Baron von Hochstein sah Irma tief in die Augen und rief dann: »Maria!«

Einen Augenblick vorher hatte er sie gefragt, wie sie hieße, und sie

hatte geantwortet:

»Irma Maria.«

Während des nun folgenden Gesangs löste er, ohne daß es in der

dämmerigen Beleuchtung außer ihr jemand bemerkt hätte, gewandt eine

der hellblauen Schleifen, mit denen ihr Kleid verziert war, drückte

einen Kuß darauf und ließ sie in der Tasche verschwinden.

»Das ist nicht erlaubt,« flüsterte sie; aber sie fühlte mehr als sie

sah, wie flehend er sie anschaute, und schwieg.

Endlich mußte doch an die Rückfahrt gedacht werden. Es war höchste

Zeit. Als die älteren Damen hörten, wie spät es schon war, erschraken

sie. Der Befehl zum Anspannen wurde gegeben. Das ganz aus Rand und

Band geratene junge Volk schlug vor, wieder den Weg zu Fuß über den

Wasserfall zu machen und erst an den Stallungen einzusteigen; das

würde eine entzückende Mondscheinpromenade sein.

Verschiedene Ausrufe wie: »Ach ja! Das wollen wir! Himmlisch! Bitte,

Großmama!« ließen sich hören; Fritz aber erklärte kurz und bündig:

»Daraus wird nichts; wir fahren den andern Weg, der ist um eine gute

Stunde kürzer!«

Hochstein half Irma in den Wagen und flüsterte ihr zu, wie scheußlich

er es fände, daß er und seine Freunde nicht mitfahren könnten.

»Adieu, adieu! Herzlichen Dank, Herr Professor!« klang es von allen

Seiten, dann setzten die Fuhrwerke sich in Bewegung. Das letzte, was

Irma zu unterscheiden vermochte, war die schlanke Gestalt ihres

Anbeters, der sein Cerevis schwenkte und sie, sie allein, grüßte.

Der Wagen bog um die Ecke, und plötzlich schien es ihr, als sei alles

dunkel und trübe geworden. Jetzt bemerkte sie erst, daß sie neben Hans

Reicher saß. Sie fühlte sich so glücklich, daß es ihr leid tat, den

armen Jungen unfreundlich behandelt zu haben.

»Sind Sie mir böse?« fragte sie sanft.

»Weshalb?«

»Weil, nun weil ich den letzten Walzer nicht mit Ihnen tanzte, wie ich

versprochen hatte.«

Er tat, als müsse er sich erst besinnen. »Ach ja, richtig, den letzten

Walzer? Nein, durchaus nicht. Ich war froh über Ihr Vergessen, weil

ich eine andere junge Dame engagiert hatte.«

Hans log. Er war still hinausgegangen, um seine Enttäuschung und

seinen Ärger niederzukämpfen, doch sein Stolz verbot ihm, Irma zu

zeigen, wie tief sie ihn verletzt hatte.

Im vordersten Wagen schlief Tante Elisabeth und ärgerte den Professor,

weil sie schnarchte; schnarchende Frauen konnte er nicht ausstehen.

Großmutter Ilse war müde und lehnte sich schweigend, mit geschlossenen

Augen, zurück. Ruth und Marianne unterhielten sich leise und schauten

dazwischen nach Flora und Gustav, die auf der vordersten Bank Hand in

Hand saßen, aber kein Wort sprachen. Onkel Heinz blickte auf die

prachtvolle, mondbeglänzte Landschaft und verkürzte sich die Zeit mit

Rauchen. Im zweiten Wagen saß Maud neben ihrem Vater. Ludwig und Agnes

waren so in ihr Geflüster vertieft, daß sie nicht einmal hörten, wenn

jemand sie anredete. Irma drehte Hans den Rücken. Was bildete der

Bauer sich ein? Sie wollte ihm freundlich entgegenkommen, und er wagte

es, ihr solche Antwort zu geben! Ihr eitles Herzchen schwoll vor

Entrüstung. Nun wollte sie sich nie mehr um ihn kümmern; sie hatte an

Angenehmeres zu denken.

* * * * *

Onkel Heinz war schlecht gelaunt. Mit grimmigem Gesicht ging er umher

und erklärte, sich in den nächsten Tagen weder bei Müllers, noch bei

Ilse Gontrau blicken zu lassen. Das ewige Einerlei und die endlosen

Beratungen fingen an ihn zu langweilen. Immer bekam er dasselbe zu

hören, von Verliebtsein, Verlobungen und Ratschlägen der Eltern. Es

herrschte allseitig große Rührung, und der Professor, der bei seinen

vielen guten Eigenschaften doch nicht frei von Egoismus war, konnte es

nicht leiden, daß die Jugend jetzt ganz in den Vordergrund trat und

ihm und seinen Interessen weniger Beachtung geschenkt wurde.

Am Morgen nach der Landpartie war Ludwig Reicher zu Fritz Müller und

seiner Frau gekommen, hatte ihnen gesagt, daß er ihre Tochter Agnes

unaussprechlich liebe und um ihre Hand bitte.

Sehr erstaunt waren die Eltern nicht, denn sie hatten es kommen sehen.

Agnes wurde hereingerufen und die Sache ruhig und praktisch

besprochen. Ohne Tränen oder Sentimentalität erklärte das junge

Mädchen, daß es Ludwig liebe; sie wären freilich beide noch ein

bißchen jung, aber in dieser Hinsicht glaubten sie doch alt genug zu

sein, um zu wissen, was sie wollten. Bevor Ludwigs Mutter ihre

Einwilligung gegeben, könne natürlich von einer öffentlichen Verlobung

keine Rede sein. Fritz Müller betonte, daß seine Tochter kein Vermögen

habe, wenigstens nicht, solange ihre Eltern lebten. Er sei der

Ansicht, daß ein junger Mann, wenn er sich um ein Mädchen bewerbe,

unabhängig sein müsse und für seine Familie sorgen könne. Ludwig

teilte diese Ansicht, aber da er in einigen Monaten mündig wurde und

dann sein väterliches Erbteil zu freier Verfügung bekam, bildete der

Geldpunkt in seinen Augen kein Hindernis. Trotzdem machte Vater

Müller, der jeden Pfennig, den er besaß, durch die Arbeit seines

Kopfes und seiner Hände erworben hatte, noch immer ein bedenkliches

Gesicht. Ein Erbteil, na ja, das war schon gut, aber ein Mann mußte

von dem leben können, was er selbst verdiente. Auf die eigne Kraft

könne man vertrauen; ein Vermögen, das in Gütern und Papieren

bestände, sei nie sicher. Ludwig äußerte etwas von amerikanischer

Auffassung, Agnes aber fand, daß ihr Papa recht habe. Sie könnten noch

ein wenig Geduld haben, in zwei Jahren wurde der junge Offizier

Oberleutnant, so lange wollten sie mit der Hochzeit warten. Nach

dieser Entscheidung des Familienrates verließen Agnes und Ludwig mit

strahlenden Mienen das Zimmer der Eltern, um die Glückwünsche von

Maud, Hans und Karl in Empfang zu nehmen.

Aber als Fritz und Marianne zu ihrer Mutter gingen, um ihr als erster

diese wichtige Neuigkeit mitzuteilen, waren sie nicht wenig erstaunt,

dort die Familie in ähnlichen Beratungen anzutreffen.

Gustav war noch nie verliebt gewesen, sondern stets allen Mädchen aus

dem Wege gegangen, und oft hatte Irma ihn mit seiner Schüchternheit

geneckt. In Floras Gegenwart hatte er sich sofort frei und unbefangen

gefühlt. Das war eine Frau, wie er sie sich erträumte, sanft, still

und fügsam, voll Bewunderung für ihn und die Seinen. Auch Ruth und

Heinrich von Holten fühlten sich zu dem bescheidenen Mädchen

hingezogen, wenn erstere für ihren Sohn auch eine glänzendere Partie

gewünscht hätte. Solche Bedenken, wie Fritz Müller geäußert, wurden

daher hier nicht erhoben. Das Künstlerpaar lachte darüber; es würde

schon alles recht werden, um Geldangelegenheiten machten sie sich

keine Sorge. Wenn die jungen Leute sich liebten, so war das die

Hauptsache. Frau Reicher mußte natürlich in Kenntnis gesetzt werden,

dann war alles in Ordnung. Sie schrieb denn auch, daß sie mit ihrer

Mutter, Frau Flora Werner, kommen wolle, um die Bekanntschaft der

Familie zu machen, und es wurde beschlossen, daß Holtens ihre Abreise

aus diesem Grunde noch um einige Tage verschieben sollten.

»Sei nicht so brummig, Onkel Heinz,« sagte Irma, sich unter dem großen

Lindenbaum im Garten neben ihm niederlassend, »es ist wirklich kein

Grund dazu vorhanden.«

»Kein Grund! Die Leute hier sind alle mit einander verrückt. Verliebte

sind nie recht bei Trost, das ist nun mal so. Ich hatte Agnes für

verständiger gehalten und auf ihre amerikanische Nüchternheit

gerechnet, aber sie ist genau so wie alle andern.«

Irma schaute den alten Herrn spottend an, er aber fuhr, dadurch in

Harnisch gebracht, fort:

»Du brauchst nicht zu lachen. Da hast Du nun Gustav und Flora! Die tun

nichts als sich anschauen, so schmachtend und sentimental, daß einem

gewöhnlichen Menschen davon übel werden kann. Das Ärgerlichste aber

ist, daß die Eltern, dein Onkel und deine Tante, ja deine Großmutter

dem noch Vorschub leisten. Sie reden über nichts als über die Kinder,

ihr Glück, ihre schöne junge Liebe, die ihnen ihre eigene Jugend

wieder in Erinnerung bringe. Bah, nichts als Unsinn, Gefühlsduselei,

Überspanntheit.«

»Pfui, Onkel Heinz, du solltest dich schämen!«

»_Du_ solltest dich schämen, kleine, freche Hexe. Willst du etwa

diesem schönen Beispiel folgen? Vielleicht gar mit Hans? Na ja, warum

auch nicht, dann ist das Spiel komplett.«

»Hans,« rief Irma, verächtlich die Achseln zuckend.

»Na,« fuhr der Professor fort, plötzlich wieder ins andere Extrem

umschlagend, »er wäre der Schlechteste nicht; in jedem Fall viel

besser als der Gigerl von Offizier. Du brauchst seinetwegen nicht so

die Nase zu rümpfen. Glaubst du denn, daß noch ein Prinz für dich

kommen wird?«

Der alte Herr schaute sie unter seinen buschigen Augenbrauen

durchdringend an, und Irma errötete unter diesem scharfen Blick.

»Wie kommst du mir heut nur vor, Onkel Heinz?« fragte sie. »Erst bist

du bös, weil die Andern sich verliebt haben und sich verloben, und nun

ich sage, daß ich an so etwas nicht denke, ist's auch nicht recht.«

»Bös, das ist nicht wahr. Es bringt mich nur um meine Laune, weil sie

sich so verdreht anstellen und weil ich von nichts anderem mehr höre;

aber sie haben recht, wenn sie heiraten. Menschen, die unverheiratet

bleiben, na -- du siehst ja, was daraus entsteht. Ein alter, brummiger

Neidhammel wie ich, oder so ein Exemplar wie Tante Elisabeth. Darum,

kleines Jungfräulein, wenn ein braver, ehrlicher Mann dir zeigt, daß

er dich lieb hat, denk lieber zweimal nach, bevor du ihm 'nen Korb

gibst, um irgend einem goldbeschwingten Schmetterling nachzujagen, den

du doch nicht fängst.«

Bei diesen Worten stand Professor Fuchs auf und humpelte davon. Er

hatte zur Zeit viel von der Gicht zu leiden und stampfte nun

ungewöhnlich laut mit seinem Stock auf.

Glühend vor Entrüstung sah Irma ihm nach. Zum erstenmal in ihrem Leben

war sie ernstlich böse auf Onkel Heinz. Was bedeutete das? Um was

kümmerte er sich? Was mochte er beobachtet haben? Sie begriff nur zu

gut, daß er auf Baron von Hochstein anspielte. Was ging ihn das an?

Sie hätte nie gedacht, daß er, Onkel Heinz, solche Dinge überhaupt

bemerke! Er brauchte sie wahrlich nicht zu warnen, sie sollte ihre

Erwartungen nicht zu hoch spannen. O, wenn er wüßte!

Irma schaute sich im Garten um, ob auch niemand in der Nähe sei; nein,

das Terrain war sicher. Nun zog sie aus ihrem Kleide ein zierliches

Briefchen hervor und las es, wohl schon zum hundertstenmale. Sie

wußte es Wort für Wort auswendig, aber es war ihr ein Genuß, sich

immer wieder von seinem Inhalt zu überzeugen.

Mein gnädiges Fräulein!

Vor zwei Tagen kannte ich Sie noch nicht; ahnte ich nicht, daß es

etwas so unbeschreiblich Schönes auf der Welt gäbe. Erst seit zwei

Tagen lebe ich, fühle ich wenigstens, daß das Leben wert ist, gelebt

zu werden. Irma, ich liebe Sie und ich muß Ihnen das sagen, auf die

Gefahr hin, daß Sie mich für meine Kühnheit strafen. Denn es ist ein

Vorzug, etwas so Vollkommenes, so wunderbar Schönes anzubeten. Haben

Sie ein wenig Mitleid mit mir? Ich bitte nicht um Erwiderung meiner

Gefühle. Das wäre zu anmaßend. Möchte die Darbietung meiner

erfurchtsvollen, meiner unermeßlichen, meiner ewigen Liebe Ihnen nur

nicht zuwider sein. Das ist alles, um was ich Sie anzuflehen wage.

Dienstag Nachmittag zwischen vier und fünf Uhr werde ich an Ihrem

Hause vorübergehen. Wenn ich Sie dann an einem der Fenster oder im

Garten sehe und Sie tragen eine rote Rose im Gürtel, machen Sie mich

zum glücklichsten der Sterblichen, wenn nicht -- ich wage es nicht

auszusprechen, welcher Verzweiflung ich dann anheimfallen würde.

Ich ersuche Sie um strengste Geheimhaltung; mir ist, als würde meine

Liebe entweiht, wenn jemand auch nur eine Ahnung davon hätte.

Ihr ewig getreuer

Otto von Hochstein.

Arme kleine Irma, sie verstand nicht das Geschraubte und zugleich

Triviale dieses Briefes. Sie war buchstäblich begeistert, und ihr

eitles Herzchen klopfte vor freudigem Stolz.

»Irma, Baronin von Hochstein,« sprach sie immer wieder leise vor sich

hin. Natürlich fiel es ihr gar nicht ein, jemand Mitteilung von ihrem

köstlichen Geheimnis zu machen, aber es kostete sie doch einen Kampf,

Agnes gegenüber ganz zu schweigen. Das Mädchen war strahlend glücklich

und sprach mit wahrer Begeisterung von Ludwig. Irma schaute sie fast

mitleidig an; was war der junge Leutnant im Vergleich zu Otto? Es

schien ihr, als ob die Beiden gar nicht in einem Atemzug genannt

werden könnten; Agnes war zudem so von ihrem Verlobten erfüllt, daß

sie keine Augen für Irma hatte und gewiß nicht mit dem richtigen

Interesse ihrer wichtigen Mitteilung Gehör schenken würde.

Und so verhielt es sich mit allen. Die zwei großen Ereignisse im

Familienkreise nahmen die Gedanken so in Anspruch, daß keiner auf Irma

acht gab. Selbst Großmutter Ilse und Ruth, die sich sonst so viel mit

ihrem Liebling beschäftigten, sahen nicht, wie erregt und

geheimnisvoll sich das junge Mädchen benahm, wie sie ohne jede

Veranlassung die Farbe wechselte, die Einsamkeit suchte und oft ganz

gegen ihre Gewohnheit in sich versunken, dann wieder ausgelassen

lustig sein konnte. Sie widmete ihrem Äußern noch mehr Sorgfalt als

früher. Ihre Züge zeigten einen Ausdruck, der sie vielleicht noch

schöner machte, aber doch von der kindlichen Unschuld, mit der sie

früher die Vergißmeinnichtaugen aufschlug, himmelweit verschieden war.

Onkel Heinz, der vielmehr beobachtete, als man vermutete, und der das

Kind aufs zärtlichste liebte, kam zu der Ansicht, daß etwas im Werk

sei, und machte sich seine Gedanken darüber. Da er aber nichts

Gewisses wußte, hütete er sich wohl, seine Nase in Dinge zu stecken,

die einen alten Junggesellen nichts angingen. Er begnügte sich, der

Kleinen anzudeuten, daß er ein wachsames Auge auf sie habe.

Der zweite, der etwas merkte, aber nichts sagen durfte, war Hans

Reicher. Seit der schöne Student mit den bestechenden Manieren auf der

Bildfläche erschienen war und Irmas liebliches aber eitles Köpfchen

mit seinen Schmeicheleien erfüllte, wußte Hans, daß er nichts mehr zu

hoffen hatte. Obgleich ihm das bitter wehtat, würde er sich doch

darein ergeben haben, weil seine Liebe großmütig und frei von

Selbstsucht war. Irmas Glück stellte er weit über das seine, und er

fürchtete, daß der Baron von Hochstein nicht die Persönlichkeit sei,

der ein junges Mädchen vertrauensvoll seine Liebe schenken könne. Sein

Auftreten war zu übermütig, zu dreist. Etwas Bestimmtes wußte Hans

jedoch nicht, auch hatte er kein Recht, sich nach Hochstein zu

erkundigen; so blieb ihm denn nichts anderes übrig, als mit Angst und

Trauer im Herzen abzuwarten, was aus der Sache werden würde.

Flora Werner und ihre Tochter, Thusnelda Reicher, trafen ein, und nun

wurde die Doppelverlobung durch ein großes Familienfest gefeiert.

Flora war eine alte Frau geworden, aber ihr fehlte die vornehme Würde,

die Ilse auszeichnete. Selbst jetzt hatte sie ihrer Sucht sich zu

putzen nicht widerstehen können. Sie trug sich jugendlicher und

auffallender als ihre Tochter und sah mit ihrem nach der neuesten Mode

frisierten Haar geradezu lächerlich aus. Heinrich von Holten und Fritz

Müller nannten sie eine alte Kokette und verspürten Lust, sie ein

bißchen zum Narren zu haben, aber sie überlegten, daß dies nicht

angebracht sei bei der Jugendfreundin ihrer Schwiegermutter und der

künftigen Mutter ihrer eigenen Kinder. Frau Reicher, früher ein leicht

errötendes, aber kerngesundes, kräftiges junges Mädchen war nun ein

kleines, rundliches Frauchen, sehr verlegen, besonders in Ruths

Gesellschaft, deren fürstliche Grazie ihr riesig imponierte. Sie war

ganz glücklich über die Wahl ihrer Kinder und gleich vertraut mit

Agnes; zu Gustav aber wagte sie kaum ein Wort zu reden. Die alte Flora

fühlte sich im siebenten Himmel. Die Verlobung ihres Großsohnes mit

Agnes ließ sie ziemlich gleichgültig; sie fand sie ganz passend, aber

es war nichts außergewöhnliches dabei; daß aber ihre Enkelin einen

Künstler heiraten sollte, den Sohn des berühmten Ehepaares von Holten,

darüber war sie ganz aus dem Häuschen.

»Siehst du, liebste Ilse,« sagte sie zu ihrer alten Freundin, »das

versöhnt mich mit dem Leben. Du weißt, welch dichterisches Talent ich

besaß; wie ich sozusagen zu großen und schönen Dingen vorherbestimmt

war und wie meine Seele durch die Prosa meines Lebens gelitten hat.

Ich habe mich gefügt; als ich meine Schwingen nicht so entfalten

durfte, wie ich ersehnte, habe ich sie kampfesmüde eingezogen. Meinem

guten, prosaischen Manne war ich eine treue Gefährtin. Ich erfüllte

meine Pflicht, und nun werde ich belohnt. Mein Liebling, das Kind, das

meinen Namen trägt, in dessen jugendlicher Seele meine Dichternatur

wieder aufblüht, wird sich mit einem Künstler verbinden, einem nach

hohen Idealen strebenden, schöpferischen Genie. Nun kann ich ruhig

sterben -- ich habe nicht umsonst gelebt!«

Ilse hielt es nicht für nötig, auf diesen Wortschwall viel zu erwidern

noch Flora daran zu erinnern, daß Gustav bis jetzt noch kein

schöpferisches Genie genannt werden konnte. Sie lachte nur bei dem

Gedanken, wie wenig ihre alte Pensionsfreundin sich im Grunde doch

verändert hatte, trotzdem das grausame Leben sie gezwungen hatte, auf

alle Dummheiten zu verzichten und einfach mit der Wirklichkeit zu

rechnen. Letzteres hatte sie aber auch so gut getan, daß man ihre

übertriebenen Ausdrücke und poetischen Sentimentalitäten ihr verzeihen

konnte.

Thusnelda klagte Ilse, daß die kleine Flora noch so viel zu lernen

habe, da sei es gut, wenn die jungen Leute noch nicht gleich

heirateten, denn die Kleine sei, besonders in allem, was den Haushalt

beträfe, noch sehr unwissend. Aber Ilse, die selbst nie mit besonderer

Lust und Liebe gewirtschaftet hatte, fand diese Sorge unwichtig.

»Die Führung des Haushaltes lernt sich von selbst,« sagte sie, »und

wozu sind denn die Dienstboten da?«

Bescheiden schwieg Thusnelda. Sie wagte nicht, Frau Gontrau zu

widersprechen, aber in ihrem Herzen dachte sie, daß Ilse neben einer

gut gefüllten Börse immer Glück mit ihren Dienstboten gehabt haben

müsse, -- dann konnte sie wohl so reden.

Die Familie Reicher und Flora Werner reisten zuerst ab. Agnes und

Ludwig benahmen sich tadellos bei der Trennung. Der Ort, wo der junge

Leutnant in Garnison stand, war nicht weit von F. entfernt, so daß er

sicher jeden Monat einmal herüberkommen konnte. Die kleine Flora

dagegen zerfloß in Tränen, so daß Onkel Heinz ihr spottend vorschlug,

sich bei der städtischen Wasserversorgung anstellen zu lassen.

Hundertmal fragte sie Gustav, ob er sie auch nicht vergessen werde;

und als sie sich endlich aus seinen Armen lösen mußte und die

Coupétüre geschlossen wurde, fiel sie schluchzend Großmutter Werner um

den Hals. Diese allein verstand sie und bemühte sich, sie mit leise

gemurmelten Worten zu trösten. Der einzige, der sich freute, wieder an

seine Arbeit gehen zu können, war Hans. Er besaß keine sentimentale

Natur, und wenn er auch wußte, daß es ihm nie gelingen würde, Irma zu

vergessen, da er doch nun einmal nicht anders konnte, als das kleine,

kokette Ding lieben, so war es doch nicht seine Sache, sich feige und

weich seinem Kummer hinzugeben. Er sehnte sich nach dem einzigen

Mittel, seine Enttäuschung zu überwinden, nach ernster, rastloser

Arbeit.

Mit heitern Mienen hatte er von allen Abschied genommen. Als die Reihe

an Irma kam, drückte er ihr Händchen so kräftig in seiner großen

Faust, daß er ihr weh tat, und sagte mit eigentümlich bebender Stimme:

»Sie wissen, Irma, was ich gehofft habe. Es hat nicht sollen sein, und

ich muß trachten, mich darein zu ergeben. Aber um eins will ich Sie

bitten. Denken Sie ab und zu daran, daß Ihnen ein treuer Freund lebt,

der alles opfern würde, um Sie glücklich zu machen.«

Sie waren einen Augenblick allein. Schnell, bevor sie es hindern

konnte, legte er den Arm um sie und drückte einen Kuß auf ihre Stirn.

Dann ließ er sie los und begab sich zu den andern. Irma wollte

entrüstet auffahren, vermochte es aber nicht; zu ihrem großen Ärger

fühlte sie ein Weh in ihrem Herzen, und das unbestimmte Gefühl, als

habe sie etwas sehr Kostbares verspielt, bemächtigte sich ihrer.

Freilich nur einen Augenblick, dann tastete sie mit der Hand in ihr

Kleid, wo zwischen weichen Spitzen ein rosa Briefchen verborgen lag,

und mit stolz erhobenem Haupte und leuchtenden Augen schaute sie Hans

nach.

Am nächsten Tage reisten auch Holtens ab, und nun fing für Ilse und

Irma wieder das alte ruhige Leben an, das sie vor der Ankunft der

amerikanischen Familie geführt hatten.

* * * * *

Es war Oktober geworden. In Ilses kleinem, an den großen Eßsaal

grenzenden Wohnzimmer brannte schon ab und zu ein lustiges Feuerchen,

denn die Nachmittage wurden kalt. Die alte Dame saß gern mit ihrem

Buch am Kamin und wenn sie aufgehört hatte zu lesen, starrte sie in

die züngelnden Flammen und ließ die Bilder der Vergangenheit an ihrem

Geiste vorüberziehen.

An solch einem traulichen Nachmittagsstündchen trat Irma ein, um der

Großmama adieu zu sagen. Sie sah bildschön aus in dem dunkelblauen

Tuchkostüm, das ihre Elfengestalt knapp umschloß, und dem hübschen, an

einer Seite umgeschlagenen Hut mit der weißen Feder auf dem

goldblonden Haar.

»Gehst du aus, Kind?«

»Ja, Großmama, wenn du's erlaubst.«

»Wohin?«

»Ach, ich weiß nicht, ein bißchen spazieren.«

Die Großmutter schaute sie an. »Und dafür hast du dich so schön

gemacht?«

Das junge Mädchen wurde rot. »Ach, bei diesem köstlichen Herbstwetter

wollte ich mein neues Kostüm doch mal an die Luft bringen.«

Ilse drohte mit dem Finger »Jungfer Eitelkeit,« neckte sie. »Na, lauf'

du nur. Aber es ist doch besser, du holst Agnes oder Maud zum

Spazierengehen ab. Allein finde ich's nicht ganz passend.«

»Ich weiß nicht, ob sie zu Hause sein werden,« murmelte Irma und lief

dann, um weiteren Einwendungen zuvorzukommen, mit einem hastigen: »Auf

Wiedersehen, Großmama,« rasch zur Türe hinaus.

Auf der Straße tat sie einen tiefen Atemzug, schlug aber nicht den Weg

nach dem Hause Onkel Müllers ein. So rasch sie konnte, ging sie, sich

ab und zu scheu umsehend, durch einige Gassen, bis sie die Stadt im

Rücken und die große Landstraße vor sich hatte. Hier war es still. Nur

das Sausen des Oktoberwindes in den hohen Bäumen ließ sich hören und

das Gerassel des dürren Laubes. Von dem schnellen Gehen ermüdet,

verlangsamte Irma ihren Schritt. Ängstlich spähte sie umher. Was sie

tat, war nicht recht, das wußte sie, aber ihr blieb keine Zeit darüber

nachzudenken, denn dort, aus einem Gebüsch am Wege, sah sie die

schlanke, biegsame Gestalt Hochsteins hervortreten und eilig näher

kommen.

[Illustration]

In der ersten Verwirrung wollte sie fortlaufen; aber als ob er ihre

Gedanken erriete, war er mit ein paar raschen Sprüngen neben ihr und

ergriff ihre Hand. Mit glühenden Wangen und niedergeschlagenen Augen

stand sie vor ihm.

Otto von Hochstein betrachtete sie, und ein Gefühl des Stolzes

erfüllte ihn, daß dieses wunderschöne junge Geschöpfchen endlich

eingewilligt hatte, ihm heimlich hier draußen an diesem einsamen Ort

ein Stelldichein zu gewähren.

»Meine teuerste Irma,« flüsterte er, »wie soll ich dir danken, daß du

gekommen bist!«

»Ich tue es nie wieder,« stöhnte sie. »Ich hab' Großmama belügen

müssen, und das ist schändlich.«

»Aber du tatest es doch um meinetwillen? ... Du hast mich doch ein

ganz klein wenig lieb, nicht wahr?«

Er schaute sie mit seinen samtschwarzen Augen so flehend an, daß sie

nicht anders konnte als leise stammeln:

»Ja, sehr lieb.«

Aber als er den Arm um sie schlingen und sie entzückt ans Herz ziehen

wollte, entwand sie sich ihm.

»Warum darf ich dir denn nicht einmal einen Kuß geben, Irma, wenn du

mich doch liebst und meine Braut bist?«

»Nicht eher, als bis wir wirklich verlobt sind und jeder es weiß,«

erwiderte sie. »Warum kann ich denn nicht, wie Agnes und Flora es

taten, der Großmama und meinen Eltern alles erzählen?«

»Mein Liebling, hast du mir nicht selbst geschrieben, daß du gerade

dies süße Geheimnis, um das nur wir zwei beide wissen, so herrlich

fändest?«

»Ja, aber nun finde ich es nicht mehr herrlich,« schmollte Irma. »Es

ist nicht recht, das fühle ich. Ich weiß, Großmama würde es nicht

billigen, und ich will nicht mehr in dieser heimlichen Weise mit dir

zusammenkommen.«

Ottos dunkle Augen funkelten unheilverkündend, und er biß sich auf die

Lippen, um seinen Ärger zu verbergen. Aber er verstand es meisterhaft,

sich zu beherrschen, und erwiderte niedergeschlagen:

»Dann machst du mich tief unglücklich.«

»Laß mich der Großmama alles sagen. Du kennst sie nicht, sie ist nicht

streng, und ich kann von ihr erlangen, was ich will.«

Er schüttelte den Kopf; dann schob er seinen Arm durch den ihren und

zwang sie so, mit ihm auf und ab zu gehen.

»Hör' mal zu, Liebste,« begann er. »Du zwingst mich, Dinge zu sagen,

die mir peinlich sind. Frau Gontrau würde niemals ihre Einwilligung zu

einer heimlichen Verlobung zwischen uns geben.«

»Wenn ich sie darum bitte, tut sie es doch.«

»Aber sie würde darauf bestehen, daß ich meinen Eltern Mitteilung

davon mache.«

»Natürlich, warum willst du das denn nicht?«

»Das ist es ja gerade, Irma. Sie würden ihre Zustimmung nicht geben

und sich auf jede mögliche Weise bemühen, uns zu trennen.«

Stolz hob Irma ihr reizendes Köpfchen und schaute ihn herausfordernd

an.

»Aus welchem Grunde? Bin ich ihnen nicht gut genug?«

»Irma!« rief er leidenschaftlich. »Du bist das schönste, das

entzückendste Wesen von der Welt. Und für mich wirst du das ewig

bleiben. Aber ich wünschte, ich wäre an Stelle des Barons von

Hochstein ein armer Teufel, zu dem du dich herablassen müßtest.«

Sie schaute ihn fragend und tief errötend an.

»Meine Eltern sind sehr stolz,« fuhr er fort. »Unser Stammbaum reicht

zurück bis in die Zeit vor den Kreuzzügen. Die Glieder meiner Familie

haben sich immer nur mit dem allerältesten Adel verbunden; der Schlag

würde meine Eltern vor Schreck rühren, wenn sie erführen, daß ich mich

mit einem Mädchen verloben will, das nicht zum Hochadel gehört. Sie

haben mir bereits eine steinreiche Erbtochter aus einem Geschlechte

bestimmt, das eben so vornehm ist wie das unsere.«

»Und du?« fragte Irma atemlos.

»O, ich geb' auf das alles nichts und werde das häßliche Freifräulein

von Staufenberg nie heiraten, das verspreche ich dir.«

»Aber dann wird aus unsrer Verlobung nichts!« seufzte Irma, »deine

Eltern werden nie ihre Einwilligung geben.«

Er nahm ihre kleinen Hände in die seinen und streichelte sie.

»Das werden sie sicher nicht, geliebte Irma, wenn wir sie ohne

weiteres mit dem =fait accompli= überfallen und erschrecken. Ich muß

sie ganz allmählich darauf vorbereiten, und dann werden sie ohne

Zweifel nachgeben. Wir müssen warten, das ist alles, um was ich dich

bitte. Hast du mich nicht so lieb, um etwas Geduld zu haben?«

»Aber meine Eltern und Großmama,« stammelte Irma.

»Glaube mir, Liebling. Durch zu frühes Reden würden wir alles

verderben. Wenn du mich liebst, so gelobe mir zu schweigen.«

Irma war sich innerlich bewußt, daß sie nicht recht tat, aber sie

vermochte nicht, seinem heißen Drängen zu widerstehen; sie war von den

äußeren blendenden Eigenschaften des jungen Barons so betört, daß sie

ihm schließlich alles versprach, sogar ein Stelldichein in der

nächsten Woche.

Solange sie bei ihm war, vergaß sie ihre Bedenken und gab sich dem

Glück des Augenblicks hin, aber als sie allein nach der Stadt

zurückkehrte, konnte sie sich eines Gefühls der Furcht und

Beklommenheit nicht erwehren. Zum erstenmal in ihrem Leben tat sie

etwas Heimliches, Unaufrichtiges, etwas, was die Ihrigen niemals

gutheißen würden.

Heftig erschrak sie, als in der Nähe ihrer Wohnung Agnes plötzlich auf

sie zutrat.

»Wo kommst du her, Irma? Ich war bei Großmama, die sagte mir, du

hättest mich zu einem Spaziergang abholen wollen. Wie ein Hase lief

ich nach Hause, dort hatte dich aber niemand gesehen.«

»Ich bin spazieren gegangen,« murmelte Irma.

Sie wurde furchtbar rot, und Agnes schaute sie verwundert und

forschend an.

»Allein?« fragte sie. »Und du sagst Großmama, daß du mich abholen

wolltest.«

»Ich ... ich bekam plötzlich Lust, allein zu gehen.«

»Wie komisch du bist! Was hast du? Was bedeutet das? Ich verstehe dich

nicht.«

»Mach doch nicht so 'nen Sums daraus,« rief Irma, in ihrer

Verlegenheit plötzlich sehr reizbar werdend und nicht mehr wissend,

wie sie sich herausziehen sollte. »Geht's dich was an, wenn ich mal

allein spazieren gehen will? Dir hab' ich doch keine Rechenschaft

abzulegen.«

»Aber Irma!« sagte Agnes, im höchsten Grade erstaunt und gekränkt.

Schweigend schritten sie nebeneinander her. Agnes war zu entrüstet, um

zu sprechen, aber als sie eine Weile später verstohlen nach ihrer

Cousine schaute, sah sie, daß diese bebte und ihr die Augen voll

Tränen standen. Sofort fühlte sie ihren Zorn schwinden.

»Irmachen,« begann sie freundlich. »Sag mir doch, warum du so betrübt

bist. Ich bin deine Freundin, mir kannst du vertrauen.«

Zum Glück befanden sie sich in einer stillen Straße, denn Irma konnte

ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

»Ich kann nicht, Agnes,« stammelte sie fast schluchzend, »frag mich

nicht.«

Die Andere forschte nicht weiter. »Komm mit zu mir,« bat sie. »Die

Eltern und Maud sind ausgegangen. Auf unsrem Zimmer kannst du dich

erholen.«

Irma folgte willig. Als sie in dem gemütlichen, hellen Mädchenstübchen

saßen, küßte Agnes ihre Cousine und fragte noch einmal teilnehmend:

»Kannst du mir wirklich nicht sagen, was dir fehlt, Liebling?«

»Ich kann nicht, ich darf nicht.«

Agnes schwieg.

»Gelobst du mir bei allem, was dir heilig ist, keinem Menschen ein

Sterbenswörtchen zu sagen?« flüsterte Irma.

»Das versteht sich wohl von selbst, ich bin doch deine Freundin.«

»Auch Ludwig nicht?«

Trotzkopf als Grossmutter · 第 6 / 10 题