Irma lachte. »Wie mag Ihnen da wohl zu Mute sein?«

»Ich möchte die ganze Welt ans Herz drücken, mir ist, als ob das Leben

all seine Schönheit und Herrlichkeit über mich ausschüttete, als ob

alles, was ich je geträumt, Wirklichkeit würde, so daß ich mein Glück

kaum fassen kann!«

Die Musik, die eine Pause gemacht, begann aufs neue. Irma stand auf.

»Das ist der letzte Walzer,« erklärte sie, »den hab' ich versprochen.«

Schon legte der Baron ihren Arm in den seinen.

»Mir?« bat er flehend.

»Nein, nein, Hans Reicher,« stammelte sie.

Er fing an zu lachen.

»O, das ist wohl der Herr mit dem wütenden Gesicht, der uns, so oft

wir vorbeitanzten, ansah, als wollte er uns fressen?«

Irma lächelte; sie konnte sich Hans schwer mit einem wütenden Gesicht

vorstellen. Leise aber sagte sie:

»Ich hab's ihm versprochen.«

»Nun gut, er kann mich fordern, wenn er will. Ein Duell um Ihretwillen

wird ihm wie mir etwas Göttliches sein!«

Irma schaute entsetzt auf. Hochsteins samtschwarze Augen strahlten,

unwillkürlich senkte sie die ihren.

Da schlang er den Arm um sie; sie fühlte sich emporgehoben, ihr war,

als schwebte sie. Schneller und immer schneller ward das Tempo. So

hatte sie noch nie getanzt. Sie vergaß alles: Hans, der sie, die

Lippen zusammengepreßt, mit einem tieftraurigen Ausdruck in seinen

treuen Augen ansah; ihre Herzensangst, als der Baron vom Duellieren

sprach -- sie fühlte nur, wie schön das Leben war, entzückend. Mit

geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen gab sie sich dem Zauber

dieser Stunde hin und fühlte sich von seligem Traum umfangen.

»Irma, mein Kind, es ist genug, du machst dich zu müde.«

Es war die Stimme ihrer Mutter, die sie zur Besinnung brachte. Noch

ganz schwindlig schaute sie sich um, während Hochstein sie zu einem

Stuhl führte.

»Gnädige Frau, dies war der letzte Tanz. Die Musik geht schon fort.«

»Um so besser,« versetzte Ruth, »komm Irma!«

»Auf Wiedersehen, meine Damen.«

Der Baron entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung.

»Es ist mir gar nicht lieb, daß Onkel Heinz die jungen Leute zur Bowle

eingeladen hat,« sagte Ruth.

»Weshalb, Mama?«

»Weil ich finde, daß du dich zu viel mit jenem jungen Manne

unterhältst. Das fällt auf.«

»Aber Mama, wir haben ein paarmal zusammen getanzt. Was tut denn das?«

»Nichts, doch du hättest auch mit andern tanzen können, mit Hans zum

Beispiel.«

Irma schwieg und schwebte auf den Professor zu, der mit einigen

Studenten plauderte.

»Onkel, nun kommt deine Einladung an die Reihe.«

»Ja, kleiner Schelm,« und er kniff ihr in die glühenden Wangen. »Heute

ist unser Kind in seinem Element, was?«

Irma wurde rot, weil der alte Herr sie in Gegenwart der jungen Leute

so behandelte, aber sie war doch zu glücklich, um etwas anderes zu

tun, als lächelnd zu nicken.

Professor Fuchs zog ihren Arm in den seinen.

»Darf ich die Damen und Herren bitten!« rief er und eröffnete den Zug;

paarweise folgten die übrigen. Die Kellner hatten im Garten eine lange

Tafel hergerichtet. Auf der blau und rot karrierten Tischdecke prangte

die Riesenbowle, umgeben von den goldschimmernden Gläsern, rechts und

links flankiert von zwei großen Blumensträußen.

Wie es zuging, wußte sie selbst nicht, aber wieder fand Irma ihren

Platz neben Hochstein. Bald schallte fröhlicher Gesang und Gelächter

durch den Garten. Unter ohrbetäubendem Jubel stimmte Professor Fuchs

das alte Studentenlied an:

Hochgesang und Rebensaft

Lieben wir ja alle!

Darum trinken wir mit Kraft

Schäumende Pokale!

Und da Ilse neben ihm saß, stieß er mit ihr an und fragte:

»Schwester, Dein Geliebter heißt?« worauf sie lachend versetzte:

»Heinrich« und alle im Chor:

Heinrich, er soll leben!

Soll leben, soll leben!

Heinrich, er soll leben!

Er lebe hoch!!

Das »Hoch« wurde lange ausgehalten, und nun ging's weiter die ganze

Tafelrunde durch, unter Necken und Scherzen. Die jungen Leute trieben

es fast zu toll. Ludwig und Agnes flüsterten miteinander, und dann

nannten beide einen fremden Namen, den niemand je gehört. Gustav und

Flora gaben sich einfacher, aber das junge Mädchen wurde verlegen und

stammelte so schüchtern: »Gustav,« daß sie den Namen noch zweimal

wiederholen mußte. Die größte Heiterkeit erregte Tante Elisabeth, die

erst erklärte, sich mit solchen Narrenspossen nicht abzugeben und auf

dem Punkt stand böse zu werden, als ihr Bruder Fritz ausrief:

»Unsinn, Elisabeth, in deinem zehnten Jahr warst du sterblich verliebt

in den Küster unserer Kirche; er schielte und hieß Georg.«

Alle jubelten und lachten. »Georg, er soll leben!« schallte es hell

durch die Abendluft. Vielleicht war es der Einfluß der Bowle, aber so

viel steht fest, daß die alte Jungfer ihren Ärger vergaß und

mitlachte.

Trotzkopf als Grossmutter · 第 5 / 10 题