Ein froher Glanz überstrahlte ihr Gesicht, tief aufatmend ließ sie die
Hand mit dem Papier in ihren Schoß fallen.
Also mit Gerd hatte Hermann sogar auch schon gesprochen! Das war
sicher ein gutes Zeichen. Und wie ruhig der die Sache nahm!
Warum er wohl nicht selbst geschrieben hatte? Nun, Gerd hatte ihm
gewiß gesagt, daß er zur Stadt müßte und die Bestellung mitnehmen
könnte.
Den Platz am Holler See hatte er natürlich gewählt, um es wieder gut
zu machen, daß er sie am letzten Sonntag dort vergeblich hatte warten
lassen.
Sie war überglücklich, schob den Brief in ihren Busen und las die
kurzen Zeilen den Tag über wohl zehnmal. --
Der Sonntag kam und mit ihm ein anhaltender Landregen. Wie mit Mollen
goß es vom Himmel, und es war ein Wetter, daß man keinen Hund zum
Hause hinaus jagen mochte.
Als Leidchen am Nachmittag Frau Marwede fragte, ob sie ein bißchen
ausgehen dürfte, sah diese sie mit maßlos erstaunten Augen an.
»Mädchen, bist du nicht recht klug? Bei ~dem~ Wetter?«
»Gerd hat mir geschrieben, ich muß ... Mein Bräutigam ist da.«
»Ach so, das ist was anderes. Aber sag' ihm, daß er ein andermal
hierherkommt. Dieses dumme Versteckspielen hat jetzt doch keinen Zweck
mehr. Nimm meinem Mann seinen alten Regenschirm mit, er ist größer als
deiner und hält eher etwas aus.«
Es traf sich gut, daß sie an der nächsten Straßenecke auf die
Elektrische stieß, die sie quer durch die Stadt an ihr Ziel brachte.
Und da stand er auch schon, unter einem Regenschirm, an dem das
Wasser in blanken Bächen herunterlief. Sie sprang mit bebenden Füßen
von dem noch nicht ganz haltenden Wagen und eilte, unter Marwedes
Familienschirm geduckt, auf ihn zu.
Der andere Schirm hob sich. Sie prallte zurück.
»Guten Tag, Fräulein Rosenbrock ...«
»Guten Tag ...«
»Wie geht's Ihnen?«
»Oh ... gut ... Wie kommen Sie bei solchem Regen hierher?«
»Was einer sich vorgenommen hat, muß er auch ausführen ... Ich soll
Sie auch vielmals grüßen.«
»Von wem?«
»Von Ihrem Bruder Gerd.«
»Ach so ... Danke.«
»Gehen wir vielleicht ein bißchen im Bürgerpark spazieren?«
»Bei solchem Wetter?«
»Hm, es gibt ja Schutzhütten, und wir könnten auch am Emmasee eine
Tasse Kaffee trinken, oder auf der Meierei, wo Sie am liebsten wollen.«
»Herr Timmermann, mir ist ganz wirr im Kopf ... ich begreif' nicht ...
Ich muß hierbleiben ... ich warte hier auf jemand.«
»Nicht auf mich?«
»Auf Sie?«
»Ja, hat Gerd Ihnen denn nichts davon geschrieben?«
»Daß Sie hierher kommen wollten? Nein ... Ach, nun geht mir ein Licht
auf ... Nichts für ungut, hier liegt ein Mißverständnis vor ... Gerd
ist an allem schuld, da hält gerade die Elektrische, ich will lieber
gleich mit in die Stadt fahren, es tut mir leid, aber es regnet
wirklich schlimm. Adieu!«
Sie hatte den Wagen für sich allein und lief zweimal von einem Ende
bis zum anderen, ehe sie sich niederließ.
Sie ballte die Hand zur Faust. Wenn sie den Bruder hier hätte! Was
hatte der nun wieder für Unfug angerichtet, mit seiner unglücklichen
Sucht, ihr Leben zu bestimmen. Mit den schönen Hoffnungen der letzten
beiden Tage war's also mal wieder nichts gewesen. Morgen wurde es eine
Woche, daß Hermann zu Hause war, und noch hatte er nicht das geringste
Lebenszeichen gegeben. Es mußten sich da doch wohl Schwierigkeiten
erhoben haben.
Die Frage des Schaffners: »Umsteigen?« stellte sie vor die
Entscheidung, wie sie den Nachmittag zubringen sollte. Da die
Elektrische gerade an einem Café vorüberfuhr, das sie früher einige
Male mit Meta Stelljes besucht hatte, stieg sie an der nächsten
Haltestelle aus, ging die kurze Strecke zurück und trat in das noch
ziemlich leere Lokal, wo sie sich in ein Ecksofa warf. Der Kellner,
bei dem sie eine Tasse Kaffee bestellt hatte, stellte auch den Aufsatz
mit allerlei Gebäck vor sie auf das Marmortischchen.
Die Hände im Schoß, grübelte sie dumpf vor sich hin. Nach einer Weile
fing sie auch an zu essen, fast ohne sich dessen bewußt zu werden. Der
Magen, der am Mittag nicht zu seinem Recht gekommen war, ließ sich
jetzt einfach durch die Hände zuführen, was er bedurfte.
Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, das Café füllte sich schnell
mit lustigen Leuten, Männlein und Weiblein, die sich die gute Laune
nicht hatten verregnen lassen. Auf dem Podium in der Mitte fand sich
eine Kapelle zusammen, der sehr jugendliche Direktor trug lange
schwarze Künstlerlocken und nahm sich ungeheuer wichtig.
Als die Musikanten ein ausgelassenes Operettenpotpourri spielten, kam
auf einmal das Gefühl grenzenloser Verlassenheit und Einsamkeit über
sie. Sie hielt es in diesem Getriebe nicht länger aus, klingelte mit
dem Löffelchen den Kellner herbei, zahlte und ging.
Es hatte aufgehört zu regnen. Die Laternen brannten schon, ihr Licht
spiegelte sich in dem feuchten Glanz der Straßen. Die Luft war voll
Regendunst, die tief ziehenden Wolken schienen sich wie unförmige
Säcke dicht über den Häusern hinzuwälzen.
Als sie eine Strecke gegangen war, trafen Glockenklänge ihr Ohr. Sie
ging dem Schall nach und stand bald vor einer hohen alten Kirche mit
bunten erleuchteten Fenstern. Nach kurzem Schwanken trat sie ein.
Vom Widerhall der eigenen Schritte erschreckt, drückte sie sich
schnell in eine der ersten Bänke und hielt Umschau. Die Kronleuchter
strahlten helles Licht aus, in den Wölbungen und Winkeln und auf dem
Altarchor herrschte trotzdem Dämmerung.
Die Orgel setzte voll ein, und sie warf ihre ermattete Seele in das
brausende Meer der Töne. Dann sang sie wacker mit, aus dem Gesangbuch,
das der Kirchendiener ihr überreicht hatte.
Als der Pastor auf der schön geschnitzten Kanzel erschien, wartete
sie, wie sie es von den gottesdienstlichen Feiern in Grünmoor her
gewöhnt war, auf den Bibeltext. Es wurde jedoch keiner verlesen,
was sie nicht wenig befremdete. Dann wartete sie, daß der Herrgott
oder der Herr Christus einmal mit Namen erwähnt werden möchte, aber
vergeblich. Von dem, was der Prediger, unter reichlicher Anwendung
von Goethesprüchen, über Persönlichkeit und Persönlichkeitsbildung
vortrug, verstand sie nicht das mindeste, sodaß sie das Hinhören bald
aufgab und die quälenden Gedanken in ihr wieder die Oberhand gewannen.
Als sie aber die Kirche verließ, grüßte aus einem dämmerigen Winkel
eine vertraute Gestalt, in Stein gebildet, herüber, und das Wort:
»Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid« huschte
wie ein erquickender Lichtstrahl durch ihre im Dunkeln zagende Seele.
Des Abends auf ihrer einsamen Dachkammer fühlte sie plötzlich den
Zwang in sich, in ihrer Sache irgend etwas zu tun. Nach einigem
Hinundherüberlegen erbrach sie den Brief, den sie vor anderthalb
Wochen an ihren Bruder geschrieben hatte, und nachdem sie ihn
gelesen, beschloß sie, einen neuen zu schreiben. Sie schob das
Zierdeckchen auf ihrer Kommode zurück und begann:
Lieber Bruder!
Du hast mir mal wieder einen schönen Streich gespielt. Schreibst mir
da einen Brief, aus dem kein Mensch klug werden kann, ich bin so dumm
und geh hin, und Du schickst mir so mir nichts dir nichts den Lehrer
über den Hals. Er ist dadurch in große Ungelegenheit gekommen, wofür
er sich bei Dir bedanken kann. Hab' ich Dir nicht hundertmal gesagt,
daß ich nichts von ihm wissen will? Warum glaubst Du mir denn nicht?
Kannst Du Dich denn gar nicht daran gewöhnen, daß ich keinen Vormund
mehr brauche?
Ich habe immer gedacht, Du kucktest mal bei mir vor; denn Du kommst in
dieser Zeit doch gewiß oft mit Torf in die Stadt. Aber jetzt, wo Du
'ne Braut hast, bin ich natürlich Nebensache.
Als Du vor fünf Wochen hier warst, wollte ich Dir etwas sagen. Aber
Du hattest keine Zeit und gingst zu früh weg. Weil Du nun gar nicht
kommst, kann ich es Dir meinetwegen ja auch schreiben. Du mußt nämlich
wissen, daß ich auch verlobt bin, und zwar mit Müllers Hermann. Weißt
Du noch, auf dem Freimarkt? Damals habe ich ihn schon gern gehabt; ja,
ich glaub' beinahe, sogar schon in der Schule. Diesen Sommer haben
wir uns zufällig wieder getroffen und verlobt. Die Hochzeit soll noch
vor Weihnachten sein, und ich will Dir auch ehrlich gestehen, daß wir
nicht länger warten dürfen. Nun wirst Du natürlich wieder böse und
fängst an zu schimpfen, und hast ja auch wohl ein bißchen Grund dazu,
und mir ist es selbst nicht ganz recht, wie das alles gekommen ist.
Aber die Liebe ist stark und das Fleisch schwach, und was geschehen
ist, ist nun mal geschehen. Wir sind alle Menschen und fehlen
mannigfaltig. Darum behalt Deine Strafrede man für Dich und sieh
lieber zu, wie Du mir helfen kannst. Du mußt nämlich wissen, daß ich
augenblicklich in ziemlicher Angst und Sorge bin. Hermann ist letzten
Montag nach Hause gereist und wollte gleich am selbigen Abend mit
seinen Eltern sprechen und mir dann sofort schreiben. Aber bis jetzt
ist sein Brief nicht gekommen. Es kann ja sein, daß er irgendwo liegen
geblieben ist, was ich beinah glaube; dann kommt er am Ende morgen
früh, denn heute war nur einmal Bestellung, wegen der Sonntagsruhe.
Es kann aber auch einen anderen Grund haben, nämlich den, daß die
alten Müllers erst noch Sperenzien machen. Hermann sagt freilich,
es hülfe ihnen alles nichts, sie müßten einfach. Aber er nimmt den
Mund manchmal etwas voll. Er ist ein grundguter, treuherziger Mensch,
aber wohl ein bißchen leicht, und nicht ganz so ehrenfest wie Du --
das darf ich ja ruhig schreiben, so lieb ich ihn auch habe. Heute
nachmittag kam mir sogar mal der Gedanke, es wäre nicht unmöglich,
daß nicht er die Eltern, sondern die Eltern ihn herumkriegten. Auf so
dumme Ideen kann der Mensch kommen, wenn er sich allein überlassen
ist, jetzt lache ich natürlich schon wieder darüber. Weißt Du, was ich
mir da nun gedacht habe? Wenn Du mal hingingst und mit ihm sprächest
und ihm den Rücken ein bißchen steif machtest -- ich glaube, das
könnte er brauchen. Du darfst ihn aber ja und ja nicht merken lassen,
daß ich Dich hierum gebeten habe. Daß ich überhaupt schon einmal daran
gedacht habe, er könnte mich sitzen lassen, das darf er um Gottes
willen nicht wissen. Lieber Gerd, nimm's mir nicht übel, daß ich dies
alles ...
Der Bogen war voll, sie las ihn durch, nickte befriedigt, korrigierte
einige Schreibfehler und nahm einen zweiten, auf dem sie fortfuhr:
Dir so schreibe. Aber ich hab' ja sonst keinen als Dich, und wenn
der Mensch in guten Tagen seine besten Freunde auch manchmal gering
achtet, in den bösen erkennt er, was er an ihnen hat. Du brauchst vor
Hermann gar nicht bange zu sein, er trägt Dir nichts nach, er hat
immer anständig von Dir gesprochen und hält große Stücke auf Deinen
Charakter. Überhaupt ist er ein lieber Mensch, und ihr müßt noch mal
dicke Freunde werden, eher laß ich Euch beiden keine Ruhe. Wenn Du
mir den Gefallen tust, werd ich Dir in alle Ewigkeit dankbar sein.
Wir sind hoffentlich bald Nachbarn, und dann wird sich wohl eine
Gelegenheit finden, das wieder gut zu machen. Ich habe neulich schon
einen Brief geschrieben, hab' ihn aber nicht abgeschickt. Denk' Dir,
ich hatte auf einmal Angst vor Dir. Ist das nicht komisch, Angst zu
haben vor einem so lieben Bruder, wie Du bist? Aber in der Einsamkeit
kommt der Mensch leicht auf allerhand dumme Grappen. Du sollst den
ersten Brief auch haben, ich lege ihn bei, wenn ich dann auch zwanzig
Pfennig aufbacken muß. Heute nachmittag bin ich auch mal in der
Kirche gewesen, es war da sonst sehr schön, aber sie predigen hier zu
hochstudiert, und unsereins hat nicht ganz viel davon. Ich freue mich,
wenn ich erst in Grünmoor wieder hin kann, denn es gehört doch so 'n
bißchen mit dazu, wir werden wohl meistens fahren, und Du und Sine
könnt dann mit aufsteigen. Grüße Hermann herzlich von mir und schilt
ihn aus, daß er mir noch nicht geschrieben hat, aber mach's auch nicht
zu schlimm. Und dann komm bald mal vor, daß wir mal vernünftig über
alles sprechen können. Mit Dir kann man doch immer noch am meisten
anfangen.