Er sah sie entsetzt an: »Aber Kind, du bist doch kein Judas.«

»Kannst ~du~ das wissen?«

»Hast du denn ganz vergessen, was du gelernt hast? Barmherzig und

gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte und Treue.«

»Es gibt eine Sünde, die kann nicht vergeben werden, weder in dieser

noch in der zukünftigen Welt.«

»Aber Leidchen, Leidchen, was schnackst du da für schreckliches Zeug!

Das ist doch bloß die Sünde wider den heiligen Geist.«

»Kannst du in mich hineinkucken? Kannst ~du~ wissen, ob ich die

begangen habe oder nicht?«

»Oh, Leidchen, ich bitte dich, laß dir bloß nichts vorlügen vom bösen

Feind. Wühl' dich nicht in einen solch schaurigen Wahn hinein!«

Er sah sie in heller Verzweiflung an.

»Komm, Junge, das Essen wird kalt,« sagte sie kurz.

Sie setzten sich an den Tisch. Gerd hatte einen tüchtigen Hunger

mitgebracht. Aber jetzt war er ihm zum guten Teil wieder vergangen.

Leidchen dagegen aß viel, und wie ihrem Bruder scheinen wollte, mit

einer Hast und Gier, die ihr früher fremd gewesen waren.

Am Abend ging sie zeitig zu Bett. Gerd saß allein in der Stube, und

auf einmal gewannen bittere Gefühle über ihn die Herrschaft. Er fragte

sich, was er all die Jahre eigentlich von seiner Schwester gehabt

hätte, und gab sich die Antwort: nichts als Arbeit, Sorge, Angst,

Verdruß und Ärger. Als er sich dies mit Einzelheiten bewiesen hatte,

fiel ihm plötzlich ein Wort ein, das der Pastor am Vormittag in

seiner Beichtrede angeführt hatte: »Einer trage des anderen Last, so

werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen,« und er erneuerte die vor dem

Altar gefaßten Vorsätze, der Schwester fortan wieder freundlicher und

herzlicher zu begegnen, als in den letzten Wochen.

Zwei Tage später fand im oberen Dorf, auf Stelle Nr. 11, eine

Zwangsversteigerung statt. Jan Brassen, ein Luftikus und Obenhinaus,

einer von Heini Pepers besten Kunden, hatte sich in einem plötzlichen

Anfall von Größenwahn ein Paar feuriger Rappen zugelegt und diese

dann in einem halben Jahr zuschanden gejagt. Inzwischen war auch der

Wechsel verfallen, und sein Hausrat sollte jetzt in die vier Winde

gehen.

Gerd ging auch hin, in der Hoffnung, ein paar Stücke, deren Fehlen

sich im Haushalt unangenehm fühlbar machte, billig kaufen zu können.

An die hundert Menschen umstanden den Tisch des Auktionators, und da

es halbjährigen Kredit gab und Schnaps soviel jeder trinken wollte,

wurden wahnsinnige Summen geboten, für die man die meisten Sachen viel

besser neu hätte kaufen können. Gerd ärgerte sich über den Leichtsinn

der Leute und mußte im stillen dem Lehrer recht geben, der unter

seinem lebhaften Widerspruch einmal behauptet hatte, in manchen Dingen

wären die Moorleute noch die reinen Kinder, und die Unfertigkeit der

Verhältnisse in den Kolonien im Gegensatz zu der Solidität der alten

Geestdörfer träte oft erschreckend zutage. Er beteiligte sich deshalb

überhaupt nicht am Bieten.

Ganz zuletzt hob der Ausrufer eine Handharmonika in die Höhe, und

um etwaige Kaufliebhaber zu überzeugen, daß noch Töne drin saßen,

spielte er schnell: »Ach du lieber Augustin, alles ist hin.« Die Leute

lachten, Gerd aber, der ein solches Instrument längst gern besessen

hätte, fing mit einem Taler an zu bieten, und bei fünf Mark wurde ihm

der Zuschlag erteilt. Er bezahlte sofort und zog sehr erfreut mit

seinem Schatz ab.

Unterwegs fiel ihm aus der biblischen Geschichte der junge David ein,

wie der mit seinem Harfenspiel den bösen Geist von König Saul gejagt

hatte. So ein böser Geist hatte ja auch seine Schwester besessen. Ob

der am Ende vor dem Harmonikaspiel weichen würde? ... Das konnte ganz

gut sein und wäre ja herrlich. Er zog schnell ein paar Akkorde und

hatte mit solcher Hoffnung im Herzen an seinem Instrument noch einmal

soviel Freude wie vorher.

Als er die Dorfreihe hinter sich hatte, fing er im Gehen an zu üben

und wunderte sich, wie schnell die Töne sich unter seinen Händen zu

Melodien formten. Zu Hause angelangt, brachte er das Weihnachtslied »O

du fröhliche« schon fehlerfrei zustande und gab es seiner Schwester

zum besten, sie dabei still beobachtend, und als er fertig war,

fragte er: »Nicht wahr, es klingt doch schön?« Sie nickte, und dann

spielte und übte er den ganzen Abend. Als sie eine Stunde nach dem

Abendbrot aufstand, um zu Bett zu gehen, ärgerte er sich, daß sie

ihm nicht länger zuhören wollte. Aber er suchte Trost in der Musik,

indem er eine Elegie phantasierte und all seine Kümmernisse in den

Harmonikaakkorden ausströmen ließ.

In der Nacht fiel Schnee und gleich so reichlich, daß er der Arbeit im

Freien ein Ende machte. Gerd war sehr verdrießlich, denn nun konnte er

bis Weihnachten nicht so weit kommen, wie er sich vorgenommen hatte.

Er mußte jetzt die Tage untätig im Hause sitzen, worunter seine Laune

sehr litt.

Eines Abends ärgerte er sich über das wunderliche Wesen der Schwester

dermaßen, daß die Galle ihm überlief. Ich will doch mal sehen, ob es

nicht möglich ist, den einen Teufel durch den anderen auszutreiben,

sagte er zu sich, trat dicht vor sie hin, schlug mit der Faust

dröhnend auf den Tisch und schrie ihr zu: »Ich lasse mir dies nicht

länger so gefallen! Du häßliche, undankbare Deern, alles tue ich um

deinetwillen, und du machst den ganzen Tag ein Gesicht, daß es nicht

mehr anzusehen ist. Du hast es zehnmal besser, als du's verdienst.

Wenn dir das hier bei mir nicht paßt, kannst du meinetwegen hingehen,

wo du hergekommen bist, ich halte dich gewiß nicht. Was zu viel ist,

das ist zu viel!«

Sie war zusammengezuckt, sah ihn mit großen entgeisteten Augen an und

ging zur Tür hinaus.

Sein Zorn verrauchte so schnell, als er gekommen war, und die harten

Worte taten ihm bald leid. Er schlug sich mit der Hand vor den Kopf

und grübelte, auf einem Stuhl an den Tisch hingesunken, dumpf vor sich

hin.

Nach einer Weile fuhr er plötzlich in die Höhe. War da nicht eben die

Seitentür gegangen?

Er lief über die Diele und riß sie auf.

Wahrhaftig, da hob eine vermummte Gestalt sich gegen den Schnee ab.

Geschwister Rosenbrock · 第 29 / 34 题