»Sie redete mich darauf an, und lügen wollte ich deswegen nicht.«
»Wo soll ich denn aber so lange hin?«
»Ja, das möchte ich auch wissen ... Bei uns ist jetzt, wo die Kinder
größer werden, nicht recht Platz ... Und überhaupt ...«
»Zu Trina möcht' ich auch nicht, die ist so schrecklich selbstgerecht
... und dann die ganze Nachbarschaft ...«
»Geh doch zu deinem Vormund. Er hat dich gegen meinen Willen hier
hergeschickt und kann dir nun auch helfen, die Suppe auszuessen.«
»Ach Gerd, die Leute haben nie Kinder gehabt und denken bloß an sich
... Weißt du keinen besseren Rat?«
»Ja, nun heißt's: Gerd, du mußt Rat schaffen. Früher, als es noch Zeit
war, wurde mein Wort für nichts geachtet.«
»Aber ich muß doch irgendwo bleiben!«
»Ja, ja. Da ist guter Rat teuer.«
Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und sah lange nachdenklich
zu Boden. Endlich richtete er sich auf, sein Gesicht hatte einen
lebhafteren Ausdruck angenommen: »Hm. Das wäre vielleicht was ...«
Sie sah gespannt und erwartungsvoll zu ihm hinüber.
»Hm, wenn wir den Torf erst zur Stadt haben, könnte Jan mich für den
Winter wohl entbehren. Dann wär' es am Ende möglich, daß ich schon
bald in mein Haus zöge und anfinge, die Stelle tüchtig zu bearbeiten.
Sie hat es ja bitter nötig ... Dann käm' ich nächstes Frühjahr
mit Sine gleich besser in Gang ... Und wenn du mitgingest und mir
haushieltest ...«
Sie sprang vom Bettrand auf, ergriff seine Hand und rief mit
glänzenden Augen: »Oh, wie gern tu' ich das! Ja, Gerd, so geht es
fein. Man zu, bitte, bitte!«
Er schüttelte den Kopf: »Eigentlich ist es ja Unsinn. Und ob Jan seine
Zustimmung gibt? Und ob's Sine recht ist?«
»Oh, Gerd,« rief Leidchen, »die kriegst du leicht herum. Bedenk doch,
dann bin ich auch näher bei Hermann. Wenn ich so weit von ihm weg
bin, ist es mir manchmal, als ob ich die Gewalt über ihn verlöre. Er
ist einer von denen, die man immer im Auge behalten muß.«
Gerd zuckte mit der Schulter. »Wie machen wir's nur mit dem Hausrat?
Das ist noch das Schlimmste.«
»Oh, wenn's anders nichts ist! Ich hab' ja mein eigenes Bett, und du
kannst das, worin du jetzt schläfst, bis Ostern wohl von Trina leihen,
eher nehmen sie ja doch keinen Knecht wieder. Bettstellen brauchen
wir nicht, denn da ist gewiß an jeder Stube eine Butze. Den Tisch und
ein paar Stühle gibt Trina auch wohl her, oder sonst Tante Rotermund.
Die Küchengerätschaften, Messer und Gabeln, Teller und Tassen will
ich gern kaufen. Ich muß ja doch welche haben, für meine Aussteuer.
Du mußt aber mit Jan abmachen, daß er dich wieder nimmt, wenn ich
Hochzeit mache.«
Sie sprachen noch eine Weile über den Plan hin und her, und Leidchen,
die auf einmal wie neu belebt war, hatte dabei die besten und
praktischsten Gedanken. Zuletzt wurde abgemacht, wenn Gerd keine
andere Nachricht gäbe, sollte er am ersten November kommen und die
Schwester holen, die dann alles zur Abreise fertig haben wollte.
Als Gerd nach Hause kam, trug er Jan und Trina seinen Plan, und was
diesen veranlaßte, vor. Sie waren über Leidchen weidlich entrüstet
und gaben schließlich ihre Einwilligung unter der Bedingung, daß Gerd
seinen Torf noch in die Stadt zu schaffen habe, je nach der Zeit, wann
die Kunden ihn verlangten.
Sine weinte blanke Tränen, als Gerd ihr von Leidchen erzählte, und war
sogleich bereit, einige Stücke ihrer Aussteuer schon jetzt herzugeben.
Er freute sich ihres guten Herzens, und sie dachte, ein so treuer
Bruder würde auch einen trefflichen Ehemann abgeben.
Um den Weg von Nr. 40 nach Nr. 1 +a+, für den ein Fußgänger fast
dreiviertel Stunden gebrauchte, schneller zurücklegen zu können,
kaufte Gerd sich ein Fahrrad für alt und machte sich mit Eifer
daran, die Wohnung instand zu setzen. Er versuchte sich mit einem
Geschick, über das er sich selbst wunderte, als Maurer, Zimmermann
und Dachdecker, und brauchte Handwerker nur für wenige Tage zu Hilfe
zu nehmen. Ende Oktober war das Haus soweit hergerichtet und mit
Gerät, Feuerung und Lebensmitteln versehen, daß zwei Menschen zur Not
in ihm ein paar Wintermonate überstehen konnten. Am Vormittag des
Einunddreißigsten tat er das Kätzchen, das sich in seinem Asyl hübsch
herausgemacht hatte, in ein Beutelchen, das er an die Lenkstange
seines Rades hängte, und fuhr es in die alte Heimat zurück, wo es
sofort auf die Herdstelle sprang und behaglich zu schnurren begann.
Am Nachmittag fuhr er nach Bremen, um die Schwester zu holen.
Nach schnellem, ungerührtem Abschied von den Milchhändlersleuten
folgten die Geschwister einem Torfwagen, der zufällig des Weges kam
und Leidchens Siebensachen zum Torfhafen mitnahm. Als sie aber die
Große Weserbrücke überschritten hatten, trennten sie sich von ihm,
um den Weg durch die innere Stadt zu nehmen und auf dem Freimarkt,
der eben wieder im Gange war, noch einige Einkäufe für ihren jungen
Hausstand zu machen. Zu Füßen des Riesen Roland erstanden sie ein paar
Blechsachen, auf der Domsheide etwas irdenes Geschirr.
Als sie durch eine der Zeltreihen des Domhofes gingen, blieb Leidchen
vor einer Kuchenbude stehen. »So was gibt's heute nicht,« sagte Gerd
mit strengem Gesicht und ging weiter, aber sie hörte nicht darauf, und
als sie bald nachkam, überreichte sie ihm ein großes rotes Kuchenherz.
Er wollte schelten, als er aber das aufgeklebte Verschen las, schwieg
er und sagte kurz: »Danke.« Die Inschrift des schmalen weißen
Zettelchens lautete: »Ein getreues Herze wissen, ist des höchsten
Glückes Preis.«
Langsam schlenderten sie die Budengasse hinunter.
Vor einem Karussell, auf dem allerlei Jungvolk vom Lande sich
belustigte, blieb Leidchen wieder stehen. Als Gerd von der Seite ihr
Gesicht beobachtete, sah er in ihren Augen ein feuchtes Schimmern. Da
fiel ihm ein: hier war's gewesen, wo sie vor Jahren mit dem, der nun
ihr Verhängnis geworden war, fröhlich lachend ihm davonfuhr und er ihr
verdutzt und ärgerlich nachblickte.
Da Leidchen noch immer stand und alles um sich her vergessen zu haben
schien, zupfte er sie leise am Ärmel. Sie fuhr wie aus einem Traum
empor und folgte ihm langsam. Als sie aus dem Marktgedränge heraus
waren, schlugen sie einen schnelleren Schritt an, der sie in kurzem
zum Torfhafen brachte.
Sie trugen die Kommode und die anderen Sachen, die der Fuhrmann auf
das Kaipflaster gestellt hatte, ins Schiff und machten alles zur
Abfahrt fertig.
Als Gerd das Schieberuder nahm, fragte sie: »Soll ich an der Leine
gehen und ziehen?« »Danke,« gab er zur Antwort, »hier auf dem Kanal
kann ich's gut allein.«
Er schob an, und das Schiff setzte sich in Bewegung. Sie ging auf dem
Leinpfad hinter ihm her. Eine Drehorgel spielte ihnen zum Abschied:
Freut euch des Lebens. Die Klänge wurden schwächer und schwächer und
gingen zuletzt in dem Brausen des Herbstwindes unter, der die Bäume
des Bürgerparks schüttelte und entblätterte.
Der Wasserlauf machte eine Biegung nach links und zog sich in das
freie, unter Wasser stehende Blocklander Feld hinauf, über das der
Wind in langen Stößen hinfegte. Einmal wandte Leidchen sich um. Die
Stadt, unter grauem Wolkenhimmel mit Regenstreifen, lag schon ein
gutes Stück zurück. Sie zerdrückte eine Träne in den Augen. Von hier
aus hatte sie das Ziel ihrer jugendlichen Wünsche und Träume vor vier
Jahren im Goldglanz der Herbstmorgenfrühe geschaut.
Als sie die Hamme erreichten, brach der Abend herein. Der Himmel hing
voll grauer, tiefziehender Wolken, die ein böiger Wind trieb, der
zuweilen fast zum Sturm wurde. Leidchen zog sich bald in die Koje
zurück. Gerd hatte mit seinem Stangenruder angestrengt zu arbeiten,
denn der Wind kam scharf von der Seite und trieb das Schiff zum
anderen Ufer hinüber.
Endlich machte der Fluß eine Biegung, und er konnte den Mast
aufrichten und das Segel entfalten.
Da infolge der Regengüsse der letzten Woche die Hamme aus den Ufern
getreten war und ihr Tal einen weiten See bildete, durfte er es wagen,
quer durch die überschwemmten Wiesen segelnd einige Krümmungen des
Flußlaufs abzuschneiden. Er lag am Steuerruder und hatte das Segeltau
nicht wie gewöhnlich am Tauhaken festgemacht, sondern mehrmals um
seinen Arm gewunden, mit dessen sehniger Kraft Sturm und Wellen zu
meistern ihm Freude machte. In solchen Nächten bekam die eintönige,
mühselige Moorflußschiffahrt, zum Kampf mit den entfesselten Elementen
werdend, eine gewisse Größe und brachte eine Aufrüttlung des inneren
Menschen, die der junge Schiffer wohltuend empfand.
Für Augenblicke verbreitete der volle Mond, freiwerdend, Tageshelle
und warf sein glitzerndes Licht über das Wellengewoge, um dann wieder
von dunklen Wolkenungeheuern verschlungen zu werden, deren Schatten
wie riesige Gespenster über die aufgeregten Wasser tanzten. In den
pfeifenden, sausenden Schilfwäldern schnarrten die Enten, aus der Höhe
kamen die Schreie der Wildgänse und schrille Wandervogelrufe.
Die Wogen planschten so stark gegen die dünnen Schiffsplanken, daß
man jeden Schlag durch sie hin fühlte. Wenn der Sturm sich mit
erneuter Kraft in das schwarze Segel warf, ächzte der Mastbaum in
der Segelbank, und Gerd, der scharf und hell in das wilde Wesen
hineinpfiff, fürchtete einige Male fast, er würde umknicken.
Plötzlich gab es einen Stoß und Krach, als ob das kleine Fahrzeug
mitten entzwei bräche. Es saß fest, neigte zur Seite, eine Welle
spritzte über Bord. Mit einem gellenden Schrei kam Leidchen aus der
Koje gefahren; das Segel, das Gerd, um nicht zu kentern, schnell hatte
flattern lassen, schlug ihr klatschend um das Gesicht. Unter ihm sich
duckend, ging sie auf den Knien in die Mitte des Schiffs und sah den
Bruder mit entsetzten Augen an.
»Keine Bange, mein Deern,« sagte er gelassen, indem er bereits mit dem
Schieberuder arbeitete, »ich krieg' uns schon los.«
Nach einer Minute war das Schiff denn auch wieder frei. »Das Segel
will ich doch lieber einholen,« fuhr er fort, »der Wind bringt uns zu
weit aus der Kehr.«
Als er das wild sich gebärdende Tuch geborgen hatte, begann er mit dem
Stangenruder zu arbeiten. Leidchen kauerte vor ihrer Kommode nieder
und sagte schuddernd: »Eine schreckliche Fahrt!«
»Eine herrliche Fahrt!« gab er zurück, und es war ein den Sturm
übertönendes Jauchzen in seiner Stimme. »Es wär' ein Jammer, wenn's
nicht auch so was gäbe, zumal in so bedrückten Zeiten!«
Nach einer Weile hob sie sich ein wenig; der Mond, eben wieder aus
dem Gewölk tretend, beleuchtete scharf ihr von einem schwarzen
Umschlagetuch teilweise verhülltes Gesicht und verlieh den großen,
tief in ihren Höhlen liegenden Augen einen fremdartigen Glanz: »Gerd,
ich will dich mal was fragen.«
»Was denn, Kind?«
»Du darfst mir aber nichts vorschnacken, du sollst reden, wie es deine
Überzeugung ist ... Glaubst du wirklich noch, daß Hermann sein Wort
hält?«
Er schwieg.
»Gerd, gib mir Antwort!«
»... Ich habe keine Hoffnung mehr.«
Da schlug sie die Hände vor das Gesicht, sank in sich zusammen und
wimmerte: »Dann wollt' ich, ich läge unten auf dem Grund der Hamme und
wäre tot.«
Es dauerte nicht lange, so beugte er sich zu ihr nieder und rief leise
ihren Namen.
»Leidchen,« rief er etwas lauter.
»Was soll ich?«
»Ein getreues Herze wissen ...«
Sie kam auf dem Boden des Schiffes herangekrochen und umschlang
schluchzend seine Knie. Und er bückte sich, ihr wie einem kranken
Kinde mit der harten Arbeitshand die weichen Wangen zu streicheln:
»Liebes Leidchen, nun sei man still. Wir beide halten treu zusammen
... Es kommt auch wohl noch mal die Zeit, wo du wieder durchgrünst ...
unser Herrgott wird dich ganz gewiß nicht verlassen ...«
Das Licht einer Hammehütte, das ihm als Richtepunkt diente, wollte
und wollte nicht näher kommen, es gab ein schweres Arbeiten. Als er
endlich vor der kleinen Herberge anlangte, war er wie in Schweiß
gebadet und erklärte, er müsse sich ausruhen. »Willst du dich so
lange in die Koje legen?« fragte er die Schwester. Sie schüttelte sich
und sah ihn erschrocken an: »Allein graut mir.« Da legte er brüderlich
den Arm um sie und schritt mit ihr der Hütte zu.
Eine gute Stunde saßen sie in der heißen, tabaksqualmerfüllten
Schifferherberge. Gerd hatte nach seiner Gewohnheit den Kopf in die
auf dem Tisch verschränkten Arme gelegt und war schnell eingeschlafen.
Leidchen saß steif auf ihrem Schemel und blickte in das fremdartige
Treiben. Die ankommenden Schiffer machten ihre Bemerkungen über
Wind und Wasser, und ließen sich von dem Wirt, der ein mürrisch
verschlafenes Gesicht zeigte, bedienen. An einem Tisch, wo junge
Burschen Karten spielten, wurde gotteslästerlich geflucht, und einer
von ihnen sah öfters zu Leidchen hinüber, mit frech vertraulichen
Blicken. Sie war nur froh, daß sie keinen aus ihrem Dorf entdeckte.
Bald schloß auch sie die Augen, aber ohne Schlaf und Vergessen zu
finden.
Das erste Grau stand im Osten, als sie in den Brunsoder Schiffgraben
einliefen und ausstiegen.
»Soll ich mich in die Leine legen?« fragte Leidchen.
»Nein,« sagte Gerd, »ich will das Schiff wohl ziehen, du kannst es mit
der Stange vom Ufer halten.«
So arbeiteten sie sich langsam durch die Morgendämmerung die Reihe der
Klappstaue hinauf.
Dicht vor der Mühle zweigte der Achterdammsgraben ab, in den Gerd sein
Schiff hineinlenkte.
Klopfenden Herzens suchte Leidchen mit den Augen das stattliche
Mühlgehöft ab, entdeckte aber nichts Lebendes außer dem großen Hund,
der vor seiner Hütte lag und sich kratzte. Er schien noch nicht in der
Stimmung zu sein, Schiffer anzubellen.
Die Wolken des östlichen Himmels zeigten jetzt goldige Säume.
»Da kuckt mein Busch über das Moor,« sagte Gerd, mit der Hand nach
vorn weisend. »Wenn du scharf zusiehst, kannst du auch schon das
Hausdach erkennen. Siehst du's?«
Leidchen nickte.
Nach einer Weile zeigte er auf einen durch üppig wucherndes Heidekraut
blinkenden, tiefen und schmalen Graben und sagte mit frohem Stolz:
»Dies ist die Grenze, hier fängt meine Gerechtsame an.«
Nach hundert weiteren Schritten hielt er den Kopf ein wenig schief und
sagte: »Nicht wahr, ein feines Besitztum? Wie schön machen sich die
beiden hohen Tannen rechts und links vom Hause, beinah wie ein Paar
Schildwachen! Du kannst jetzt auch schon die gelben Flicken im Dach
sehen, die ich selbst eingesetzt habe.«
Er blickte sich fragend um. Sie nickte mit erzwungenem Lächeln und
sagte: »Ja, Junge, du kannst wohl lachen, wenn andere Leute weinen.«
Einige Minuten später führte Gerd von dem halb eingesunkenen
Schiffschauer, wo sie angelegt hatten, seine Schwester an der Hand dem
Hause zu.
Ehe sie durch die Große Tür eintraten, blieb er stehen und sagte,
zur Oberschwelle aufblickend, indem er den Arm um ihre Hüfte legte:
»Unsern Eingang segne Gott.«
»Unsern Ausgang gleichermaßen,« ergänzte sie leise mit zager Stimme.
So hatte der Erbauer des Hauses es in den Eichenbalken graben lassen.
Auf dem Flett kam ihnen das Kätzchen entgegengesprungen, rieb sich an
Gerds Schienbeinen und wuschelte sich in Leidchens Rock.
»Kuck an,« rief er munter, »etwas Lebiges ist auch schon da,« und sie
bückte sich froh überrascht und streichelte dem Tierchen das seidige
Fell.
Als sie alle Räume besehen und darauf die Kommode und übrigen Sachen
hereingeholt hatten, rieb der Hausherr sich behaglich die Hände und
sagte: »So mein' Deern, nun koch' uns mal 'n schönen Kaffee. Da in dem
Kasten findest du Kaffee und Zichorien. Einen Gasherd hab' ich hier
nicht, mußt sehn, wie du mit so 'ner altmodischen Feuerstelle fertig
wirst.«
Das unter dem berußten Kessel bereitliegende Sprickerholz knisterte
und rauchte, flammte auf, die Funken sprangen, das Wasser begann zu
singen, dampfte, brodelte, und es dauerte nicht lange, so saßen die
Geschwister und schlürften mit spitzem, vorsichtigem Munde den heißen
Trank, der ihnen nach der rauhen Sturmnacht wohltat. »Wir müssen
ihn diesmal noch schwarz trinken,« sagte Gerd, »die Ziege hol' ich
heute nachmittag.« Dazu aßen sie Schwarzbrot mit Butter und Schinken,
die Gerd einem unbehobelten Kasten entnahm, der einstweilen den
Vorratsschrank ersetzte. Er schlug eine wackere Klinge und nötigte,
mit vollem Munde kauend, immer wieder: »Zu, Leidchen! Lang' dreist
zu! Du kannst so viel essen wie du magst ... Hier auf dem Lande muß
der Mensch ordentlich essen ... So kommodig wie in der Stadt mit dem
bißchen Fegen und Wischen kriegst du's bei mir nicht, das mußt du
dir ja nicht einbilden. Hier wird gearbeitet! ... Nimm dir man noch
'n ordentliches Stück Schinken, den Speck kannst du mir geben, wenn
er dir zu fettig ist ... Ach, im eigenen Hause schmeckt's einem doch
zehnmal so schön, als an anderer Leute Tisch ... Kuck mal, da kommt
auch schon Besuch!«
»Wer?« fragte Leidchen erschrocken, indem sie mit hastigen Blicken das
Gesichtsfeld vor dem Fenster absuchte.
»Die liebe Sonne,« sagte er lächelnd, und fügte mit Paul Gerhardt
hinzu: »Voll Freud' und Wonne.«
Das freundliche Himmelslicht hatte sich siegreich durch die Wolken
gekämpft und strahlte hell durch die bleigefaßten grünlichen Scheiben
auf den rotgestrichenen Tisch.
»Nun geht sie schon wieder weg,« sagte Leidchen, als eine Wolke das
Sonnenlächeln schnell auslöschte.
»Sie kommt bald wieder,« tröstete Gerd.
Dann reichte er der Schwester über den Tisch die Hand und sagte: »So
Leidchen, wenn du satt bist, gehst du erst in die andere Stube und
kriechst in deine Butze. Bis Mittag kannst du ordentlich ausschlafen,
dann weck' ich dich, und du machst uns eine Pfanne Eierbutter.«
Sie nickte, stand auf und ging.
Auch er gedachte ein wenig zu ruhen. Aber vorerst steckte er sich
ein Pfeifchen an, um ein paar Züge zu tun, und ging, mit Genuß die
graubraunen Wolken vor sich her blasend, noch einmal durch alle
Räume seines Hauses. Dann trat er auf den Hof hinaus und ließ die
stillfrohen Augen über sein kleines Königreich wandern. Die Sonne
brach gerade einmal wieder durch. Da lehnte er sich an den Türpfosten,
schlug das eine Bein über das andere und blinzelte und paffte, seiner
Sine gedenkend, in das gelbe Licht des Herbstmorgens.
20.
»Hier bring' ich dir unsere Zickmarie,« rief Gerd am Nachmittag
frohgelaunt, als er der Schwester eine pfeffer- und salzfarbene,
hörnerlose, langbärtige Ziege vorführte. »Was meinst du, ist sie sechs
Taler wert?«
Leidchen sah dem Tiere nach dem Euter und sagte: »Och ja, das will ich
nicht sagen ...«
»Du könntest sie wohl gleich mal melken, Deern.«
Während sie ein Gefäß holen ging, führte er die neue Hausgenossin mit
freundlichen Willkommsworten in den Stall.
Bald strullte die Milch in die irdene Schale. »Wie schön weiß sie
ist!« rief Gerd in der Freude an dem ersten eigenen Stück Vieh
bewundernd, und Leidchen lächelte zu ihm hinauf: »Wie soll Milch denn
anders aussehen?«
»Daß ich es nicht vergesse,« sagte Gerd nach einer Weile. »Ich soll
dich auch grüßen.«
»Von wem?«
»Von Hermann.«
Sie sah erschrocken zu ihm auf und hielt, das Melken unterbrechend,
den Euterstrich zwischen den zitternden Fingern.
»Hast du ihn gesprochen?«
»Ja.«
»Ich soll dich grüßen.«
»Sonst nichts?«
»Er würde dir bald mal guten Tag sagen, aber heut' hätte er noch keine
Zeit, der Wind wär' zu günstig. Wind geht solchem Windmüller ja über
alles ... Aber nun vergiß das Melken nicht ganz, das Tier wird schon
ungeduldig.«
Die Milch zischte zweimal an der Schale vorbei und fand dann erst
wieder den richtigen Weg.
* * * * *
Als Gerd am nächsten Mittag von der Arbeit im Freien zu Tisch kam,
machte er große Augen. Leidchen hatte in Bremen einige Holzschnitte
und bunte Bilder aus einer abgängigen Zeitschrift gerettet und nun
die kahlen, getünchten Wände der Wohnstube damit geschmückt. »Wie
ihr Racker von Frauensleuten einem das Haus gleich wohnlich und
gemütlich machen könnt!« rief er froh verwundert, und sie führte ihn
mit glücklichem Lächeln durch ihre kleine Galerie: »Das ist Barry,
der berühmte Bernhardinerhund, wie er einen Verunglückten im Schnee
findet ... hier schießen sie den treuen Andreas Hofer tot ... und
hier spielen feine Damen Schäferin ... und dies ist die Schlacht bei
Gravelotte ... und hier feiert Luther mit seiner Familie Weihnachten,
dies ist seine Frau Käthe, das da wird wohl Magdalenchen sein, und der
Mann mit dem Bart ist, glaub' ich, Philipp Melanchthon.« »Kuck bloß
mal einer an, was bei uns nun alles zu sehen ist!« rief Gerd, über
ihre Freude an den Bildern noch mehr erfreut als über diese selbst.
»Sollst mal sehen, es wird ein gemütlicher Winter,« fügte er hinzu.
Aber da trübte sich ihr Blick auf einmal, und sie schlug die Augen zu
Boden.
Am Tage darauf sollte Gerd wieder für Jan eine Ladung Torf nach
Bremen schaffen. Nachdem er die Schwester ermahnt hatte, auf alles
gut zu passen und der reisenden Handwerksburschen wegen die Türen
verschlossen zu halten, fuhr er auf seinem Rade davon.
Leidchen setzte sich in die Wohnstube vor das Fenster und nahm
des Bruders blaue Arbeitshose vor, um vor dem rechten Knie einen
Flicken einzusetzen. Die Flügel der Mühle, die von hier aus über dem
Birkenanflug des Hochmoores sichtbar waren, drehten sich noch immer,
aber, wie es ihr wenigstens scheinen wollte, langsamer als die beiden
letzten Tage, wo sie so oft nach ihnen ausgeschaut hatte. Richtig, der
Wind hatte nachgelassen. Und sie wurden noch langsamer, und zuletzt
standen sie still.
Da legte sie die Arbeit zur Seite, machte sich das Haar, zog ein
besseres Kleid an und nahm voller Erwartung ihren Platz am Fenster
wieder ein. Zum Flicken hatte sie keine Ruhe mehr, sie nahm einen
angefangenen Strumpf und ließ die Stahlsticken mechanisch klirren.
Als die Dämmerung hereinbrach, stellte sie die Küchenlampe auf den
Tisch, so, daß ihr lockender Schein zum Fenster hinausfiel.
Es wurde schnell dunkel, bald war draußen nichts mehr zu erkennen. Da
ließ sie das Strickzeug in den Schoß sinken und begann zu horchen und
zu lauschen.
Und sie hörte die Stille, die tiefe, lautlose Stille nächtlicher
Mooreinsamkeit. Und sie erschrak vor ihr, wurde von ihr wie gebannt
und gelähmt. Als endlich eine Fliege um die Lampe summte, empfand sie
den Ton wie eine Erlösung und atmete befreit auf.
Plötzlich stand sie auf, hüllte sich in ihr Umschlagetuch, trat
ins Freie und folgte dem Pfad, der durch Gerds Äcker zu seiner
Hochmoorbank hinauflief. Bald stand sie vor dem schmalen Grenzgraben,
der seinen Besitz von der Mühlstelle trennte. Mit Herzklopfen trat sie
hinüber. Der Pfad führte hier durch junge Kiefern und Birkenanflug
weiter. Scharf spähte sie ihn entlang und behielt auch den parallel
laufenden Damm zur Linken im Auge, den der Erwartete ja ebensogut
wählen konnte. Am Rande des Hochmoors blieb sie stehen. Jenseits der
schwarzen Torfgründe schimmerte die junge Wintersaat durch das Dunkel,
weiterhin waren die Umrisse des Mühlgehöftes zu erkennen, mit den
erleuchteten Fenstern des Wohnhauses.
Drüben auf dem Damm ging jemand. Mit klopfendem Herzen eilte sie den
Weg zurück, den sie gekommen war. Das Licht im Fenster blinkte ihr
hell entgegen.
Sie stellte sich hinter das Schiffschauer und spähte zu dem nahe
vorüberführenden Kirchdamm hinüber. Wenn die Gestalt, die langsam auf
ihm dahergeschritten kam, doch zum Achterdamm abbiegen wollte! ...
Aber sie ging vorüber.
Die bitter Enttäuschte kehrte ins Haus zurück und nahm ihren Platz am
Fenster wieder ein. Und wieder war die fürchterliche Stille um sie. Da
rief sie das Kätzchen in die Stube, um etwas Lebendiges bei sich zu
haben, und war dankbar, wenn es einmal schnurrte oder miaute.
Endlich ging sie in die andere Stube hinüber, um sich zur Ruhe zu
begeben. Sie zog sich aber nicht aus, sondern stieg angekleidet in
ihre Butze.
Sie hatte lange Zeit gelegen, erst horchend, dann grübelnd, zuletzt
in einer Art Halbschlaf, als sie plötzlich in die Höhe fuhr und rief:
»Ich komme!«
Auf den rechten Arm gestützt, horchte sie, mit angehaltenem Atem.
Sie hörte das wilde Klopfen des eigenen Herzens. Sonst war nichts um
sie als tiefste Stille.
»Es hat doch geklopft,« murmelte sie, »ich hab's ja ganz deutlich
gehört.« Und sie stand auf, öffnete das Fenster und lehnte sich
spähend hinaus.
Der eben aufgehende Mond hing wie eine brandrote Scheibe in den
Moorbirken. Mitternacht mußte längst vorüber sein.
Sie schloß das Fenster, warf schnell ihre Kleider ab und legte sich
wieder in die Butze, deren Schiebetür sie jetzt fest hinter sich zuzog.
* * * * *
Gerd brachte von der Stadt einen kurzbeinigen, langschwänzigen,
braungelben kleinen Köter mit, der auf den Namen »Lustig« hörte. Er
hatte ihn von einem Torfkunden geschenkt bekommen, der wegen des
Tierchens mit seinem Hauswirt Ungelegenheiten gehabt hatte. »Ich
dachte,« sagte er, als er ihn Leidchen vorstellte, »ich wollte ihn man
nehmen, wo wir so einsam wohnen und ich dich oft allein lassen muß.
Er frißt sich wohl sacht mit durch. Mit 'm Hund, das ist doch immer
geselliger als mit 'ner Katze.«
»Junge, wie du doch an alles denkst!« sagte Leidchen verwundert und
bewillkommnete den neuen Hausgenossen mit einem Teller verdünnter
Ziegenmilch.
Musch und Lustig konnten sich anfangs nicht gut riechen. Als aber
beide ihre Tracht Prügel weg hatten, kam schnell eine Art Einvernehmen
zustande, korrekt, wenn auch ohne Herzlichkeit.
* * * * *
Am Sonntagnachmittag war Gerd eben mal ins Dorf gegangen, während
Leidchen nach dem Aufwaschen des Geschirrs auf dem Flett saß und die
bei Tisch gebrauchten Messer und Gabeln putzte, wie sie es bei Frau
Marwede gelernt hatte.
Da ging die Große Tür auf, ein Mädchen kam über die Diele und
mit kurzen munteren Schritten gerade auf Leidchen zu. Ihre Hand
nehmend, sagte sie, indem die kleinen runden Augen etwas verlegen
dreinschauten: »Guten Tag, Leidchen, ich bin Sine. Ist Gerd zu Hause?«
Leidchen warf schnell einen prüfenden Blick auf die Schwägerin und
sagte, ihr Bruder wäre eben ins Dorf gegangen, würde aber in einer
Viertelstunde wohl wieder da sein. Sine möchte nur ablegen und näher
treten.
Mit einer kurzen, lebhaften Bewegung nahm Sine die dunkelrote
Wollkappe vom Kopf, strich sich mit den Händen glättend über das Haar
und trat vor Leidchen in die Stube.
Hier nahmen die beiden Mädchen sich gegenüber Platz und musterten
einander abwechselnd. Wenn die eine hinsah, blickte die andere weg.
Leidchen wunderte sich im stillen, daß so eine das Herz ihres Bruders
hatte erobern können. Nach seinen Schilderungen und dem Maß seiner
Verliebtheit hatte sie sich die Braut viel stattlicher und hübscher
vorgestellt. Die war ja einen guten Kopf kleiner als sie selbst; ein
»Buttaars«, wie die Leute zu sagen pflegten. Ihr Gesicht strotzte
wohl von Gesundheit, aber für ihren Geschmack war es etwas zu rot und
viel zu rund. Die Augen guckten ja wohl ganz grall, waren aber weder
schwarz noch braun, sondern graublau, wie die meisten Augen. Daß die
Deern niemals aus dem Moor herausgekommen war, verriet schon der
Schnitt ihrer Kleidung.
Als Leidchen dies alles, nicht ohne eine gewisse Genugtuung darüber
zu empfinden, festgestellt hatte, nahm sie der künftigen Schwägerin
gegenüber etwas damenhaft Geziertes an, wie sie es einst ihrer
Freundin Meta Stelljes abgeguckt hatte. Zur zweiten Natur, wie dieser,
hatte es ihr aber in dem einen Jahre noch nicht werden können, sie
mußte es von Fall zu Fall, wenn sie es nötig zu haben glaubte,
annehmen.
»Bist du zu Fuß gekommen?« brach sie das allmählich drückend werdende
Schweigen.
Sine zog ihr rundes Gesicht in die Breite und lachte: »Jaha, meinst
du, es wär' ein Kutschwagen vorgefahren und hätte mich abgeholt?«
»Du könntest ja auch per Rad gekommen sein. Viele Fräuleins haben
heutzutage ein Damenrad.«
»Ha, für so'n neumodischen Spielkram hab' ich kein Geld übrig. Wo ich
was zu suchen hab', kann ich genug zu Fuß hinkommen.«
»Bist du mal in der Stadt in Stellung gewesen?«
»Nee. Ich bin mein Lebtag nicht aus dem Kuhstall herausgekommen.«
»Hm, das ist eigentlich schade.«
»Warum?«
»Es ist für unsereins ganz gut, wenn er mal ein bißchen umlernt.«
»Warum? So wie ich's hier gelernt hab', soll ich's ja doch mein
Lebenlang gebrauchen.«
»Na ja, aber es schadet doch nichts ...«
»Ha, das ist nun zu spät. Die Hauptsache ist, daß ich 'n ordentlichen
Bräutigam gekriegt hab'.«
Leidchen blickte peinlich berührt zur Seite.
Nach einer Weile begann sie wieder: »Ich hatte dich mir eigentlich
größer vorgestellt.«
Sine lachte lustig auf: »Das kommt wohl davon, weil ich und Becka
Zwillinge sind. Da mußten wir beide uns in die richtige Länge teilen,
und dabei ist für jede nicht so viel geblieben. Aber ich bin groß
genug, die meiste Arbeit ist für unsereins ja doch an der Erde.«
Auf der Diele wurden Schritte laut.
»Verrat mich nicht!« rief Sine und huschte hurtig wie ein Kathekerchen
hinter den Ofen.
Gerd trat ein, die Sonntagspfeife im Munde, und setzte sich an den
Tisch, um eine Zeitung zu lesen, die er sich aus dem Dorf mitgebracht
hatte. Er interessierte sich für das, was in der Welt vorging, an
müßigen Winterabenden sogar für die Reden, die zum Fenster des
Reichstags hinaus gehalten wurden, hatte sich selbst aber noch kein
Blatt bestellt, weil das Vierteljahr schon zu weit vorgeschritten war.
Plötzlich wurden ihm beide Augen von hinten zugehalten.
»Laß den Unsinn, Leidchen!« rief er unwillig, und packte die Hände. Da
merkte er, daß sie für die Schwester zu kurz und dick waren, sprang
auf und drückte seine Sine so fest an sich, daß sie kreischte. Er
hatte sich nämlich im stillen den ganzen Tag nach ihr gesehnt und sich
vorgenommen, wenn er sich in den Weltbegebenheiten umgesehen hätte,
schnell auf das Rad zu steigen und sie noch zu besuchen.
Als er sie losgelassen hatte, sahen die Brautleute einander
glückstrahlend in die Augen. »Sie ist doch gar nicht häßlich,« mußte
Leidchen sich jetzt gestehen.
Diese fühlte bald, daß sie hier überflüssig war. Denn die beiden
fingen an, von der Zukunft zu plaudern, und es schien ihr, als ob sie
sich ihretwegen dabei einen gewissen Zwang auferlegten.
Sie stand auf und ging in die ungeheizte andere Stube, wo sie sich auf
den Stuhl, der außer ihrer Kommode hier die ganze Ausstattung bildete
und nachts ihre Kleider trug, an das Fenster setzte.
Was die beiden da drüben für ein Leben machten! Man sollte nicht
glauben, daß Gerd, der auf einmal so lachen konnte, derselbe Gerd war,
den sie von kindauf kannte.
Nach einer Weile ließ Sines muntere Stimme sich auf dem Flett hören.
Leidchen hob horchend den Kopf.
»Da kocht sie sogar schon Kaffee!« brummte sie ärgerlich vor sich hin.
»Na, meinetwegen gern. Ich bin hier ja doch bloß geduldet. Ich wollt',
ich wär' überhaupt nicht erst hergekommen.«