Sie wandte sich nicht um.
Er hinter ihr drein. Sie am Arm fassend, rief er: »Aber Kind, wo
willst du denn hin?«
»Ich soll ja gehen, hast du gesagt,« klang es tonlos aus dem
Umschlagetuch, das ihr Gesicht verhüllte. »Ich will Tante Beta fragen,
ob sie mich haben will.«
»Aber so hab' ich das ja gar nicht gemeint, es ist mir nur der Kopf
mal verglippt, vergib mir die bösen Worte, du weißt doch, wie gut ich
es mit dir meine. Nun komm doch.«
Er legte den Arm um sie und führte sie mit sanfter Gewalt in das Haus
zurück.
Als sie in der Wohnstube anlangten, wo Leidchen sich auf einen Stuhl
fallen ließ, stellte er sich vor sie hin und bat: »Bitte, liebe
Schwester, kuck mir mal in die Augen!«
Sie hielt den Blick gesenkt.
»Sag' mal, kannst du denn gar nicht ein bißchen wieder vergnügt sein?«
»Ich kann mich nicht anders machen als ich bin. Du solltest mich man
gehen lassen. Dann brauchst du dich nicht mehr über mich zu ärgern.«
»Davon ist keine Rede, wir beiden halten treu zusammen. Wenn es gar
nicht anders geht, muß ich schließlich auch so zufrieden sein,« sagte
er seufzend. »Vergiß das von vorhin. Du sollst kein böses Wort wieder
von mir zu hören kriegen.«
So kam Weihnachten heran. Gerd hatte nicht daran gedacht, das Fest,
dem die Stimmung in seinem Hause so gar nicht entgegenkam, besonders
zu feiern. Aber in einer stillen, weichen Stunde beschloß er doch, der
Schwester eine Ueberraschung zu bereiten, und kaufte kleine Geschenke.
Und als er auf seinem Hochmoor zufällig ein schneebelastetes Tännchen
entdeckte, hieß er es mitgehen. Am Spätnachmittag vor dem Heiligen
Abend ging er ins Dorf, um vom Höker die nötigen Lichte zu holen.
Als er, seiner Heimlichkeit froh, nach Hause kam, suchte er die
Schwester überall und fand sie endlich in ihrer Butze.
»Was, Deern? Du bist schon ins Bett gekrochen?«
»Ja.«
»Aber es ist doch Christabend. Da hilft dir alles nichts, du mußt
wieder heraus.«
»Ach, Gerd, laß mich.«
»Zehn Minuten geb' ich dir noch, aber dann mußt du hoch sein.«
Und schon war er hinaus.
Er holte das Bäumchen, das er hinter dem Hause im Buschwerk verborgen
hatte, steckte den Fuß in einen quadratisch ausgestochenen Soden
Moostorf und stellte es in der Wohnstube auf den Tisch. Ein paar Äpfel
und Kringel hatte er schnell in die Zweige gehängt und das Dutzend
roter, grüner und weißer Lichte hineingesteckt. Seine Geschenke
breitete er unter der Tanne aus: eine Brosche von derselben Art,
wie er seiner Schwägerin Becka am Verlobungstag eine hatte schenken
müssen, eine schwarze Schürze, einen Kamm, in die Haare zu stecken,
und einen Teller mit Äpfeln und Nüssen. Von Herzen froh überblickte er
seine Gaben und rieb sich die Hände.
Dann nahm er ein Licht, das er zurückbehalten hatte, und zündete die
anderen damit an. Öfters trat er einen Schritt zurück, um sich an dem
immer heller werdenden Glanz, der sein bescheidenes Stübchen erfüllte,
zu erfreuen.
Als das volle Dutzend brannte, bog er ein Zweiglein mit der Spitze zu
einer der Flammen, daß es knisternd und zischend den niedrigen Raum
mit süßem Weihnachtsdunst durchräucherte, den er voll tiefen Behagens
einsog.
Darauf nahm er die Harmonika von der Wand und schritt spielend über
das Flett. In der anderen Stube war es noch dunkel. »Was?« rief er
enttäuscht, »du liegst noch immer im Bett? Nun aber 'raus! Christkind
ist da!«
»Ach Gerd, nicht für mich,« kam es müde aus der Butze.
»Für wen denn sonst? Grade für dich. Grade du hast es so nötig. Hu,
hier ist's so düster und kalt, und drüben so warm und hell. Deern, was
wirst du für Augen machen!«
»Gerd, bitte ... laß mich liegen.«
»Das wär' noch schöner!« rief er. Er holte ihre Hand unter der Decke
hervor. »Wenn du nicht willig kommst, zieh' ich dich mit Gewalt
heraus, und du mußt, wie du da liegst, im Hemde, mit. Leidchen, ich
hab' mich so lange auf diesen Abend gefreut, du willst mir doch nicht
die ganze Freude verderben? Nun komm aber schnell, die Lichter brennen
sonst herunter.«
»Was für Lichter?«
»Die an unserem Christbaum natürlich.«
»Was? Du hast einen Baum?«
»Ja, für dich.«
»So--o? ... hm ... dann muß ich wohl kommen ...«
Er ging auf das Flett hinaus, setzte sich an den Herd und spielte
Weihnachtslieder, den Blick träumerisch der geöffneten Wohnstube
zugekehrt, aus der es weihnachtlich herüberglänzte.
Es dauerte nicht lange, so erschien die Schwester. Er legte den Arm
leicht um sie und führte sie dem Lichterglanz entgegen. In der Tür
blieben sie eine Weile schweigend stehen. Dann geleitete er sie an den
Gabentisch.
»Hier hab' ich auch schöne Geschenke für dich,« sagte er froh. »Erst
mal hier eine Brosche. Das Kreuz, weißt du, was das zu bedeuten hat?«
»Ja.«
»Und das Herz?«
»Natürlich weiß ich das.«
»Und der Anker?«
»Och, Gerd, wie sollte ich das nicht wissen?«
»Dann vergiß es auch nicht und denke immer daran: Ohne Glauben, Liebe,
Hoffnung, kann kein Mensch das Leben zwingen. Halt her, ich stecke
sie dir an ... Macht sich sehr fein, kuck mal in den Spiegel ... Oder
magst du sie nicht leiden?«