hat, sich eine =wirkliche Intelligenz= kund gibt, sind an und für
sich sehr =problematisch=, und erhalten ihre scheinbare Evidenz
gewöhnlich erst durch die =mangelhafte Beobachtung=, und durch die
absichtlichen oder unabsichtlichen Zugaben des Erzählers. Man darf nur
nie vergessen, dass wenn das Thier keine Intelligenz besitzt, es auch
durch die Afterprodukte der Intelligenz, =Vorurtheile=, =Irrthum= und
dergleichen, nicht =gestört= wird. Die zwischen Eindruck und Trieb
liegenden Vorstellungen sind viel =weniger zahlreich= und intensiv,
es empfängt daher den Eindruck viel =reiner=, und reproduzirt seine
Vorstellungen viel =richtiger= als der Mensch, daher die Möglichkeit
eines Irrthums in Folge einer irrigen Reproduktion in viel geringerem
Grade vorhanden ist, als bei dem Menschen, welcher, wie wir später
darthun werden, weit =mehr= als dies bei den Thieren der Fall ist,
durch =Vorstellungen= angeregt wird, welche mit seinem Triebe in
=keiner= unmittelbaren Verbindung stehen.
§. 13.
_d._ =Vernünftig sinnliche= (animalische) =Wesen=. Der =Mensch=.
Obgleich der Mensch mit dem Thiere das Merkmal gemein hat, dass auch
bei ihm sich der sinnliche Eindruck zur =Vorstellung= gestaltet, und
durch diese =Vermittlung= seine Thätigkeit anregt, so gewahren wir
doch an ihm Erscheinungen, welche er mit =keinem= Thiere gemein hat.
Diese sind die =Sprache=, die Bestimmung seiner Thätigkeit =nicht
blos= nach seinen =Trieben=, sondern nach Produkten einer Kombinirung
von Vorstellungen, d. i. nach =Begriffen=, endlich diejenigen
Erscheinungen, welche wir unter dem Ausdrucke =Sittlichkeit= verstehen,
nämlich als Funktionen betrachtet, =Gewissen=, =Willen= und (sittliches
und religiöses) =Gefühl=, als äussere Thätigkeit betrachtet, sittliches
und religiöses Handeln, =Moral= und =Religion=, und als allgemeine
Anlage betrachtet, =Vernunft=.
§. 14.
Dass das Thier keine =Sprache=, d. i. nicht die Gabe besitzt, sich
durch Zeichen, welche der Vorstellung entweder nur =in einzelnen
Theilen= entsprechen, oder nur =konventionell= als derjenige Ausdruck
angenommen sind, durch welchen =bestimmte Vorstellungen= oder bestimmte
Begriffe angedeutet werden, verständlich zu machen, bedarf wohl keines
Beweises. -- Das Thier drückt durch Laute höchstens die Empfindung
aus, von welcher es im Augenblicke erregt wird, dort aber, wo es die
menschliche Sprache zu verstehen =scheint=, sind ihm die Worte nichts
weiter, als ein =Laut=, welcher das erste Glied eines ihm bekannten
_nexus causalis_ darstellt. Wenn man dem Pudel zuruft: wie spricht der
Hund! so bellt er nicht etwa =darum=, weil er die Frage =versteht=,
sondern weil ihm bekannt wurde, dass wenn er =nicht= bellt, er Schläge
bekommt, oder einen guten Bissen, =wenn= er bellte, und ihm dieser
_nexus causalis_ nach und nach geläufig wurde.
Ein Hühnerhund, welcher Rebhühner sieht, wedelt mit dem Schweife, weil
es ihm so eingeprügelt wurde, und weil es überhaupt in =seiner Natur
liegt=, zu wedeln, nicht als =Zeichen=. Dass der Gesang der Vögel
ein ganz =unwillkürliches= Vonsichgeben von Tönen sei, ist längst
anerkannt.
§. 15.
Was die Erscheinung betrifft, dass der Mensch nach =Begriffen=
handelt, so ist sie eben so unbezweifelt richtig. Wir =nennen=
nämlich =Begriffe= solche Kombinationen von Vorstellungen, in welchen
dasjenige, welches ein Individuum mit dem andern =gemein= hat,
festgehalten wird, die =Unterscheidungsmerkmale= aber verschwinden.
Dass nun der Mensch wirklich nach solchen Vorstellungen der =Gattung
handle=, denen unmittelbar keine reelle Erscheinung der Aussenwelt
entspricht, ist eben so ungezweifelt wahr; -- denn wir sehen, dass der
Mensch =urtheile=, d. i. durch Kombination mehrerer Vorstellungen eine
ganz neue gewinnt und =schliesst=, d. i. aus mehreren Urtheilen wieder
ein =neues= Urtheil über das Vorhandensein einer Thatsache in der
Aussenwelt entwickelt.
Wenn man nun gleich nicht absolut die Unmöglichkeit behaupten kann,
dass das Thier nicht auch Gattungsbegriffe entwickeln, und durch
deren Kombination auch ein gewisses Urtheilen und Schliessen ausüben
könne, so sind =für= diese Möglichkeit doch so wenig und nur so
zweifelhafte Erscheinungen vorhanden, dass man selbst hierin noch einen
unendlichen Unterschied zwischen dem am vollkommensten organisirten
Thiere und einem Kinde von etwa zwei Jahren, oder einem geistig
höchst verwahrlosten Menschen zu bemerken im Stande ist, so dass man
das Vermögen, =Begriffe= zu bilden, und =darnach seine Thätigkeit zu
entwickeln=, immer noch als eine Eigenthümlichkeit der =menschlichen=
Natur erklären muss.
§. 16.
Das neugeborne Kind zeigt weder =Sprache= noch =Begriffe= noch
=Sittlichkeit=, sondern es ist ein blos =passives= Wesen, welches
Eindrücke =empfängt=, und seine Lebensthätigkeit dadurch gewahren
lässt, dass es bei erhaltenen Eindrücken, wenn sie der Individualität
seines Lebens nicht entsprechen, Laute des =Schmerzes= von sich gibt.
-- Bald aber steigert sich diese nur passive Thätigkeit zu einer
=aktiven=, und wir =gewahren= nun =deutlich=, dass es nicht blos
=vegetire=, sondern in die Reihe der animalischen Wesen gehöre.
Die =Sprache= ist in dem Zustande, in welchem =wir= uns derzeit
befinden, bereits ein =Gegebenes=, doch können wir aus der Art und
Weise, wie Kinder sich entwickeln, wenigstens bis auf einen =gewissen=
Grad, auf die Art und Weise schliessen, wie sich die Sprache überhaupt
=entwickelt= habe, denn jedes Kind bildet sich wenigstens bei
Gegenständen, welche ihm besonders auffallen, und bei welchen es die
sprachübliche Bezeichnung nicht sogleich erfährt oder wieder vergisst,
seine =eigene= Bezeichnungsweise.
Es =ahmt= den Laut nach, den das Thier, was es sieht, von sich gibt,
hält die Hände an den Kopf, wenn es z. B. einen Bock bezeichnen will u.
s. w.
Dies setzt nun als nothwendige Bedingung voraus, dass es bereits
Begriffe, d. h. Merkmale aufgefasst habe, welche einer =Gattung=, z. B.
der der Thiere, im Allgemeinen zukommen, und dass es durch diese Angabe
des individuellen =Unterschiedes= das Individuum bezeichnen will.
=Sprache= ist daher ohne Begriffsbildung =unmöglich=, so wie der
=Ausdruck= derjenigen Vorstellung, welche wir =Begriffe= nennen,
auf keine andere Art, als eben nur durch Sprache =möglich= ist, denn
obwohl es nicht zweifelhaft sein kann, dass die Begriffsbildung früher
vorhanden sein muss, als der Ausdruck durch Sprache Statt finden kann,
so setzen sich doch beide zu ihrer Entwicklung nothwendig voraus, so
dass es in der That nicht möglich ist, zu =unterscheiden=, welche von
beiden Thätigkeiten sich früher =entwickle=, da ohne Sprache sich nur
wenige Begriffe und diese nur sehr unvollkommen bilden können, wie
wir dieses bei sehr =rohen= Völkern gewahren, und bei sehr =wenig=
Begriffen die Sprache immer auf einer sehr geringen Entwicklungsstufe
bleiben wird, wie wir dieses bei Menschen gewahren, welche einen
ziemlichen Grad blödsinnig sind.
§. 17.
Was die =sittliche Anlage= betrifft, so wäre es wohl das Einfachste,
sich auf die eigene Erfahrung eines jeden verehrten Lesers und auf
das Zeugniss der Weltgeschichte zu berufen, welche Beispiele von
sittlichen, d. i. solchen Handlungen in Menge liefert, welche sich nur
durch die Voraussetzung dieser Anlagen des Menschen erklären lassen;
allein diese Argumentation genügt nicht zu dem Zwecke dieses Aufsatzes,
welcher die Aufgabe verfolgt, durch Anführung von solchen Thatsachen,
welche Jedermann so nahe stehen, dass sie Jeden auch zur =unmittelbaren
Anschauung= Desjenigen führen, was hier nachgewiesen werden soll, zu
wenig, um dabei stehen bleiben zu können, ein richtiges Verständniss
herbeizuführen.
Weit näher als diese übrigens =unbezweifelte= Wahrheit liegt für den
Zweck dieses Aufsatzes die Betrachtung, dass jeder Mensch, selbst
der unsittlich Handelnde, selbst das kaum noch zum animalischen Leben
recht erwachte Kind seine Thätigkeit in der Art entwickelt, dass man
einerseits das Bestreben wahrnimmt, ohne =physische Nöthigung= seine
Thätigkeit zu äussern, anderseits das Bestreben in seiner Thätigkeit
gewahrt, =einer fremden Autorität zu folgen=.
Der erste dieser Sätze bedarf keines Beweises, da es Jedermann bekannt
ist, dass schon die kleinsten Kinder, und zwar diejenigen, welche
viele geistige Anlagen haben, nicht am wenigsten =eigensinnig= sind;
der zweite ist eben so bekannt, nur wird er nicht immer so klar
=ausgesprochen=, er ist aber durchaus =wahr=, denn es ist bekannt, dass
die sich entwickelnden Kinder den Worten ihrer Eltern =mehr= zutrauen,
als ihren =eigenen Sinnen=, dass rohe oder schwachsinnige Leute eben
so, gegen ihr eigenes Urtheil dem Willen anderer, welche eine gewisse
Macht über sie ausüben, sich unterwerfen, und dass Leute von hellem
Geiste nach =Grundsätzen handeln=; und was sind Grundsätze wohl anders,
als die als wahr angenommenen Aussprüche einer =Autorität=, sei es
nun die Autorität des =Lehrmeisters= oder die Autorität der =eigenen
Erfahrung=, denn auch die Annahme, dass die Ergebnisse der eigenen
Erfahrung =wahr=, d. h. der Objektivität der äusseren Erscheinungen
entsprechend seien, setzt voraus, dass man diese Erfahrungen, und
diejenige Funktion, welche daraus gewisse Folgerungen ableitet, als
etwas =absolut Richtiges= genommen hat.
Dieses Erkennen und Annehmen =einer Autorität= ist es daher, welches
den Beweis liefert, dass der Mensch das =unabweisbare= Bedürfniss habe,
ein =Drittes=, welches weder in seinen =eigenen Funktionen=, noch in
den ihn umgebenden =Erscheinungen= liegt, als das eigentliche =Prinzip=
anzunehmen, welches seine Thätigkeit zu =leiten= bestimmt ist, und
jeder Bestimmung seiner Thätigkeit zu =widerstreben=, welche =nicht=
von diesem =Prinzipe= ausgeht.
Dieses Prinzip wirkt sonach in keiner Art =nöthigend= auf seine
Thätigkeit, sondern der Mensch empfindet nur dann die seinem innersten
Wesen entsprechenden Lebensgefühle, wenn er ohne allen Zwang seine
Thätigkeit so äussert, wie es der =Autorität= entspricht, unter deren
Einfluss er sich befindet.
Hieraus folgt nun, dass =Freiheit=, d. i. die Entwicklung seiner
Thätigkeit ohne physischen Zwang, und zugleich das =Bedürfniss=,
einer =höheren Autorität= zu gehorchen, -- ein Bedürfniss, welchem
in der höheren Entwicklung des Menschen die =Religion= entspricht,
das eigentliche =Element= der =menschlichen= Thätigkeit sei, ein
Element, welches in der =Thierwelt= auch nicht einmal dem =Grade= nach
vorkommt, sondern eben darum, weil es =Begriffe und Sprache= nothwendig
voraussetzt, bei der Thierwelt gänzlich =mangelt=, oder höchstens in
einer Art von =Analogie= vorkommt, in welcher der Hund den Menschen
folgt und seinem Winke gehorcht, weil er durch den Einfluss des
menschlichen Organismus auf den hundischen =physisch genöthigt= ist,
diesem Einflusse zu gehorchen.
Es mag immerhin Fälle geben, wo der =eine= Mensch durch seinen
überlegenen physischen und psychischen =Organismus= einen ähnlichen
Einfluss auf =andere= Menschen ausübt, -- allein man übersehe dann auch
nicht die andere Erscheinung, welche damit verbunden ist. Die Menschen
werden ihm folgen, allein mit innerem =Widerstreben=, wie der Hund
knurrend seinem Herrn folgt, wenn er ihn gegen seine Neigung ruft, denn
sie fühlen, dass sie nicht =frei= sind, und werden ihre Freiheit wieder
gewinnen, wenn die Uebermacht des Organismus, welcher sie leitete,
gebrochen ist.
Ganz anders stellt sich die psychische Erscheinung in dem Falle dar,
wo der Mensch seine Thätigkeit demjenigen Prinzipe gemäss entwickelt,
welches wir das =Sittliche= nennen. Hier mangelt jede =physische=
Nöthigung, und daher ist auch die Erscheinung, dass Jemand mit =innerem
Widerstreben= sittlich handelt, undenkbar. -- Es gibt Fälle, wo die
sittliche Handlung mit dem herbsten physischen oder geistigen Schmerze
verbunden ist, allein das Gefühl, das gegen sein =inneres= Streben
Bestimmtwerden, ist mit jeder sittlichen Handlung =unvereinbar=,
wohl aber =kann= das Gegentheil, dass man mit innerem =Widerstreben
unsittlich= handelt, eintreten, und tritt auch häufig ein, wie manche
Arten von Erfahrungen, insbesondere die gerichtlichen, zur Genüge
lehren; denn Niemanden wird die Thatsache unbekannt sein, dass selten
Jemand eine verbrecherische Laufbahn mit grossen Verbrechen =beginnt=,
sondern die ersten bösen Handlungen sind meistens =minder= erheblich,
oder wenn mit =grösseren= Verbrechen von einem Individuum =begonnen=
wird, so sind meistens solche Umstände vorhanden, welche auf die
Bestimmung desselben zu der verbrecherischen That einen mächtigen
=sinnlichen= Einfluss, und daher wenigstens eine Art von physischer
Nöthigung ausüben[15].
[15] Ein Fall dieser Art ereignete sich vor einigen Jahren, wo
ein sonst unbescholtener Bursche eine Uhr stehlen wollte; er
wurde dabei ertappt, und wusste sich im Augenblicke nicht
anders zu helfen, als den Anderen todt zu schlagen; ein
gewandter Dieb würde sich wahrscheinlich anders aus der Sache
gezogen haben.
§. 18.
Wenn wir jedoch uns nicht verbergen können, dass das Unterwerfen
der Thätigkeit unter eine, von dem handelnden Menschen unabhängige,
Autorität, dem Menschen angeboren, und dieses Bedürfniss ein mit
=allen seinen Thätigkeiten= innigst verbundener Theil seines Wesens
ist, so können wir uns doch auch die Ueberzeugung verschaffen, dass es
gar keine =äussere= Erscheinung gibt, welche einen solchen Einfluss
ausübte, dass sich =alle= Menschen derselben unterwerfen =müssten=,
oder dass es auch nur =dem einzelnen Menschen unmöglich= wäre, sich
derselben zu entziehen. Dennoch aber lehrt uns sowohl der Blick in
unser eigenes Leben, als in das Leben der anderen Menschen, dass es
in demjenigen Prinzipe, welches wir als eine Autorität anerkennen,
welche unbedingte Unterwerfung fordert, =einen= Vereinigungspunkt
gebe, welcher in =jeder= Autorität, welcher wir freiwillig zu
folgen uns =bleibend= entschliessen können, aufzufinden ist, dieser
Vereinigungspunkt ist die Idee des =Sittlichen= -- und in der That kann
eine Autorität nur dann bleibend, auf den Menschen im =Allgemeinen=
nur insoferne einwirken, als sie die Idee des Sittlichen, d. i. einer
höheren, in der physischen Welt nicht sich aussprechenden =Weltordnung=
darstellt.
Kein =Volk=, selbst kein =einzelner Mensch= ist ohne =alle= Religion,
der einzelne Mensch kann =irreligiös handeln=, allein indem er es
thut, fühlt er ein =Unbehagen=, das =Gewissen= regt sich, oder er
=betäubt= sich, sei es nun durch physische =Genüsse=, =oder= durch
das =Laster selbst=, ein Zustand, welchen man jedoch sehr irrig mit
dem Ausdrucke bezeichnet, der Mensch sei zum =Thiere= herabgesunken,
denn der Zustand des Thieres ist ein vollkommen =normaler= Zustand,
jener des Menschen aber ist ein seinem eigenthümlichen Wesen vollkommen
=entgegengesetzter=, somit nicht normaler Zustand, welcher mit einer
am =Ende sichtbar= werdenden =Störung= seines Wesens enden muss, eine
Folge, welche das Laster in mancherlei Gestalten, wie die Erfahrung
lehrt, nicht selten begleitet, und sich dadurch kund gibt, dass die
lange unterdrückte =Reue= endlich durchbricht, und =geistige Störungen=
im Gefolge hat, oder dass die =physische= Natur der fortwährenden
=Betäubung= endlich =unterliegt=, ohne dass dieses Unterliegen
lediglich aus den physischen =Folgen= des Lasters immer erklärt werden
kann.
§. 19.
So verschieden auch die Sitten und Lebensweisen der einzelnen
Menschen und Völker sind, so stimmen doch alle darin =überein=, dass
gewisse =Handlungen= des Menschen, sofern sie ein Ausdruck einer
gewissen =Gesinnung= sind, =geachtet=, andere aber, eben weil sich
eine =gewisse= Gesinnung darin ausspricht, =verachtet= werden, und
zwar liegt die =verachtete= Gesinnung darin, dass der Mensch einen
=augenblicklichen= Vortheil oder Nachtheil =höher= hält, oder doch zu
=halten scheint=, als ein gewisses =Prinzip=, welches ihm =in diesem=
Augenblicke wenigstens =keinen= Vortheil gewährt. Diese Ansicht liegt
dem Begriffe der Ehre, so wie jenem der =Tugend= zu Grunde, nur in dem
Prinzipe sind beide Begriffe verschieden, indem der Begriff von Ehre
ein =äusseres= Verhalten in sich begreift, jenes der =Tugend= aber eine
=innere= Stimmung ausdrückt, welcher kein äusserer Zustand geopfert
werden darf.
§. 20.
In dem Zustande, in welchem =wir= leben, ist diejenige Form, in welcher
wir die Sittlichkeit zu üben haben, so wie die Sprache, ein bereits
=Gegebenes=, wir brauchen nicht mehr erst zu =erfinden=, wie wir unsere
Thätigkeit zu äussern haben, damit sie auch sittlich sei, sondern
Religion und Offenbarung entheben uns des Bestrebens, erst durch eigene
Erfahrung darauf zu kommen, ob irgend eine Handlung sittlich sei oder
nicht. Würde dieses glückliche Ereigniss für uns nicht vorhanden sein,
so müsste wahrscheinlich jeder Mensch erst eine ungeheure Irrfahrt
durch die Pfade des Lasters machen, ehe er dahin käme, zu wissen,
was er eigentlich hätte thun sollen, und es bliebe dann mehr als
zweifelhaft, ob das kurze menschliche Leben hinreichte, ihn aus dem
Schlamme der Sinnlichkeit, in welchen er durch sein =unklares= Ringen
nach einer seiner wahren Natur entsprechenden Thätigkeit versunken
wäre, wieder zu erheben.
Dieser Fall tritt aber glücklicher Weise für uns nicht ein, sondern
jeder erhält wenigstens =einige= Begriffe von dem, was er als sittlich
zu betrachten hat, bereits in =klaren Worten= ausgesprochen von anderen
Menschen mitgetheilt.
Ungeachtet dieses Umstandes können wir doch durch Beobachtung des
kindlichen Alters uns eine ziemlich deutliche Anschauung von der
Art und Weise verschaffen, wie die menschliche Natur die Anlage zur
Sittlichkeit allmälig entwickle.
Das Kind ist, wenn es diese Welt betritt, ein scheinbar blos passives
Wesen. Erst allmälig zeigt es, besonders bei schmerzhaften Eindrücken,
Empfindungen, welche, wie bei dem Thiere, reproduzirt werden, und,
wie man aus manchen unzweideutigen Erscheinungen schliessen muss,
bei demselben eine anfangs undeutliche, jedoch immer klarer werdende
Auffassung des Causalnexus zur Folge haben.
Das Kind, indem es einen äusseren Eindruck auffasst, kann ihn aber
nicht anders als so auffassen, wie es ihm (dem Kinde) nach seiner
Individualität, und daher nach der durch vorausgegangene Eindrücke
bedingten Modifikation (Stimmung) seiner Lebensthätigkeit möglich ist,
d. h. jeder Eindruck kann sich nur im Wege der Reproduktionsthätigkeit
mit =jenen= Vorstellungen verbinden, welche bereits =vorhanden= waren.
Die ersten Vorstellungen, welche das Kind nun erhält, sind jene der
=eigenen Empfindung=; diese werden sich daher mit allen Eindrücken
verbinden, welche es erfährt, es wird daher diese Art Vorstellungen
auf alle Gegenstände der Aussenwelt zu übertragen sich genöthigt
finden, wodurch bei dem Kinde jene Erscheinung bedingt wird, welche wir
wirklich gewahren, nämlich, dass dem Kinde alles =lebt=, d. i. nach
seiner Vorstellung eben so Empfindung hat, wie das Kind selbst, denn
die erste Empfindung ist die des eigenen Lebens.
Diese Erscheinung muss nun wohl auch bei dem =Thiere= eintreten, und
tritt wohl auch ein, denn wir sehen, dass ein Hund einen Stock, an
welchen er sich stösst, beisst, so wie das Kind den =Stuhl schlägt=, an
dem es sich wehegethan hat; -- allein da der Organismus des Kindes zur
Aufnahme =mehrerer= und =lebhafterer= Eindrücke geeignet, und dadurch
eine weit umfassendere Reproduktion in der Vorstellungsthätigkeit
bedingt ist, als beim Thiere, so tritt diese Erscheinung viel
entschiedener hervor, als man dieses beim Thiere zu gewahren vermag.
Hiedurch ist nun offenbar eine viel öftere und lebhaftere Aeusserung
der sympathetischen Triebe bedingt.
Dennoch kann es nicht fehlen, dass manche Eindrücke, z. B. jene, welche
Zorn u. dgl. hervorbringen, von der Art sein werden, dass sie eine
Anregung enthalten, =gegen= die sympathetischen Triebe zu handeln.
-- Das Kind folgt diesem Eindrucke, und handelt wirklich =gegen=
den sympathetischen Trieb, -- welcher dadurch auf einen Augenblick
unterdrückt, sonach mit desto grösserer Stärke hervortritt; hiedurch
wird nun das Kind jene Empfindung gewahren, welche mit der =Reue=
beinahe identisch ist.
Aehnliches findet sich nun wohl auch bei =Thieren=, allein bei dem
Kinde tritt hier noch ein Moment hinzu, der bei dem Thiere fehlt:
dasjenige, was es empfindet, wird ihm durch seine Eltern etc. klar
gemacht, so dass es zu dem =Begriff= gelangt, dass es etwas gethan
habe, was es nicht hätte thun sollen, und dass das hiedurch entstandene
unangenehme Gefühl der Reue eine Folge dessen sei, weil es einem
augenblicklichen Eindruck gegen ein in ihm sich äussernden Gefühl
gefolgt ist.
Von dieser Wahrnehmung ist allerdings noch ein unendlich weiter Schritt
zur Auffassung des =sittlichen= Verhältnisses, denn kein einziges der,
auf dem ihm bisher einzig nur möglichen Weg des sinnlichen Empfindens
erlangten, Gefühle ist von der Art, dass es für sich allein zur
Auffassung des Sittengesetzes führen könnte, allein hier kommt die
bereits berührte Thatsache zu Hilfe, dass der Mensch das Bedürfniss
fühlt, sich einer =Autorität= in seiner Thätigkeit zu unterwerfen.
Dass seine Thätigkeit eine =freie= sei, erfährt das Kind bei der ersten
Empfindung der =Reue=, denn es empfindet dabei, dass es ihm möglich
gewesen wäre, einer anderen Vorstellung als jener zu folgen, zu welcher
es derjenige äussere Eindruck, dem es sich hingab, bestimmt hat. --
Es wird aber diese Empfindung in einem noch =höheren= Grade gewahren,
wenn es jener Autorität =entgegenhandelt=, welche es anzuerkennen sich
gedrungen fühlt.
Diese Autorität, nämlich jene der Eltern und Lehrer, wirkt nun auf
dasselbe nicht blos als =unmittelbar= bestimmend, -- sondern vielfältig
in der Art, dass dem Kinde gesagt wird: dies musst du thun, oder dies
darfst du nicht thun, weil es überhaupt auch für =uns= (die Eltern)
=selbst= geboten oder verboten ist.
Diese Vorstellung einer solchen dritten, für das Kind =nicht=
wahrnehmbaren Autorität wird nun zwar das Kind anfangs nicht besonders
deutlich auffassen, es wird aber durch die Lehren und das Beispiel
seiner Eltern u. s. w. angeregt werden, diese Vorstellung zu immer
grösserer =Deutlichkeit= zu bringen, bis es endlich dahin gelangt,
deren Richtigkeit durch seine eigene Erfahrung und sein eigenes Gefühl
bestätigt zu finden, wo es dann in dasjenige Stadium der Entwicklung
eingetreten erscheint, wo es als =selbstständig= handelndes sittliches
Wesen betrachtet werden kann.
Wie sich aber auch das Individuum in sittlicher Beziehung entwickle,
so bleibt so viel ungezweifelt, dass es nie =Schöpfer= irgend einer
Wirkung sein wird, sondern immer den Weg der =sinnlichen= Erregung
insoweit nicht wird entbehren können, als einerseits ohne Trieb
kein =Streben überhaupt=, und ohne =äusseren Gegenstand= auch keine
=Entwicklung= des Triebes möglich ist.
Wo daher irgend ein Trieb Befriedigung fordert, und sonst kein
=anderer= Trieb und kein anderer =Gegenstand=, welcher das Streben
des Menschen nach einer anderen Richtung sich zu äussern anregt,
vorhanden ist, wird und muss der Mensch auch dieser Richtung =folgen=,
-- indem er aber dieses thut, d. h. einer solchen Richtung sich
hingibt, gehorcht er lediglich den Gesetzen seiner =sinnlichen=
Natur, er handelt dabei =weder sittlich noch unsittlich=. Ein solches
Verhältniss tritt z. B. dann ein, wenn sich ein Mensch schläfrig fühlt,
und er keine Anregung hat wach zu bleiben. Jeder wird unter diesem
Verhältnisse sich dem Schlafe hingeben.