an und für sich eine Irregulärität, nämlich eine Abweichung von den
Regeln der Sittlichkeit oder des Rechtes ist, denen er als vernünftiger
Mensch gehorchen soll, so wird hierdurch die Voraussetzung, dass ein
Mensch aus bösem Vorsatze, und daher strafbar, gehandelt habe, nicht
ausgeschlossen.
Von der andern Seite lässt sich nicht verkennen, dass eine irreguläre
Thätigkeit im Aeussern auch durch eine Irregulärität der =innern=
Funktionen entstanden sein kann. Wo also diese Möglichkeit des
Ursprunges einer äusseren irregulären Thätigkeit durch eine irreguläre
innere Funktion nicht schon durch die richterliche Erfahrung sogleich
von selbst =zerfällt=, muss das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein
dieses letzten Umstandes =besonders= nachgewiesen werden.
Es ist daher im Strafrechte gerade das Verhältniss zwischen der
=inneren= zur =äusseren= Thätigkeit, welches durch die gerichtliche
Erhebung =ausgemittelt=, und dadurch richtiggestellt werden muss, ob
die in Frage stehende irreguläre äussere Thätigkeit =nur= durch die
Irregulärität im =Innern= veranlasst sei, oder von welchem Einflusse
die sonstigen nicht normalen inneren Thätigkeiten des Menschen darauf
gewesen sind.
Der Umstand, dass von Jemand wegen Störungen im Innern schädliche
Handlungen zu =besorgen= sind, gehört nicht in das =Strafrecht=.
§. 9.
Um nun hier nicht irre zu gehen, und sich nicht durch eine Aufstellung
verschiedener Begriffe Missverständnisse zu bereiten, muss man sich
vor Allem klar machen, was man sich unter den =inneren Funktionen=
eigentlich denke, denn wenn der eine etwa unter Vernunft dasjenige sich
denkt, was der andere Verstand nennt u. s. w., so kann man unmöglich
zurecht kommen.
Ueberhaupt haben die Benennungen der Schule den Nachtheil, dass
man sehr leicht verführt wird zu vergessen, dass sie eben nur
=Benennungen=, und insofern nichts Reelles sind. -- Man spricht
von Gedächtniss, Einbildungskraft etc., vergisst aber dabei, dass
diese Eintheilung doch nur von gewissen wahrgenommenen Thätigkeiten
=abstrahirt=, nicht aber durch =eigene= Wahrnehmungen in der Art
gewonnen sind, als ob man die Funktion =wirklich= gesehen hätte.
Bei der Unmöglichkeit, in die Tiefen des menschlichen Geistes, und
überhaupt in das Innere der schaffenden Natur einzudringen, kann ein,
blos aus der =Zusammenstellung von Definitionen= gewonnenes Urtheil
eben so unrichtig sein, als wenn man von einer Maschine, welche in
einem Kasten so verschlossen ist, dass man nur hie und da ein Kammrad,
dort ein Zahnrad oder eine Schraube erblickt, während die bewegende
Kraft unsichtbar bleibt, ihre Thätigkeiten nach Aussen in der Art so
eintheilen wollte, dass man sagte, dies ist ein Produkt des Zahnrades,
dies des Kammrades u. s. w. Es ist falsch, denn alles ist nur Produkt
=der bewegenden Kraft=, =modifizirt= durch die Räder, die zunächst nach
Aussen wirken, aber auch =diese= Wirkung nicht ohne Hilfe der =übrigen=
Räder äussern würden.
Die Funktion des Gedächtnisses setzt eben so jene der Einbildungskraft
etc. voraus, als die Bewegung des =Stundenzeigers= bei einer Uhr das
Rad voraussetzt, welches den Minutenzeiger treibt. -- Was ist aber
eine Maschine, im Vergleiche mit dem Körper des Menschen, und was ist
die Zusammensetzung einer Maschine im Vergleiche mit der Genesis und
der Entwicklung der unbedeutendsten Pflanze, wie erst mit jener des
Menschen!
Definitionen sind in jeder Wissenschaft unentbehrlich, weil man ohne
sie keine grössere Zahl von Erscheinungen übersehen kann, zu einem
=Mehreren=, nämlich zu einer Benützung als etwas =Selbstständigen= sind
sie in dem Masse =weniger= tauglich, als es sich um die =empirische=
Anwendung handelt. Der Jurist kann und muss sich an Definitionen
halten, denn er muss die Gerechtigkeit handhaben, d. h. sorgen, dass
keine Ungerechtigkeit begangen wird. Eine Ungerechtigkeit ist aber bei
bestehenden =positiven= Gesetzen =nur= dasjenige, welches gegen den
=ausdrücklichen Inhalt der Gesetze verstösst=.
Dem Richter ist daher das =Gesetz= die =Grundlage= seiner Wirksamkeit,
und die Thatsachen sind das =Zufällige=, was ihn nur insofern berührt,
als richtiggestellt werden kann, dass dieses =Zufällige= die Merkmale
habe, welche sich unter das positive Gesetz subsummiren lassen.
Ganz anders ist die Stellung des Arztes oder eines anderen eine
praktische Wissenschaft Uebenden. -- Der =Arzt= behandelt nicht
deswegen einen =Kranken= auf diese und keine andere Weise, weil ihn
seine =Wissenschaft= zur Behandlung auffordert und ihm diese oder
jene Behandlungsweise =vorschreibt=, sondern weil eine =Krankheit
vorhanden=, und ihm keine =zweckmässigere= Art und Weise der Behandlung
bekannt ist die Krankheit zu heilen, als jene, welche ihm die
Wissenschaft lehrte. Hat ein Arzt durch gemachte Erfahrungen, oder
sonst auf irgend eine Weise die Ueberzeugung erlangt, dass eine andere,
als die von der Wissenschaft als die richtige gelehrte Behandlungsweise
=zweckmässiger= sei, so wird er mit vollem Rechte diese =letztere=
anwenden, und eben so wird er sich dadurch, dass etwa die in
Behandlung stehende Krankheit alle Merkmale habe, welche etwa in der
wissenschaftlichen Definition in Bezug auf eine gewisse Krankheitsform
enthalten sind, nicht irre machen lassen, und seine Behandlungsart ganz
anders einrichten, als es das Lehrbuch vorschreibt, wenn er sich von
der Mangelhaftigkeit des Systems überzeugt hat.
Der Arzt hat also kein =anderes= Gesetzbuch, als die =Natur=, in
=dieser= muss er zu lesen verstehen, oder seine Bestimmung ist
verfehlt, und da die Natur ihre Produktionen nach einem =unendlichen=
Plane erzeugt, daher nicht nach =bestimmten Kategorien= arbeitet, so
sind für den Arzt Definitionen nichts weiter als =gewisse Merkzeichen=,
die er sich in das Buch der Natur einlegt, um zu wissen, =wie weit er
gelesen hat=, die aber bei fortgesetztem Studium nothwendig auch ihre
Bedeutung verlieren.
Da nun Definitionen in dem medizinischen Studium überhaupt weder
=vollständig=, noch von =besonderem Werthe= in der =Anwendung= sein
werden, in dem Falle aber, wo es sich um die Anwendung medizinischer
Erfahrungen auf =Gesetze=, somit gerade =auf Definitionen= handelt,
sich doch die Nothwendigkeit ergibt, diese Erfahrungen in einer Art
auszudrücken, womit dieselben mit den gesetzlichen Definitionen
in =Verbindung= gebracht werden können, und diese Nothwendigkeit
insbesondere dort, wo es sich um Beurtheilung des Irrsinns in
gerichtlichen Fällen handelt, im hohen Grade vorhanden ist, so bleibt
nichts übrig, als die Natur mit dem Bestreben zu betrachten, gewisse
=Momente= zu erhaschen, welche sich mit einem solchen =Ausdrucke=
wiedergeben lassen, dass darauf die =gesetzlichen= Definitionen
entweder unmittelbar angewendet werden können, oder man doch durch
Vermittlung dieser Momente zwischen den minder definirbaren Momenten
der Naturproduktion, und den gesetzlichen Definitionen =Anhaltspunkte=
zu gewinnen im Stande ist.
§. 10.
Wenn wir nun die uns umgebende Natur mit dem Bestreben betrachten,
nach dem Verhältnisse der einzelnen Gegenstände zur Aussenwelt eine
Eintheilung dieser Gegenstände zu treffen, so gewahren wir, zwar nicht
im Allgemeinen scharf gesondert, aber doch im Vergleiche einzelner
Gegenstände mit anderen, folgende Abstufungen:
_a._ =Unorganische Körper.= Das Verhältniss, in welchem sich gewisse
Körper zur Aussenwelt befinden, ist nämlich in der Art gestaltet,
dass jede uns bemerkbare Einwirkung der Aussenwelt sich an denselben
dadurch darstellt, dass sie die =Form= solcher Körper ganz oder zum
Theile =vernichtet=. -- Z. B. aus einem Würfel werden zwei Polygone,
oder aus einem Stück Eisen wird Eisenoker -- somit ist die vorige Form
vernichtet. Diese Körper geben den Begriff der Materie, welche die
alte Schule in vier Elemente theilte. Wo jedoch kein =Vernichten= der
Form eintritt, dort gewahren wir auch =gar keine= Einwirkung durch die
Aussenwelt.
_b._ =Organische Wesen.= Die =Pflanzen=. Auch hier ist die Materie der
Hauptbestandtheil, auch hier tritt bei vielen Eindrücken der Aussenwelt
eine Vernichtung der Form, oder gar keine Spur eines Eindruckes ein,
bei gewissen Eindrücken findet aber nur eine =Veränderung= der Form,
=ohne= Aufhebung derselben Statt. Die Pflanze =wächst=, wenn sie
begossen wird, sie hört aber, obwohl sie dadurch eine =Veränderung=
in ihrer Form erleidet, nicht auf, dieselbe =Species= einer Pflanze
zu bleiben, zu welcher sie früher gehörte. Hier ist daher nicht mehr
ein blos passives =Zerstörtwerden= durch die Aussenwelt, sondern ein
aktives =Reagiren=, wenigstens gegen gewisse Eindrücke bemerkbar,
es ist eine =Veränderung durch Assimilirung= zu gewahren, die in der
vorigen Klasse gänzlich mangelt.
_c._ =Animalische Wesen.= Die Erscheinungen der beiden vorigen
Gattungen sind vorhanden, ausserdem bewirken Eindrücke =gewisser=
Gattung auch noch die besondere Erscheinung, dass durch den Eindruck
eine Thätigkeit entsteht, welche wohl dem Verhältnisse entspricht,
in welchem sich der Eindruck machende Gegenstand zu dem Individuum
nach dessen eigenthümlicher Beschaffenheit befindet, ohne deswegen
eine =unmittelbare= Folge des Eindruckes zu sein. -- Das vom Feuer
beschädigte Thier verbrennt nicht, es =flieht= aber das Feuer. Es
übt daher eine Thätigkeit, welche nicht aus der Berührung des Feuers
=folgt=, sondern lediglich dem =Eindrucke= entspricht, welchen das
Feuer auf dessen =Individualität= gemacht hat. Diese Verbindung
zwischen Eindruck und Thätigkeit können wir daher nach dieser
Wahrnehmung, und nach der Analogie unserer eigenen Erfahrungen an
uns selber, nicht anders bezeichnen, als mit einem =Bewusstwerden=
der, durch den äusseren Eindruck in dem Individuum hervorgebrachten
=Veränderung=, mit einem Worte, durch das Eintreten der =Empfindung
des Erregtseins=, d. h. einer durch einen äusseren Eindruck
hervorgebrachten =Veränderung= in seinem =Gesammtleben=, es mag diese
Veränderung nun wie z. B. ein Brandmahl Jedermann bemerklich sein, oder
nur darin bestehen, dass irgend ein Glied desselben mehr, als es früher
der Fall war, und auch nur eine Sekunde lang, erhitzt ist.
Dies Vorhandensein einer Empfindung lässt daher =zwei= Momente
unterscheiden, nämlich das =Erregtsein= des Individuums, und
die =Vorstellung= des Erregtseins, d. i. das =Bewusstsein= der
Nothwendigkeit, sich entweder dem Eindrucke =hinzugeben=, oder sich
demselben zu =entziehen=, denn die Beobachtung lehrt uns, dass,
wo ein Erregtsein =ohne= Vorstellung Statt findet, z. B. bei der
ordnungsmässig vor sich gehenden Funktion des Athmens, des Verdauens
etc., obgleich diese Funktion immer mit äusseren Eindrücken, z. B.
mit dem Einwirken der Luft, mit den genossenen Nahrungsmitteln etc. in
Verbindung steht, auch =keine= Empfindung davon da ist, und nur dann,
wenn die Vorstellung einer Hemmung, oder einer besondern Befriedigung
eintritt, diese Thätigkeit erst =empfunden= wird.
Je grösser die Kapazität eines animalischen Wesens für Empfindungen
ist, auf einer desto höheren Stufe in der Rangordnung der thierischen
Wesen befindet sich dasselbe, oder richtiger zu sagen, wir gewahren bei
Thieren, welche in ihrer Thätigkeit sich dadurch von dem Pflanzenleben
=entfernen=, dass wir ihnen die Fähigkeit zuerkennen müssen, sich
=mehr= nach Vorstellungen zu bestimmen, als andere, auch einen
=feineren=, zur Aufnahme von Veränderungen durch äussere Eindrücke weit
=empfänglicheren Organismus=, als bei anderen.
Auf der untersten Stufe, z. B. bei Polypen, gewahren wir sehr =wenig=
Organe, ihre Entwicklung und Erhaltung ist mehr =vegetativ= als
selbstthätig. Eine Stufe höher treffen wir bei den =Insekten= entweder
nur die Funktionen der Ernährung und der Fortpflanzung, oder die
sogenannten =Kunsttriebe=, welche eigentlich nichts anderes sind als
ein Entwickeln einer ganz =unbewussten=, und daher mehr =vegetativen=
als =animalischen= Thätigkeit. Die =Raupe= spinnt sich ein, weil sie
sich des animalischen Saftes nicht anders entledigen kann, dessen sie
sich entledigen muss. -- An der =Biene= bleibt der Blüthenstaub, indem
sie ihre Nahrung auf Blumen sucht, =ohne ihr Zuthun= kleben, sie ist
an die Königin, wie =der Baum mit den Wurzeln an die Erde= gebunden,
und geht, wenn die Königin stirbt, zu Grunde, =wie eine Pflanze=, deren
Wurzel abgeschnitten ist, -- sie =muss= also, wie sie ihre Nahrung
geholt hat, =zur Königin fliegen=, streift dort ihren Blüthenstaub =von
selbst= ab, und gibt eben so =unwillkürlich= den Honigsaft von sich. --
Sie kriecht durch das noch weiche Wachs, und die =Form ihres Körpers=
bildet die Form der Zelle.
Aehnliches geschieht, obwohl mit einer geringeren Vollkommenheit, bei
höheren Klassen der Thiere, z. B. bei Vögeln[14] bei dem Bau ihrer
Neste, oder bei dem Biber, dem Dachse u. s. w.; nur bemerken wir dabei
die sehr auffallende Erscheinung, dass die Kunsttriebe in dem Masse
=abnehmen=, je vollkommener der Organismus ist; eine Erscheinung,
welche zu der Ansicht berechtigt, welche ich mir eben auszusprechen
erlaubte, dass die Thätigkeit, welche diese Kunsttriebe erzeugt, noch
=unter= der Region der Empfindung, somit noch unter der Region der
Vorstellung steht, und bei dem Thiere erst dann eine Empfindung, d. i.
eine Vorstellung erzeugt, wenn sie gehemmt wird.
[14] Es zeigt immer von einer mangelhaften und oberflächlichen
Beobachtung, wenn man den Bau der Thiere gar zu wunderbar
findet. -- Ja freilich: wenn =wir= mit unseren Händen ein
=Vogelnest= bauen müssten, ging es uns übel, besonders wenn
wir es zusammen=flechten= müssten. Ich habe selbst einmal
in einem Gartenhause einem Paare zahmer Gimpeln zugesehen,
wie sie ihr Nest bauten. -- Die erste Schwierigkeit war, --
nicht für die Vögel, sondern für mich, -- ihnen ein Materiale
zu liefern, welches ihnen zusagte. Endlich fand ich ein
solches in dem faserigen Gewebe, welches eine Kokusnuss
umhüllte. -- Ich legte ihnen davon hinein, und sie trugen
einen Haufen davon zusammen. Wie der Haufe grösser wurde,
stellte sich das Weibchen in die Mitte, und drehte sich
schnell herum. Die Fäden wirrten sich ineinander, in der
Mitte war die bekannte Höhlung auf diese Art hergestellt, und
das Nestchen vollkommen fertig gemacht. Die ganze Thätigkeit
des Vogels war die allereinfachste von der Welt. -- Noch
weniger Ueberlegung entwickeln aber die Bienen, es ist daher
die Ansicht, nach welcher man den Bienen Sinn für Geometrie
zuschreibt, beiläufig eben so richtig, als ob man Jemanden,
dessen Gebiss so geformt ist, dass er in ein Butterbrod eine
Ellipse oder eine Parabel beisst, einen =Geometer= nennen
wollte.
§. 11.
So wie nun jede Empfindung ein =Verändertwerden= der Individualität
des Geschöpfes nothwendig voraussetzt, so gewahren wir auch, dass mit
der Einwirkung, welche diese Veränderung bewirkte, =nicht= auch die
=Veränderung selbst= verschwindet, sondern dass wenigstens derjenige
Theil dieser Veränderung, welcher in Hervorbringung einer =Vorstellung=
bestand, bleibend ist, und zwar um so =mehr= bleibend, je =stärker=
die Veränderung, d. i. die =Erregung= des Individuums war, und je
=vollkommener der Organismus= des Thieres ist.
Diese Erscheinung gibt sich dadurch kund, weil wir deutlich gewahren,
dass das Thier bei wiederholtem Eintreten gewisser Momente, welche
an und für sich noch keineswegs ein besonderes Erregtsein bedingen,
aber einem gewissen Zustande des Erregtseins =vorangegangen= sind,
schon eine solche Thätigkeit =anwendet=, wie sie dem, diesen Momenten
erst =folgenden= Eindrucke entspricht. Der Hund lauft dem Gemache
zu, wo gespeist wird, wenn er die Teller klingeln hört; er flieht,
wenn sein Herr den Stock ergreift u. s. w.; es muss daher nothwendig
die =Reproduktion= des früheren Eindruckes Statt finden, welcher dem
nun vorhandenen gefolgt ist. -- Derlei Thätigkeiten sind nun wohl
in =vielen= Fällen ganz =richtig= angebracht, und insofern lässt
es sich sagen, dass das Thier den _nexus causalis_, d. i. die Folge
gewisser Erscheinungen =richtig= aufgefasst habe. -- Es lässt sich
aber auch nicht verkennen, dass das Thier auch bei Eindrücken, welche
mit jenen, die einem bestimmten früheren Ereignisse vorangingen, nur
=Aehnlichkeit= haben, zuweilen eine solche Thätigkeit äussert, welche
jenem Ereignisse entspricht, obgleich diese Eindrücke keineswegs jenes
Ereigniss wirklich bedingen; z. B. lauft der Hund, welcher durch den
Schuss eines Gewehres erschreckt wurde, davon, wenn nur ein Stock in
eine ähnliche Richtung wie ein Gewehr gebracht wird. Es folgt daher,
dass das Thier seine Thätigkeit nur nach der Reproduktion des =früheren
Eindruckes=, nicht nach der Auffassung des =Zusammenhanges= von zwei
Begebenheiten, =als Ursache und Wirkung=, bestimme.
Eben so finden wir aber auch, dass das Thier bei dem Wiedervorkommen
mancher schon früher vorhanden gewesenen Eindrücke zuweilen =nicht=
diejenige Thätigkeit äussert, welche dem nun kommenden Ereignisse
entspricht, sondern bei einem Eindrucke entweder ganz unthätig bleibt,
oder etwas beginnt, zu welchen das dem Eindrucke folgende Ereigniss
=keine= Veranlassung gibt, woraus folgt, dass bei den Thieren
sowohl ein =richtiges=, als ein dem objektiven Eindruck =nicht=
entsprechendes, somit =unrichtiges= Reproduziren Statt finde.
Da also diese Reproduktion sowohl eine =richtige= als eine
=unrichtige=, d. h. eine dem Causalnexus, von welchem der gegenwärtige
Moment das erste Glied ausmacht, zuweilen =entsprechende=, oder auch
zuweilen =nicht= entsprechende sein kann, so folgt, dass zuweilen
die vorausgegangenen Vorstellungen =gerade so reproduzirt= werden,
=wie= sie vorausgegangen sind, zuweilen aber eine =Vermischung= dieser
Vorstellungen Statt gehabt haben muss.
Die =erste= Art der Reproduktionen =nennen wir= die Funktion des
=Gedächtnisses=, die =zweite=, jene der =Einbildungskraft=, eine
Unterscheidung, welche =für uns=, zum Behufe der Darstellung
psychischer Funktionen, von entschiedenem Werthe ist, welche aber nicht
=so weit= getrieben werden darf, dass man darunter =zwei verschiedene
Funktionen= als vorhanden annimmt, denn =dazu= mangelt offenbar =jede=
begründete =Erfahrung=.
Der Umstand, dass wir jedoch auch in manchen Fällen, ungeachtet
des wiederkehrenden, einem bestimmten vorhergegangenen Ereignisse
entsprechenden Eindruckes, welcher eine Thätigkeit zur Folge hatte,
=keine= den reproduzirten Vorstellungen entsprechende Thätigkeit
entstehen sehen, berechtigt zu der Voraussetzung, dass in einem solchen
Falle entweder =gar keine= Reproduktion vorhanden war, oder dass die
wirklich vorhandene =zu schwach=, oder doch zu sehr mit =anderen=
reproduzirten Vorstellungen =verbunden= war, um eine =bestimmte=
Thätigkeit zu veranlassen, denn wir sehen die Thätigkeit =eintreten=,
wie die jener Erregung vorhergegangenen Momente sich =vermehren=,
woraus folgt, dass die Reproduktion in genauer Verbindung mit den
äusseren Eindrücken stehe.
Damit wir aber annehmen können, dass bei einem Geschöpfe ein
Bestimmen der Thätigkeit nach einer Vorstellung möglich sei, muss
nothwendig vorausgesetzt werden, dass dasselbe schon vermöge seiner
=eigenthümlichen Beschaffenheit thätig=, d. h. so eingerichtet sei,
dass sein eigenthümliches Wesen gewisse äussere Eindrücke =bedürfe=,
andere aber =fliehe=, dort aber, wo diese Eindrücke grösstentheils
=mangeln=, oder grösstentheils seiner Individualität entgegen sind,
nothwendig in seiner Individualität =zerstört= werden müsse, eine
Voraussetzung, welche die Erfahrung so unbedingt bestätigt, dass jede
Nachweisung überflüssig scheint.
Da nun viele dieser Eindrücke, deren das Thier nothwendig bedarf,
von der Art sind, dass sie nothwendig =Empfindung=, und daher auch
=Vorstellungen= erzeugen =müssen=, so lässt sich daher, in Bezug auf
die animalischen Wesen als charakteristisches Merkmal zu dem Zwecke
unserer Darstellung Folgendes aussprechen:
Animalische Wesen unterscheiden sich von unorganischen und blos
organischen Wesen dadurch, =dass die Thätigkeiten derselben, sofern sie
durch äussere Eindrücke veranlasst sind, nur durch Empfindungen und die
Reproduktion der mit den Empfindungen verbundenen Vorstellungen möglich
erscheinen=, dass daher die Aeusserung der =Vorstellungsthätigkeit= ein
=nothwendiges= Merkmal des Verkehres des animalischen Lebensprinzipes
=mit der Aussenwelt= darstellt.
So weit nun das animalische Lebensprinzip gewisse Eindrücke zu seiner
individuellen Existenz =bedarf=, oder solche, zur Vermeidung der
Vernichtung seiner individuellen Existenz =fliehen=, d. h. ihnen
=widerstreben= muss, =nennen wir= diese Aeusserung =Trieb=, und in
Bezug auf die verschiedenen einzelnen Aeusserungen =Triebe=, ohne
jedoch auch mit dieser Benennung =eine besondere, für sich= bestehende
=Funktion= des Thieres bezeichnen zu wollen, es lässt sich daher auch
das charakteristische Merkmal des animalischen Lebens damit ausdrücken,
dass das =Leben= des Thieres in einem =Bestimmen des Triebes= durch
=Empfindungen=, d. i. durch =Vorstellungen= der durch äussere Eindrücke
Statt findenden, oder Statt gefundenen Erregung bestehe.
§. 12.
Insoweit spricht sich der Unterschied zwischen Thier und Pflanze,
besonders bei den =höheren= Gattungen, =klar= aus. Die einzelnen
Gattungen der Thiere lassen unter einander wohl einen bedeutenden
=Unterschied= in der =Menge= der vorhandenen Vorstellungen und
in dem =Einflusse=, welche dieselben auf dessen Thätigkeit im
Verhältnisse zu den Eindrücken der Aussenwelt, d. i. auf dessen
Triebe nehmen, gewahren, so dass bei den minderen Rangordnungen die
Triebe mehr =blind= wirken, und sich hierin deren Entwicklung mehr dem
Entwicklungsgange der Pflanze nähert, die Eindrücke von Aussen auch
bei niederern Stufen mehr den bei dem Pflanzenleben Statt findenden
Assimilirungs-Prozessen gleichen, bei den höheren Gattungen aber ein
blosses Assimiliren ohne Empfindung =seltener= wird, allein =weiter=
lässt sich der Unterschied nicht mehr verfolgen, immer bleibt aber
=dieses= Merkmal wesentlich, dass dort, wo eine Funktion =gehemmt= oder
=befriedigt= wird, somit bei allen Aeusserungen der Lebensthätigkeit,
Empfindungen =möglich= sind, welches bei der Pflanze =niemals= der
Fall ist. Das Thier wird daher in =allen= Anregungen von Aussen, d.
h. so oft es angeregt wird, immer als =animalisches=, niemals als blos
=organisches= Wesen angeregt.
Dagegen aber darf man nicht übersehen, dass bei dem Thiere jene
Erscheinungen, welche schon in der frühesten Kindheit bei dem
=Menschen= eintreten, wozu insbesondere die =Sprache=, und das
Bestreben der Nachahmung nicht nur =fremder Thätigkeit=, sondern des
=Erzeugens der Produkte fremder Thätigkeit= gehören, =mangeln=, und
zwar die erste und letzte dieser Erscheinungen =gänzlich=, und auch
die zweite derselben, nämlich das Nachmachen =fremder Thätigkeit=,
ist nur bei sehr =wenig= Thieren, und auch bei diesen in einem sehr
unvollkommenen Grade vorhanden. -- Das Kind, indem es sich hinsetzt,
eine Feder ergreift und etwas auf dem Papier kritzelt -- wie es etwa
den Vater schreiben gesehen hat, -- will nicht blos sich =so bewegen=
wie der Vater, sondern es will dabei =schreiben=, kurz es sind bei
dieser Nachahmung =Vorstellungen= thätig, von welchen bei dem Affen,
welcher etwa das Auge an ein Fernrohr hält, =gar keine Spur= zu
gewahren ist.