siegesgewisse Miene, daß der Professor sich vergaß und heftig
aufbrauste.
»Na ja, das ist so recht was für Sie! Wer sagt Ihnen denn aber, daß
etwas Böses dahinter steckt? Die jungen Leute können sich wohl mal was
zu erzählen haben. Daraus brauchen Sie nicht gleich so 'ne
Staatsaktion zu machen. Aber das ist gerade Wasser auf die Mühle einer
neidischen alten Jungfer, wenn sie einem Nebenmenschen etwas anhängen
kann.«
Feuerrot erhob sich Fräulein Müller von ihrem Sitz und sagte mit
einer, vor Zorn und Aufregung heiseren Stimme:
»Wenn Sie meine gute Absicht so auslegen und mich obendrein
beleidigen, dann gehe ich und setze nie wieder einen Fuß über diese
Schwelle.«
Ilse schaute den Professor zürnend an.
»Nein, nein, seien Sie nicht böse, liebe Elisabeth,« rief sie. »Ich
bin Ihnen dankbar, und dem Professor Fuchs müssen Sie seine Heftigkeit
verzeihen. Er hat Irma so unendlich lieb, daß er außer sich gerät,
wenn über sie nachteilig geurteilt wird. Ist's nicht so, Herr
Professor?«
»Jawohl,« brummte Onkel Heinz, der einsah, daß er zu weit gegangen
war.
»Und er bittet für seine Unhöflichkeit um Entschuldigung,« beharrte
Ilse, mit einem strengen Blick auf Onkel Heinz.
Dem Professor war fast so zu Mute wie einem Schuljungen, der eine
Strafpredigt erhält. Er hätte am liebsten mit einem: »Scheren Sie sich
zum Teufel,« das Zimmer verlassen; aber dem eigenartigen Ausdruck in
den dunklen Augen seiner alten Freundin war er nicht gewachsen.
»Jawohl,« brummte er abermals, mit abgewendetem Gesicht, »natürlich
meinte ich es nicht so; nehmen Sie's nicht übel, Fräulein Müller.«
Tante Elisabeth verneigte sich, war aber doch tief gekränkt und stand
auf.
»Nun ich Ihnen berichtet habe, was ich weiß, Frau Gontrau,« nahm sie
in spitzem Ton abermals das Wort, »ist's an Ihnen, aus meiner
Mitteilung Nutzen zu ziehen. Ich werde mich um die ganze Geschichte
nicht mehr kümmern.«
»Einen Augenblick, bitte,« sagte Ilse. »Was Sie gesehen haben,
Elisabeth, ist ganz gewiß nicht passend, aber bevor Irma mir den
Zusammenhang erklärt hat, kann ich mir kein Urteil erlauben. Möglich,
daß gar nichts dahinter steckt. Die jungen Leute von heutzutage sind
anders und freier in ihrem Umgang, als wir in unsrer Jugend -- das
dürfen wir nicht vergessen.«
Fräulein Müller ließ ein spöttisches Lachen hören.
»Ich muß Sie freundlichst ersuchen,« fuhr Ilse fort, »über diese
Geschichte zu niemand, wer es auch sei, ein Wort zu verlieren, auch
nicht zu unsren Amerikanern.«
»Ganz wie Sie wünschen, Frau Gontrau.«
»Ich erbitte mir das als eine große Gunst von Ihnen und baue fest auf
Ihre Verschwiegenheit.«
Großmutter Ilse streckte Tante Elisabeth die Hand entgegen, und diese
las auf dem schönen, alten Gesicht eine so ängstlich flehende Bitte,
daß sie, wider Willen gerührt, versetzte:
»Das können Sie, Frau Gontrau.«
Dann ging sie nach einer sehr förmlichen Verbeugung vor Onkel Heinz.
Ilse ließ sich erschöpft in ihren Sessel sinken und schaute in
schweren Gedanken vor sich hin.
Der Professor aber humpelte in großer Erregung hin und her.
»Schöne Geschichte das,« rief er endlich, »bald weiß die ganze Stadt
von diesem Klatsch, denn Fräulein Müller wird mit wahrer Wonne für
Weiterverbreitung sorgen. Das ist was so recht nach ihrem Sinn.«
»Das glaube ich nicht,« versetzte Ilse, »sie wird schweigen, weil ich
sie darum gebeten habe. Sie waren unverzeihlich grob gegen sie, Onkel
Heinz; aber viel Worte darüber zu verlieren hilft nichts. Was sollen
wir tun?«
»Nun,« nahm der alte Herr heftig das Wort, »dem Jungfräulein tüchtig
den Kopf waschen und ihr für die Zukunft solche Streiche verleiden;
mit dem jungen Menschen aber werde ich Abrechnung halten, das können
Sie getrost mir überlassen, ich will's ihm ordentlich geben.«
»Und damit, glauben Sie, ist alles getan?« fragte die Großmutter mit
trübem Lächeln.
»Was wollen Sie denn noch mehr? Natürlich hat der junge Taugenichts
allein schuld; wenn Sie's verlangen, Frau Ilse, will ich ihn
lendenlahm prügeln -- das hat er wahrlich verdient.«
»Onkel Heinz, Onkel Heinz! Da sieht man wieder, daß Sie ein
einseitiger, unverbesserlicher Junggeselle sind, der von zarten
Herzensangelegenheiten auch nicht das mindeste versteht.«
Der Professor hielt in seinem Auf- und Abhumpeln inne; solch ein
Ausfall von Ilse Gontrau ärgerte ihn noch immer und trieb ihm trotz
seiner mehr als siebzig Jahre das Blut in die Wangen.
»So,« sagte er unwirsch, »Sie haben mit den Jahren noch immer nicht
verlernt, heftig zu sein, Frau Ilse.«
»Und Sie haben die Jahre nicht klüger gemacht,« versetzte sie hitzig.
»Sehen Sie denn nicht ein, daß wir durch herrisches und
rücksichtsloses Auftreten die Sache nur verschlimmern würden? Wenn
Irma und der junge Mann sich lieben oder sich zu lieben einbilden,
können einige Scheltworte von uns die Liebe nicht aus ihren Herzen
reißen.«
»Da mögen Sie wohl recht haben,« meinte Onkel Heinz, ziemlich
abgekühlt. »Aber was wollen Sie denn tun?«
»Das weiß ich nicht. Zuerst und vor allen Dingen mit Irma sprechen und
hören, was sie zu sagen hat.«
»Natürlich, und da sie nun wohl bald herunterkommen wird und Sie diese
Unterredung nicht aufschieben werden, will ich gehen.«
»Das ist nicht nötig; Sie wissen nun alles, und ich kann mit Irma in
Ihrem Beisein sprechen.«
»Nein, Frau Gontrau, bin ich auch nur ein alter, einseitiger,
unverbesserlicher Junggeselle, soviel Takt und Verständnis besitze ich
denn doch noch, um herauszufühlen, daß ein junges Mädchen eine
derartige Beichte doch lieber Ihnen allein ablegt.«
Ilse reichte ihm die Hand.
»Verzeihen Sie,« bat sie sanft, »ich war heftig und ungerecht, ich
meinte es aber nicht böse.«
Er schaute sie unter seinen buschigen Brauen freundlich an, drückte
fest ihre Hand und ging.
Einen Augenblick später steckte Irma ihr Köpfchen zur Tür herein.
»Ist sie fort?« fragte sie mit schelmischem Ausdruck. »Was, und Onkel
Heinz hat dich auch schon verlassen, Großmama? Weshalb ist er so früh
fortgegangen?«
Sie erhielt keine Antwort, und als sie fröhlich näher trat, bemerkte
sie, daß die Großmutter mit ernster, bekümmerter Miene nach ihr
schaute.
»Was ist denn los?« forschte sie, die alte Frau zärtlich umarmend;
»hat das verschrobene Fräulein Müller etwas gesagt, was dich ärgert?«
Großmutter Ilse schlang ihre Arme um das junge Mädchen und zog es auf
ihren Schoß.
»Irma,« sagte sie ohne Umschweife, »du hast mich belogen, als ich dich
neulich fragte, ob zwischen dir und dem Baron von Hochstein keinerlei
Beziehungen beständen.«
Irma wurde totenbleich und wollte aufspringen, doch mit sanftem Zwang
hielt die alte Dame sie zurück. Entsetzt schaute das junge Mädchen
sie an und las auf dem geliebten alten Gesicht einen so schmerzlichen,
traurigen Vorwurf, daß es plötzlich in leidenschaftliches Schluchzen
ausbrach.
Ilse streichelte das blondgelockte Köpfchen, sprach aber kein Wort.
»Großmama,« schluchzte Irma, »bist du mir böse?«
»Ich bin betrübt, Kindchen, weil du kein Vertrauen zu mir hattest.
Erzähle mir nun alles.«
»Ich darf nicht,« stammelte Irma, »er hat es mir verboten.«
»Wer?«
»Otto.«
»Dann hat er sehr unrecht gehandelt, aber da das Geheimnis nun doch
herausgekommen ist, siehst du wohl ein, daß du dein Versprechen nicht
halten kannst.«
»Aber woher weißt du's denn, Großmama? Hat Agnes es dir erzählt?«
»Agnes? Nein. Fräulein Müller hat dich mehrmals mit ihm gesehen.«
Irma bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen und weinte bitterlich.
»Siehst du nun ein, Kind,« fuhr Ilse in mildem und doch festem Ton
fort, »daß es das beste ist, mir zu vertrauen und alles zu erzählen?
Vielleicht finde ich dann noch eine Entschuldigung für dich; beharrst
du bei deinem Schweigen, so ist mir das unmöglich.«
Da verbarg Irma ihr Köpfchen in Großmamas Schoß und beichtete alles.
Sie erzählte, wie schrecklich es ihr anfangs gewesen sei, so heimlich
zu Werke zu gehen, wie Otto aber gesagt habe, das sei nötig, um seine
Eltern allmählich zu gewinnen; wie angestrengt er nun arbeite und wie
er ihr die Versicherung gegeben habe, daß bald alles zu gutem Ende
kommen würde. Sie erhob Otto bis in den Himmel und konnte nicht
unterlassen, ein bißchen auf Agnes zu sticheln, der sie es nicht
verzeihen konnte, daß sie nicht das gleiche schrankenlose Vertrauen in
den Baron von Hochstein setzte.
Als sie geendet hatte, schwieg die Großmutter eine Weile. In Gedanken
versunken streichelte sie das goldschimmernde Haar ihrer Enkelin. Das
legte sich Irma als ein günstiges Vorzeichen aus, und ein wenig
ermutigt, fragte sie leise:
»Bist du sehr böse, Großmama?«
»Nein, mein Kind, aber du hast ein großes Unrecht getan; wie unpassend
und unbesonnen du gehandelt hast, begreifst du bei deiner großen
Jugend wohl selbst noch nicht, aber unter allen Umständen muß jetzt
sofort ein Ende gemacht werden.«
»O, Großmama, ich sterbe, wenn ich ihn aufgeben muß.«
»Das brauchst du nicht, Kindchen, wenigstens nicht, wenn es sich
herausstellt, daß er es ernst mit dir meint.«
»Wie kannst du nur daran zweifeln,« schluchzte Irma, »er hat mir doch
Beweise genug gegeben.«
»In meinen Augen noch nicht einen -- aber wir werden ja sehen.«
»Was willst du denn tun?« fragte angstvoll das junge Mädchen, das sich
durch Ilses Ruhe immer beklommener fühlte. »Hast du die Absicht, an
Papa und Mama zu schreiben?«
»Nein, Irma, denn dann würdest du dem Baron sofort entsagen müssen.
Ich weiß nicht, ob es richtig ist, ihnen vorläufig die Sache noch zu
verschweigen, aber ich habe Mitleid mit dir und will erst erforschen,
was für eine Art Persönlichkeit dein Baron ist.«
»Du bist ein Engel, Großmama. Aber warum glaubst du, daß Mama so
streng mit mir ins Gericht gehen würde? Sie ist eine Künstlerin und
würde sich wohl in meine Lage hineinversetzen können.«
Ilse fühlte ihre alte Heftigkeit in sich aufsteigen.
»Gerade weil deine Eltern Künstler sind, Irma,« erwiderte sie, mit vor
Erregung funkelnden Augen, »und durch ihr Talent und ihre Leistungen
so unendlich hoch über den eingebildeten Adlichen stehen, die sich
durch ihre Geburt und ihr Geld für bevorrechtet halten, würde ihr
Stolz nie gestatten, daß ihre Tochter in eine Familie einträte, die
hochmütig auf sie herabsieht. Es tut mir weh, Kind, daß von diesem
echten, edlen Stolze sich nichts in deinem Charakter zu finden
scheint. Selbst angenommen, daß dieser Baron von Hochstein dir treu
bleibt, sollte dich der Gedanke abschrecken, daß seine Eltern dich nur
dulden, nie aber mit wahrer Liebe aufnehmen würden.«
»Was gehen mich seine Eltern an, wenn er mich nur liebt!« sagte Irma.
Ilse seufzte. »So würde ich nicht gedacht haben, selbst als ich so
jung war wie du, mein Kind. Doch, je älter wir werden, desto mehr
sehen wir ein, daß wir andere Menschen nicht nach uns beurteilen
dürfen. Wenn du den Stolz, von dem ich sprach, nicht besitzest, kannst
du auch nicht fühlen, was ich meine.«
Irma empfand diese Worte als einen Tadel, fühlte auch unklar und
unbestimmt, daß Großmama recht hatte, aber sie wollte jetzt lieber
nicht darüber nachdenken. Sie ergriff schüchtern Ilses Hand,
streichelte sie und wiederholte ihre Frage:
»Was willst du tun, Großmama?«
»Wann hast du die nächste Zusammenkunft mit dem jungen Manne
verabredet?«
»Mittwoch in acht Tagen.«
»Gut. Schreibt ihr euch?«
»Ab und zu.«
»Dann tust du es jetzt nicht. Verstehe mich recht, Irma! Wenn in
dieser Zwischenzeit ein Brief von ihm kommt, so beantwortest du ihn
nicht. An dem verabredeten Tage bleibst du zu Hause, und ich gehe an
deiner Stelle.«
»Großmutter!« rief Irma entsetzt.
»Warum erschrickst du so davor? Ist das etwas so Fürchterliches? Ich
will selbst mit dem jungen Menschen reden und danach meine
Entscheidung treffen.«
»O, aber er wird so böse auf mich sein, wird mir das nie verzeihen.«
»Er hat dir nichts zu verzeihen. Ich werde ihm erzählen, wie der
Hergang gewesen ist. Du brauchst nichts zu fürchten.«
»Laß mich ihm wenigstens noch einmal schreiben, Großmama, damit er
vorbereitet ist.«
»Unter keinen Umständen, Irma. Du hast mich belogen und betrogen, als
ich dein Vertrauen zu gewinnen suchte. Trotzdem will ich dir Glauben
schenken, wenn du mir jetzt versprichst, gehorsam zu sein, und will
dir das Geschehene verzeihen. Ich will dir alle Freiheit lassen, dir
nicht nachspüren, aber befolgst du jetzt nicht gewissenhaft, was ich
sage, so werde ich dir nie mehr vertrauen. Dann ist alles aus, und du
kannst nicht mehr auf meine Liebe und Verzeihung rechnen.«
Einen so strengen, unerbittlichen Ausdruck hatte die Kleine noch nie
in Großmutters Augen gesehen. Sie fühlte, daß kein Schmeicheln, kein
Flehen helfen würde.
»Du hast mich doch verstanden?« fuhr Ilse fort. »Bis Mittwoch in acht
Tagen suchst du keine Gelegenheit, Hochstein zu sehen, und schreibst
ihm keine Zeile.«
»Ja, Großmama.«
»Gut, dann reden wir bis dahin auch kein Wort mehr darüber. Gib mir
einen Kuß, Kind, und geh auf dein Zimmer. Ich möchte ein Stündchen
allein sein.«
Traurig und niedergeschlagen verbrachte Irma die nächsten Tage. Oft
nahte sich ihr die Versuchung, trotz dem gegebenen Versprechen Otto
heimlich von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Aber ihr besseres Ich
trug den Sieg davon. Wenn sie bedachte, daß die Großmutter sie weder
beaufsichtigte, noch jemals fragte, wohin sie wolle, wenn sie sich zum
Ausgehen rüstete, noch ihre Briefe nachsah, dann fühlte sie, daß sie
sich verachten müßte, daß sie nie mehr wagen würde, die Augen
aufzuschlagen, wenn sie sich dieses Vertrauens unwert zeigte.
Sie war zu Agnes gegangen, hatte ihr unter Tränen ihr Herz
ausgeschüttet, und ihrem Zorn über Fräulein Müller in den kräftigsten
Ausdrücken Luft gemacht. Aber obwohl Agnes gerne zugab, daß Tante
Elisabeth auch jetzt wieder, wie immer, unausstehlich gewesen war,
fand Irma weiter keinen Trost bei ihr, denn sie verhehlte ihre Freude
nicht, daß die Geschichte endlich herausgekommen war. Jetzt würde es
sich zeigen, ob der glänzende Otto von Hochstein es aufrichtig meinte,
oder ob all seine schöne Reden nicht nur hohle Phrasen waren. Agnes
frohlockte innerlich geradezu über diese Wendung und wäre nur zu gern
mit Ilse gegangen, um das Gesicht des jungen Herrn zu sehen, wenn er
an Stelle der lieblichen, unschuldigen Enkelin die strenge, ehrwürdige
Großmama erblicken würde. Dennoch enthielt sie sich des Spottes, als
sie sah, wie tief betrübt die Kleine war, und bemühte sich redlich,
sie aufzumuntern.
Irma hatte bisher ein unerschütterliches Vertrauen in Otto gesetzt;
aber während sie ihn in warmen Worten rühmte und behauptete, Großmama
und Agnes würden bald einsehen, wie unrecht sie ihm durch ihre Zweifel
taten, nagte doch die Unruhe an ihrem armen Seelchen, und sie weinte
in der Stille heiße Tränen bei dem Gedanken, ihr angebeteter Held
könne die Probe vielleicht nicht mit Glanz bestehen. Was dann
geschehen würde, wußte sie nicht und wagte auch gar nicht, danach zu
fragen, denn sie bildete sich ein, sicher vor Gram zu sterben, wenn
sie gezwungen würde, von ihm abzulassen.
Ilse bemerkte wohl, was in der Seele ihrer Enkelin vorging. Sie hatte
Mitleid mit ihr und suchte ihr Zerstreuung zu verschaffen; aber
obgleich Irma nie darüber sprach, war sie doch so erfüllt von ihrem
Kummer, daß alles andere sie gleichgültig ließ. Onkel Heinz konnte es
nicht mit ansehen, wie sein kleiner Liebling sich in Angst verzehrte,
und tat alles, um sie aufzuheitern. Irma wußte, daß er bei Fräulein
Müllers Besuch zugegen gewesen war, und als sie ihn danach zum
erstenmal wiedersah, geriet sie in die peinlichste Verlegenheit. Der
Professor aber machte es ihr leicht, er strich ihr liebevoll über den
hübschen Krauskopf, murmelte etwas von »alles zurechtkommen, und der
garstigen alten Jungfer mal 'ne gute Lehre geben«, so daß Irma ihn mit
Tränen in den Augen dankbar anlächelte, ihm einen Kuß gab und ihm
zuflüsterte:
»Onkel Heinz, du bist der Beste, und dich hab' ich auch am
allerliebsten.« --
Es war ein herrlicher Frühlingstag, alles blühte und duftete. Flieder
und Goldregen fingen an zu knospen, wie riesige Hochzeitsbuketts
leuchteten die Obstbäume, überall zeigte das frische, junge Grün seine
immer von neuem entzückende Schönheit.
In heiterster Stimmung, die leuchtende Pracht um ihn her in vollen
Zügen genießend, angeregt und gehoben durch das überall ausschlagende,
junge, muntere Leben, schritt Otto von Hochstein durch das Wäldchen,
in dem er schon so oft Irma erwartet hatte. Er freute sich auf ihr
Erscheinen, sah im Geiste schon voraus, wie sie binnen wenigen Minuten
vor ihm stehen würde, liebreizend anzuschauen in dem neuen, schönen
Frühjahrskostüm, von dem sie ihm letztmals erzählt hatte, wie sie ihn
mit den wunderbar tiefen Blauaugen unter holdem Erröten ansehen, wie
er mit ihr so freundlich und überzeugend reden würde, daß sie alles
glaubte, was er ihr erzählte, und wie er endlich wagen dürfte, einen
Kuß auf die kirschroten Lippen zu drücken, die so schelmisch und
bezaubernd lächeln konnten.
Aber wo blieb sie nur? Sonst ließ sie nicht so lange auf sich warten,
ja, es kam sogar vor, daß sie die Erste am Platze war. Der junge Mann
lächelte selbstgefällig in dem Gedanken, wie unwiderstehlich das
schöne Mädchen ihn eigentlich finden mußte. Allmählich ergriff ihn
eine sonderbare Unruhe, und er trat aus dem Wäldchen heraus, um die
Straße zu überschauen. Nein, Irma ließ sich nicht blicken, nur eine
hochgewachsene Dame näherte sich eiligen Schrittes. Da hielt er es für
richtiger, sich zurückzuziehen und hinter dem hoch aufgeschossenen
Buschwerk zu verbergen. Ungeduldig eine Melodie summend, ging er hin
und her; er wollte sie ein bißchen abkanzeln. Was bildete sich die
Kleine denn ein, ihn so lange warten zu lassen!
Plötzlich vernahm er dicht hinter sich das Rauschen eines Kleides.
Fröhlich drehte er sich um, ein Scherzwort auf den Lippen, blieb aber
wie versteinert stehen, als er in der vornehm in schwarz gekleideten
Dame Frau Gontrau erkannte.
[Illustration]
Ein paar Augenblicke weidete sich Ilse offenbar an dem unverkennbaren
Entsetzen des jungen Mannes, dann aber mußte sie unwillkürlich
anerkennen, daß die elegante, geschmeidige Gestalt vor ihr, das schöne
übermütige Antlitz mit den blitzenden Augen und den feinen Zügen wohl
etwas besonders Anziehendes für ein junges Mädchen haben müsse. Als
liebende und etwas schwache Großmutter war sie nur zu geneigt, Irmas
Betragen nicht verzeihlich, aber doch begreiflich zu finden.
Ottos Verlegenheit hielt nur einen Moment an, er sah sofort ein, daß
etwas nicht in Ordnung war. Zuerst schaute er Frau Gontrau mit einem
Blick an, als erkenne er sie nicht sogleich; dann, als ob sein
Gedächtnis ihm zu Hilfe käme, verbeugte er sich und wollte mit
ehrfurchtsvollem Gruß vorübergehen. Doch Ilses Blick zwang ihn stehen
zu bleiben.
»Herr Baron, ich möchte eine kleine Unterredung mit Ihnen haben,«
begann sie.
»Das wird mir eine große Ehre sein, gnädige Frau. Bin ich so
glücklich, Ihnen einen Dienst erweisen zu können?«
Er tat vollkommen unbefangen, was Ilse reizte.
»Sie brauchen mir gegenüber keine Komödie zu spielen, junger Mann,«
herrschte sie ihn an. »Sie wissen sehr gut, weshalb ich hier bin.«
»In der Tat, gnädige Frau, ich bedaure ...«
»Mit solchen Ausflüchten verschlechtern Sie nur die Sache,« fuhr Ilse,
deren Augen vor Zorn funkelten, fort. »Ich würde besser von Ihnen
denken, wenn Sie mir offen und ehrlich sagten, mit welchen Absichten
Sie sich meiner Enkelin zu nahen wagten.«
»Ich hatte Fräulein Irma ersucht, vorläufig noch Schweigen über unser
Verhältnis zu bewahren,« entgegnete Otto, noch sehr höflich, obwohl im
Innern wütend auf Irma, weil sie seiner Meinung nach doch nicht den
Mund gehalten hatte.
»Und sie war unverständig genug, sich an dies Versprechen gebunden zu
halten,« erwiderte Ilse. Dann erzählte sie ihm in wenig Worten, wie
das Geheimnis an den Tag gekommen war.
Hochstein biß sich auf die Lippen. Er verzieh es Irma nicht, daß sie
alles gestanden hatte; in der ersten Entrüstung hielt er sie sogar für
fähig, die ganze Geschichte erfunden zu haben, weil sie nicht länger
zu schweigen vermochte; aber als er Ilse ins Gesicht schaute, sah er
sofort ein, daß sie die Wahrheit gesprochen hatte. Es erschien ihm
also klüger, einen demütigeren Ton anzuschlagen.
»Wenn Irma Ihnen alles mitgeteilt hat, gnädige Frau, dann werden Sie
wohl auch vollkommen begreifen, warum ich die Sache -- zu meinem
Leidwesen -- vorläufig noch geheim halten muß.«
»Nein, Herr Baron, das begreife ich nicht. Ich begreife durchaus
nicht, wie ein feingebildeter Mann ein junges, unerfahrenes Mädchen zu
überreden suchen kann, ihre Familie zu hintergehen und ihren guten
Namen aufs Spiel zu setzen. Irma ist ein Kind, das nicht weiß, was es
tut; ich segne den Zufall, der mich von dem Vorgefallenen in Kenntnis
gesetzt hat. Nach dem, was ich von Ihnen gehört und gesehen habe, will
ich noch nicht urteilen, aber ich verlange, daß Sie, wenn Sie es
ehrlich und gut mit dem Mädchen meinen, das Ihnen seine Liebe
geschenkt hat, noch heute Ihren Eltern von Ihren Absichten Mitteilung
machen.«
»Es tut mir leid, gnädige Frau, aber das kann ich nicht, und ich habe
Irma auch die Gründe auseinandergesetzt.«
»Ja, und sie war damit zufrieden; ich aber bin es nicht. Hören Sie,
Herr von Hochstein, wenn Sie meine Enkelin wirklich lieben, dann
durften Sie sie nicht bloßstellen, sondern mußten erst mit Ihren
Eltern sprechen, um ihr eine etwaige Enttäuschung zu ersparen.«
»Ich habe ihr stets gesagt, daß ich nach bestandenem Examen mich
bemühen will, die Einwilligung meiner Eltern zu erhalten.«
»Sehr schön, bis dahin darf aber dann zwischen Ihnen und Irma nicht
das geringste Einverständnis mehr bestehen. Ihre Eltern mögen stolz
sein; wir sind es nicht minder und -- mit gleichem Recht.«
»So wollen Sie der Sache mit Gewalt ein Ende machen und uns
unerbittlich auseinanderreißen, gnädige Frau?«
»Durchaus nicht. An dem Tage, an dem Ihr Herr Vater mich ehrerbietig
um die Hand meiner Enkelin ersucht, will ich um Irmas willen bei
meinem Schwiegersohn, dem berühmten Künstler, ein gutes Wort für Sie
einlegen. Ich glaube nämlich nicht, daß Irmas Eltern von ihrer Wahl
sehr eingenommen sein werden.«
»Irma hat auch noch ein Wörtchen mitzureden,« rief Otto, der sich kaum
mehr beherrschen konnte, »und ich zweifle nicht, daß sie sich Ihrer
Grausamkeit widersetzen wird.«
»So viel Stolz und Taktgefühl werde ich meiner Enkelin wohl noch
einflößen können, als sie zu der Erkenntnis nötig hat, daß sie mit
einem jungen Manne, dessen Eltern sich so hoch erhaben über sie
dünken, keine Zusammenkünfte mehr haben darf. Da ich nun weiß, wie ich
handeln muß, fürchte ich Ihren Einfluß auf Irma nicht mehr.«
»Ist das Ihr letztes Wort, Frau Gontrau?«
»Mein letztes, bis Ihr Vater, der Baron von Hochstein, sich an mich
oder an Irmas Eltern wendet und unsere Einwilligung zu der Verlobung
erbittet.«
»Dann hoffe ich Sie in nicht zu langer Zeit wiederzusehen,« sagte Otto
mit verbissener Wut, indem er sich zum Abschied mit tadelloser
Höflichkeit verbeugte.
»Das wird mir eine wahre Freude sein,« versetzte Ilse und entfernte
sich. --
So schnell sie konnte, eilte sie nach Hause, sie wußte ja, mit welcher
Ungeduld Irma sie erwartete. Und doch hätte sie gewünscht, einen recht
weiten Weg vor sich zu haben, denn sie brachte schlechte Nachricht für
das arme Kind.
Das junge Mädchen kam ihr auch bereits im Flur entgegen. Auf
Großmutters Antlitz las sie sofort ihr Urteil. Ohne etwas zu sagen,
wartete sie, bis Ilse Hut und Mantel abgelegt hatte und sie zu sich
rief.
»Irma,« begann die alte Dame sehr sanft, »du bist doch wohl
überzeugt, daß ich dich von ganzem Herzen lieb habe und alles tun
möchte, um dir Kummer zu ersparen, nicht wahr?«
»Ja, Großmama.«
»So höre mich an, Kindchen. Ich glaube, du wirst dir die Geschichte
mit Hochstein aus dem Sinn schlagen müssen; denn ich fürchte, er hat
mit deinem hingebenden Vertrauen schändlichen Mißbrauch getrieben, und
es hat nie in seiner Absicht gelegen, sich mit dir zu verloben und
dich zu seiner Frau zu machen.«
»Du fürchtest nur, Großmama, bist also doch nicht fest davon
überzeugt. Was hat er denn gesagt?«
»Aus seiner ganzen Haltung, seinem Wesen, seinem Tun und Handeln ist
mir das, was ich fürchtete, zur Gewißheit geworden. Ich habe ihm
gesagt, daß sein Vater entweder bei mir oder bei deinen Eltern um
deine Hand für seinen Sohn anhalten muß. Wenn das geschieht, reden wir
weiter darüber. Aber bis dahin dürft ihr keinerlei Verkehr miteinander
haben.«
Irma schwieg.
»Ihr dürft euch weder sehen, noch schreiben. Ich erwarte beinahe mit
Bestimmtheit, daß der junge Mensch durch leidenschaftliche Briefe
versuchen wird, dich zum Ungehorsam zu verleiten. Wenn er dir
schreibt, darfst du seine Briefe nicht lesen, sondern mußt sie mir
geben.«
»Großmama!«
»Ich werde sie nicht lesen, sondern ihm uneröffnet zurücksenden.«
»Nein, Großmama, das tue ich nicht,« rief Irma, ihre Ruhe verlierend.
»Er würde denken, daß ich nichts mehr von ihm wissen will. Du hast
nicht das Recht, ihn so zu behandeln. Warten wir, bis er sein Examen
gemacht hat. Wenn er dann nicht mit seinen Eltern spricht und nicht
tut, was er mir gelobt hat, und worauf ich fest vertraue, dann magst
du ihn verurteilen.«
Ilse wurde über den nichts weniger als ehrerbietigen Ton, in dem ihre
Enkelin mit ihr sprach, nicht böse, sondern nahm die Hände des
Mädchens sanft in die ihrigen und sagte ernst:
»Ich habe ihm verboten, irgend welche Beziehungen mit dir zu
unterhalten. Handelt er meinem ausdrücklichen Wunsch zuwider, so zeigt
er, daß er kein Ehrenmann ist. Überdies wird er sehr wohl begreifen,
daß nicht du, sondern ich seine Briefe zurücksende. Gottlob wird's ja
nicht lange dauern, bis wir vollkommene Klarheit haben. Er hat
gelogen, als er sagte, daß er in drei bis vier Monaten sein Examen
mache. Onkel Heinz weiß, daß es in eben so viel Wochen stattfindet.«
»Er hat mich überraschen wollen,« rief Irma mit bebenden Lippen, und
bemühte sich tapfer, ihre Tränen zurückzudrängen.
Ilse schlang die Arme um sie und küßte sie.
»Mein armes, liebes Kind,« sagte sie gerührt. »Es klingt hart, und
doch muß ich es aussprechen. Sei nicht zu hoffnungsvoll, sondern
bereite dich auf eine Enttäuschung vor. Ich fürchte, daß dir großes
Leid bevorsteht, ein Kummer, den wir alle, die wir dich lieb haben,
mit unsrer Sorge und Teilnahme dir nicht ersparen, nicht erleichtern
können, den du ganz allein durchkämpfen mußt.«
Sie ging hinaus und ließ das junge Mädchen allein. Irma begab sich auf
ihr Zimmer. Allerhand romantische Ideen gingen ihr im Kopf herum. Sie
empfand Zorn und Bitterkeit gegen ihre Großmutter. Wie kam diese nur
dazu, sich unberufen in Dinge zu mischen, die im Grund nur sie, Irma,
angingen. Sie war doch schließlich nicht ihre Mutter. Und die Kleine
überlegte, ob es nicht das Klügste wäre, ganz heimlich nach München
abzudampfen, ihren Eltern alles zu erzählen und ihre Entscheidung
anzurufen; aber erstens bangte ihr davor, die weite Reise allein zu
unternehmen, zweitens fehlte ihr das nötige Geld, und endlich sagte
ihr eine geheime Stimme in ihrem Innern, daß ihre Eltern der Großmama
recht geben, ja vielleicht noch strenger auftreten würden -- das war
also nichts. Dann dachte sie daran, Gustav zu Hilfe zu rufen. Aber so,
wie sie ihren Bruder kannte, sah sie ein, daß er ihr nicht helfen
könne. Von Agnes war auch nichts zu erwarten. Endlich kam sie auf die
verzweifelte Idee, allem und allen zu trotzen, zu Otto zu gehen und
ihm zu sagen, daß sie ihn liebe, ihm vertraue und ohne ihn nicht leben
könne. Wußte auch er keinen Ausweg, so wollten sie zusammen auf und
davon gehen -- alles war besser, als voneinander zu lassen.
Nachdem sie wohl eine Stunde mit solchen abenteuerlichen Plänen sich
beschäftigt hatte, wurde sie ruhiger und fing an einzusehen, daß ihr
nichts übrig blieb, als sich vorläufig zu fügen. Aber sie tat es mit
einem Herzen voll Groll, denn sie fühlte sich tief gekränkt und fand,
daß ihr bitteres Unrecht geschah. Ihr Gehorsam wurde überdies auf eine
schwere Probe gestellt. Zwei Tage später, als sie mit Großmama beim
Frühstück saß und das Dienstmädchen die Postsachen hereinbrachte,
bemerkte sie, daß ein Brief von Otto an ihre Adresse darunter war.
Auch Ilse war dies nicht entgangen, aber sie stellte sich ganz
unbefangen und tat, als sei sie völlig in ihre Zeitung vertieft. An
allen Gliedern bebend ergriff Irma den Brief, es war, als brenne das
Papier in ihrer Hand, als könne sie die flehenden, leidenschaftlichen
Worte durch den Umschlag hindurch lesen -- dann warf sie einen
verstohlenen Blick nach der scheinbar ahnungslosen Großmama; hätte
diese nur wenigstens gezeigt, daß sie wußte, von wem dies Schreiben
war, aber auch jetzt vertraute sie Irmas Gehorsam vollkommen.
Plötzlich warf das junge Mädchen den Brief vor die alte Dame auf den
Tisch und rief mit erstickter Stimme:
»Da hast du ihn! Aber du handelst schlecht, du tötest mich!«
Und leidenschaftlich schluchzend ging sie hinaus.
Peinlich berührt schaute Ilse ihr nach. Sie vermochte das Kind nicht
zu verdammen, denn in diesem heftigen Ausbruch erkannte sie sich
selbst wieder, wie sie vor vielen Jahren gewesen war. Sie fragte sich,
wie sie in Irmas Alter unter denselben Verhältnissen gehandelt haben
würde, und kam zu der Einsicht, daß »der Trotzkopf« von damals
vielleicht noch viel trotziger, eigensinniger und ungehorsamer gewesen
wäre. Doch diese Selbsterkenntnis machte sie in ihrem Entschluß nicht
wankend; wie groß ihr Mitleid mit dem Kinde auch war, sie mußte fest
bleiben und durfte sich nicht von ihrem Gefühle beherrschen lassen.
So nahm sie denn den Brief mit einem Seufzer auf, veränderte die
Adresse und sandte ihn zurück.
Noch nie war das Verhältnis zwischen Enkelin und Großmutter so
unfreundlich gewesen, wie in den Tagen und Wochen, die nun folgten.
Schweigend, mit einem Ausdruck, der ihr reizendes Gesichtchen
entstellte, saß Irma bei den Mahlzeiten; sie sprach kaum ein Wort, und
all die kleinen Vertraulichkeiten, die lieblichen Neckereien und
Aufmerksamkeiten, die das Leben der beiden so gemütlich und fröhlich
gemacht, hatten ein Ende. Ilse beklagte sich darüber nicht. So viel
sie konnte, tat sie, als bemerke sie die Veränderung nicht, sondern
bemühte sich unbefangen und liebevoll wie gewöhnlich zu sein. Sie
fühlte Mitleid mit dem Kinde und schaute es nur dann traurig und
vorwurfsvoll an, wenn sie auf eine freundliche Anrede eine
schnippische und ungezogene Antwort bekam.
Arme, kleine Irma! Sie konnte sich nicht aufraffen; bisher war ihr
Leben ein sonniges und ungetrübtes gewesen. Kummer und Enttäuschung
waren ihr unbekannte Gäste, mit denen sie sich nicht abzufinden wußte.
Am meisten verletzte es sie, daß sie gar so wenig Verständnis fand,
wenn sie ihr Leid klagen wollte. Der Großmutter stand sie direkt
feindlich gegenüber, und Agnes schalt darüber, daß sie sich so
abscheulich benahm. Der Einzige, bei dem sie, wenn auch keinen Trost,
so doch zärtliche Anteilnahme fand, war Onkel Heinz. Er teilte
vollständig die Ansicht seiner alten Freundin Ilse, das wußte Irma,
und in seiner Gegenwart legte sie ihrer Ungezogenheit und schlechten
Laune Zügel an. Andrerseits aber bemühte er sich nach Kräften, sie
aufzuheitern, indem er allerlei nette Pläne ausheckte, ihr häufig
etwas mitbrachte, und sie überhaupt mehr verhätschelte denn je.
Eines Abends, etwa drei Wochen nach den erzählten Vorfällen, zeigte er
dem jungen Mädchen eine Zeitungsnotiz des Inhalts, daß Baron von
Hochstein sein Referendarexamen gemacht habe. Mit dunkelrotem
Gesichtchen und glänzenden Augen schaute sie zu ihm auf, nahm ihm dann
das Blatt aus der Hand und ging damit zur Großmutter. Ilse las; auch
sie war angenehm überrascht.
»Na, Irma,« sagte sie freundlich, »nun hoffe ich von Herzen, daß dein
Freund unsrer Spannung rasch ein Ende macht; niemand wäre froher als
ich, wenn er beweisen kann, daß ich ihn falsch beurteilt habe.«
»Das wird er sicher können, Großmama,« versetzte Irma triumphierend.
Die nächsten Tage verbrachte sie in fieberhafter Erregung, die sich
noch steigerte, so oft sie den Postboten erwartete. Sie sprach wieder
und wieder mit der Großmama über die Möglichkeit, ja Gewißheit, daß
sie von dem alten Baron oder von Otto Nachricht bekommen würden, sie
hielt an ihren alten Illusionen fest und wollte das Angstgefühl, das
sie oft beschlich, nicht aufkommen lassen. Tage, Wochen vergingen,
keine Nachricht kam. Da flehte sie, an ihn schreiben zu dürfen, um
anzufragen, ob er mit seinem Vater gesprochen habe. Ilse weigerte sich
entschieden, diese Erlaubnis zu geben.
»Ich tue es doch,« rief Irma, »ich muß Gewißheit haben. So kann ich
nicht weiter leben.«
»Du mußt wissen, was du tust,« entgegnete die Großmutter ruhig. »Wenn
du dich so erniedrigst, deine weibliche Würde mit Füßen trittst und
mir ungehorsam bist, schreibe ich noch heute an deine Eltern, dann ist
hier kein Platz mehr für dich.«
Vor Aufregung bebend blickte das junge Mädchen die alte Dame an, aber
in den ernsten, dunklen Augen war nur unbeugsame Festigkeit zu lesen.
Zornig mit den Füßen stampfend wandte Irma sich ab.
Die Versuchung, ungehorsam zu sein und ihrer Sehnsucht nachzugeben,
wäre vielleicht doch übermächtig geworden, da kam endlich die
erwartete Entscheidung, wenn auch in ganz anderer Weise, als sie sich
eingebildet hatte.
Einige Tage nach dem geschilderten Ausbruch nämlich reichte Ilse ihrer
Enkelin einen offenen Brief, der in der wohlbekannten Hand ihre
Adresse trug.
Das Blut stieg Irma ungestüm in die Wangen, dann wurde sie totenblaß
und öffnete zitternd das Blatt.
Es war eine gedruckte Anzeige der Verlobung des Barons Otto von
Hochstein mit der Freiin Laura von Staufenberg.
Einige Sekunden starrte Irma wie geistesabwesend auf den
verhängnisvollen Bogen, der all ihre Hoffnungen zerstörte, allem
Liebesglück und Vertrauen ein jähes und grausames Ende bereitete. Sie
strich sich mit der Hand über die Stirn, stand auf und wollte der
Großmama die Verlobungsanzeige geben, aber plötzlich drehte sich das
ganze Zimmer mit ihr im Kreise, sie schwankte und brach mit einem
dumpfen Wehlaut zusammen.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie in ihrem Zimmer auf der
Chaiselongue. Über sie gebeugt stand die Großmama, die ihr Stirn und
Schläfen mit kölnischem Wasser badete und sie so unendlich liebevoll
und zärtlich besorgt anschaute, daß Irma die Arme um den Hals der
alten Dame schlang und in ein fassungsloses, leidenschaftliches
Schluchzen ausbrach.
Kein Wort des Tadels oder Vorwurfs kam über Frau Gontraus Lippen. Sie
küßte das Kind, preßte es an sich und suchte es zu beruhigen.
Irma weinte und weinte, als sollte ihr das Herz brechen.
»Es ist furchtbar hart,« flüsterte Ilse endlich, »aber du mußt darüber
hinwegkommen, Liebling, du mußt.«
»Ich kann nicht, er war mein ein und mein alles, Großmama, und mein
Vertrauen zu ihm war grenzenlos.«
»Armes Kind, fühlst du denn nicht, wie furchtbar er dich beleidigt,
wie schändlich er dich behandelt hat?«
»Ich weiß nicht,« stöhnte die Kleine, »ich fühle nur, daß ich ihn
liebe.«
Ilse seufzte, aber sie sah ein, daß Trostesworte vorläufig noch
wirkungslos blieben. Nur allmählich konnte es gelingen, bei Irma das
Gefühl der Gekränktheit und des beleidigten Stolzes wachzurufen, das
ihr über diese erste bittere Enttäuschung hinweghelfen würde.
Als Professor Fuchs das Vorgefallene erfuhr, wurde er wütend, und ein
heftiger Gichtanfall packte ihn. Er entwarf die wahnsinnigsten Pläne,
wollte Hochsteins Handlungsweise überall verkünden und ihn dadurch bei
seinen Korpsbrüdern unmöglich machen, wollte ihn fordern oder ihm
wenigstens auf die Bude rücken und ihm die schöne Visage zerbläuen.
Nur mit Mühe gelang es seiner alten Freundin, ihn zur Vernunft zu
bringen und ihm klar zu machen, daß stolzes Schweigen das Beste und
Würdigste sei.
Während der nächsten Wochen schien es, als sei Irma durch diesen
Schlag vollständig geknickt. Mit beunruhigend blassem Gesichtchen und
mattem Lächeln ging sie umher, und eine große Mutlosigkeit hatte sich
ihrer bemächtigt. Ihre schelmische Munterkeit, ihr kecker Übermut
waren vollständig verschwunden. Ein freundliches Wort, eine Liebkosung
trieb ihr Tränen in die Augen, und alle Pläne Ilses, ihr eine
Zerstreuung zu verschaffen, beantwortete sie mit einem gleichgültigen:
»Nein, lieber nicht, Großmama.«
Selbst ihre Toilette machte ihr keine Freude, und das war ein böses
Zeichen. Das kleine, eitle Geschöpf, das sonst mit einem Ernst, als
gälte es die wichtigsten Dinge, über eine hübsche Bluse oder einen
neuen Anzug zu reden pflegte, zog des Morgens das erste beste an, was
ihr unter die Hände kam; das prachtvolle Haar wurde nicht wie früher
sorgfältig frisiert, sondern nachlässig und lose aufgesteckt, ohne daß
Irma den Spiegel zu Rate zog. Am liebsten saß sie ganze Tage allein
auf ihrem Zimmer, und nur mit Mühe ließ sie sich überreden, hinunter
zu kommen. Ilse litt es freilich nicht, daß sie sich ganz absonderte,
und zwang sie im Familienkreise zu erscheinen.
Onkel Fritz und Tante Marianne wußten zwar nicht genau, was
vorgefallen war, aber so weit waren sie doch eingeweiht, daß sie sich
Irmas verändertes Wesen erklären konnten. Sie sowohl wie Maud spielten
mit keiner Silbe auf die Veranlassung an, sondern taten im Gegenteil,
als merkten sie nichts. Beide hegten großes Mitleid für die Kleine und
bemühten sich in ungesuchter Weise, sie etwas aufzuheitern.
Onkel Heinz war durch einen heftigen Anfall seines alten Leidens ans
Haus gebunden. Der Zorn über Baron Hochstein, der Ärger, daß er ihn
nicht zur Verantwortung ziehen durfte und die ganze Wut
hinunterschlucken mußte, verschlimmerten das Übel in hohem Grade.
Aber, während der Professor sich sonst unter ähnlichen Umständen ganz
ungenießbar zeigte, und jeden, der es wagte, ihn zu besuchen, durch
seine schlechte Laune und seine bissigen Ausfälle fortgraulte, schrieb
er jetzt humoristische Briefchen an Irma und bat sie, zu ihm zu
kommen. Als sie seiner Einladung folgte, erzählte er ihr die
lustigsten Schnurren und verstand es so meisterlich sie aufzuheitern,
daß sie lachen mußte und ihr Leid, wenigstens für kurze Zeit, vergaß.
* * * * *
Müllers rüsteten allmählich zu Mauds Hochzeit. Nur noch einige Wochen,
dann kam John, um seine Braut zu holen; erst wollten sie eine schöne
Hochzeitsreise durch Europa machen und sich dann in San Francisko
niederlassen.
Irma nahm an diesen festlichen Vorbereitungen nicht teil. Als Gustav
und Flora sowie Reichers -- denn auch Hans war eingeladen -- ihre
baldige Ankunft meldeten und Herr und Frau von Holten gleichfalls
schrieben, daß sie kommen würden, bat sie unter Tränen Großmama Ilse,
ob es nicht möglich sei, sie für diese Zeit fortzuschicken. Sie fühle
sich außer stande, all die Festlichkeiten mitzumachen; sie würde zu
viel an ihren eigenen Herzenskummer denken müssen und schwer darunter
leiden.
Ilse schüttelte den Kopf:
»Hör' mal, Kindchen,« sagte sie fest, »es wird Zeit, daß wir ein
ernstes Wörtchen miteinander reden. Du mußt doch endlich einsehen, daß
du dich deinem Schmerz nicht ausschließlich hingeben darfst.
Hochstein ist für dich verloren, davon mußt du doch überzeugt sein.«
»Das bin ich ja,« entgegnete Irma, »aber eben deshalb hat mein Leben
keinen Wert mehr für mich.«
»Unsinn, du mußt einsehen lernen, daß der Mensch gar nicht wert ist,
daß du so um ihn trauerst. Kommst du nicht auf Mauds Hochzeit, so weiß
jeder, weshalb. Was ich dir jetzt sagen muß, Irma, ist hart, aber ein
energisches Mittel ist bei dir wirklich nötig. Ein Mädchen, dem so
mitgespielt wurde wie dir, findet wohl Teilnahme. Zeigt sie aber
jedem, daß sie sich um solch unwürdigen Gecken grämt, so lacht man
schließlich über ihre Rührseligkeit und Überspanntheit. Kannst du
deine Enttäuschung noch nicht verwinden, so trage deinen Kummer
wenigstens still und heimlich, damit du den Leuten nicht das Recht
gibst, sich über dich lustig zu machen.«
Irma richtete sich auf; dunkle Röte färbte ihre Wangen; Großmutters
Worte trafen sie wie Peitschenhiebe, und unwillkürlich zog sie ihre
Hand zurück, als die alte Dame sie zärtlich streicheln wollte; aber
sie weinte nicht mehr, und in der stillen Hoffnung, daß ihre Worte
doch ihren Zweck erfüllen würden, zog sich Ilse zurück.
»Ich muß der Großmama beipflichten,« sagte Agnes an demselben
Nachmittag, als Irma ihr von dieser Unterredung erzählte, »es ist
gerade so, als ob du keinen Stolz mehr besäßest.«
Wie gewöhnlich lag Irma auf ihrer Ruhebank, sie zeigte sich aber nicht
mehr ganz so teilnahmlos und gleichgültig wie sonst, wenn sie auch
nicht zugeben wollte, daß die Großmama recht hätte.
»Du verstehst mich nicht, Agnes,« erwiderte sie. »Du bist verlobt und
behauptest Ludwig zu lieben, aber du bist viel zu nüchtern und
praktisch, um zu fühlen, was wahre Liebe ist.«
Agnes lachte. »Wenn wahre Liebe darin besteht, sich mit Füßen treten
zu lassen und jemand nachzuträumen, der deutlich zeigte, daß er nur
mit dir gespielt hat, dann -- ja dann habe ich keinen Schimmer davon,
denn so etwas ließe ich mir nicht bieten.«
»Agnes!« rief Irma, im höchsten Grade erzürnt, »wenn Großmama mir
solche Dinge sagt, mag das noch hingehen, von dir vertrage ich das
nicht.«
»Und doch ist es die Wahrheit,« fuhr die andere eifrig fort. »Komm'
mal her,« sie zog ihre widerstrebende Cousine vor den Spiegel, »schau
dich mal an. Ist's nicht jammerschade, daß ein Mädchen wie du, so
schön, mit solcher Gestalt, solchem Haar und solchen Augen, sich um
dieses Menschen willen so häßlich macht! Du bist wirklich in letzter
Zeit nicht hübscher geworden.«
»Was liegt mir daran?« versetzte Irma. Aber sie schaute doch in den
Spiegel, und ihr wurde angst, daß Agnes am Ende wohl recht haben
könne.
Diese bemerkte ihren Vorteil und fuhr mit gesteigerter Wärme und
Innigkeit fort:
»Liebstes Kind, du kannst für den einen hundert andere bekommen. Wäre
ich so schön wie du, wahrlich ich würde ihm das Vergnügen nicht
gönnen, mit spöttischem Mitleid über mich die Achseln zu zucken.«
»Das Vergnügen soll ihm nicht zu teil werden,« rief Irma; »er braucht
doch nicht zu wissen, daß ich mich um ihn gräme.«
»Als ob ihm das nicht zu Ohren kommen würde! Machst du Mauds Hochzeit
nicht mit, so erfährt er das sicher. Es kommen mehrere Studenten und
Offiziere, die ihn kennen. Soll er denn denken, daß du ohne ihn nicht
leben kannst! Weißt du, was du tun müßtest?«
»Nein.«
»Auf die Hochzeit gehen, dich so schön wie möglich machen und so
lustig sein, daß keine Seele etwas merkt. Glaube mir, ich kenne die
Welt besser als du; wenn Hochstein denken muß, daß du dir's nicht zu
Herzen nimmst, wird er sich ärgern, und das ist doch wohl die kleinste
Strafe, die er verdient.«
Der matte, gleichgültige Ausdruck in Irmas Augen verschwand, ihre
Wangen röteten sich, und mit einem schwachen, selbstzufriedenen
Lächeln nickte sie ihrem Spiegelbilde zu.
»Vielleicht hast du recht,« sagte sie, »ich will mich bemühen, deinem
Rat zu folgen. Versprich mir nur eins -- nie mehr über Otto zu reden.«
»An mir wird es nicht liegen, wenn's doch geschieht,« entgegnete Agnes
munter, »denn ein angenehmer Gesprächsstoff ist er für mich wirklich
nie gewesen.«
Von nun an änderte sich Irma. Als ihre Eltern kamen, und Ruth, die von
ihrer Mutter in alles eingeweiht wurde, sie schweigend, mit
vielsagender Innigkeit umarmte, setzte ihr Töchterlein sie in
Erstaunen, indem es lachend rief:
»Hör' mal, Mamachen, wenn du glaubst, mich bemitleiden zu müssen, bist
du auf dem Holzwege. Großmama hätte dir die kindische Geschichte mit
Baron Hochstein nicht zu erzählen brauchen. Ich habe sie längst
vergessen.«
»Aber Kind, ich glaubte dich ganz niedergebeugt und traurig zu finden.
Ich dachte, du liebest ihn.«
»Ach wo denn, ich bildete mir das nur ein. Jetzt weiß ich, daß es so
ganz gut ist und habe es völlig überwunden.«
»Um so besser, mein Liebling,« sagte Ruth erfreut. Aber als sie der
Großmutter Irmas Worte wiederholte, schüttelte diese das alte, graue
Haupt.
»Mamachen, du bist doch nie zufrieden,« meinte Ruth etwas ärgerlich.
»Was willst du denn mehr? Wir können doch wirklich froh sein, daß die
Kleine die Geschichte so verständig auffaßt.«
»Liebe Ruth,« versetzte Ilse nachdenklich. »Der Übergang ist mir zu
schroff. Wir mußten Irma aus ihrer Teilnahmlosigkeit förmlich
aufrütteln, indem wir ihren Stolz und ihre Eigenliebe zu Hilfe riefen,
nun aber fürchte ich, daß ihre Eitelkeit den Sieg davontragen und sie
zu irgend einem dummen Streich verleiten wird.«
Ungläubig schaute Ruth die Mutter an.
»Zum Beispiel,« fuhr Großmutter leise fort, »aus Trotz den ersten
besten Mann zu nehmen.«
Frau von Holten schwieg; an solch eine Möglichkeit hatte sie noch
nicht gedacht.
»Ich glaube, du übertreibst, Mama,« sagte sie endlich. »Irma ist in
jeder Hinsicht noch das reine Kind.«
»Eben darum,« behauptete Ilse, aber da ihre Enkelin gerade ins Zimmer
trat, wurde das Gespräch nicht fortgesetzt. --
Der Bräutigam, John Forster, war angekommen und machte seinen neuen
Verwandten einen sehr angenehmen Eindruck. Er war ein großer,
stattlicher junger Mann, blond und breitschultrig, mit energischem
Ausdruck in den stahlblauen Augen und großer Ruhe und Gelassenheit in
seinem Auftreten. Er und Maud bildeten ein sehr gesetztes Paar; Flora,
die mit ihrem Manne bei Großmutter Gontrau wohnte, wunderte sich im
stillen, daß Braut und Bräutigam nach so langer Trennung einen ganzen
Abend beisammen sein, sich mit jedem gemütlich unterhalten konnten,
und nicht einzig und allein für einander Ohren und Augen hatten.
Als Flora schüchtern bemerkte, daß John und Maud nicht den Eindruck
eines verliebten Paares machten, lachte die junge Braut so heiter und
herzlich, und aus ihren hübschen, ernsten Augen strahlte ein so
sonniges Glück, daß niemand an ihrer innigsten Liebe und Zuneigung
für einander zweifeln konnte. --
Onkel Heinz, der mit Hilfe eines Stockes wieder umherhumpelte, setzte
die ganze Familie, die ihn noch ans Zimmer gebunden glaubte, in
Erstaunen, als er plötzlich eines Abends in ihrem Kreise erschien. Er
unterhielt sich viel mit dem jungen Amerikaner; aber als Hans Reicher
ankam, hätte der Professor leicht in den Verdacht der Unbeständigkeit
und Launenhaftigkeit kommen können, denn nun zog er die Gesellschaft
des jungen Gutsbesitzers jeder anderen vor und vertiefte sich mit ihm
in alle möglichen Fragen des Ackerbaus und der Viehzucht. Hans
verweilte gern bei dem alten Sonderling; Onkel Heinz hatte sich sofort
angeboten, ihn als Logiergast aufzunehmen, und da bei Müllers wie bei
Ilse Gontrau das Haus besetzt war, nahm Hans dies Anerbieten dankend
an.
Große Hochzeitsfeierlichkeiten sollten nicht stattfinden, die Abende
aber, die der heiligen Handlung vorangingen, verbrachte die Familie
stets gemeinsam. Es wurde viel musiziert, mitunter auch getanzt, und
das Zusammensein mit einem gemütlichen Abendessen beschlossen. Irma
nahm so heiter an allem teil, daß jeder sich darüber wunderte. Als sie
am ersten Abend erschien, anmutiger denn je, in einem hellgrünen,
duftigen Kleide, schelmisch und ausgelassen wie früher mit der Jugend
Unsinn trieb, die älteren Herren durch ihr Geplauder bezauberte, so
daß sie bald wieder der Mittelpunkt war, um den sich alles drehte,
schüttelte Maud ernst den Kopf und flüsterte ihrer Schwester zu:
»Die Irma ist doch wirklich eine arge Kokette; von ihr kann man auch
sagen: Viel Lärm um Nichts!«
Agnes schwieg und schaute bekümmert nach Irma, die gerade auf dem Sofa
saß. Vor ihr stand Hans Reicher und hörte mit ernster Miene ihrem
Geplauder zu. Das Mädchen war bildschön, wenn möglich noch schöner als
früher, aber ihrem Benehmen fehlte das reizend Kindliche, das sie so
unwiderstehlich gemacht hatte. Mit ausgesprochener Gefallsucht
streckte sie den kleinen Fuß vor, um dessen tadellose Form zur Geltung
zu bringen; sie bemühte sich, während sie saß, die anmutigste Haltung
anzunehmen, lehnte ihr blondlockiges Köpfchen an den Sessel, weil sie
wußte, daß es sich von dem roten Plüsch besonders vorteilhaft abhob;
sie lachte, um ihre Perlzähnchen zu zeigen, schlug die großen
Vergißmeinnichtaugen bald schüchtern, bald wieder übermütig auf und
bemerkte mit einem häßlichen Triumphgefühl befriedigter Eitelkeit, wie
sie den guten Hans in Verwirrung brachte und bezauberte.
»Ob Hans weiß, was Irma durchgemacht hat?« fragte Maud plötzlich ihre
Schwester.
»Nein, wer sollte ihm das erzählt haben?«
»Ich dachte, du oder Ludwig.«
»Ich werde mich hüten. Wir haben das Recht nicht, Irmas Geheimnis an
die große Glocke zu hängen -- das wäre garstig.«
»Allerdings,« gab Maud zu, »aber ich glaube, der arme Hans hat wieder
Feuer gefangen, und siehst du denn nicht, wie furchtbar sie mit ihm
kokettiert?«
»Gewiß, aber weil sie so stark aufträgt, wird er's wohl merken, und
tut er das nicht, so ist er ein Schaf,« entgegnete Agnes unwillig.
Hans Reicher war der Einladung zu Mauds Hochzeit mit schwerem Herzen
gefolgt. Ihm bangte vor dem Wiedersehen mit Irma. Fern von ihr, in
Anspruch genommen durch seinen Beruf und seine vielen Geschäfte, hatte
er die Kraft besessen, seinen Kummer zu beherrschen, das
Unvermeidliche zu tragen, ohne sich in Sehnsucht zu verzehren nach
einem Glück, das ihm unerreichbar dünkte. In den ersten Wochen nach
Gustavs und Floras Hochzeit hatte er täglich die Anzeige von Irmas
Verlobung mit Hochstein erwartet, und als diese nicht kam, schließlich
Ludwig ausgeforscht.
Aber der Bruder, der von seiner Braut nicht in Irmas Herzensgeheimnisse
eingeweiht war, hatte nichts gewußt, und Hans zu stolz, um sich
bedauern zu lassen, hatte nicht weiter geforscht und nicht
widersprochen, als Ludwig eine Anspielung machte, daß seine Zuneigung
für das schöne Mädchen rasch verflogen zu sein schiene.
Trotz aller Vernunftgründe, die dafür sprachen, die Einladung
abzulehnen und Irma nicht wiederzusehen, um seine teuer erkaufte Ruhe
nicht von neuem aufs Spiel zu setzen, war er doch zur Hochzeit
gekommen, getrieben von seiner Sehnsucht nach der Geliebten. Er hatte
sich aber fest vorgenommen, ihr kühl gegenüber zu treten und ja nie
den unglücklich Liebenden zu spielen, um nicht ausgelacht zu werden.
Irma begrüßte ihn mit unerwarteter Herzlichkeit. Sie sprach so
freundlich mit ihm, bewies plötzlich so viel Teilnahme an allem, was
ihn betraf, schaute ihn so merkwürdig an, daß der arme Hans seine
guten Vorsätze vergaß und seine Hoffnung, Irma dereinst doch die seine
zu nennen, sich auf Riesenschwingen emporhob. Von Hochstein hörte er
nichts, also war das doch nur ein vorübergehender Flirt gewesen. Seine
Klugheit verließ ihn vollständig; er war wie mit Blindheit geschlagen,
merkte die Gefallsucht des schönen Mädchens nicht, sondern sah dieses
in dem Lichte, in dem er es sehen wollte, und so kam er zu dem
Entschluß, nicht eher heimzukehren, als bis er Gewißheit hätte.
An dem Abend, an welchem Maud ihre Schwester auf Irmas leichtfertiges
Betragen aufmerksam machte, fühlte Hans sich im siebenten Himmel. Er
erzählte von seinem Schaffen und Streben, von den Verbesserungen, die
er in den letzten Jahren eingeführt habe, und sie tat, als lauschte
sie aufmerksam, klappte dabei ihren Fächer auf und zu, hielt ihn aber
zum öftern vors Gesicht, um ihr unterdrücktes Gähnen zu verbergen, und
sagte endlich:
»Trotz alledem ist's doch wohl ein bißchen langweilig, immer auf dem
Lande zu sitzen, Hans, wie? Möchten Sie nicht lieber in einer großen
Stadt wohnen?«
»Bisher habe ich mich noch nie danach gesehnt. Ich fühlte mich in
meiner Umgebung und bei meiner Arbeit vollkommen glücklich.«
»Sie sprechen von 'bisher', ist es denn jetzt nicht mehr so?«
»Jetzt bin ich nahe daran, mir einen Beruf zu wünschen, der mich mehr
unter Menschen und in das Leben und Treiben der Großstadt führt.«
»Wie ist das möglich?« fragte Irma mit der unschuldigsten Miene von
der Welt. »Warum denn?«
Hans beugte sich zu ihr herab. Er sah bleich aus, und seine Lippen
bebten als er ihr zuflüsterte:
»Weil ich es dann eher wagen würde, eine Bitte auszusprechen, deren
Erfüllung mich zum glücklichsten aller Sterblichen machen würde.
Verstehen Sie mich, Irma?«
»Hans!« ertönte plötzlich die barsche Stimme von Professor Fuchs, »wir
brauchen einen vierten Mann zum Whist. Von Ludwig kann natürlich keine
Rede sein; als Bräutigam ist er verliebt und also nicht normal; kommen
Sie nur mit, mein Junge.«
»Aber Onkel Heinz,« schmollte Irma, »da ist doch noch Gustav und
Papa.«
Der alte Herr fing an zu lachen. »Mit den beiden spiele ich nicht; ich
glaube nicht, daß sie einen Buben von einem König unterscheiden
können.«
»Ich habe keine Lust, meine Dame im Stich zu lassen, Herr Professor,«
wehrte sich Hans, »ich mache mir nichts aus Whist.«
»Der Mensch kann nicht immer tun, was er am liebsten mag; wenn ich den
ganzen Abend das Getue und Geschwätz der Leute hier sehen und anhören
muß, kriege ich einen neuen Gichtanfall. Also erbarmen Sie sich des
alten Brummbären.«
Hans schaute Irma an; sie lachte ihm mit solch lieblichem Erröten und
solcher Verheißung in den strahlenden Augen zu, daß ihm vor seliger
Erwartung schwindelte. Er ergriff ihr Händchen, drückte es so kräftig
und lange, bis es ihr förmlich weh tat, und folgte Onkel Heinz.
Irma seufzte und lächelte doch zugleich. Ihr gegenüber hing ein großer
Spiegel; sie schaute hinein und dachte gerade, wie wunderhübsch sie
doch eigentlich sei, als sie im Glase dem ernsten Blick der Großmama
begegnete, welche sie ruhig und streng ansah. Das Mädchen wandte sich
ab und wurde rot bis unter die Haarwurzeln. Aber sie befand sich in
übermütiger Laune. Der Kummer, den sie erlitten, hatte sie zuerst fast
zerschmettert; dann hatte die arge Niederlage ihrer Eitelkeit den
Schmerz verdrängt, und das Gefühl des Unglücks und der Trauer hatte
sich in Bitterkeit umgewandelt. Sie war an ihrem wundesten Punkt
getroffen worden, nun raste sie weiter auf dem Wege, den sie einmal
eingeschlagen hatte -- und als Hans ihr an diesem Abend das Geleite
gab und ihr beim Einsteigen in den Wagen zuflüsterte:
»Darf ich Ihnen morgen weitererzählen, Irma, was ich erbitten möchte,
und was mich so unendlich glücklich machen würde?« neigte sie ihr
Köpfchen, zog die Hand zurück und lispelte kokett:
»Ich habe wirklich gar keine Ahnung, was das sein kann, aber wenn Sie
mich zu Ihrer Vertrauten machen wollen, ist mir's recht.«
Nun stand sie in ihrem Schlafzimmer im weißen Unterröckchen vor dem
Spiegel und bürstete ihr Goldhaar. Sie nahm die seidenen Locken in
die Hände und streichelte sie liebkosend, wobei ihr einfiel, womit
Otto von Hochstein sie so oft verglichen hatte: mit Kornähren, auf
welche die Sonne schien, mit gesponnenen Sonnenstrahlen und flüssigem
Gold. In einer bitteren Aufwallung wand sie ihre Locken plötzlich in
einer dicken Flechte um den Kopf und tat dies so heftig und mit so
harter Hand, daß verschiedene von den spinnwebenfeinen Goldfäden an
ihren spitzen Fingerchen hängen blieben.
Da öffnete sich die Tür ihres Zimmers, und Ilse, bereits im
Nachtgewand, das weiße Haar unter einer Haube verborgen, trat ein.
»Ist etwas geschehen, Großmama?« fragte Irma erschreckt. »Ist dir
nicht wohl?«
»Ich wollte noch mit dir sprechen, Kind.«
Irma schaute der Großmama in das feine Antlitz, das einen sehr
strengen Ausdruck zeigte; und als ahne sie den Zweck dieser
Unterredung, unterdrückte sie ein Gähnen, blickte nach der Wanduhr und
sagte:
»Es ist schon so spät.«
»Das tut nichts. Ich finde keine Ruhe, bevor ich dich nicht gefragt
habe, ob du die Absicht hast, Hans Reicher zu nehmen, wenn er sich um
dich bewirbt?«
Irma wurde glühend rot.
»Ja,« sagte sie, und fügte spottend hinzu:
»Findest du das nicht herrlich, solch guten Mann, auf den ihr alle so
große Stücke haltet? Diesmal kannst du doch nichts gegen meine Wahl
einwenden?«
»Liebst du Hans?« fragte Ilse streng.
»Ich glaube. Und es ist schon sechs Wochen her, seit Hochstein seine
Verlobung anzeigte. Da wird es hohe Zeit, daß er von mir Ähnliches
hört.«
»Du willst Hans heiraten, ohne ihn zu lieben, nur aus Trotz und
gekränkter Eitelkeit?«
»Warum nicht, Großmama? Du hast selbst gesagt, ich müsse meinen Kummer
überwinden, ich würde für rührselig und verschroben gehalten werden,
wenn ich fortführe zu trauern. Nun wird wenigstens keiner mehr über
mich lachen.«
»Du solltest meine Worte nicht absichtlich verkehrt auslegen,«
erwiderte die Großmama, und ihre dunklen Augen schauten Irma so
strafend an, daß sie die ihren niederschlug. »Du weißt ganz gut, was
ich meinte. Du bist im Begriff, eine große Dummheit zu begehen, und
eine Schlechtigkeit obendrein. Wem nützt es etwas, wenn du dich und
Hans unglücklich machst? Glaubst du, daß Otto von Hochstein sich das
zu Herzen nehmen würde?«
»Es wird ihn wenigstens ärgern, wenn er sieht, daß ich ihn so rasch
vergessen habe.«
»Und um eines so armseligen Triumphes willen, dessen du überdies noch
nicht einmal sicher bist, willst du dich erniedrigen, indem du einen
Mann heiratest, den du nicht liebst! Das verbiete ich dir, Irma. Ich
warne dich, ich will das nicht.«
»Aber ich will!« rief Irma auffahrend und in einem Tone, den sie ihrer
Großmutter gegenüber noch nie angeschlagen hatte. »Wenn Hans um mich
anhält, nehme ich ihn; ich will doch sehen, wer mir das verbieten
kann.«
Mit flammenden Augen stand sie vor der alten Dame.
Ilse blickte sie an und erkannte sich selbst in dem aufgeregten,
überreizten Kinde wieder, das jedem Vernunftgrunde unzugänglich war
und alles opfern wollte, um seinem trotzigen Sinne zu folgen. Die alte
Frau fühlte ihren Zorn schwinden; sie begriff, daß der Kummer und die
Enttäuschung, die Irma erfahren hatte, schlecht auf ihren Charakter
wirkten, anstatt sie demütig und geduldig zu machen, den Geist des
Widerstandes und gekränkten Stolzes in ihr weckten. Sie sah ein, daß
mit Gewalt und Strenge hier nichts auszurichten war.
»Wirst du Hans sagen, was du erlebt hast?« fragte sie ruhig.
»Nein, natürlich nicht.«
»So hast du also die Absicht, ihn zu betrügen?«
»Otto hat mich auch betrogen.«
»Ist das ein Grund? Mußt du ebenso schlecht sein wie er?«
»Das ist mir ganz egal,« rief Irma heftig. »Du kannst stundenlang
reden, Großmama. Ich will der Welt zeigen, daß Irma von Holten um
einen neuen Anbeter nicht verlegen ist, wenn der alte sie im Stich
gelassen hat.«
»Denke darüber nach, Kind, ich warne dich zum letzten Male.«
Aber Irma wandte sich ab und gab keine Antwort mehr.
* * * * *
Großmutter Gontrau verbrachte eine schlaflose Nacht, und als sie
andern Tages am Frühstückstisch erschien, sah sie so angegriffen aus,
daß es allen auffiel. Auf die Frage, was ihr fehle, erwiderte sie, daß
sie nur ein wenig Kopfweh habe; sie sehne sich nach frischer Luft und
wolle einen kleinen Spaziergang machen. Ruth erbot sich, die Mutter zu
begleiten, doch Ilse wünschte allein zu gehen, dann brauche sie nicht
zu reden. Irma und Flora sollten den Morgen benützen, um ihre
Toiletten für das große Ereignis, die Hochzeit, in Ordnung zu bringen,
auch die andern hätten gewiß noch manches zu besorgen, und sie wolle
niemand stören.
Großmutter Ilse ging nicht weit. Das Gartentor von Müllers Villa stand
offen, und in der Laube saßen Maud und John.
»Was, liebe Großmama, du hast dich so früh schon aufgemacht?«
»Ja, liebes Bräutchen, ich hatte ein paar Besorgungen zu machen und
wollte mich hier ein Weilchen ausruhen. Du brauchst Mama nicht zu
rufen, ich weiß, wieviel sie zu tun hat. Wo sind die jungen Leute?«
»Ludwig und Agnes sind spazieren gegangen. Natürlich, wenn die mal
auskneifen können, tun sie's mehr wie gern. Hans war eben hier, jetzt
ist er mit Papa hinten im Garten.«
»So will ich ihn aufsuchen, ich muß ihm etwas sagen. Nein, liebes
Kind, nicht neugierig sein. Du weißt, in den Hochzeitstagen hat die
Familie eine Menge Geheimnisse, von denen das Brautpaar nichts wissen
darf.«
»O, ich bin nicht neugierig,« erwiderte Maud und setzte sich ruhig
wieder neben John, der ihr aus einer englischen Zeitung vorlas,
während sie mit einer Handarbeit beschäftigt war.
Hans kam gerade um die Ecke und zeigte sich sehr erfreut, Ilse zu
sehen.
»Schon so früh hier, gnädige Frau? Ich will Frau Müller rufen.«
»Nein,« versetzte die alte Dame, »das ist nicht nötig. Eigentlich kam
ich zu Ihnen, Reicher, denn ich erwartete Sie hier zu finden.«
»Zu mir, gnädige Frau? Kann ich etwas für Sie tun?«
»Ja,« sagte Ilse. »Wollen Sie mich nach Hause begleiten?«
»Sehr gern. Ich stehe ganz zu Ihren Diensten.«
Sie verließen zusammen die Villa und plauderten einige Augenblicke
über gleichgültige Dinge. Dann schlug Großmutter Gontrau einen
Seitenweg ein, der durch einen kleinen Park nach ihrer Wohnung führte.
Hier war es sehr still. Hans, der noch immer nicht wußte, was sie mit
ihm zu besprechen hatte, schaute sie verwundert von der Seite an.
»Darf ich Ihnen eine unbescheidene Frage vorlegen, Reicher?«
Hans nickte ein wenig beklommen, er wußte selbst nicht warum.
»Lieben Sie meine Enkelin Irma?«
»Ja, gnädige Frau,« sagte er schlicht, aber das genügte. Der ernste
Ausdruck seiner grauen Augen, der tiefe, volle Klang seiner Stimme
machten alle weiteren Beteuerungen überflüssig.
Ilse reichte ihm die Hand.
»Das freut mich,« erwiderte sie, »ich glaube nicht, daß es auf der
ganzen weiten Welt einen Mann gibt, dem ich sie lieber anvertrauen
würde.«
»O, wie innig danke ich Ihnen, gnädige Frau,« stammelte Hans entzückt.
»Und doch muß ich Ihnen abraten, ihr jetzt schon die große Frage zu
stellen. Warten Sie noch.«
»Weshalb raten Sie mir das, gnädige Frau?«
»Irma ist noch so jung ...« entgegnete Ilse zögernd, »so unbesonnen.«
»Ach, gnädige Frau, wenn das der einzige Grund ist, dann glaube ich,
daß eine Liebe wie die meine, so warm, so treu und gut gemeint, sie
reifer machen wird.«
»Es gibt noch einen andern Grund.«
»Und wenn es hundert gäbe, Frau Gontrau,« rief Hans ungeduldig, weil
die alte Dame nur in halben Andeutungen sprach, »ich kann nicht
warten; gestern habe ich Irma gegenüber bereits angedeutet, daß ich
heute diese wichtige Frage stellen werde. Warum sind Sie dagegen?«
»Weil Irma Sie zur Zeit noch nicht liebt, und wenn sie Ihren Antrag
annimmt, es aus Trotz tut, aus gekränkter Eitelkeit, weil ein anderer
mit ihr sein Spiel getrieben hat.«
Hans Reicher wurde totenbleich und schaute Ilse Gontrau entsetzt an.
Über sein offenes, ehrliches Antlitz legte sich ein Ausdruck so tiefen
Kummers, daß sie fühlte, wie ihre Augen feucht wurden. Ganz in der
Nähe stand eine Bank unter einem Platanenbaum, der sie den Blicken
Vorübergehender entzog. Sie nahm seine Hand und zwang ihn, sich neben
sie zu setzen.
Dann erzählte sie ihm alles.
Er hörte ihr zu, gesenkten Hauptes und mit fest zusammengepreßten
Lippen. Ilse hatte wohl einen Ausruf der Entrüstung, des Schmerzes
erwartet, aber er schwieg.
»Reicher,« begann sie endlich wieder, »Sie müssen doch einsehen, daß
ich Ihnen das alles gesagt habe, weil es meine Pflicht ist, weil ich
nicht anders konnte. Ich habe Irma gewarnt, doch sie hat nicht hören
wollen. Möglich, daß ich zu schwach gegen sie war, aber ich habe sie
so über alle Maßen lieb! Jetzt muß ich sie gegen ihr eigenes Ich zu
schützen suchen. Sie braucht eine harte Lehre. Ist Ihre Liebe groß
genug, um ihr diese zu erteilen?«
»Ja, gnädige Frau.«
»Für den Augenblick ist sie entschlossen, Ihnen ihr Jawort zu geben.
Ist Ihre Liebe stark genug, um dasselbe jetzt nicht anzunehmen und sie
zu hindern, daß sie etwas tut, was schlecht und ihrer nicht würdig
ist?«
»Ja, gnädige Frau.«
Bewundernd drückte Ilse ihm die Hand.
»Ich wußte wohl, daß ich mich in Ihnen nicht getäuscht habe. Alles,
was wir gesprochen haben, bleibt ein Geheimnis zwischen uns beiden. Es
wird eine Zeit kommen, in der Irma ihr Unrecht einsieht.«
»Das glaube ich nicht, gnädige Frau, wage auch nicht, darauf zu
hoffen. Ich werde Irma ewig lieben, weil ich nicht anders kann, weil
ich gleich beim ersten Mal, als ich sie sah, fühlte, diese oder keine.
Aber liebe ich sie auch noch so unendlich, mit mir spielen lasse ich
nicht.«
Großmutter Gontrau zog sich, so bald sie wieder nach Hause gekommen
war, ungesehen auf ihr Zimmer zurück. --
Zum Abend hatte Onkel Heinz die ganze Familie zu sich eingeladen; er
wollte doch auch das Brautpaar durch eine Festlichkeit ehren. Schon
seit Tagen hatte er mit Hansens Hilfe seine Zimmer ausgeräumt und die
Leute, bei denen er wohnte, in Wut versetzt, weil er das ganze Haus
von unterst zu oberst kehrte. In seinem Studierzimmer stand die große
Tafel zum Abendessen gedeckt. Solche Unmengen hatte er von allem
bestellt, daß seine Hauswirtin seufzend erklärte, es würde hinreichen,
ein ganzes Regiment zu bewirten. Aber der alte Herr hatte sich nicht
raten lassen.
Kalter Lendenbraten, zierlich geschnitten, mit Sülze belegt und von
Petersilie eingefaßt, war zwischen Schüsseln mit Hühnern und Koteletts
aufgestellt, die Beinchen und Knochen sauber in Papiermanschetten
gesteckt; der polnische Salat wetteiferte in kunstreicher Anordnung
und Farbenpracht mit den schönen gelben und rosa Torten. Knall-Bonbons
in vergoldeten Hülsen, Schalen mit eingemachten Früchten, Puddings und
Crêmes spiegelten sich wieder im Grün und Goldgelb der Rheinwein- und
Champagnergläser. Das Allerschönste und Kunstvollste aber war das
Mittelstück, ein hoher, aus Mandelteig gebackener, von einer
sinnbildlichen Darstellung aus Zucker gekrönter Tempel.
Am Kamin stand, wie Soldaten in Reih und Glied, eine Batterie
Flaschen, allerhand feine Marken. Die Sektflaschen mit ihren goldenen
und silbernen Hälsen stellten die Offiziere inmitten der Gemeinen vor.
Onkel Heinz' Schlafstube, der größte Raum der ganzen Wohnung, war in
einen Tanzsaal verwandelt; alle Möbel waren entfernt und der Himmel
weiß in welche Ecken und Winkel des Hauses gestopft worden. Er und
Hans hatten schon die Nacht vorher in der guten Stube der Wirtsleute
geschlafen. Um den Tanzsaal würdig auszustatten, hatte er Bänke und
Diwans gemietet und längs den Wänden aufgestellt. Auch ein Klavier war
herbeigeschafft worden, und da keiner der Gäste sich mit dem Ableiern
der Tanzmusik abmühen sollte, erschien ein dünnes Menschlein, das für
fünfzehn Mark den ganzen Abend aufspielen und schon während des
Soupers etwas zum Besten geben sollte. Doch bevor sich dieser Künstler
ans Klavier setzte, hatte der Professor ihn so mit allerhand guten
Dingen vollgestopft und ihm so viel Burgunder zu trinken gegeben, daß
es sehr fraglich war, ob er seine Aufgabe zur Zufriedenheit lösen
würde.
Das Wohnzimmer diente zum Empfang der Gäste. Riesige Blumengruppen
standen in den Ecken, die Türe war ausgehoben und an ihrer Stelle eine
Art Ehrenpforte entstanden, unter der Maud und John durchgehen mußten.
Aber als das Brautpaar mit seinem Gefolge eingetreten war, als der
unglückliche Jüngling am Piano den Hochzeitsmarsch in rasendem Tempo
abgespielt hatte, und jeder seiner Bewunderung und Freude über diesen
festlichen Empfang Ausdruck gab, blieb es doch nicht ganz verborgen,
daß es an der guten Laune des Gastgebers haperte, so sehr er sich auch
bemühte, es nicht durchblicken zu lassen. Endlich gestand er, daß er
wütend sei, weil Hans an diesem Nachmittag einen dringenden Brief von
Hause erhalten habe, der seine schleunige Heimkehr nötig machte;
schon am folgenden Tage müsse er abreisen. Ausrufe des Bedauerns, der
Verwunderung und Neugier folgten. Blieb Hans denn nicht wenigstens bis
zur Hochzeit? War seine Anwesenheit daheim so dringend erforderlich,
daß er sie nicht um ein paar Tage verschieben konnte? Was mochte
vorgefallen sein?
Freundlich, aber mit großer Entschiedenheit erklärte Reicher, daß sein
Entschluß unwiderruflich feststehe; er könne nicht genau
auseinandersetzen, warum seine Abreise so dringend nötig sei, denn es
wäre kein Thema, das er auf einem Feste erörtern möchte. Die Freude
und das Vergnügen dürfe dadurch in keiner Weise gestört werden. Alle
schauten einander erstaunt an, wagten aber nicht weiter zu fragen; das
Klügste, das fühlte jeder heraus, war, den Gegenstand fallen zu
lassen. So taten denn alle ihr Bestes, die Störung vergessen zu
machen, und bald ließ die Stimmung, was Fröhlichkeit und
Ausgelassenheit betraf, nichts zu wünschen übrig.
Onkel Heinz jedoch konnte es noch immer nicht verwinden, und als das
Fest in vollem Gange war, winkte er Irma, führte sie in ein
abgelegenes Winkelchen und fragte ohne jede Einleitung ziemlich
schroff:
»Nun sollst du mir mal ehrlich beichten, kleine Kröte, welchen Anteil
du an Hans' plötzlicher Abreise hast?«
Irma war über diese Neuigkeit ebenso erstaunt gewesen wie die andern
und hatte geglaubt, Hans würde zu ihr kommen und ihr sein bitteres
Leid klagen, daß seine Pflicht ihn plötzlich abriefe. Nichts von
alledem! Es schien, als vermeide der junge Mann, auch nur einen
Augenblick mit ihr allein zu sein und vertraulich mit ihr zu reden.
Als sie wie alle andern ihrem Bedauern, daß er fort müsse, Ausdruck
gab, hatte er sie einen Moment flüchtig angeschaut und dann lächelnd
versichert, solches Interesse sei zu viel Ehre für ihn. Während des
ganzen Abends fand sie bei ihm die kühle Höflichkeit und
Gleichgültigkeit wieder, die er ihr auf Floras und Gustavs
Hochzeitsfest erwiesen hatte, und nichts von der großen Liebe, den
ehrerbietigen und doch so auffallenden Huldigungen der letzten Tage.
Zuerst war Irma sehr erstaunt -- Hans zeigte sich so heiter, so gut
aufgelegt, so ruhig und absolut nicht reizbar oder erregt, daß sie
diese plötzliche Umwandlung nicht begriff -- dann wurde sie wütend.
Was bildete er sich denn ein? Wagte auch er es, mit ihr zu spielen?
Sie wollte ihn haben, um sich an Hochstein zu rächen; vereitelte er
diesen Plan, so sollte er dafür büßen. Sie hätte vor Zorn weinen mögen
und durfte sich doch nichts merken lassen, sondern mußte tun, als
unterhielte sie sich herrlich. Sie hatte über den einfältigen Hans die
Achseln gezuckt, der sich so rasch wieder einfangen ließ, der aufs
neue ihr gehorsamer Sklave war, als sie ihn durch ihr gefallsüchtiges
Betragen anlockte. Jetzt hätte sie ihn so gern ausgelacht, sich über
ihn lustig gemacht, ihn zur Zielscheibe ihres Spottes gewählt, aber
sie konnte nicht; es lag etwas in seiner Haltung, seinem Benehmen, was
sie hinderte. Suchte sie ihn dennoch aufzuziehen, so ging niemand
darauf ein -- sie machte sich nur selbst lächerlich und hatte die
größte Mühe, ihren Ärger zu unterdrücken.
Kein Wunder, daß sie nun auf Onkel Heinz' Frage auch heftig und böse
antwortete:
»Ich habe nichts zu beichten. Ob Hans fortgeht oder bleibt, ist mir
vollständig einerlei.«
»Ich glaubte doch ....« nahm der Professor wieder das Wort, Irma aber,
gereizt durch alle Vorfälle der letzten Zeit, fiel ihm mit der ganzen
Frechheit eines verzogenen Kindes in die Rede:
»Du brauchst nichts zu glauben, Onkel Heinz. Zwischen dem Bauern und
mir gibt's nichts. Ich will gar nichts mit ihm zu schaffen haben.«
Onkel Heinz wurde nicht böse.
»Dann ist's ja gut,« sagte er ruhig, »denk' nur an das Märchen vom
Schweinehirten, Kind.«