen spät hinaufkam von der Bucht, lungerte um sie, die
schweigend und nichtachtend saß, ein Chinese. Er erschlug das gelbe Tier,
das ihr Bein mit Berührung befleckte, schabte nach der Sitte der Stämme das
Fleisch von den Knochen und schenkte ihr diese, auseinandergelegt und
gebleicht von der Sonne, in einem gebeizten Kasten mit gelbem Tuch.
Allein sie färbte sich die Lippen schwarz mit Beerensaft aus Trauer und
fehlte zwei Nächte, den Wald stumm durchsuchend, in seinem Haus.
Die Welt war jedoch so mächtig und groß in ihm, daß er, sich heftiger an
sie verstrickend, nach dem Faßbaren das Unmögliche versprach: Giraffen,
Tiger und den Mond.
Doch ihr Auge blieb dunkel. Ihre Seele verehrte ihn scheu und entfernt.
Doch je tiefer sie in ihre Angst tauchte, um so wilder umfaßte sein Begehr
ihr Entweichen.
Als sie wieder einmal fortblieb, dachte er ihr Bild nicht mehr in den Raum.
Es genügte nicht mehr. Seine Hände zeichneten ihren Riß an die Wand. Seine
Fäuste schlugen den Kopf in Ton, in zwei Tagen, bis sie toten Blicks
zurückkam aus dem Wald.
Damit er sich verkleinere, ihre Leidenschaft aber aufwärts hebe, tat er das
übermäßige von sich, führte sie in das Haus und sagte:
»Ich bin nicht Rono. Fühl den Muskel, der dich manche Nacht hielt. Greif in
den Rücken. Ich bin nichts als Mann. Jeder könnte mich erschlagen. Deine
Liebe ist mehr wertend als meine. So gering bin ich, daß, niemand mich
begehrt, es sei denn eine wilde Sau zum Fraß.«
Doch sie wies auf die Stelle, wo die fremden Schiffe die Walfischfänger der
Südmeere geschlagen hatten, erinnerte ihn daran und lächelte und glaubte
ihm nicht.
Da griff er die Dumpfheit ihrer Seele von der anderen Seite an, die sich
zwischen ihre Liebe schob, packte das Bild der Königin, demütigte den
Triumph und das Genossene in sich und sagte:
»Was ist sie? Es ist geringes nur. Ich hatte sie in der Hand wie ein Ei.
Sie gab wenig zurück. Ihr Körper ist gut, wenn deine Haut auch heller ist.
Aber ihr Sinn ist der einer Schnecke.«
Allein ihre Seele, die an das Nahe und Einfache angelehnt stand und nicht
vordrang in das Entfernte und Aufbauende seiner Sätze, hielt fest an der
Königin. Sein Hebel zerbrach an dem einen Wort.
Denn der Gedanke an sie und das Mächtige, was sie umgab, lag zäher und
fester in ihrem Blut und vererbter den Rinnen ihres Gehirns, als das
Erdonnernde seines Namens für ihr irdisches Gefühl und selbst als die in
seinem Körper verankerte Liebe des Mannes, die nur durch Umarmung und
Umarmung, in Pausen gespalten, sich erlebt.
Sie stellte sich hoch und sah ihn scharf an. In dem Blick war wenig von
Liebe, aber dumpfe Erwartung, die ihm die Gurgel zerschnürte, denn er wußte
kein Mittel mehr, wie er die Angst vor der Königin Rache von ihr nähme.
Er versuchte noch eines: suchte tagelang die Königin, schrie ihren Namen in
die Täler. Aber fand sie nicht.
Kalekua sah ihn hart an, als er eintrat und wich die Nacht aus dem Haus. Er
aber saß in der Platane und erwartete den Morgen, in dem seine Liebe sich
noch tödlicher vertiefte.
Oft sah er sich um und erstaunte sekundenlang. Denn was ihn sonst trieb,
die Küste, die Wellen, die Flut der Palmen, was seinem Leben und Dasein
Ausgleich gegeben hatte und seine Seele tiefer ernährt und bewegt hatte,
wie jedes vorherige Dasein -- es schrumpfte zusammen vor dem Gefühl zu
Kalekua, das alles übertraf und nichtig machte neben sich.
Seine Liebe schwoll an, daß er sie nicht mehr in dem Gefäß seines Wesens
halten konnte, und daß sie ausströmend Kalekua adelte, ihren Gang erhob und
ihr Dasein ins Unbegreifliche steigerte. Seine Umschlingungen wurden
heftiger. Sie begnügten sich nicht mehr mit dem Erraffen des letzten
Menschlichen in ihr, das sie ihm in wunderbarem Rhythmus entgegengeschlagen
hatte, und mit der an ihrem Leib abschwingenden Glückseligkeit
gleichgefühlten Daseins, seine Umarmungen vielmehr erstiegen eine Höhe, wo
er ihr irdisches Dasein nicht mehr erkannte, sondern sie, dies alles
zurücklassend, nur noch erkannte und empfand verbunden und anheimgegeben
über das Erkennbare hinausgehenden Räuschen und Gefühlen.
Ihr Blick erschauerte unter seiner Umschlingung, die furchtbar sich über
ihrer Seele erhob, die nur in Sorge und Abwehr gespannt war. Er jedoch
küßte ihre Füße, lauschte ihren Atemzügen und erschrak, wenn ihr Puls
sprang.
Voll fessellosen Erlebens umgab er ihr geringes Dasein mit Inhalt. Er
folgte ihr in der Entfernung, verließ sie das Haus. Er setzte sich neben
sie, wenn sie die Augen furchtsam gegen die Höhe des Berges erhob. Nachts
beugte er sich über ihr Bett und sah entferntes Licht des Mondes
darübergehen.
Er suchte eine große Muschel und hielt sie lange vor ihr Gesicht, weil die
wechselnden Spiele in der Farbe des Perlmutter ihre Züge zum Lächeln zu
vermischen schienen.
Kalekua ging jeden Tag durch die Täler, die Küsten und die Bäume. Sie sah
sie nicht. Ihr Auge saß nach innen gedreht und lauschte auf Ungeheures, das
sie unsichtbar umscholl.
Er aber war so voll von Liebe, daß er die Insel nun (die ihn früher
beseelte) damit umfing, so daß der Geruch des Meeres, das Köstliche des
Horizonts, Sturm und Erschwanken der Palmen wie aus seinem Leben
herauszuströmen schien.
So gewaltig wuchs seine Liebe über das Land, dessen Sehnsucht lange vorher
über ihm stand, daß, wenn er es gewollt hätte, die Insel begonnen hätte,
während die Winde schwiegen, sich in Kreisen um sich selbst zu drehen.
Kalekuas Gefühl aber wandte er damit nicht.
Ihr wuchs alles, Luft und Erde, zusammen zum Bild der Königin, die mit
gierigen Lippen Rache heischte. Und auch den Geliebten zog es in diesen
Schlund. Sie bekam, von dem unabwendbaren Schicksal bedroht, eine
Ergebenheit, die ihr Gesicht bleichte und im Erwarten des Schreckens
leuchtend machte wie eine Qualle.
In einer Nacht erscholl der Berg hinter ihrem Haus, ein Riß zog sich durch
die Mauer. Die Klippe barst zur Hälfte ab und raste ins Meer. Die andere
trug schaukelnd ihre Hütte. Ein Donner warf sich aufstürzend gegen den
Himmel.
Kalekua erwachte, und aufschreiend erhob sie sich, glaubend, daß durch die
vertausendfachte Stimme die Königin sie rufe. Sie stürzte zur Tür.
Aber Jean François ergriff sie bei der Taille und hielt sie. Sie sah sich
um und blickte ihn an als wie ein schlechtes Tier. Ihr Mund wurde zornig.
Sie schrie:
»Laß mich!« -- und als er den zuckenden Leib fester faßte: »Die Königin
. . . die Königin . . .« Dann hob sie die Hand und stieß ihn unter das
Kinn.
Aber sie machte seine Liebe nur größer, und er band sie auf das Bett vor
Sehnsucht. Der Boden beruhigte sich, und gegen Morgen beruhigte sich
Kalekua, als er sich über die Zitternde neigte und seinen Namen sagte.
»Rono«, sagte er.
Als sie schlief, band er die Schnüre ab und ging hinaus. Der kalkweiße
Kegel des Bergs hatte eine tiefe Wunde. Der Krater dampfte leicht. Er lag
in der gleichen Höhe wie sein Haus, und über das Riff verband sie eine
Felswand miteinander. Das Meer war grün, wo die sausende Lava sich
hineingebohrt hatte. Weiße Fischbäuche blitzten unzählig herauf. Er setzte
sich vor die Hütte.
Gegen Mittag aber ward der Schreck übermächtig in ihm und warf ihn nieder.
Er stieg über den schmalen Grat zu dem Vulkan.
Da am Rande schleuderte es ihn auf die Knie. Sein Gefühl, ausquellend
unendlich, stieg uferlos und stieß an Gott. Das Meer verfärbte sich weit
hinaus fast gelb und silbrig zu einer unbewegten glanzlosen Fläche, auf der
zwei Kanoes wie gefroren schliefen. Er hob die ganze Inbrunst zu Gott
hinauf und herrschte ihn an, daß drüben über der kleinen Bucht Kalekua aus
der Hütte heraustrete und gelöst von ihrer Angst und zurückgeformt zur
Liebe ein Lächeln unter den Augen trüge.
Aber Gott war taub.
Der Tag ging. Kalekua schlief bis in die Dämmerung. Dann erwachte sie und
blieb still sitzen.
In der Nacht begann der Boden zu schwanken. Mond schien. Da stand sie auf.
Ihr Gesicht glich dem ihres ersten Tages, als ihm der Trogu noch die Seele
entzückte, die jetzt ganz nur Liebe war. Sie strich ihr Haar, das glühend
den Rücken hinunterbrannte. Dann nahm sie die vier weißen Federn und tat
sie in ihr Haar. Aber eh sie ging, zog sie aus dem hohlen Balken am Eingang
die Kette der Haifischzähne und küßte sie.
Es war fast hell. Er sah ihren reichen Leib, der straff und zart nach den
Brüsten hinaufwuchs, sich mit den spitzen Zähnen gürten. Sah den Schwung
ihres Beines, die Achsel, die Biegung ihres Nackens, die er mehr liebte als
wie Gott. Er sah alles. Er weinte nicht. Aber er hatte nicht die Kraft, sie
zu halten.
Er nahm das Schicksal in sich. Er konnte nicht höher als Gott.
Plötzlich ertoste der Berg. Da sprang sie hinaus. Sie lief. Einmal noch
hörte er ihre Stimme. »Sie ruft,« rief sie.
Da hielt es ihn nicht mehr. Er lief ihr nach. Aber sie war zu weit.
Da warf er sich mit dem Rücken gegen die erdröhnende Hütte. Er sah sie über
den Halbkreis des Grates über der Küste her hinlaufen, schmäler und blässer
werdend im entfernteren Monde und beschwingt voll Licht weitereilend wie
von Unirdischem getragen gleich einer silbernen Tänzerin in den Krater
verschweben.
Er aber hatte, tödlich verwirrt, noch nicht die Kraft, ihr zu folgen. Noch
jagte ein Strudel von Gefühlen sein vergangenes Leben über ihn hin. Aus der
Kette der Gesichte warf sich eines vor ihn, an das er nie mehr gedacht
hatte, und über ein Bild, das sich unter seinem Bewußtsein formte,
schluchzte er, sich wie an ein Letztes daran klammernd, daß es ihn
entwirren solle:
»Ma . . . Ma --«
Aber auch dies war taub.
Da raste und schrie er gegen Gott. Und dann beschwor er die Erde um ihn,
daß sie ihn hielte. Aber so tief war er als in das Höchste an Kalekua
verstrickt, daß, während er schrie, die Dinge, die er anflehte, sacht aus
ihm entwichen. Ruhiger werdend sah er nicht mehr Stern, kein Haus, kein
Meer. Seine Augen lauschten nach innen. Unendliche Stille umflutete sein
Gefühl.
Er warf sich mit dem Bauch auf den Boden und blieb wie ein Holz. Erst als
die Stimme des Abgrunds heischender heraufscholl, erhob er sich und folgte
ihr.