Agnes und Karl freuten sich diebisch. Tante Elisabeth wurde dunkelrot.
Am liebsten hätte sie den frechen Kindern die Tür gewiesen, aber bei
reiflicher Überlegung hielt sie es doch für besser, so zu tun, als
hätte sie den Stich nicht verstanden. Mit sauersüßer Miene sagte sie
daher zu ihrem Neffen:
»Du möchtest also ein Stück Kuchen haben, mein Jungchen?«
»Davon hab' ich doch nichts gesagt,« verteidigte sich Karl, doch auf
einen Wink von Maud schwieg er. Die Tante schloß ein Fach des schweren
Mahagonibuffets mit schwarzer Marmorplatte auf und holte eine
Blechbüchse heraus. Sie bot den Mädchen an, die dankend ablehnten,
und der kleine Junge zog ein Gesicht beim Anblick der altbackenen,
trocken gewordenen Stückchen Sandkuchen, aber probieren wollte er sie
doch.
»Willst du noch eins?« fragte die Tante, zuschauend, wie er mit langen
Zähnen daran kaute.
»Nein, danke, es ist eine Kunst das hinunterzuwürgen, ohne dabei zu
trinken.«
»Wir müssen gehen,« nahm Maud rasch das Wort, bevor Fräulein Müller zu
antworten vermochte. »Großmama wird nicht wissen, wo wir geblieben
sind.«
Ein steifer Abschied folgte. Im Korridor jagte Karl der Tante noch
einen Todesschreck ein, indem er die Miez, die um die Türe guckte,
beim Anblick der Fremden aber scheu zurückhuschte, anzischte. Doch
lief die Geschichte ohne weiteres Unglück ab.
»Was für ein Wesen!« rief Agnes entrüstet, als sie auf der Straße
waren. »Nie wieder geh' ich zu ihr.«
»Das werden wir doch wohl müssen,« seufzte Maud. »Sie ist Papas
einzige Schwester, aber glücklicherweise mag er sie auch nicht.«
»Du hast ihr's ordentlich gegeben,« sagte Irma, »und über den Karl
hätte ich mich beinahe totgelacht.«
»Na wart' man,« brummte Karl, »so 'nen Ekel gibt's nicht noch mal auf
der Welt! Aber wenn ich wieder komme, kann sie was erleben; entweder
steck' ich das Haus an oder tue sonst etwas, das die ganze Wohnung auf
den Kopf stellt.«
Ilse machte ein ärgerliches Gesicht, als die Mädchen ihr erregt ihre
Erlebnisse bei Tante Elisabeth schilderten. Sie versuchte zu
beschwichtigen und behauptete, daß die Kinder übertrieben, aber Onkel
Heinz, der auch bei Gontraus speiste, lachte laut und rief:
»Unsinn, die Kröten haben recht; die Müller ist eine unausstehliche
alte Jungfer. Ihr Mädchen, heiratet um's Himmels willen, denn nun seht
ihr, was aus einem Frauenzimmer wird, das keinen Mann kriegt.«
»Aber Herr Professor,« wandte Ilse ein. »Was setzen Sie da wieder den
Kindern für dummes Zeug in den Kopf? Als ob eine unverheiratete Frau
nicht auch ein nützliches Glied der Gesellschaft sein könnte. Die Ehe
erhöht nicht ihren Wert, das kann einzig und allein ihre
Persönlichkeit tun.«
»Unsinn,« brummte der alte Herr. »Eine alte Jungfer ist ein Unding --
sie entspricht nicht ihrer Bestimmung.«
»Und ein alter Junggeselle, Onkelchen?« fragte Agnes schalkhaft, beide
Hände um seinen Arm schlingend.
»Der ebensowenig, mein Kind, aber der verdient wenigstens dein ganzes
Mitleid.«
»O, was für 'ne Logik! Daß du nicht geheiratet hast, ist doch deine
eigene Schuld, während Tante Elisabeth wahrscheinlich nichts dafür
kann. Vielleicht hat nie jemand um sie geworben.«
»Doch, sie kann dafür,« behauptete Onkel Heinz, dem das Widersprechen
noch immer ein Bedürfnis war. »Solch unangenehme Geschöpfe wie sie,
kommen schon als alte Jungfer auf die Welt. Ich rat euch noch mal,
Kinder, hütet euch davor, macht, daß ihr heiratet, damit man euch
nicht in einen Topf werfen kann mit solchen Wesen, die, nur weil sie
Unterröcke tragen, sich für berechtigt halten, Frauen genannt zu
werden.«
»Ich will's nicht hören, daß Sie so zu meinen Enkelinnen reden,« rief
Ilse, ehrlich entrüstet. »Ich sage euch im Gegenteil, ihr Mädchen,
heiratet nicht, außer wenn ihr das Glück habt, _den_ Mann zu finden,
den ihr von ganzer Seele und mit ganzem Herzen zu lieben imstande
seid. Eine alte Jungfer braucht durchaus kein lächerliches Wesen zu
sein. Ich kenne viele, die gerade so hoch, ja noch höher stehen als
manche verheiratete Frau. Das müssen doch auch Sie zugeben, Professor,
wenn Sie gerecht sein wollen.«
»Ach was,« nahm Onkel Heinz das Wort, der als er sah, wie ernst seine
alte Freundin die Geschichte nahm, wieder einlenken wollte, »Sie haben
mich nur nicht verstanden, Frau Ilse.«
»Ich meine, Sie waren deutlich genug.«
»Es ist doch ein Unterschied zwischen einer _alten Jungfer_ und einer
_unverheirateten Dame_. Und jetzt wollen wir zu Tisch gehen. Von so
'ner unfruchtbaren Diskussion werd' ich hungrig.«
* * * * *
Nun folgte eine geschäftige Zeit. Jeden Tag hatten die Mädchen
Einkäufe zu machen. Tischler, Stukkateure, Tapezierer, Maler und
Zimmerleute schafften um die Wette. Es wurde gut und eifrig
gearbeitet, und ehe vier Wochen vergangen waren, sah das Haus, in dem
die Familie Müller aus Amerika wohnen sollte, schon recht hübsch und
einladend aus. Die Mädchen richteten alles nach eigenem Geschmack ein.
Die Eltern hatten nur im allgemeinen angegeben, wie jedes Zimmer
möbliert und ausgestattet werden sollte.
Anfangs fanden Großmutter Ilse und Irma es ziemlich ungemütlich. In
der Schlafstube standen eiserne Bettstellen ohne Vorhänge, auf dem
feingeflochtenen Eisendraht nur eine Matratze von Seegras. Keine
Mulldraperien um den Toilettentisch, und vor den hohen Fenstern nur
Binsenvorhänge. Die Tapeten ließen sich leicht mit Wasser reinigen.
Die Möbel waren zierlich, aber höchst einfach in Form und Stil, die
Stühle meist mit Sitzen von feinem Flechtwerk. Wenig Zierrat, alles
konnte bequem umgestellt und gesäubert werden. Nirgends Portieren oder
Übergardinen; das waren, wie die Mädchen behaupteten, nur Staubfänger.
In allen Zimmern und Gängen elektrische Klingeln und Beleuchtung. In
der Küche ein Lift, um das Essen nach oben zu befördern, und Hähne zu
kaltem und heißem Wasser in sämtlichen Schlafstuben. Kein Luxus, aber
viel Komfort. Tante Elisabeth, die auch einmal die Wohnung
besichtigte, mißbilligte alle diese Neuerungen auf's höchste und
jammerte über die Unsummen, welche die modernen Einrichtungen
verschlangen. Sie tadelte ihre Nichten, daß sie mit jugendlicher
Unbesonnenheit zu Werke gegangen wären, und meinte, ihr Bruder könnte
trotz seiner Vorliebe für amerikanische Verhältnisse solche Tollheiten
unmöglich gut heißen. Aber Maud brachte sie dadurch zum Schweigen, daß
sie ihr erwiderte, es wäre alles ganz genau nach den Wünschen und
Anordnungen ihrer Eltern eingerichtet.
Die Tante begnügte sich nun damit, mißbilligend den Kopf zu schütteln
und, heimgekehrt, der alten Grete ihr Leid zu klagen und auf die
neumodischen Leute zu sticheln, die in ihren Häusern alles durch
Maschinen verrichten ließen und sich durch alle möglichen
Bequemlichkeiten über die Maßen verwöhnten.
Als das Haus fertig war und auch der Garten mit seinen breiten
Kiespfaden und dem Tennisplatz im Hintergrunde sich in schönster
Ordnung befand, mußten Ilse und Irma doch gestehen, daß es sehr nett
aussah, wenn sie es zuerst auch ein wenig kalt und nüchtern gefunden
hatten. Sämtliche Zimmer waren geräumig und hell, während das gar zu
grelle Sonnenlicht durch Markisen gedämpft werden konnte. Von allen
Seiten drang frische Luft herein, wo es aber nötig war, gab es
Doppelfenster, die dem Zug den Eintritt wehrten. Nirgends etwas
überflüssiges, nirgends ein Mangel an dem Nötigen und Nützlichen;
überall herrschte auch eine harmonische Übereinstimmung der Farben,
die dem Auge wohl tat. Maud und Agnes legten mit ihrer Arbeit Ehre
ein, und auch Karl hatte tapfer mitgeholfen. Kein Wunder, daß sie der
Ankunft ihrer Eltern mit größter Ungeduld entgegensahen.
Herr und Frau Müller befanden sich schon seit einiger Zeit auf der
Heimreise und konnten in etwa acht Tagen eintreffen. Kurz zuvor kamen
auch Irmas Eltern mit Gustav aus Berlin, um die Verwandten aus Amerika
willkommen zu heißen. Maud und Agnes waren entzückt von ihrer Tante
Ruth und deren Mann. Am Tage nach ihrer Ankunft gaben sie im
Familienkreise ein Konzert, bei dem auch Onkel Heinz nicht fehlte. Er
war immer glückselig, wenn Ruth im Hause ihrer Mutter als Gast weilte,
seine Zuneigung zu ihr blieb sich stets gleich, und auch ihren Gatten
verehrte er als großen Künstler.
Ruth von Holten war eine stattliche, schöne Frau in der Vollkraft
ihres Lebens. Sie glich sehr ihrer Mutter, als diese jünger war und
ehe Schmerz und Kummer ihren Zügen einen sanften wehmütigen Ausdruck
verliehen hatten. Ihr Name als Sängerin war auch im Auslande
rühmlichst bekannt; überall erregte sie mit ihrer schönen, in
vorzüglicher Schule gebildeten Stimme und ihrem warmen Vortrage
Aufsehen. Ihr Gatte, ein großer Geigenkünstler, war ihr in den ersten
Jahren ihrer Ehe ein guter Lehrmeister gewesen. Wo das geniale Paar
sich zeigte, ward es mit Jubel empfangen. Auch Gustav fing an, sich
als Klavierspieler einen Namen zu machen. Er war ein stiller, junger
Mensch, mit den verträumten Augen seines Vaters. Er freute sich, die
Cousinen aus Amerika kennen zu lernen, aber die heitere, schalkhafte
Agnes setzte ihn oft in Verlegenheit. Er ging ihr wie auch Irma aus
dem Wege, die zwar große Stücke auf ihn hielt, ihn aber häufig mit
seinem linkischen Wesen und seiner Schüchternheit jungen Damen
gegenüber neckte. Er fühlte sich mehr zu Maud hingezogen, die ruhig
und ernst mit ihm sprach, ihn nach seinen Studien fragte und sich
nicht allein als Musikfreundin und Kennerin, sondern auch als selbst
musikalisch ausgebildet zeigte. Die Mädchen waren begeistert, wenn
Tante Ruth, Onkel Heinrich und Gustav im Familienkreise musizierten,
vielleicht mit noch mehr Liebe und Hingabe als vor einem großen
Publikum. Für die Künstlerfamilie war es eine Erquickung, ein wahres
Aufatmen, einmal einige Wochen im Elternhause zu weilen und
gleichzeitig die Mutter und den alten Freund der Familie, Onkel Heinz,
durch ihr Spiel und ihren Gesang glücklich zu machen. --
»Ich bin ganz verliebt in Tante Ruth,« erklärte Maud, als die drei
Mädchen im Schlafzimmer der Cousinen sich noch über den Abend
aussprachen.
Agnes schaute sie verwundert an, denn Maud war eine sehr ruhige Natur,
die nicht leicht in Entzückung geriet.
»Ja,« fuhr sie ungewöhnlich erregt fort, »nicht nur, weil sie eine so
schöne Stimme hat, sondern auch, weil sie durch und durch schlicht und
einfach ist. Und doch hat sie etwas so Vornehmes, gerade wie Großmama.
=Every inch a lady.=«
»Wenn dir das jetzt schon auffällt, dann sollst du Mama erst in
Konzerttoilette sehen,« meinte Irma; »früher trug sie immer weiß,
jetzt meist schwarzen oder dunklen Samt. Ich sage dir, sie sieht dann
aus wie eine Fürstin.«
»Du mußt eigentlich sehr stolz sein, Irma, als die Tochter von so
genialen Eltern. Dein Bruder ist auch sehr talentvoll,« sagte Maud.
»Hast du selbst nie Musikstunden gehabt?«
»Jawohl, als ich klein war, bekam ich Klavierstunden. Wie konnte es
anders sein in einer solchen Umgebung? Ich hatte gutes Gehör und würde
es wahrscheinlich zu etwas gebracht haben, wäre ich das Kind
gewöhnlicher Eltern gewesen; wirkliches Talent besaß ich nicht, und da
erklärten Papa und Mama es für besser, wenn ich aufhörte. Dilettanten
und Klimperer gäb's in der Musik gerade genug.«
»Hast du dich nie unglücklich gefühlt?« fragte Maud sanft, »daß du in
dieser Hinsicht eigentlich zu kurz gekommen bist? Ich wenigstens würde
mich von der Natur für stiefmütterlich behandelt halten, wenn ich
solche Eltern, solchen Bruder und selbst keine künstlerischen Anlagen
besäße.«
»Ich nicht,« versetzte Irma lachend und betrachtete ihre schöne,
schlanke Gestalt und ihr Engelsköpfchen, von einem Heiligenschein
goldblonder Locken umrahmt, mit Wohlgefallen in dem großen Spiegel.
»Du bist freilich sehr hübsch,« fuhr Maud, über diese Eitelkeit
geärgert, fort, »doch Talent zu besitzen ist viel mehr wert.«
»Vielleicht! Aber drei Talente in einer Familie, das ist wirklich
genug. Ich würde es als eine schwere Bürde ansehen, wenn ich noch ein
viertes vorstellen müßte.«
Agnes lachte. »Was für ein närrisches kleines Mädchen bist du, Irma!
Aber sie hat recht, Maud. Es braucht doch nicht jede Frau etwas
Besonderes zu sein.«
»Das habe ich auch nicht behauptet; Irma beachtet nur zu wenig, daß
jetzt von den Frauen etwas anderes verlangt wird, wie in früheren
Zeiten.«
»Ach was,« rief Irma. »Onkel Heinz würde sagen, die Hauptsache ist bei
einer Frau zu allen Zeiten, daß sie anmutig, sanft und lieb ist.«
»Das läßt sich alles vereinigen,« versetzte Maud so ruhig, als hätte
sie den Stich nicht verstanden; »eine geistig hochstehende Frau kann
schön, anmutig und lieb sein, das paßt sehr gut zusammen.«
»Na, dann gratulier' ich deinem John, der kriegt ein vollkommenes
Wesen,« fuhr Irma gereizt fort, denn oft konnte sie Mauds etwas
pedantische, überlegene Art zu sprechen, nicht ausstehen.
Die Amerikanerin zuckte die Achseln, und Agnes flüsterte Irma zu.
»Nun vergißt du ja Onkel Heinz' Behauptung, daß _Lieb_sein das
Anziehendste an einem jungen Mädchen ist.«
Schmollend verzog Irma ihr hübsches Mündchen, dann leuchtete es in
ihren Zügen auf, und sie trat zu Maud.
»Ich war unartig,« sagte sie, ihr die Hand reichend, »sei nur nicht
böse.«
Die großen Vergißmeinnichtaugen blickten unschuldig und kindlich in
das schmale, dunkle und doch hübsche Antlitz der andern. Maud begriff
nicht, warum ihr Tränen in die Augen traten; sie war doch sonst nicht
so weichherzig. Plötzlich schlang sie die Arme um Irmas Hals und küßte
sie.
»Ich reizte dich,« flüsterte sie. »Ich glaube, ich möchte dich gar
nicht anders haben als du bist.«
Endlich brach der große Tag an, der zu Fritz' und Mariannes Heimkehr
bestimmt war. Ilse konnte kaum daran glauben. Einundzwanzig Jahre
waren verflossen, seit die blonde Marianne ihrem Manne nach San
Franzisko gefolgt war. Ihre Mutter stellte sie sich noch immer vor als
das feine, zarte Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen, und nun
kehrte sie heim als Frau und Mutter erwachsener Kinder, von denen die
Älteste übers Jahr auch schon in die Ehe treten sollte.
Den ganzen Tag herrschte größte Geschäftigkeit. Schon früh morgens
hatte die ganze Familie sich nach dem neuen Hause begeben, wo Herr und
Frau Müller empfangen werden sollten. Ein großes Festmahl ward
hergerichtet. Maud gab mit gewohnter Ruhe und Sicherheit den neuen
Dienstboten ihre Befehle. Tante Ruth, die sich schon als junges
Mädchen nie mit dem Haushalt beschäftigt hatte und seit ihrer
Verheiratung die ganze Sorge dafür andern überlassen mußte, schaute
bewundernd zu, wie Maud in kurzer Zeit ohne Umstände allerlei Dinge
beschaffte, wozu sie selbst Stunden gebraucht hätte. Großmutter Ilse
war zu aufgeregt, um sich um irgend etwas zu kümmern. Sie, die jetzt
meist gleichmäßig ruhig blieb, wanderte rastlos hin und her. Sie lief
durch sämtliche Räume, fragte Maud und Agnes hundertmal, ob auch alles
in Ordnung sei, und zählte die Stunden, die halben Stunden, zuletzt
die Minuten, die noch verlaufen mußten, ehe die Erwarteten eintreffen
konnten. Im Garten waren Irma, Agnes und Karl beschäftigt, Lampions
und kleine Fähnchen zwischen den Bäumen anzubringen und die letzte
Hand an eine Ehrenpforte zu legen, die sie mit Hilfe von Gärtner und
Zimmermann errichtet hatten. Sogar der stets so stille und
zurückhaltende Gustav, der den Kopf voller Melodien, sich am
glücklichsten fühlte, wenn er allein am Flügel in Großmutters Salon
bleiben konnte, beteiligte sich an der allgemeinen Geschäftigkeit,
stand auf einer Leiter und befestigte zwischen dem dunklen Tannengrün
rote und weiße Rosen und bunte Gladiolen.
Ilse hatte an Tante Elisabeth geschrieben und sie gebeten, auch zu
kommen. Die Kinder erhoben Einsprache dagegen, und Onkel Heinz
behauptete, die alte Essigpflaume werde das ganze Fest und die Freude
des Wiedersehens stören, aber Frau Gontrau blieb fest. Die einzige
Schwester von Fritz und die rechte Tante der Kinder gehörte zu ihnen,
und es wäre nicht mehr als recht und billig, sie einzuladen. Ein
allgemeiner Jubelschrei brach los, als eine Absage von der alten Dame
kam. Sie schrieb ein sauersüßes Briefchen, in dem zwischen den Zeilen
zu lesen stand, daß der Hauptgrund ihr Ärger über die Mädchen war,
die, ohne sie um Rat zu fragen oder sich an ihre Bemerkungen zu
kehren, das Haus eingerichtet hatten und viel zu beschäftigt gewesen
waren, um den Besuch bei der Tante zu wiederholen. Sie wolle die
Freude des ersten Beisammenseins nicht stören. Sie begreife, daß man
da lieber ganz unter sich sein möchte, und zöge es vor, später zu
kommen, wenn man für sie mal einen Moment Zeit hätte &c. &c. Sogar
Ilse war nahe daran böse auf dies Geschöpf zu werden, das sich stets
zurückgesetzt fühlte und in seiner Unzufriedenheit und Böswilligkeit
die besten Absichten falsch auslegte. In ihrem Herzen war sie freilich
auch froh, daß Tante Elisabeth nicht kam, aber es tat ihr weh, daß die
Kinder sich darüber so außerordentlich freuten, und das einsame Wesen,
das sich sein Leben selbst verdarb, erregte ihr höchstes Mitleid.
Es war bestimmt, daß das junge Volk zur Bahn gehen sollte. Ilse wollte
Schwiegersohn und Tochter in Gesellschaft Ruths, ihres Mannes und
Onkel Heinz' im Hause erwarten. Letzteren rechnete man so ganz zur
Familie, daß er nicht fehlen durfte. Mit seiner gewohnten Heftigkeit
hatte er sich zuerst dagegen gewehrt. So 'n alter Knaster gehörte bei
solcher Gelegenheit nicht dazu; es ginge ihn nichts an, wenn Sohn und
Tochter nach so langer Abwesenheit zum ersten Male die Mutter
wiedersähen. Als die Kinder kamen, war es etwas andres, jetzt aber
müsse er sich schämen, wenn er auch wieder so unbescheiden wäre,
seine Nase mit hineinzustecken.
»Unsinn, Onkel Heinz,« erklärte Ilse, »Mariannes erste Frage würde
nach Ihnen sein. Und« fügte sie leise, nur ihm verständlich hinzu,
»nun mein Leo nicht mehr ist, müssen Sie an seiner Stelle sein Kind
bewillkommnen, das wissen Sie wohl.«
Da drückte der Professor seiner alten Freundin dankbar die Hand; die
Augen wurden ihm feucht, aber um das nicht merken zu lassen, schrie er
Karl an, daß die Transparentbuchstaben des »_Willkommen_«, die über
der Ehrenpforte prangten, schief ständen und daß doch nie etwas
ordentlich gemacht werde, wenn er sich nicht darum kümmere.
Endlich hielt Ilse ihre blonde Marianne in den Armen, und in ihre
Tränen mischte sich Freude über das Wiedersehen und Trauer im Gedanken
an den Heimgegangenen.
Onkel Fritz machte, nachdem die erste Rührung vorüber war, fröhlich
Bekanntschaft mit seinem Schwager von Holten, seinem Neffen Gustav und
seinem Nichtchen Irma und frischte sofort mit Onkel Heinz alte
Erinnerungen auf. Die ganze Gesellschaft schritt paarweise durch
sämtliche Räume des neuen Hauses, betrachtete und bewunderte alles und
vereinigte sich in fröhlichster Stimmung bei der Abendmahlzeit. Beim
Nachtisch stiegen die Raketen im Garten prasselnd in die Höhe, und
zwischen den dunklen Bäumen glänzten die Lampions. Das Knallen der
Champagnerpfropfen erregte lauten Jubel bei der Jugend, Professor
Fuchs brachte den schwungvollsten, wärmsten Toast aus, der je über
seine Lippen gekommen war, und an diesem Abend gab es in der ganzen
Stadt keine glücklicheren Menschen als Großmutter Ilse Gontrau mit
ihren Kindern und Enkeln.
Während der ersten Wochen, die auf die Heimkehr der amerikanischen
Familie folgten, herrschte in dem sonst so stillen Haushalt der Frau
Gontrau fröhliches Leben und Treiben. Sie bestand darauf, ihre Kinder
und Großkinder alle Tage zu sehen, und so wurden eine Menge kleiner
Familienfeste gefeiert. Zuweilen nahm auch Tante Elisabeth daran teil,
aber sie hatte viel zu tadeln und zu nörgeln. Sie stöhnte über Kälte,
wenn die andern es vor Hitze kaum aushalten konnten, und war rauhes
Wetter, so fand sie es drückend heiß. In spitzem Ton erklärte sie, daß
ihr nichts daran gelegen sei, Besuche zu machen oder zu empfangen.
Doch kamen die andern ohne sie zusammen, so fühlte sie sich verletzt
und beklagte sich bitter, wenn eine Woche verging, ohne daß jemand aus
der Familie sie besuchte. Es war schwer mit ihr umzugehen und ohne
Zureden der Großmutter, die Mitleid mit ihr hatte und stets bemüht
war, Tante Elisabeth freundlicher zu stimmen, würden sich die andern
wenig um sie bekümmert haben.
Ein herrlicher Sommertag folgte dem andern und Holtens fingen an, von
der Abreise zu reden. Die Zeit, die sie ihrer Familie widmen konnten,
nahte dem Ende, und sie mußten nach München, wo sie sich für
verschiedene Konzerte und Musikaufführungen verpflichtet hatten. Vor
ihrem Scheiden wollte Großmama Gontrau noch gern ein Abschiedsfest
geben, doch konnten sie sich nicht recht über die Art desselben
einigen. Irma schlug eine »=garden-party=« vor. Im Garten sollten
lange Tafeln aufgeschlagen und auf dem großen Rasenplatz vor dem Hause
gespeist werden. Das Eßzimmer ließe sich leicht ausräumen und in einen
Tanzsaal verwandeln. Der Garten müsse am Abend glänzend illuminiert
werden. Sie war sogar für ein Kostümfest; welch herrliche Wirkung
würde das im Grünen mit den Papierlaternen und tausend kleinen
Lämpchen machen.
Die andern aber lachten sie gründlich aus. Onkel Heinz fragte, wo die
Herren wohl herkommen sollten? Außer Gustav und dem kleinen Karl gab
es keine jungen Leute; er neckte sie so mit ihrem schönen Plan, daß
sie sich erst beschämt zur Großmama setzte und dann ganz bös erklärte,
Onkel Heinz solle etwas besseres vorschlagen.
»Ich schlage vor, daß wir gar nichts unternehmen. Wir haben in der
letzten Zeit nichts getan als Feste gefeiert und gut gegessen. Ich
meine, nun könnten wir wohl Schluß machen.«
Aber gegen diese Meinung erhob sich ein wahrer Sturm der Entrüstung
von seiten des jungen Volkes. Onkel Heinz wurde von den Mädchen so in
die Enge getrieben, daß er sich schließlich schuldig bekannte und
untertänig gelobte, an jeder Festlichkeit teilzunehmen, wie verrückt
sie auch sein möchte.
»Hört mal,« nahm Ilse das Wort, »ich habe einen Plan. Aber erst muß
ich euch erzählen, daß ich gestern einen Brief von meiner
Jugendfreundin Flora Werner erhielt. Ruth, Marianne, erinnert ihr euch
noch ihrer beiden Töchter Thusnelda und Hildegard?«
»Ja, Mama,« versetzte Marianne. »Mir ist, Thusnelda hätte sich
verlobt, als Fritz und ich nach San Franzisko abreisten.«
»Du hast ganz recht, sie war damals mit einem Kaufmann verlobt, ist
aber nun schon seit zehn Jahren Witwe. Auch der alte Herr Werner ist
gestorben, und Flora lebt bei ihrer Tochter.«
»Und Hildegard?«
»Die ist in Indien. Thusnelda hat drei Kinder, ihr ältester Sohn ist
Offizier, der zweite Ingenieur, bewirtschaftet aber gegenwärtig die
ausgedehnten Landgüter, die sein Großvater hinterließ; dann ist noch
eine Tochter da in deinem Alter, Agnes.«
»Aber was hat das alles mit unsrem Fest zu schaffen, Großmama?«
»Wartet nur. Flora Werner schrieb mir, daß ihre beiden Großsöhne mit
der Schwester einen Ausflug in unsere Gegend machen würden, und sie
fragt an, ob unser Haus ihnen für einige Tage offen stünde. Da dachte
ich, wenn ihr die beiden jungen Leute aufnehmen wolltet, Marianne, und
das Mädchen bei uns wohnte, dann würden sie unser Fest verherrlichen
können.«
»Das ist eine gute Idee, Mama,« meinte Marianne. Ihr Mann fing sofort
an, Irma und Agnes zu necken mit der wundervollen Aussicht, einen
Leutnant in ihrer Gesellschaft zu haben.
»Paßt nur auf,« spottete Onkel Heinz, »was geschieht, wenn er einer
von euch besonders den Hof macht! Dann kratzt ihr euch gegenseitig die
Augen aus.«
Natürlich hatten die beiden Herren für ihre Neckereien zu büßen und
mußten klein beigeben. Nachdem wieder Ruhe eingetreten war, fuhr
Großmutter Ilse fort:
»Ich würde es nun sehr nett finden, eine Landpartie zu unternehmen.
Wenn wir z. B. nach dem Wasserfall führen und dort im Wirtshaus
speisten. Wir könnten morgens früh abfahren, nach der Abtei gehen und
spät abend heimkehren. Ich bin seit Jahren nicht dort gewesen, und die
Aussicht, einen ganzen Tag in der wildromantischen Natur zu verleben,
lockt mich sehr.«
»Ja, ja, Frau Ilse, Sie haben solch abenteuerliche Touren immer
geliebt,« scherzte der Professor. »Ich erinnere mich noch, daß Sie uns
mal im Mondenschein auf den Schneekopf schleppten.«
»Das war in der guten alten Zeit,« entgegnete sie gedankenvoll, »es
war herrlich damals mit Leo und meiner lieben Nellie.«
Irma, Agnes und der kleine Karl waren in Jubel ausgebrochen über
diesen köstlichen Plan. Auch Gustav und Maud fanden die Idee sehr
hübsch, wenn sie auch ihren Beifall weniger lebhaft äußerten.
»Wir müssen in geschmückten Wagen fahren, Großmama,« schlug Irma vor,
»lauter Landauer zu vier Personen.«
»Nein, nein, ein paar große Kremser, das ist gemütlicher.«
»Wie viele sind wir denn?« zählte die Kleine. »Tante Marianne und
Onkel Fritz; ihr drei Kinder, Großmama, Papa, Mama, Gustav und ich,
Onkel Heinz, die drei Gäste, das macht vierzehn Personen.«
»Und Tante Elisabeth?«
»Nein, ach bitte, die nicht,« riefen die Kinder. »Wenn die mitkommt,
geht alles schief. Du wirst sehen, dann haben wir schlechtes Wetter
und es passiert ein Unglück.«
»Welcher Unsinn! Ihr braucht euch nicht um sie zu kümmern. Onkel Heinz
wird bei dieser Gelegenheit ihr Kavalier sein, nicht wahr?«
»Besten Dank,« seufzte der Professor erschreckt; »das Frauenzimmer hat
ein Gesicht, als ob sie beständig in eine Zitrone beißen würde; da
kommen einem ja die Tränen in die Augen.«
Alle lachten, Frau Gontrau erklärte aber in entschiedenem Tone:
»Ich gebe die Landpartie und habe daher das Recht einzuladen, wen ich
will. Tante Elisabeth kommt mit.«
Wenn Großmutter Ilse so energisch sprach, ließ sich kein Widerspruch
hören. Ruth und Marianne gaben den Kindern einen Wink zu schweigen. Es
wurde nicht mehr über Fräulein Müller gesprochen und alles, was auf
die Landpartie Bezug hatte, weiter beraten.
Einige Tage darauf kamen die jungen Gäste an. Flora Werners ältester
Großsohn, Ludwig Reicher, war ein schneidiger Offizier. Sein hübsches
Gesicht mit dem keck aufgedrehten Schnurrbart hatte einen angenehmen
Ausdruck. Es zeigte sich indessen bald, daß er nicht wenig von sich
eingenommen war, und noch hatte Onkel Heinz keine Stunde in seiner
Gesellschaft zugebracht, da nannte er ihn in Gegenwart der jungen
Mädchen schon einen Affen in Uniform; diese aber erwiderten, daß man
es dem alten Brummbären nie recht machen könne, und alle erklärten
einmütig den Leutnant für einen sehr netten Menschen mit feinen
Manieren, der sich höchst vorteilhaft einführte. Der zweite Bruder,
Hans, war ganz anders. Kurz und breit von Gestalt, stach er gewaltig
gegen den schlanken, zierlichen Leutnant ab. Sein Antlitz, mit der
gebräunten Farbe, den grauen Augen, dem großen Munde und der gebogenen
Nase war eher häßlich zu nennen; einem erfahreneren, scharfblickenden
Auge aber erschien es viel intelligenter als das Antlitz des schönen
Ludwig. Wenn dieser sprach, schwieg Hans meistens; er ließ sich von
seinem Bruder völlig in den Schatten stellen, und in gewisser Hinsicht
war ihm das sogar angenehm; denn er zeigte sich sehr verlegen und
wurde zum großen Gaudium, besonders der Amerikanerinnen, bis über die
Ohren rot, wenn jemand ihn unverhofft anredete. Vorzugsweise war das
der Fall, wenn Irma die großen blauen Augen zu ihm aufschlug; und da
das kleine, eitle Ding sofort merkte, daß es ihn in Verlegenheit
setzte, machte es ausgiebig Gebrauch davon, um hinterher mit Agnes
herzlich über »den Bauer« zu lachen. Die Jüngste, nach ihrer
Großmutter Flora getauft, war eine einfache, liebliche Erscheinung mit
blonden Zöpfen, auch wohl ein wenig schüchtern und verlegen, aber so
sanft und gretchenhaft in ihrem ganzen Wesen, daß jeder sich gleich zu
ihr hingezogen fühlte.
Das innige Zusammenleben von Frau Gontrau und ihren Kindern und Enkeln
dehnte sich auch auf die Gäste aus, die sich bald ganz wie zu Hause
fühlten. Als der Tag der Landpartie anbrach, ging der Leutnant Ludwig
mit den amerikanischen Mädchen schon ganz kameradschaftlich um und
flirtete lebhaft mit Agnes, was Irma ein klein wenig ärgerte. Hans
wagte ganz schüchtern der bezaubernden kleinen Holten einige
Komplimente zu machen, und Flora lauschte, Tränen in den Augen, dem
Klavierspiel Gustavs, zu dem sie mit großer Bewunderung und
Ehrerbietung emporschaute.
Karl hatte an dem wichtigen Tage keine Ruhe. Schon ganz früh tobte er
durch das Haus, lief von Zimmer zu Zimmer und klopfte an jede Tür, um
seinen Eltern, seinen Schwestern und den beiden Reichers zuzurufen,
daß das Wetter schön sei. Die Sonne strahlte hell und warm vom
wolkenlosen Himmel herab, und es war ein solcher Überfluß von Duft,
Licht und Farbenpracht in der Natur, daß jedes Herz freudig gestimmt
wurde.
Als Fritz und Marianne mit ihren Kindern und den beiden Gästen zu Frau
Gontrau kamen, fanden sie die ganze Familie schon im Garten
versammelt. Großmutter Ilse war, wie immer, schwarz gekleidet, aber
mit einem so hübschen Hut auf dem krausen, schlohweißen Haar, daß
Agnes, sie umarmend, erklärte, Großmama sei die schönste alte Dame,
die sie kenne. Onkel Heinz bemühte sich nach Kräften, ein recht
grimmiges Gesicht zu machen, schaute aber doch mit vor Lebenslust
funkelnden Augen unter seinem breitrandigen Schlapphut auf all die
fröhlichen Menschen. Tante Elisabeth, trotz der Hitze in einem
braunwollenen Kleide, einen großen Regenschirm in den Händen,
prophezeite, daß die Witterung sich ändern werde. Ruth und ihr Mann
mit ihrem eigenartig künstlerischen und eleganten Äußern, durch das
sie überall und jederzeit auffielen, verlachten ihre Befürchtungen.
Gustav, der sich mit Flora etwas abseits hielt, erzählte dieser, wie
schwer es ihm fiele, einen ganzen Tag auf sein Klavierspiel zu
verzichten. Irma sah so bezaubernd aus in einem weißen Mullkleidchen
mit hellblau verziert, daß Hans gar nichts zu sagen wußte, Ludwig sie
bewundernd anschaute und ihr eitles Herzchen vor Stolz hoch
aufschwoll.
Nun fuhren die Wagen vor; zwei bequeme, wenn auch altmodische
Fahrzeuge, die aber jetzt elegant und malerisch aussahen, so reich
hatte das junge Volk sie mit Blumengewinden und Tannenguirlanden
geschmückt.
Das war ein Leben! Großmutter Ilse und Tante Elisabeth wurden zuerst
hineingehoben; letztere erkundigte sich mehrmals, ob die Pferde auch
nicht wild seien, und versicherte, daß sie sich eigentlich gar nichts
aus Spazierfahrten mache. Mit einem wahren Märtyrergesicht wollte
Onkel Heinz zwischen den beiden Damen Platz nehmen, als Agnes und
Ludwig erklärten, daß er zu den jungen Leuten gehöre.
»Ich? Seid ihr denn ganz verrückt?« rief er scheinbar wütend aus; »was
wollt ihr mit so 'nem alten Querkopf anfangen?«
Irma aber warf ihm lachend einen in der Eile geflochtenen Kranz von
Eichenblättern über den Hut und sagte:
»Siehst du, Onkel, wenn wir nun noch einen Esel hätten, könntest du
gut als Silen gehen. Wir Mädchen sind die Nymphen, die jungen Leute
Faune, bis auf Hans, der hat die prächtigste Gestalt für Gott Bacchus
selbst.«
Alle lachten. Hans wurde rot, besiegte aber seine Verlegenheit und
rief:
»Wenn ich Bacchus vorstellen soll, hab' ich als Gott zu befehlen, und
dann will ich mit Ihnen allein auf der vordersten Bank sitzen, Irma.«
»Bravo,« jubelte Ludwig, und unter allgemeinem Scherzen erkletterten
die jungen Leute den vordersten Wagen. Professor Fuchs wurde in die
Mitte genommen. Ruth und Marianne mit ihren Männern kamen natürlich zu
Großmama und Tante Elisabeth. Auch Gustav zog es vor, bei den älteren
Leuten zu sitzen; die lebhafte jugendliche Schar war ihm zu lärmend,
und Floras Herz klopfte vor Freude, als er ihr erklärte, neben ihm sei
noch ein Plätzchen für sie frei.
So rasch wie möglich ging es zur Stadt hinaus, um Aufsehen zu
vermeiden. Dann mäßigte die Steigung der bergan führenden Chaussee die
Schnelligkeit der Fahrt. Wurde der Weg zu steil, so stiegen die
Kutscher ab und schritten, die Zügel in der Hand, neben den Wagen her.
Manchmal gingen auch die Herren ein Stück Wegs zu Fuß, und dann
blieben die Damen mit Onkel Heinz, dem das ewige Aus- und Einsteigen
zu mühsam war, sitzen. Zu beiden Seiten der Straße dehnten sich
dichte, endlose Wälder; als etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt
war, ersuchte der Kutscher des vordersten Wagens, ein dicker
gemütlicher Schwätzer, die ganze Gesellschaft auszusteigen, um die
weit und breit berühmte Aussicht zu bewundern.
»Ich rühre mich nicht vom Fleck,« erklärte Fräulein Müller. Die
Übrigen folgten gern der Aufforderung und meinten, es täte nach dem
langen Sitzen gut, sich mal die Beine zu vertreten. »Was habt ihr denn
von so 'ner Aussicht; es ist doch immer dasselbe, und eine ist genau
so wie die andre,« murrte das alte Fräulein.
Selbst Großmutter Ilse zuckte ungeduldig die Achseln, als sie sich am
Arm ihres ältesten Schwiegersohnes auf den Felsvorsprung begab, um die
herrliche Aussicht zu bewundern.
Tief unten lag, wie ein ovaler Silberspiegel, ein kleiner See inmitten
eines fruchtbaren Tales. Ab und zu ertönten die Glocken der Herden wie
eine wohllautende, aus weiter Ferne herüberklingende Musik, und auf
den umliegenden Bergen grasten friedlich schwarz- und weißgefleckte
und rotscheckige Kühe. Soweit das Auge reichte, waren die Felsen mit
Schlingpflanzen und Farnen wie mit Mänteln überhangen, zwischen denen
schneeweiße und goldgelbe Blütendolden hervorschimmerten. Wunderbar
strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab und tauchte die
reiche, üppige Landschaft in glühende Farben.
Die ausgelassene Heiterkeit verstummte, selbst laute Bewunderung hätte
störend gewirkt. Ärgerlich schaute Gustav Irma an, als sie Hans
scherzend fragte, ob er einen senkrecht steilen Felsen in ihrer Nähe
erklettern und ihr die blauen und weißen Blumen pflücken wolle, die
sich um die Spitze schlangen.
»Seien Sie praktisch und stellen Sie erst im voraus Ihre Bedingungen,
was Sie dafür haben wollen,« rief Maud lachend, während Hans mit
zweifelnder Miene hinaufschaute und dann eingestand, daß ihm seine
gesunden Gliedmaßen doch zu lieb seien, um sie bei einem solchen
Wagestück aufs Spiel zu setzen.
Dadurch war der Zauber gebrochen. Ruth von Holten wischte sich eine
Träne aus den Augen und tippte ihrem Manne auf die Schulter, der
träumerisch in die Ferne blickte und wie aus tiefem Sinnen auffuhr,
als er sah, daß die andern sich wieder nach den Wagen begaben.
Tante Elisabeth hatte sich unterdessen damit die Zeit vertrieben, daß
sie in dem unter dem Sitze stehenden Korbe herumschnüffelte, einen
Sack mit glasierten Früchten herausholte und sich daran labte. Als der
kleine Karl, der vorausgelaufen war, wie eine Katze über die Bänke des
Wagens sprang, schrie er laut:
»Schnell, Großmama, Tante Elisabeth nascht aus deinem Korbe!«
Fräulein Müller erschrak so heftig, daß sie den Sack fallen ließ; die
leckeren Früchte würden sicher auf den Boden gerollt sein, wenn Agnes
nicht herbeigeeilt wäre und das Unglück noch rechtzeitig verhütet
hätte.
Tantes dürre Finger krümmten sich, und da Karls Haupt sich gerade in
ihrem Bereich befand, griff sie in seine Locken und schüttelte ihn
tüchtig hin und her.
»Laß mich los,« rief der Junge, alle Höflichkeit vergessend. »Bist du
verrückt geworden, Tante? Ich hab' nicht genascht, sondern du!«
Die ganze Gesellschaft war jetzt herangekommen. Karl befreite sich mit
einem Ruck und wollte mit feuerrotem Gesicht und einem drohend nach
der alten Dame ausgestreckten Finger verkündigen, was sich zugetragen
hatte, als Großmutter Ilse ihm zuvorkam. Mit einem einzigen Blick
begriff sie alles und sagte ruhig:
»Das ist auch wahr. Tante Elisabeth erinnert mich daran, daß ich noch
eine kleine Erfrischung für unterwegs mitgenommen habe. Reiche sie
herum, Agnes.«
Alle schmunzelten verstohlen, schauten sich verständnisvoll an, wagten
aber keine Bemerkung zu machen. Agnes prustete los, als sie mit dem
Sack zur Tante kam und diese schroff und giftig dankte. Onkel Heinz
und Irma lachten laut auf. Böse und neidisch wie eine Spinne, zog sich
die alte Jungfer in ihr Eckchen zurück und machte ein Gesicht, als sei
ihr das größte Unrecht von der Welt geschehen.
Langsam ging die Fahrt nun wieder bergan, aber die jungen Leute wurden
jetzt ungeduldig. Das einförmige Schrittfahren langweilte sie; sie
sehnten sich, den Bestimmungsort zu erreichen. Endlich verengte sich
die Fahrstraße und einige große Holzgebäude wurden sichtbar. Das waren
die Stallungen der Wirtschaft, die ungefähr noch eine Viertelstunde
entfernt lag. Hier hatte das Fahren ein Ende, es wurde ausgespannt
und die Gesellschaft machte sich zu Fuß auf den Weg.
In der Ferne hörte man schon das Rauschen des Wasserfalls, der das
Wirtshaus und seine Lage berühmt gemacht hatte. Bald wurde der Pfad so
schmal, daß nur einer hinter dem andern hergehen konnte. Der Professor
erbot sich, den Zug anzuführen, er kannte den Weg und sagte, er sei
gefährlich. Nun wollte Tante Elisabeth zurückbleiben, sie sei zum
Vergnügen mitgekommen und hielte es für eine Sünde, sich Gefahren
auszusetzen.
»Unsinn,« erklärte Frau Gontrau, »Onkel Heinz will uns nur necken;
gehen Sie hinter mir her, Elisabeth, und seien Sie nicht bange, es ist
nicht schwierig.«
Ängstlich, mit kleinen, vorsichtigen Schrittchen folgte die Tante; sie
hielt sich zu Karls unaussprechlichem Gaudium an Ilses Kleid fest, was
der Junge gleich nachmachte, indem er die Tante bei den Röcken packte.
Dies Beispiel wirkte ansteckend; die jungen Leute faßten einander am
Rock oder Kleid, und so ging es im Gänsemarsch in Schlangenwindungen
vorwärts. Immer schmäler wurde der Pfad; er führte durch eine tiefe
Schlucht. Rechts und links erhoben sich hohe Felswände, von Tannen,
Fichten und Buchen gekrönt und mit Moos und Ginsterbüschen über und
über bedeckt.
»Wie unheimlich,« meinte Fräulein Müller. »Karl, laß mich los; du
zerreißt mir mein Kleid. So laß doch los.«
»Wenn wir fallen, liegst du zu unterst, Tante,« schrie ihr Plagegeist
mit lauter Stimme, um das Rauschen des Wasserfalls zu übertönen, das
immer gewaltiger klang und bald in ein ohrenbetäubendes Brausen
überging.
Plötzlich ward der Weg breiter, der Professor bog um eine Ecke und
blieb auf einem großen Felsblock stehen. Die lebende Guirlande
verteilte sich und drängte sich auf dem engen Raume zusammen. Die
jungen Leute lachten, die Mädchen kicherten, Fräulein Müller stand
Todesängste aus, daß sie herunterstürzen könnte, obschon der ganze
Aussichtspunkt mit einem Geländer von rohen Baumstämmen umgeben war.
Karl und Irma drängten sie immer mehr nach vorne; Elisabeths
entrüstete Ausrufe übertönte das donnerähnliche Brausen des
Wasserfalls.
Endlich hatte jeder einen bequemen Platz und Stützpunkt gefunden und
gab sich mit Andacht dem großartigen Naturschauspiel hin. In
gewaltigen Massen stürzte das Wasser in die Tiefe, zum Teil über einen
steilen Abhang strömend und sich bei jeder vorstehenden Felsspitze in
tausend Strahlen verteilend, die zusammen einen unsagbar schönen
Fächer von Silberschaum bildeten.
Atemlos standen alle und staunten und konnten sich von dem Anblick des
prächtigen Falles nicht trennen, bis Onkel Heinz endlich mit
Stentorstimme ein »Vorwärts!« kommandierte und vorsichtig eine in den
Felsen gehauene Treppe hinabstieg, die direkt zu dem freundlichen
Wirtshaus führte. Es lag mitten im Walde, von hohen Fichtenstämmen
umgeben, aus denen in geringer Entfernung die malerischen Türme der
alten Abtei hervorragten.
Im Garten des Wirtshauses herrschte reges Treiben. Es war noch in der
Ferienzeit; eine Menge Fremder sowie Bewohner der umliegenden
Ortschaften hatte gleichfalls das schöne Wetter herausgelockt, um dem
Wasserfall und der Abtei einen Besuch abzustatten. Viele Studenten mit
farbigen Mützen und weißen Beinkleidern bildeten fröhliche Gruppen.
Alle Stühle waren besetzt, und die Gäste, die weder an den Tischen
noch auf den Bänken Platz gefunden, wanderten unruhig auf und ab.
Etwas verstimmt schaute sich unsre Gesellschaft um; es war nicht
verlockend, bei diesem herrlichen Wetter drinnen im Saale zu speisen,
aber es schien nichts andres übrig zu bleiben. Mittlerweile hatten die
jungen Mädchen Aufmerksamkeit erregt; Irma und Agnes standen in der
Nähe einer Gruppe von Studenten, die sich mit den Augen zuwinkten und
einander anstießen. Plötzlich erhob sich einer von ihnen, nahm die
kleine Cerevismütze von dem pechschwarzen Kraushaar, näherte sich dem
Professor und fragte höflich:
»Ich habe doch die Ehre, Herrn Professor Fuchs zu sprechen?«
Der alte Herr schaute ihn durchdringend an.
»Ich glaube, ich kenne Sie, junger Mann, kann Sie aber nicht
unterbringen.«
»Von Hochstein,« stellte sich der Student vor, indem er dem ganzen
Kreise seine Verbeugung machte. »Ich gehöre noch zu Ihren ehemaligen
Schülern, Herr Professor. Darf ich Ihnen und Ihrer Gesellschaft unsern
Platz anbieten? Wir sind fertig, unsre Tafel kann schnell abgeräumt
werden.«
Mit einer höflichen Verbeugung auf die Dankesbezeugungen der
Gesellschaft antwortend, rief er einige Kellner und erteilte ihnen
seine Befehle. Sie waren so dienstbeflissen, als ob er eine bekannte
und einflußreiche Persönlichkeit wäre.
Dann winkte er einem in der Nähe sitzenden Blumenmädchen und kaufte
die schönsten Rosen aus ihrem Körbchen. Mit vollendeter Ritterlichkeit
näherte er sich Maud und Agnes und überreichte ihnen ein paar
Sträußchen, welche die amerikanischen Mädchen ohne die geringste
Verlegenheit freundlich dankend annahmen und in den Gürtel steckten.
Flora erhielt ein Sträußchen Vergißmeinnicht und Heliotrop, worüber
sie bis über die Ohren errötete; endlich trat er zu Irma und reichte
ihr zwei prachtvolle La France-Rosen.
»Sollten Sie die Blumen auch nachher fortwerfen, ich würde mich doch
für den glücklichsten der Sterblichen halten, wenn Ihre Hände sie nur
einmal berührten,« flüsterte er leise.
Irma fühlte, daß sie rot wurde, aber sie zwang sich aufzuschauen und
blickte in ein paar schwarze, schmelzende und doch kecke Augen. Das
schöne Gesicht mit seinen feinen, aristokratischen Zügen wäre ohne den
gewaltigen Schmiß auf der rechten Wange vielleicht etwas weibisch
erschienen. Sie schlug verwirrt die blauen Augen nieder und nahm die
Rosen mit ein paar gestammelten Dankesworten.
Er schwenkte sein Cerevis, als ob es ein Marschallshut mit wallendem
Federbusch wäre, verbeugte sich fast bis zur Erde und entfernte sich
mit seinen Kommilitonen.
»Wer war das, Onkel Heinz?« fragte Ruth.
»Jetzt erinnere ich mich, er war mein Schüler und benahm sich immer
ein bißchen verdreht. Er ist ein Baron von Hochstein, der zum ältesten
Adel des Landes gehört.«
»Er ist ein Geck,« brach Hans Reicher los, »und ihr,« fuhr er
entrüstet zu den Mädchen fort, »solltet euch schämen, Blumen von
jemand anzunehmen, der euch total unbekannt ist.«
Maud erwiderte ruhig, sie sehe kein Unrecht darin, eine Höflichkeit
anzunehmen, die im Beisein der Eltern und der ganzen Familie erwiesen
werde.
Irma schaute Hans lachend an, roch an ihren Rosen und befestigte sie
sorgfältig in ihrem Gürtel. Ruth näherte sich ihr und flüsterte
tadelnd:
»Du mußt nicht so kokett sein, Irma, mein Kind.«
»O, es ist doch nur Hans,« versetzte sie, während sie sich mit einem
strahlenden Lächeln auf dem reizenden Gesichtchen zu Agnes gesellte.
Ruth warf einen mitleidigen Blick auf den jungen Mann.
Die Gesellschaft nahm an den inzwischen gedeckten Tafeln Platz und tat
sich gütlich an den schmackhaft bereiteten Speisen und dem Rheinwein,
der in zierlichen, goldglänzenden Römern perlte.
Nach dem Essen gingen Ruth und ihr Mann noch einmal zu dem Wasserfall,
um das großartige Schauspiel in aller Stille zusammen zu genießen.
Fritz und Marianne wanderten mit Maud ein Stück in den Wald. Ilse
sehnte sich, nun die lebhafte Mittagsstunde vorüber und es im Garten
fast leer geworden war, still unter dem Laubwerk der hohen Bäume zu
ruhen und Onkel Heinz teilte ihren Wunsch. Tante Elisabeth suchte sich
im Hause ein bequemes Sofa, wo sie ihr Mittagsschläfchen halten
konnte. Das junge Volk beschloß, der Abtei einen Besuch abzustatten.
Ludwig und Agnes gingen voraus. Der Pfad durch den Wald war nicht sehr
eben, hier und da sogar recht ungebahnt. Es dauerte denn auch nicht
lange, so bot der junge Leutnant seiner Dame den Arm. An einer Stelle,
wo große, knorrige Wurzeln und ein ganzer Baumstamm den Weg sperrten,
legte er den Arm um die Taille des jungen Mädchens und half ihr über
die Hindernisse hinweg. Irma folgte mit Hans, behielt aber Karl an
ihrer Seite und nahm keine Notiz von ihrem Anbeter. Des Morgens im
Wagen war sie ganz freundlich zu ihm gewesen, hatte ihn zwar geneckt,
sich jedoch seine etwas ungeschickten, aber gut gemeinten Huldigungen
gern gefallen lassen. Nun würdigte sie ihn kaum einer Antwort,
beschäftigte sich nur mit Karl und sprang ausgelassen mit diesem über
die Baumwurzeln. Hans seufzte. Vom ersten Augenblick an, als er in
Irmas strahlende Augen geschaut, hatte das verwöhnte, von allen
verhätschelte Kind sein Herz im Sturm erobert. Er kämpfte dagegen,
sagte sich, daß es eine Torheit sei, sich so plötzlich zu verlieben,
aber trotz seiner ernsten Natur konnte er nicht anders. Er fühlte,
daß er Irma wahrhaft liebte und daß es keine Tändelei, sondern eine
ernste, tiefe Zuneigung war, die unzerstörbar in seinem Herzen lebte.
Daher tat es ihm weh, sie jetzt so launisch und flatterhaft zu sehen.
Ein bitteres Gefühl bemächtigte sich seiner bei dem Gedanken an den
glänzenden Studenten, der Irma erröten gemacht und den sie mit einem
Blick angesehen hatte, wie ihn, Hans, noch keiner getroffen, auch wohl
nie einer treffen würde. Trotz seiner Verliebtheit aber war er kein
Narr; er bewahrte seine Würde und ließ Irma ganz unbehelligt.
Er wollte sich Flora und Gustav anschließen, die den Nachtrab
bildeten. Doch auch ihnen schien seine Gesellschaft nicht erwünscht zu
sein. Der sonst so verträumte Gustav warf ihm einen unzufriedenen
Blick zu, und endlich bat ihn Flora, ob er nicht nach dem Wirtshause
gehen und ihren vergessenen Spitzenshawl holen möchte. Sie fände es
kalt und wolle ihn dort mit Gustav auf jener Bank erwarten. Gutmütig
erfüllte Hans ihren Wunsch, aber als er mit dem Shawl zurückkam, fand
er das junge Paar nicht mehr; er nahm auf dem aus unbehauenen Stämmen
errichteten Sitze Platz und verlor sich in Betrachtungen über die
Torheit verliebter Leute.
In der Zwischenzeit hatten die Übrigen die Ruine des ehemaligen
Klosters erreicht und schweiften zwischen den Mauerresten, Treppen,
Spitzbogen und Gewölben umher. Durch die Öffnungen und Spalten, durch
die klaffenden Risse blickten überall der wolkenlos blaue Himmel und
die dunklen Wälder herein. Die grauen, von der Zeit geschwärzten
Mauern waren ganz mit Efeu, Schlingpflanzen und wilden Blumen
bewachsen; hier und da erhoben sich zwischen den moosbedeckten Steinen
einige kleine Fichten- und Tannenbäumchen. Im Grase verstreut lagen
noch einzelne Grabsteine, deren Inschriften der Zahn der Zeit fast
verwischt hatte; einige freilich waren noch lesbar und trugen die
Namen längst verstorbener Mönche und Abte. Totenstille herrschte, und
die ganze Umgebung atmete die Romantik des Verfalls und zeugte von
vergangener Größe. Sogar Irma fühlte sich davon bewegt; ruhig setzte
sie sich in die Nische eines verwitterten Bogenfensters und schaute
träumerisch vor sich hin. Karl, zu lebhaft, um still zu sitzen, hatte
ein paar Eichhörnchen entdeckt, deren lustige, flinke Sprünge ihn
tiefer in den Wald lockten; die andern beiden Paare wählten sich auch
ein ihnen zusagendes Ruheplätzchen, und so war Irma allein. Sie bot
ein entzückendes Bild, von der Fensternische wie von einem breiten
Rahmen umgeben. Sie nahm die Rosen aus ihrem Gürtel und atmete ihren
süßen Duft ein, dann, einer plötzlichen Aufwallung nachgebend, drückte
sie ihre Lippen auf die feinen Blättchen. In demselben Augenblick
hörte sie einen raschen Schritt, fühlte sie, wie das Blut ihr in die
Wangen schoß und Baron von Hochstein stand vor ihr.
[Illustration]
Er tat, als habe er nichts gesehen, grüßte höchst ehrerbietig, schien
erst vorüberschreiten zu wollen und blieb dann plötzlich stehen.
»Hat die romantische Schönheit dieses Ortes Sie auch verlockt, hier
etwas zu ruhen, gnädiges Fräulein?« fragte er.
»Ja, mein Herr,« stammelte Irma verlegen; gleichzeitig erhob sie sich,
um weiter zu gehen.
»Ich bitte Sie,« rief er erschrocken, »lassen Sie sich durch mich doch
nicht stören. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich die Ursache
wäre, daß Sie dies herrliche Fleckchen Erde verließen. Soll ich
gehen?«
Sie überwand ihre Schüchternheit und sah ihn an. Auf seinem Antlitz
las sie eine so unverhohlene Bewunderung, daß ihr der Mut wuchs.
»Dies Reich gehört mir nicht,« entgegnete sie lächelnd, »folglich habe
ich nichts zu befehlen.«
»Dann darf ich also einen Moment verweilen? Kommen Sie oft hierher?«
»Nein, im vorigen Jahr machten wir zuletzt die Fahrt. Es ist von F.
immer eine ganze Reise nach hier.«
»Sie wohnen in F.?«
»Ja, bei meiner Großmutter.«
»Welch ein Glück!«
»Warum?«
»Weil F. kaum zwanzig Minuten mit der Eisenbahn von unserer
Universität I. entfernt ist.«
Wieder wurde Irma rot. »Es wird Zeit, daß ich meine Gesellschaft
aufsuche,« sagte sie, sich erhebend, »Karl, wo bist du?« rief sie
laut.
»La, la, la, la,« ließ sich die lachende Jungenstimme aus der Ferne
vernehmen. Mit einer Verbeugung verabschiedete sie sich und schritt
dem Knaben entgegen, bevor er merkte, daß sie nicht allein gewesen
war.
Ludwig und Agnes ließen nicht lange auf sich warten. Als letztere Irma
sah, flog sie ihr ausgelassen entgegen.
»Wo hast du gesessen?« fragte sie. »Wir haben dich überall gesucht.«
»Wer's glaubt!« lautete die scherzende Antwort. »Ihr überlaßt mich
ruhig meinem Schicksal.«
»Ich glaubte, Hans sei bei Ihnen,« entschuldigte sich Ludwig.
»Hans!« Irma lachte laut auf. »Nein, der hat mich auch im Stich
gelassen.«
»Sicher nicht freiwillig,« meinte Agnes. »Armer Hans.« Sie schob ihren
Arm durch den ihrer Cousine und flüsterte:
»Liebling, ich bin so unendlich glücklich.«
Irma wußte selbst nicht, warum ihr eignes Herzchen so heftig klopfte,
warum ihr so leicht, so selig zu Mute war. Doch nur um Agnes willen,
dachte sie.
»Hat .... hat Ludwig sich erklärt?« fragte sie leise.
»O Irma, ich glaube wirklich, er liebt mich,« versetzte Agnes, und ihr
heiteres Gesichtchen war eitel Sonnenschein.
Zu weiteren vertraulichen Mitteilungen blieb keine Zeit, denn Gustav
und Flora tauchten eben auf. Der jugendliche Künstler sah sehr ernst
aus; er ging Hand in Hand mit Flora und schien es nicht zu bemerken,
daß die andern sich vielsagend anschauten.
Gemeinsam kehrten sie nach dem Wirtshause zurück. Im Stillen wunderte
sich Irma, daß Agnes so heiter war und tat, als sei nichts
vorgefallen. Und doch war ihr etwas ganz Besonderes widerfahren.
Ludwig hatte ihr seine Liebe erklärt. Irma blickte den Leutnant von
der Seite an. Wie hatte sie ihn nur jemals hübsch finden können! Nein,
er war gar nicht hübsch, wenn sie ihn mit dem Baron von Hochstein
verglich.
Im Garten fanden sie die ganze Gesellschaft beisammen. Onkel Heinz und
Hans waren an einem abgesonderten Tisch mit der Bereitung einer
Riesenbowle beschäftigt. Verschiedene Flaschen Rheinwein, ein paar
Flaschen Champagner, Teller mit Erdbeeren, Pfirsichen und andern
Früchten, standen vor ihnen. Die Damen umringten den Professor und
wollten ihm einige Anweisungen geben, er aber erklärte, er sei stets
wegen seiner Bowlen berühmt gewesen und könne ohne Hilfe fertig
werden. Trinken dürften sie davon, um die Zubereitung brauchten sie
sich aber nicht zu kümmern. Tante Elisabeth sagte mit saurer Miene,
daß sie es ganz unpassend fände, wenn junge Leute so viel tränken,
worauf ihr Bruder Fritz lachend erwiderte, sie habe ihre Rechnung
ohne den Wirt gemacht, wenn sie annähme, daß sie allein etwas davon
bekäme.
Am andern Ende des Gartens saßen die Studenten. Irma konnte nicht
anders; sie mußte dann und wann verstohlen hinsehen, und ihr Herz
begann ungestümer zu schlagen, als sie Hochstein aufstehen und von
einigen seiner Kommilitonen gefolgt auf sie zutreten sah.
Er näherte sich Frau Gontrau, verbeugte sich ehrfurchtsvoll und
begann:
»Haben Sie etwas dagegen, gnädige Frau, wenn wir die jungen Damen und
Herren Ihrer Gesellschaft einladen, an einem improvisierten Balle
teilzunehmen?«
Aus dem Speisesaal des Hauses erklangen heitere Tanzweisen, und beim
Schein der mittlerweile angezündeten Lampen drehten sich verschiedene
Paare fröhlich im Kreise.
»Habt ihr Lust, Kinder?« fragte Ilse freundlich.
»Ach ja, Großmama!« rief daß junge Volk entzückt. Selbst Floras Augen
glänzten, aber sie schlug sie nieder und fragte Gustav sittsam, ob er
gern tanze.
Nachdem die gegenseitigen Vorstellungen stattgefunden, bot Baron
Hochstein Irma den Arm, und die junge, fröhliche Schar wollte sich
entfernen, als der Professor rief:
»Das ist alles gut und schön, aber nach dem Tanze kommen Sie her,
meiner Bowle Ehre zu erweisen, ich lade die Herren Studenten zu einem
altmodischen Rundgesang ein, an dem wir alle teilnehmen wollen.«
Ein ohrzerreißendes »Vivat«, dann stürmten die jungen Leute in den
Saal.
Fritz Müller, der mit seiner Frau dem Tanz zusehen wollte, blieb vor
Tante Elisabeth stehen und sagte, ihr lachend den Arm bietend:
»Komm, Schwesterlein mein, wollen wir mal probieren, ob wir das Walzen
noch nicht verlernt haben?«
»Du tätest besser, dich nicht so verdreht anzustellen,« versetzte die
alte Jungfer giftig. »Sieh lieber, was deine Töchter treiben; ich für
mein Teil finde es mehr als unpassend, die jungen Mädchen mit
unbekannten Studenten tanzen zu lassen und noch dazu Maud, die Braut
sein will.«
Fritz wurde dunkelrot; die sanfte Marianne schaute ihre Schwägerin
vorwurfsvoll an, Großmutter Ilse aber kam beiden zuvor:
»Sie sollten sich schämen, Elisabeth,« rief sie heftig. »Daß Sie
selbst sich nicht amüsieren können und alles verurteilen, was
einfache, schlichte Menschen nett finden und gern mögen, ist Ihre
Sache, aber ich verbitte mir ernstlich, daß Sie gegen einen meiner
Gäste gehässige Bemerkungen machen. Ich hab' es gut geheißen, daß die
jungen Mädchen tanzen -- nehmen Sie daran Anstoß, so behalten Sie Ihre
Bedenken für sich, wir werden uns jedenfalls nicht daran kehren.«
Erschrocken schwieg Elisabeth. Sie fürchtete sich ein bißchen vor Frau
Gontrau, die ihr noch immer am höflichsten und freundlichsten
entgegenkam. Die Augen der alten Dame blitzten vor Zorn und für einen
Moment lebte die alte, aufbrausende Ilse wieder auf.
»Ich darf doch wohl sagen, was ich für unpassend finde,« stammelte
Elisabeth, in ihrem Innern noch viel zu entrüstet, um nachzugeben.
»Nicht, wenn keiner danach fragt,« entgegnete Ilse. »Sie haben schon
mehr als zuviel Kritik geübt. Geh nur mit Marianne, Fritz. Ruth und
Heinrich haben auch die Absicht, sich in den Saal zu begeben. Wer
weiß, wenn die Bowle ganz fertig ist, kommen Onkel Heinz und ich
vielleicht auch auf ein Weilchen und gucken zu. Was meinen Sie, Herr
Professor?«
»Vortrefflich, Frau Ilse! Wenn mein dummes Bein mir nicht so
aufspielte, würde ich Ihnen allen einen Hornpipe[1] vortanzen, daß Sie
Ihr blaues Wunder erleben sollten.«
[1] Alter englischer Tanz.
Heiter gingen die andern ins Haus. Ilse widmete ihre Aufmerksamkeit
einen Augenblick der Bowle und schaute dann nach Fräulein Müller.
Steif und kerzengerade saß diese auf ihrem Stuhl. Frau Gontrau, die
ebenso rasch versöhnt war, wie sie heftig werden konnte, fürchtete,
die alte Jungfer doch zu hart angefahren zu haben, und hatte schon
wieder Mitleid mit dem einsamen Wesen, das so unglücklich in seiner
Ecke saß, während alle andern sich gut unterhielten. Der Professor
schüttelte den Kopf, als sie sich zu ihr wendete und freundlich sagte:
»Sie müssen nicht böse sein, Elisabeth, weil ich zornig war. Sie sind
mein Gast, und es würde mir leid tun, wenn ich Sie gekränkt hätte.«
Fräulein Müllers Mienen wurden nicht sanfter, als sie in sauersüßem
Tone erwiderte:
»Ach, Frau Gontrau, mir gegenüber brauchen Sie sich wirklich nicht zu
entschuldigen. Auf mich kommt's nicht an. Jeder darf mich ungestraft
beleidigen. Wenn die Mädchen mich auslachen und Karl frech zu mir ist
und mich zum Gespött macht, haben alle ihre Freude dran. Um mich
kümmert sich niemand, und Sie brauchen es auch nicht zu tun.«
Der Groll und der gekränkte Stolz, die aus diesen Worten sprachen,
taten Ilse weh und sie näherte sich Elisabeth.
»Wollen Sie nicht ein wenig mit mir im Garten spazieren gehen?« fragte
sie. »Ich habe schon so lange gesessen. Der Professor ist noch mit
seiner Bowle beschäftigt.«
Wider Willen geschmeichelt, daß Frau Gontrau sich so um sie bemühte,
stand Fräulein Müller auf. Ilse nahm ihren Arm.
Der Abend war hereingebrochen. Die Kellner zündeten die Laternen im
Garten an; überall leuchteten bunte Lampions zwischen dem Grün auf.
Aus dem Tanzsaal erschallte Musik und heiteres Stimmengesumme. Mit
Absicht schlug Frau Gontrau einen Seitenpfad ein und begann milde:
»Liebe Elisabeth, ich war eine Freundin Ihrer Mutter und habe Sie und
Fritz von Geburt an gekannt. Da darf ich mir doch wohl herausnehmen,
Ihnen einen Rat zu geben.«
Elisabeth warf den Kopf in den Nacken:
»Natürlich, Frau Gontrau.«
»Sie beklagen sich, daß die Menschen nicht lieb zu Ihnen sind; daß die
jungen Mädchen Sie unfreundlich behandeln und gerne necken. Vielleicht
haben Sie recht, aber denken Sie einmal nach, und sagen mir ehrlich
und aufrichtig, ob Sie daran wirklich ganz unschuldig sind.«
»Ich weiß nicht, was Sie wollen,« entgegnete Tante Müller steif. Ilse
aber ließ sich nicht abschrecken.
»Wenn Sie sich bemühten, es den Leuten in Ihrem Hause etwas
behaglicher zu machen,« fuhr sie herzlich fort, »würden Sie selbst
viel glücklicher sein. Was haben Sie von all den Zimmern, die niemals
eines Menschen Fuß betritt, in denen nie ein Fenster geöffnet wird,
aus Furcht vor Staub, wo stets alles gleich tadellos und dadurch so
kalt und ungemütlich ist? Wenn es regnet und jemand kommt zu Ihnen,
lautet Ihre erste Frage, ob er sich auch gut die Füße abgewischt hat,
und ich glaube, Sie würden sich totunglücklich fühlen, wenn etwas
Schmutz und Nässe die Fliesen Ihres Flurs befleckte. Das ermutigt die
Leute nicht; sie fühlen, daß sie nicht willkommen sind und bleiben
lieber fort.«
»Mich besucht doch niemand,« versetzte Elisabeth, die ganz böse werden
wollte, aber in Frau Gontraus warmem, teilnehmendem Ton lag etwas
Besänftigendes. »Übrigens begreife ich eigentlich nicht, was Sie das
angeht.«
»Machen Sie doch einmal den Versuch,« fuhr Ilse, die letzten Worte
nicht beachtend, fort. »Machen Sie Ihr Haus etwas heller und
fröhlicher. Laden Sie das junge Volk einmal ein, bewirten Sie es
einfach, aber gastlich und herzlich. Ärgern Sie sich nicht, wenn es
lustig und ausgelassen zugeht, und vor allem, legen Sie nicht so
großes Gewicht auf nichtige, kleinliche Dinge. Sorgen Sie, daß in
Ihrem einsamen Herzen kein Platz für düstere Stimmung und Mißgunst
bleibt. Ich halte viel von Ihnen, Elisabeth, habe Sie gern, und wenn
Sie sich so benehmen, daß andere das auch tun, dann würden Sie viel
glücklicher sein als bisher. Liebe ist das einzige, wahrhaft Nötige
auf der Welt.«
»Sie haben gut reden,« sagte die alte Jungfer, die sich am meisten
über sich selbst wunderte, daß sie nicht böse wurde. »Sie sind ihr
ganzes Leben lang von allen angebetet und verwöhnt worden, während
ich ....«
»Ich weiß,« fiel Großmutter Ilse ihr ins Wort, »Sie haben vieles
entbehren müssen, aber das kann noch gut gemacht werden. Der Anfang
ist freilich nicht leicht, doch glauben Sie mir, der einzige Weg,
Liebe zu ernten, ist Liebe zu säen.«
»Ja, für unglückliche, zu kurz gekommene Wesen wie ich vielleicht,
aber nicht für die Glücklichen, die vom Schicksal Bevorzugten.«
»Wenn andre wirklich bevorzugt sind, ist es weise, sich darüber nicht
zu ärgern, sondern sich zu bemühen, durch eigene Verdienste das zu
erwerben, was jenen mühelos in den Schoß fällt.«
»Frau Ilse, wo bleiben Sie?« ließ sich plötzlich die Stimme des
Professors vernehmen. »Meine Bowle ist fertig. Ich habe dem Kellner
den Auftrag gegeben, alles in Ordnung zu bringen. Nun wollen wir einen
Blick in den Tanzsaal werfen.«
»Gern, Onkel Heinz. Kommen Sie, Elisabeth.«
Fräulein Müller wußte nicht, ob sie ja oder nein sagen sollte, und
Professor Fuchs machte ein verdutztes Gesicht, als Ilse seinen Arm
nahm und ihm einen Wink gab, Elisabeth den andern zu bieten.
Er brummte etwas, aber ebenso wie Elisabeth konnte er doch nicht gut
anders, als der Großmutter gehorchen. Fritz, Ruth und Marianne zeigten
nicht wenig erstaunte Mienen, als sie die drei eintreten sahen. Fritz,
der den boshaften Ausfall seiner Schwester noch nicht vergessen hatte,
kam gerade mit spöttischem Gesicht auf sie zu, als Ilse ihm winkte,
ihm etwas ins Ohr flüsterte, und schnell unterdrückte er eine
unfreundliche Bemerkung.
Im Ballsaal herrschte die fröhlichste Stimmung, und über eine Stunde
schauten die älteren Leute dem lustigen Treiben zu. Tante Elisabeth
wollte etwas Gehässiges sagen, als ihr Bruder und seine Frau sich erst
an einer Quadrille und dann an einer Polka, ja sogar an einem Walzer
beteiligten, aber sie preßte die Lippen zusammen und schwieg. Sie
äußerte auch keine Mißbilligung, als sie den ernsten Heinrich von
Holten mit Ruth und dann auch mit Maud tanzen sah. Kerzengerade saß
sie neben Ilse und bemühte sich redlich, sich über das Courmachen und
das eitle Getue der jungen Mädchen zu ärgern.
»Wie sich Irma amüsiert,« sagte Ilse froh zu Ruth, »und wie wunderbar
lieblich sie aussieht.«
Ruth beugte sich zu ihrer Mutter und entgegnete leise:
»Ich finde, daß sie zu viel mit dem Baron tanzt, Mama. Das ist nun
schon das viertemal, und sie ist so aufgeregt.«
»Ach was, das hat doch nichts zu sagen! Nach dem heutigen Abend sieht
sie ihn vielleicht nie wieder. Überdies sind Ludwig und Agnes auch
fast unzertrennlich.«
»Das ist etwas andres. Jetzt sehe ich sie überhaupt nicht mehr. Ob sie
hinausgegangen sind?«
»Vielleicht für einen Moment. Es ist arg heiß im Saal. Das machen die
vielen Menschen. Laß Irma nur nicht merken, daß du unruhig bist, Ruth;
wirklich, das wäre nicht richtig. Da sind sie schon wieder.«
In der Tat kehrten Irma und ihr Kavalier in den Saal zurück. Der Ball
näherte sich seinem Ende. In einer Ecke, hinter einer Gruppe
hochstämmiger grüner Blattpflanzen und Rosen konnten sie ungestört
plaudern.
»Dies ist der seligste Abend meines Lebens,« begann Hochstein. »Es ist
beinahe zu schön für einen gewöhnlichen Sterblichen: mir ist, als
weilte ich unter den Göttern des Olymps.«