»Na?«
»Dir mal'n Kuß geben.«
»Aber Deern!«
»Magst du keinen?« Sie spitzte das Mündchen ganz allerliebst.
»Oh ...«
Dreimal drückten sich ihre warmen roten Lippen auf die seinen.
»Deern, Deern, was kannst du küssen!« rief er lachend, indem er sich
ihrer Umarmung entwand und mit dem Handrücken über den Mund wischte.
»Schade, daß ich Timmermann keine Probe davon mitnehmen kann. Ich
glaube, der käm' gleich morgen angereist und holte sich mehr von der
Sorte.«
»Hohoho, der kann sich auf den Kopf stellen, er kriegt doch keinen.«
»Das wollen wir ruhig abwarten ... Na, Leidchen, ich freu' mich, daß
du so fein auf dem Damm bist. Denn bleib' schön munter, adjüs!«
»Wart', ich geh ein paar Schritt mit dir.« Und schon hatte sie die
Küchenschürze abgeworfen.
Als sie auf der Straße waren, fragte Leidchen: »Weißt du keinen guten
Platz für mich zum Herbst? In unserm Dorf oder auf der Nachbarschaft,
das ist einerlei.«
Er blieb stehen und fragte verwundert: »Was? Du willst hier wieder
weg?«
»Ja,« sagte sie, »es gefällt mir auf dem Lande doch ebensogut.«
»Siehst du? Hab' ich dir das nicht gleich gesagt?« triumphierte er.
»Aber zum Winter? ... Das wird schwer halten, hm. Halt, auf der Mühle
suchen sie ein Mädchen in der Zeitung. Willst du da hin?«
Sie machte ein bestürztes Gesicht. »Nee,« sagte sie kurz.
»Das wollt' ich dir auch nicht raten. Kein Mädchen hält es da lange
aus.«
»Ist die Frau wirklich so schlimm?«
»Allzusammen sind sie dem Teufel aus der Kiepe gesprungen. Im Herbst
kommt auch Hermann wieder nach Haus, der jetzt Hauptmannsbursche ist,
in Spandau.«
»Wir sind hier an der Ecke,« sagte Leidchen hastig, »ich muß machen,
daß ich wieder in die Küche komme.«
Sie gab ihm eilig die Hand und wandte sich zum Gehen. Indem sie
langsam dem Hause zuschritt, suchte sie eines unangenehmen Gefühles
Herr zu werden. Als sie wieder in der Küche anlangte, war ihr das
auch schon gelungen. Sie hielt die beiden Arme gestreckt vor sich,
und in ihr jubelte es: An jeder Hand einen Freiersmann! Und was für
welche! Den gebildetsten jungen Mann im Dorf, und den schmucksten und
reichsten dazu. Wenn Meta Stelljes davon eine Ahnung hätte! Die mit
ihrem Hilfsbremser! Und die Freundinnen zu Hause!
Den ganzen Tag war sie vor Freude rein närrisch. Erst gegen Abend kam
eine ruhigere, besinnlichere Stimmung über sie. »Wer die Wahl hat,«
dachte sie, »hat die Qual.«
Von jeher waren die Rosenbrocks gute Rechner gewesen, und auch
Leidchen hatte davon ihr Teil bekommen, wenn auch nicht ein so großes,
wie ihr Bruder. So fing sie denn, als die Tagesarbeit getan und es
stiller in ihr geworden war, an zu rechnen.
Lehrerfrau zu werden ... der Gedanke hatte viel Verlockendes. Daheim
in ihrem Dorf war sicher kein Mädchen, das da nicht mit beiden Händen
zugegriffen hätte. Das Haus war neu und groß. Noch heute schalten die
Bauern, so teuer zu bauen wär' gar nicht nötig gewesen, und stöhnten
über die Höhe der Schulsteuer, die infolge des Neubaues auf 250
Prozent der Staatssteuern, einschließlich der fingierten, gestiegen
war. In solchem Hause zu wohnen und als Frau zu schalten, das war
gewiß nichts Geringes.
Aber die Mühle war auch nicht zu verachten. Sie hatte drei
Mahlgänge und galt als eine der stärksten im ganzen Moor. Leidchen
erinnerte sich, wenn sie als Kind mit der Karre einen Sack Mehl oder
Gerstenschrot holen mußte, wie sie da verwundert und ein bißchen
ängstlich zu den fauchend herumsausenden Flügeln aufgeschaut und
drinnen sich die Ohren zugehalten hatte vor dem tollen Geklapper, das
der weißbepuderte Mann gelassen regierte wie ein Kinderspielzeug. Und
das Wohnhaus war wohl altmodisch, noch mit Strohdach, aber doch das
stattlichste Gebäude im ganzen Dorf, und hatte gewiß wunderschöne,
große Zimmer ...
Bei Gastereien wurde die Lehrersfrau stets ins Sofa genötigt. Und die
Müllersfrau? Nun, die jetzige ließ sich selten sehen, weil sie den
Geestbauernstolz gegenüber den Moorleuten nicht überwinden konnte.
Wenn eine aber war, wie sich's gehörte, ehrte man sie gewiß nicht
weniger als die Schulmeisterin ... Was würden die Leute für Augen
machen, wenn eine aus ihrem Dorf als junge Frau auf der Mühle Einzug
hielte! Das war nicht geschehen, solange Mühle und Dorf standen.
Die Müller wollten immer mehr sein als andere Leute und holten
sich die Frauen von anderen Mühlen oder aus den reichen Geest- und
Wiesendörfern ...
Lehrer Timmermann war ein guter Mensch; schon seine sanften blauen
Augen sagten, daß nichts Arges in ihm wohnte. Sie erinnerte sich jenes
Weihnachtsabends im Schulhause, wo sie alle vier so kindlich vergnügt
gewesen waren. Aber es fiel ihr auch von der Schulzeit her ein, daß er
alles sehr genau nahm. Vielleicht entlief sie, wenn sie ihn nahm, nur
dem einen Schulmeister, um dem anderen in die Hände zu fallen, oder
mußte sich gar, da die beiden fest zusammenhielten, unter zwei ducken
... Wenn sie sich einen Kuß von ihm vorstellte ... da konnte sie
ebensogut ihren Bruder küssen, das kam so ungefähr auf dasselbe heraus.
Dagegen Hermann? ... Das Herz klopfte ihr und das Blut schoß ihr in
die Wangen, wenn sie nur daran dachte, daß er sie einmal in den Arm
nehmen und küssen konnte ...
Plötzlich erschrak sie. Sie hatte eben so fest mit den beiden
gerechnet, aber wollten die sie denn überhaupt?
Nach kurzem Nachdenken glaubte sie des Lehrers sicher zu sein. Wenn
Gerd von der Sache angefangen hatte, so war anzunehmen, daß er sich
irgend etwas hatte merken lassen. Und wenn er auch nur die geringste
Andeutung gemacht hatte, dann war kein Zweifel, daß er sich mit
ernsten Absichten trug.
Dagegen Hermann? ... Der war ein Luftikus und Windbeutel. Was er ihr
gestern Schmeichelhaftes gesagt hatte, das hatten am Ende auch schon
andere von ihm zu hören bekommen. Häuser durfte man auf dessen Wort
nicht bauen. Überhaupt mußte man sich mit einem seiner Art in acht
nehmen ... Aber es hatte doch wieder einen besonderen Reiz, gerade so
einen sich zu gewinnen ...
Einen großen Vorzug hatte das Schulhaus. Dort hatte die junge Frau von
vornherein freie Hand. In der Mühle dagegen bekam sie für die ersten
Jahre gewiß ein böses Tun mit den beiden Alten. Aber was wollten die
schließlich machen, wenn die jungen Leute treu zusammenhielten? Und
war sie denn nicht noch immer mit allen Menschen gut fertig geworden?
Das müßte doch wunderlich zugehen, wenn sie die alten Brummbären nicht
schließlich zahm kriegte. Und ewig lebten die am Ende ja auch nicht ...
Leidchen war entschlossen, einen von den beiden auf jeden Fall sich zu
erobern. Wen? das mußte die Zeit ausweisen.
Frau Marwede war ausgegangen. Sie schlich sich leise in ihren Salon
und stellte sich vor den großen geschliffenen Spiegel. Ja, ihre Augen
hatten einen schönen Glanz, und die Haare einen seidigen Schimmer. Die
Grübchen saßen niedlich in den rosigen Backen, und mit dem kleinen
Finger versuchte sie sie noch zu vertiefen. Sie dachte ihre schlanke
Gestalt in das Himmelblaue hinein und beschloß, Frau Marwede um einen
kleinen Vorschuß auf ihr Gehalt zu bitten, damit sie sich auch noch
einen passenden neuen Hut dazu kaufen könnte.
Als sie sich vom Spiegel abwandte, sah sie auf dem Eckbort, wo die
Nippsachen standen, ein Püppchen lehnen, mit dem die kleine Olga so
oft gespielt hatte. Sie nahm das Ding in den Arm, ließ sich in einen
roten Plüschsessel fallen und weinte blanke Tränen in ihren Schoß. Das
war ihr in dem so plötzlich über sie gekommenen Glück auf einmal ein
seelisches Bedürfnis.
11.
Auf dem Neustadtsbahnhof hielt ein Zug der Großherzoglich
Oldenburgischen Eisenbahn. Alles, was den schönen Sonntagnachmittag im
Wald- und Heidegebiet des Nachbarländchens verleben wollte, strömte
herzu, vereins-, familien- oder paarweise, je nach Lebensumständen
oder Neigungen.
Schon hatte der Mann mit der roten Tasche die Flöte am Munde, da kam
noch ein Pärchen in langen Sätzen über den Bahnsteig dahergesprungen.
»Dritter?«
»Jawohl.«
»Alles besetzt, hier einsteigen!«
Sie warfen sich, einander gegenüber, in die grauen Polster eines
unbesetzten Abteils zweiter Klasse und rangen mit allen Kräften ihrer
Lungen nach Luft, die ihnen beim Dauerlauf knapp geworden war.
Bald war Leidchen so weit, daß sie ihr Spiegelbild im Fenster suchen
und vor ihm ihren neuen Hut -- weißes Stroh mit Klatschmohn --
zurechtrücken konnte.
Dann wandte sie das glühende Gesicht ihrem Gegenüber zu und sagte:
»Mal'n bißchen in der Eisenbahn zu fahren, macht doch wirklich Spaß.«
»Du hast wohl noch nicht ganz oft drin gesessen?« fragte Hermann.
»Es ist heute das erstemal in meinem Leben.«
»Ist ja wohl nicht möglich, Deern!«
»Ganz gewiß. Meta Stelljes wollte immer mal mit mir nach Vegesack,
aber dann ist ihre Verlobung dazwischen gekommen. Oh, kuck mal, wie
die Telegraphendrähte immer auf und ab wogen! Und wie 'r das durch
geht! Wir fahren schneller, als die Krähe da fliegen kann.«
Hermann lächelte über ihre naive Freude und sah ihr verwundert in die
großen braunen Kinderaugen. »Und dabei ist dies noch der gemütlichste
Zug in ganz Deutschland,« sagte er, »er darf nicht schneller, sonst
fährt er die Oldenburger Ochsen und Kühe tot. Weißt du, was die
Buchstaben hier auf der Fensterstrippe zu bedeuten haben?«
»G. O. E.? Nee.«
»Gänzlich ohne Eile.«
»Ach so, dies ist also nur erst ein Bummelzug.«
Die Zielstation, der ein nahes Forsthaus den Namen gegeben hatte, war
unter solcherlei Gesprächen bald erreicht. Zuletzt hatten sie sich
über die Klassenunterschiede auf der Eisenbahn unterhalten, und als
sie ausstiegen, sahen sie nach den Fahrgästen, die aus der dritten
geklettert kamen, mit einiger Geringschätzung, und für die Reisenden
vierter Güte hatten sie überhaupt kein Auge.
Um nicht in die Vereine und Familien hineinzugeraten, schlugen sie
ein schlankes Tempo an. Arm in Arm und im Geschwindschritt ging's die
sonnige Landstraße entlang, Hermann pfiff eine muntere Marschweise.
Erst als ein Fußweg sie nach rechts in einen Buchenforst führte,
wurden sie langsamer.
Das Kind aus dem Lande der Birken legte das Köpfchen in den Nacken und
staunte zu den lichten grünen Hallen des Hochwaldes empor: »Junge,
Junge, hier ist's so schön wie in der Kirche!« »Viel schöner, Deern,
als in der Kirche!« rief er lachend. Als sie von ungefähr einmal zu
Boden blickte, schlug das bewundernde Staunen plötzlich in helles
Entzücken um. Sie bückte sich zu einer Kolonie lieblicher Maiglöckchen
und pflückte ein Sträußchen, das sie dann in zwei Hälften teilte, um
die eine ihrem Begleiter zu überreichen, der die schenkende Hand ein
paar Sekunden mit zärtlichem Druck festhielt.
Der Wald wurde lichter, und an seinem Saum lud eine ländliche
Wirtschaft zum Rasten ein. Das Pärchen setzte sich in eine
Kletterrosenlaube, die über und über mit schwellenden und schon
rot durchschimmernden Knospen bedeckt war, und bald stand eine
Portionskanne Kaffee nebst einem Teller mit dreierlei Kuchen vor ihnen
auf dem Tisch. Leidchen hatte zu Mittag vor freudiger Erwartung nicht
viel essen können, aber jetzt langte sie wacker zu. Ihr Begleiter, der
ihr die besten und zuckerigsten Stücke überließ, erzählte dazu eine
lustige Geschichte nach der anderen, daß sie immer wieder mit Essen
innehalten und sich erst mal auslachen mußte.
Bald wurde es in dem nahen Walde lebendig, und der Garten füllte sich
schnell mit Ausflüglern, die großen Kaffeedurst und viel Spektakel
mitbrachten. Die Rosenlaube erschien einer kinderreichen Familie
begehrenswert, deren stattlich dicke Mutter den im Wege sitzenden
jungen Leuten aus puterrot erhitztem Gesicht einen feindseligen Blick
zuwarf, wie die Gluckhenne den jungen Hähnen und Hühnern, wenn sie für
ihre Brut Platz schaffen will. Bald waren die beiden fest eingekeilt,
und verschiedene Backfische und Bengels machten ein Gesicht, als ob
sie sagen wollten: »Habt ihr unsere Mama nicht verstanden?«
»Ich glaube, die Herrschaften sind lieber unter sich,« sagte Hermann
denn auch bald, zahlte und bot Leidchen den Arm.
Sie folgten einer Landstraße, die durch Korn- und Kartoffelfelder in
der Richtung auf eine mit jungen forstlichen Anlagen bedeckte Höhe
führte. Diese stiegen sie auf einem Fußpfad hinan, bis eine mächtige
vorgeschichtliche Steinsetzung, von einer sturmzerzausten Eiche
überragt, vor ihnen lag.
Mit gewandtem Sprung hob Hermann sich auf die riesige Deckplatte, um
dann auch seiner Begleiterin hinauf zu helfen.
Vom Rand des Steines bot sich ein freier Blick weit ins Land hinaus.
Im Vordergrunde leuchtete die Junipracht üppiger Felder, über denen
die Lerchen sangen. Um sie legte sich ein Kranz heller Buchen- und
dunkler Nadelwälder, hinter diesen verdämmerte die unbestimmte Ferne.
Es war angenehm sommerlich warm.
»Oh,« rief Leidchen, der die Augen weit wurden, »wie lange hab' ich
so was nicht mehr gesehen! Wir hatten zu Hause auf unserm Moor eine
Föhre, von der konnte man auch so weit ins Land kucken.«
Eine Weile standen sie schweigend und freuten sich der schönen
Aussicht. Dann legte er leise die Hand um ihre Hüfte. Bald zog er sie
fester an sich und küßte sie.
Mit geschlossenen Augen lag sie ein Weilchen still an seiner Brust.
Als ein leises Erbeben über ihren Körper lief, wurde er stürmischer,
und sie schlug die Arme um ihn und erwiderte seine Küsse mit
Leidenschaft.
Aber plötzlich riß sie sich gewaltsam los, wich zurück und sah ihn mit
großen, starren Augen an.
Er wollte sie aufs neue umarmen. Da sprang sie von der Steinplatte zur
Erde.