»Und dann ist hier eine Schürze. Kaufmann Nolte sagt, es wär' was
extra Feines. Soll ich sie dir vorbinden?«
»Nein, danke, das kann ich selbst.«
»Und dann ist hier noch ein Kamm. Komm, ich steck' ihn dir selbst
ins Haar ... Er sitzt wie angegossen. Und wie deine Haare auf einmal
wieder glänzen ... wie gelbe Seide ... Und auch deine Augen haben
wieder ihren alten Glanz ...«
»Das kommt wohl bloß von den Lichtern,« sagte Leidchen und wischte mit
der Hand über ihre Augen.
»Laß es ruhig davon kommen, Deern, das schadet ja nichts ...«
»... Du hast mir so viel geschenkt, und ich habe für dich gar nichts.
Ein Paar Strümpfe hatte ich angefangen, aber die letzten Wochen hab'
ich sie liegen lassen.«
»Macht nichts. Wenn du dich bloß ein bißchen freuen willst, bin ich
zufrieden.«
»Ja, das tu' ich ja auch ...«
»Mußt's aber auch wirklich und ordentlich tun.«
»Ach, Gerd, so mit Gewalt kann man das nicht. Das muß über einen
kommen.«
»Ja, aber an diesem Abend, sollt' ich meinen, kommt es auch über jeden
ordentlichen Christenmenschen. Und du bist doch kein Heidenkind ...
Lang' mir erst mal unserer seligen Mutter ihre Bibel vom Wandbrett.«
Sie reichte ihm das ehrwürdige Buch, und er las das
Weihnachtsevangelium, langsam und andächtig. Bei der Engelsbotschaft
von der Freude, die allem Volk widerfahren soll, hob er die Stimme.
Eine Zeitlang schauten sie wieder still in das Lichtgeflimmer.
Dann griff er zu seiner Harmonika und sagte: »Nun wollen wir auch mal
ein Lied singen. Welches möchtest du am liebsten?«
»Es ist mir einerlei.«
»Na, denn mal los: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende
Weihnachtszeit.«
Er zog ein paar Akkorde und setzte dann kräftig mit der zweiten Stimme
ein. Aber die erste blieb aus.
»Du sollst mitsingen,« sagte er ärgerlich, Gesang und Spiel
unterbrechend, »wir haben doch immer so schön zweistimmig gekonnt.«
»Fang' bitte noch einmal an ...«
Und nun stimmte sie mit ein, erst zag und leise, allmählich kräftiger
werdend, und sie sangen alle drei Verse.
Wieder schauten sie schweigend in den Glanz der Kerzen, eine lange
Zeit ...
Endlich fragte sie leise, den Blick zu Boden gesenkt: »Weißt du noch?
... heute vor drei Jahren? ...«
Er sandte einen schnellen Blick zu ihr hinüber und sagte ebenso leise:
»Ja ... daran habe ich auch schon gedacht ...«
Plötzlich barg sie ihr Gesicht in die Schürze und fing an zu weinen.
Bald warf ein wildes Schluchzen ihren Körper hin und her, das zuletzt
wieder in ein leises Weinen überging.
In Gerds feucht schimmernden Augen war der Widerglanz einer großen,
stillen, tiefen Freude.
Als sie endlich ihre Augen getrocknet hatte, begann er:
»Liebe Schwester, ich habe mich oft gefreut, wenn du fröhlich
lachtest. Aber über dein Lachen habe ich mich niemals so gefreut,
wie eben über die Tränen, die du da geweint hast ... Ich hab' mal in
einem Buch gelesen, in der heiligen Weihnacht fingen Glocken, die mit
versunkenen Städten tief unten im Meer liegen, leise an zu klingen.
Das mag wohl sein ... Du sprachst vorhin von heute vor drei Jahren ...
Da wollen wir wieder anknüpfen, und was dazwischen liegt, als einen
bösen, häßlichen Traum ansehen ...«
»Wenn das nur so ginge ...«
»Es geht, Leidchen. Ganz gewiß, es geht! Ich meine doch, dazu ist
der Heiland ein Kind geworden, daß wir auch wieder Kinder werden
können. Nein, laß mich ruhig ausreden. ›Christ ist erschienen, uns
zu versühnen‹, haben wir vorhin gesungen. Und ich meine, das sollen
wir einfach glauben ... Du hast's diese Zeit mit Grübeln, Sorgen und
Grämen versucht. Und was ist dabei herausgekommen? Du hast dich damit
nur immer tiefer in dein Elend hineingearbeitet, und mir ist manchmal
angst und bange um dich gewesen. Nun versuch's doch mal auf die andere
Art. Glaub' ganz einfach dem Heiland, der zu einer, die es viel
schlimmer getrieben hatte, gesagt hat: ›Sei getrost, meine Tochter,
deine Sünden sind dir vergeben.‹ Das fasse tief in dein Herz, und dann
quäl' dich nicht länger, sondern fang' frisch von neuem an.«
Sie wandte den Kopf nach dem Fenster, ihre Augen suchten das Dunkel.
Aber in den unverhangenen Glasscheiben spiegelte sich derselbe
Lichterbaum, den sie in Gerds Augen hatte glänzen sehen, und die
ganze Stube füllte er mit seinem wunderbaren Licht. Es war gar nicht
möglich, seinem Glanze auszuweichen.
Nach einiger Zeit nahm sie des Bruders Hand und sagte: »Weißt du was,
Gerd? Ich glaube, es war gut, daß ich mal tüchtig geweint habe.«