Er zuckte die Achseln: »Ich kenne die Welt.«

Nach einer Weile sah sie ihm neugierig und schalkhaft in die Augen.

»Du! Sag' mal, denkst du denn eigentlich noch gar nicht ans Heiraten?«

Er machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung: »Erst will

ich ordentlich was hinter mich bringen ... Bei uns im Moor wird

durchschnittlich viel zu früh geheiratet.«

»Mensch, schnack doch nicht so gräßlich weise!« rief sie lachend.

»Neulich,« fuhr er fort, »wurde wieder mal so'n Paar aufgeboten.

Er achtzehn Jahr, muß nächstes Jahr zum erstenmal zur Musterung.

Der Vorsteher hat's erst nach dem Minister wegschreiben müssen. Sie

fünfundzwanzig. Und was hatte er? Ein Rad. Und sie? Auch ein Rad.

Und sie fuhren hin und verkloppten die Dinger. Da langte es eben, daß

sie sich ein Bett kaufen konnten, alles andere mußten sie auf Borg

nehmen. Wenn er dann später beim Kommiß schwitzen muß, sitzt sie da

mit zwei oder drei Kindern, und zu etwas bringen kann's es niemals,

so'n Prachervolk!«

»Ach Gerd, du darfst in solchen Dingen nicht so hart sein. Wenn die

beiden sich wirklich liebhaben ...«

»Ich danke für solche Liebe. Nach der Tanzmusik, als er halb dun war,

hat sie ihn mitgeschleppt. Bezahlen kann er nicht, so mußte er das

Mensch heiraten.«

Eine Zeitlang schwiegen sie. Dann sagte Gerd, geheimnisvoll lächelnd:

»Ich hab' auch noch einen Gruß für dich. Rat' mal, von wem?«

Nachdem sie einige Male vergeblich hin und her geraten hatte, kam er

selbst damit heraus: »Von Lehrer Timmermann.«

»Ach so ... Danke.«

»Denkst du dir gar nichts dabei?« fragte er lächelnd.

»Was soll ich mir groß dabei denken?« fragte sie gleichgültig zurück.

»Och, ich meinte man ... Soll ich ihn wieder grüßen?«

»Das kann ich dir nicht verbieten.«

»So'n bißchen von Herzen? ...«

Sie hielt plötzlich im Kartoffelschälen inne, sah ihn groß an und rief

lachend: »Junge, hat er dich wohl als Freiwerber geschickt?«

Gerd schlug sich die Mütze, die er bislang zwischen den Händen gedreht

hatte, über das rechte Knie und sagte ärgerlich: »Deern, du bist wohl

nicht recht klug.«

Sie weidete sich an seiner Verlegenheit und lachte ihm lustig ins

Gesicht.

Auf einmal richtete er sich auf und sagte, sie voll ansehend, mit

ernsthaftem Gesicht: »Leidchen ... laß uns da vernünftig über

sprechen. Wenn Timmermann dich nähme ...«

»Pah! Fragt sich, ob ich ihn will.«

»Aber Leidchen!«

»Aber Gerd, du hast ja eben noch gesagt, wir sollten nicht so früh ans

Heiraten denken.«

»Oh ...« sagte er gedehnt, »mit euch Mädchen ist das was anderes. Ihr

seid leicht alt genug, und es ist gut, wenn ihr einem erst anständig

unter den Füßen weg seid.«

»Kuck' einer an! So'n alter Pharisäer!«

»Nein, Leidchen, wir wollen ernst bleiben. Was so'n Lehrer ist, der

hat sein Festes. Ich glaub', unserer kriegt jetzt beinah' schon

tausend Mark, und kommt wohl bis aufs doppelte. Bedenk' doch bloß,

Leidchen: Was für'n Haufen Geld! Und das schöne neue Haus mit Garten,

und fünfzehn Morgen Land, und ein Tagwerk Grünland. Da könnt ihr euch

ordentlich ausarbeiten, und zwei Kühe halten, und ein halb Dutzend

Schweine zum Verkauf fett machen.«

»Und wenn ich die Kühe gemolken und die Schweine gefüttert habe, kann

ich in seinen dicken Büchern lesen ...«

»Ja ... das auch ...«

»Ujeh«

»Wa--as?«

»Gerd, ich will dir mal was sagen, zu solch einem Leben bin ich nicht

gemacht. Von dem vielen Lesen und Studieren wird einer ganz dwatsch im

Kopf.«

»Wer hat dir denn das vorgeschnackt?«

Über ihre Wangen flog eine leichte Röte: »Das hab' ich an mir selbst

ausprobiert. Ich habe nämlich diesen Winter auch viel zu viel gelesen.

Es waren ja alles ganz schöne Geschichten, aber auf die Dauer bekommt

es doch nicht gut. Ich glaube, was die Bücherschreiber sind, die lügen

alle zusammen.«

»Leidchen, Leidchen, wie schnackst du da nun wieder hin!« sagte

er kopfschüttelnd. »Was ist bloß mit dir los? Du bist heute so

wunderlich, so aufgeregt und übermütig ... Sag' mal, du hast in der

Schule doch auch Schillers Glocke gelernt.«

Mit dem Pantoffel taktierend begann sie:

»Festgemauert in der Erden

Steht die Form, aus Lehm gebrannt.«

»Halt!« rief er, »du sollst mir das ganze Ding nicht herunterbeten.

Ich mein' die Worte: ›Das ist's ja, was den Menschen zieret‹.«

Sie fiel ein:

»Und dazu ward ihm der Verstand,

Daß er im innern Herzen spüret,

Was er erschafft mit seiner Hand.«

»Siehst du, Leidchen, das ist's. Es ist 'ne traurige Sache, wenn einer

durch das Leben bloß so hindusselt und hindöst, wie bei uns auf dem

Lande die meisten noch tun. Das Leben wird viel schöner, wenn einer

anfängt, so'n bißchen nachzudenken, und wenn er dann seine Arbeit

nicht einfach so tut, wie er's anderen Leuten abgekuckt hat, sondern

mit eigenen Gedanken, und nicht bloß mit der Hand, sondern auch mit

dem Kopf und dem Herzen. Soweit bin ich jetzt, und Timmermann hat mir

ein bißchen mit dazu geholfen ... Also ich soll ihn herzlich von dir

wieder grüßen. Und wenn er eines Tages kommt und bei dir anfragt --

ich weiß ja noch gar nichts Bestimmtes, hab' nur so meine Ahnung --

dann sagst du in Gottes Namen fröhlich ja. Nicht wahr?«

»Ich kann mir den Fall ja überlegen. ›Drum prüfe, wer sich ewig

bindet,‹ sagt Schiller ja auch wohl, ›ob sich nicht noch was Bess'res

findet.‹«

»Leidchen, Leidchen, du bist jetzt achtzehn Jahr und mußt bald

wirklich ein bißchen ernster werden. Es heißt doch, ›ob sich das Herz

zum Herzen findet‹. Und ich bin fest überzeugt, es gibt keine zwei

Herzen, die so gut zueinander passen.«

»So--o? Na ja, die Hauptsache ist ja auch, daß du das erst mal weißt

...«

»Was ich noch fragen wollte: hast du schon eine Freundin wieder für

Meta Stelljes?«

»Was brauch' ich 'ne Freundin, wenn ich auch ~so~ vergnügt bin?«

»Nein, Leidchen, es ist besser.«

»Na, denn sei man ruhig, hier auf der Nachbarschaft ist ein Fräulein

von meinem Alter, ich kann ja mal sehen, ob ich mit der etwas in Gang

komme.«

»Das tu bitte, das heißt natürlich, wenn es ein ordentliches Mädchen

ist. Ich bin dann ruhiger.«

»Willst du nicht lieber selbst hier bleiben und aufpassen?«

»Dumme Deern, heut' ist überhaupt nicht vernünftig mit dir zu

sprechen.«

Er war aufgestanden. Sie warf die letzte Kartoffel in den Wassereimer,

daß die Tropfen hoch aufspritzten, und erhob sich ebenfalls. In voller

Jugendblüte prangend, stand sie vor ihm, er mußte sie still verwundert

ansehen.

»Was kuckst du, Junge?«

»Darf ich dich nicht ankucken?«

Geschwister Rosenbrock · 第 11 / 34 题