und Weise, wie sich der erwachende Geschlechtstrieb in vielen Fällen
ausspricht, der Entwicklung des Sittlichkeitsgefühles vortrefflich
gedient ist, denn der Mensch lernt Selbstbeherrschung und aufopfernde
Hingebung dadurch mehr und besser üben, als er bis dahin noch
wahrscheinlich in den wenigsten Fällen Veranlassung hatte, er
fühlt sich selbstständig, weil er nicht mehr blos seinen eigenen
Empfindungen, sondern für ein anderes Wesen zu leben fühlt.
Diese Art der Aeusserung des Geschlechtstriebes ist aber auch die,
jedem unverdorbenen Menschen natürliche, weil sie sich in der That
bei jedem unverdorbenen Menschen findet, wo sie sich aber findet, es
unverkennbar ist, dass der Mensch gerade in dieser Art Entwicklung
seines Wesens vielleicht die grösste Seligkeit empfindet, deren er auf
Erden fähig ist, es ist das Paradies der Unschuld; ehe sie zum vollen
Bewusstsein erwacht ist, denn in diesem Zustande, wo der Mensch Alles,
was sein durch den erwachenden Trieb aufgeregtes Lebensgefühl Schönes
und Erhabenes in seiner Phantasie erzeugt, auf den geliebten Gegenstand
überträgt, ist ihm dasjenige goldene Zeitalter gegeben, in welchem die
Gottheit noch sichtbar auf Erden wandelte. Es ist freilich ein Traum,
dem Erwachen folgen muss, allein so viel ist gewiss, wenn die Liebe
einmal sieht, so hat sie aufgehört =Liebe= zu sein.
§. 63.
Diese Thatsachen, deren Wahrheit zu tief in dem menschlichen
Gefühle gegründet ist, als dass man sie im Ernste bezweifeln könnte,
wären nun entschieden unmöglich, wenn der Mensch gleich dem Thiere
lediglich auf eine seinen Trieben unmittelbar entsprechende Thätigkeit
angewiesen wäre, sie beweisen vielmehr[35], und zwar sowohl in ihrer
verderblichen, als in ihrer den sittlichen Zustand befördernden
Erscheinung, dass die Lebensthätigkeit des Menschen so konstituirt
sei, dass die Thätigkeit des Organismus desselben von dessen
Vorstellungsthätigkeit bedeutend =überwogen= werde, und dass daher
das eigentliche Leben des Menschen ein =geistiges=, ein =Leben in der
Vorstellungsthätigkeit= sei.
[35] Hätte der Mensch Kunsttriebe gleich den Insekten, so wäre
es mit allen Werken des menschlichen Geistes vorbei, denn er
müsste dann seinen Kunsttrieben obliegen und könnte nicht
mehr und nicht weniger leisten, als eben sein Trieb ihm
eingibt, da er eben ein Trieb ist und somit alles Nachdenken
ausschliesst. Man würde produziren wie man schläft, von
selbst, ohne sich im Mindesten um das =Wie= zu bekümmern.
Diese Wahrheit findet sich aber auch bestätigt, wenn man den
=Organismus= des Menschen selbst betrachtet.
Der bei dem Menschen, im Vergleiche mit allen Thiergattungen, am
meisten ausgebildete Theil ist das =Nervensystem=, also gerade
derjenige organische Theil, welcher der Vorstellungsthätigkeit
zuverlässig am =nächsten= steht, dagegen aber gibt es kein einzelnes
Sinneswerkzeug eines Menschen, welches nicht von jenem einer bestimmten
Thiergattung =übertroffen= würde. -- Alle Sinneswerkzeuge eines normal
organisirten Menschen sind aber wieder so beschaffen, dass sie, wie
bereits im §. 61 bemerkt wurde, nicht nur einer Ausbildung fähig sind,
welche jener der hierin am besten begabten Thiergattungen =nahe= kommt,
sondern dass diese Ausbildung einzelner Sinne ohne =Nachtheil=, ja
sogar mit gleichzeitiger Entwicklung auch der =übrigen= Sinne Statt
finden kann. Als Beispiel möge der feine Geruch- und Gehörsinn der
Wilden und der hohe Grad von Gelenkigkeit dienen, welchen die Jugend
unserer Zeit in orthopädischen Instituten etc. erwirbt, ohne dass man
noch ein Beispiel erlebte, dass ein Jüngling, dessen Körperkräfte auf
diese Art entwickelt wurden, dadurch an irgend einem Sinne oder gar in
seinen =geistigen= Funktionen schwächer geworden sei, wohl aber dürfte
es eben nicht schwer sein, Beispiele vom Gegentheile aufzufinden[36].
[36] Man eifert sehr gegen die materiellen Tendenzen unseres
Zeitalters. Ich lasse es natürlich dahingestellt sein, ob es
vernünftig ist, gegen die Tendenz des Zeitalters zu eifern,
da das Zeitalter selbst sich um unseren Tadel oder unser
Lob nicht bekümmert, und man überhaupt über die Richtung, in
welcher man =fährt=, immerhin etwas schwer urtheilen kann,
wenn man selbst im Wagen sitzt. Dreierlei Wahrheiten, die
denn doch nicht ganz unvorteilhaft für die Sittlichkeit des
Zeitalters zeugen, sind jedoch in eben diesem materiellen
Zeitalter zum Bewusstsein der Menschen gelangt, an deren
zwei man früher nicht dachte, die dritte aber fast vergessen
hatte. -- Die ersten sind die Nothwendigkeit des Strebens
nach Mässigkeit (Mässigkeitsvereine) und der Abstellung der
Thierquälerei, die letzte die Erkenntniss, dass auch der
Körper des Menschen entwickelt werden müsse, wenn der ganze
Mensch etwas taugen soll. -- In diesen drei Wahrheiten liegt
nach meiner unmassgeblichen Meinung ein besseres Zeugniss
für die Moralität des gegenwärtigen, und eine Hoffnung für
die künftigen Jahrhunderte, welche eine bedeutende Dosis
Weltschmerz -- die gerechte Geissel Derjenigen, welche
den Egoismus des gegenwärtigen Zeitalters repräsentiren --
aufwiegt. -- „Das Leben,” sagt _Jean Paul_, „ist eine bittere
Frucht, man greife es nur mit Presse und Zange an und es hat
den süssesten Kern.”
Ebenso begegnet man der Erfahrung, dass der Mensch im Stande ist,
die Thätigkeit der am meisten in gewissen Beziehungen begabten
Thiere, sofern ihre Organe, wie etwa jene der Insekten, nicht gar zu
verschieden sind, beinahe zu erreichen, nicht einmal der Biegsamkeit
der menschlichen Stimme zu gedenken, durch welche er vermag, die Laute
der Thiere, vom Miauen der Katze bis zum Schlag der Nachtigall, oft
täuschend nachzuahmen, eine Fähigkeit, welche, im Vorbeigehen gesagt,
nicht wenig zur Bildung der menschlichen Sprache beigetragen haben
mag, sobald einmal der Mensch das Bedürfnis fühlte, seine Vorstellungen
Anderen mitzutheilen.
Mit dieser Bildungsfähigkeit aller Organe des Menschen ist es nun
entschieden nicht zu vereinbaren, dass ein einzelnes Organ die
übrigen überragte, denn wäre dieses der Fall, so könnten wir nicht
=willkürlich= das eine oder das andere der menschlichen Organe in so
hohem Grade ausbilden, wie es wirklich geschieht. Es folgt daher,
dass die Organe des Menschen und daher auch die ihren Aeusserungen
entsprechenden Triebe so im =Gleichgewichte= stehen, dass der Mensch
nicht zur Entwicklung gewisser =einzelner= Triebe bestimmt sei, sondern
seine Bestimmung in dem =Resultate= der Kombination seiner Triebe durch
die =Vorstellungs=thätigkeit liege.
Bei keinem =Thiere= finden wir endlich die Erscheinung des =Wahnsinns=,
wir finden sie aber bei dem =Menschen=, und zwar insbesondere in jenem
Falle, wo irgend eine Funktion (z. B. die Geschlechtsfunktion bei dem
_furor uterinus_) eine übermässige Stärke erlangt, und also ein Theil
des menschlichen Organismus aus seiner coordinirten Stellung zu den
übrigen heraustritt. Dennoch dürfte der bei dem Furor erregte Trieb an
Stärke schwerlich jenem, welchen ein Thier zur Brunstzeit empfindet,
gleichkommen[37].
[37] Hat man schon die Erscheinung des Wahnsinnes bei einem Kinde
gefunden? Ich bin nicht sachverständig genug, um diese Frage
zu beantworten, doch erinnere ich mich nie, von einer solchen
Erscheinung gehört zu haben.
Es erhellt daher, dass ohne gänzliche Zerrüttung des menschlichen
Sein's die Beschaffenheit keines =einzelnen= Organes sich so gestalten
kann, dass es sich zum Triebe in der Weise entwickle, wie dieses bei
dem Thiere der Fall ist, und dass daher selbst der physische Organismus
des Menschen so eingerichtet ist, dass alle dessen einzelne Theile
in einem, der Bestimmung des Menschen, ein =geistiges= Leben zu
führen, entsprechenden Verhältnisse stehen, welches Verhältniss, wo es
gestört ist, jedenfalls eine Anomalie, entweder durch eine fehlerhafte
ursprüngliche Anlage oder durch den Zustand der Krankheit, bildet.
§. 64.
Bereits bei §. 32 wurde der Satz ausgesprochen, dass der Mensch in
seiner irdischen Laufbahn nur =ein= Wesen, d. i. ein vollkommenes in
allen seinen den verschiedenen Aeusserungen desselben entsprechenden
Anlagen innig verbundenes =Ganzes= sei, ja dass die Annahme von
verschiedenen Anlagen =desselben= Menschen nicht in der objektiven
Beschaffenheit des =Subjektes=, sondern nur in der subjektiven
Vorstellung des =Beobachters= desselben gegründet sei, welcher, um
sich die Uebersicht des Ganzen zu erleichtern, gewisse Abstufungen
festsetzen muss.
Aus dieser Ansicht folgt nun auch die Nothwendigkeit, den Satz, an
dessen Richtigkeit übrigens ohnehin Niemand zweifelt, hier besonders
auszusprechen, dass auch =kein einzelnes= Organ des Menschen ein
=für sich= bestehendes Ganzes, sondern nur immer ein Theil jenes
Wesens sei, welches wir =Mensch= nennen, und sich daher nur für den
=dritten= Beobachter als ein =Theil= jenes Wesens ausspricht, weil
es eine besondere Verrichtung übt, welche nur =dieses=, nicht aber
ein anderes Organ zu leisten im Stande ist. -- Nur das Auge übt die
Funktion des =Sehens=, nur das Ohr jene des =Hörens=, allein es lässt
sich nicht sagen, das =Auge= sieht, oder das =Ohr= hört, sondern, wenn
man nicht figürlich sprechen will, so muss man sagen: der =Mensch=
sieht =mittelst= des Auges, der Mensch hört =mittelst= des Ohres u. s.
w., welches mit anderen Worten so viel sagen will, als: er entwickelt
Vorstellungen, die einer Empfindung entsprechen, welche in dem
Angeregtwerden durch äussere Eindrücke =mittelst= des Auges, des Ohres
u. s. w. entstanden sind.
Jeder mögliche =neue= Eindruck, welchen der Mensch durch die
Sinne erhält, trifft nun auf =alle= durch die früheren Eindrücke
veranlassten, noch =vorhandenen= Vorstellungen, und bildet mit diesen
ein =neues= Ganzes, wodurch daher in dem ganzen Wesen des Menschen
nothwendig eine =Veränderung= entsteht.
Diese Veränderung gibt sich nun durch jene Erscheinung kund, welche wir
=Ideenassociation= nennen, und bezüglich deren uns die Erfahrung lehrt,
dass jeder Eindruck, dessen sich der Mensch bewusst wird, somit jede
Empfindung eine =eigene= Ideenassociation zur Folge hat.
So richtig diese Erfahrung ist, so wenig darf man sich dadurch
verleiten lassen, diese Erscheinung als etwas =Selbstständiges= zu
betrachten, sondern sie ist, von Fall zu Fall, eine Wirkung der
=Gesammtthätigkeit= eines Menschen, auf welche jedes =einzelne=
(physische) =Organ= so gut seinen Einfluss hat, als auf die entstandene
Empfindung selbst. Der etwa an Kopfschmerzen leidende Mensch empfindet
bei dem Lärme einer Trommel etwas Anderes, als der Gesunde, der blosse
Anblick einer Trommel wird ihm daher eine andere Ideenassociation
erregen, als wenn er gesund wäre u. s. w.
Die Richtigkeit dieser Ansicht ergibt sich aber noch mehr daraus,
wenn man erwägt, welche =Rückwirkung= die Ideenassociation auf die
physischen Organe hat, denn es gibt bekanntlich Nachrichten, die im
Stande sind, einen Gesunden krank und einen Kranken gesund zu machen.
Es ergibt sich daher, dass es sehr irrig wäre, anzunehmen, dass
an der Ideenassociation nicht auch die =körperlichen= Organe ihren
wesentlichen Antheil haben, dass daher die =Ideenassociation selbst=,
wie jeder andere Zustand, eine Veränderung im =Gesammtleben= des
Menschen sei.
Hieraus ergibt sich nun der weitere Satz, dass bei jedem Eindrucke,
welchen der Mensch erfährt, sich eine =doppelte= Wirkung in Bezug auf
das Individuum als Ideenassociation aussprechen wird, nämlich nach der
Art und Weise, wie er das =Organ= affizirt, welches denselben aufnimmt,
und auf welche =Disposition des Gesammtlebens=, d. i. auf welche
allgemeine =Stimmung= er in dem Augenblicke trifft, als er aufgenommen
wird, insbesondere aber, welche =Vorstellungen= bei seinem Eintritte
bereits =vorhanden= oder auch =nicht= vorhanden sind[38].
[38] Die Ideenassociation ist eines der wichtigsten Momente,
welche auf die Stimmung des Menschen einwirken, allein es ist
nicht das =einzige=, denn ausser dem Zustande der Krankheit
können physische Eindrücke vorhanden sein, welche einen
mächtigen Einfluss auf die allgemeine Stimmung ausüben, ohne
dass es der Mensch gewahrt. Manche That, im Zorne verübt,
würde unterblieben sein, wenn sich das Subjekt statt in einem
von Tabakqualm erfüllten Lokale in freier Luft befunden
hätte. -- Wo es sich also um Erforschung der Stimmung
eines Menschen zur Ausmittlung des Umstandes handelt, ob er
zurechnungsfähig war, müssen =alle= Umstände, daher auch
solche =Neben=umstände berücksichtigt und bezüglich ihres
Einflusses gewürdiget werden, welche auf die Stimmung der
physischen Organe von Einfluss waren.
Da sich nun die Handlungsweise des Menschen nach diesen beiden
Momenten, nämlich nach der Beschaffenheit des wirklich vorhandenen
äusseren Eindruckes und nach der Stimmung richten kann, in welcher
er aufgenommen wird, so ergibt sich, dass, um das Verhältniss
der Handlungsweise zu einem dritten Gegenstande, z. B. zu einem
Strafgesetze, zu beurtheilen, es unumgänglich nothwendig ist, über die
=Stimmung= des Menschen in dem =Augenblicke=, als irgend ein =äusserer
Eindruck= eine gewisse Handlungsweise bei ihm hervorbrachte, im Klaren
zu sein, um dadurch die Gewissheit zu erlangen, welche Vorstellungen
auf seine Thätigkeit wirkten, und welche etwa bei einem Andern gewirkt
hätten, bei diesem Individuum aber =nicht= vorhanden waren.
Zur Ausmittlung dieses Verhältnisses ist nun insbesondere die
Betrachtung gewisser Gemüthszustände vom objektiven Gesichtspunkte
geeignet.
Ich erlaube mir zu diesem Ende über folgende Gemüthszustände, nämlich
über
=Affekte= und =Leidenschaften= und =Schwärmerei=
Einiges zu sagen, Zustände, welche in der Regel nicht unter die
Krankheiten gehören.
Dieser Darstellung folgen einige Bemerkungen über Blödsinn und
Dummheit, weil diese Zustände nur zum Theile in die Kategorie von
Krankheiten gehören.
Diesen folgen einige Worte über einige wirkliche krankhafte Zustände,
nämlich _monomania_ und fixe Idee, ferner Melancholie und _mania
occulta_, weil, ungeachtet diese Zustände zu den entschieden
krankhaften gehören, es doch in einzelnen Fällen zweifelhaft sein kann,
ob und wiefern ihr blosses Vorhandensein die Strafbarkeit in Bezug
auf eine bestimmte That aufzuheben geeignet sei; endlich Einiges über
verstellte Gemüthszustände und Berauschung.
Bei jedem dieser Zustände habe ich mich bemüht, so viel es mir möglich
war, die besondern Modificationen anzugeben, welche der juridische
Zweck einer solchen Erhebung erfordert, um zu einem, dem Zwecke dieser
Erhebung entsprechenden Resultate zu gelangen, welcher Darstellung
sodann einige im gleichen Sinne gesprochene Worte über verstellten
Wahnsinn und über den Hang zu gewissen Verbrechen folgen.
A. Affekte.
§. 65.
Das Wort Affekt, zu deutsch =angeregt sein= (nicht Anregung), bedarf in
diesem allgemeinen Sinne keiner Erklärung. Gewöhnlich wird es jedoch in
einem engeren Sinne genommen, wo es das spezielle, sich durch gewisse
Aeusserungen kund gebende =Angeregtsein eines bestimmten Triebes=,
eines animalische Wesens bezeichnet, wo dann dieser Begriff durch die
Benennung der Aeusserung der Empfindung des in solcher Art angeregten
Individuums näher bestimmt wird. Man unterscheidet auf diese Art einen
Affekt des Schreckens, des Zornes, der Furcht, der Freude etc.
Es wäre nun wohl eine vergebene Mühe, die charakteristischen
Merkmale aufzusuchen, wodurch sich die einzelnen Affekte von einander
unterscheiden, denn Jedem steht frei, die Zahl dieser Benennungen
nach Gutdünken zu vermehren oder zu vermindern, die Wissenschaft,
wenigstens die Rechtskunde, wird dabei weder gewinnen noch verlieren,
so wenig als die Heilkunde dadurch gewinnen oder verlieren wird, wenn
man mehr oder weniger Krankheitsformen, welche aber alle auf dieselbe
Weise geheilt werden, aufstellt, wenn man nur in erster Beziehung das
charakteristische Merkmal des sich äussernden =speziellen Triebes=
nicht aus dem Auge verliert.
Damit nämlich ein Trieb sich so entschieden äussere, dass man ihn von
seiner Aeusserung mit Bestimmtheit zu erkennen vermag, muss nothwendig
vorausgesetzt werden, dass dieser Trieb mehr als =andere= Triebe
angeregt gewesen sei, und dass daher das =Gleichgewicht der Funktionen
gestört wurde=.
Diese Erscheinung ist nun, und zwar auf zweierlei Art, möglich, nämlich
dadurch, dass ein Trieb in seiner natürlichen Aeusserung =gehemmt= und
dadurch zu einer sonst =nicht normalen Stärke= gebracht wurde, oder
dass ein der =natürlichen Entwicklung= des Triebes entgegenstehendes
Hinderniss plötzlich =aufgehoben= wird.
In dieser Rücksicht lassen sich die Affekte, jedoch ohne viel Gewinn
für die Wissenschaft, in angenehme und unangenehme, und je nachdem
das Hinderniss plötzlich oder allmälig eintritt oder gehoben wird, in
erregende und deprimirende eintheilen u. s. w.
Wichtiger als diese Eintheilungen wird es für den Zweck der
richterlichen Erhebung sein, das =Vorhandensein= des Affektes und
dessen =Einfluss auf den Willen= des Individuums zu bestimmen, zu
welchem Behufe folgende Bemerkungen nicht überflüssig sein dürften.
§. 66.
Wenn wir diejenigen Erscheinungen betrachten, welche man als Affekte
bezeichnet, so finden wir, wie bereits im vorigen Paragraph angegeben
wurde, als gemeinschaftliches Merkmal eine Empfindung eines =angeregten
Triebes=, d. i. (laut §. 10) das Bewusstwerden der =Befreiung= oder
der =Hemmung= eines sich äussernden Triebes durch einen =äusseren
Eindruck=. Der Affekt gehört also in das Gebiet der =Vorstellung=,
und kann sich daher nur nach den Gesetzen der Vorstellungsthätigkeit
äussern, d. h. er wird und =muss= auf die äussere Thätigkeit
=reagiren=.
Die einzige Art und Weise, wie die Vorstellung eines angeregten Triebes
auf die äussere Thätigkeit reagiren kann, ist nun der Natur der Sache
nach, dass er diese zur Befriedigung, wo diese möglich ist, und zur
Hinwegräumung des Hindernisses, wo ein solches vorhanden ist, antreibt.
-- Die eine oder die andere Wirkung =muss= also erfolgen, und wo
sie nicht erfolgt, kann dieses Nichterfolgen nur darin seinen Grund
haben, weil Vorstellungen vorhanden waren, welche hinlängliche Stärke
besitzen, um diese Wirkung des Affektes zu =beseitigen=.
=Mangeln= aber solche Vorstellungen, so ist es ganz =undenkbar=, dass
der Affekt sich nicht =gerade so= äussern sollte, wie es nothwendig
ist, um, und zwar auf dem möglich =kürzesten= Wege, zu seiner, d. i.
des angeregten Triebes, =Befriedigung= zu gelangen.
Soll daher eine im Affekte begangene That strafbar sein, so muss
vor Allem nachgewiesen werden, dass bei dem Menschen, welcher die
That beging, wirklich zur Zeit der Begehung der That Vorstellungen
=vorhanden= waren, welche genug Stärke besessen haben, ihn von der
Hingebung an den Einfluss seines Affektes abzuhalten, wenn er nur
=gewollt= hätte.
Dieser Beweis ist auch in dem Falle, wo das wirkliche Eintreten eines
Affektes nachgewiesen wird, meistens gar nicht schwierig, es wolle
daher der verehrte Leser wegen der Konsequenzen, welche daraus etwa
hervorgehen, dass die Motivirung einer That durch den Affekt hier so zu
sagen als ein Grund der Straflosigkeit dargestellt wird, sich immerhin
einstweilen beruhigen, und mit Aufgebung aller Besorgnisse weiter
lesen.
§. 67.
Zur Richtigstellung des Umstandes, ob wirklich bei dem Individuum,
welches eine bestimmte Handlung verübte, Vorstellungen vorhanden
waren, welche hinreichend stark waren, ihn von der Begehung der That
abzuhalten, wenn er ihrem Impulse hätte folgen =wollen=, hat man nun
zwei Anhaltspunkte, nämlich _a_) die durch die Beschaffenheit der
menschlichen Natur =überhaupt= bedingte Stimmung in Bezug auf die
vollbrachte That; _b_) die durch die =individuellen= Verhältnisse
des betreffenden Subjektes bedingte Stimmung desselben in gleicher
Beziehung.
In erster Beziehung darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass der
Mensch, wie dies bei §. 20 erwähnt ist, immer ein =ganzes=, nicht ein
getheiltes Wesen ist, dass daher kein Eindruck denkbar ist, der nicht
sein =ganzes= Wesen affizirte. Wenn daher irgend ein Eindruck auf ihn
wirkt, so kann dieser wohl eine bestimmte Funktion besonders anregen,
immer bleibt jedoch der =ganze= Mensch angeregt, er wird daher immer
als =Mensch=, niemals als =Thier= empfinden, und es werden daher seine
Affekte ebenfalls immer die =Affekte eines Menschen=, niemals die
Affekte eines Thieres sein.
Zu den charakteristischen Merkmalen der Menschheit gehören nun
einerseits =deutlichere= und =lebhaftere= Vorstellungen, somit eine
viel lebhaftere und reichlichere Ideenassociation, und wie bei §. 20
nachgewiesen wurde, darunter die jedenfalls sehr lebhafte Vorstellung
des Vorhandenseins der =sittlichen Freiheit=; es ist daher nur im
=Ausnahmsfalle=, dessen Möglichkeit im folgenden Paragraph näher
erörtert wird, denkbar, dass der Mensch auch im Affekte =ohne= das
Bewusstsein der sittlichen Freiheit handle.
Begeht daher der Mensch im Affekte eine strafbare Handlung, so bleibt
er dennoch strafbar, weil er gegen das Sittengesetz, dessen Bewusstsein
ihm =seiner Natur nach= auch im Affekte =nicht= mangelte, gehandelt
hat; der Affekt beweist dann gegen die Strafbarkeit seiner Handlung
nichts weiter, als dass es ihm =etwas schwerer= gewesen ist, auch in
diesem Falle dem Sittengesetze zu folgen; es beweiset aber gar nichts
=gegen= die Strafbarkeit seiner Handlung, wenn er bei sonst =ruhigem=
Zustande die That =beschloss=, und sich willkürlich, um die That
sicherer zu begehen, in einen Affekt versetzte. Ein Fall der letzteren
Art wäre z. B., wenn Jemand beschlossen hätte, einen Anderen zu
ermorden, dazu aber im ruhigen Gemüthszustande nicht sich entschliessen
zu können fühlend, mit diesem einen Streit anfängt, um in dem dadurch
hervorgerufenen Affekt des Zornes die zum Morde nöthige Stimmung zu
gewinnen[39], eben so wenig gereicht es zur Entschuldigung, wenn er
zwar im Affekte die That beschloss, jedoch dabei das Bewusstsein hatte,
dass die That unerlaubt sei, welches Bewusstsein auch durch den Affekt
nicht nothwendig aufgehoben wird.
[39] Ganz Dasselbe gilt in dem Falle, wo Jemand, welcher einen
Affekt, z. B. jenen des Zornes, in sich entstehen fühlt,
und dabei die Neigung gewahrt, dem Andern etwas anzuthun,
sich, obwohl es ihm möglich war, durch Entfernung etc. der
Gefahr, von diesem Drange überwältigt zu werden, =nicht=
entzieht. Das Strafbare liegt hier in seiner =Unthätigkeit=,
mit der er sich einem Zustande =hingibt=, von welchem er
fühlt, dass er dem Anderen gefährlich werden kann. Etwas ganz
Aehnliches findet bei der Trunkenheit Statt. Fühlt nämlich
Jemand beim ersten Glase die Lust, einen Anderen zu prügeln,
und er trinkt, obwohl er bemerkt, dass diese Lust durch den
Wein entstanden ist, noch ein zweites, und prügelt ihn dann
wirklich, so liegt das Strafbare in jenem Trinken des zweiten
Glases, und die Berauschung, die darauf folgt, kann diesen
Akt nicht entschuldigen.
Vom Gesichtspunkte der =menschlichen Natur= aus betrachtet kann daher
der =Affekt nie= die Straflosigkeit wegen eines begangenen Verbrechens
begründen.
§. 68.
Anders stellt sich die Sache dar, wenn man die Wirkung des Affektes
von dem Standpunkte der durch die =individuellen= Verhältnisse des
betreffenden Subjektes bedingten =Stimmung= desselben betrachtet.
Der Mensch ist nämlich in seiner Totalität nicht =blos= ein sittliches,
sondern er ist auch ein =sinnliches= Wesen, während er sich nämlich
in dem Stoffe, aus welchem seine Vorstellungen gewebt sind, dadurch,
dass diesem Stoffe wirklich ein Uebersinnliches =beigemischt= ist,
wesentlich von dem Thiere =unterscheidet=, muss die Entwicklung der
Vorstellungen, da hiezu die wirklich sinnlichen Organe das Werkzeug
sind, =auch den organischen Gesetzen= gehorchen.