Deine Schwester Leidchen.
Als sie den Doppelbrief in den Postkasten fallen hörte, atmete sie
erleichtert auf und sagte sich, nun wäre ihre Sache in den besten
Händen.
17.
Am Dienstagvormittag stand Leidchen auf der Plättkammer, die neben
ihrem Stübchen im Dachgeschoß des Hauses lag und ließ das heiße Eisen
über die Leibwäsche der Marwedeschen Kinder gleiten. Sie hatte Tür und
Fenster geöffnet, denn die giftigen Kohlengase verursachten ihr leicht
Kopfweh.
Eben dachte sie daran, daß um diese Stunde der Postbote in Brunsode
die Briefe bestellt, als unten auf der Treppe ein Männerschritt laut
wurde. Sie mußte das schwere Plätteisen schnell auf den Untersatz
stellen und beide Hände auf den Tisch stemmen, um nicht in die Knie zu
sinken. Als aber die Schritte näher kamen, fuhr sie sich mit der Hand
über das Gesicht, ergriff das Eisen wieder und stieß es hastig über
das Hemd, das sie gerade in Arbeit hatte.
Gerds schmales Gesicht tauchte aus dem Treppenhause auf, seine
stahlblauen Augen blickten hart und streng, die Lippen hatte er fest
aufeinander gepreßt. Er trat ohne Gruß ein.
»Leidchen, was hast du vorgestern mit Timmermann gehabt?«
Obgleich der Schreck ihr in allen Gliedern saß, machte sie ein
schnippisches Gesicht: »Was soll ich mit dem gehabt haben?«
»Gestern mittag war ich bei ihm, um mich zu erkundigen. Aus dem Zeug,
was er redete, konnte ich nicht klug werden. Aber soviel hab' ich
verstanden: Du hast ihn stehen lassen wie einen dummen Jungen und
bist mit der Elektrischen weggefahren.«
»Ich möchte wissen, wer mir das verbieten will.«
»Men--schens--kind! Wie kommst du dazu?«
»Wie kommst ~du~ dazu, mir den Menschen auf den Hals zu hetzen?«
»Leidchen!«
»Hab' ich dir nicht oft und deutlich genug gesagt, daß ich nichts mit
ihm zu tun haben will?«
»Aber du bist auf meinen Brief doch hingegangen.«
»Das war ein Mißverständnis.«
»Leidchen ... ich weiß nun bald wirklich nicht mehr, was ich von dir
denken soll. Der beste und treuherzigste Mensch, der ganz andere
Mädchen kriegen kann als dich, macht sich bei dem fürchterlichen
Wetter auf die Beine und bietet dir seine Hand; ich sitze zu Hause
und kann mir vor Freude nicht helfen, kucke nach der Uhr: jetzt ist's
vier, jetzt haben sie sich, jetzt hat auch Leidchen ihr Glück, und
ein so großes, wie wir's uns früher nicht haben träumen lassen, und
derweilen machst du's so, stößt eine solche Hand zurück wie ein Stück
Holz.«
Sie stand indessen über den Tisch gebeugt und plättete mit heftigen,
klirrenden Stößen.
Als er schwieg, sagte sie stoßweise: »Ich hab' dir einen langen Brief
geschrieben. Jetzt wirst du ihn wohl haben ... Da steht alles drin.«
»So? Ich denke doch, jetzt wo ich einmal hier bin, machen wir die
Sache mündlich ab.« Er zog einen Stuhl heran und ließ sich nieder.
»Das läßt sich nicht mit zwei Worten sagen.«
»Dann nimm hundert, ich habe Zeit genug.«
Sie hatte die Lippen trotzig geschürzt und schwieg.
»Mit so einer fang' einer was an,« seufzte er und sah sie befremdet
und ratlos an. »Leidchen, hast du denn alles Vertrauen zu mir
verloren? Was hab' ich dir bloß getan? Du schüttelst den Kopf. Also
nichts. Dann sei aber auch nicht so albern und komm heraus damit ...
Du machst ja beinah ein Gesicht, als ob du ein böses Gewissen hättest.«
»Das Eisen ist kalt geworden,« sagte sie hastig, nachdem sie es mit
angefeuchteten Fingerspitzen geprüft hatte. »Wart' einen Augenblick,
ich bin gleich wieder da.«
Seinen Blick meidend, stolperte sie an ihm vorüber. Er sah ihr
kopfschüttelnd nach und murmelte vor sich hin: »Das ist doch rein zu
doll mit solchen Frauensleuten. Ob Sine auch so sein kann? Nee, ganz
gewiß nicht. Sonst müßt' einer sich die Sache wahrhaftig noch mal
überlegen.«
Leidchen erschien wieder, und nachdem sie die Tür hinter sich
zugemacht und das Eisen auf den Untersatz gestellt hatte, nahm sie die
Hand ihres Bruders. »Gerd,« sagte sie mit weicher, einschmeichelnder
Stimme, »wir haben uns noch gar nicht mal guten Tag gesagt.«
»Süh, das ist auch wahr. Guten Tag, Leidchen.«
Er hielt ihre Hand mit der Rechten und streichelte sie mit der Linken.
»Wie das kleine Pfötchen zittert und bebt!« sagte er zärtlich. »Was
hast du denn bloß, lüttje Deern?«
»Bleib ruhig, ich will dir alles erzählen, du sollst alles wissen.«
Sie trat hinter den Tisch, prüfte das Eisen, das jetzt zischte, und
begann wieder zu plätten.
»Weißt du noch, letztes Frühjahr, wie Meta Stelljes sich verlobte und
die kleine Olga starb?«
»Ja, daran erinner' ich mich ganz gut.«
»Ein paar Wochen später war mal ein schöner Sonntag, und ich ging ein
bißchen im Bürgerpark spazieren. Denn für unsereine, die tagelang
nicht aus dem Hause kommt, ist so 'n bißchen frische Luft sehr gesund.
Du kannst dir das gar nicht so denken, weil ihr auf dem Lande immer
die gute Luft habt.«
»Aber Deern, nun werd' bloß nicht weitläufig.«
»Nun rat' mal, wen ich da im Bürgerpark traf.«
»Nach Rätselraten ist mir heute wirklich nicht zu Sinn.«
»Denk dir: Müllers Hermann!«
»Mül--lers Her--mann?« wiederholte er langsam und gedehnt.
»Du mußt's mir versprechen, daß du ganz ruhig bleiben willst,« bat sie
mit einem schnellen, flimmernden Blick in seine Augen, »sonst kann ich
dir nichts erzählen.«
»Aber Mädchen, ich höre dir ja ganz ruhig zu.«
»Hermann war gerade eben aus Spandau wiedergekommen. Er freute sich
nicht wenig, als er mich zu sehen kriegte, und ich freute mich
natürlich auch. Denn meine Freundschaft mit Meta Stelljes war aus und
die kleine Olga tot, so hatte ich damals keinen Menschen.«
»Weiß ich, nun man weiter.«
»Und so ganz allein in der Welt, das hält nicht jeder aus, und auch
meine Natur ist nicht danach ...«
»Aber nun vorwärts, Deern, du vertüterst dich ja ganz.«
»Also wir fuhren zusammen im Kahn spazieren und haben uns dann öfters
getroffen und hatten uns bald so lieb, daß wir nicht mehr voneinander
lassen konnten. Und zuletzt haben wir uns richtig verlobt.«
»Hmhm ... Und was soll nun werden?«
»Das ist mal 'ne dumme Frage. Wir halten nächstens Hochzeit. Hermann
ist jetzt eben hin und spricht mit seinen Eltern.«
»Deern, kuck mich mal an! ... Nee, nicht so halb an mir vorbei,
ordentlich frei ins Gesicht! Sag' mal, bist du wirklich so von allen
guten Geistern verlassen, daß du dir einbilden kannst, die nehmen eine
wie dich als Tochter ins Haus?«
»Warum nicht?«
»Dumme Deern, darum verlier' ich überhaupt keine Worte.«
»Hermann sagt ...«
»Ach was: Hermann sagt! Was Hermann sagt, ist für die Katz.«
»Gerd, überleg dir, was du sagst und von wem du sprichst!«
»Gut, Leidchen, wir wollen uns in der Sache gar nicht weiter aufregen.
Wenn die alten Müllers dir ihren Segen geben, hast du meinen auch. Wir
feiern dann eine große vergnügte Hochzeit, und du siehst zu, wie du
mit den Leuten auskommst. Es mag ja sein, daß Hermann im Grunde gar
nicht so übel ist, wie ich früher dachte. So ganz schlimm muß er ja
wohl nicht sein, sonst hättest du ihn gewiß bald laufen lassen ...
Bist du nun zufrieden?«
Sie kam um den Tisch herumgefahren, schlug die Arme stürmisch um
seinen Hals und rief: »Lieber, bester Bruder, was bist du gut!«
Er wehrte sie etwas unsanft ab und fuhr fort: »Wir sind noch nicht
ganz fertig, mein' Deern. Wenn die Müllersleute nun mal nicht wollen
... was dann?«
Leidchen, die an ihren Platz zurückgetreten war, sah ihn mit
erschrockenen Augen an.
»Sie müssen!« sagte sie, die Zähne zusammenbeißend.
»Ha, als ob du sie zwingen könntest!«
»Hermann ...«
»Kann sie auch nicht zwingen ... Was dann?«
Sie sah ihn ratlos an.
»Ich will's dir sagen, Leidchen, dann ist noch gar nichts verloren, im
Gegenteil! Dann nimmst du einfach den anderen.«
»Aber Gerd ...«
»Was machst du für'n Gesicht? Das passiert öfters, daß der Mensch
mit seiner Liebe erst mal an den Verkehrten kommt, aber der wird
vergessen, sobald der Richtige sich sehen läßt.«
»Gerd!«
»Sieh, er weiß von der Geschichte nichts und braucht auch nichts davon
zu wissen. Du hast ihm vorgestern nichts gesagt, ich bin stumm wie
das Grab, und Müllers werden auch wohl dicht halten, ich will Hermann
noch eigens darum bitten. Wahrscheinlich hat er seinen Eltern auch gar
nichts davon gesagt und läßt die kleine Soldatenliebschaft von selbst
einschlafen, wie's die meisten tun, nach der Melodie: Aus den Augen,
aus dem Sinn.«
»Gerd! Gerd!«
»Ja, ja, Leidchen, verliebte Leute machen sich gern selbst was vor.
Da ist es gut für sie, daß andere klaren Kopf behalten und die Dinge
sehen, wie sie in Wirklichkeit sind. Ich möchte diesen Timmermann ja
gern zum Schwager haben, denn er ist ein prächtiger Mensch, und wir
sind gute Freunde. Aber zwingen will ich dich nicht. Kannst du auf die
Mühle kommen, in Gottes Namen man zu! Du bist eine, die am Ende auch
da fertig wird. Wenn aber nicht, auch gut. Dann gehst du einfach ein
paar Häuser weiter.«
Sie hatte sich auf einen hoch angefüllten Wäschekorb sinken lassen,
barg das Gesicht in den Händen und stieß unter wildem Schluchzen
heraus: »Es geht ... nicht mehr ... es ist ... zu spät ...«
»Was?« rief er zusammenzuckend.
»Was!?« schrie er und sprang in die Höhe.
Mit geballter Faust schritt er auf sie zu. Sie hob die Arme zur Abwehr.
Er ließ die Faust sinken und spreizte die fünf Finger von sich: »Dich
prügeln? Fällt mir nicht im Traum ein. Das bist du mir gar nicht mehr
wert, dafür bist du mir viel zu schlecht. Pfui!« Er spie vor ihr aus
und rief noch einmal »Pfui!« Dann drehte er sich um, riß die Tür auf
und stieg mit harten, polternden Schritten die Treppe hinunter. Es
dröhnte durchs ganze Haus, wie er unten die Haustür ins Schloß warf.
Eine Weile saß Leidchen in sich zusammengesunken und schluchzte, daß
es ihren ganzen Körper schüttelte.
Dann hob sie den Kopf und starrte eine Zeitlang mit den verweinten,
entgeisteten Augen in die rote Kohlenglut des Plätteisens.
Auf einmal schoß sie steil in die Höhe, lief in ihre Kammer hinüber,
zog das Jackett an, setzte den Hut auf, nahm den Schirm zur Hand und
schlich leise die Treppe hinunter. An Frau Marwede, die gerade eine
Kundin bediente, stürzte sie vorbei, ohne zur Seite zu sehen. Auf der
Straße setzte sie sich in Laufschritt, und als sie ihre Herrin hinter
sich rufen hörte, stürmte sie noch schneller voran. An der Ecke sprang
sie auf einen Wagen der Elektrischen, der dort gerade hielt. Da sie
in der Eile kein Geld beigesteckt hatte, mußte der Schaffner ihr den
Groschen für die Fahrt leihen.
Als sie am Torfhafen ankam, fand sie Gerd in seinem Schiff, zur
Abfahrt rüstend.
Sie trat an die Uferböschung und rief seinen Namen. Er sah und hörte
nicht.
Er hob das Schieberuder, und das Boot glitt zum Hafen hinaus in den
Kanal. Sie ging auf dem Leinpfad nebenher und bat einmal über das
andere, er möchte sie doch nur einmal noch anhören.
Er lenkte das Schiff auf die andere Seite und fuhr hart am
jenseitigen Ufer dahin. Sie sah sich um, und als sie sich überzeugt
hatte, daß niemand in der Nähe war, rief sie ihm durch die hohlen
Hände zu: »Gerd, wenn du so von mir weggehst, spring' ich in die
Weser.«
Er stieß das Fahrzeug mit der ganzen Kraft seiner Arme vorwärts, so
daß sie not hatte, mit ihm Schritt zu halten.
Verweiflungsvoll schrie sie hinüber: »Gerd, hast du ganz vergessen,
was du unserer Mutter selig auf ihrem letzten Lager versprochen hast?«
Zum ersten Male warf er einen schnellen Blick zur Seite.
Nach einer Weile verlangsamte das Schiff seine Fahrt, und dann kam es
schräg über den Kanal und legte sich ans Ufer. Nachdem er ausgestiegen
war und es an der Vorderkette festgemacht hatte, trat er vor die
Schwester hin. Die Hände nach unten gestreckt, sagte er, sie mit
todtraurigen Augen ansehend: »Oh, Leidchen ... Leidchen!« Sie stand
da, glutübergossen, den Blick auf den Boden geheftet, und stach mit
der Spitze ihres Schirmes ein spätes Blümchen in den Grund.
»Denn komm,« sagte er tonlos und schritt an ihr vorüber auf einen
Promenadenweg zu, der in den am Torfkanal sich entlang ziehenden
Bürgerpark führte. Sie folgte ihm in einer Entfernung von zwei bis
drei Schritten. Vor einer einsamen Bank machte er halt, ließ sich
seufzend niederfallen und gab der Schwester stumm ein Zeichen, sich
neben ihn zu setzen.
Lange verharrten sie in Schweigen. Er hatte die Arme auf die
Knie gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt, die Finger in die
Augen gedrückt. Sie blickte von Zeit zu Zeit scheu zur Seite und
wagte nicht, ihn anzureden. Denn auf seiner Schläfe war eine
dickgeschwollene, wie ein Blitz gezackte Ader, durch die das Blut
stoßweise dahinschoß.
Plötzlich verdeckte er die Augen mit ganzen Händen und fing bitterlich
an zu weinen. Er wollte das Schluchzen gewaltsam unterdrücken, um so
mehr erschütterte es seinen Körper. Endlich begann er mit gebrochener
Stimme zu reden.
»Leidchen, Leidchen, wie gut hättest du es haben können ... so gut
wie keine in unserm Dorf und im ganzen Moor ... Und nun machst du
selbst dir alles durch deinen Leichtsinn zuschanden ... Hab' ich dich
so angelernt und aufgezogen? ... Hab' ich dich nicht immer vermahnt
und zum Rechten angehalten? Hab' ich nicht gesagt, du solltest bei
uns auf dem Lande bleiben? Aber du mußtest natürlich mit aller Gewalt
in die Stadt, bloß um dem, der's immer so gut mit dir gemeint hat,
unter den Augen wegzukommen und in dein Unglück zu rennen ... Wie bin
ich immer stolz auf dich gewesen ... du warst das feinste Mädchen im
Dorf. Wenn du einen so fröhlich ankucktest, war's, als wenn einem die
liebe Sonne so recht hell und warm ins Herz lachte ... Wenn du im
Moor oder auf den Wiesen dich so munter regtest, wurde die schwerste
Arbeit einem zur Lust ... Und nun machst du's so, nun mußt du dasitzen
mit niedergeschlagenen Augen, wie ein Klumpen Unglück ... Es ist ein
Jammer sondergleichen ...«
Sie saß auf ihren Schirm gestützt, starrte zur Erde und ließ alles
ruhig über sich ergehen.
Sein Gesicht nahm auf einmal den Ausdruck großer Bitterkeit an: »Sieh
bloß zu, daß du's gut bezahlt kriegst!«
Wie von einer Natter gestochen fuhr sie in die Höhe und sah ihn mit
blitzenden Augen an: »Gerd, ich rat' dir, geh nicht zu weit! Alles laß
ich mir auch von dir nicht gefallen.«
»Ja, nun bist du auf einmal stolz, nun, wo's zu spät ist ...«
Eine Weile herrschte wieder Schweigen. Dann fragte sie leise und
zaghaft: »Gerd, darf ich nun auch mal ein Wort sagen?«
Er sagte nicht ja und nicht nein.
»Bitte, lieber Bruder, laß uns nicht immer über das reden, was nun
einmal nicht mehr zu ändern ist ... Ich hab' dir einen langen Brief
geschrieben, da steht alles in ... Ich hab' dir vorhin schon gesagt:
Hermann ist ein grundguter Mensch, bloß ein bißchen leicht, nicht ganz
so ehrenfest wie du; jeder hat ja seine Fehler, du auch. Daß er mich
von Herzen lieb hat, das weiß ich ebenso gewiß wie das andere, daß
du es gut mit mir meinst. Sein Vater und Mutter mögen erst ja wohl
gegen mich sein, aber er hält fest und treu zu mir. Wenn ich das nicht
ganz gewiß wüßte, was bliebe mir denn noch übrig! Aber, wie ich schon
gesagt habe, er ist ein bißchen leicht ... Deshalb braucht er einen,
der ihn mal an seine Pflicht erinnert und ihm den Rücken steif macht,
damit er fest seinen Mann stehen kann. Und da möchte ich dich nun
bitten, lieber Bruder, geh' doch mal hin und sprich mit ihm!«
»So, dafür bin ich gut genug ... Als ihr miteinander anfingt, du wurde
ich nicht um Rat gefragt.«
»Ach, ich wollte es dir jedesmal sagen, wenn du hier warst, aber ...«
»Du hieltest deinen Mund, weil du von Anfang an kein gutes Gewissen
bei der Sache hattest.«
»Bitte, Gerd, laß uns davon doch nicht immer wieder anfangen ... Nicht
wahr? du tust deiner kleinen Schwester die Liebe an, daß du bald mal
hingehst. Bitte, bitte.«
Sie berührte mit der Hand leise streichelnd seinen Arm und sah ihn
flehend an.
Er saß lange Zeit vornübergebeugt, mit dem linken Hacken ein Loch in
den Kies bohrend, schweigend und manchmal seufzend.
Endlich richtete er sich auf und sagte entschlossen: »Ja, ich will's
tun. Und er soll was von mir zu hören kriegen, das wird er sich nicht
hinter den Spiegel stecken!«
Sie hob erschreckt und wie beschwörend die Hand: »Um Gottes willen,
Gerd, bloß das nicht! Damit machst du die Sache nur schlimmer. Die
Schuld will ich gern auf mich nehmen. Nein, du mußt freundlich, ruhig
und ernsthaft mit ihm sprechen, wie du das so schön kannst. Du mußt
ihn daran erinnern, was er mir schuldig ist, und auch seiner eigenen
Ehre.«
»Ha! Ein schöner Bräutigam, den ein anderer daran erst erinnern muß.«
»Ach Gerd ... Du mußt mich auch ein bißchen anpreisen und ihm sagen,
daß er mit mir nicht betrogen wird. Das weiß er ja auch schon so, aber
es kann doch nicht schaden, wenn's ihm auch ein anderer noch mal sagt,
und auf deinen Charakter hält er große Stücke, das hat er mir öfters
gesagt.«
»Wirklich? Das ist ja nett, und dankenswert, hahaha ... Aber gut,
morgen abend, nach Feierabend, geh' ich hin. Wenn Wind ist, werd' ich
ihn wohl allein auf der Mühle treffen, den Gesellen haben sie neulich
laufen lassen.«
»Oh Gerd,« rief sie, erleichtert aufatmend, »wie soll ich das bloß
wieder gut machen?«
Sie ergriff seine Hand, die sie drückte und liebkosend gegen ihre
Wangen preßte.
Er zog dieselbe bald zurück und sagte: »Ob's was helfen wird? Ich
verspreche mir soviel wie nichts davon. Die Alten, die Alten ...«
»Oh Gerd, wenn wir drei Jungen fest zusammenhalten ...«
»Deern, du bist jung und unerfahren, du kennst das Leben und die
Menschen nicht. ~Die~ Sorte hat noch keinem etwas zuliebe getan.«
»Könntest du mit ihnen nicht auch mal sprechen, wenn's nötig ist? Oder
graust du dich davor?«
»Gut, ich werde auch ihnen ins Gewissen reden, wenn's nötig ist.«
»Bitte, Gerd, tu' das. Du kannst das ja so schön. Aber mach's bitte
recht vorsichtig und gelinde, daß du sie nicht gegen mich erzürnst. Du
mußt immer bedenken, ich soll mit ihnen leben.«
»Und wenn sie sich auf nichts einlassen wollen, was dann?«
»Darüber wollen wir noch nicht sprechen.«
»Das wollen wir doch, und erst recht! Dann werd' ich Hermann die
Pistole auf die Brust setzen, daß er's macht wie vor zwei Jahren
Joostens Jan, als seine Eltern seine Braut nicht aufnehmen wollten.
Dann muß er hier in Bremen mit dir einen Hausstand gründen. Arbeit
findet er überall, und wenn du später etwa mit zuverdienst, als
Aufwartefrau oder so, könnt ihr ganz gut leben.«
»Ob er das wohl täte?«
»Wenn er dich wirklich lieb hat und ein ehrlicher Kerl ist, kann er
gar nicht anders.«
»Wie du gleich an alles denkst, Gerd! Ja, das wäre immer noch ein
Ausweg. Später müßten wir die Mühle ja doch kriegen, nicht wahr? Denn
da möcht' ich doch lieber wohnen.«
»Das glaub' ich dir.«
Sie erhoben sich von der Bank und schritten langsam den Parkweg
zurück, dem Torfkanal zu.
»Ach Leidchen,« begann er noch einmal, »hätt' ich von dem allen
nur eine Ahnung gehabt! Ich hätte dich mit Gewalt von dem Menschen
losgerissen, ehe es zu spät war.«
»Das hättest du nicht fertig gebracht,« rief sie leidenschaftlich.
»Wenn die Liebe einen mal gepackt hat, dann kommt nichts in der Welt
dagegen auf.«
»Ich kenne die Liebe auch,« sagte er leise, und seine traurig ernsten
Augen leuchteten auf.
»Du bist in allen Dingen anders als ich ... Oh, Gerd, wie freu' ich
mich, daß du gekommen bist und ich das alles vom Herzen los bin! Ich
kann dir gar nicht sagen, wie leicht mir jetzt ist. Nun ist meine
Sache in den besten Händen. Heute seh' ich erst ein, was ich an dir
habe. Nicht wahr, du glaubst doch auch, daß noch alles gut wird?« Sie
hatte seine Hand ergriffen und sah ihm in die Augen.
Er blickte sie an, nicht sonderlich hoffnungsfreudig, und sagte: »Wir
wollen unser Möglichstes versuchen.«
Er hatte die Vorderkette seines Schiffes gelöst, warf sie auf die
Koje, daß es einen scharfen, dumpf nachhallenden Eisenklang gab, und
stemmte das Ruder ein.
»Wann krieg' ich Nachricht?« fragte sie.
»Sobald es angeht,« sagte er gelassen, legte sich gegen die Stange und
brachte das Schiff in Gang. Sie sah ihm lange nach und wartete, er
sollte sich noch einmal umwenden. Aber das tat er nicht, sondern mit
seinen lang ausgreifenden, etwas wiegenden Schritten ging er neben dem
auf dem schnurgeraden Wasserlauf gleitenden Schiff den schmalen Pfad
dahin.
Endlich wandte auch sie sich und ging langsam nach der Stadt zurück.
18.
Brunsode hatte Feierabend gemacht, auf allen Gehöften ziemlich
gleichzeitig. Nur die Windmühle, deren Arbeits- und Ruhestunden
zuzeiten nicht durch Tag und Nacht, sondern von Wind und Wetter
bestimmt werden, drehte sich langsam vor einem schwachen West, und die
kleinen Fenster waren erleuchtet.
Das bemerkte Gerd mit Genugtuung, als er mit festen Schritten den
Birkendamm daherkam. Er trug Sonntagskleidung und Lederstiefeln. Im
Munde hing ihm die Pfeife, die er jedoch nicht in Brand gesetzt hatte.
Als er vom Damm abbog, schob er sie in die innere Rocktasche.
Er warf einen Blick in die offen stehende Tür der Mühle und sah in
dem schwachen Licht einer Petroleumlampe den Gesuchten beschäftigt,
einen Kornsack in den Mahltrichter zu entleeren. Eintretend rief er
ihm durch das betäubende Geklapper die Tageszeit zu. »Wart' einen
Augenblick, ich komme gleich,« wurde ihm hastig geantwortet.
Er setzte sich auf einen prallen Kornsack und sah auf einen Fleck. Als
er nach einer Weile aufblickte, ob der Erwartete noch nicht käme, sah
er ihn, die mehlbepuderte Mütze im Nacken, eine Treppe hinaufsteigen
und in dem Kopf der Mühle verschwinden. »Das macht das böse Gewissen,«
murmelte er bitter lächelnd vor sich hin.
Nachdem er eine gute Weile geduldig gewartet hatte, erhob er sich und
stieg eine kurze Treppe von zehn Stufen hinauf. Gerade wollte er auf
der höher führenden Leiter dem Verschwundenen nachsteigen, als dieser
oben sichtbar wurde und langsam herunterkam.
»Wo können wir ein ruhiges Wort miteinander sprechen?« rief er ihm
entgegen.
Der Müller öffnete eine Tür und ließ ihn auf den Umgang hinaustreten.
Als er hinter sich zugemacht hatte, klang der Lärm des Mahlwerks
gedämpft, und man hörte die gespenstisch durch das Dunkel fahrenden
Flügel wie Riesenschwerter fauchen.
»Du kommst wegen Leidchen,« begann der Müller.
»Allerdings,« sagte Gerd, ein wenig überrascht.
»Hast du sie besucht? Wie geht es ihr?«
»Wie soll es ihr gehen ...«
»Sie hat wohl stark nach einem Brief von mir ausgesehen?«
»Das soll wohl sein.«
»Aber ich konnte ihr wirklich noch nichts schreiben.«
»Hermann, ich bin nicht gekommen, um ein bißchen mit dir zu schnacken.
Erst mal eine Frage! Sag mal, hast du Leidchen bloß zum besten gehabt,
ich meine, hast du bloß so deinen Spaß mit ihr haben wollen?«
»Gerd, das traust du mir doch wohl nicht zu.«
»Ich weiß nicht ... So genau kenne ich dich nicht. Also du hast ihr
wirklich die Ehe versprochen?«
»Ja.«
»Gut, daß ich das nun erst mal weiß. Sonst, beim wahrhaftigen Gott,
könnte ich dich packen und da in die sausenden Flügel hineinstoßen.«
»Hoho, man nicht so hitzig! Dabei hätt' ich auch noch ein Wort
mitzureden.«
»Und wann soll die Hochzeit sein?«
»Wir hatten an November oder Dezember gedacht ... aber ...«
»Was aber?«
»Die beiden Alten haben dabei auch ein Wort mitzureden.«
»Ach nee! Und was sagen die?«
»Gerd, wenn man in der Fremde ist und vergnügt in den Tag hineinlebt,
denkt man wohl: mit den Alten wirst du leicht fertig, die müssen, wie
du willst, die werden einfach nicht gefragt. Bist du dann aber wieder
zu Hause und streckst die Füße jeden Tag mit ihnen unter denselben
Tisch, dann macht sich die Sache doch etwas anders.«
»Ach nee! ... Hast du schon ernsthaft mit ihnen wegen Leidchen
gesprochen?«
»Versteht sich. Den ersten Abend ging's nicht gut, Vater war, ich
denk', aus Freude, daß er mich wieder hat, so 'n bißchen aufgeheitert
... Aber Dienstag, so in der Schummerzeit, geh' ich hin und fädele die
Sache nach meiner Meinung sehr fein ein. Aber Vater erklärt rundweg,
von den kleinen Kötterdeerns wär' noch nie eine als junge Frau auf die
Mühle gezogen, und solange er die Augen offen habe, bliebe das auch
so, daß der Mühlerbe sich von anderswoher seinesgleichen hole.«
»Hast du ihm gesagt, was du meiner Schwester schuldig bist?«
»Ja. Da zuckte er aber nur die Achseln.«
»Und was soll nun werden?«
»Wenn ich das nur erst wüßte ... Die ganzen Tage zergrübele ich mir
darüber den Kopf. Leidchen tut mir in der Seele weh, sie nimmt die
Sache so schrecklich ernst.«
»Den Deubel auch! Darüber wunderst du dich?«
»Nein, nein, Gerd, ich wollte nur sagen, sie ist so furchtbar hitzig
... Sag' mal, kennst du Harm Tietjen, den Grasbauern an der Hamme?«
»Ja, wir haben Grünland von ihm in Pacht.«
»Kennst du auch seine Tochter Hermine?«
»O ja, sie muß so an die Dreißig sein, hat mehr Sommersprossen
im Gesicht als Haare auf dem Kopf, und ist schon stark in Saat
geschossen.«
»Denk' dir, Gerd, die soll ich mit Gewalt heiraten!«
»Junge! Seid ihr denn ganz des ...? Kennst du das Mensch?«
»Nein. Ist sie wirklich so schlimm?«
»Ich würde lieber die Wackelstine aus dem Armenhaus nehmen als die.
Drei Jahre ist sie mit einem Postschreiber aus Bremen herumgezockelt,
dann hat der sie laufen lassen. Da, wo sie zu Hause ist, nimmt jetzt
der ärmste Knecht sie nicht mehr geschenkt. Wie können deine Eltern
bloß so blind und so grausam sein!«
Hermann seufzte. »Vater hat die letzten Jahre schlecht aufgepaßt,
und der Gesell, den wir nun weggejagt haben, hat sich das zunutze
gemacht. Prozesse haben allerhand gekostet, die Mühle in Blankenmoor
macht uns scharf Konkurrenz, und ich habe als Soldat auch ziemlich
viel gebraucht; denn ich dachte, das Geld, das Mutter zugebracht hat,
könnte gar nicht alle werden ... Wir brauchen notwendig Geld.«
»Und du willst dich verkaufen lassen?«
»Gerd, wie kannst du so was denken ... Ich sträube mich ja mit Händen
und Füßen. Wenn mir nur einer da heraushülfe!«
»Selbst ist der Mann! Tritt doch vor die alten Seelenverkäufer
hin, schlag mit der geballten Faust auf den Tisch, daß die Platte
auseinanderspringt, und sag': Entweder ihr gebt mir Leidchen zur Frau
oder ich nehm meinen Stock und geh meiner Wege!«
»So wird's auch wohl noch kommen, ich hab' mir das auch schon gedacht.«
»Hermann, wir beiden sind niemals gut Freund miteinander gewesen.
Du warst mir immer zu leicht und zu großspurig. Aber für einen
anständigen Kerl hab' ich dich im Grunde doch immer gehalten. Nun
beweise, daß ich mich in dir nicht getäuscht habe. Komm, wir gehen
zu deinen Eltern und sprechen mal ein ernstes Wort mit ihnen. Zeig
ihnen die Zähne und laß sehen, ob du ein Kerl bist, der Ehre im Leibe
und Muck in den Knochen hat und mehr kann, als unerfahrene Mädchen
übertölpeln. Komm!«
»Gerd, ich kann die Mühle nicht allein lassen.«
»Stell sie ab, es schafft doch nicht mehr bei der Mütze voll Wind.«
Hermann sah prüfend nach den Flügeln, deren Umdrehungen sich noch
mehr verlangsamt hatten. Er trat von einem Fuß auf den anderen, riß
die Mütze vom Kopf, wühlte mit der Hand in seinen Haaren und sagte
endlich: »Geh vorauf, ich komme gleich nach.«
Gerd schritt auf dem Fahrdamm, der Mühle und Wohnhaus trennte, unruhig
hin und her. Nach einer Weile kamen die Flügel unter Knarren zum
Stehen, und bald war Hermann an seiner Seite.
»Sag' aber um Gottes willen nichts von Hermine Tietjen,« bat er, indem
sie dem Hause zuschritten, »davon weiß sonst noch kein Mensch, und das
würde den Alten fuchsteufelswild machen.«
»Laß mich man gewähren und steh du deinen Mann,« sagte Gerd.
Sie gingen über eine geräumige, gegen das Viehhaus abgeschorene
Diele, die von einer roten Ampel beleuchtet wurde, und traten in die
Wohnstube, wo die Müllersleute um eine grünbeschirmte Lampe saßen,
die Frau mit einem Strickstrumpf, der Mann über seinen Zeitungen, ein
dampfendes Glas Grog neben sich.
»Warum bist du nicht in der Mühle?« herrschte der Vater den Sohn an.
»Der Wind ist alle geworden, ich hab' Feierabend gemacht,« sagte
Hermann und ließ sich auf einen Stuhl unweit der Tür nieder.
»Was willst ~du~ denn?« wandte der Müller sich darauf an den
Besucher.
»Mit Verlaub,« sagte dieser gelassen, »ich darf mich wohl erst mal
setzen.« Er zog einen Stuhl heran und pflanzte sich recht mitten in
die Stube, den beiden am Tisch gegenüber, den Sohn halbrechts hinter
sich. Die ein wenig in den Nacken geschobene Mütze behielt er nach
Landessitte auf dem Kopf. Auch spuckte er, wie es so Brauch war,
einmal zwischen seinen Knien hindurch auf den Fußboden. Das war sonst
gerade nicht mehr seine Art, seit Freund Timmermann es sich einmal
verbeten hatte, aber heute kam es ihm darauf an, dem stiernackigen
Mann mit dem roten, höhnischen Gesicht zu zeigen, daß er dessen
Anspruch, eine höhere Art Mensch zu sein als die anderen Moorbauern,
nicht anerkannte.
Der Müller riß die Augen weit auf und wollte etwas sagen.
Aber Gerd kam ihm zuvor. »Ich bin gekommen,« begann er, den Blick
seinem Gegenüber voll zuwendend, »um mit Euch wegen meiner Schwester
Leidchen zu sprechen.«
»Was scheren mich deine Familienangelegenheiten!« polterte der andere.
»Es sind ebensosehr die Euren. Hermann hat meiner Schwester in Bremen
die Ehe versprochen. Nicht wahr, Hermann, so ist es doch?« wandte er
sich nach diesem um.
Der nickte.
»Und nun wollte ich anfragen, wann die Hochzeit sein soll. Ihr wißt,
die Sache hat Eile.«
»Hohoho,« lachte der Müller, indem er mit der einen Hand die Zeitungen
zurückschob und sich mit der anderen auf das Knie schlug, »du bist ein
famoser Kerl, der gleich auf das Ganze geht.«
In Gerds Gesicht zuckte es. »Zum Lachen ist bei so ernsten Dingen
ganz und gar keine Ursache,« sagte er, finster blickend, mit mühsam
gebändigter, bebender Stimme. »Es handelt sich nicht bloß um uns. Es
handelt sich ebensoviel und beinah noch mehr darum, daß Euer Hermann
nicht als meineidiger Schuft Schande über Eure Familie bringt.«
»Für die Ehre unserer Familie zu sorgen, kannst du getrost uns
überlassen, dazu brauchen wir dich nicht,« gab der Müller mit
spöttischem Lächeln zur Antwort. »Was Hermann in Bremen für dumme
Streiche gemacht hat, weiß ich nicht und will ich auch nicht wissen.
Was so 'n Mädchen in ihrem Leichtsinn sich einbrockt, muß sie auch
ausessen.«
»Müllers Vater, Ihr sprecht von Leichtsinn und Dummheiten, und ich
will die beiden gewiß nicht in Schutz nehmen. Ein Sohn, der seinen
Eltern eine Tochter ins Haus bringen will, soll sie früh genug fragen,
ob die, auf die er sein Auge geworfen hat, ihnen paßt, und überhaupt
soll alles ordentlich und ehrlich zugehen. Ich kann das begreifen, daß
Ihr böse seid, und habe selbst gestern meiner Schwester gehörig den
Text gelesen. Aber nun wollen wir uns doch auch sagen: Was geschehen
ist, das ist geschehen, auch der beste Mensch kann von einem Fehl
übereilet werden; denn wir sind allzumal Sünder. Die Hauptsache ist,
daß die beiden sich wirklich von Herzen lieb haben. Für Leidchen kann
ich garantieren, und Hermann hat es mir eben erst draußen versichert.
Wenn Ihr sie jetzt noch auseinanderreißen wolltet, tätet Ihr eine
viel größere Sünde als die ist, die sie begangen haben. Bitte, seid so
gut und laßt mich ausreden! Wenn Ihr meine Schwester kenntet, würdet
Ihr keine andere als Schwiegertochter haben wollen. Laßt sie erst acht
Tage in Eurem Hause sein, Ihr sollt sehen, dann mögt Ihr sie um kein
Geld mehr missen. Sie ist eins von den Menschenkindern, denen alle
Herzen zufliegen. Fragt auf unserer Nachbarschaft, bei Rotermunds, bei
Frerks, bei Böschens und bei allen, und Ihr werdet euch wundern, wie
alle sie lieb haben. Geld bringt sie ja leider nur an die dreihundert
Taler mit, aber einen fröhlichen Sinn und Gesundheit und Lust zur
Arbeit, und ich meine, das sind alles Dinge, die auch etwas wert sind.
Die Leute sagen, Ihr hättet jetzt schwere Zeiten mit Eurer Mühle, aber
die gehen vorüber, wo der Gesell, der Euch viel Schaden getan hat, weg
ist und Hermann sich der Sache annimmt, der ja lange genug gelernt
hat und seinen Kram gewiß gut versteht. Manche Kunden, die jetzt in
Blankenmoor mahlen lassen, werden Euch wiederkommen; mit einigen, die
ich besser kenne, will ich selbst sprechen, und die anderen folgen
dann wohl nach, denn wenn sie selbst keinen Schaden dabei haben, sind
die Leute dafür, daß das Geld im Dorfe bleibt. Und Leidchen ist für
das Sparen und Zusammenhalten, dazu hab' ich selbst sie von klein auf
angelernt. Für jüngere Kinder habt Ihr nicht zu sorgen, deshalb könnt
Ihr Eurem einzigen Sohn gut zu Willen sein. Eine so große und starke
Mühle mit drei Mahlgängen, die wenig Reparaturen kostet, nährt leicht
mit Euch Alten die Jungen, und auch noch einen guten Trupp Kinder.
Wir sind ja gegen Euch wohl kleine Leute, aber eine Hergelaufene ist
Leidchen doch auch nicht. Wir Rosenbrocks stammen von einem großen
Geesthof und haben uns unter den ersten hier angesiedelt. Und was
unserem Großvater sein Bruder war, der hat als Knecht in Hangstedt
einen Bauernhof von vierhundert Morgen befreit ... Müllers Vater und
Ihr, Müllers Mutter -- ich weiß, Ihr habt Euren Hermann lieb, und
Ihr seid doch auch mal 'ne junge Deern gewesen -- Ihr solltet man
ein Einsehen haben und den beiden helfen, daß sie bald im heiligen
Ehestand zusammenkommen.«
Der Müller hatte aufmerksam zugehört und einige Male sogar genickt.
Daraus hatte Gerd Hoffnung geschöpft und sich deshalb in einen immer
wärmeren Ton hineingeredet. Jetzt wagte er es sogar, ihm seine Hand
entgegenzustrecken.
»Bist du nun fertig?« fragte der Mann.
»Ja. Ich wüßte nicht, was sonst noch zu sagen wäre.«
Der andere sah ihm mit einer gewissen Achtung und nicht ohne
Wohlgefallen in das schmale, scharfgeschnittene Gesicht. »Gerd,«
begann er, »du bist soweit ein ganz fixer Mensch. Schade, daß du nicht
als Advokat studiert hast, aus dir hätte was werden können. Aber,
weißt du, hierzu langt deine Kunst noch lange nicht.« Und wieder
spielte ihm das böse Lächeln um den sinnlichen Mund.
Gerd sah ein, daß hier jedes weitere Wort verschwendet war. Er setzte
die Mütze, die er vor einer Weile abgenommen und über das linke Knie
gezogen hatte, wieder auf den Kopf, fuhr steil in die Höhe und sagte:
»Gut, denn verkauft Euren einzigen Sohn an die alte gelbsüchtige
Trudje, die da, wo sie bekannt ist, der kümmerlichste Knecht nicht
geschenkt nimmt.«
Der Müller sah dem kühnen jungen Menschen bestürzt ins Gesicht.
»Die Leute,« fuhr dieser fort, »reden viel Böses über Euch. Aber was
für einer Ihr in Wirklichkeit seid, davon haben sie noch gar keine
Ahnung. Wo andere das Herz haben, da habt Ihr einen Mühlstein.«
»Packan!« kreischte der Müller, heiser vor Wut.
Eine mächtige Dogge kam verschlafen unter dem Tisch hervor und reckte
laut gähnend die ungeschlachten Glieder.
»Soll der hier dich auf den Weg bringen, du unverschämter Lümmel?«
»Ich gehe schon von selbst,« sagte Gerd, mit einem etwas unsicheren
Blick nach dem Hund, unter dessen blutunterlaufenen Augen sein Rückzug
nicht eben heldenhaft ausfiel. Sobald er aber zur Stube hinaus war,
riß er die Tür mit donnerndem Krach hinter sich ins Schloß.
Als er draußen war, sagte er sich, es würde gut sein, wenn er Hermann
noch spräche. Vielleicht kam dieser ihm bald nach, oder er ging
noch einmal zur Mühle hinüber. Er lehnte sich an das Geländer der
Hofbrücke, um ihn zu erwarten.
Es währte auch nicht lange, bis sein weißes Müllerkleid durch das
Dunkel schimmerte. Gerd trat ihm einige Schritt entgegen.
»Du hast ja doch was von der anderen gesagt,« warf Hermann ihm mit
kläglicher Stimme vor.
»Das ist mir in der Wut so herausgefahren,« versetzte Gerd ärgerlich.
»Es ist ja auch einerlei.«
»Es ist längst nicht einerlei. Ich hätte deswegen beinah noch Prügel
gekriegt.«
»Hermann! Du willst ein Mann sein und läßt dir solche Behandlung
gefallen? Hast du denn gar keine Ehre mehr im Leibe?«
»Was soll ich machen?«
»Es gibt nur eine Rettung. Du mußt bei Nacht und Nebel ausrücken.
Je eher, desto besser, am besten gleich diese Nacht! Wenn du hier
bleibst, bist du verloren. Gegen den anzukommen, dazu gehört ein ganz
anderer Kerl, als du bist. Hermann, entschließ dich!«
»Ich habe diese Tage auch schon öfters daran gedacht ... Aber leicht
ist es nicht, ein so schönes Vatererbe zu verlaufen, es hängt einem
doch mächtig an ... Wenn ich ihm zu Willen bin, zieht er aufs
Altenteil, und ich bin hier Herr.«
»Mensch, laß dich nicht auslachen! Du Herr, solange der noch einen
kleinen Finger rühren kann? Du Herr, wenn Hermine Tietjen hier ihren
Einzug hält? Die zieht sich sofort die Hosen an, und du kriegst die
Nachtmütze auf .. Wenn du jetzt auch gehst, dein Erbe bleibt dir ja.«
»Oder auch nur das Pflichtteil.«
»Ach was. Du hast ja keine Geschwister. Wer weiß, wie bald sie Euch
wieder holen!«
»Aber wenn Hof und Mühle unter den Hammer kämen?«
»Ach was, solch ein Besitztum hält erst was aus. Weg mit so kleinen
Bedenklichkeiten!«
»Das sagst du wohl ... Heute wurde in unserer Fachzeitung für die
Mühle in Langwedel bei Verden ein Gesell gesucht.«
»Mensch, greif zu! Schreib noch heute abend, telegraphiere gleich
morgen früh!«
»Hat wohl keinen Zweck. Es melden sich gewiß Unverheiratete genug, und
die haben den Vorzug.«
»Aber du kannst's doch versuchen.«
»Will mal sehen ... Vielleicht findet sich auch noch was Besseres, in
jeder Nummer stehen Annoncen, kann ja um mehrere Stellen schreiben ...
Leicht wird's einem ja nicht, noch wieder als Gesell anzufangen.«
»Aber wenn's nicht anders ist? Hermann, um eine Frau wie Leidchen kann
ein rechter Kerl wohl etwas tun und auch ein kleines Opfer bringen.«
»Hm, ja ... Das wohl.«
»Junge, das Herz im Leibe muß dir hüpfen und springen, wenn du bloß an
sie denkst. Wenn es nicht so gekommen wäre, glaub ja nicht, daß du sie
gekriegt hättest!«
»Hm, bin ich dir nicht gut genug für sie?«
»Wo du so direkt danach fragst ... nein, eigentlich nicht. Aber ich
bin ja nun einmal übertölpelt und jetzt mit allem zufrieden. Hermann,
ich hab' mich diese Tage öfters gefragt, sollt' ich dich hassen oder
von Grund aus verachten. Jetzt, wo ich mit dir gesprochen und deinem
Alten mal den Puls gefühlt habe, tust du mir von Herzen leid. Aber
an dem Tage, wo du dich hier losreißest, da will ich Respekt vor
dir haben. Grad weil ich nun weiß, wie fest sie dich knebeln ... Ich
schreibe heut' abend noch an Leidchen. Was soll ich ihr bestellen?«
»Grüß sie vielmals und schreib ihr, sie möchte vor allem den Kopf
hochhalten, es würde noch alles gut. Und sie sollte nicht erschrecken,
wenn ich eines guten Tages auf einmal vor ihr stände.«
»Bravo, Hermann! Nun bloß nicht aufschieben, das macht nur schwächer.
Jetzt kannst du dich mit einem starken Ruck noch losreißen. Legst du
dich aufs Warten, geht's dir wie der Fliege im Spinngewebe. Du wirst
so eingewickelt, daß du dich nicht rütteln und rühren kannst. Gut'
Nacht!«
Nachdem er die weiche, mehlstaubtrockene Hand des Müllers kräftig
gedrückt und geschüttelt hatte, ging er. Die in ihm wogende Erregung
zu meistern, steckte er jetzt das gestopfte Pfeifchen an, und als er
ein Dutzend Züge getan hatte, waren die anfangs so kurzen, stoßartigen
Schritte fast wieder so lang und wiegend wie gewöhnlich.
* * * * *
Am nächsten Abend erhielt Leidchen mit der letzten Bestellung
folgenden Brief:
Liebe Schwester!
Es wird mir beinahe schwer, Dich noch so anzureden, denn lieb und
gut bist Du durchaus nicht gewesen; aber ich will darauf heute abend
nicht weiter eingehen, denn es ist schon nach zehn Uhr.
Der Müller hat mir mit seinem Packan gedroht und hätte ihn sicher
auf mich gehetzt, wenn ich nicht von selbst gegangen wäre.
Hermann hat Dich doch wohl ein bißchen lieb, und er gefällt mir
jetzt besser als früher. Er scheint mir nicht mehr so großspurig zu
sein, was ich immer am wenigsten bei ihm leiden konnte.
Wir haben abgemacht, daß er sich aus seinem Müllerblatt einen Platz
als Gesell sucht, und daß Ihr darauf dann heiratet. Ob er den guten
Worten und Vorsätzen die Tat folgen läßt, muß die Zeit ausweisen. Du
schreibst, er wäre ein bißchen leicht und wankelmütig. Das stimmt
ganz genau.
Was er mir für Dich gesagt hat, schreibe ich wörtlich hierher: Grüße
Leidchen vielmals und schreib ihr, sie sollte den Kopf hochhalten,
es würde noch alles gut. Und Du solltest Dich nicht verjagen, wenn
er eines Tages auf einmal vor Dir stände.
Du kannst also vorderhand nichts tun, als Dich gedulden, und ich
kann auch nicht mehr tun. Es kann aber sein, daß ich nach ein paar
Tagen mal wieder hingehe und so 'n bißchen nachstökere. Das kann
jedenfalls nicht schaden.