Siebenunddreissigstes bis zweiundvierzigstes Tausend

STUTTGART

GUSTAV WEISE VERLAG

A. g. XIII.

Druck von Carl Hammer (Inh. Wilhelm Herget), Stuttgart.

»Großmama, Onkel Heinz ist noch immer nicht da. Wir werden gewiß zu

spät an die Bahn kommen.«

»Nein, Irma, du hast Zeit genug, die Fahrt dauert kaum zehn Minuten.«

»Ich hab' solche Sehnsucht nach den Cousinen aus Amerika. Was für

einer herrlichen Zeit gehen wir entgegen, nicht wahr, Großmütterchen?«

Und in ausgelassener Fröhlichkeit flog das schlanke, siebzehnjährige

Mädchen mit dem schönen, blonden Kraushaar und den dunkelblauen Augen

der alten Dame um den Hals.

Mit innigster Liebe schaute die verwitwete Frau Ilse Gontrau ihre

Enkelin an. Ihr feines, schmales, von schneeweißem Haar umrahmtes

Antlitz trug einen wehmütigen Ausdruck, der jedoch durch ein

freundliches Lächeln verklärt wurde.

»Ja, Kind, auch ich bin sehr glücklich, daß Tante Marianne und Onkel

Fritz aus Amerika zurückkommen und hier Wohnung nehmen wollen; ich

sehne mich sehr danach, die Kinder kennen zu lernen.«

»Ist es nicht unbegreiflich, Großmama, daß Onkel Fritz die beiden

Mädchen und den kleinen Karl allein vorausschickt und die drei gar

noch in Paris gewesen sind? So 'ne große Reise und solch junge

Mädchen!«

»Das hat auch mich in Erstaunen versetzt, liebe Irma. Aber ich denke,

wir werden uns noch über vieles wundern. Amerikanische Mädchen sind so

ganz anders erzogen als deutsche.«

»Ah, da kommt Onkel Heinz,« rief Irma, die einen Wagen rollen hörte,

und eilig lief sie hinaus.

»Wir wollen gleich gehen, Onkel, es ist schon spät.«

»Nur ruhig,« versetzte die tiefe Stimme eines alten Mannes, »wir haben

noch eine halbe Stunde Zeit, Jungfer Ungeduld. Ich muß erst einen

Augenblick aussteigen, weil mein Fuß nicht so lange in derselben

Stellung aushalten kann.«

»Macht die Gicht dir wieder zu schaffen?«

»Ja, natürlich, meine alten Knochen benehmen sich wieder

schauderhaft.«

Brummend stieg der Professor aus dem Wagen, humpelte, auf einen Stock

gestützt, durch den Flur und trat in das von der Sonne hell

erleuchtete Zimmer.

Die Jahre waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, sie hatten seine

kraftvolle, breitschultrige Gestalt etwas gebeugt. Das faltige, von

schlohweißem Haar und Bart umrahmte Antlitz zeigte oft einen barschen

Ausdruck, denn es machte ihm Vergnügen, sich als launischen Brummbären

aufzuspielen, aber die von buschigen, schwarzen Brauen beschatteten

Augen konnten noch ebenso schalkhaft und humoristisch durch die

goldene Brille gucken wie in jungen Jahren.

Von der Gicht gezwungen, die ihn oft wochenlang an den Sessel

festbannte, hatte er sich vor längerer Zeit pensionieren lassen.

Obwohl er mit Vorliebe behauptete, ganz überflüssig in der Welt zu

sein und keinem Menschen etwas nützen zu können, so wußten seine

Freunde, wenn sie auch niemals eine derartige Anspielung wagen

durften, doch nur zu gut, daß er vielen unentbehrlich war und es in

der ganzen Stadt keinen so hilfsbereiten, wohltätigen Mann gab wie

den alten Professor Fuchs. --

»Guten Abend, Frau Ilse,« sagte er, während Irma sich den Hut

aufgesetzt hatte und vor Ungeduld zitternd neben ihm stand.

»Sie sind doch noch ausgestiegen? Warum machen Sie sich unnütz müde?«

»Papperlapapp, ich bin kein im Sterben liegendes Jungfräulein. Müde

machen! Es ist nicht mehr als recht und billig, daß einer, der den

ganzen Tag nichts tut, wenigstens seinen alten Beinen Bewegung macht.«

»Ja,« entgegnete Frau Ilse zustimmend, denn sie kannte seine kleine

Schwäche, bei dem unschuldigsten Widerspruch hitzig aufzufahren; »aber

müssen Sie nun nicht gehen?« fügte sie freundlich hinzu.

»Ach ja, Onkel,« schmeichelte Irma.

»Na, kleine Kröte, dann komm nur. 'Kröte', das sagte ich auch immer zu

deiner Mutter. Und nun wollen wir die Kinder meines andern Lieblings

abholen. Wir werden alt, Frau Ilse!«

»Wir sind alt, Onkel Heinz, das Leben hat beinahe mit uns

abgerechnet.«

»Unsinn, der Teufel ist alt! Vorwärts, Kind! Auf Wiedersehen, ich

komme nochmal mit zurück.«

»Natürlich,« stimmte Frau Ilse bei. Sie hörte ihn durch den Flur

stapfen, den Wagenschlag zuwerfen und die Droschke fortfahren. Nun

lehnte sie den Kopf an die Schlummerrolle des Lehnsessels, um wie

gewöhnlich um diese Stunde etwas zu ruhen. Jetzt, vor all der Unruhe,

die ihrer wartete, hatte sie das doppelt nötig. Aber trotzdem sie die

Augen geschlossen hielt und die tiefe Stille, nur unterbrochen von dem

regelmäßigen Ticken der schönen, altmodischen Standuhr, geradezu zum

Schlummern aufforderte, vermochte Frau Ilse doch nicht einzunicken.

Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück,

und alle Ereignisse der letzten fünfundzwanzig Jahre zogen an ihrem

Geist vorüber. Am Anfang stiegen nur heitere, lichte Bilder vor ihrer

Seele auf: der stetig wachsende Erfolg Ruths, ihrer ältesten Tochter,

die als Sängerin immer mehr Lorbeeren erntete und sich in der von ihr

erwählten Laufbahn sehr glücklich fühlte. Dann kam die Verlobung

Mariannes, ihres sanften, lieben Blondköpfchens mit Fritz, dem Sohne

ihrer alten Freundin Rosi. Dies Glück war freilich mit Trauer

gemischt, da Marianne ihrem Gatten nach San Franzisko folgen mußte.

Aber in dem Bewußtsein, daß reiches Glück ihr Kind erwartete, hatten

Ilse und Leo sich darein ergeben und ihrem Liebling, unter Tränen

lächelnd, Lebewohl gesagt.

Auch als Ruth, die ihre Studien in Berlin und später in Paris

fortsetzte, nach einiger Zeit Herz und Hand einem berühmten

Geigenkünstler schenkte, hatten die Eltern freudig ihre Einwilligung

gegeben. Zwar klagte Frau Ilse, daß ihre Töchter so bald schon das

elterliche Nest verließen, doch ihr alter Freund, der Professor, so

schwer ihm selbst auch die Trennung von seinen beiden kleinen Kröten

fiel, bewies ihr lachend, daß nun die Zeit gekommen sei, ihre Memoiren

zu beginnen, und Leo, ihr Gatte, sagte ernsthaft, sie hätten kein

Recht, sich zu beklagen. Die Kinder folgten ihrer Bestimmung und täten

nichts anderes, als was ihre Eltern auch vor Zeiten getan, sie hätten

nur Ursache dankbar zu sein, daß beide den Mann geheiratet, den sie

liebten. Ilse, mit ihrem elastischen, lebhaften Charakter, stark in

der Liebe ihres Gatten und ihrer Freunde, lernte es, sich ins

Unabänderliche zu schicken, und klagte nicht, daß sie mit ihren

Kindern in Amerika nur brieflich verkehren und auf diese Weise

erfahren konnte, daß ihre Enkel solch liebe Schätzchen seien. Ruth und

ihr Mann weilten meist im Auslande oder in den großen Städten

Deutschlands, doch dann und wann verbrachten sie einige Wochen bei

ihren Eltern, und als sie erst einen Sohn und später ein Töchterchen

bekamen, konnte Großmutter Ilse wenigstens diesen Enkeln ihre Liebe

beweisen und die Freude genießen, sie von Zeit zu Zeit bei sich zu

haben.

Dann waren traurige Tage gekommen. Das Glück, das Ilse so lange treu

geblieben, schien sie zu verlassen, und auch sie mußte die Erfahrung

machen, daß in jedem Leben Tränen ebenso notwendig sind wie Freude, um

uns zu tüchtigen, gereiften Menschen zu machen. Die Freundschaft

zwischen den Althoffs und Gontraus verminderte sich mit den Jahren

nicht; im Gegenteil, als auch Nellies Pflegetochter Annie sich mit

einem Prediger vermählte und die Stadt verließ, hatten sich die beiden

Freundinnen noch inniger an einander geschlossen, und es verging kaum

ein Tag, an dem sie nicht zusammen kamen. Nun fing Nellie, die nie

kräftig gewesen war, an zu kränkeln, wollte das aber vor Fred

verbergen, der nach Annies Hochzeit wieder mehr denn je von der

sorgenden Liebe seiner Frau abhängig geworden war. So merkte er

nichts, und selbst vor Ilse verstand Nellie zu verheimlichen, wie

elend sie sich oft fühlte. Endlich, während eines ungewöhnlich

strengen Winters, fing sie an zu husten, anfangs wollte sie nichts

darauf geben, bis der Doktor ihr das Ausgehen entschieden verbot. Die

gute Nellie, die immer nur an andere und nie an sich gedacht hatte,

wurde ernstlich krank, und als der Frühling seinen Einzug hielt,

erlöste ein sanfter Tod sie von ihrem Leiden. Bis zum letzten

Augenblick sorgte sie nur um ihren Fred und beklagte schmerzlich, daß

er so einsam und traurig zurückbliebe. Hoffnungslos kniete der

Direktor an ihrem Sarge und konnte sich nicht vorstellen, wie er ohne

sein liebes, treues Frauchen leben solle; täglich ging er zu ihrem

Grabe, schmückte es mit frischen Blumen und fühlte sich namenlos

unglücklich. Am liebsten weilte er bei Gontraus, wo er mit Ilse

stundenlang über seine geliebte Nellie reden konnte. Auch Ilse war

untröstlich über den Verlust ihrer Freundin; sie hatte sie treu

gepflegt und doch machte sie sich jetzt Vorwürfe, daß sie nicht genug

für sie getan und dem sanften, aufopfernden Wesen die Liebe und

Hingebung nicht mehr gelohnt hatte. Auch sie fand Trost in Althoffs

Gesellschaft und wurde nicht müde ihn zu beklagen und mit ihm zu

leiden.

Doch die Zeit ist das beste Heilmittel für alle Wunden, und so geschah

es denn auch, daß der Direktor ab und zu seinen täglichen Spaziergang

nach dem Friedhof versäumte, auch wieder über andere Dinge redete und

nicht mehr so häufig zu Gontraus kam. Eines Abends, als Ilse mit Leo

und Onkel Heinz aus einem Konzert heimkehrte, fanden sie eine

gedruckte Anzeige vor, die ihr von der Verlobung =Dr.= Althoffs mit

Frau Gebel, der Witwe eines Regierungsrates, Mitteilung machte.

Ilses Enttäuschung kannte keine Grenzen. Heftig warf sie den Brief auf

die Erde und erklärte es für eine Schmach, daß Althoff Nellie, seine

engelhafte Frau so rasch vergessen habe. Sie wollte ihn nie

wiedersehen.

»Das ist doch übertrieben, liebste Ilse,« sagte Leo. »Bedenke doch,

wie Fred von seiner Frau gehegt, gepflegt und verwöhnt war und wie

einsam und unglücklich der arme Mann sich nun fühlen mußte. Wenn er

aufs neue häusliche Gemütlichkeit und Glück sucht, darfst du ihn

wirklich nicht beurteilen.«

»Verehrte Frau,« fügte der Professor in seinem gewohnten spöttischen

Ton hinzu, »nicht alle Männer sind schon in der Wiege zu alten

Junggesellen oder vertrockneten Bücherwürmern bestimmt!«

Ihre Worte gossen aber nur Oel ins Feuer. Der Trotzkopf der

Jugendzeit, der sich jetzt so selten zeigte, daß man seine Existenz

beinahe vergessen hatte, kam wieder einmal zum Vorschein.

»Unsinn,« rief sie heftig, »natürlich müßt ihr ihm die Stange halten;

die Männer sind sich alle gleich, herzlose Egoisten, welche die Liebe

einer Frau nicht verdienen und sie nur zu schnell vergessen.«

»Aber Ilse,« wandte Leo ein.

»Schweig still, du würdest es gerade so machen, wenn ich gestorben

wäre,« klagte sie weinend.

»Das weißt du wohl besser, Liebste,« nahm Gontrau ernst das Wort.

»Aber wir dürfen andere nicht gleich verurteilen, wenn sie unter

Umständen anders handeln, als wir an ihrer Stelle getan hätten. Wenn

auch nicht alle Männer imstande sind, nur einmal im Leben und für

immer zu lieben, so ist es doch sehr gut möglich, daß ihre Zuneigung

warm und echt ist.«

»Kein einziger Mann besitzt die Fähigkeit, nur einmal im Leben zu

lieben,« erklärte Ilse, noch immer zürnend, »ausgenommen der meinige,«

fügte sie plötzlich hinzu, den traurigen, vorwurfsvollen Blick

bemerkend, mit dem Leo sie anschaute, und sie schmiegte den Kopf an

seine Schulter.

Professor Fuchs sah die beiden an, und als Ilses Blick dem seinen

begegnete, meinte sie einen eigentümlichen Ausdruck darin zu lesen und

fragte:

»Na, Herr Professor, Sie sind natürlich wieder nicht meiner Meinung?«

Aber statt der streitsüchtigen Antwort, die sie zu hören erwartete und

auf die gewöhnlich ein hitziger Wortwechsel folgte, erwiderte Onkel

Heinz milde:

»Nein, Frau Gontrau, denn ich weiß, daß es Männer gibt, die ebenso

treu wie eine Frau zu lieben vermögen, ihr ganzes Leben lang, selbst

ohne Gegenliebe und ohne die Hoffnung, jemals glücklich zu werden.«

Gedankenvoll starrte er vor sich hin, und sein Antlitz zeigte

denselben Ausdruck, der Ilse jetzt nicht mehr -- wie vor vielen Jahren

-- in Bestürzung versetzte, der sie jetzt nur mit Mitleid erfüllte,

warum, wußte sie selbst nicht zu sagen.

Wenn Frau Ilse bei ruhigerer Überlegung auch zugeben mußte, daß

Direktor Althoffs Benehmen zu entschuldigen war, so empfing sie ihn

doch mit sehr kühler Höflichkeit, als er ihr seine Braut vorstellte.

Instinktiv fühlten beide, daß die alte Freundschaft aufgehört hatte,

und obwohl sie sich dann und wann sahen, war doch von dem früheren

herzlichen Verkehr keine Rede mehr. Ilse konnte es Fred nicht

verzeihen, daß er Nellies Platz von einer andern einnehmen ließ. Als

es sich nach einiger Zeit herausstellte, daß seine zweite Frau lange

nicht so liebevoll und sanft war wie die verstorbene, daß der Direktor

recht schön unter dem Pantoffel stand und von Verhätscheln und

Verwöhnen keine Rede war, empfand sie nicht das geringste Mitleid mit

ihm, sondern erklärte, daß er nur ernte, was er verdient hatte.

Wieder vergingen viele Jahre. Die Enkel in San Franzisko wurden groß

und schrieben nette deutsche Briefchen an Großpapa und Großmama

Gontrau. Ruths Sohn, der jetzt im vierzehnten Jahre stand, fing an,

eine so überraschende musikalische Begabung zu zeigen, daß seine

Eltern stark daran dachten, auch ihn die Künstlerlaufbahn einschlagen

zu lassen. Da geschah etwas Schreckliches und der schwerste Schlag,

der sie treffen konnte, beugte Ilse für eine Zeit völlig nieder.

Obwohl fast sechzig Jahre alt, stand Professor Gontrau doch noch in

voller Manneskraft und kam seinen vielen Amtsgeschäften mit Eifer und

Treue nach. Ihm und Ilse schwanden die Jahre fast unmerklich dahin,

und beide sahen für ihr Alter wunderbar jung und frisch aus. Das kam

von dem vielen Glück, das ihnen das Schicksal bescherte, und von der

großen Liebe, mit der sie sich gegenseitig umgaben. Da zog sich

Gontrau, der nie krank gewesen war, eine Erkältung zu, die er

anfänglich vernachlässigte. Sie hatte eine schwere Lungenentzündung

zur Folge, die ihn innerhalb einer Woche dahinraffte. So schnell und

heftig hatte die Krankheit zugenommen, daß Ruth und ihr Mann, die in

Paris weilten, kaum Zeit fanden, an das Sterbebett ihres Vaters zu

eilen, und erst ein paar Stunden vor seinem Hinscheiden eintrafen. Sie

waren tief betrübt; ihre Kinder, Gustav und die kleine Irma, weinten

heiße Tränen, weil der liebe Großpapa, an dem sie so zärtlich hingen,

von ihnen ging. Fritz und Marianne schrieben aus San Franzisko

trostlose Briefe.

Im Kreise der Rechtsgelehrten, zu dem Professor Gontrau gehörte,

herrschte große Betrübnis, aber kein Schmerz war mit der starren

Verzweiflung zu vergleichen, die sich Ilses bemächtigt hatte. Von

allen Seiten wurden ihr Zeichen der Teilnahme entgegengebracht. Ruth

und die Kinder blieben wochenlang bei ihr. Die Tochter bot allem auf,

um ihre Mutter zu trösten. Professor Fuchs zeigte in seiner

eigenartigen Weise, wie innig er mit der Witwe fühlte. Flora Werner

kam selbst vom Lande herein und war so herzlich, daß Onkel Heinz, der

sie immer noch überspannt gefunden und sich nie viel aus ihr gemacht

hatte, sich ganz mit ihr aussöhnte. Doch alles war vergebens, Ilse

wollte keinen Trost gelten lassen. Bis dahin noch eine hübsche,

stattliche Dame hatte sie sich im Laufe weniger Monate in eine alte

Frau mit schneeweißem Haar verwandelt; die früher so lebhaften Augen

starrten erloschen aus dem bleichen, hager gewordenen Antlitz, die

stets so beschäftigten Hände lagen tagelang müßig im Schoß!

Mit Tränen in den Augen hatte Ruth sie oft umarmt und angefleht, sich

um aller derer willen, die sie so innig liebten, doch ein wenig

aufzuraffen.

»Ich kann nicht, Kind,« lautete die traurige Antwort, »selbst wenn ich

wollte. Glaube mir, das beste für mich wäre, wenn ich deinem teuren

Vater bald folgen könnte.«

Mit zusammengezogenen Brauen und einem Gesicht, das sich je länger je

mehr verdüsterte, bemerkte Onkel Heinz, der fast täglich in dem

Gontrauschen Hause weilte, diese traurige Veränderung. Anfangs hatte

er das größte Verständnis für Ilse gehabt und nicht gewußt, wie zart

er mit ihr umgehen sollte. Allmählich aber sah er die Sachen mit

andern Augen an und beschloß einmal ein ernstes Wort zu reden.

»Wissen Sie, Frau Gontrau,« begann er, als er mit ihr allein war,

»woraus wir, meiner Ansicht nach, Trost schöpfen können, wenn wir

unsre Liebsten verloren haben?«

Ilse schlug die brennenden Augenlider auf und schaute ihn fragend, mit

einem Schimmer von Interesse an.

»Wenn wir in ihrem Geiste weiterleben,« fuhr der alte Mann fort, »wenn

wir genau dasselbe tun, womit wir sie glücklich machten, als sie noch

bei uns weilten.«

»Vielleicht,« versetzte Ilse mit bitterm Lächeln.

»Sie aber tun das nicht,« fuhr Onkel Heinz erbarmungslos fort. »Oder

glauben Sie, der gute Gontrau würde sich darüber freuen, wenn er

wüßte, daß Sie sich so gehen lassen, sich sogar gegen die Liebe Ihrer

Kinder gleichgültig zeigen und auf dem besten Wege sind, Ihre

Gesundheit zu zerstören und sich aufzureiben?«

»Zum Glück weiß er das nicht.«

»Sind Sie dessen ganz sicher? Und selbst wenn dem so wäre, der

Gedanke, in dem Geist und Sinn unserer lieben Verstorbenen weiter zu

leben, ist ein festes, köstliches Band, das uns mit ihnen verbindet.

Jedenfalls finde ich Sie in Ihrem Leid ganz besonders egoistisch und

undankbar.«

Ilse stand auf, ihre trüben Augen fingen an zu funkeln, etwas von

ihrer alten Natur wurde wach in ihr, und sie rief entrüstet: »Wie

dürfen Sie es wagen, so zu mir zu sprechen? Ich verlange nichts, als

daß man mich mit meinem Schmerz allein läßt! Egoistisch, undankbar!

Wie sollte ich Ursache haben, dankbar zu sein, ich, über die das

größte Leid gekommen ist, das eine Frau treffen kann!«

Onkel Heinz ließ sich jedoch nicht abschrecken; er war schon froh, daß

er sie aus ihrer Apathie aufgerüttelt hatte, und fuhr ruhig fort:

»Egoistisch, weil Sie nur an sich denken und ganz vergessen, daß es

Ihre Pflicht ist -- und nichts weiter als Ihre Pflicht und

Schuldigkeit -- für Ihre Kinder zu leben und ihnen durch doppelte

Liebe den Vater zu ersetzen. Undankbar, weil Sie all das Gute nicht

erkennen, was Ihnen noch geblieben ist. Wer sind Sie denn, Frau Ilse,

und auf welchen Standpunkt stellen Sie sich eigentlich, um so viel vom

Leben fordern zu dürfen?«

»Ich?« stammelte sie verständnislos.

»Ja, Sie,« wiederholte er heftig. »Alle Segnungen, die ein

Menschenleben glücklich gestalten können, sind Ihnen zu teil geworden.

Sie haben eine sorgenlose Jugend genossen, waren schön und gesund,

durften den Mann heiraten, den Sie unaussprechlich liebten. Ihre

Kinder haben Ihnen nie eine trübe Stunde bereitet; auch an irdischen

Glücksgütern fehlte es nicht. Mehr als dreißig Jahre waren Sie mit

Ihrem Manne vereint und haben die denkbar größte Seligkeit erfahren.«

»Ja, aber eben gerade deshalb ist es jetzt so fürchterlich,«

schluchzte Ilse. »Gerade weil ich meinen Mann so geliebt habe, so

glücklich mit ihm gewesen bin, kann ich ihn nicht entbehren, und es

ist so trostlos, ohne ihn leben zu müssen. Aber davon wissen Sie

nichts, das können Sie nicht verstehen.«

Onkel Heinz lächelte traurig.

»Nein, das kann ich natürlich nicht verstehen; aber wissen Sie, Frau

Gontrau, was ich außerdem auch nicht verstehe? Daß Sie sich niemals

die Frage vorgelegt haben, in welchen Beziehungen Sie denn so viel

besser, weiser und liebenswürdiger sind als andre, um so bevorzugt zu

werden. Denn ich sage Ihnen, tausende schmachten nach dem Glück, das

Ihnen mühelos in den Schoß gefallen ist. Tausende müssen im Leben sich

begnügen, die reichbesetzte Tafel anderer zu sehen, und lernen, sich

neidlos an fremdem Glück zu freuen, ohne daß ihnen von den

begehrenswerten Schätzen das Geringste zu teil wird.«

Seine Stimme klang seltsam bewegt, was ihr nicht entging; und als sie

durch ihre Tränen zu ihm aufschaute, sah sie, daß er ganz gerührt war.

Freundlich reichte sie ihm die Hand und flüsterte:

»Sie haben Recht, ich will mich zusammennehmen.«

Und sie hielt Wort. Zwar wurde sie nicht mehr die alte Ilse, die sie

früher gewesen war, aber sie lernte, sich in das Unabänderliche

schicken, zehrte vom Glück, das sie früher besessen hatte, und konnte

dankbar sein für das, was ihr geblieben war. Niemand, selbst Ruth

nicht, erfuhr, was der alte Professor mit ihr verhandelt hatte. Ihre

Kinder schrieben die günstige Veränderung der alles heilenden Zeit zu.

Einige Jahre später baten Ruth und ihr Gatte, Heinrich von Holten,

Großmama Ilse, ihr Töchterchen Irma auf unbestimmte Zeit in ihr Haus

zu nehmen. Durch ihren Beruf gezwungen, waren sie viel auf Reisen und

konnten nie lange an einem Ort verweilen. Dies unstäte Leben mußte die

Erziehung des heranwachsenden Mädchens ungünstig beeinflussen. Mit

Gustav war das etwas anderes; der Knabe spielte bereits so meisterhaft

Klavier, daß er seine Eltern nicht nur begleitete, sondern sich schon

selber öffentlich hören ließ. Irma aber war nicht künstlerisch

veranlagt, für sie paßte dies ruhelose Leben nicht. Mit welcher Freude

Frau Ilse die Bitte ihrer Tochter erfüllte, läßt sich denken. Sie

fühlte sich oft sehr einsam, und nun, wo die hübsche, lustige Irma ihr

Gesellschaft leistete, erwachte wieder viel von ihrer früheren

Lebenslust.

Alle diese Ereignisse zogen an Ilses Geist vorüber, während sie in

ihrem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer saß. Sie erkannte, wie sie

es eigentlich Onkel Heinz verdankte, daß sie nun mit Freuden der

Ankunft ihrer unbekannten Großkinder entgegensah, und sich auf die

spätere Heimkehr von Fritz und Marianne aus dem fernen Lande freuen

konnte; und ein Gefühl der Dankbarkeit gegen ihren alten Freund

erfüllte sie. --

Unterdessen waren Professor Fuchs und Irma auf dem Bahnhof angelangt

und schritten ziemlich ungeduldig auf dem überdachten Bahnsteig hin

und her, um die Ankunft des Zuges zu erwarten.

»Glaubst du, daß wir sie schnell herausfinden, Onkel?« fragte Irma.

»Aber natürlich, sie werden Lärm genug machen.«

»Ich bin so schrecklich neugierig; wenn der Zug nur erst käme, es ist

nicht mehr auszuhalten!«

Ein schriller, langgezogener Pfiff in der Ferne, ein immer lauter

werdendes Getöse verriet, daß die Wartezeit ein Ende hatte.

»Ruhig!« mahnte Onkel Heinz, als Irma ihn mitten ins Menschengewühl

hineinziehen wollte. »Glaubst du, mir macht's Vergnügen, auf meinen

schmerzenden Fuß getreten zu werden? Wir bleiben hier stehen, dicht

neben dem Eingang, da müssen sie vorbeikommen, und wir können sie

nicht verfehlen.«

Irma wäre lieber weitergegangen, aber sie nahm sich zusammen, reckte

sich, so viel sie konnte, und bemühte sich, mit ihren scharfen Augen

die Erwarteten zu entdecken.

»Ach, ich fürchte, sie sind nicht da,« flüsterte sie enttäuscht.

»Ich glaube, du bist meine Cousine Irma von Holten,« sagte plötzlich

eine helle Stimme in reinstem Deutsch dicht neben ihr, und vor ihr

standen zwei junge Mädchen mit einem Knaben von etwa zehn Jahren.

»Maud! Agnes!« rief Irma erfreut, »seid ihr's wirklich? Ach wie schön,

daß wir euch gefunden haben.«

Sie war doch etwas verlegen und warf rasch einen Seitenblick auf die

Amerikaner. Die beiden Mädchen waren groß und schlank, trugen sehr

einfache Reisekostüme von dunklem Stoff, gut, aber ohne jede

Verzierung gearbeitet, um den Hals einen weißen Kragen mit einer

hübsch geschlungenen Krawatte. Irma fand, daß sie jungenhaft aussahen,

besonders Maud, deren dunkles Haar kurz geschnitten war. Beide trugen

Filzhüte mit einem breiten glatten Band und einer steif

aufrechtstehenden Hahnenfeder. Der Knabe sah allerliebst aus. Er war

klein für sein Alter, hatte aber ein kluges, verschmitztes Gesicht.

Mit seinem langen Beinkleid, seiner kurzen Jacke und hohem Hut glich

er einem Herrn =en miniature=. Alle drei schienen ihren Handkoffer mit

Vergnügen selbst zu tragen; in ihrer Kleidung wie in ihrem Äußern lag

etwas höchst Korrektes, und sie sahen durchaus nicht ermüdet und

abgespannt aus.

»Sie müssen Onkel Heinz sein,« sagte Maud, auf den Professor

zutretend, »Vater und Mutter haben uns so viel von Ihnen erzählt, daß

wir sie überall herausfinden würden.«

»Na, na, ihr Taugenichtse, eure Eltern haben mich seit zwanzig Jahren

nicht gesehen, was können sie da noch von mir behalten haben?« fragte

der Professor, dessen Antlitz vor Freude strahlte.

»O,« nahm der kleine Karl das Wort, »Sie sind gewiß nur ein bißchen

weißer geworden, aber den Spitzbart und das lustige Gesicht haben Sie

wohl immer gehabt.«

»Nu hör' mir einer so 'nen Junker Naseweis an, was sagst du zu so 'nem

Dandy, Irma?«

Die Amerikaner waren so zutraulich und liebenswürdig, daß es Irma nach

kaum fünf Minuten schien, als hätten sie sich schon seit Jahren

gekannt.

An der Treppe, die vom Bahnsteig hinunterführte, bot Agnes Onkel Heinz

den Arm, und der kleine Junge lief voraus, öffnete die Türen des

Wartesaales und sah sich sofort nach dem Wagen um. Dienstfertig riß er

den Schlag auf, half den jungen Damen und Onkel Heinz beim Einsteigen

und kletterte, da im Innern kein Platz mehr für ihn war, auf den Bock;

das alles tat er mit einer Gewandheit und Selbstverständlichkeit, als

ob er zwanzig und nicht zwölf Jahre alt wäre.

»Aber wir vergessen ja das Gepäck,« rief Irma, »wo sind eure Koffer?«

»Wir haben nichts weiter als unser Handgepäck,« entgegnete Maud.

»Nichts als diese kleinen Köfferchen, und damit habt ihr eine solche

Reise gemacht?«

»Nun, was brauchen wir mehr? Ein gutes, handfestes Reisekostüm, eine

seidene Bluse und ein heller Rock, das genügt. Wäsche kann man an

jedem Ort kaufen oder waschen lassen. Viel Gepäck auf der Reise ist

unpraktisch.«

Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Hause der Frau

Gontrau. Die Doppeltüre öffnete sich, noch ehe der Kutscher klingeln

konnte. Bebend vor Rührung stieg Irma zuerst aus und ging ins

Vorzimmer. Dort stand Großmutter Ilse und hieß ihre Enkelkinder mit

Tränen in den Augen willkommen.

»Liebste, beste Großmutter! Sehen wir dich endlich?« riefen die

Mädchen, und alle drei eilten zu gleicher Zeit auf sie zu.

Während einiger Minuten hörte man nichts als unterdrücktes Schluchzen,

Liebkosungen und einzelne Ausrufe. Endlich beruhigten sich die Gemüter

ein wenig und entzückt schaute Ilse die Kinder an.

»Sehen Sie mal, Onkel Heinz,« rief sie erregt, »ist Maud nicht ihrem

Vater wie aus den Augen geschnitten? Und Agnes, du gleichst auf ein

Haar deiner lieben Mutter, auch so blond und sanft. Wann kommen eure

Eltern, liebe Kinder?«

»In sechs Wochen etwa, Großmama. Wir müssen erst ein Haus mieten und

einrichten.«

»Wem seh ich ähnlich, Großmama?« fragte Karl.

»Das weiß ich noch nicht, mein lieber Junge.«

»Die Mutter sagt,« nahm Maud das Wort, »daß er viel vom Großvater

hat,« und sie schaute nach einem lebensgroßen Porträt Leos, das an der

Wand hing.

Das gab Ilse einen Stich ins Herz. Ach, wie oft hatte Leo sich auf das

Wiedersehen mit seinen Kindern und Enkeln gefreut; wie innig hatte er

gewünscht, daß sein Schwiegersohn Fritz einen Wirkungskreis in ihrer

Nähe finden und seinem Adoptivvaterlande Lebewohl sagen möchte. Nun,

wo sich sein Wunsch erfüllte, konnte er sich nicht mehr daran

erfreuen. Verräterisch bebten die Lippen der alten Frau, da bemerkte

sie, wie Onkel Heinz sie ernst und ermutigend anschaute. Der Gedanke,

daß er nur zu gut verstand, was in ihr vorging, gab ihr Kraft; tapfer

schluckte sie die Tränen hinunter und sagte heiter:

»Aber Kinder, ihr müßt ja totmüde sein. Irma, führe sie nach oben und

zeige ihnen ihre Zimmer, dann können sie sich vor dem Abendessen etwas

ruhen.«

»Nicht nötig, Großmama,« fiel Agnes lebhaft ein. »Wir haben heute

nacht im Zuge herrlich geschlafen und es uns ganz bequem gemacht. Das

Einzige, was uns nottut, ist etwas zu essen. Nicht wahr, Maud? Nicht,

Karl?«

»O, dann gehen wir gleich zu Tisch,« schlug Ilse vor. »Folgt mir nur

ins Eßzimmer, Kinder. Kommen Sie, Onkel Heinz!«

Lachend nahm sie den Arm des alten Herrn und schritt voraus, während

Irma sich im Stillen wunderte, wie man länger als zwanzig Stunden in

einer Tour reisen und dann erklären konnte, nicht müde zu sein.

Bald war die ganze Familie gemütlich um die Abendtafel versammelt. Der

Tisch war festlich gedeckt mit einem weißen Tuch, in das mit feiner,

blauer Baumwolle Figuren und Sprüche eingestickt waren, und zeigte

Überfluß an wertvollem, altdeutschem Porzellan, schön geschliffenem

Kristall, Blumen und Früchten. An dem altmodischen kupfernen

Kronleuchter waren alle Kerzen entzündet und auf dem Buffet von

Eichenholz standen sogar ein paar Flaschen Sekt in Eis.

Die amerikanischen Gäste taten dem Festmahl die größte Ehre an, und

alle schwatzten lustig und lebhaft durcheinander.

»Kinder,« fragte Ilse im Laufe des Gesprächs, »wie gefällt euch

Paris?«

»Herrlich, Großmama. Eine großartige, fröhliche Stadt. Entzückend mit

all den großen Plätzen und Parks, dem vielen Grün und der

Blumenpracht. Jetzt war es ganz besonders schön, denn Flieder und

Kastanien standen in vollster Blüte.«

»Herrscht nicht ein schrecklicher Trubel dort?«

»Nein, bei uns geht's lebhafter zu, da gibt's viel mehr Lärm und

Hasten, und die Menschen haben mehr zu tun, aber in Paris ist alles

eleganter, reicher.«

»War's euch nicht angst, so ganz allein in der großen fremden Stadt?«

fragte Irma neugierig.

»Ganz allein?« rief Karl lachend; »wir waren doch zu dritt.«

»Ja, aber ihr seid doch so jung und wart fremd und hattet keine

Bekannten, die euch herumführen und euch alles zeigen konnten.«

Maud lachte. »Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an

einige Familien geschrieben, sich unserer anzunehmen. Aber wir fanden

es so umständlich, erst Besuche zu machen, das nahm uns Zeit, und es

gab doch so viel zu sehen.«

»Das ist schade,« meinte Ilse. »Ohne Begleitung konntet ihr doch nicht

in die Theater gehen, und dadurch habt ihr viel verloren.«

»Ich verstehe dich nicht, Großmama, wir sind in verschiedenen Theatern

gewesen.«

»Allein?«

»Wir drei und manchmal wir beide, wenn es für Karl zu spät wurde.«

»Ihr beiden jungen Mädchen allein, des Abends, im Pariser Theater,«

sagte Ilse erstaunt, »wußten eure Eltern das?«

»Natürlich, Großmama. Wir gehen immer allein aus, überall hin. Alle

amerikanischen Mädchen tun das, und niemand findet etwas darin.«

»Ich würde das nicht wagen,« gestand Irma.

»Was bist du für ein Dummchen,« fuhr Maud fort. »Wie umständlich und

lästig ist es, immer von irgend jemand abhängig zu sein. Wir sind's

gewöhnt, alles allein und selbständig zu besorgen. Und das ist

wirklich das einzig Richtige.«

»Aber Kinder,« fragte Ilse, »habt ihr in Paris denn nie eine

unangenehme Begegnung gehabt?«

»Nicht ein einzigesmal, Großmama,« versicherte Agnes. »Niemand achtete

auf uns, ruhig und still, den Reiseführer in der Hand, gingen wir

unsres Weges. Hatten wir was zu fragen, wiesen die Leute uns stets

freundlich und höflich zurecht. Wir waren immer sehr einfach

gekleidet, und jeder sah gleich, daß wir Fremde waren.«

»Nun,« nahm die Großmutter wieder das Wort, »ich versichere euch, daß

in meiner Jugend niemand so was gewagt hätte. Und ich war noch ein

kecker Tollkopf, aber davor wäre mir doch bange gewesen. Was sagen Sie

dazu, Onkel Heinz?«

Der alte Herr hatte behaglich schmunzelnd zugehört.

»O!« meinte er, »mir gefällt das alles ausgezeichnet; Sie wissen ja,

daß ich auf die übertriebenen Formen und Komplimente nichts gebe. Ich

bin für die amerikanischen Mädchen. Und da nun gerade der Sekt

eingegossen wird, schlage ich vor, sie leben zu lassen.«

Fröhlich stimmte jeder in dies Lebehoch ein; aber nun war es spät

geworden, und man trennte sich. Die jungen Gäste wurden auf ihre

Zimmer geführt, und bald herrschte tiefste Stille im ganzen Hause.

* * * * *

Am nächsten Morgen sandte die strahlende Maisonne Lichtfunken durch

die Stäbe der heruntergelassenen Jalousien in Irmas Zimmer, und

endlich gelang es ihr, das junge Mädchen aufzuwecken. Irma richtete

sich auf und schaute umher in dem hübschen Gemach mit den hell

bezogenen Möbeln und den weißen, mit blauen Schleifen aufgenommenen

Gardinen. Sie rieb sich die Augen, nickte den Bildern ihrer Eltern und

ihres Bruders, die auf dem Schreibtisch standen, einen Morgengruß zu

und dann, ohne daß sie sich recht darauf besinnen konnte, fiel ihr

ein, daß gestern abend etwas sehr Nettes passiert war. Ach ja, die

Ankunft der amerikanischen Cousinen! Sie sah nach der Uhr und merkte

mit Schrecken, daß es schon sehr spät war und sie die Zeit verschlafen

hatte. Eilig sprang sie aus dem Bett und kleidete sich an.

Bei Großmama schadete das nichts, die machte kein böses Gesicht, wenn

sie ein bißchen spät herunterkam, aber was würden die amerikanischen

Cousinen denken? Irma war ein recht verwöhntes Kind, ein verzogenes

Püppchen; da sie aber so liebenswürdig, sanft und herzlich war, ließ

Großmutter Ilse ihr in ihren kleinen Liebhabereien und Neigungen, die

sie nur noch bezaubernder machten, ihren freien Willen. Sie war nicht

eitler als die meisten jungen Mädchen, obwohl sie wußte, daß sie ein

reizendes Gesichtchen hatte, mit blauen Vergißmeinnichtaugen und einer

Fülle krausen goldblonden Haares. Sie hielt sehr darauf, nett

angezogen zu sein, und brauchte viel Zeit zur Toilette, aber das

Resultat war dann auch stets ein so befriedigendes, daß die

Großmutter, selbst wenn sie zuweilen über solche Zeitvergeudung

schalt, sich heimlich gestehen mußte, daß das kleine Ding

unwiderstehlich reizend aussah.

Denselben Gedanken hatten auch die amerikanischen Cousinen, als Irma

nun endlich in einem blau und weiß gestreiften Morgenkleide sich zu

ihnen gesellte, und der kleine Karl, der sich bereits im Zimmer seiner

Schwestern befand, erklärte Irma für das schönste Mädchen, das er je

gesehen.

»Dummer Junge!« rief sie lachend, aber geschmeichelt fühlte sie sich

doch. »Was ist das mit euch?« fuhr sie fort, erstaunt erst die beiden

Mädchen ansehend und dann im Zimmer umherblickend.

Maud und Agnes waren, wie Karl, bereits zum Ausgehen gerüstet, bis auf

Hut und Handschuhe. Aber auch das Zimmer war schon völlig fertig, die

Betten gemacht, die Waschtische in Ordnung gebracht, überall Staub

gewischt, ja Agnes war beschäftigt, den Pflanzen, die auf dem Balkon

standen, Wasser zu geben.

»Warum habt ihr das alles selbst besorgt?« fragte Irma verwundert.

»Das sind wir so gewöhnt.«

»Aber dazu sind doch die Dienstmädchen da.«

»Gewiß,« versetzte Maud, »doch wir lieben es nicht, uns bedienen zu

lassen. Was wir selbst tun können, tun wir auch selber. Bei uns haben

wir keine Bedienten in dem Sinne, wie ihr das versteht. Zu gewissen

Arbeiten, die wir nicht verrichten können, kommen Leute stundenweise

jeden Tag; dann gehen sie wieder. Sie werden fast als unsres Gleichen

angesehen. Die Mutter erzählte uns, daß es hier ganz anders ist, aber

so rasch können wir uns daran nicht gewöhnen.«

Großmutter Ilse erwartete das junge Volk im Eßzimmer, dessen weit

offenstehende Glastüren in den Garten führten. Nach dem Frühstück

wurde ein Tagesprogramm entworfen. Die Mädchen wollten sich am

liebsten gleich nach einer passenden Wohnung umsehen. Sie ersuchten

Großmama und Irma nachzudenken, welches Stadtviertel das geeignetste

wäre, damit sie keine unnötigen Wege zu machen brauchten.

»Aber erst,« erklärte Maud, »muß ich zwei Briefe schreiben, oder

besser, du, Agnes, schreibst den an unsre Eltern, das erspart Zeit.

Den andern muß ich selbst erledigen.«

Sie wurde dabei rot, und Irma forschte lachend:

»Ist er so wichtig, daß du ihn nicht bis zum Nachmittag aufschieben

kannst?«

»Ja,« versetzte Maud, »denn dieser Brief ist für meinen Verlobten

bestimmt.«

Großmama und Irma machten erstaunte Gesichter.

»Du bist schon Braut, mein Kind?« fragte erstere. »Und davon erfuhr

ich nichts. Das ist doch nicht auf der Reise zustande gekommen?« fügte

sie hinzu, fürchtend, daß ihre Enkelin ohne Wissen der Eltern einen

unüberlegten Schritt getan haben möchte.

»Nein, Großmama,« erwiderte Maud ruhig. »John und ich, wir sind schon

fast ein Jahr verlobt. Er ist eine Waise, Vater und Mutter haben es

vom ersten Tage an gewußt. Der Vater hielt es für besser, nicht

darüber zu reden, denn es dauert noch ein Jahr, bis John fertig ist

und wir heiraten können. Daher haben wir nichts davon in unseren

Briefen erwähnt, aber ich wollte es dir natürlich gleich mitteilen.«

»Und was ist dein Bräutigam?«

»Im Augenblick Heizer auf einer Lokomotive.«

»Was!« riefen Ilse und Irma, im höchsten Grade erstaunt, wie aus einem

Munde.

»Heizer auf einer Lokomotive,« wiederholte das junge Mädchen mit

größter Gemütsruhe.

»Ist er denn ein Arbeitsmann?« fragte Irma kleinlaut.

Maud fing an zu lachen.

»Hab' nur keine Angst. Mein John ist Ingenieur und wird übers Jahr

zweiter Direktor einer großen Dampfmaschinenfabrik. Aber er muß auch

praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher

Arbeiter.«

»Ein gewöhnlicher Heizer,« nahm Irma das Wort, und ihre blauen Augen

wurden immer größer vor Verwunderung, »mit 'nem Arbeitskittel und

schwarzem Gesicht und schmutzigen Händen?«

Maud ärgerte sich ein bißchen, Agnes aber brach in lustiges Gelächter

aus.

»Was bist du doch für ein dummes Gänschen, Irma; wenn er sich

gewaschen und umgezogen hat, sieht ihm niemand seine Beschäftigung an.

John geht nicht in seinem Arbeitsrock in Gesellschaft.«

»Überdies,« fiel Maud ein, »ist ein Arbeiter bei uns gerade so gut ein

Gentleman wie jeder andere, es kommt nur auf die Persönlichkeit an.

Uns ist gelehrt, daß keine Arbeit schändet.«

»Da hast du ganz recht,« meinte Ilse, »aber du mußt es meiner kleinen

Irma nicht übelnehmen, daß sie etwas erstaunt ist. Sind die Sitten und

Gebräuche in Amerika auch anders, im Grunde genommen haben wir doch

dieselben Ansichten. So willst du uns also bald wieder verlassen,

Maud?«

»In einem Jahr kommt John, um mich zu holen, Großmama.«

»Und du, Agnes.«

»O, du behältst mich zunächst bei dir, vielleicht für immer; ich habe

keinen Verlobten in Amerika.«

Die jungen Mädchen schrieben ihre Briefe, und dann gingen sie mit Irma

auf Wohnungssuche. Ilse wollte nach einem Wagen schicken, Maud aber

erklärte, sie fände es bequemer zu Fuß zu gehen, dann könnten sie sich

besser umschauen. Die Großmama mußte den Gedanken, sie zu begleiten,

aufgeben, denn sie fürchtete die Anstrengung, auch bedurften ihre

energischen Enkelinnen ihres Rates nicht, denn sie wußten genau, was

sie brauchten. So konnte sie ihnen die Sache getrost überlassen. Irma

ging zum Vergnügen mit. Sie gesellte sich zu Agnes, während Maud und

Karl vorauswanderten, und eifrig beratschlagten. Die deutsche Cousine

wunderte sich immer mehr und mehr über den Takt, die Ruhe und

Geschäftskenntnisse, welche die fremden jungen Mädchen an den Tag

legten. Sie erkundigten sich nach allem, sprachen mit Hauseigentümern

und Verwaltern, machten solche praktische Bemerkungen, daß sogar die

Männer sie erstaunt betrachteten, und endlich glückte es ihnen, dicht

vor der Stadt ein geräumiges, von einem hübschen Garten umgebenes Haus

zu mieten. Maud schlug vor, der Besitzer solle noch denselben Abend

mit dem Kontrakt zu Frau Gontrau kommen, da die Sache eile. Das Haus

konnten sie sofort beziehen, es sah sehr gut erhalten aus und bedurfte

nur geringer Reparaturen.

»Ich glaube, daß ich arg dumm bin,« sagte Irma seufzend, als sie,

munter plaudernd, den Heimweg antraten. »Erst fand ich es sehr

komisch, daß ihr allein herkamet und ein Haus für eure Eltern mieten

solltet. Meinen Eltern würde es nie einfallen, mir einen solchen

Auftrag zu geben. Ich würde es auch nicht können, denn noch nie in

meinem Leben bin ich handelnd aufgetreten.«

»Dann wird es hohe Zeit,« fand Maud. »Wie alt bist du eigentlich,

Irma?«

»Siebzehn.«

»Agnes ist achtzehn, und ich werde nächstens zwanzig.«

»O, du kommst mir wie dreißig vor,« rief Irma, »das heißt,« fuhr sie

erschrocken fort, »nicht in deinem Äußern, denn mit dem hübschen

kurzen Gelock siehst du wie sechzehn aus, aber in deinem Tun und

Lassen. Du bist so schrecklich verständig, ganz wie eine Frau.«

»Das will ich meinen,« sagte Maud ruhig.

»Mach nur nicht so ein erschrecktes Gesicht, Irmachen,« nahm Agnes

freundlich das Wort. »Du brauchst nicht handelnd aufzutreten; du bist

gerade so ein liebes, hübsches, kleines Ding, das sein Leben lang

verhätschelt und beschützt werden muß.«

»Das möchte ich auch. Mir ist so bange vor emanzipierten Frauen.«

Maud mußte lachen. »Wir sind nicht emanzipiert. Wir haben nur gelernt,

uns wenn nötig selbst zu helfen und unabhängig und frei aufzutreten,

wo es gerade angebracht ist.«

»Aber ich will nicht unabhängig auftreten,« beharrte Irma. »Wenn ich

mal heirate, will ich von meinem Manne ganz abhängig sein, ihn als mir

überlegen betrachten, als meinen Herrn und Gebieter; er aber muß mich

verwöhnen, verhätscheln und in mir das kostbarste und schönste Wesen

sehen, das ihm anvertraut ist. Er muß mich geradezu anbeten.«

»Das würde mir nicht genügen,« erwiderte Maud und ihre Mundwinkel

zuckten verächtlich. »Ich will meinem Manne Gefährtin und Helferin

sein, keine Puppe, kein Schmuckstück.«

Irma antwortete nichts, sie nahm den Arm ihrer jüngeren Cousine. Ohne

recht zu wissen weshalb, fühlte sie sich mehr zu Agnes hingezogen --

ob das kam, weil diese sie schon zweimal schön und unwiderstehlich

genannt hatte? Sie gestand sich das selbst nicht ein, fand Maud auch

sehr lieb, aber die war drei Jahre älter und -- Braut. Da war es wohl

natürlich, daß sie sich mit Agnes inniger befreundete.

Die Mädchen baten Großmutter Ilse, nach dem Mittagessen das Haus mit

ihnen zu besehen, ehe es endgültig gemietet wurde. Onkel Heinz, der

sich erkundigen wollte, ob die Reisenden gut geschlafen hätten, schloß

sich ihnen an. Beide waren höchst befriedigt, Ilse, weil das Haus nur

ein Viertelstündchen von ihrer Wohnung entfernt lag, und der

Professor, weil die Zimmer so geräumig, hoch und luftig waren. In

heiterer, fast ausgelassener Stimmung durchschritten und besichtigten

sie sämtliche Räume, und die Mädchen erzählten schon, wie sie alles

einrichten wollten, als Ilse plötzlich erschrocken ausrief:

»Aber Kinder, wann geht ihr denn zu eurer Tante Elisabeth?«

Der kleine Karl schnitt Irma ein Gesicht, daß sie losprustete, Agnes

sonniges Antlitz trübte sich und Maud sagte:

»Aber Großmama, dazu haben wir doch vor der Hand keine Zeit; es eilt

auch nicht.«

»Doch, liebes Kind; sie ist die einzige Schwester deines Vaters.«

»Papa konnte Tante Elisabeth nie leiden; er machte sich nichts aus

ihren Briefen,« ergänzte Karl.

»Und doch hat er sicher gesagt, daß ihr gleich nach eurer Ankunft sie

besuchen sollt,« beharrte Ilse. »Was meinen Sie, Onkel Heinz?«

»Ach, was sollen die Kinder bei so 'ner langweiligen alten Jungfer?«

»Siehst du wohl, Großmama! Onkel Heinz muß es doch wissen,« riefen die

Mädchen wie aus einem Munde.

»Nein, Onkel Heinz weiß es nicht,« erklärte Ilse bestimmt, dem

Professor einen unzufriedenen Blick zuwerfend. »Denken Sie doch, wie

einsam Tante Elisabeth ist! Seit dem Tode eurer Großmutter, der alten

Frau Rosi Müller, lebt sie ganz allein. Nun sind die Kinder ihres

einzigen Bruders aus Amerika gekommen, und es würde mehr als unartig

und herzlos sein, wenn ihr sie nicht aufsuchen wolltet.«

»Großmama hat recht,« pflichtete Maud bei, »morgen früh wollen wir zu

ihr gehen.«

»Ich geh' aber nicht mit,« rief Irma, »ich hab' keine Lust, getadelt

zu werden wie ein kleines Kind. Jedesmal, wenn ich zu Fräulein Müller

komme, muß ich anzügliche Bemerkungen hören, bald über meine Frisur,

dann über meine Toilette, ja, einmal hat sie sich sogar herausgenommen

mir zu sagen, daß du mich verziehst, Großmama.«

»Da hat sie aber vollkommen recht,« stimmte Ilse lachend zu. »Du wirst

mitgehen, Irma, schon um deinen Cousinen den Weg zu zeigen.«

»Ja,« flüsterte Agnes, »komm nur mit, nachher lachen wir zusammen über

die '=old maid='.«

Das Haus wurde gemietet, und während des ganzen übrigen Nachmittags

und Abends stellten die Mädchen lange Listen von allem auf, was sie

zur Einrichtung brauchten, denn sie wollten so bald wie möglich mit

ihren Einkäufen beginnen. --

Pastor Adolf Müller war ungefähr sechs Jahre, nachdem sein Sohn Fritz

sich mit Marianne Gontrau verheiratet hatte und nach San Franzisko

gezogen war, gestorben. Rosi und ihre einzige Tochter Elisabeth hatten

das freundliche Pfarrhaus verlassen müssen und waren nach einem andern

Stadtteil übergesiedelt. Dort hatten sie eine Wohnung ganz nach ihrem

Geschmack gefunden -- ein düsteres, ziemlich großes Haus mit zwei

Stockwerken, einem langen Korridor und einer Küche. Die dunkel

tapezierten Zimmer wurden mit schweren, massiven Mahagonimöbeln

ausgestattet. Rosi liebte helle Farben und neumodisches Mobiliar

nicht, und Elisabeth teilte ihren Geschmack. Die Schränke, Tische und

Stühle waren so glänzend poliert, daß ein Spiegel überflüssig schien,

obgleich einer in schwarzem Rahmen über dem Kamin hing. Nirgends war

ein Stäubchen zu entdecken, und alles stand fein säuberlich an der

Wand in Reih und Glied, denn Rosi ärgerte sich über die verrückte

Sitte, im Salon alles bunt durcheinander zu stellen. Die Kissen und

gepolsterten Sitze der Sessel und Sophas waren mit riesigen

gefältelten Schonern bedeckt, denn die beiden Damen, die wenig

ausgingen, sich außer in der Kirche nie an öffentlichen Orten zeigten

und selten Besuch bei sich sahen, beschäftigten sich vorzugsweise mit

Handarbeiten. Durch die Heirat der Kinder wurde der Umgang mit der

Familie Gontrau aufrecht erhalten, da aber auf beiden Seiten keine

große Sympathie herrschte, nahm der Verkehr auch im Laufe der Jahre

nicht zu. Rosi billigte es nicht, daß Ilses älteste Tochter Ruth einen

Künstler geheiratet hatte, daß sie selbst Konzerte gab und viel mit

Künstlern, ja sogar mit Schauspielern verkehrte. Leo und Ilse ertrugen

Rosis beschränkte Ansichten um der Kinder willen, hüteten sich aber

vor einem intimen Umgang.

Diese Umgebung war sicher nicht geeignet, um aus Elisabeth, die an

sich schon ein steifes, zurückhaltendes Wesen besaß, ein fröhliches,

liebenswürdiges Menschenkind zu machen. In ihrer Jugend hatte sie

unter dem Druck gelebt, der seit Fritzens Flucht aus dem Elternhause

jahrelang auf Rosi und Adolf lastete. Als später alles zum Guten

ausschlug und Fritz als ein tüchtiger, vermögender =self-made man= aus

der Fremde heimkehrte, galten alle Liebe, alle Aufmerksamkeiten ihm,

und die bescheidene Elisabeth, die sich stets bemüht hatte, ihrer

Mutter in strengster Pflichterfüllung nachzueifern, war ganz in den

Hintergrund getreten. Der Pastor sah das wohl ein, er hatte aber nie

viel zu sagen gehabt. Er bemühte sich, Rosi klar zu machen, daß sie

Elisabeth in die Gesellschaft einführen müßten, damit sie ihre Jugend

genießen könne. Rosi war nicht seiner Meinung; je stiller und

unbeachteter ein junges Mädchen seinen Weg ging, desto besser. Ein

ernster Mann wüßte es zu schätzen, wenn er ein Mädchen heiratete, das

unbekannt und unbesprochen durch die Welt ging und dessen Tugenden im

eignen Hause zur vollen Geltung kamen. Aber trotzdem erhielt Elisabeth

nie einen Heiratsantrag. Anfangs war sie darüber unglücklich und

beneidete ihre, in dieser Hinsicht bevorzugten Freundinnen.

Als die Jahre vergingen und die Aussichten immer mehr schwanden, wurde

sie verbittert. Nachdem der Vater gestorben und sie mit der Mutter die

düstere, kasernenartige Wohnung bezogen hatte, ergingen sich beide in

lieblosen Gedanken und scharfen Äußerungen. Die eine verurteilte die

Mütter, die alles daran setzten, ihren Töchtern einen Mann zu kapern,

und die andre brach den Stab über die Mädchen, die den jungen Leuten

nachliefen und dadurch ein Schandfleck ihres Geschlechtes wurden.

Solange die Mutter lebte, die mit ihr fühlte und für die sie sorgen

konnte, verknöcherte Elisabeth noch nicht ganz, aber als sie nach

ihrem Tode allein auf der Welt stand, wurde sie die unangenehme,

bissige alte Jungfer, die sich für nichts interessierte als

für die Sauberkeit und Ordnung in ihrem Haushalt, für einige

Wohltätigkeitsbestrebungen, die mit echter Menschenliebe und

Selbstverleugnung wenig zu schaffen hatten, für ihre Sammlung von

Häkelmustern und für die Gesundheit ihrer Katze, ihres Kanarienvogels

und ihres Hundes. Sie wurde geizig, mißtrauisch und klatschhaft; die

Leute mieden und verlachten sie. Nur wenige hatten Mitleid mit ihr und

sahen ein, daß sie wohl eine verrückte alte Jungfer, aber doch

eigentlich ein beklagenswertes Geschöpf war, verdorben durch Erziehung

und häusliche Verhältnisse. Ilse Gontrau, die selbst viel gelitten --

erst durch Nellies Tod und dann vor allem durch den Verlust ihres

geliebten Leo -- urteilte milder und konnte es nicht leiden, wenn

Elisabeth Müller von allen, besonders von den Männern und dem jungen

Volke verspottet und lächerlich gemacht wurde. Sie sah in ihr eine

arme Verlassene, an der das Glück mitleidslos vorübergegangen war.

Wenn sie auch zugeben mußte, daß der Gegenstand ihres Mitleids höchst

unsympathisch war; wenn sie auch für ihre guten Absichten stets

unangenehme Redensarten zu hören bekam, sie blieb fest in ihren

Bemühungen und gab sich daher auch jetzt erst zufrieden, als die

Mädchen mit Karl sich am nächsten Morgen auf den Weg zu Tante

Elisabeth machten.

»Brr!« sagte der kleine Junge, »was für 'ne Straße! Das ist ja rein

zum Gruseln.«

»Dort wohnt die Tante, in dem Haus mit den Spionen und den grünen

Rollläden,« belehrte Irma.

»Nicht verlockend,« meinte Maud. »Warum steht bei dem herrlichen

Wetter nirgends ein Fenster auf?«

»Damit kein Staub hineinkommt.«

»Glaubst du, Irma, daß sie uns was Leckeres anbieten wird?« fragte

Karl.

»Selbstverständlich. Aber wenn sie es tut, Kinder, nur nicht danken.

Sie wagt gewiß nicht, es zu unterlassen, in der stillen Hoffnung, daß

wir dankend ablehnen werden. Denn geizig ist sie!«

»So wird sie mir wohl keine Zigarre anbieten?«

»Kleiner Affe!« rief Irma lachend, »darf er denn rauchen, Agnes?«

»Nein, Papa hat's ihm streng verboten, trotzdem tut er es manchmal

doch.«

»Still, nicht klatschen,« flüsterte Karl mit einem besorgten Blick auf

Maud, die jedoch nicht acht gegeben hatte, sondern ihr ganzes

Interesse der großen, dunkel gestrichenen Haustüre und den mit

Rollläden und doppelten Vorhängen versehenen Fenstern widmete.

Sie zogen die Klingel und mußten lange warten. Endlich öffnete sich

die Tür und ein bejahrtes Dienstmädchen mit sauren Mienen, in einem

dunkelblauen Wollkleide mit kurzen Ärmeln und einer großen

Leinenschürze, erschien in derselben.

»Ist Fräulein Müller zu Hause?« fragte Irma.

»Ja, gnädiges Fräulein,« lautete die Antwort mit einem keineswegs

freundlichen Blick auf die kleine Gesellschaft.

»Nun, dann können wir wohl eintreten.«

»Nicht so rasch, bitte, ich weiß doch nicht, ob das Fräulein empfangen

will.«

»Dann fragen Sie, aber so lange brauchen wir doch nicht hier auf der

Matte zu stehen.«

»Wen soll ich melden?«

»Mich kennen Sie doch, Fräulein Irma von Holten? Und dann sagen Sie,

daß die Nichten und der Neffe aus Amerika da sind.«

»So,« erwiderte die Magd mit einem mißtrauischen Blick auf die

Fremdlinge. »Treten Sie unterdes nur ein, aber bitte die Füße gut

abzuputzen, draußen ist es schmutzig.«

»Ach, so was, die Straße ist knochentrocken,« murmelte Irma, während

sie den Cousinen und Karl voranging in den Salon.

»Was für ein freches Geschöpf,« sagte Agnes.

»Wart' nur, Kind, das ist erst das Vorspiel, die Herrin ist noch ganz

anders. Aber findet ihr es hier nicht außerordentlich gemütlich?«

Maud und Karl prusteten los, während Agnes sich neugierig umschaute.

Es war ein großes Gemach, aber es roch dumpfig und feucht, als ob es

lange nicht gelüftet worden wäre. Vor dem hohen, breiten Fenster, das

auf einen Hof hinausging, hingen schwere, dunkle Übergardinen. Dunkel

waren auch Tapeten und Möbel, die wie Soldaten in Reih und Glied an

den Wänden standen. Das goldene Sonnenlicht, die fröhlichen Farben der

ersten hellen Sommertage waren sorgfältig ausgesperrt; hier schien

alles düster, winterlich, feucht und bedrückend.

Maud, Karl und Irma hatten jedes auf der Kante eines Stuhles Platz

genommen, ohne den Mut zu finden, ihn auch nur ein wenig von der Wand

zu rücken.

Niemand kam.

»Brr,« machte Irma, »hier bekommt man fast Lust, etwas ganz Tolles zu

begehen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.«

»Weißt du, was hier das Hübscheste ist?« fragte Agnes, mit dem Fuß

über den Boden gleitend.

»Nun?«

»Der Boden, das schönste Parkett kann nicht besser sein.«

In der Tat war der Linoleumteppich so glatt gebohnt, daß man bei jedem

Schritt in Gefahr geriet, zu fallen.

»Herrlich zum Tanzen!« rief Irma, und plötzlich sprang sie auf, faßte

Agnes um die Taille und walzte mit ihr durch das Zimmer.

»Haltet ein, das dürft ihr nicht,« bat Maud erschrocken, die beiden

aber hörten nicht und Karl, von ihnen angesteckt, wurde nun auch

ausgelassen, fing an mit den Fäusten auf dem Tisch zu trommeln und mit

lauter Stimme zu singen:

»=Come boys, push along

And let us all be gay.=«

[Illustration]

»Mein Gott, was geht hier vor?« ertönte plötzlich eine angsterfüllte

Stimme. Die Türe wurde geöffnet und Tante Elisabeth, durch den Lärm in

ihrem sonst so stillen Hause zu Tode erschreckt, schaute hinein,

gefolgt von der nicht minder entsetzten Grete.

»Das sind keine Amerikaner, gnädiges Fräulein,« rief letztere, »das

sind Wilde. Der Junge wird das Haus noch einreißen.«

Die Mädchen ließen sich los, und lachend wandte Irma sich dem alten

Fräulein zu.

»Seien Sie nicht böse, Fräulein Müller. Wir machten ein Tänzchen, um

uns die Zeit zu vertreiben, da Sie sich gar nicht sehen ließen. Dies

sind Ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.«

»Vorgestern sind wir angekommen, liebe Tante,« sagte Maud freundlich,

»und hoffen, daß du froh bist, uns zu sehen.«

»Seid willkommen, ihr Mädchen,« entgegnete die Tante und gab jeder

einen Kuß. Karl reichte sie die Hand; vor dem Knaben mit seinem

Schelmengesicht und den übermütig blitzenden Augen hatte sie

buchstäblich Furcht. »Aber ich muß doch sagen, daß ihr eine sonderbare

Manier habt, Besuche zu machen. Ist das Mode in Amerika?«

»Nein, Tante,« erwiderte Agnes lachend. »Da ist nur dein gebohnter

Fußboden schuld. So köstlich glatt, das verlockt unwiderstehlich zu

einem Tänzchen. Wenn du das Zimmer ausräumst, kannst du im Winter hier

eine herrliche Tanzgesellschaft geben.«

»So, die geb' ich aber nicht,« klang es ziemlich gereizt zurück.

»Grete, sieh mal nach, ob keine zu argen Schrammen im Boden sind, und

reib' auch den Tisch ab, der Junge hat mit seinen warmen Händen

Flecken darauf gemacht.«

Eine unbehagliche Stille entstand. Maud fühlte sich durch diesen mehr

als unfreundlichen Empfang beleidigt. Irma und Agnes traten sich

unter dem Tisch auf die Füße und wechselten beredte Blicke. Karl aber,

dem es sofort klar wurde, daß er seine Tante nicht ausstehen könne,

sann auf einen neuen Streich, mit dem er sie ärgern wollte. Tante

Elisabeth betrachtete ihre Nichten neugierig und eingehend. Die

Mädchen mißfielen ihr dank ihrer höchst einfachen Kleidung nicht;

diese war ihr lieber wie Irmas Toilette, die immer höchst elegant und

nach der neuesten Mode war. Aber daß Maud ihr Haar kurz geschnitten

trug, fand sie lächerlich.

»Warum trägst du dein Haar wie ein Junge?« fragte sie.

»Weil ich es bequem und praktisch finde, Tante.«

»Aber doch auch, weil es dir gut steht?« meinte Irma.

»Jawohl, stünde es mir schlecht, so würde ich es nicht tun.«

»Ihr habt nette Kostüme an,« fuhr Tante Elisabeth fort. »Geht ihr

immer so dunkel und einfach gekleidet?«

Maud biß sich auf die Lippen; dies unhöfliche Ausfragen ärgerte sie,

Agnes versetzte aber lachend:

»O nein, das sind unsre Reisekleider, und es ist bequem, wenn die ganz

einfach sind. Aber bei feierlichen Gelegenheiten geben die

amerikanischen Frauen und Mädchen viel auf Toilette. Wenn wir wieder

kommen, wirst du uns in großer Gala sehen, Tante.«

»Das ist nicht nötig,« erwiderte Fräulein Müller steif. »Ich gebe

nichts darauf; ich halte nur auf Einfachheit und Tüchtigkeit. Doch nun

erzählt mir, wie es euren Eltern geht und wann sie hier eintreffen!«

Die Mädchen berichteten dies und das von ihrer Reise, ihrem Aufenthalt

in Paris und ihren Plänen, wie sie das Haus, welches sie hier gemietet

hatten, einrichten wollten. Das berührte Tante Elisabeth unangenehm.

Ihr kaltes Antlitz mit den regelmäßigen Zügen und dem tadellos

gescheitelten, noch dunklen Haar ward immer länger und länger. Es

mißfiel ihr im höchsten Grade, daß so junge Mädchen allein aus einem

andern Erdteile -- und gar noch über Frankreich -- nach Deutschland

reisten und das für das Natürlichste und Einfachste von der Welt

hielten. Sie selbst war in ihrem ganzen Leben nie über einige Meilen

im Umkreis ihres Geburtsortes herausgekommen, und sie verurteilte

jeden, der ihren engherzigen Ansichten nicht beipflichtete. Diese

Kinder hatten sicher die Abenteuerlust vom Vater, ihrem Bruder Fritz

geerbt, der auch mit fünfzehn Jahren aus dem Elternhause entlief, weil

er sich der heiligen Zucht und Ordnung nicht fügen wollte, die dort

dank dem strengem Regiment ihrer Mutter herrschten. Als sie im Lauf

der Unterhaltung merkte, daß die Mädchen von ihren Eltern

nicht mehr als Kinder, sondern als gleichberechtigte erwachsene

Menschen behandelt wurden, fing sie an, mit der Neugierde einer

unverbesserlichen alten Jungfer allerhand unbescheidene Fragen zu

stellen. Wieviel Miete sie für das Haus zahlten? Wie groß das

Einkommen ihres Vaters wäre? Wieviel Kleidergeld sie erhielten? Ob ihr

Vater hier auf demselben Fuße leben könnte wie in Amerika? &c. &c.

Irma amüsierte sich köstlich über die Art, wie Maud und Agnes, ohne

unhöflich zu sein, mit großem Takt auf all diese Fragen ausweichende

Antworten gaben; und Tante Elisabeth mußte zu ihrem Ärger erfahren,

daß sie keine kleinen Kinder, die sie nach Herzenslust ausforschen

konnte, vor sich hatte, sondern ein paar kluge, verständige Mädchen,

die nicht mehr sagten, als sie für richtig hielten.

»Tante,« ließ Karl sich plötzlich vernehmen, »darf das Fenster nicht

geöffnet werden?«

»Wozu, mein Junge?«

»Ich finde, daß es hier so abscheulich riecht.«

Die alte Dame wurde rot.

»Du kannst deine Bemerkungen für dich behalten, lieber Neffe,« sagte

sie giftig. »Das Fenster -- bleibt geschlossen. Ich habe keine Lust,

mich dir zu Liebe zu erkälten.«

Wieder setzte sie ihre Unterhaltung mit Maud fort. Karl sah nach Irma

hin, die ihm lächelnd zunickte.

»Tante,« fing er von neuem an.

»Was, kleiner Kerl?«

»Ich hab solchen Durst. Hast du nicht ein Glas Limonade oder Obst für

uns?«

»Ein gut erzogenes Kind fordert nicht, sondern wartet, bis ihm etwas

angeboten wird,« entgegnete die Tante streng. »Sind alle Kinder in

Amerika so ungesittet und schlecht erzogen wie dieser Junge, Nichte

Maud?«

Aber nun war's mit Mauds Selbstbeherrschung vorbei.

»Nein, Tante,« versetzte sie scharf. »Bei uns sind die Kinder, gerade

wie Karl, sehr gut und gesittet erzogen, und die Leute sind gastfrei

und freundlich, so daß sie sich wundern, wenn sie bei andern das

gerade Gegenteil sehen.«

Trotzkopf als Grossmutter · 第 3 / 10 题