Bald rief's hell von draußen: »Leidchen! Kaffee trinken!«

Leidchen rührte sich nicht vom Fleck und sah finster nach der Tür.

Da wurde diese aufgerissen, und Sine steckte ihr lachendes Gesicht

herein. »Huh, was für 'ne leere Stube! Und wie kalt! Hast du nicht

gehört? Ich hab' dich zum Kaffee gerufen.«

»Och, trinkt man immerzu ... Ihr seid doch wohl lieber allein.«

»Was schnackst du da für dummes Zeug?« rief die andere verwundert,

kam hereingesprungen, legte den Arm schwesterlich um die Schwägerin

und ließ ihr mit Bitten und Drängen keine Ruhe, bis sie aufstand und

sich in die Wohnstube an den gedeckten Kaffeetisch führen ließ. Sine

spielte die Wirtin und schenkte ein. Etwas Butterkuchen hatte sie

auch mitgebracht, für jeden zwei Streifen. Sie war in der frohesten

Laune und erzählte ein lustiges Stückchen nach dem andern. Gerd

lächelte glücklich vor sich hin und sah immer wieder seine Schwester

an, als wollte er sagen: »Nicht wahr? Das ist eine!« Und diese war

liebenswürdig genug, sich zusammenzunehmen und zuweilen gequält

mitzulächeln.

Nach solchem Plauderstündchen um die Kaffeekanne gingen die beiden

Liebesleute ins Freie, wo Gerd der Braut seinen Bepflanzungsplan für

das kommende Frühjahr darlegen wollte. Leidchen hielt sich zurück und

wurde auch nicht zum Mitgehen aufgefordert.

Als sie die Kaffeetassen aufgewaschen und sich in der Wohnstube ans

Fenster gesetzt hatte, sah sie die beiden jenseits der Felder zum

Hochmoor hinansteigen. Die Gestalten hoben sich scharf gegen den

grauen Novemberhimmel ab, Gerd nach seiner Art ein wenig vornüber

gebeugt, und an seiner Seite das kurze, dicke End, das ihm kaum an die

Schultern reichte. Sie trieben keine Zärtlichkeiten, gaben sich weder

den Arm noch die Hand, aber die Einsame am Fenster empfand: das war

ein Paar, das in herzlicher Zuneigung für gute und böse Tage sich treu

und unzertrennlich verbunden fühlte.

Und gerade hinter den beiden drehten sich die Flügel der Mühle.

Ein bitteres Gefühl des Neides stieg in ihr auf, und sie empfand die

eigene Lage schmerzlich weher denn je. Verzweifelt rang sie die Hände

im Schoß.

Aber auf einmal biß sie die Zähne aufeinander, und ihre Züge nahmen

den Ausdruck fast wilder Entschlossenheit an. Und ihr Gesicht hielt

diesen noch fest, als sie bald darauf sich erhob, die Ziege besorgte

und das Abendbrot richtete.

Als die beiden wiederkamen, streckte Sine Leidchen die Hand hin,

um Abschied zu nehmen. Aber diese lud bestimmt und freundlich zum

Abendbrot ein, und auch Gerd bestand darauf, daß sie nicht ungegessen

fortginge.

»Graut dir nicht manchmal?« begann Sine, als sie um den Tisch saßen,

zu Leidchen gewendet.

»Warum?« fragte diese leichthin.

»Oh, ich meine, wenn Gerd tagelang weg ist ... Bis zum nächsten

Nachbarn sind's doch beinahe zehn Minuten.«

Leidchen hob die Schultern ein wenig.

»Du dumme Deern,« fiel Gerd ein, »das fehlt grad' noch, daß du mir das

Kind bange machst. Du mußt's später auch allein hier aushalten, wenn

ich über Land bin.«

»Oh,« sagte Sine, »wenn man verheiratet ist, ist das was anderes.«

Leidchen nagte an ihrer Unterlippe. Gerd warf seiner Braut einen

strafenden Blick zu, den sie auch verstand, worauf sie mit den Augen

um Verzeihung bat.

Als es anfing zu dämmern, machte Sine sich auf den Weg. Gerd

wollte sie ein Stück begleiten und dann, ohne zu Hause noch wieder

anzukehren, nach Nr. 40 fahren, um in der Nacht ein Schiff Torf zur

Stadt zu bringen. Er hatte sich zu dem Zweck schon in sein Arbeitszeug

gesteckt und schob das Rad neben sich her.

Eine Stunde, nachdem die beiden das Haus verlassen hatten, hüllte

Leidchen sich in ihr Umschlagetuch und schlug mit festen Schritten den

Fußpfad nach dem Dorfe ein. Ohne sich zu besinnen, trat sie über den

Grenzgraben, und ohne Schwanken stieg sie vom Hochmoor in das bebaute

Land hinab. Die Mühle wuchs immer größer vor ihr auf. Bald hörte sie

auch das Sausen und Knarren der Flügel. Da blieb sie stehen und preßte

die Hand auf das ungestüm pochende Herz.

Auf einmal sprang etwas an ihr auf, sie erschrak und stieß einen

leisen Schrei aus. Es war Lustig, der den Ziegelstein, den sie vor

das Hühnerloch gelegt hatte, wohl mit den Pfoten zur Seite gearbeitet

hatte und ihr nachgelaufen kam.

Sie versuchte mehrmals, das Hündchen zurückzuscheuchen, aber wenn sie

sich eben gewandt hatte, war es immer wieder bei ihr. Sie überlegte,

ob sie es nach Hause bringen sollte. Aber schließlich sagte sie:

»Meinetwegen komm mit,« und setzte ihren Weg fort.

Sie schlich jetzt auf den Zehen und näherte sich, das Wohnhaus im

Bogen umgehend und links liegen lassend, der Mühle.

Plötzlich schrie Lustig gellend auf, ein großes dunkles Etwas hatte

sich auf ihn gestürzt. Es gelang dem Kleinen aber, sich frei zu machen

und unter einen Haufen Gerümpel zu flüchten.

»Wer da?« klang es soldatisch kurz von der Tür der Mühle her.

Da trat Leidchen schnell vor und in den Lichtschein, der von dort in

das Dunkel fiel.

»Du hier, Leidchen?«

»Ja, ~du~ kommst ja nicht, ich hab' lange genug gewartet.«

»Ich habe wirklich noch keine Zeit gehabt. Aber wart', ich will erst

die Bestie zur Ruhe bringen.«

Er packte die Dogge am Halsband und zerrte sie, mit Fußtritten

nachhelfend, in die Mühle, deren Tür er hinter ihr schloß.

»Wo können wir ein ruhiges Wort miteinander sprechen?« fragte

Leidchen, als er wieder zu ihr trat.

»Wir machen wohl am besten ein paar Schritte durch das Feld,« gab er

zur Antwort. »Da sind wir am sichersten.«

Er schlug die Richtung ein, aus der Leidchen gekommen war. Vorsichtig

schlichen sie am Hause vorüber.

Als sie dieses an die hundert Meter hinter sich hatten, blieb Leidchen

stehen und tat einen tiefen Seufzer.

»Hermann ... Hermann ...«

»Ach ja, Leidchen ...« sagte er kleinlaut.

»Warum hast du mir nicht geschrieben? ...«

»Was sollte ich schreiben?«

»Und warum bist du nicht gekommen? Du hast es Gerd doch versprochen.«

»Es hat sich immer noch nicht recht gepaßt.«

»Tag und Nacht hab' ich auf dich gewartet.«

»Das tut mir wirklich leid. Wenn du wüßtest, was ich diese Zeit

durchgemacht habe ...«

»~Du?~ Wenn ~ich~ das sagte! ...«

»... Es tut mir alles so furchtbar leid.«

»Was?«

»Daß wir so leichtsinnig gewesen sind.«

»So redest du nun? Weißt du nicht mehr, was du mir früher gesagt hast?«

»Ach ja. Das war eben mein Leichtsinn. Ich hab' die Verhältnisse nicht

bedacht.«

»Hermann ...«

»Ja, du hast allen Grund, böse auf mich zu sein.«

»Ich böse? ... Ich hab' dich noch immer lieb.«

Sie griff mit beiden Händen leidenschaftlich nach seiner Rechten, die

er ihr nur widerstrebend überließ.

»Ich habe mehr als einmal um eine Stelle geschrieben,« begann er,

»aber es ist nicht geglückt ... Und nun weiß ich, ich kann hier

überhaupt nicht weg. Laß mich ausreden! Vater hat mir alles schwarz

auf weiß gezeigt: Wenn ich fortmache, kommt die Mühle unter den Hammer

... und wenn ich dich nehme, ist's dasselbe.«

»Aber eure Mühle ist doch bloß ein totes Ding, da hängt das Glück und

die Seligkeit nicht von ab.«

»Sie ist altes Familienerbe.«

»Wie oft kommt das vor, daß Menschen das aufgeben müssen und werden

doch wieder glücklich und zufrieden! Dorten steht der Lichterschein

von Bremen am Himmel. Da finden viele Tausende ihr ehrliches Brot,

die nicht halb so gesund und stark sind als wir beiden. Hier bist du

noch lange ein Knecht, dort vom ersten Tage an ein freier Mann. Reiß

dich los, mach dich frei! Du sollst es nicht bereuen. Weißt du nicht

mehr, wie wir letzten Sommer so glücklich waren ... als wir uns trafen

im Bürgerpark und in dem Kahn saßen ... und in dem schönen Buchenwald

... und ... und ... Das kommt dann alles, alles wieder und wird noch

viel, viel schöner ... Was hattest du damals für ein frohes, lachendes

Gesicht! Es ist zu dunkel jetzt, ich kann dein Gesicht nicht sehen,

aber das weiß ich so: jetzt sieht es aus wie das böse Gewissen. Komm,

du sollst dein gutes Gewissen und deine lachenden Augen wieder haben.

Komm, wir wandern die Nacht durch. Aber so komm doch!«

Sie hatte aufs neue seine Hand ergriffen und zog mit Gewalt an ihr,

aber sie brachte ihn keinen Schritt vorwärts.

»Leidchen,« sagte er, »nicht so furchtbar hitzig! Laß doch los, du

reißt mir ja den Arm aus. Was du da eben gesagt hast, das hab' ich

selbst mir alles ja schon hundertmal überlegt ... Aber es geht nicht.«

»Du brauchst bloß zu wollen, dann geht es auch.«

»Es ist unmöglich ... Ich kann nicht ... Und ich will auch nicht ...«

»Sooo ... Du willst nicht ... Das ist was anderes ... So so so ... Du

willst Tietjens Hermine nehmen.«

»Die Verhältnisse sind manchmal stärker als wir Menschen.«

»Die keine Haare mehr auf dem Kopf hat.«

»Woher weißt du das?«

»Ich hab' mal in der Heuzeit mit in ihrem Bett geschlafen. Aber sie

hat die ganze Kommode voll Gold- und Silbergeschirr, und den Schrank

voll seidener Kleider und viel, viel Geld. Ha, du kannst wohl lachen.«

»Leidchen, du glaubst doch wohl selbst nicht, daß ich es gern tue! Muß

ist eine bittere Nuß.«

»Ja, ja, es ist 'ne wunderliche Welt. Ich kenn mich bald nicht mehr in

ihr aus ... Was soll denn nun aus mir werden?«

»Du kannst mir glauben, es tut mir in der Seele weh ... Aber,

Leidchen, du bist jung und von leichtem, frohem Gemüt. Du kommst da

wohl über hinweg.«

»Ja, ich komm' ... da wohl ... über hinweg ...«

»Und ich will tun, was ich kann, und mehr, als die Gesetze verlangen,

und alles freiwillig ...«

»Ach, kuck mal einer an! Das ist ja nett, daß wir uns nicht erst vor

dem Amt gegenüberzustehen brauchen. Wieviel denkt ihr denn ungefähr,

daß ihr anlegen wollt?«

»Das können wir später sehen, die Sache soll jedenfalls auf das

nobelste geregelt werden. Es freut mich, Leidchen, daß du so

vernünftig bist und so ruhig über den Fall denkst. Das ist ja auch das

beste. So'n kleines Malheur hat manche, und wer jung und hübsch ist,

findet immer noch eine anständige Unterkunft, vor allem, wenn auch

etwas Geld da ist. Und hier bei uns im Moor wird so was ja auch nicht

so genau genommen.«

»So! Nun endlich kenn' ich dich! Und da spuck' ich hin! Pfui, was du

für ein schlechter, niederträchtiger Kerl bist! Pfui, pfui!«

Sie wandte sich, schlug ihr Tuch um den Kopf und rannte den Pfad dahin

wie ein gehetztes Wild. Lustig humpelte auf drei Beinen hinterher.

Nach einer Weile drehte sie sich um, und noch einmal gellte es durch

die Nacht: »Pfui, pfui, pfui!«

21.

Gerd war in der Nacht auf Dienstag zurückgekehrt.

Als Leidchen die Frühkost in die Wohnstube trug, war er noch dabei,

sich anzukleiden. Sie nickte ihm stumm zu, und er wunderte sich, daß

sie keine Frage stellte wie: »Na, bist du wieder da?« oder so ähnlich,

wie ein Bremenfahrer das eigentlich doch verlangen kann.

Als sie am Tisch saßen, sah er ihr schärfer ins Gesicht. »Bist du

krank?« fragte er nach einer Weile.

Sie schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen.

»Ist jemand hier gewesen?«

Sie schüttelte wieder den Kopf.

Er wunderte sich über ihr sonderbares Benehmen, drang aber nicht

weiter in sie ein und ging bald an seine Arbeit, die verschlammten

Berieselungsgräben der Wiesen, Grüppen genannt, mit dem Spaten zu

öffnen.

Beim zweiten Frühstück fiel es ihm auf, daß ihre Augen etwas Starres,

an den Dingen vorbei Sehendes hatten. Da sie mit der Hausarbeit

fertig war, nahm er sie mit auf die Wiese; denn es war milde, von

leichtem Frost geklärte Luft. Sie tat die Arbeit, die er ihr anwies,

wie eine Maschine, ohne die geringste Teilnahme. Wenn er sie einmal

ansprach, hörte sie entweder gar nicht, oder er mußte seine Worte

lauter wiederholen, und es wollte ihm scheinen, als müßte sie ihre

Gedanken jedesmal erst aus der Ferne herbeirufen. Einmal, als er sie

von der Seite heimlich beobachtete, erschrak er über den ins Ziellose

irrenden Blick ihrer Augen. Doch er tröstete sich, das wären so

Stimmungen, die bei den Frauensleuten kämen und gingen.

Aber dieser merkwürdige Zustand hielt die nächsten Tage an. Sie

wandelte wie im Traum und erfüllte ihre Obliegenheiten fast wie ein

Automat.

Gerd versuchte alles mögliche, sie aus diesem wunderlichen Zustand zu

erwecken.

So brachte er eines Abends das Gespräch auf gemeinsame

Jugenderlebnisse heiterer Art und lachte dabei mehr als sonst seine

Weise war. Aber es gelang ihm nicht, ihr auch nur das leiseste Lächeln

abzugewinnen. Wenn er, um sie zur Teilnahme zu zwingen, zwischendurch

fragte: »Wie war dies, wie war das noch?« antwortete sie jedesmal in

dem gleichen müden Tone: »Das weiß ich nicht mehr.«

Er kam auf allerlei Menschen ihres Bekanntenkreises zu sprechen

und stellte über diesen und jenen Behauptungen auf, die zum

Widerspruch reizen mußten. Aber sie, die ihm all ihre Lebtage so gern

widersprochen hatte, ließ ihm jetzt auch das Törichtste hingehen.

Endlich fuhr er sein schwerstes Geschütz auf und fing von der Mühle

und von Hermann an, ihr Gesicht heimlich dabei beobachtend. Aber in

diesem veränderte sich keine Miene. Nicht einmal, als er erzählte,

Tietjens wären Ende letzter Woche dort zu Besuch gewesen.

Da war er mit seinem Latein zu Ende, und es wurde ihm angst und bange.

In seiner Ratlosigkeit ging er zu Beta Rotermund, der treuen Nachbarin

seines Elternhauses, und klagte ihr, wie er mit der Schwester zu

Schick käme. Die gute Frau, die ihr Patenkind gleich in den ersten

Tagen schon besucht hatte, versprach gern, noch einmal zu ihr zu gehen.

Als Gerd sich bei ihr erkundigte, was sie ausgerichtet hätte, sagte

sie unter vielem Seufzen: »Leidchen war sehr verschlossen, ich konnte

nicht viel aus ihr herausbringen. Aber ich glaube, sie hat kürzlich

eine Aussprache mit Müllers Hermann gehabt und weiß nun, daß von ihm

nichts mehr zu hoffen ist. Da muß sie sich erst hineinfinden, und

das wird ihr nicht leicht werden, wo sie letzte Woche noch so voller

Hoffnung war. Wir können ihr dabei nicht helfen, so was muß der Mensch

allein mit sich und seinem Gott abmachen ... Ich hab' sie eingeladen,

sie sollte mich mal besuchen und überhaupt mehr unter Menschen gehen.

Aber da schüttelte sie nur den Kopf. Sie macht ganz den Eindruck, als

ob in ihr etwas gestorben wäre.«

»Und was soll ich nun dabei tun, Rotermunds Mutter?« fragte Gerd.

»Hab' immer ein Auge auf sie, und sieh zu, daß sie genug zu tun hat

und nicht zu viel grübelt. Vor allem aber mach' ihr keine Vorwürfe.

Die macht sie sich selbst genug, und mehr als gut ist. Und sei immer

freundlich und lieb mit ihr, das ist die Hauptsache.«

Gerd nickte und sagte: »Es paßt sich gut, daß wir den Torf so ziemlich

los sind. Ich kann diese Zeit mehr bei Hause bleiben und brauche sie

nicht so lange allein zu lassen.«

»Ja, das ist gut,« sagte Frau Rotermund.

Gerd widmete sich in den nächsten Wochen mit Eifer der Verbesserung

seines arg verwahrlosten Besitzes, indem er die Entwässerungsgräben

der Äcker reinigte und das Land mit der Hacke umriß, um es zu

entquecken. Er nutzte die immer kürzer werdenden Tage nach Kräften

aus, indem er, wenn es kaum tagte, mit der Arbeit anfing und sich erst

Feierabend gönnte, wenn er nichts mehr sehen konnte.

Die Versuche, Leidchen umzustimmen und aufzuheitern, gab er, da einer

nach dem anderen ergebnislos verlief, bald auf, indem er sich sagte:

»Schließlich muß jeder seine Last selbst tragen.«

Einige Abende ließ er sich von ihr aus seinem Landwirtschaftsbuche

vorlesen, dessen Lehren er ja nun auf eigenem Grund in die Praxis

umsetzen wollte. Aber sie ging über Punkte und Kommas glatt hinweg,

hielt mitten in den Sätzen inne, daß er den Sinn nicht fassen konnte,

und las außerdem so eintönig, daß er, von der Arbeit im Freien

ermüdet, meist nach zehn Minuten eingeschlafen war. Als sie eines

Abends das Buch mechanisch wieder zur Hand nahm, sagte er: »Leg's man

weg, wir wollen das lieber aufgeben. Ich merke ja, es macht dir doch

keine Freude.«

So lebten sie einige Wochen nebeneinander hin. Zuletzt sahen sie sich

fast nur noch bei den Mahlzeiten, die mit den abnehmenden Tagen immer

kürzer wurden, und bei denen manchmal keine drei Worte gewechselt

wurden. Gerd war, was das Schicksal der Schwester betraf, immer

mehr in einen Zustand der Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit

hineingeraten und sehnte die Zeit herbei, wo seine Hochzeit ihn von

einer so unfreundlichen und undankbaren Hausgenossin befreien würde.

* * * * *

Zwischen Freimarkt und Weihnachten drängt sich die Gemeinde Grünmoor

um den Abendmahlstisch. Das Brunsoder Jungvolk pflegt sich am zweiten

Advent einzufinden.

Einige Abende vorher erinnerte Gerd seine Schwester daran und fragte,

ihr ernst in die Augen sehend: »Nicht wahr, du gehst doch auch mit?«

Sie schüttelte stumm den Kopf.

»Es ist schon so lange her,« gab er zu bedenken, »daß du nicht mehr

hingewesen bist.«

Leidchen schwieg.

»Ich glaube,« begann er noch einmal, mit einem werbenden Blick in ihre

toten Augen, »es würde dir gut tun ... Und ich würde mich so freuen.«

»Bitte, Gerd, laß mich in Frieden,« sagte sie erregt, indem sie sich

abwandte.

Da ließ er sie seufzend gewähren.

Am Sonntagmorgen trat er in seinem Abendmahlsrock vor sie hin und

fragte: »Bin ich so ordentlich?«

Sie nahm mechanisch die Bürste vom Wandbrett und fuhr ihm damit einige

Male über die Kleidung.

»Leidchen, noch wäre es Zeit ...«

Sie erwiderte nichts.

»Und wenn ich mal nicht lieb mit dir gewesen bin ...«

»Du hast dir nichts vorzuwerfen,« unterbrach sie ihn kurz.

Er ging. Sie setzte sich an das Fenster und blickte hinaus.

Auf dem Kirchdamm, der Gerds Stelle im Westen begrenzte, und von dem

der Achterdamm und Hauptdamm rechtwinklig abzweigen, pilgerte die

Brunsoder Jugend dem Kirchdorf zu, bald ein Trupp Burschen, bald ein

Koppel Mädchen. Leidchen suchte ihre Schulkameradinnen, mit denen sie

eingesegnet war, heraus. Es fehlte auch nicht eine. Ein Brautpaar

hielt sich von den anderen gesondert. Als endlich noch jemand zu

Rad angefahren kam, wandte sie sich jäh vom Fenster ab und ging mit

erstarrtem Gesicht an häusliche Arbeiten.

Nach einer halben Stunde setzte sie sich wieder in die Stube, legte

die Hände schlaff in den Schoß und sah wie abwesend vor sich hin.

Als sie so wohl eine Viertelstunde gesessen hatte, stand sie auf und

holte sich aus der Kommode in der anderen Stube ihr Gesangbuch.

Sie legte es vor sich auf den Tisch und schlug es, den Kopf in die

Hand gestützt, vorne auf.

Dem Titel gegenüber befand sich ein Bildchen. Der Herr saß mit den

Elfen um den Tisch beim ersten Abendmahl. Judas ging eben zur Tür

hinaus.

Sie hatte das Bild bisher kaum beachtet. Jetzt starrte sie es lange

mit großen Augen an.

Dann schlug sie die Buß- und Beichtlieder auf und las ihrer eine ganze

Reihe.

Alles, was in ihnen geklagt wurde von Sünde, Schuld und Strafe, wandte

sie mit grausamer Wollust auf sich an. Über alles, was zum Preise der

stärker sich erweisenden göttlichen Gnade und Vergebung gesagt und

gesungen wurde, las sie mit dumpfen Sinnen hinweg.

Hin und wieder traf sie auf Verse, in denen eine aus dem Kerker

befreite, von schwerem Druck erlöste Seele gar zu hell und freudig

aufjubelte. Da war es ihr für Augenblicke, als wollte der Klang ein

leises Echo in ihrer Seele wecken, als sähe sie in der Ferne eine Tür

und schwaches Licht durch die Finsternis schimmern. Aber gewaltsam

verschloß sie ihre Augen dagegen. Sie wollte in der dumpfen Starre,

die seit Wochen, seit jener fürchterlichen Nacht, in der ihre letzte

Hoffnung zusammenbrach, auf ihr lag und ihre Seele lähmte, verharren.

Denn so war es am besten zu ertragen.

Gerd kam erst gegen drei Uhr, zurück. Sie waren ihrer an die

fünfhundert Gäste um den Altar gewesen, und der bejahrte Pastor hatte

im Austeilen von Brot und Wein eine Pause machen müssen, weil seine

Kraft versagen wollte.

Er befand sich in befreiter, gehobener Stimmung und trat der Schwester

mit warmer Herzlichkeit entgegen. Als er ihr aber in die kalten, toten

Augen sah, erschrak er.

»Liebes Leidchen, so sag' mir doch endlich mal, was mit dir ist, ob

ich dir nicht helfen kann.«

»Du kannst mir nicht helfen,« gab sie dumpf zur Antwort.

»Ach wärst du doch heute morgen mit mir gegangen!«

»Judas ging hinaus.«

Geschwister Rosenbrock · 第 28 / 34 题