Die Frau schlug die Hände zusammen. »Wirklich? Oh, wie mir das leid
tut! Wir haben das Mädchen so gern gehabt. Wie lieb sie mit unserer
seligen kleinen Olga war, das werden wir ihr nie vergessen. Da haben
wir sie erst recht kennen gelernt und ins Herz geschlossen. Oh, der
Leichtsinn bei der Jugend von heutzutage, und die Verführung! Ich hab'
sie doch neulich noch so ernstlich gewarnt ... Es tut mir furchtbar
leid, Rosenbrock; aber unter diesen Umständen nehmen Sie sie zum
ersten November doch wohl lieber wieder mit.«
»Frau Marwede, wollen Sie nicht so gut sein und sie noch ein paar
Wochen behalten? Wir hoffen, daß es noch vor Weihnachten zur Hochzeit
kommt.«
»So gern ich es täte, es geht nicht, schon wegen der Kinder. Unsere
beiden Ältesten sind schon höllischen aufgeklärt. Und bei ihrer
jetzigen Gemütsverfassung haben wir ja auch so gut wie nichts mehr von
ihr.«
»Wie Sie meinen ...«
»Gehen Sie nur auf ihre Kammer, ich schicke sie Ihnen gleich, sie ist
augenblicklich im Keller.«
Gerd stieg langsam die Treppe zum Bodengeschoß hinauf und setzte sich
in ihrem Stübchen auf den einzigen Stuhl.
Bald hörte er ihren eilenden Tritt. Sie erschien in der Tür und sah
ihn mit großen fragenden Augen an.
»Bringst du was Neues?« fragte sie atemlos.
Er schüttelte langsam den Kopf.
Sie stampfte mit dem Fuß auf. »Wenn Hermann ernstlich will, sollte man
denken, müßte er doch was finden können.«
Er zuckte die Achseln: »Ja, die Sache zieht sich gar zu sehr in die
Länge ... Vielleicht nimmt er zuletzt doch die andere.«
»Welche andere?«
»Hab' ich dir das nicht geschrieben?«
»Nein. Mensch, welche andere?«
»Sein Vater hat ihm die Tochter von unserm Grasbauern zugedacht.«
»Hermine?«
Gerd nickte.
»Aber die hatte ja schon damals, als ich eben erst konfirmiert war,
vor fünf Jahren, keine eigenen Haare mehr!«
»So eine nimmt man ja auch nicht ihrer Haare, sondern ihres Geldes
wegen.«
»Gerd! ...«
»Leidchen ...«
»Ich weiß gewiß, wenn er die bloß sieht, nimmt er Reißaus. Dazu kenn'
ich meinen Hermann zu genau. Nein, wegen der kann ich ganz ruhig sein.«
Er zuckte die Achseln ...
»Was soll nun werden?« fragte er nach einer Weile.
Sie hatte sich auf den Bettrand gesetzt und sah ihn an wie ein
hilfloses Kind.
»Du mußt nämlich wissen, Frau Marwede hat eben zum ersten November
gekündigt,« fuhr er fort.