Dass die geistigen Fähigkeiten des _Kaspar Roth_ nie ausgezeichnet

waren, ist schon berührt worden. Dessen ungeachtet brachte er es

in manchen gelehrten Studien weit, in anderen dagegen konnte er

nicht vorwärts kommen. Charakteristisch ist, dass ihm immer die

Mathematik =gänzlich unzugänglich= war, und dass er darin auch nicht

die einfachsten Sätze begreifen konnte, wogegen er sich gern mit

Aufsätzen in deutscher Sprache befasste, und durch grossen Fleiss

einer der ersten Stylisten wurde. Jedoch war auch in diesen Aufsätzen

keine produktive Kraft, sondern nur ängstliche Sorgfalt für die

Sprachwendungen zu erkennen, so dass seine vertrautesten Briefe immer

von Korrekturen wimmelten. Einer seiner Lehrer sagt in einem nach der

Ermordung des Bruders über ihn gegebenen Bericht, dass zuweilen seine

Gedanken wie still gestanden, und man ihm auch nicht das Leichteste

hätte begreiflich machen können. Bei solchen zum Philosophiren gewiss

nicht geeigneten Anlagen hatte er dazu dennoch einen unglücklichen

Hang. Es ging ihm damit wie dem Zauberlehrling: Zweifel konnte er

leicht heraufbeschwören aus dem unendlichen Ideenreiche über die

Natur und Bestimmung des Menschen -- sie zu lösen war er nicht im

Stande; ohne Lösung ruhen und vertrauen auf die Vorsehung gelang

ihm gleichfalls nicht. Dieser innere Zwiespalt erschütterte, wie

begreiflich, sein Denkvermögen. Besonders einflussreich auf sein und

seines unglücklichen Bruders Schicksal scheint aber die Idee =von einer

ewigen und unzertrennlichen Verbindung des Geistes und des Körpers

geworden= zu sein.

Mit dem Hinscheiden und dem Untergange des Letzteren dachte er sich

auch den Untergang des Ersteren verbunden[92].

[92] Viele in den Akten enthaltene Aufsätze und Briefe zeigen

jenen unglücklichen Hang des _Roth_ zur Philosophie. In

Bezug auf die angeführte Idee ist wichtig, dass er einst

einem seiner Lehrer den Widerwillen gegen die Mathematik

dadurch erklärt hat: =bei der Idee der Einheit= entstünden

in ihm die allerbeunruhigendsten Zweifel. Ferner ist von

grosser Wichtigkeit das hier folgende Aktenstück, welches

verschiedene, an sich selbst von _Roth_ gerichtete und

sich selbst im Namen der Philosophie, der Medizin und der

Theologie beantwortete Fragen enthält:

„Ist es erlaubt, Solche, von denen man sagt, dass

ihre übersinnliche Natur, wenn sie noch länger

mit der Körperwelt in Verbindung stehe, verloren

gehe, von dieser Körperwelt zu trennen? Sorgfalt

bei der Untersuchung (das könnte denn gewiss bei

scharfblickenden Aerzten eine grosse Frage sein).

Wer spricht von einer solchen Vernichtung des

Uebersinnlichen statt des Irdischen?

=Der Philosoph.=

Frage wegen Erlaubtheit des Selbstmordes für Solche,

die sich unrettbar erkennen.

=Theolog.=

Dürfen sie denn keine Erlösung glauben?”

Dieses Aktenstück scheint sich zum Theile auf _Kaspar Roth_

selbst zu beziehen, auf die früher getriebene Onanie, daher

entstandene und gefühlte Schwächung seines Körpers, Furcht

vor der Vernichtung seiner übersinnlichen Natur mit der

irdischen, und daher, zur Errettung, der gefasste Gedanke des

Selbstmordes. Es findet sich noch ein anderer Aufsatz in den

Akten, der also beginnt:

„Du nahst heran, mein letzter Tag!”

mithin gleichfalls auf den Vorsatz zum Selbstmorde zu deuten

scheint. Auch machte _Roth_ in dem Gefängnisse dazu einen

schwachen Versuch, bei dem er jedoch dergestalt zu brüllen

anfing, dass der Gefangenenwärter herbeikam, ehe er sich ein

bedeutendes Leid zugefügt hatte. Er verlangte darauf Wache,

um sich nicht selbst überlassen zu bleiben. Uebrigens hatte

einer seiner Lehrer, nach einer langen Unterredung, die

Ueberzeugung gefasst, dass _Roth_ =keinen Selbstmord begehen

könne=.

Jene Idee wurde durch folgenden Umstand von der grössten Bedeutung

für _Roth_: er hatte das erlernte Laster der Onanie, damals, als er

dessen Sündlichkeit nicht kannte, seinem jüngeren Bruder _Remigius_

weiter gelehrt. Später von den nachtheiligen Folgen dieses Lasters

unterrichtet, wollte er es demselben auch wieder abgewöhnen. Es gelang

ihm nicht. Er merkte nun, wie sich dessen Munterkeit in mürrisches

Wesen, seine Lebendigkeit in Zerstreuung veränderte, wie sein

Gedächtniss schwächer wurde, seine Gesundheit herabsank, häufige Brust-

und Leibschmerzen sich einstellten. Er fürchtete sonach den Untergang

der sinnlichen und übersinnlichen Natur seines geliebten Bruders

zugleich; er hielt dessen Tod für die einzige mögliche Errettung[93].

[93] Sieh die Eingangsworte des in der vorigen Note angeführten

Aktenstückes:

„Ist es erlaubt, Solche, von denen man sagt, dass ihre

übersinnliche Natur, wenn sie noch länger mit der

Körperwelt in Verbindung stehe, verloren gehe?”

Stünde hier: =ist es Solchen erlaubt=, so wären diese Worte

auf _Kaspar Roth_ selbst, auf Selbstmord zu beziehen.

Da aber steht: =ist es erlaubt, Solche=, so sind sie auf

einen Dritten (auf _Remigius Roth_) zu beziehen und so zu

interpretiren:

„Ist es erlaubt, Solche, deren übersinnliche Natur bei

einer längeren Verbindung mit der Körperwelt verloren

geht, von dieser Körperwelt zu trennen?”

§. 3.

So weit sich die Lebensgeschichte des _Kaspar Roth_ in den Akten

verfolgen lässt, zeigte er immer ein sehr weiches, folgsames und

religiöses Gemüth und ein sehr reges Pflichtgefühl. Dieses bewog ihn,

dem Laster der Onanie zu entsagen, nachdem er dessen Sündlichkeit

erfahren hatte, und in den Knabenjahren den ernstlichen Kampf mit

einem schon durch =vierjährige= Uebung zu grosser Höhe gesteigerten

Sinnenreiz zu beginnen. Nach Verlauf eines Jahres, wo seine moralische

Willenskraft bald siegte, bald erlag, gewann sie die entschiedene

Ueberhand, die Sinnlichkeit war überwunden.

Es kommt in den sämmtlichen Akten nicht eine Spur irgend einer

leidenschaftlichen Aufwallung des zum Brudermörder gewordenen Jünglings

vor. Seine Geschwister liebten ihn, und nie hatte er mit ihnen einen

ernstlichen Streit, seine Freunde achteten ihn, seine Eltern --

verehrten ihn, seine Lehrer schätzten ihn, viele Leute niederen Standes

bewunderten ihn, eben sowohl wegen seiner feineren sittlichen Bildung,

als wegen seiner Kenntnisse; in den angesehensten Häusern gab er

Unterricht und erwarb sich durch sein bescheidenes Benehmen Freunde.

Seine religiösen Gesinnungen waren rein, wie sich aus vielen

vorgefundenen Aufsätzen und Briefen ergibt.

Durch dieses in vielen Beziehungen reine Gemüth zieht sich jedoch

von früher Jugend herauf ein dunkler Streif kränkelnder Schwermuth,

frühreifer und überspannter Empfindelei.

Man erkennt die unter dem Gefühle der früheren Sünde und der

Zerknirschung, so wie durch übertriebene geistige Anregung

emporgeschossene, aber matte und welke Treibhauspflanze. Peinlich ist

besonders dieses Ringen nach Oben und zum Erfassen des Unendlichen bei

der innewohnenden Gedankenarmuth des unglücklichen _Roth_.

Ob die Entwicklung dieses kränkelnden Gemüthszustandes bis zur völligen

Krankheit mehr eine Folge dessen war, dass er bei seinem Bruder das von

ihm erlernte zerstörende Laster nicht mehr tilgen konnte, so wie, dass

er bei zunehmenden Jahren in sich selbst den Sinnenreiz mit doppelter

Kraft erwachen fühlte und ihn auf's Neue bekämpfen musste, oder ob

daran sein durch vieles Sitzen und durch die früher getriebene Onanie

angegriffener Unterleib und die eingetretenen hypochondrischen Leiden

Schuld waren, lässt sich nicht mit Gewissheit bestimmen. Wahrscheinlich

wirkten alle diese Ursachen zusammen.

§. 4.

Eine auffallende Reizbarkeit des Gefühles bei dem leisesten Tadel

bemerkten und rügten zuerst um Ostern 1824 einige Lehrer des

Gymnasiums. Der sonst folgsame Jüngling konnte jedoch diesen Fehler

nicht ablegen, vielmehr stieg seine Reizbarkeit.

Zur selben Zeit fingen seine geistigen Kräfte offenbar an mehr

herabzusinken; Zerstreuung, Schwierigkeit im Festhalten und

Aneinanderknüpfen der Ideen, Ermüdung durch jede anhaltende Arbeit,

nahmen zu.

Jene Progressionsrede (um Ostern 1825) umfasste einen reichhaltigen

Stoff: über die christlichen Märtyrer, war aber in der Ausführung

äusserst dürftig und schwach. _Roth_ hatte seine ganze Kraft und seinen

ganzen Fleiss daran gesetzt, sie umgearbeitet und wieder umgearbeitet,

aber es wurde doch nur ein glatter Rahmen zu einem matten Bilde.

Die Anstrengung der darauf gewandten Arbeit blieb ihm noch lange

fühlbar. Er schränkte die Zahl seiner Unterrichtsstunden ein, obwohl

er in den dürftigsten Verhältnissen war. Die Vorbereitung zu seinen

Universitätsstudien ging so wenig von der Hand und wurde mit solcher

Zerstreuung betrieben, dass er die Autoren der Werke wieder vergass,

die er lange und anhaltend studirt hatte. Festhalten seiner Gedanken,

ohne äussere Beschäftigung durch die Feder, wurde ihm immer schwerer.

Das Selbstgefühl einer geistigen und körperlichen Ermattung

erzeugte eine grosse Mutlosigkeit und Melancholie; die Trauer über

seinen früheren Fall vereinte sich mit dem Abscheu vor der wieder

erwachenden Sinnlichkeit, und erzeugte ein Chaos trüber und verwirrter

Gedanken[94].

[94] Man war bemüht gewesen, ihm ein Stipendium zum Studiren

zu verschaffen. Er schrieb zu dieser Zeit an einen seiner

Lehrer, worin er erklärte, dass er der reine Jüngling nicht

mehr sei, für den man ihn halte, dass er früher Onanie

getrieben, und dass man also jenes Stipendium (welches er

später aus anderen Ursachen nicht erhielt) einem Würdigeren

zuwenden möchte.

Die Nächte brachte er mit Wachen und Weinen zu, welches oft so laut

wurde, dass es seine bekümmerten Eltern aus dem Schlafe erweckte.

Vorzüglich richteten sich seine Gedanken auf den durch sein Beispiel

verdorbenen Bruder _Remigius_. Freilich, Gedanken, die den Festesten

erschüttern und den Gottvertrauendsten niederwerfen konnten! Sein

Bruder, sein geliebter Bruder, durch ihn dem zeitigen und -- nach

seinem Wahne -- auch dem ewigen Verderben dahingegeben! Und keine

Rettung!

Früher wollte er Theologie studiren, jetzt wandten sich seine Ideen

zur Pädagogik, wobei er (nach mehreren früheren Notizen) vorzüglich im

Sinne getragen zu haben scheint, dass er die an seinem Bruder begangene

Sünde durch Bewahrung anderer Kinder wieder austilgen möchte, und dies

wollte er gleich beginnen, ohne sich vorher durch Universitätsstudien

auszubilden[95].

[95] Er war so fest in dieser Idee, dass einer seiner älteren

Freunde, der sie ihm ohne allen Erfolg auszureden suchte,

und auf die wohlmeinendsten Gegengründe von dem sonst so

sanftmüthigen Jüngling nur immer ein eigensinniges: „Ich will

es aber, ich kann es aber!” zur Antwort erhielt, diese Idee

schon damals als eine fixe betrachtete.

Später dachte er auch daran, Rechtswissenschaft zu studiren, und

arbeitete deshalb kurze Zeit bei einem Advokaten. Dass er den Geschmack

an einer seinem ganzen Wesen so widerstreitenden Wissenschaft bald

verlor, ist leicht zu begreifen; nicht so, wie er dazu kam.

Dieses Schwanken über die Wahl eines Standes fiel in die Zeit, nachdem

er das Gymnasium gänzlich verlassen hatte (Ostern 1826) und der Kampf

in seinem Inneren wurde nun immer heftiger, es nahte die Entscheidung.

§. 5.

Den 12. Juni 1826 wollte sein Bruder _Remigius_ auf dem Marktschiffe

nach Hanau fahren, um das dortige Lamboyfest zu schauen[96].

[96] Dieser Vorfall ist allein durch die späteren freiwilligen

Geständnisse des _Kaspar Roth_ bekannt, und nur was

die äusseren Thatsachen betrifft durch andere Zeugnisse

bestätiget worden.

_Kaspar Roth_ erbot sich, ihn zu begleiten, bat aber, dass sie lieber

zu Fuss gehen möchten. Die Nothwendigkeit, _Remigius_ von der ewigen

Vernichtung durch den Tod zu retten, war nunmehr feste Ueberzeugung

bei Jenem geworden; er hatte beschlossen, das Instrument des Todes und

der Rettung zu werden; auf jenem Gange nach Hanau wollte er den Mord

vollbringen. Aber noch redeten gegen die Ausführung innere Stimmen

seines Herzens.

Nicht weit von Frankfurt wollte er umkehren. _Remigius_ bat ihn,

weiter zu gehen. Sie gingen, und _Kaspar_ dachte nun wieder in Hanau zu

bleiben, sich dort durch Informiren der Kinder zu erhalten und seinen

Bruder unter beständige Aufsicht zu nehmen. Dann siegten abermals

die Mordgedanken; er fühlte den Moment der Entscheidung nahen -- da

stiegen schwarze Gewitterwolken empor, sie erkennt er als ein Zeichen

des göttlichen Unwillens über sein Vorhaben, und umarmt weinend seinen

Bruder mit den Worten:

„Lasse uns zurückkehren! Du bist ja mein lieber Bruder!”

_Remigius_ getraute sich nicht mehr der Rückkehr zu widersprechen,

er fühlte die Bewegung in der Brust seines Bruders und das

Ausserordentliche in seinem Wesen. Gerührt, erschüttert, bang, folgte

er gern zur Heimat.

Niemand durfte dort _Kaspar_ über jenen Vorgang befragen. Jede

Erinnerung daran war ihm augenscheinlich schmerzvoll und beängstigend.

Seine Stille und sein dumpfes Hinbrüten nahm seitdem zu; am 24. Juni

war er plötzlich verschwunden; die Eltern vermutheten Selbstmord.

Nach einigen Tagen schrieb das Justizamt in Königstein an das

Polizeiamt zu Frankfurt, dass man in der Gegend einen geisteskranken

Menschen, ohne Pass, festgehalten habe, und liess einen Tag später

_Kaspar Roth_ auf dem Schub nach Frankfurt zurückbringen.

Die Ursache, warum er sich so heimlich entfernte und seine Eltern

dadurch in die grösste Besorgniss versetzte, ist schwer auszumitteln;

er schrieb wenige Tage zuvor an einen Freund in Idstein, dass er ihn

besuchen wolle, und nahm am 24. Juni auch wirklich den Weg dahin. Warum

verbarg er denn ein so einfaches Vorhaben?

Der wahrscheinlichste Grund ist, dass er den ihn immer umlagernden

Mordgedanken entfliehen wollte. Diese Gedanken traute er sich

Niemandem zu offenbaren. Statt aber nur sie zu verbergen, verbarg er,

in Folge der schon herrschenden Geistesverwirrung, seine vorhabende

Reise selbst. Da er von mehreren seiner Lehrer nach der Rückkehr um

die Ursache seines heimlichen Verschwindens befragt wurde, gab er

freilich jene beängstigenden Mordgedanken nicht an, so wie es überhaupt

bemerkenswerth ist, dass er sie vor der That ganz heimlich hielt.

Er behauptete vielmehr, dass er verschiedenen, seiner Keuschheit von

mehreren Mädchen und Frauen gemachten Nachstellungen habe entrinnen

wollen. Diese Nachstellungen waren jedoch lediglich in seiner

Einbildung gegründet; die in ihm mit neuer Macht erwachte Sinnenlust

hatte er auf Andere übertragen (seine subjektiven Gefühle objektirt).

Alles, was er von seinem Zustande während jener kurzen Abwesenheit

später erzählt hat, deutet darauf hin, dass damals der Sinnenreiz eine

furchtbare Höhe und eine alle anderen Fähigkeiten verwirrende Kraft

erreicht hatte. Es mag also auch darin zum Theile eine Veranlassung

seiner plötzlichen Entfernung gelegen haben.

Jene Erzählung ist folgende: _Roth_ begab sich am 24. Juni auf den

Weg nach Idstein; da er auf dem Gipfel des Stauffen (eines unweit

Königstein gelegenen Berges) angelangt war, erschienen ihm plötzlich

alle Gegenstände doppelt, Bäume und Blumen begannen mit ihm zu reden,

er fühlte, dass er so nicht unter Menschen gehen könne, und folgte Berg

auf Berg ab dem Gesange der Vögel; sie sangen von seiner Keuschheit.

Dann begegnete er, als Engel, zwei Jungfrauen, und hielt ihnen eine

blaue Blume entgegen; endlich sank er ermüdet in einen Busch. Hier war

es ihm, als müsse er sich seiner gebrüsteten Keuschheit entledigen,

gleichsam seinen Stolz auf Tugend durch Sünde büssen. Im Wahnsinne

beging er zum ersten Male wieder Onanie. Kaum war aber der Reiz

befriediget, so erhielt wieder Alles eine andere Gestalt vor seinen

Augen; wahnsinnige Reue folgte der unwillkürlichen Sünde; zur Busse

wollte er sich zuerst als Rinderhirt, dann als Schweinhirt verdingen.

Die Frau (aus dem Dorfe Elhalten), welcher er diesen Dienst anerbot,

ahnte seinen Zustand, lud ihn zu sich in's Haus und übergab ihn

dem Schulzen des Dorfes, dieser dem Amte zu Königstein. Aus seiner

zerrissenen und durchnässten Kleidung (zwei Tage war er durch Wald

und Busch geirrt und beim Verfolgen einer grünen Wasserlibelle in

einen Bach gefallen), seinem sonderbaren, obwohl nicht unvernünftigen

Benehmen, seinem hartnäckigen Zurückweisen aller Speise, davon er doch

zwei Tage lang nichts genossen -- schlossen die Behörden und Bauern zu

Königstein und Elhalten, dass er geisteskrank sei.

II. =Zustand des _Kaspar Roth_ kurz vor und während des von demselben

verübten Brudermordes.=

§. 6.

Als _K. Roth_ nach Frankfurt zurückgebracht war, zeigten sich zwar

keine so offenen Spuren dieses kranken Zustandes mehr -- er kehrte

zu seinen gewöhnlichen Beschäftigungen mit anscheinender Ruhe und

Fassung zurück, doch war es gerade damals, wo sein sonderbares Wesen,

seine angenommene Heiterkeit, sein oft verzerrtes Lachen, verbunden

mit einem scheuen und ängstlichen Benehmen[97], seinem Arzte und

mehreren seiner Lehrer auffiel; auch gab er damals, wenn er den Fragen

über sein Verschwinden nach Königstein nicht ausweichen konnte, jene

widersinnigen Gründe an, die oben berührt wurden. Zu Hause war sein

Benehmen durchaus verschlossen und still. Seine Verwandten indessen

hofften noch immer auf eine Wiederherstellung.

[97] Vor der Gegenwart eines kleines Mädchens, welches er sonst

geliebt hatte, schien er sich wahrhaft zu fürchten.

Weil ihm Bewegung und Erheiterung angerathen ward, ermunterte

ihn seine Schwester am 18. Juli 1826 zu einem Spaziergange in den

öffentlichen Anlagen. An diesem Tage, so wie wahrscheinlich auch an

den vorhergehenden, bewegten _Roth_ wieder die trüben Gedanken über

das Schicksal seines Bruders _Remigius_, der zu einem Schreiner in

die Lehre gekommen war, jedoch die Anstrengung der Arbeit nicht wohl

ertragen konnte. Die Idee, dass diesen nur der Tod erretten könne, war

mit doppelter Gewalt zurückgekehrt.

Die bessere Einsicht des unglücklichen Jünglings, wodurch er diese

Idee hätte verscheuchen sollen, war noch mehr zerfallen. Sonderbare

Vorstellungen über göttliche Mittheilungen durch Zeichen der äusseren

Natur hatten sich festgesetzt[98] und waren in Verbindung mit den

düsteren Mordgedanken getreten.

[98] _Roth_ erinnerte sich dessen, was er in _Xenophon's_

Memorabilien über den =Dämon=, die =innere Stimme= des

_=Sokrates=_, gelesen.

Des Einflusses, welchen das Aufsteigen eines Gewitters bei seinem Gange

mit _Remigius_ nach Hanau hatte, ist schon erwähnt worden, ebenso,

dass er auf dem Gipfel des Stauffen die Stimme der Bäume und Vögel

vernommen; dass der Gesang der Letzteren einen inneren Sinn habe und

göttliche Worte verkünde, dieses war zu dieser Zeit in ihm eine fixe

Idee geworden[99].

[99] Unter fixer Idee wird verstanden, wenn ein =sonst nicht

unvernünftiger Mensch= gewisse, der Vernunft widerstreitende

Ansichten hat, die er selbst nicht durch Schlüsse des

Verstandes angenommen und auf diese gebaut hat, sondern die

er im Wahne als etwas Positives anerkennt. Ist der Mensch

völlig unvernünftig, so gibt es keine =einzelnen= fixen Ideen

mehr, diese verlieren sich in der Masse von Unvernunft.

_Roth_ verrichtete damals noch alle seine gewöhnlichen

Beschäftigungen mit Besonnenheit, sprach auch über die

meisten Gegenstände mit aller Klarheit, nur nicht, wenn man

auf die Ursachen seiner heimlichen Entfernung kam. Er war

also im =Ganzen= vernünftig, nur nicht in Bezug auf spezielle

Gegenstände. Eben so stand es mit ihm auch nach seiner

schaudervollen That, und so steht es auch noch jetzt. In

Bezug des Glaubens an Vogelsang sind seine in dem Verhöre am

16. August gegebenen Antworten wichtig.

=Frage=: Ob er nicht geglaubt, dass die Vögel nur

instinktmässig gesungen.

=Antwort=: Damals sei er nicht anders zu glauben im Stande

gewesen (nämlich, als dass die Vögel nicht instinktmässig

sängen), zumal er aus den Schriften der Alten gewusst, dass

diese grosses Gewicht auf den Gesang der Vögel gelegt und 14

Tage vorher in _Xenophon's_ Memorabilien eine darauf Bezug

habende Stelle: _de daemone Socratis_, gelesen. =Auch jetzt

sehe er nicht ein, dass der Gesang der Vögel zufällig sei, er

hätte denselben nur nicht so auslegen sollen!= Er sei noch in

seiner Meinung ungewiss, allein die That hätte er doch nicht

thun sollen.

Auf der einen Seite nun die düsteren Gedanken über das zeitliche und

ewige Verderben seines Bruders, über die einzige Möglichkeit von dessen

Errettung durch den Tod, über seinen eigenen Beruf: das Instrument

dieser Rettung zu werden, im Sinne tragend; auf der anderen Seite

zur Ausführung dieser von höherer Pflicht erheischten Gräuelthat

durch äussere zufällige Zeichen der Natur bald abgeschreckt, bald

dazu hingezogen, bald durch sie die göttliche Missbilligung, bald

die göttliche Billigung seines Vorhabens erkennend; mit einem so

schwankenden Ruder in den reissenden Wellen seines bis in die Tiefe

erschütterten Gefühles und seiner gewaltig drängenden Gedanken wurde

_Roth_, obwohl seine innere Stimme noch immer der That widerstrebte,

dennoch zu ihr fortgerissen.

§. 7.

Nach dem Spaziergange mit seiner Schwester war er ruhiger nach Hause

gekommen; um 10 Uhr Morgens stiegen die Gedanken wieder mit Uebermacht

empor; er war mit seinem Bruder allein im Zimmer, ergriff den

Stiefelknecht seines Vaters und hob ihn mit Verzerrung seines Gesichtes

und knirschenden Zähnen. _Remigius_ glaubte, er wolle sich selbst ein

Leid zufügen und fiel ihm mit den Worten in die Arme:

„Thue dir doch nichts!”

Erschüttert von den Worten des seine Gefahr nicht ahnenden Bruders

liess _Kaspar_ den schon zum Morde gehobenen Arm sinken, beide Brüder

weinten, der eine den anderen betrauernd.

Nachmittags suchte _Kaspar_ seine immer wieder aufsteigenden

Mordgedanken abermals durch einen Spaziergang zu zerstreuen, aber an

einem Weiher in den öffentlichen Anlagen vernahm er den Gesang eines

Vogels, dessen Lieblichkeit er auf das göttliche Wohlgefallen an seinem

Vorhaben deutete, mithin in diesem auf's Neue bestärkt wurde. Abends

5 Uhr gab er eine Unterrichtsstunde, während welcher Niemand zu Hause

war, als sein Bruder _Remigius_, der, erschöpft und schlummernd, seinen

Kopf auf den Tisch gelehnt hatte. Dieser Umstand führte entscheidend zu

dem traurigen Ende des Armen. Seine Erschöpfung musste in dem düsteren

Bruder mit neuer Kraft den Gedanken erwecken, dass das Laster der

Onanie seinen Körper der Vernichtung entgegenführe; mit der Vernichtung

des Körpers sah Jener auch die Seele dahinschwinden. Der Schlummer

des Unglücklichen bot auf der anderen Seite das Bild der ewigen Ruhe

durch den Tod. Von diesen Gedanken erfasst, durch den Unterricht (den

er mit der grössten Anstrengung und sichtbarer Zerstreuung fortsetzte)

an die Stelle gefesselt, gewann der Sturm in _Kaspar's_ Innerem

völlige Ueberhand, er war nun seiner nicht mehr mächtig. Kaum hat

der Schüler das Zimmer verlassen, so ergreift er ein schweres Holz in

der benachbarten Küche, springt mit gellendem furchtbaren Schrei auf

_Remigius_ los, und schmettert ihn mit wenigen Schlägen todt zu Boden.

Während der That glaubt er ihn als Engel zum Himmel schweben zu sehen,

wirft sich weinend auf die Leiche, überlässt ruhig den auf das Geschrei

herbeieilenden Männern das Mordinstrument und sagt wiederholt:

„Ihm ist wohl; er ist gut aufgehoben, er ist im Himmel!”

III. =Zustand des _Kaspar Roth_ nach dem Brudermorde.=

§. 8.

_Kaspar Roth_ war unmittelbar nach dem grausamen Morde seines Bruders,

der nur noch einige Zeichen des konvulsivischen Lebens gegeben hatte,

nicht aber zum Bewusstsein zurückgekehrt war, in das Gefängniss

abgeführt worden, ohne den geringsten Widerstand und ohne die mindesten

Anstalten zur Flucht. Wer sollte bei einem von Natur so gutmüthigen,

seinen Eltern und vorzüglich seiner Mutter so anhänglichen Jüngling,

der offenbar den Bruder nur aus Liebe erschlagen hatte, nicht nach der

That die grösste Reue, nicht beim Anblicke der Mutter, die an einem

Tage zwei Söhne, und den einen durch den anderen, verloren hatte, die

grösste Erschütterung vermuthen? -- Davon zeigte sich keine Spur. Er

bedauerte die Mutter, er war gerührt bei dem Gedanken an den geliebten

Bruder, aber Reue über die That zeigte er nicht, und hat sie eigentlich

nie gezeigt.

Mehrmals ist er später, wie es scheint in lichten Zwischenmomenten,

zu der Ansicht gekommen, dass er das Schicksal seines Bruders hätte

Gott überlassen sollen, so wie er auch vorher oft gegen den Entschluss

angekämpft hatte, aber die Reue, welche ein das Gute wollender Mensch

bei dem Gefühle eines =wider besseres= Wissen verübten Unrechts und

eines =schuldvoll verursachten= unersetzlichen Verlustes empfindet,

dieses herbe und erschütternde Gefühl hat sich niemals bei _Kaspar

Roth_ gezeigt. Dass sein Bruder sterben musste, dass ihm der Tod eine

Wohlthat, eine Errettung war: davon war er zu aller Zeit, und davon

ist er, wenn nicht Alles trügt, noch jetzt überzeugt. Deshalb konnte

er wohl zweifeln über seinen eigenen Beruf zu dieser Errettung, niemals

aber beklagen, dass sein Bruder diese Welt verlassen habe[100].

Die gerichtliche Arzneikunde in ihrem Verhältnisse zur Rechtspflege, mit besonderer Berücksichtigung der österreichischen Gesetzgebung. Erster Band. Zum Gebrauche für Ärzte, Wundärzte und Rechtskundige dargestellt und mit entscheidenden Thatsachen begründet · 第 25 / 31 段