Agnes zögerte. »Ist's etwas, was mich gar nichts angeht, Irma?«

»O gewiß, es geht einzig und allein mich an.«

»Nun, dann werde ich auch Ludwig nichts sagen.«

Irma legte ihr Köpfchen an Agnes' Schulter und begann flüsternd ihre

Erzählung, wie sie schon bei der Landpartie gemerkt habe, daß Baron

von Hochstein sie sehr reizend finde, wie er einige Tage später an

sie geschrieben und ihr seine Liebe bekannt, und wie sie nach

Verabredung eine rote Rose im Gürtel, am Fenster stehend, ihm ihre

Gegenliebe verraten habe. Auf sein wiederholtes Schreiben und

dringendes Bitten habe sie nach schwerem Gewissenskampf in ein

Stelldichein gewilligt und ihn heute nachmittag auf der Chaussee im

Walde getroffen.

Agnes' Gesicht verdüsterte sich immer mehr, aber sie sagte nichts.

Erst als sie hörte, was die Liebenden heute beschlossen hatten, rief

sie entrüstet:

»Aber Irma, wie konntest du das tun?«

»O, ich weiß, daß es schlecht war,« schluchzte das arme, kleine Ding.

»Aber ich hab' Otto so lieb. Du liebst Ludwig doch auch und mußt daher

mit mir fühlen können. Hättest du denn nicht ebenso gehandelt?«

»Ich!« rief Agnes. »Wahrscheinlich hätte ich ihm eine Ohrfeige

gegeben, ganz gewiß aber ihm den Rücken gekehrt. Was bildet er sich

ein? Wie darf er's wagen, dir geradezu zu sagen, daß du ihm nicht

ebenbürtig bist!«

»Aber bedenke doch, die Barone von Hochstein! So ein altadliges

Geschlecht! Noch nie ist in seiner Familie eine Mesalliance

vorgekommen. Er steht weit über mir!«

»Welch ein Unsinn!« entgegnete Agnes heftig. »Laß ihn mit seinem

altadeligen Geschlecht nach dem Monde gehen. Welcher verständige

Mensch legt in unsern Tagen Wert auf so etwas? Damit sollte er uns in

Amerika kommen! Er über dir stehen! Du bist im Gegenteil unendlich

erhaben über ihn, du, das Kind so genialer Eltern. Was haben seine

Eltern wohl je geleistet?«

»Er denkt gewiß ebenso. Wirklich, Otto ist nicht vorurteilsvoll, aber

seine Eltern sind doch nun einmal so furchtbar stolz.«

»Sprich mir nicht von Stolz! An deiner Stelle wäre ich viel zu stolz,

mich in eine Familie einzudrängen, die es wagte, auf mich

herabzusehen!«

Irma seufzte; sie hatte gehofft, Agnes würde die Sache ganz anders

auffassen, mehr mit ihr übereinstimmen und sich wohl gar geschmeichelt

fühlen, daß ein Baron ihrer Cousine seine Liebe gestanden hatte. Die

nüchterne, praktische Art, mit der die Amerikanerin diesen für Irma

doch so hochinteressanten Fall behandelte, enttäuschte sie sehr.

Nirgends sah sie Hilfe, nirgends einen Ausweg, und sie fing wieder an

bitterlich zu weinen.

Tränen waren etwas so Ungewohntes bei der sonnigen, lustigen kleinen

Irma, die immer lachte und von jedem auf den Händen getragen wurde,

daß Agnes plötzlich ein großes Mitleid mit dem armen Kinde fühlte.

»Weine nicht, Liebling,« sagte sie zärtlich. »Ich sehe ein, daß es

hart für dich ist, aber so kann die Sache nicht weitergehen. Du mußt

ihm schreiben, daß du keine heimlichen Zusammenkünfte mehr mit ihm

haben willst. Es ist unverzeihlich, daß du es schon einmal getan hast,

aber geschehene Dinge sind nicht mehr ungeschehen zu machen. Es ist

seine Pflicht gegen dich, sofort deinen wie seinen Eltern ein offenes

Geständnis abzulegen. Will er das nicht, so muß zwischen euch alles

aus und zu Ende sein.«

»Nein, um nichts in der Welt,« schluchzte Irma. »Ich liebe ihn, und er

liebt mich.«

»Seine Forderung beweist das Gegenteil,« versetzte Agnes entrüstet.

»Ich bitte dich, du wirst ihm doch kein Stelldichein mehr geben!

Versprich mir das.«

Irma schwieg.

»Du darfst es nicht. Und tust du es doch, so sag' ich's der Großmama.«

»Das wäre garstig von dir; du hast mir versprochen, es keiner

Menschenseele zu verraten.«

»Ja, das ist wahr, na, ich werd's auch nicht tun, du kannst mir

vertrauen, aber Irma, du handelst sehr unbesonnen.«

»Es wird schon alles recht werden,« sagte das junge Mädchen, in dem

Wunsche, ihren Otto und sich zu verteidigen. »Er sagt, die

Heimlichkeit würde nicht lange dauern, und er ist so edel, so

feinfühlig. Du mußt doch zugeben, Agnes, daß ich mein Wort nicht

brechen kann, ich hab's doch versprochen.«

Agnes war durchaus nicht einverstanden, merkte aber, daß Irma nicht zu

überzeugen war. Auch überlegte sie, daß, wenn sie ihrer Empörung über

Otto von Hochsteins Verhalten zu sehr Luft machte, Irma ihr das

Vertrauen entziehen würde. Und es war doch besser, daß jemand um die

unvorsichtigen Handlungen des kleinen Lieblings wußte, um ihn warnen

und überwachen zu können. Daher tröstete sie ihr Bäschen so gut es

ging, und gelobte aufs neue, das Geheimnis treu zu bewahren. Etwas

erleichtert und beruhigt ging Irma nach Hause, wo sie in ihrem

Leichtsinn sich einredete, keine Unwahrheit zu sprechen, als sie auf

Ilses Frage, ob sie bei Müllers gewesen sei, um Agnes abzuholen, mit

einem »ja, Großmama,« antwortete.

Einige Tage später kam Nachricht von Holtens aus München. Gustav,

dessen Name immer bekannter wurde, hatte sich um den Posten eines

Lehrers am Konservatorium in I. beworben und die Stelle erhalten. Das

war für einen jungen Mann von dreiundzwanzig Jahren ein großes Glück.

In sechs Wochen mußte er das Lehramt bereits antreten, und seine

Hochzeit sollte so bald wie möglich stattfinden, denn er wollte nicht

ohne Flora das neue Leben beginnen.

Großmutter Ilse schüttelte den Kopf.

»Sie sind ja beide noch Kinder. Die sollen schon heiraten? So

unerfahren, wie sie sind!«

»Aber du warst doch auch sehr jung, als du heiratetest, Großmama,«

wandte Irma ein.

»Ja, mein Kind, aber dein Großvater war ein anderer Mann als Gustav,

der ganz in seiner Kunst aufgeht und vom praktischen Leben keinen

Schimmer hat. Und Flora?«

»Es wird schon gehen,« meinte Irma, die über die Nachricht sehr

glücklich war. Die Aussicht, daß ihr Bruder in I. wohnen und sie

dadurch Gelegenheit haben würde, oft nach der Universitätsstadt zu

fahren, war himmlisch. Auf diese Weise würde es viel leichter sein,

Otto öfter zu sehen. Als sie Agnes ganz aufgeregt von diesem

Glücksfall Mitteilung machte, schüttelte das praktische, kluge Mädchen

sein weises Köpfchen.

»Es ist und bleibt verkehrt, und überdies, wenn Gustav in I. wohnt,

wird er bald etwas merken.«

»Gustav! der merkt nichts. Du weißt doch, wie verträumt er immer ist.

Glaubst du, daß er überhaupt noch an etwas anderes denken kann, als an

seine Musik und an Flora?« --

Die junge Braut kam nun wieder mit ihrer Mutter zu Gontraus auf

Besuch, um alles für ihre Aussteuer zu besorgen. Irma ging oft mit

nach I., und fand dann ab und zu Gelegenheit, Hochstein zu sehen. So

geschah es, daß die Kleine, -- bisher die Ehrlichkeit und

Aufrichtigkeit selbst -- Schritt für Schritt weiter in den Irrgarten

der Lüge und des Betrugs hinein geriet. -- Es kostete ihr keine große

Mühe mehr, ihre aufsteigenden Zweifel und Gewissensbisse zu

beschwichtigen und mit sich selbst Frieden zu schließen. Auch gab Otto

ihr immer von neuem die Versicherung, daß sie durchaus nichts

Unrechtes tue, indem sie vor ihrer Großmutter und ihren Eltern etwas

verbarg. Er verstand es, sehr besorgt und schön über Frau Gontrau zu

reden, die doch schon alt sei und sich ganz unnütze Sorgen machen

würde, wenn sie wüßte, daß der Baron und die Baronin von Hochstein

noch nicht ihre Einwilligung zur Verlobung gegeben hätten. Und Irmas

Eltern, die so fern von ihr weilten, würden sich auch nur unnötig

aufregen. Es war doch viel besser zu schweigen, bis die Geschichte

ganz in Ordnung käme, und daß dies bald geschähe, daran brauchte Irma

doch nicht zu zweifeln. So beruhigte sie sich immer wieder und fuhr

fort, wissentlich Unrecht zu tun, wobei sie sich trotzdem glückselig

fühlte. --

Flora und Gustav sollten kurz vor Weihnachten heiraten. Die ganze

Familie begab sich zu dem Feste nach dem Landgut, auf dem Flora Werner

wohnte.

Ilse war wehmütig bewegt, als sie das Haus wieder betrat, wo sie vor

vielen Jahren als junge Frau mit Nellie zu Gaste gewesen war. Wie

anders sah jetzt alles aus als damals! Die Besitzung hatte sich in den

letzten Jahren unter der Oberleitung von Hans ganz außerordentlich

gehoben und verschönt, und Flora, wenn sie auch nicht mehr so tätig

war wie früher, stand auch jetzt noch, wo sie konnte, den

Dorfbewohnern mit Rat und Tat bei. Ab und zu schrieb sie auch noch

Verse, und am Hochzeitsmorgen überraschte sie die junge Braut mit

einem langen Gedicht, das sie in der Nacht verfaßt hatte.

Es kam darin viel vor von Liebe und Kunst und herrlichem Beruf, von

Lorbeeren, die der Künstler ernte, und die er seinem angebeteten Weibe

zu Füßen lege. Die kleine Flora verstand zwar nicht viel davon, fand

es aber doch sehr schön.

In vollstem Glanze stieg die Wintersonne an dem Hochzeitstag des

jungen Paares empor. Die enge Dorfstraße, die der Festzug passieren

mußte, wimmelte von Menschen. Fast aus jedem Hause wehte eine Fahne,

und hier und da waren Ehrenpforten errichtet aus Tannengewinden, mit

bunten Papierrosen verziert. Bäume, Felder und Wiesen hatten sich in

ein fleckenloses Brautgewand gehüllt; die goldenen Sonnenstrahlen

spielten auf dem Schnee und streuten glitzernde Diamanten darüber aus.

An den funkelnden Farben, die sich über die blendend weiße Welt

ergossen, konnte das Auge sich nicht satt sehen. Das Innere der

kleinen Dorfkirche im Lichterglanz und Blumenschmuck war wie ein

Feenmärchen. Fast noch die reinen Kinder standen Gustav und Flora vor

dem Altar. Die junge Braut in einem einfachen weißen Kleide, die grüne

Myrtenkrone auf den goldschimmernden Flechten, und der schlanke

Bräutigam mit dem verzückten Blick und dem träumerischen, ernsten

Antlitz.

Die Freunde und Verwandten erschienen als gute Feen und Beschützer --

alle beseelt von dem innigsten Wunsch, das junge, eben verbundene Paar

möge so glücklich werden, wie es zwei Menschen, die sich lieben, hier

auf Erden nur sein können.

Auch Irma befand sich als Brautjungfer mit im Zuge. Ihr Brautführer

war ein junger Rechtsgelehrter, ein Freund der beiden Reichers.

Eigentlich hätte Hans sie führen müssen, aber seit Irmas Ankunft hatte

er nicht den geringsten Versuch gemacht, sich ihr zu nähern. Er war

sehr heiter, was sie mit Staunen wahrnahm, während sie in ihrer

unbewußten Eitelkeit geglaubt hatte, den armen Hans bedauern zu

müssen, weil er hoffnungslos in sie verliebt wäre. Er behandelte sie

höflich und freundlich, aber von der Verehrung, die er ihr noch vor

kurzer Zeit bewiesen, konnte sie nichts mehr entdecken. Sie behauptete

zwar, daß ihr das ganz gleichgültig sei, aber im Grunde fühlte sie

sich doch verletzt und ärgerte sich. Die Kleine, von allen verwöhnt

und bewundert, wußte, daß sie auffallend hübsch war -- ihre Umgebung

hatte ihr das nur zu oft gezeigt -- aber bis jetzt hatte das noch

keinen schlechten Einfluß auf ihren Charakter gehabt. Ihre Koketterie

war unschuldiger Art, seit jedoch Baron Hochstein ihr eitles Köpfchen

mit seinen Redensarten und Schmeicheleien verdrehte, bildete sie sich

ein, etwas ganz Besonderes zu sein, und fand es daher nicht mehr wie

recht und billig, daß Hans Reicher ihr Sklave und Anbeter bliebe,

vielleicht gar an seiner unglücklichen Liebe zu Grunde ginge. Wäre er

ihr mit einer Liebeserklärung lästig gefallen, würde sie ihn

jedenfalls ausgelacht haben, aber geschmeichelt hätte sie sich dadurch

doch gefühlt. Nun er ihr zeigte, daß er ohne sie leben konnte, grollte

sie ihm.

Hans war in seinen Gefühlen kein anderer geworden; er begriff jedoch,

daß die einzige Möglichkeit, auf ein Wesen wie Irma Eindruck zu

machen, darin bestand, ihr zu imponieren. Von Herzen gern wäre er zu

ihr gegangen und hätte sie beschworen, ihm gut zu sein, aber als er

ihr reizendes Gesichtchen erblickte, aus dem die kindliche,

unbefangene Lieblichkeit verschwunden war, kam ihm sein Stolz zu

Hilfe, er erwiderte ihre Spöttereien mit kühler Höflichkeit und

wendete sich zu Maud, in deren Gesellschaft er sich jetzt am

glücklichsten fühlte. --

»Hans ist einer der tüchtigsten jungen Leute, die ich je gesehen

habe,« sagte Maud, als sie alle wieder in F. waren. »Er ist ein ganzer

Mann, klug und bedächtig, einer, der weiß, was er will, wie mein John

auch. Damals im Sommer glaubte ich, er sei ernstlich in dich verliebt,

Irma. Wenn du ihn durch deine Koketterie abgeschreckt haben solltest,

würdest du mir leid tun, denn nicht jedes Mädchen findet einen solchen

Mann.«

Doch vor Irmas Seele tauchte in diesem Augenblick eine hohe,

aristokratische Gestalt auf, vornehm und elegant, mit der verglichen

Hans ihr wie ein Bauer erschien. Sie zuckte nur geringschätzig die

Achseln, als ob sie sagen wollte:

»Ich kann doch wohl noch etwas Besseres bekommen.«

»Kennst du das Märchen vom Schweinehirten, Irma?« fragte Onkel Heinz.

»Nein,« versetzte die Kleine, und da sie auf dem Antlitz des

Professors einen spöttischen Ausdruck sah, vor dem ihr unwillkürlich

bange ward, fügte sie hinzu:

»Und ich will es auch nicht kennen.«

»Aber ich,« fiel Agnes ein, »ich liebe Märchen über alles; als wir

Kinder waren, wollte Vater jedoch nicht, daß wir Märchen lesen oder

hören sollten; »das ist nur unpraktisches Zeug,« meinte er, »das euch

einen ganz falschen Begriff vom Leben gibt. Märchen, Balladen,

Legenden -- in Deutschland mögen sie am Platze sein, für Amerika

passen sie nicht.«

»Komm her, Irma,« nahm Onkel Heinz von neuem das Wort, »und hör' zu.«

Er ergriff ihr widerstrebendes Händchen und zog sie näher zu sich

heran. Die andern lachten über ihr böses Gesicht. Das kleine Fräulein

war in letzter Zeit oft so reizbar; aber hier gab es doch wirklich

keinen Grund, zornig zu werden.

»Es war einmal,« begann Onkel Heinz.

»Wie abgeschmackt,« schmollte Irma.

»Es war einmal ein armer Prinz[2], er besaß ein Königreich, welches

ganz klein war, aber doch groß genug, um sich darauf zu verheiraten,

und verheiraten wollte er sich.

[2] Aus Andersens Märchen: Der Schweinehirt.

Freilich schien es etwas keck von ihm, daß er zur Tochter des Kaisers

sagte: 'Willst du mich haben?' Aber er wagte es doch, denn sein Name

war weit und breit berühmt; es gab hundert Prinzessinnen, die gern ja

gesagt hätten, -- ob sie es tat?

Auf dem Grabe seines Vaters wuchs ein Rosenstrauch, der blühte nur

jedes fünfte Jahr und trug dann auch nur eine einzige Blume, aber

diese eine Rose duftete so süß, daß jeder, der daran roch, allen

Kummer und alle Sorge vergaß. Der Prinz hatte auch eine Nachtigall,

die konnte singen, als ob alle schönen Melodien in ihrer Kehle säßen.

Diese Rose und diese Nachtigall sollte die Prinzessin haben, und

deshalb wurden sie beide in große silberne Behälter gesetzt und ihr

zugesandt.

Der Kaiser und der ganze Hof waren bei der Ankunft der Geschenke

zugegen; aber die Prinzessin war dumm, sie glaubte, es seien eine

künstliche Rose und Nachtigall, und als sie sah, daß es natürliche

waren, fand sie nichts Besonderes daran; sie zertrat die Rose und ließ

die Nachtigall fliegen und wollte nicht gestatten, daß der Prinz käme.

Dieser ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Er bemalte sich das

Antlitz schwärzlich, zog die Mütze tief über die Augen, klopfte an die

Türe des kaiserlichen Palastes und fragte, ob er nicht auf dem

Schlosse einen Dienst bekommen könne.

Jawohl, er konnte die Schweine hüten. Er bekam eine jämmerlich kleine

Kammer, und da saß er nun den ganzen Tag und arbeitete, und als es

Abend war, hatte er einen niedlichen kleinen Topf gemacht; rings um

denselben waren Schellen, und sobald der Topf kochte, klingelten sie

schön und spielten die alte Melodie:

Ach, du lieber Augustin,

Alles ist weg, weg, weg!

»Das Stück kann ich auch spielen,« sagte die Prinzessin, die des

Abends mit ihren Hofdamen spazieren ging. »Fragt mal den

Schweinehirten, wieviel der Topf kostet.«

»Ich will zehn Küsse von der Prinzessin haben, für weniger tu ich's

nicht.«

Das war ein Schreck, es wurde gehandelt und gebettelt, aber der

Schweinehirt bestand auf seiner Forderung.

»In Gottes Namen,« sagte die Prinzessin zu ihren Begleiterinnen, »aber

ihr müßt dicht um mich herumstehen, damit mich wenigstens niemand

sieht.«

Die Hofdamen umringten sie, breiteten ihre Kleider aus, der

Schweinehirt bekam zehn Küsse, und sie erhielt den Topf.

Nun machte der geschickte Jüngling eine Spieldose, wenn die aufgezogen

wurde, spielte sie alle Walzer und Polkas, die auf der Welt

existieren.

»Das ist ja =superbe=,« rief die Prinzessin, »fragt ihn, was er dafür

haben will, aber küssen tu ich ihn nicht wieder.«

Der Schweinehirt verlangte hundert Küsse; da ging die Kaisertochter

böse fort.

Aber die Spieldose war doch zu wundervoll, und als die Prinzessin

einsah, daß der Schweinehirt sie nicht anders hergab, mußten die

Hofdamen wieder einen Kreis schließen, und sie ließ sich küssen.

»Was mag das wohl für ein Auflauf beim Schweinestall sein?« dachte der

Kaiser, der verwundert sah, wie alle Hofdamen auf einem Klümpchen

beisammen standen, und trotzdem er noch in Pantoffeln war, lief er

eilig hinunter, um zu sehen, was es gäbe.

Sobald er den Hof betrat, ging er ganz leise, und die Hofdamen hatten

so viel zu tun, die Küsse zu zählen, daß sie seine Anwesenheit nicht

bemerkten. Er erhob sich auf den Zehen und wurde so wütend, als er

sah, wie sich seine Tochter von dem Schweinehirten küssen ließ, daß er

beiden die Pantoffeln um die Ohren schlug und sie vom Hof

herunterjagte.

Da standen sie nun in Regen und Kälte, die Prinzessin weinte, und der

Schweinehirt fluchte.

»Ach, ich unglückliches Geschöpf,« schluchzte sie, »hätte ich doch den

Prinzen genommen und die Rose und die Nachtigall nicht fortgeworfen;

wie dumm bin ich gewesen!«

Der Schweinehirt ging hinter einen Baum, wischte sich das Schwarze aus

dem Gesicht, warf die schlechten Kleider von sich und trat nun im

fürstlichen Gewande hervor, so schön, daß die Kaisertochter sich

verneigen mußte.

»Ich will nichts mit dir zu schaffen haben,« sagte er. »Du wolltest

keinen ehrlichen Prinzen heiraten; die Rose und Nachtigall hast du

verachtet, aber den Schweinehirten konntest du um einer Spielerei

küssen. Das hast du nun davon!«

Dann ging er in sein kleines Königreich und schlug ihr die Türe vor

der Nase zu. Da konnte sie draußen stehen und singen:

»Ach, du lieber Augustin,

Alles ist weg, weg, weg!«

»Das war sehr hübsch,« meinte Irma mit erzwungenem Lächeln, »ich sehe

nur nicht ein, was dies Märchen mit mir oder Hans Reicher zu schaffen

hat.«

»Dann bist du gerade so dumm wie die Prinzessin,« versetzte der alte

Herr trocken, sie von sich weg schiebend.

Agnes blickte Irma vielsagend an, aber an diesem Abend fand sie keine

Gelegenheit, ihre Cousine allein zu sprechen.

Wußte Onkel Heinz am Ende gar, daß sie mit Otto von Hochstein im

geheimen Briefe wechselte, ihn auch mitunter an einem vorher

verabredeten Platze traf? Irma erbebte bei diesem Gedanken; sie fragte

Agnes, was sie davon dächte, aber diese meinte, Onkel Heinz ahne

nichts; denn wäre das der Fall, so würde er sicher mit der Großmama

darüber gesprochen haben; er sei doch nicht der Mann, so etwas zu

verschweigen. Nein, er zog nur seine Schlüsse aus Irmas Benehmen gegen

Hans und aus dem, was er bei der bewußten Landpartie beobachtet

hatte.

Trotzdem riet Agnes ihr, vorsichtig zu sein, und nahm gleichzeitig

nochmals die Gelegenheit wahr, ihr das Unrecht vorzuhalten. Sie

bemühte sich, Irma zu überzeugen, daß Otto es unmöglich gut mit ihr

meinen könne, wenn er fortfuhr zu verlangen, daß sie ihre nächsten

Angehörigen so hintergehen solle. Anfangs hatte er doch nur von

einigen Wochen gesprochen, bis es so weit sein werde, daß sie ihrer

Großmutter alles erzählen könne; nun waren bereits Monate ins Land

gezogen, und noch immer gebot er ihr Schweigen.

Unter Tränen und Seufzen mußte Irma zugeben, daß die Cousine recht

hätte; aber sie liebte Otto zu sehr, sie könnte nicht von ihm lassen,

sie würde sterben, wenn alles aus sein müßte.

»Unsinn,« wandte Agnes ein, »daß du großen Kummer haben würdest, will

ich glauben, aber an so etwas stirbt man nicht.«

»Wie kannst du so reden? Versetz' dich doch an meine Stelle. Würdest

du nicht sterben, wenn du Ludwig entsagen müßtest?«

»Nein. Ich würde sehr unglücklich sein; aber ich würde mich bemühen,

daran zu denken, daß es noch so viele gibt, die mich lieben: Eltern,

Geschwister, Freunde, und daß ich daher nicht das Recht hätte, mich so

ganz und gar meinem Schmerz hinzugeben.«

»Ach du,« nahm die Kleine wieder das Wort, »du bist verlobt und bist

doch so kalt, so scheußlich praktisch -- du weißt ja gar nicht, was

Liebe ist.«

»Möglich,« versetzte Agnes, »eins aber weiß ich wohl. Wenn Ludwig mich

überreden wollte, etwas Unredliches und Schlechtes zu tun, dann würde

ich ihn laufen lassen, und wissen, daß er nicht _der_ ist, für den ich

ihn hielt. Die Versicherung gebe ich dir -- und meinen Kummer würde

ich überwinden.«

Irma schwieg. Die widersprechendsten Gedanken stritten sich in ihrem

Köpfchen. Sie besaß genug gesunden Verstand, um sich bei ruhiger

Überlegung zu sagen, daß Agnes recht habe. Aber Otto war so schön, so

unwiderstehlich, er hatte ihr Herz ganz mit Beschlag belegt, und sie,

sie glaubte ihn wahrhaft zu lieben. Wie sehr sie auch an Großmama, den

Eltern und den andern hing, wenn sie Otto aufgeben müßte, würde deren

Liebe sie nicht zu trösten vermögen, und dann ... der Gedanke, Baronin

von Hochstein zu werden, war ihr in letzter Zeit immer lieber und

vertrauter geworden. Manchmal stellte sie sich bereits vor, wie es

sein würde, wenn sie als Ottos Frau ihren Platz in den glänzenden

Sälen des Schlosses seiner Ahnen, von dem er ihr solche Wunder

erzählte, einnehmen würde. Sie sah sich als Braut in der

Familienkapelle vor dem Altar, nicht in einfachem, weißem Nesseltuch

wie Flora, sondern in einem Kleide von Silberbrokat, mit funkelnden

Diamanten bestreut, und in ihrer Nähe, außer den eigenen Verwandten,

einen weiten Kranz hochadliger Damen und Herren, vornehme Offiziere

und Minister, die Brust mit Orden bedeckt. Ja, wer weiß, vielleicht

ließ sich der Kaiser gar durch einen seiner Adjutanten vertreten, denn

am Hof würde sie dann natürlich schon vorgestellt sein.

Es war hart, all diesen schönen Aussichten Lebewohl zu sagen, noch

härter aber, ihren glänzenden Studenten aufzugeben. Und doch, wenn sie

sich aus ihren Träumen in die Wirklichkeit zurück versetzte, vernahm

sie eine Stimme in ihrem Innern, die ihr zurief, daß ihr nichts andres

übrig bleiben werde. Sie seufzte tief und brach aufs neue in Tränen

aus.

»Aber was willst du denn? Was soll ich tun?« fragte sie endlich, als

Agnes sie in ihre Arme zog und sich bemühte, sie zu trösten.

»Ihn zum letzten Male fragen, ob du alles erzählen darfst, und wenn

er es nicht zugeben will, unwiderruflich und für immer Abschied von

ihm nehmen.«

»Ich kann nicht,« stöhnte Irma, »er wird mir böse werden und mir

vorwerfen, daß ich mein Versprechen nicht halte.«

»Wann hast du wieder eine Zusammenkunft mit ihm?«

»Morgen nachmittag.«

»Soll ich an deiner Stelle gehen und ihm sagen, wie der Hase läuft?«

fragte Agnes, mit einem streitlustigen Gesicht.

»Nein, ums Himmelswillen nicht! Er weiß nicht, daß du meine Vertraute

bist. Er würde mir das nie verzeihen.«

Agnes zuckte ungeduldig die Achseln. Noch eine Weile weinte Irma, dann

stand sie auf.

»Ich will es tun,« sagte sie, »du hast recht, es ist furchtbar, so

etwas vor Großmama geheim zu halten, aber verliere ich Otto, so sterbe

ich ganz gewiß.«

»Es stirbt sich nicht so leicht,« dachte Agnes, aber sie war klug

genug, das nicht zu sagen. »Hör' mal,« sagte sie laut, »ich will

morgen mit dir kommen; hab' keine Angst, dein Baron soll mich nicht

sehen, erst wenn eure Begegnung vorüber ist, wollen wir uns auf einem

vorher verabredeten Platze treffen und zusammen nach Hause gehen.«

Am folgenden Tage goß es in Strömen, die Straßen waren naß und

schmutzig, alles sah trostlos grau und düster aus. Eilig schritten die

beiden Mädchen nebeneinander her, bis sie die Chaussee erreichten.

Irma hatte fast kein Wort gesprochen und auf alles, was die Freundin

sagte, nur einsilbig geantwortet. Besorgt schaute letztere ihre

Cousine an. Selbst jetzt, in einem grauen Regenmantel gehüllt, ein

einfaches Filzhütchen auf dem Goldhaar, war die Kleine bildhübsch. Um

sie etwas aufzumuntern, scherzte Agnes:

»In meinem Regenmantel seh' ich aus, als ob ich in einem Sack

steckte; deiner steht dir famos, wie alles, was du anziehst.«

Selbst diese Schmeichelei, für die sie sonst nicht unempfindlich

gewesen wäre, lockte kein Lächeln auf Irmas Lippen. Ihre Mundwinkel

bebten und sie kämpfte sichtlich mit den Tränen.

»Nur Mut, nicht verzagt!« tröstete Agnes, »vielleicht läuft die Sache

gut ab. Wenn du ihm gehörig ins Gewissen redest, sieht er

wahrscheinlich selber ein, daß er nicht recht tut. Wer weiß, ob er dir

nicht erlaubt, noch heute deinen Eltern zu schreiben und der Großmama

alles zu sagen, dann wird in den nächsten Tagen deine Verlobung

angezeigt, und du gehst mit deinem schönen Baron Arm in Arm einher!«

Irma antwortete nichts, der Ton, in dem Agnes über Otto sprach,

ärgerte sie, aber sie fühlte sich zu unglücklich, um sich in ein

Wortgefecht einzulassen.

Sie hatten schon ein gutes Stück Weges zurückgelegt. Kein Mensch ließ

sich auf der Chaussee blicken; die kahlen Bäume tropften vor Nässe,

der Boden war durchweicht und schlüpfrig. Agnes schaute umher und

mußte leise lächeln. »Kein poetisches Wetter für ein Stelldichein,«

dachte sie, und hatte Lust, einige spöttische Bemerkungen zu machen,

bezwang sich aber, blieb stehen und sagte nur:

»Ich kehre um, Irma, denn Baron von Hochstein kann jeden Augenblick

erscheinen. Bei diesem Wetter hab' ich keine Lust, hier draußen auf

dich zu warten. Ich geh' in die Konditorei von Bauer. Komm mir dahin

nach, sobald du kannst.«

»Ja.«

»Wirst du's kurz machen?«

»Ja.«

»Und tapfer sein?«

»Ja.«

Agnes seufzte, gab ihrer Cousine einen Kuß und entfernte sich rasch,

denn sie glaubte in der Ferne die hohe Gestalt Hochsteins zu erkennen.

Nach einigen Minuten schaute sie sich um. Ein Gartenzaun entzog sie

den Blicken der beiden, sie selbst aber konnte deutlich sehen, wie

Irma und der Student unter einem Regenschirm zusammen weitergingen,

bis sie im nahen Wäldchen verschwanden.

Bedrückten Gemüts begab Agnes sich in die Konditorei. Zum Glück waren

keine Gäste dort. Sie setzte sich ans Fenster und bestellte Schokolade

und Kuchen. Irma würde gewiß verfroren und betrübt ankommen und ein

warmes Getränk ihr gut tun. Wenn sie jetzt nur tapfer war und fest

blieb, dann nahm diese ganze elende Geschichte ein Ende. Agnes fühlte

sich so zu sagen mitschuldig an dem Betrug, weil sie Schweigen gelobt

hatte, und doch sah sie ein, daß sie ihr Wort nicht brechen durfte.

Während sie bei sich das für und wider überlegte, verging die Zeit.

Sie sah nach der Uhr, eine halbe Stunde war schon verstrichen. Die

Schokolade wurde kalt, sie wollte frische bestellen, wenn Irma kam.

Himmel, wie lange dauerte das! Ob sie Abschied nahmen? Agnes fing an

unruhig zu werden und stand im Begriff, sich nach dem Ort des

Stelldicheins zu begeben. Da knarrte die Ladentür. Gott sei Dank, Irma

trat ein mit strahlendem Gesicht, glühenden Wangen und glänzenden

Augen. Agnes flog ihr entgegen.

»Ich brauche nicht zu fragen,« rief sie, »alles ist gut?«

Irma nickte, setzte sich an den Tisch und nahm sofort von dem Kuchen.

Agnes freute sich aufrichtig, Otto stieg in ihrer Achtung, und sie

bereute, daß sie ihm oft in ihren Gedanken unrecht getan hatte.

»Du mußt vergessen, daß ich an Otto zweifelte und sagte, er meine es

nicht gut mit dir. Ich sehe, daß ich mich geirrt habe,« sagte sie.

»Er ist ein Engel,« versetzte Irma, »wenn du ihn später kennen lernst,

wirst du das selber finden.«

»Na, das ist ja nicht gerade nötig, aber nun erzähle wie es war. Fand

er's gleich in der Ordnung, daß die Heimlichkeit aufhören soll? Hat er

wohl gar schon mit seinen Eltern gesprochen? Wann wird eure Verlobung

veröffentlicht?«

Irma hatte den dritten Kuchen verzehrt, schob nun den Teller zurück

und rührte nachdenklich in der Schokolade.

»Otto sieht sehr wohl ein, daß dieser Zustand auf die Dauer unhaltbar

ist,« begann sie, »daher begreift er auch, daß ein Ende damit gemacht

werden muß.«

»Recht so. Ich fürchte nur, Irma, Großmama wird doch ein bißchen böse

auf dich sein, aber du bist ihr Liebling, da wird sie's schon

verzeihen. Du sagst es ihr doch natürlich noch heute?«

»Nein, heute nicht.«

»Was?« Agnes fiel wie aus den Wolken.

»Nein,« fuhr Irma etwas nervös und gereizt fort. »Du brauchst dich

nicht gleich zu ereifern. So rasch geht das nicht. Otto muß erst eine

günstige Gelegenheit abwarten, seine Eltern vorzubereiten.«

»Himmel, Irma, was hat er dir denn wieder vorgeflunkert? Das ist ja

immer die alte Leier.«

»Die alte Leier. Hör' mal, du hast selbst gesagt, daß du Otto unrecht

getan hast; nun fängst du schon wieder an.«

»Ich höre,« versetzte Agnes, mit einem Gesicht, auf dem Ungeduld und

Entrüstung deutlich zu lesen standen.

»In drei, höchstens vier Monaten macht Otto sein Examen. Daß er

durchkommt, ist sicher, er ist ja so klug. Seine Eltern werden riesig

erfreut sein, denn in den ersten Semestern hat er viel gekneipt und

gebummelt, aber wenig studiert. Wenn er durchkommt, kann er von seinen

Eltern verlangen, was er will -- dann will er ihnen alles sagen, und

es unterliegt keinem Zweifel, daß sie ihre Einwilligung geben.«

»Und in der Zwischenzeit?«

»Bleibt alles natürlich, wie es ist. Was bedeuten drei bis vier

Monate? Nun wir wissen, daß es nur noch so kurze Zeit dauert, wäre es

doch mehr als dumm, alles durch zu frühe Veröffentlichung aufs Spiel

zu setzen.«

Agnes sagte nichts. Sie stand auf und bezahlte, was sie verzehrt

hatten. Dann setzte sie sich noch einmal, schwieg aber.

»Warum sagst du nichts?« fragte Irma endlich mit bedrückter Miene.

»Ach, du lieber Augustin, alles ist weg, weg, weg,« sang die andere.

»Agnes,« rief Irma zornig, »du bist unausstehlich!«

»Bin ich? So? Na, dann wollen wir nur nach Hause gehen, mein armes,

dummes Prinzeßchen.«

Die Kleine war sehr böse. Mit stolz erhobenem Haupte schritt sie neben

ihrer Cousine her und sagte ihr sehr kühl Lebewohl, als sie an ihrer

Wohnung angelangt waren.

Einige Tage später erhielt Frau Gontrau einen Brief von ihrem Großsohn

Gustav von Holten, mit der Bitte, ihm Irma doch einige Wochen nach I.

auf Besuch zu schicken. Er selbst wäre durch seine rege

Berufstätigkeit viel von Hause fort und sein noch so wenig an das

Stadtleben und die neue Umgebung gewöhntes Frauchen fühle sich ein

bißchen einsam. Es wäre daher herrlich, wenn sie für eine Zeitlang

Gesellschaft bekäme.

Das Blut stieg Irma in die Wangen, und ihre Augen glänzten vor Freude.

Wie entzückend in I. auf Besuch zu sein und dort vielleicht Otto

häufig zu begegnen!

»Möchtest du gerne hin, Kindchen?« fragte Ilse.

»Ach, wie gern, Großmama! Aber dann bist du so allein!«

»O, das tut nichts, ich kann mich schon beschäftigen, und seit Müllers

hier wohnen, habe ich ja immer Gesellschaft.«

»Das ist wahr. Agnes und Maud können dich alle Tage besuchen.«

»Gewiß, mein Liebling, und dann ist noch Onkel Heinz da, so wird mir's

an Unterhaltung nicht fehlen. Ich glaube, daß es auch für dich heilsam

ist, einmal in andre Umgebung zu kommen, Irma, denn du siehst in der

letzten Zeit nicht gut aus; auch hast du dich überhaupt sehr

verändert.«

»Aber Großmama,« sagte die Kleine mit erzwungenem Lächeln und

klopfendem Herzen.

Ilse streichelte das blonde Gelock ihrer Enkelin und küßte sie. »Du

hast doch nichts, was dich bekümmert?«

»Gewiß nicht, Großmama; wie kommst du nur darauf?«

»Ich beobachte dich, mein Liebling, und finde, daß du oft so sonderbar

bist. Weißt du, was ich mir einbildete?«

»Nein, wie sollte ich das wissen?«

»Daß der schöne Student, der auf unsrer Landpartie so aufmerksam gegen

dich war, tieferen Eindruck auf dich gemacht hat, und daß du dich

unglücklich fühlst, weil er seitdem nichts mehr von sich hören ließ.«

Im Zimmer herrschte Dämmerung, und Irmas Köpfchen lag an Ilses

Schulter. So konnte die Großmama die Schamröte nicht sehen, welche die

Wangen der Enkelin bedeckte, als diese zögernd erwiderte:

»Aber Großmama, wie hast du dir nur so was in deinen lieben, alten

Kopf setzen können?«

»Nicht wahr, Kindchen? Sie haben mir bange gemacht, Onkel Heinz und

deine Mama, die in jedem Brief fragte, ob ich nichts von jenem Baron

gesehen habe; und dann, wie ich schon erwähnte, warst du mitunter so

sonderbar; aber ich glaubte, wenn etwas derartiges wäre, würde mein

Kind mir's doch sagen, denn nicht wahr, Irma, du hast Vertrauen zu mir

und läßt mich an deiner Freude, wie an deinem Kummer teilnehmen?«

»Natürlich, Großmama.«

»Also war's nur eine Aufwallung, eine vorübergehende Verliebtheit! In

Wirklichkeit hast du dir nie etwas aus dem Baron gemacht?«

»Nein.«

»Ich bin so froh darüber und fühle mich nun ganz beruhigt. Daraus

hätte doch nie etwas werden können. Die Barone von Hochstein halten

sich ja für ganz besonders vornehm. Ich bin dankbar, mein Liebling,

daß dieser Kummer dir erspart geblieben ist.«

Irma begab sich in ihr Zimmer, warf sich auf ihr Bett und schluchzte,

als sollte ihr das Herz brechen. Sie kam sich so schlecht vor, so

heuchlerisch und doppelsinnig, daß sie einen Ekel vor sich selber

empfand und im Begriff stand, wieder hinunterzugehen und ihre Schuld

zu gestehen. Aber dann fiel ihr ein, wie Otto gesagt hatte, daß dies

unwiderruflich alles verderben würde. So beschwichtigte sie ihr

Gewissen, indem sie sich vorhielt, es werde ja nur noch ein paar

Monate dauern. Dann durfte sie alles beichten und um Verzeihung

bitten, daß sie die Großmama in dieser Weise hatte hintergehen müssen.

* * * * *

Als Irma in I. aus dem Coupé stieg, schaute sie sich überall nach

Gustav und Flora um, aber niemand war zu erblicken. Etwas enttäuscht

nahm sie sich eine Droschke und ließ sich nach der kleinen, dicht vor

der Stadt gelegenen Villa fahren, welche ihr Bruder bewohnte.

Es war ein schöner Tag zu Ende Februar; wie holde Frühlingsahnung zog

es durch die Luft. Hier und da fingen einige geschützt stehende Büsche

an zu knospen, und in dem Gärtchen vor dem Hause blühten gelbe und

lila Krokus. Die Villa sah allerliebst aus; von dem hell gestrichenen

Giebel hob sich der Fenster und Türen umrankende Efeu malerisch ab.

Irma klingelte, mußte aber lange warten; erst als sie zum zweiten Male

die Glocke zog, wurde geöffnet, und eine mürrische Stimme brummte:

»Es wird doch wohl nich so 'ne Eile haben, ich komm schon.«

Eine dicke Dienstmagd in den fünfziger Jahren, mit aufgedunsenem,

frechem Gesicht, pechschwarzem Haar und einem Anflug von Schnurrbart

auf der Oberlippe ward sichtbar. Sie trug ein dunkles Wollkleid, aus

dessen kurzen Puffärmeln die drallen, feuerroten Arme wie fest

gestopfte Würste zum Vorschein kamen. Der Boden dröhnte unter ihren

Schritten, und sie hatte ganz und gar das Aussehen eines verkleideten

Dragoners.

»Ist die gnädige Frau zu Hause?« fragte Irma erschreckt und kleinlaut

beim Anblick dieser martialischen Erscheinung.

»Jawohl.«

»Sagen Sie ihr, daß ich angekommen bin, Fräulein von Holten, die

Schwester des Herrn.«

»Nicht nötig,« damit deutete sie auf eine Tür am Ende des Korridors.

Diesem gebieterischen Winke gehorchend, beeilte Irma sich an die

bezeichnete Türe zu klopfen. Kein »Herein« ertönte; sie schaute sich

hilflos um, aber das Mannweib war verschwunden. Irma öffnete, prallte

indes sofort zurück, denn das ganze Zimmer war mit Rauch erfüllt, der

Qualm trieb ihr Tränen in die Augen und reizte sie zum Husten. Als sie

nach einigen Augenblicken zögernd eintrat, konnte sie ein geräumiges

Gemach unterscheiden, mit eleganten, ganz modernen Möbeln. Sie sah

Vorhänge und Wandbekleidungen von hellgrüner Seide, mit stilisierten

Blumen durchwirkt, überall in künstlerischer Unordnung durch den

ganzen Raum verstreut Büsten, Bilder und Kunstwerke jeder Art. Was

Irma aber am meisten in Erstaunen setzte, war Flora selbst, die in

einem lose hängenden, weißen Gewande vor dem Ofen kniete und

augenscheinlich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, das Feuer

anzuzünden; es wollte nicht brennen, dicke blaue Rauchwolken stiegen

aus den Steinkohlen in die Höhe und hüllten die junge Frau vollständig

ein.

»Mein Himmel, Flora, was treibst du da?« rief Irma.

Die Angerufene kehrte sich um, ganz entsetzt beim Anblick ihrer

Schwägerin.

»Ach Gott, ist's schon so spät? Ich wollte dich von der Bahn abholen

und habe gar nicht auf die Zeit geachtet. Was soll ich nun machen? Das

eklige Feuer will und will nicht brennen.«

»Eine nette Begrüßung,« meinte Irma lachend. »Komm aber wenigstens mal

her und gib mir einen Kuß, und dann wollen wir das Fenster aufreißen,

denn in diesem Rauch ersticken wir ja.«

»Wenn ein Luftzug hereinkommt, werden die Kohlen erst recht nicht

anbrennen.« Und sofort kehrte Flora zum Ofen zurück.

»Aber Kind, warum rufst du nicht das Mädchen?«

»Ach, Irma, ich getraue mich nicht. Vor ein paar Stunden brannte das

Feuer ganz gut; ich habe vergessen danach zu sehen, und nun wage ich

nicht, sie noch einmal zu bemühen. Sie würde böse werden, und ich hab'

solche Angst vor ihr.«

»Wenn es das Wesen ist, das mir aufmachte, dann glaube ich dir's. Die

sah ja aus wie ein Mann. Wie konntest du nur so ein Mädchen nehmen,

Flora?«

»Ach, sprich nicht davon; wir sind zwei Monate verheiratet, und dies

ist schon die Fünfte.«

»So? Wie kommt denn das?«

»Ich weiß es nicht,« klagte Flora, immer noch das Feuer anblasend.

»Ich glaube, ich verstehe nicht mit ihnen umzugehen. Die erste, die

wir hatten, radelte leidenschaftlich und wollte nicht kochen; dann kam

eine, die stahl wie ein Rabe, in zwei Tagen war das Wirtschaftsgeld

alle, ohne daß ich es ausgegeben hätte; die dritte ging in einem

meiner Kleider und mit meinem Hut spazieren; die vierte hatte eines

Tages ihren Schatz und noch fünf oder sechs Soldaten in der Küche. Von

dieser glaube ich, daß sie trinkt, denn sie flucht entsetzlich, und

ich habe schreckliche Furcht vor ihr.«

»Und Gustav?« fragte Irma, die trotz allem lachen mußte.

»Ach, du siehst doch wohl ein, daß ich ihm mit dieser häuslichen

Misere nicht lästig fallen kann. Er findet es so wie so schon

merkwürdig, alle Augenblicke ein andres Gesicht zu sehen. Der Haushalt

und das Mädchen gehören doch zu meinem Wirkungskreis.«

Das offenstehende Fenster schien dem Feuer bekömmlich zu sein; der

Rauch verzog sich, und die Kohlen fingen an zu brennen. Mit einem

Seufzer der Erleichterung stand Flora auf.

»Gott sei Dank,« sagte sie. »Es ist ja sehr schönes Wetter, aber ohne

Feuer geht es doch noch nicht.«

»Warum hast du keine Füll- oder Gasöfen?« fragte Irma, »dann

brauchtest du dich gar nicht darum zu kümmern.«

»Ach, die mag Gustav nicht. Er sagt, das sind häßliche,

unkünstlerische Dinger; er will das Feuer und die Flammen sehen, das

bringt ihn auf gute Gedanken und regt ihn an.«

»So! Aber sag' mal, Flora, du siehst eigentlich sonderbar aus. Gehst

du immer in solch einem weißen Kleide?«

Floras Toilette war in der Tat höchst eigenartig. Ihr langes,

schleppendes, weißes Gewand, am Halse ein wenig ausgeschnitten, mit

weiten, hängenden Ärmeln, und ihr blondes, aufgelöstes Haar, das nur

von einem schmalen, goldnen Bande zusammengehalten wurde, erinnerten

sehr an Theater oder Maskenball.

»Findest du es nicht schön?« fragte sie, indem sie sich um sich selbst

drehte, damit Irma sie von allen Seiten bewundern könne.

»Ja, es steht dir sehr gut, aber es ist doch ein bißchen komisch, sich

so zu kleiden; ich finde es geziert und auffallend.«

»Gustav hat's gern, wenn ich mich so kleide und das Haar aufgelöst

trage; dann bin ich in seinen Augen Elsa.«

»Wird er nun bald als Schwanenritter erscheinen?« fragte Irma

spottend.

»Nein, das geht natürlich nicht, aber Gustav sagt, die Menschen, die

alles, was ein bißchen vom Althergebrachten abweiche, geziert fänden,

seien eben ganz und gar nicht künstlerisch veranlagt.«

Irma schaute ihre junge Schwägerin erstaunt an; aber sie sah sofort

ein, daß Flora nicht beabsichtigt hatte, ihr etwas Anzügliches zu

sagen. Sie wiederholte nur die Worte ihres Gatten wie eine auswendig

gelernte Aufgabe.

Sie gingen jetzt zusammen nach oben, und Irma mußte das ganze Haus

bewundern. Die Einrichtung war wirklich höchst geschmackvoll, aber

sämtliche Zimmer und Schränke zeigten die Spuren weitgehendster

Unordnung. Die mit hellen Seidenstoffen bezogenen Sessel und Sofas

waren voll Flecken, und die unglaublichsten Dinge lagen überall umher.

Im Schlafzimmer waren Notenbücher über den Boden verstreut, und auf

dem ungemachten Bett mit herunterhängender Spitzendecke lagen

Schreibmaterialien neben einem halb beschriebenen Notenblatt. Gustav

hatte beim Ankleiden eine Eingebung gehabt und sofort seine Gedanken

zu Papier gebracht, dann aber keine Zeit gefunden, die Arbeit

durchzusehen. Nun durfte niemand daran rühren, ehe er heimkehrte. Irma

war gewiß keine vollendete Haushälterin, aber bei Großmama Gontrau

herrschte eine so tadellose Ordnung und anheimelnde Gemütlichkeit, daß

sie sich unwillkürlich über dies tolle Durcheinander ärgerte.

»Wie kommt es, Flora, daß deine schönen Stühle schon so arg schmutzig

sind?« fragte sie, als sie wieder unten waren.

»O, das haben die abscheulichen Mägde getan,« versetzte Flora. »Sag

mal, Irma,« fuhr sie, ihre Schwägerin mit großen, erschrockenen Augen

ansehend, fort, »findest du es hier nicht nett?«

»Na, um der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn ich erst so kurze Zeit

verheiratet wäre und so viele schöne Sachen hätte, würde ich sie doch

mehr in acht nehmen.«

»Ich tue, was ich kann,« sagte Flora ernst, »aber es ist so schwer.

Gustav meint, es käme darauf nicht an. Er selbst ist so zerstreut, er

denkt nur an seine Musik, ist nie bei der Sache. Gestern z. B. goß er

den Wein auf die Teller statt in die Gläser; er nimmt allerhand Dinge

mit nach oben, die nicht in die Schlafstube gehören, und vergißt sie

an ihren Platz zurückzustellen; ich will gern alles in Ordnung

halten, aber ich bin so nervös, mache häufig Flecken, und zerbreche

viel.«

»Das ist sehr schade,« meinte Irma.

»Das ärgste aber von allem sind die Dienstmädchen. Ich glaube, diese

Lisa ist die fürchterlichste, die ich noch gehabt habe. Stelle dir

vor, morgens tritt sie bei mir an und fragt mich allerlei, was ich

nicht weiß. Ich habe doch keine blasse Ahnung, wieviel Fleisch oder

Fisch oder Gemüse oder Butter ich brauche, und die Preise kenne ich

erst recht nicht. Verstehst du das alles?«

»Alles nicht, aber so 'ne schwache Idee habe ich doch davon.«

»Ich nicht. Großmama Flora sagte immer, der Haushalt ginge von selbst,

den brauchte man nicht zu lernen. Mama hat zwar in letzter Zeit

versucht, mir einiges zu zeigen, aber ich war so von meiner Liebe zu

Gustav erfüllt, daß ich nicht aufpaßte. Nun tut mir das leid. Jetzt,

wo du hier bist, kannst du mich belehren, ja?«

»Viel wird das nicht sein; aber so gut ich kann, will ich dir gern

helfen.«

»Wirst du dich auch vor Lisa fürchten?«

»Nein, sie ist doch nur die Magd.«

In diesem Augenblick trat die, von der sie soeben gesprochen, ins

Zimmer.

»Es ist Zeit, den Tisch zu decken,« sagte sie barsch, und dann fuhr

sie, zu Flora gewendet, fort:

»Geben Sie mir die Schlüssel zum Wäscheschrank und zum Weinkeller.«

Irma gab ihrer Schwägerin einen Wink, daß sie es verkehrt finde, dem

Mädchen die Schlüssel zu überlassen, wandte sich aber verlegen ab und

betrachtete aufmerksam einen Kupferstich an der Wand, als Lisa sie mit

herausforderndem Blick ansah, und die Hände in die Seiten stemmte.

Die Magd füllte die ganze Stube mit ihren schwerfälligen, plumpen

Bewegungen und ihrer Riesengestalt aus. Dröhnend ging sie hin und her

und schaute immer wieder so drohend nach der Türe, daß den beiden

Kindern angst und bange wurde, und sie, der gleichen Empfindung

folgend, zusammen das Zimmer verließen.

Gustav kam nach Hause. Er hatte sich, seit Irma ihn zuletzt gesehen,

wenig verändert. Seine träumerischen Augen starrten wie immer ins

Blaue hinein. Sein Haar war gewachsen und ringelte sich bis in den

Nacken. Er trug eine kurze Samtjoppe, einen Umlegekragen und eine

breite, flatternde Krawatte. Als er eintrat, flog Flora ihm entgegen,

und ohne von seiner Schwester die geringste Notiz zu nehmen, schloß er

sein Weibchen in die Arme und küßte es. Diese Umarmung dauerte

mindestens fünf Minuten. Irma vernahm alle möglichen Ausrufe, wie:

»Mein blondgelockter Engel! Meine Elsa! Meine reine, weiße Lilie!« --

und: »Mein Held! Mein Künstler! Mein liebes Männchen!« &c. Ihr wurde

ganz schwach, und endlich rief sie:

»Hört mal, ich bin auch noch da!«

Nun hieß Gustav sie herzlich willkommen und ging dann in sein Zimmer.

Auch hier herrschte eine geniale Unordnung. Stöße von Musikheften

bedeckten den Flügel sowie sämtliche Stühle und selbst die Erde, sodaß

es eine Kunst war, einen Weg durch dies Chaos zu finden.

Die gefürchtete Lisa meldete, daß das Essen fertig sei.

»Ich will nicht, daß alles kalt wird,« fügte sie hinzu; »sagen Sie

also dem Herren, er soll gleich kommen.«

Gehorsam ging Flora, um ihren Mann zu rufen; er saß am Flügel und

spielte. In den ersten zehn Minuten gab er auf die Bitte seiner jungen

Frau überhaupt keine Antwort.

Endlich, als sie es wagte, leise näher zu treten und ihn auf ihre

Anwesenheit aufmerksam zu machen, stand er träumerisch auf, fuhr mit

der Hand durch sein langes Haar und folgte ihr.

Lisa brachte das Essen herein und bediente mit einem Gesicht wie eine

dräuende Gewitterwolke. Das Mahl war gut zubereitet, aber es wurde in

solchen Mengen aufgetragen, daß noch mindestens zehn Personen hätten

mitspeisen können. Irma machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Was für ein kolossaler Rinderbraten, der würde für ein Waisenhaus

genügen,« sagte sie, als Lisa das Riesenstück auf den Tisch stellte.

Das Mädchen warf ihr unter gerunzelten Brauen einen wütenden Blick zu,

und Flora winkte ihr erschrocken, sie möchte schweigen.

»Aber Kind,« begann Irma, als das Schreckgespenst das Zimmer verlassen

hatte, »warum bestellst du solche Riesenbraten? Nun müssen wir die

ganze Woche von kaltem Fleisch leben.«

»O nein, davon ist morgen nichts mehr übrig.«

»Was!« rief Irma, mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen.

»Ja, wo es hinkommt, weiß ich nicht.«

»Aber das ist doch unmöglich. Wir drei zu Hause essen nicht den

zehnten Teil von dem, was hier aufgetischt wird; wo bleiben denn die

Reste?«

»Auf den Tisch kommt nichts mehr davon.«

»Aber dann bringt Lisa sie beiseite.«

»Ums Himmels willen, sei doch still. Wenn sie das hörte!«

»Na, es ihr ins Gesicht zu sagen, würde ich freilich nicht wagen. Aber

Gustav, du, der Herr des Hauses, solltest doch das Mädchen zur Rede

stellen.«

»Um was handelt sich's denn?« fragte Gustav, der in seiner

zerstreuten Art aß, auf nichts achtete, was um ihn her geschah, und

nicht hörte, was gesprochen wurde.

Irma legte ihm den Fall vor.

Er schaute ebenso hilflos drein, wie sein kleines Frauchen, und sagte

freundlich:

»Meine liebe Irma, was können wir da machen?«

»Nun, aufpassen und wenn nötig, sie ins Verhör nehmen.«

»O nein, das Frauenzimmer würde heulen, schreien und fluchen. Ich

finde sie schon schrecklich genug, mit ihrer lauten Stimme und ihren

unschönen Bewegungen. Ich möchte so gern ein Mädchen haben, das mit

Floras poetischer Erscheinung mehr im Einklang stände. Was sie aber

mit dem übriggebliebenen Essen macht, kann mir doch ganz egal sein.«

»Wenn du nach dem Mittagessen alles an einen bestimmten Platz stellen

ließest, Flora.«

»O, liebste Irma, hier im Hause hat nichts seinen bestimmten Platz.«

»Du mußt meinem kleinen Liebling keinen Schreck einjagen,

Schwesterchen,« sagte Gustav. »Sie bemüht sich nach Kräften, und ich

habe ein bißchen geniale Unordnung gern.«

»Aber auf diese Weise seid ihr bald bettelarm.«

»Ach nein, wir besitzen noch einen großen Haufen Geld, und wenn das

alle ist, komponiere ich meine neue Oper; mir stecken ja so viel Ideen

und Melodien im Kopf. Und dann werden wir wieder reich, gelt,

Florchen?«

Beide lachten so sorglos und herzlich, daß Irma, die von Natur

wahrhaftig nicht ernst angelegt war, lustig mit einstimmte.

Ein paar Tage später wurde sogar Gustav aus seiner behaglichen

Gleichgültigkeit wachgerüttelt. Seine Frau war mit Irma spazieren

gegangen. Als er nach Hause kam, stand ein Haufen Menschen vor der

Türe der kleinen Villa, und über dem Dach schwebte eine dichte

schwarze Rauchwolke.

»Es brennt,« rief es von allen Seiten, und bei seinem Eintritt schlug

ihm ein erstickender Qualm entgegen. Es war ein Schornsteinbrand, und

in der Küche saß die gefürchtete Lisa mit dem Kopf auf dem Tisch und

schnarchte, während eine geleerte Kognakflasche und ein Glas daneben

deutlich erkennen ließen, woher sie so zur Unzeit ein Bedürfnis nach

Ruhe überkommen hatte.

Fremde Leute drangen ins Haus; die Feuerwehr und die Polizei wurden

alarmiert. Gustav war später außer Stande zu erzählen, wie alles sich

zugetragen hatte; aber als Flora und Irma heimkehrten, fanden sie in

der Küche eine fürchterliche Unordnung, und Lisa war von der heiligen

Hermandad mit Sack und Pack aus dem Hause geschafft worden. Nur in

höchst unzusammenhängender Weise vermochte Gustav ihnen das Geschehene

zu erklären; dann standen sie alle drei und schauten sich bestürzt an,

bis Flora endlich erleichtert aufatmete und Gott dankte, daß Lisa fort

war, denn sie würde nie den Mut gefunden haben, ihr zu kündigen.

An diesem Mittag speisten sie in einem Restaurant und unterhielten

sich köstlich. Am folgenden Morgen machten Irma und Flora die Betten

und lachten sich über ihre Ungeschicklichkeit gegenseitig aus. Während

ihnen bei ihrer ungewohnten Beschäftigung die Stunden im Fluge

vergingen, waren sie ausgelassen lustig, wie zwei Kinder, die das

Wirtschaften als Spiel betreiben, bis Gustav heimkehrte und ihnen

erzählte, daß des Abends eine Anzahl Herren zum Musizieren kommen und

zum Nachtessen bleiben würden.

Irma prustete los, aber Flora machte ein ganz entsetztes Gesicht.

»Männchen, wie konntest du sie heute einladen? Wir haben doch noch

kein Mädchen, es ist unmöglich.«

»Daran hab' ich nicht gedacht,« versetzte Gustav ganz geknickt. »Aber

absagen kann ich nicht. =Dr.= Schweinfurt und der Direktor des

Konservatoriums, Raabe, wollten so gern deine Bekanntschaft machen;

sie bringen beide ihre Frauen mit.«

»Wie soll das nur werden?«

»Das weiß ich nicht, Kindchen, denke dir etwas Gescheites aus.« Doch

Flora war nicht erfinderisch. Hülflos schaute sie sich um, und das

Weinen war ihr näher als das Lachen.

»Bist du ängstlich,« rief Irma, »deshalb gleich den Kopf hängen zu

lassen. Weißt du was, ich werde mich als Magd verkleiden, den Gästen

aufmachen und sie bedienen. Das kann einen köstlichen Spaß geben. Wir

wollen uns gleich an die Arbeit machen.«

Gustav stimmte diesem Plane freudig zu, und die beiden jungen Damen

begaben sich an die Ausführung. Er sollte im Musikzimmer aufräumen,

aber als nach einer Stunde Irma einmal sehen wollte, was er eigentlich

trieb, fand sie ihn auf der Erde sitzend und in einer interessanten

Partitur blätternd, die er unter den Notenheften gefunden hatte.

Darüber hatte er natürlich alles vergessen, auch die ihm aufgetragene

Arbeit.

Irma zupfte ihn an den Ohren und rief Flora herbei. Zuerst bekam er

tüchtig Schelte, dann wurde im Rat der Frauen beschlossen, ihn

auszuschicken, um die Einkäufe zu besorgen, denn hier im Hause würde

er den Wirrwarr doch nur vergrößern. Sie gaben ihm einen Zettel, auf

dem alles, was sie zum Abendessen brauchten, verzeichnet stand, und er

ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen.

Nun machte Irma sich mit vollem Ernst ans Werk, und Flora half tapfer.

Das Musikzimmer und der Salon wurden aufgeräumt, das heißt, alles was

nicht hinein gehörte, hinter die großen Möbelstücke gepackt. Als der

Berg von Büchern, Zigarrenkisten und andern Gegenständen so mächtig

anwuchs, daß er drohte, über den Flügel und das Sofa hinauszuragen,

warf Irma mit anmutiger Nachlässigkeit einen bunten Teppich darüber,

der nach Floras maßgebender Meinung in der Ecke eine sehr hübsche

Wirkung hervorbrachte. Inzwischen kehrte Gustav heim, gefolgt von

einem kleinen Jungen, der einen Korb mit allerhand guten Sachen trug;

der Hausherr wurde gelobt und abermals ausgeschickt, um einige Blumen

zu besorgen. Er kam mit einer Menge von lila und weißem Flieder,

duftenden Maiglöckchen und großen Büscheln Goldregen zurück, die er

selbst, höchst künstlerisch, in den schlanken Vasen ordnete. Es sah

wirklich alles sehr hübsch aus. Im Eßzimmer wurde die Tafel gedeckt.

Flora wußte von keinem Geschirr, wo es seinen Platz hatte; die

Champagnergläser fanden sich im Wäscheschrank, und das blaue Porzellan

stand unter dem Bett; auch entdeckten die jungen Eheleute bei dieser

Gelegenheit, daß schon vieles fehlte und verschiedene Dinge zerbrochen

waren, aber das regte sie weiter nicht auf. In der Küche herrschte

solch ein Durcheinander, daß Irma erklärte, sie wollten nur die Türe

zulassen und gar nicht hinein sehen, sonst müßten sie verzweifeln.

Nach unendlich vielem Suchen, Lachen und Hin- und Herlaufen war die

Tafel gedeckt, und wenn sie auch nicht so aussah, daß eine perfekte

Hausfrau damit zufrieden gewesen wäre, die Gäste mußten eben vorlieb

nehmen. Da es nur Künstler unter sich waren, kam es ja nicht so genau

darauf an. Gustav erklärte es für höchst gemütlich und sehr hübsch.

Nun wurde die Kostümfrage für Irma beraten. In dieser Beziehung war

die Kleine geschickt, und sie überraschte Flora durch ihre

ungewöhnliche Findigkeit.

Ihre eigene Garderobe sowie die ihrer Schwägerin wurden eingehend

durchgesehen, wobei ein einfaches rosa und weiß gestreiftes

Kattunkleid mit kurzen Ärmeln aus Floras Mädchenzeit zum Vorschein

kam. Irma zog weiße Strümpfe und schwarze Lackschuhe mit Kreuzbändern

an, über den gestreiften Rock band sie eine Leinenschürze, mit roten

Borten gestickt; ihr schönes, blondes Haar legte sie in dicken

Flechten um den Kopf, und aus einem Spitzenschlips verfertigte sie mit

Hilfe einiger Nadeln ein Häubchen. In diesem Anzug zeigte sie sich dem

jungen Ehepaare, das vor Entzücken in die Hände klatschte. Sie hatte

nichts von einem Dienstmädchen an sich, sondern sah aus wie ein

Zöfchen aus einem französischen Lustspiel; aber sie war so reizend,

daß Gustav sie einige Augenblicke sprachlos anstarrte, und dann

erklärte, es sei ein Genuß, sie anzusehen; wenn er nur solch ein

Dienstmädchen bekommen könnte, dann möchte sie in Gottes Namen radeln,

stehlen, trinken, ja sogar Brand stiften. Flora hatte ihr gewöhnliches

weißes Hauskleid mit einem ähnlichen Gewande von schmiegsamem Stoff

und unbestimmter zartlila Farbe vertauscht, das am Halse ein wenig

ausgeschnitten und mit echten Spitzen garniert war. Sie sah in dem

durch seidene Lampenschirme etwas gedämpften Licht des Musikzimmers,

das manche Unordnung mitleidig verhüllte, wirklich reizend poetisch

aus. Gustav meinte nämlich, ein mattes Dämmerlicht erhöhe die

Stimmung. Er war sehr zufrieden, da nun alles so recht nach seinem

Wunsche ging; hätte er einen von den abscheulichen Küchendragonern im

Hause gehabt, so wäre nie ein so wohltuendes Ganzes zustande gekommen.

Während Irma das junge Paar zum Schluß noch ermahnte, nicht zu lachen,

sondern ernst zu bleiben, wenn sie bei Tisch bediente, klingelte es.

Voll Jubel über die Rolle, die sie spielte, lief sie hinaus und

öffnete.

Ein langer, hagerer Herr mit einer goldenen Brille trat ein. Sein

kahles Haupt, das nur im Nacken einen Kranz langer Haare zeigte,

erinnerte Irma lebhaft an eine Billardkugel mit Fransen. Ihm zur Seite

schritt sein =alter ego=, eine sehr stattliche Dame mit lauter Stimme.

Sie trug ein schwarzes Atlaskleid und eine schwere, dreifache

Goldkette um den Hals. Ihre kleinen, gutmütigen Augen schauten mit

großem Staunen auf Irma, und noch bevor sie den Salon erreichten,

flüsterte sie ihrem Gatten zu, sie hätte nie geglaubt, daß in I. solch

ein Dienstmädchen zu finden sei.

Irma meldete Herrn und Frau =Dr.= Raabe. Gustav, der die Verkleidung

schon längst wieder vergessen hatte, benahm sich angemessen, aber

Flora preßte die Lippen auf einander, um nicht laut loszuprusten. Dann

kam ein junger Mann, der, während Irma ihm half seinen Überzieher

ablegen, sie unters Kinn faßte und ihr zuflüsterte, daß sie ein paar

Prachtaugen habe. Das war weniger angenehm, aber ihre Rolle mußte sie

durchführen, so schaute sie ihn nur entrüstet an und drehte ihm den

Rücken. Nach und nach erschienen alle Gäste, und dieser Teil des

Programms verlief ohne irgend ein Unglück. Flora schenkte den Tee ein,

den Irma herumreichte, und die beiden vergnügten sich dabei göttlich.

Frau Schweinfurt, eine schmachtende Dame mittleren Alters in

himmelblauer Seide, starrte Irma beharrlich an und machte die anderen

flüsternd auf ihre weißen Händchen und anmutigen Bewegungen

aufmerksam. Schließlich fragte sie Flora, woher sie das Mädchen habe,

und diese rettete sich aus ihrer Verlegenheit durch den Einfall, es

sei ihre Milchschwester, die ihr aus der Heimat gefolgt wäre. Gustav

mußte sich abwenden, um sich nicht zu verraten, und Irma flüchtete ins

Eßzimmer, wo sie einen solchen Lachanfall bekam, daß sie in den

nächsten fünf Minuten nicht imstande war, den Salon wieder zu

betreten.

[Illustration]

Nun setzte der Gastgeber sich an den Flügel, und sobald die ersten

Akkorde erklangen, wurden alle still und lauschten andächtig dem

meisterhaften Spiel. Hinter der Türe horchte Irma auf das Spiel ihres

Bruders; sie vergaß alles, die Rolle, die sie zu spielen hatte, und

auch das angenehme Gefühl befriedigter Eitelkeit über ihr reizendes

Aussehen. Tränen traten ihr in die Augen, eine große Sehnsucht nach

Otto ergriff sie, und ihr war, als wäre ihr Herz zu klein, um alle

Gefühle der Liebe, des Glückes und der Wehmut, die auf sie

einstürmten, zu fassen. Als die letzten Töne verhallten und die Gäste

noch immer den gewaltigen Eindruck der herrlichen Musik in sich

nachwirken ließen, und zu ergriffen waren, um in lautes

Beifallklatschen auszubrechen, zeigte sich Irma als das echte Kind aus

einer Familie von Künstlern. Einer augenblicklichen Eingebung folgend,

flog sie auf ihren Bruder zu, umarmte ihn, und rief:

»O Gustav, das war himmlisch!«

»Aber Irma,« schrie Flora entsetzt; die andern, plötzlich aus ihrer

Verzückung erwachend, schauten mit erstaunten, halb spöttischen, halb

entrüsteten Mienen das vermeintliche Dienstmädchen an.

Einen Augenblick war es Irma, als müsse die Erde sich öffnen und sie

verschlingen; sie wünschte sich meilenweit fort; dann aber tat sie das

klügste, was sie tun konnte, und fing herzlich an zu lachen.

»Ja, nun bleibt uns nichts übrig, als alles zu verraten,« rief sie,

und sie und Flora erzählten abwechselnd ihre Abenteuer mit Lisa. Weit

entfernt, daß die gute Laune dadurch getrübt worden wäre, begann es

nun erst recht nett und gemütlich zu werden. Natürlich hatte jeder

sofort gemerkt, daß es mit diesem Dienstmädchen eine ganz eigene

Bewandtnis haben müsse. Ungesucht wurde sie die Heldin des Abends.

Alle wollten beim Bedienen helfen; einige Herren rannten nach der

Küche, und die dort herrschende Unordnung war in Gefahr verraten zu

werden, aber Irma hatte die Geistesgegenwart, das Gas schnell

auszudrehen. Große Verwirrung und heller Jubel! Der junge Mann, der

beim Kommen schon galant gegen das schöne Dienstmädchen gewesen war,

stolperte über einen Eimer. Zum Glück tat er sich nicht weh; Irma

hatte auch nicht das geringste Mitleid mit ihm und erklärte lachend,

daß er nur seinen verdienten Lohn ernte.

Frau Schweinfurt, die sich ärgerte, daß man soviel Wesens von dem

koketten Ding machte, wie sie Irma später benannte, erhob sich und gab

ihrem Gatten einen Wink, sich ans Klavier zu setzen und sie zu

begleiten. Für eine Weile zog ihr dünner Sopran die Aufmerksamkeit von

der kleinen Holten ab. Das Konzert wurde hierauf fortgesetzt und nur

dann und wann durch einige Scherze unterbrochen. Beim Souper erst

erreichte die allgemeine Heiterkeit ihren Höhepunkt.

Die tollsten Dinge wurden getrieben; die Herren machten Kappen aus

ihren Servietten und liefen mit den Tellern und Schüsseln in langem

Zuge durchs Haus, der größte voraus, der kleinste zum Schluß, unter

Absingung eines bekannten Marsches aus einer Operette. Alle tollten

durcheinander, um noch etwas Vergessenes zu suchen. Flora und Gustav,

ohne sich irgendwie verstimmt und verlegen zu fühlen, lärmten mit.

Alle Räume wurden festlich beleuchtet, und was unten nicht zu finden

war, kam im Schlafzimmer aus dem einen oder andern Schrank zum

Vorschein. Ein jeder beteiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder

schenkte ein. Leute, die sich bisher nur wenig gekannt hatten,

streiften alle Förmlichkeit ab und benahmen sich mit einer

Ungezwungenheit, als ob sie seit Jahren im engsten Verkehr mit

einander gestanden hätten.

Das Fest dauerte bis spät in die Nacht hinein, und alle waren

ausgelassen wie Kinder, die das ganze Haus auf den Kopf stellen, wenn

Papa und Mama verreist sind. Nur die gutmütige, dicke Frau Raabe

fühlte endlich Mitleid mit der jugendlichen Gastgeberin und ihrer

reizenden Schwägerin, namentlich wenn sie an das Durcheinander dachte,

das am nächsten Morgen in Ordnung gebracht werden mußte. Als es ihr an

der Zeit zu sein schien, stand sie, ihr Sektglas in der Hand, auf,

brachte das Wohl der drei Holtens aus und fügte das Versprechen hinzu,

für ein tüchtiges Dienstmädchen zu sorgen, das alle schlechten

Streiche der Vorgängerinnen durch seine vortrefflichen Leistungen gut

machen sollte.

Unter allgemeiner Zustimmung nahmen die Gäste Abschied, nachdem sie

noch ein wenig beim Aufräumen geholfen hatten, und Irma und Flora

konnten sich übermüdet, wie sie waren, gleich zur Ruhe begeben.

Frau Direktor Raabe hielt Wort. Sie kam am folgenden Morgen selber, um

zu helfen, und verrichtete in ein paar Stunden wahre Wunderdinge,

wobei ihr Frau von Holten und ihre Schwägerin tapfer beistanden. Unter

ihren praktischen, aufmunternden Anweisungen zeigten sie erstaunliches

Geschick und griffen überall wacker selbst mit an. Sie sorgte auch für

ein gutes Mädchen, das in wenig Tagen den ganzen Haushalt wie durch

Zauberei umgestaltete und Ordnung und Sauberkeit einführte, ohne die

Ansprüche und Untugenden ihrer Vorgängerinnen zu besitzen. Gustavs

Schönheitssinn befriedigte sie zwar nicht -- sie war eine einfache

Person mittleren Alters und von ganz gewöhnlichem Aussehen, sauber und

anspruchslos gekleidet -- aber es gefiel ihm, Ordnung und Nettigkeit,

wenn sie nicht in kleinliche Pedanterie ausarteten, um sich zu sehen.

Es berührte ihn sehr angenehm, bei seiner Heimkehr die Mahlzeiten

zierlich aufgetragen und schmackhaft bereitet zu finden, und von

seinem kleinen Frauchen keine Klagen und Seufzer, sondern nur lebhafte

Lobpreisungen des Mädchens zu hören. Da auch in seinen Ausgaben sich

der Unterschied sehr bemerkbar machte, war er der guten Frau seines

Direktors aufrichtig dankbar.

Irma blieb noch einige Wochen bei dem jungen Paar, und unterhielt sich

ausgezeichnet. Es war ein Genuß für sie, mit dem Bruder, den sie

eigentlich so wenig kannte, einmal länger zusammen zu sein. Sie lernte

seine guten Eigenschaften, seine Herzlichkeit, seine Milde schätzen

und verzieh ihm dafür gern seine Zerstreutheit, sein träumerisches und

ein bißchen überspanntes Wesen, das er ja mit vielen Künstlern gemein

hatte. Auch Flora war ihr sehr lieb geworden, aber ihr Geheimnis Otto

betreffend verriet sie nicht; daß sie es nicht tat, nicht einmal die

Versuchung fühlte, war ihr selbst auffallend. Schon früher hatte sie

den Baron Hochstein flehentlich gebeten, eine passende Gelegenheit zu

suchen und ihrem Bruder seinen Besuch zu machen; von der Landpartie

her kannte er doch Gustav und seine kleine Frau. Sie hätte einen

Verkehr Ottos mit ihrer Familie doch schon wie eine halbe Erfüllung

ihrer Zukunftshoffnungen angesehen. Von der Hand gewiesen hatte der

junge Baron diesen Plan auch nicht, ja er hatte ihn sogar recht

vernünftig gefunden, aber zur Ausführung war er trotzdem nicht

gekommen. Als Irma nun bei Holtens zu Besuch weilte und in den ersten

Tagen ihres Aufenthaltes in I. eine Gelegenheit fand, Otto auf der

Straße zu sprechen, drang sie ernstlich in ihn einen Vorwand zu

ersinnen und endlich seinen Besuch zu machen. Sie könne es dann leicht

einrichten, daß Flora ihn einmal zum Essen einlüde, und fände es

himmlisch, auf diese Weise sich öfter sehen und sprechen zu können.

Otto sagte, daß er das von Herzen gern tun möchte, aber jetzt so viel

zum Examen zu arbeiten hätte, daß es ihm wirklich an Zeit fehle. Sie

beruhigte sich und dachte, wie gut und lieb es von ihrem Anbeter wäre,

sich um ihretwillen derartig anzustrengen.

Otto vermied es sogar, ihr zu begegnen, wenn sie mit Flora oder Gustav

ausging. Die arme Irma hatte sich eingebildet, sie werde ihn während

ihres Aufenthaltes in I. häufig zu sehen bekommen, und die

Enttäuschung, daß es nicht geschah, war groß; traf sie ihn aber dann

und wann einmal zufällig auf einige Minuten, so blieb er sich in

seinen zärtlichen und leidenschaftlichen Liebesbeteuerungen immer

gleich. Die trübe Zeit der Heimlichkeit würde ja nun bald vorüber

sein; in vier bis fünf Monaten -- ein Monat war schon wieder

verstrichen -- machte er sein Examen, dann begann ihr Glück, dessen

war sie sicher. Sie ließ sich immer wieder durch die schönen

Zukunftsbilder, die er ihr vorspiegelte, täuschen; sie glaubte und

vertraute -- eher würde sie an den Untergang der Welt gedacht haben,

als daran, daß Otto von Hochstein kein ehrliches Spiel mit ihr triebe.

* * * * *

An einem der seltenen Märztage, welche die Hoffnung erwecken, daß der

Lenz nun wirklich seinen Einzug halten will, an denen die Sonne schon

köstlich wärmt und kleine Sträußchen von Märzveilchen und

Schneeglöckchen angeboten werden, saß Ilse mit Onkel Heinz im

eichengetäfelten Wohnzimmer beim Schach. Im Kamin knisterte, trotz der

Wärme draußen, ein lustiges Feuer, und leise tickte die große,

altmodische Standuhr. Irma, die sich mit ihrer Stickerei in die

Fensternische zurückgezogen hatte, dachte, wenn sie ab und zu nach den

beiden Alten guckte, daß diese, so in ihr Spiel vertieft, ein

wunderhübsches Bild abgäben.

Der Professor spielte mit unerschütterlichem Ernst; es war eine seiner

Schwächen, sich zu ärgern, wenn er verlor beim Schachspiel -- selbst

wenn seine Gegenpartei eine Dame war. Ilse, die das wußte, und der es

noch immer, wie in alten Zeiten, das größte Vergnügen bereitete, ihn

in Harnisch zu bringen, spannte alle ihre Kräfte an. Auch hatte sie

ihn schon ziemlich in die Enge getrieben. Seine Königin und seine

beiden Türme waren genommen, und nun focht er verzweifelt mit einem

Läufer, einem Springer und einigen Bauern.

Es klingelte.

»Da kommt Besuch,« sagte Irma, ihr Näschen an den Scheiben platt

drückend, »ich sehe eine Dame, kann aber nicht erkennen, wer es ist.«

»Wie schade,« meinte Ilse, »noch ein paar Züge und Sie wären

schachmatt gewesen, Onkel Heinz.«

»Ach was,« brummte der alte Herr. »Lassen Sie nur das Brett stehen,

Frau Gontrau, und ich wette um alles, was Sie wollen, daß ich doch

noch die Partie gewinne.«

Das Mädchen trat ein und meldete: »Fräulein Elisabeth Müller wünscht

die gnädige Frau zu sprechen.«

»O weh!« rief Irma, ihre Handarbeit zusammenpackend, »dann geh ich

nach oben, Großmama; wenn sie nach mir fragt, bin ich nicht zu Hause.«

»Bleib hier, Kindchen,« wandte Ilse ein, aber schon war Irma

verschwunden.

»Der kleine Taugenichts hat recht,« meinte Onkel Heinz, »wenn ich nur

könnte und von der verflixten Gicht nicht so geplagt wäre, würde ich

mich auch auf die Beine machen.«

»Seien Sie doch still,« bat Ilse, ein bißchen böse; dann stand sie

auf, um Fräulein Müller zu empfangen.

Tante Elisabeth ging immer einfach gekleidet; heute aber hatte ihre

Erscheinung etwas entschieden Quäkerhaftes an sich. Ihr eisengraues,

glattes Kleid konnte nicht strenger sein als ihr Antlitz. Ilse fand

plötzlich, daß sie ihrer Mutter, der Pfarrerin, sprechend ähnlich

sah, wenn diese einmal ganz besonders tugendhaft oder unangenehm sein

wollte.

»Ich hoffe, ich störe Sie nicht, Frau Gontrau,« begann sie mit einem

Seitenblick auf Professor Fuchs, in dessen Gesellschaft sie sich nie

behaglich fühlte.

Ilse schob ihr einen bequemen Sessel hin.

»Sehr nett, daß Sie sich mal sehen lassen, Elisabeth,« begann sie

freundlich, »ich habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie viel zu selten

kommen.«

»Ach, ich mag mich nicht aufdrängen; heute aber habe ich etwas

Besonderes mit Ihnen zu besprechen.«

Onkel Heinz stand auf. »Dann wünschen Sie gewiß mit Frau Gontrau

allein zu sein; ich gehe so lange in den Garten und will mal sehen, ob

die Märzsonne gut für meine Gicht ist.«

Aber Ilse winkte ihm zu bleiben: »Wollen Sie mit mir über etwas

sprechen, Elisabeth, was Sie selber angeht?«

»Nein, Frau Gontrau, die Sache betrifft ausschließlich Sie.«

»Dann bleiben Sie nur ruhig sitzen, Herr Professor,« nahm Ilse wieder

das Wort.

Es gab ja nichts in ihrem Leben, was ihr alter Freund nicht wissen

durfte, und sie freute sich heimlich darüber, daß er der Gesellschaft

der alten Jungfer nicht entrinnen konnte. »Vor Ihnen haben wir keine

Geheimnisse.«

»Das müssen Sie am besten wissen, gnädige Frau; was ich Ihnen

mitzuteilen habe, betrifft Ihre Enkelin Irma.«

Professor Fuchs spitzte die Ohren, und Ilse sagte absichtlich

begütigend:

»Wirklich? Ich hoffe, die Kleine hat nichts getan, worüber Sie sich zu

beklagen haben.«

»Ich nicht,« entgegnete Fräulein Müller, mit verdrießlich

herabgezogenen Mundwinkeln; »aber ich halte es für meine Pflicht,

Ihnen über das Betragen des jungen Mädchens die Augen zu öffnen.«

»Ei was,« meinte Ilse, halb ärgerlich. »Die Kleine hat wohl etwas

gesagt oder getan, was nicht ganz ehrerbietig und passend ist? Ich

werde sie nachher darüber zur Rede stellen, aber wirklich, Elisabeth,

so ernst dürfen Sie das nicht nehmen, von der Jugend müssen wir uns

manches gefallen lassen und gegen ihre kleinen Sünden nachsichtig

sein.«

»Ich weiß nicht, ob Sie es eine kleine Sünde nennen, wenn ein junges

Mädchen wie Irma an einem abgelegenen Platz heimliche Zusammenkünfte

mit einem Studenten hat,« sagte Fräulein Müller mit nur mühsam

unterdrückter Schadenfreude.

Großmutter Gontrau wurde totenbleich. Onkel Heinz, der mit einem

förmlichen Schreckensruf aufsprang, sah, wie sie krampfhaft die

Stuhllehnen umklammerte und nach Selbstbeherrschung rang; ihre Stimme

bebte, und ihre dunklen Augen blitzten wie früher, als sie fragte:

»Was meinen Sie damit, Elisabeth? Wer von einem jungen Mädchen solche

Dinge sagt, muß sie auch beweisen können.«

»Das kann ich. Jeden Mittwoch Nachmittag hat Irma ein Stelldichein mit

dem schönen Studenten, der ihr damals auf der Landpartie den Hof

machte. Sie treffen sich in dem Wäldchen an der Chaussee, in der Nähe

der Kaserne.«

»Wie wissen Sie das?« stammelte Ilse.

»Vor vierzehn Tagen habe ich sie mit meinen eignen Augen gesehen. Im

Frühjahr mache ich nemlich gern dahinaus meine Spaziergänge. Erst

konnte ich es nicht glauben, daß es wirklich Irma sei, aber gestern

habe ich sie ganz deutlich erkannt; ich ging hinter ihr her und habe

sie genau beobachtet.«

Frau Gontrau schwieg. Allerlei Wahrnehmungen kamen ihr in den Sinn. Es

fiel ihr ein, daß Irma in den letzten Monaten viel allein auszugehen

pflegte und häufig ein sonderbares Benehmen zeigte. Zweifel und Angst

beschlichen sie, weil sie für das Kind den Eltern gegenüber

verantwortlich war, vor allem aber bemächtigte sich ihrer tiefe

Betrübnis darüber, daß ihre Enkelin, die sie so innig liebte, sie

betrogen und hintergangen hatte. Onkel Heinz zog die buschigen Brauen

zusammen, drehte seinen weißen Schnauzbart zu einer ganz besonders

feinen Spitze und unterdrückte einen Fluch, weil er plötzlich einen

heftigen Stich in seinem linken Fuß verspürte.

»Darf ich fragen, wie es kam, daß Irma Sie nicht gleich das erste Mal

sah?« forschte er, sich ziemlich barsch an Tante Elisabeth wendend.

»Das ging ganz natürlich zu. Ich verbarg mich hinter den Sträuchern,

bis sie das Wäldchen wieder verlassen hatten.«

»Sie spionierten also!«

»Spionieren!« wiederholte Elisabeth beleidigt. »Wenn Sie's so nennen

wollen -- ich mußte mich doch von der Wahrheit überzeugen.«

»Ja, und nachdem Sie das getan, gingen Sie noch einmal hin und

versteckten sich wahrscheinlich wieder. Das finde ich nicht ehrlich;

Sie hätten offen auftreten sollen. Ihr Erscheinen hätte die jungen

Leute gewarnt.«

»Mir schien das nicht wünschenswert. Ich hielt es für meine Pflicht,

Frau Gontrau zu unterrichten.«

Trotzkopf als Grossmutter · 第 7 / 10 题