Er zuckte die Achseln.
»Weißt du das Neueste?«
Er verriet nicht das geringste Interesse, es zu erfahren.
»Georg Marwede, der in der Bremer Neustadt das große Milchgeschäft
hat, ist heute hier gewesen und hat auf unsere Rotbunte gehandelt.«
»Hm.«
»Aber Jan ist nicht eins mit ihm geworden.«
»Hm.«
»Aber ich bin mit ihm eins geworden.«
»Diese Sülze schmeckt gut.«
Sie sah verwundert zu ihm hinüber, der mit vollen Backen kaute.
»Du sollst dich wundern! ... Ich hab' mich ihm nämlich auf den Herbst
als Fräulein für die Küche und die Kinder vermietet.«
»So ...«
»Nicht wahr, darüber freust du dich doch auch?«
»Mir ist das alles eins. Meinetwegen hättest du dich auch nach Hamburg
oder Berlin vermieten können.«
Leidchen hatte das Gefühl einer großen Enttäuschung. Als am Vormittag
der Bremer Milchmann, zuerst im Scherz, ihr die Stelle in seinem
Hause angeboten hatte, war ihr erster Gedanke gewesen, das wäre eine
gute Gelegenheit, Gerd einmal recht tüchtig zu ärgern. Den ganzen Tag
hatte sie sich dann auf den Augenblick gefreut, wo sie ihn mit der
unangenehmen Neuigkeit überraschen könnte. Und nun nahm der Mensch das
so auf!
Sie glaubte noch immer, er heuchle nur Gleichgültigkeit und müsse
gleich auf die Angelegenheit zurückkommen. Aber er nahm sich noch ein
Stück Sülze, aß und schwieg.
Da erschrak sie vor der plötzlichen Erkenntnis, wie weit sie und ihr
Bruder auseinander gekommen waren. Das hatte sie ja gar nicht gewollt.
Sie hatte ihn für die Störung ihrer Geburtstagsfeier bestrafen und
sich bei dieser Gelegenheit größere Freiheit erringen wollen, aber
nie daran gedacht, ihn ernstlich von sich zu stoßen. Denn wenn er ihr
auch manchmal unbequem war, eigentlich war sie dem so treu um sie
besorgten Bruder doch stets in schwesterlicher Liebe zugetan gewesen.
Im Grunde war es ihr auch recht, daß er anders war als die übrigen,
daß er anderen Umgang und andere Erholung suchte als Jakob Kück und
Krischan Wedderkopp.
Gerd war mit seinem Vesperbrot fertig und stemmte die Hände auf den
Tisch, um sich zu erheben, als Leidchen auf einmal fragte: »Bist du
noch immer böse auf mich?«
»Du gehst deinen Weg, ich geh' meinen,« sagte er trocken. »Schiedlich,
friedlich, dabei stehen wir uns beide am besten.«
»Nein, Gerd, nein! Das halt' ich nicht länger aus. Bitte, sei wieder
gut mit mir!«
Sie streckte ihm bittend die Hand über den Tisch entgegen. Einen
Augenblick zögerte er, dann nahm er sie, indem er befreit aufatmete,
sie mit frohen Augen ansah und freudig bewegt rief: »Leidchen, glaub'
mir, mir ist es auch lieber so.«
»Was meinst du zu der Stelle, die ich angenommen habe?« fragte sie,
vor Ungeduld brennend, die Rede auf das zu bringen, was sie den Tag
über beschäftigt hatte.
»Hm. Wieviel Lohn gibt's?«
»Lohn nicht, aber etwas Gehalt.«
»Der Name tut nichts zur Sache. Wieviel?«
»Für den Anfang fünfundzwanzig Taler.«
»Deern, du bist wohl nicht recht bei Trost! Hier bist du bald nach
fünfzig hin, und gehst in die Stadt für fünfundzwanzig?«
»Dafür bin ich aber auch Fräulein.«
Er zuckte verächtlich mit den Achseln.
»Ich esse mit der Herrschaft am Tisch ...«
»Das heißt, du kannst ihre Krabben füttern und ihnen die Schnäbel
abwischen.«
»Und für die groben Arbeiten wird ein Dienstmädchen gehalten.«
»Ach so, du bist auf einmal zu fein, den Besen in die Hand zu nehmen.«
»Kuck', nun fängst du schon wieder an!«
»Was sagen denn Jan und Trina dazu?«
»Die wollen mich zum Herbst ganz gern ziehen lassen. Sie können es ja
genug mit einem kleinen Mädchen für weniger Lohn tun.«
»Ach, Leidchen, hättest du mich doch vorher gefragt! Wir kennen die
Leute ja gar nicht. Ich hätte mich mal in der Stadt nach ihnen umhören
können ... Läßt sich die Sache nicht noch rückgängig machen?«
»Nein, ich habe den Mietstaler schon angenommen.«
Gerd sah bekümmert und ratlos vor sich hin. Aber plötzlich schlug er
mit der Faust auf den Tisch und rief erfreut: »Daß ich daran nicht
gleich gedacht habe! Deern, du bist noch nicht volljährig. Wenn dein
Vormund nein sagt, gilt der Taler nicht. Sonntag nachmittag geh' ich
hin und bringe die Sache in Ordnung.«
»Du kannst mich mitnehmen,« sagte Leidchen, »und dann überlegen wir
drei uns das mal ganz vernünftig. Du magst recht haben, ich hab'
die Sache etwas übers Knie gebrochen ... Ich will mich auch noch mal
besinnen ...«
* * * * *
Kord Rosenbrock war der älteste Sohn des Rosenbrockschen Hauses
gewesen, hatte aber das väterliche Erbe seinem Bruder Jan
überlassen und mit einer kinderlosen Witwe eine achtzig Morgen
große hypothekenfreie Stelle in Tunkendorf auf der Südseite des
Kirchspiels erheiratet. Da die Ehe kinderlos geblieben war, hatte
er sich bald gesagt, es würde eine Dummheit sein, sich für seiner
Frau Schwesterkinder abzurackern. So schonte er denn das Torfmoor
für kommende Geschlechter und ließ das Schiff im Graben verfaulen.
Ein Paar glatter Dänen nebst Kutschwagen, sowie die Pachtung der
Dorfjagd kostete allerhand Geld, aber das von seinen Vorwesern tüchtig
heraufgearbeitete Besitztum konnte schon einige Hypotheken tragen. Ein
stattlicher Vollbart und ein rundliches Bäuchlein unterschieden den
Mann außerdem noch von den meist glatt rasierten und hager sehnigen
Männern des Landes. Sein Stolz aber war die ausgedehnte Rechtskunde,
die er sich aus Gesetzsammlungen und volkstümlichen Kommentaren
zusammengelesen hatte. Um sie auch praktisch zu verwerten, hatte er
meistens ein Prozeßchen in Gang, wozu die etwas verwickelten Stau- und
Rieselrechtsverhältnisse von Tunkendorf bequeme Gelegenheit boten.
Gerd und Leidchen, die am Sonntag vormittag in Grünmoor die Kirche
besucht hatten, kamen gerade zur rechten Zeit an. Sie fanden Onkel
und Tante bei der angenehmen Beschäftigung, einen sauber gespickten
und hübsch braun gebratenen Moorhasen zu verzehren, und wurden
eingeladen, mitzuhalten.
Nach der Mahlzeit, während Tante Beta den Tisch abräumte, lehnte Onkel
Cord sich im Sofa zurück, faltete die Hände über dem Magen und fragte:
»Na, Kinder, was führt euch denn her?«
»Wir kommen in Vormundschaftssachen,« sagte Gerd. »Es handelt sich um
Leidchen.«
Der Vormund betrachtete sein schmuckes Mündel mit Wohlgefallen: »Was
ist denn mit dir, Kind? Du willst doch nicht schon heiraten? Ich
könnte mir denken, daß sich bald einer fände, der dazu Lust hätte.«
Leidchen schüttelte lächelnd den Kopf. Gerd aber runzelte die Stirn
und sagte: »Es handelt sich um eine ernste Sache. Das Mädchen hat
sich leichtsinnig nach Bremen vermietet und mich vorher nicht einmal
gefragt.«
»Dazu ist sie nach den Gesetzen auch nicht verpflichtet,« erklärte der
Onkel.
»Aber Euch als Vormund hat sie auch nicht gefragt,« rief Gerd,
ärgerlich über dessen Weise, die Angelegenheit zu behandeln.
»Ich denke, dazu ist sie jetzt eben gekommen,« versetzte Cord
Rosenbrock, dem hitzige Menschen unangenehm waren, die Daumen
umeinander drehend. »Na, Deern, warum möchtest du denn gern nach der
Stadt?«
Leidchen war um Gründe nicht verlegen. Sie wollte sich gern mal
verändern, bei der Schwägerin könne sie doch nichts mehr lernen. Sie
möchte auch versuchen, wie ihr die feine Arbeit gefiele. Denn ob sie
Lust hätte, das ganze Leben Torf zu backen, das stünde noch dahin.
Der Vormund nickte und meinte, das ließe sich hören. Die Rosenbrocks,
die von dem großen Geesthof Trommsloh stammten, hätten von jeher in
die Höhe gestrebt, weshalb er selbst zum Beispiel es auch zu einem
Hof gebracht habe, der doppelt so viel wert sei, als seine väterliche
Stelle in Brunsode. »Es freut mich,« schloß er, »daß dieser Trieb auch
in dir ist. Und was hast du dagegen, Gerd?«
»Erstens mal,« begann dieser mit verhaltenem Zorn, »ist es eine
Schande, wenn ein so großes, starkes Mädchen nicht mehr verdient als
fünfundzwanzig Taler. Fürs Vorwärtskommen bin ich ganz gewiß auch.
Aber dazu gehört nicht, daß unsereins den feinen Herrn spielt und so'
ne dumme Deern sich Fräulein nennt. Was die richtigen Fräuleins sind,
die machen sich ja doch bloß über so eine lustig. Was Leidchen fürs
Leben braucht, das kann sie hier auf dem Lande genug lernen, wenn sie
nur die Augen aufmacht. Wenn sie nach Bremen ginge, könnte ich keine
ruhige Stunde mehr haben. Denn sie ist wohl von Herzen gut, aber ein
bißchen leicht. Ihr lacht, Onkel? Da ist wirklich nichts zu lachen!
Ihr habt Euch die Vormundschaft ziemlich leicht gemacht, und wir beide
haben uns selbst geholfen. Aber in dieser Sache müßt Ihr mal zum
Rechten sehen, und ich bitte Euch, sprecht ein strammes Nein!«
Cord Rosenbrock hatte sich aus der behaglichen Lässigkeit eines
Mannes, dem es gut geschmeckt hat, aufgerafft und sah den mit großem
Ernst und Nachdruck sprechenden Brudersohn aus weiten, runden Augen
an. Als der fertig war, holte er Atem, um ihm geziemend zu antworten.
Aber plötzlich fiel ihm ein, daß er gleich sein Mittagsschläfchen
halten wollte, und daß Erregung des Gemüts diesem nicht zuträglich
zu sein pflegte. So wandte er sich lieber an Leidchen und sagte: »Du
arme Deern, was hast du wohl unter solch einem Obervormund zu leiden
gehabt! Ich verlange jetzt, daß du die Stelle in Bremen annimmst, und
spreche dich ein für allemal von Gerds angemaßter Vormundschaft frei.«
Gerd saß starr und steif und blickte unter gesträubten Augenbrauen
weg den Onkel feindselig an. »Angemaßt,« sagte er mit dumpfer Stimme,
»habe ich mir gar nichts. Was ich für Leidchen getan habe, das hab'
ich ihrer Mutter auf dem Sterbebett geloben müssen.«
Onkel Cord hob die Beine auf das Sofa und sagte, er müßte nun
schlafen. Wenn sie wollten, könnten sie sich noch etwas in Haus und
Hof umsehen. Gerd aber drängte zum Aufbruch, und Leidchen erhob keinen
Widerspruch.
Sie gingen auf dem Rückweg stumm nebeneinander her, indem er an seinem
Ärger würgte und sie im stillen ihren Triumph auskostete.
Am nächsten Tag traf Gerd zufällig Herrn Timmermann, der nach der
Schule mit seinem Hündchen auf dem Damm spazierte, um die Abendröte zu
genießen, und sie gingen eine Strecke miteinander.
Nachdem sie eine Weile über dies und das gesprochen hatten, faßte er
sich Mut und schüttete sein Herz aus.
Er hoffte natürlich, der Lehrer würde seine Partei ergreifen. Aber
darin irrte er sich sehr. Der Mann schalt ihn einen Schwarzseher,
sprach seine Freude über Leidchens Entschluß aus und meinte, ein
bißchen Umlernen würde ihr sehr gut tun. Er hätte eigentlich schon
immer dazu raten wollen.
»Aber sie hätte mich doch wenigstens fragen können,« versetzte Gerd
enttäuscht.
»Vielleicht wäre dann nichts daraus geworden,« sagte der andere
lächelnd.
»Ich finde das undankbar von ihr, eine so wichtige Sache hinter meinem
Rücken abzumachen.«
»So recht dankbar,« meinte der Lehrer nachdenklich, »möcht' ich
beinah' glauben, ist die liebe Jugend nie. Wenn ich meinen früheren
Schülern, an denen ich jahrelang mein Bestes getan habe, mal wieder
begegne, sehen sie mich meist fremd und mißtrauisch, ja nicht selten
feindselig an. Soll ich deshalb mein Angesicht verhüllen und über die
Undankbarkeit der Welt jammern? Ich meine, ein anständiger Mensch soll
überhaupt nicht nach Lohn und Dank schielen, sondern seine Pflicht tun
... Aufrichtig gesagt, Gerd, im Grunde freue ich mich, daß Leidchen
Ihnen aus der Schule laufen will. Denn -- nehmen Sie mir das nicht
übel -- Sie haben reichlich viel vom Schulmeister Ihrer Schwester
gegenüber.«
»Was?«
»Wenn ein Schulmeister Ihnen das sogar sagt, können Sie's ruhig
glauben. Und gerade für Leidchen, glaub' ich, ist das nicht gut. Es
gibt Kinder, die dumme Streiche nicht aus Schlechtigkeit machen,
sondern um ihren Lehrer mal tüchtig zu ärgern. Und das sind meist
nicht die schlechtesten!«
»Also Sie meinen, ich soll sie ruhig ziehen lassen?«
»Ja, was denn sonst?«
»Aber es hat doch gar keinen Zweck für eine, die ihr Leben durch Torf
backen soll.«
»Können Sie wissen, wie das Leben Ihrer Schwester sich einmal
gestalten wird?«
Als die beiden sich getrennt hatten und Gerd eine Strecke in Gedanken
dahingeschritten war, blieb er auf einmal stehen und legte den
Zeigefinger lang an die Nase.
Hm hm. Der Mann hatte ihn vorhin so wunderlich angesehen, und hatte
schon länger raten wollen, Leidchen mal in die Stadt zu geben? Sollte
er vielleicht seine Gründe dazu haben?
Zum Kuckuck! Das wäre eine feine Sache, wenn Leidchen mal im
Schulhause unterkommen könnte, bei einem Mann, wie er ihn sich besser
ja gar nicht zum Schwager wünschen konnte. Und warum sollte das nicht
möglich sein? Eine Deern, wie Leidchen? Da hatten doch schon ganz
andere ihr Glück mit einem Lehrer gemacht ...
Ja! Dann lag die Sache freilich anders! Dann war's ja ein Glück, daß
Leidchen im Herbst erst mal nach Bremen ging. Denn direkt aus der
Torfkuhle holte so'n Lehrer sich die Frau am Ende doch nicht gern ...
Als Gerd nach Hause kam, zeigte er seiner Schwester ein sehr
vergnügtes Gesicht. Bei nächster Gelegenheit kaufte er ihr von einem
Hausierer ein hübsches Schultertuch, und ohne sich aufzudrängen,
pflegte er doch die Freundschaft mit dem Schulhause nach Möglichkeit.
* * * * *
Da Gerd seine Erzieherneigungen fortan möglichst im Zaum hielt und
Leidchen ihm auch wenig Anlaß gab, sie zu betätigen, lebten und
arbeiteten die Geschwister den Frühling und Sommer über in hübscher
Eintracht.
Als der September ins Land kam, meinte sie einmal, es wäre schade,
daß er nicht immer so nett mit ihr gewesen wie die letzte Zeit; sie
hätte sonst ebensogut in Brunsode bleiben können. Aber er schüttelte
bedeutungsvoll den Kopf und sagte: »Leidchen, ich glaube doch, es ist
besser, daß du dich erst mal in anderen Verhältnissen umkuckst. Man
kann ja auch gar nicht wissen, was der liebe Gott noch alles mit dir
im Sinn hat.« Sie sah ihn fragend an. Aber er zuckte die Achseln und
sagte noch einmal: »Man kann nie wissen.«
Anfangs Oktober traf er den kürzlich zur Reserve entlassenen Jan
Monsees, der allerlei zu erzählen wußte, unter anderm auch, Müllers
Hermann wäre Bursche bei einem nach Spandau kommandierten Hauptmann
geworden. Da er gerade eine Zigarre in der Tasche hatte, schenkte er
sie dem Überbringer dieser ihm sehr angenehmen Nachricht.
* * * * *
Es war eine windstille Herbstnacht, als Gerd wieder einmal die
Hamme hinunterfuhr. Sein Schiff war diesmal aber nicht mit Torf
beladen, sondern trug zwanzig Viertel Kartoffeln, einige Weidenkörbe
mit Winteräpfeln und in einer Kommode aus Tannenholz die Habe der
Schwester, die vor kurzem vorn in der Koje sich schlafen gelegt hatte.
Gerd dämmerte in solchen Nächten meist gedankenlos zwischen Schlafen
und Wachen vor sich hin. Es konnte aber auch geschehen, daß er auf
einmal wunderlich wach wurde, wacher, als je am hellichten Tage.
Meist war es irgendeine Geringfügigkeit, die ihn plötzlich in diesen
merkwürdigen Zustand versetzte, eine Sternschnuppe, das Tinkeln
eines Sterns, der Schrei eines Vogels oder dergleichen. Eine solche
Stunde erlebte er auch in dieser Nacht. Er sah den Blechbeschlag von
Leidchens Kommode und den Porzellangriff ihres an dieselbe gelehnten
Regenschirms durch die Dunkelheit schimmern -- und auf einmal begann
sein Geist Pfade der Erinnerung zu wandeln, und die Vergangenheit, um
die er sonst, vom Tag und der Stunde genügend in Atem gehalten, sich
nicht eben viel kümmerte, wurde ihm plötzlich wunderlich lebendig und
gegenwärtig.
Tief aus einem rosafarbenen Steckkissen blinzelt ein rotes
Gesichtchen. Das kleine Ding ist eben auf die Welt gekommen und hat
dem Bruder eine große Tute voll Süßigkeiten mitgebracht.
Er trägt die Zweijährige auf dem Arm, gleitet über einer
Kartoffelschale aus, schützt im Fall seine Pflegebefohlene, daß ihr
nichts geschieht, und schlägt sich selbst an dem scharfen Rand des
Blecheimers eine klaffende Wunde in den Kopf. Er fühlt mit der Hand
nach der linken Schläfe, wo die Narbe heute noch sitzt, und freut sich
ihrer.
Sie stehen beide vor dem Bett der todkranken Mutter, die Hände in
ihrer abgezehrten, fieberheißen ... »Gerd, sie hat sonst keinen als
dich.«
Sie kniet als Konfirmandin vor dem Altar der heimatlichen Kirche,
und er schaut von der Empore in tiefer Bewegung auf sie herab.
Frühlingsglanz flutet durch die Chorfenster herein und liegt warm auf
dem lieben, feinen Gesichte.
Die Tage gemeinsamer Arbeit im Moor und auf den Wiesen werden
lebendig, und die traulichen Winterabende, wo sie wegen fremder
Schicksale, die ihnen aus Büchern auf einmal so nah und gegenwärtig
wurden, miteinander bangten und hofften, sich betrübten und freuten.
Sie steht auf Behnkens Diele unter dem Christbaum und singt, daß die
Menschen mit verwunderten Gesichtern atemlos lauschen. Und der Tanz um
den Christbaum im Schulhause, der Kuß von ihren roten Lippen -- er ist
der einzige geblieben in all den Jahren seit der frühesten Kinderzeit
-- und der stillfrohe Heimweg Arm in Arm durch die Weihnachtsnacht. --
-- --
Merkwürdig, all diese Stunden, in denen ihr Bild mit schimmerte,
waren für ihn zugleich Stunden des Aufatmens vom Druck des Werktags
gewesen; Stunden, wo er das Leben als etwas Großes, Geheimnisvolles,
Heiliges empfunden hatte. Er versuchte, die Schwester aus seinem Leben
wegzudenken. Was da übrigblieb, das wollte ihm kaum wert erscheinen,
gelebt zu werden. Sie hatte ihn durch ihr Wesen, das so ganz anders
war als das seine, ja oft genug geärgert. Aber gerade dies ihr
Wesen, ihre Ursprünglichkeit, ihre unmittelbare Lebendigkeit und
Lebensglut, hatte ihn doch auch immer wieder geweckt und befeuert.
Wenn er sich sagen durfte, daß sein Leben im ganzen doch wohl in
aufsteigender Linie sich bewegte, daß es je länger desto mehr sich
innerlich bereichert hatte, so hatte er das doch wohl in erster Linie
der Schwester zu verdanken ... oder -- ein Stern funkelte über den
Flußlauf und zog seine Gedanken aufwärts -- vielmehr dem, der Mensch
zum Menschen gesellt und mit unsichtbaren Händen die zarten Fäden
zwischen ihnen knüpft ...
So zog es leise, nicht in klarer Gedankenfolge, aber als lebendiges
Gefühl durch seine zu nachtschlafender Zeit seltsam wache und sich auf
ihre Tiefen besinnende Seele. Und daß alles dies, was bislang seines
Lebens wertvollsten Inhalt ausgemacht hatte, nun ein Ende finden
sollte, erfüllte ihn mit schmerzlicher Wehmut, indes das Schiff leise
plätschernd durch die dunkle Nacht seine mattglänzende Bahn zog.
Im Torfhafen angelangt, gab er einem Gelegenheitsarbeiter den Auftrag,
sich einen Handwagen zu leihen und die Kommode in die Stadt zu fahren.
Er selbst ging mit seiner Schwester auf dem Bürgersteig nebenher. Es
war gegen halb neun, als sie ihr Ziel erreichten.
Das Haus des Milchhändlers Marwede befand sich in einer
Geschäftsstraße der »Neustadt«, wie der am linken Weserufer gelegene
Stadtteil heißt, und machte schon von außen einen sauberen Eindruck.
Drinnen aber blitzte alles von Sauberkeit, und die Frau mittleren
Alters, die in dem Laden gleich links vom Eingang hantierte, war
in dem frischgewaschenen rosafarbenen Hauskleid, der blütenweißen
Schürze, und vor allem mit ihrer abgerundeten, strahlenden
Körperlichkeit eine lebendige Reklame für fette Vollmilch und prima
Molkereibutter, wie ein Milchgeschäft in der saubersten aller
deutschen Städte sie sich nicht besser wünschen kann. Sie gab den
Ankömmlingen ihre Hand, eine dicke, weiche, warme Patschhand, sah
Leidchen prüfend ins Gesicht, nickte befriedigt und bat, näher zu
treten.
Als sie die beiden im Zimmer allein ließ, um einen Imbiß zu besorgen,
blickte Leidchen ihren Bruder froh an und sagte: »Die mag ich leiden;
mit der will ich wohl fertig werden.« »Ja,« sagte Gerd, »sie hat ein
gutes Gesicht. Wenn sie bloß nicht zu grausam auf die Reinlichkeit ist
...« »Das schadet nicht,« meinte Leidchen, »Trina ihre Schlurigkeit
habe ich gründlich satt. Ich fühl' mich hier schon bannig wohl.«
Frau Marwede deckte den Tisch, und sie mußten die Butter dick
streichen und den Flottkäse noch dicker drauflegen. »Wir haben das ja
alles im Hause,« sagte die wohlwollend lächelnde Wirtin, die, beide
Hände in die Seiten gestemmt, vor ihnen stand. Nach dem Frühstück
besahen sie Leidchens Kammer und darauf den Kuhstall, den Stolz des
Hauses. »Er entspricht allen Anforderungen der neuzeitlichen Hygiene,«
erklärte die Frau mit Stolz, und Gerd freute sich der fünfzehn sauber
aufgestallten glatten Tiere. »So viel so schöne Beester hab' ich
noch nicht in einem Stall zusammen gesehen,« sagte er in ehrlicher
Bewunderung. Den Hausherrn fand er nicht vor. Er war noch mit dem
Wagen unterwegs, die Stadtkundschaft zu bedienen.
»Na, Frau Marwede,« sagte Gerd plötzlich und unvermittelt, »denn
lernen Sie meine Schwester man gut an, und du, Leidchen, sei folgsam
und ordentlich,« gab beiden die Hand und schritt zum Hause hinaus. Bis
zur nächsten Straßenecke ging er mit einer gewissen Hast, dann setzte
er in seinem gewöhnlichen, vom federnden Moorboden her etwas wiegenden
Schritt seinen Weg fort.
Auf der großen Weserbrücke blieb er eine halbe Minute stehen, sah auf
den breiten, glänzenden Strom hinab und dachte an das Dahinfließen des
menschlichen Lebens.
Als er durch die innere Stadt ging, zog ein Bild im Schaufenster eines
Buchladens seine Aufmerksamkeit an sich. Wogende Kornfelder prangten
im Goldgelb der Reife, und er freute sich des vertrauten Anblicks im
Gewühl der engen Straße.
Nach dem Bilde faßte er auch die Titel der Bücherauslagen ins Auge,
und bald haftete sein Blick auf einem broschierten Bande, der den
Aufdruck trug: »Lehrbuch der Moorkultur.«
Es lagen gerade allerhand Verbesserungen der Moorbewirtschaftung in
der Luft, wenn der Knecht eines am alten Schlendrian festhaltenden
Torfbauern, wie Jan Rosenbrock einer war, auch noch nicht viel davon
merkte. Aber er hatte doch schon von moderner Hochmoorkultur und von
dem Wert der künstlichen Dungmittel gerade für das Moor munkeln hören.
Und plötzlich wandelte ihn die Lust an, sich aus dem Buche über alle
diese Dinge zu unterrichten. Aber das war gewiß sehr teuer, kostete
am Ende gar zwei Mark. Nein, das konnte er nicht anwenden. Schweren
Herzens riß er sich von dem Schaufenster los.
Aber er war noch keine zwanzig Schritt gegangen, da kehrte er um, trat
entschlossen in den Laden und fragte nach dem Preise des Buches, das
es ihm angetan hatte.
»Broschiert vier, gebunden fünf Mark,« gab der Buchhändler zur Antwort.
Gerd wäre beinah vor Schreck erstarrt, blätterte aber doch in dem ihm
vorgelegten broschierten Exemplar, dessen Kapitelüberschriften ihm das
Buch nur noch begehrenswerter machten.
»Drei Mark will ich anwenden,« sagte er endlich mit starker
Selbstüberwindung und zog seinen Geldbeutel.
Der Ladeninhaber lächelte: »Sie meinen wohl, das geht hier zu wie bei
Ihrem Torf- und Schweinehandel? Ich verkaufe nur zu festen Preisen.«
Gerd steckte den Geldbeutel wieder ein und griff nach seiner Mütze, um
zu gehen. Aber plötzlich fuhr er noch einmal in die Tasche, ließ einen
Taler hart auf den Tisch klappen, legte zögernd eine Mark daneben,
klemmte das Buch unter den linken Arm und schob eiligst ab.
Als sein Schiff vor günstigem Winde die Hamme hinauf segelte, lag
er, die Pfeife im Mund, am Steuer, hatte seinen so teuer erworbenen
Schatz auf den Knien und las und las. Er bereute seinen Kauf nicht.
Was in dem Buch alles drinstand: von der Entstehung der Moore, von
Geschichte, gegenwärtigem Stand und Zukunft der Moorkultur und so
weiter, das war am Ende doch seine vier Mark wert.
Wenn er nur etwas Eigenes hätte, um die Lehren des Buches praktisch
zu erproben! Noch niemals war die Sehnsucht nach eigenem Besitz so
lebendig in ihm gewesen. Jetzt, wo Leidchen fort war, noch lange dem
Halbbruder als Knecht zu dienen, spürte er wenig Lust.
Er fing an zu rechnen. Von der Mutter her besaß er einige hundert
Taler, und mit seinem Lohn war er stets sparsam umgegangen. Aber es
langte doch nicht, eine wenn auch bescheidene Anbauerstelle zu kaufen.
Und nach einer Braut hatte er sich ja auch noch nicht umgesehen. Ja,
vielleicht mußte er sogar noch Soldat spielen. Im nächsten Sommer
hatte er sich zum letztenmal zu stellen.
Aber das nahm er sich fest vor: eine eigene Stelle wollte er
einmal haben, und deshalb fortan noch sparsamer sein als bisher.
Die ausgegebenen vier Mark taten ihm jetzt wieder weh, er tröstete
sich aber mit der Hoffnung, sie später nach Anleitung seines Buches
hundertfältig herauszuwirtschaften.
9.
Leidchen stand in ihrer Dachkammer und sah sich zwischen ihren vier
Wänden um. Diese waren freundlich gestrichen und von der Vorgängerin
mit bunten Bildchen geschmückt, aber eins fehlte ihnen. Sie hatten
nämlich kein Fenster. Ein solches saß vielmehr einen Arm hoch über
ihrem Kopf schräg in dem verschalten Dach, wo ein Eisenkreuz ein
viereckiges Stück grauen Novemberhimmels vierteilte. Als sie auf ihren
Stuhl stieg, den einzigen des Kämmerchens, erblickte sie die kahle
Spitze eines Baumes, und indem sie sich auf den Zehen emporreckte,
noch dazu eine Flucht von Dachfirsten und Schornsteinen. Die Aussicht
wäre auf dem Lande eigentlich ebensogut, dachte sie.
Wo sie wohl das Myrtenbäumchen hinstellte, das ihre Patentante Beta
Rotermund ihr vor Jahren geschenkt hatte? Auf der Kommode war es zu
dunkel, auf dem Waschtisch auch. Es erschien ihr am besten, durch eine
künstliche Hängevorrichtung es dicht unter dem Fenster anzubringen,
wo es Licht und Sonnenwärme genug haben würde. Der in der Wand
hochgehende Schornstein schützte es im Winter wohl vorm Erfrieren.
Einstweilen aber machte sie sich ans Auspacken ihrer Kommode.
Während sie dabei war, kam Frau Marwede die knarrende Treppe herauf
und brachte ihr ein Kind von zwei bis drei Jahren. »Dies ist unsere
Olga,« sagte sie, »die kann dir ein bißchen zukucken.«
Das kleine Mädchen sah der neuen Hausgenossin mit Interesse zu, und
als diese sich einmal auf den Stuhl setzte, kletterte es ihr auf den
Schoß und küßte sie auf Mund und Wangen, unter der Versicherung: »Ogga
mag Tante leiden.« Die Kinder in der Stadt, dachte Leidchen, sind
nicht so blöde und fremd wie unsere zu Hause, und erwiderte die ihr
dargebrachten Zärtlichkeiten.
Am Mittagstisch sah Leidchen zuerst die Familie Marwede vollzählig
beieinander. Es waren noch drei Kinder da, Jungens im Alter von sieben
bis vierzehn Jahren, alle wohlgenährt und mit einem gesunden Appetit
begabt. Die Stimmung des Hausherrn schien anfangs nicht die beste,
da eine vor zwei Tagen eingestellte Milchkuh nicht ganz das hergab,
was man von ihr erwartete, und für zwei Stadtkunden, die zum heutigen
Ersten des Monats gekündigt hatten, nur ein neuer eingetreten war.
Doch heiterte die Feststellung, daß das Ladengeschäft des Vormittags
nichts zu wünschen übriggelassen habe, ihn zusehends auf, und er
erkundigte sich bei der neuen Hausgenossin teilnehmend, wie viel
milchende Kühe ihr Bruder Jan augenblicklich im Stall hätte und ob das
Kälbermästen gut ginge. Über die Sphäre von Milch, Butter und Käse
verirrte das Tischgespräch sich keine Minute lang hinaus. Leidchen
dachte, etwas gebildeter hätte sie sich Stadtleute doch vorgestellt.
Nach dem Mittagessen weihte Frau Rosalie Marwede ihr Fräulein
in die Grundsätze des Hauses ein. Deren erster und alle anderen
beherrschender lautete: »Reinlichkeit ist die Seele vons
Milchgeschäft,« und er galt nicht nur in Stall, Keller und Laden,
sondern ebensosehr in Küche und Kinderstube und den übrigen
Wohnräumen, wo Leidchen ihr Reich hatte. Wenn Trinas Unordentlichkeit
ihr öfters leise Seufzer abgelockt hatte, so wurden ihr solche
in der Folgezeit nicht selten von Frau Marwedes Ordnungs- und
Sauberkeitsfanatismus abgepreßt. Aber im ganzen fand sie sich ganz gut
in diesen hinein, da ihr Wesen im Grunde doch auch auf die von ihrer
Herrin übertriebenen häuslichen Tugenden gestellt war.
Den ersten freien Sonntagnachmittag benutzte sie, um Meta Stelljes,
eine Cousine ihrer Schwägerin Trina, zu besuchen, die ein Jahr
vor ihr konfirmiert war und am Osterdeich bei einem Großkaufmann
in Zigarren diente. Sie mußte allen Mut zusammennehmen, indem
sie durch einen peinlich gepflegten Garten mit Teppichbeeten und
fremdartigem Buschwerk auf die schloßartige, mit unzähligen Erkern
und Türmchen verzierte Villa zuschritt, und als sie die breite Treppe
hinanstieg, klopfte ihr das Herz nicht schlecht. Als aber ein feiner,
glattrasierter Herr in langem blauen Rock mit silbernen Knöpfen auf
ihre bescheidene Frage nach Meta Stelljes sie strafend ansah und
stirnrunzelnd ihr bedeutete, die Freitreppe wäre nur für Herrschaften,
da wäre sie am liebsten in den Boden gesunken. Aber der feine Herr
war dann doch ganz nett und brachte sie zu Meta Stelljes. Es traf
sich gut, daß diese auch gerade Ausgehsonntag hatte und ihr fertig
angezogen entgegentrat.
So spazierten die beiden Kinder des Moors denn bald auf dem
Osterdeich dahin, plauderten von daheim, und kamen dann auch auf
ihre gegenwärtigen Dienstverhältnisse. Meta fühlte eigentlich das
Bedürfnis, mal ordentlich zu klagen und zu stöhnen. Als sie aber
hörte, daß Leidchen eine Stellung als Stütze und Fräulein hatte, lobte
sie den Reichtum ihrer Herrschaft, die Eleganz der Wohnung, die Güte
des Essens bis ins Aschgraue und erhöhte ihren Lohn eigenmächtig um
zwanzig, den Jahresdurchschnitt der Trinkgelder um hundert Prozent.
»Mit so was kann ich nicht prahlen,« sagte Leidchen kleinlaut, als
Meta mit ihrer Aufschneiderei fertig war, »aber Marwedes sind sehr
ordentliche, saubere Leute, und denn ist da auch 'ne kleine Deern, die
heißt Olga ...«
»Was? Auch noch Kinder?«
»Warum denn nicht?«
»In ein Haus, wo kleine Kinder sind, würde ich überhaupt nicht gehn.«
»Warum nicht, Mädchen?«
»Da sieht man, wie grün du noch bist,« sagte Meta mitleidig lächelnd.
»In ein Haus mit Kindern geht heutzutage nur Personal zweiter Klasse.
Übrigens Leidchen, kuck mal her, du mußt dein Kleid ein bißchen
aufraffen, so wie ich.«
»Warum?«
»Immer mit deinem Warum, du dumme Deern! Soll uns denn jeder anmerken,
daß wir aus dem Torf sind?«
»Ach so,« sagte Leidchen und beeilte sich, ihrer Begleiterin den
rechten Kleiderraffgriff abzusehen.
Als sie an einigen Soldaten vorüber waren, begann sie: »Aus unserm
Dorf hat das letzte Jahr auch einer hier gedient, aber Anfang Oktober
haben seine Obersten ihn nach Spandau geschickt.«
»Weiß schon Bescheid,« unterbrach Meta, »eurem Müller sein Jung, hab'
mal mit ihm getanzt. Ein schneidiger Kerl! Und hat auch wohl Geld?«
»Geld? Wie Heu! Als seine Mutter Hochzeit machte, haben sie ihr
die blanken Taler scheffelweise zugemessen. Sein Vater muß beinahe
ebensoviel Steuern bezahlen, wie das ganze obere Dorf zusammen.«
So unterhielten sich die Mädchen, musterten die Toiletten ihrer
Geschlechtsgenossinnen, schielten hin und wieder verstohlen nach
einem schmucken Mannsbild und waren lustig und guter Dinge. Leidchen,
die nun schon fünf Tage in der Häuserenge der Neustadt und auf ihrem
Kämmerchen mit Oberlicht gesessen hatte, ließ froh den Blick über den
blau glitzernden Strom und die grünen Weiden in die Ferne wandern und
war glücklich, daß sie einmal von Milch, Butter und Käse nichts zu
sehen, zu riechen und zu hören brauchte.
Als sie Abschied voneinander nahmen, sagte Meta: »Was meine beste
Freundin war, die hat sich letzte Woche verlobt. Wenn du Lust hast,
kannst du in ihren Platz eintreten.«
»O ja!« rief Leidchen hocherfreut, ergriff ihre Hand, und die
Freundschaft war geschlossen.
Leidchen war überglücklich. Indem sie durch die von Menschen
wimmelnden, hell erleuchteten Straßen ging, dachte sie an die
einsamen, dunklen Moordämme daheim. Was war das dagegen hier für
ein Glanz und Leben! Auf der Großen Weserbrücke, als sie auf den
blinkenden, lichterspiegelnden, von hohen Lagerhäusern begleiteten
Strom hinabblickte, kam ihr auf einmal ein Gefühl für die Größe der
alten Hansestadt, sie fühlte sich mit Stolz als ein kleines Rädchen in
dem großen, bunten Getriebe, und war von Herzen froh, der Stille und
Enge ihres Dorfes entflohen zu sein.
Bald aber traten Milch, Butter und Käse wieder in ihre Rechte, und
das Leben ging mit Kochen, Wischen, Fegen, Waschen und Plätten seinen
alltäglichen Gang. Da kam ihr wohl abends in der Schummerzeit mal
der Wunsch: wenn du jetzt dein Spinnrad in den Arm nehmen und ein
bißchen auf die Nachbarschaft gehen könntest! Dann wollte es ihr fast
scheinen, als lebe man in der großen Stadt mit den vielen tausend
Menschen im Grund viel einsamer als zu Hause mit den paar hundert.
Als Anfang September ihr Bruder sie zum erstenmal besuchte, konnte sie
sich nicht genug tun mit Versicherungen, wie gut es ihr in der Stadt
gefiele. Die kleine Olga mußte er auf den Schoß nehmen und sich von
ihr eien lassen. Meta Stelljes wurde ihm angepriesen als aller Mädchen
Krone und für einen glücklichen Ehestand angelegentlichst empfohlen.
Aber er sagte, er brauche noch lange keine Frau.
Am Sonntag darauf stäubte sie morgens Frau Marwedes Salonmöbeln ab,
als auf einmal durch die geöffneten Fenster feierlicher Glockenklang
an ihr Ohr schlug. Da fiel ihr ein, daß heute schon der erste
Advent war, und sie sah im Geist, wie daheim an der schimmernden
Birkenreihe des Kirchdammes entlang die schwarzgekleideten Menschen
in Trupps auf Grünmoor zupilgerten. Sie blickte auf die Straße, sie
bot das gewohnte alltägliche Bild. Ob denn hier niemand an die Kirche
dachte? Halt, da kam ein altes Mütterchen angewankt, Gesangbuch und
Taschentuch in der Hand. Leidchen bog sich zwischen den Blumenstöcken
aus dem Salonfenster hinaus, um einen Blick in das verrunzelte
Gesicht zu gewinnen, und da huschte es ganz leise sonntäglich und
vorweihnachtlich durch ihr Gemüt.
Am nächsten Sonnabend fragte sie Frau Marwede, ob sie mal in die
Kirche gehen dürfte. Die stemmte die Hände in die Seiten, machte
ein maßlos erstauntes Gesicht und sagte: »Aber Kind, hast du denn
soviel Sünden getan?« Da wurde sie rot und sagte nichts weiter. Am
Sonntagnachmittag aber, als sie ohne Meta Stelljes, die nicht abkommen
konnte, einen Gang durch die innere Stadt machte, hörte sie auf einmal
die mächtigen Domglocken, und die hohen bunten Fenster schimmerten in
die hereinbrechende Dämmerung. Da sie sich so nicht getraute, fragte
sie einen vertrauenerweckenden älteren Herrn, ob sie da hinein gehen
dürfte. Dem zuckte es schalkhaft um die Mundwinkel, indem er sagte:
»Gern, wenn Fräuleinchen ein Billett hat.« Da ging sie betrübt ihrer
Wege und dachte, auf dem Lande wär' das doch besser eingerichtet, wo
man mit einem Pfennig für den Klingelbeutel frei käme und auch noch
nicken könnte.
Bei nächster Gelegenheit sprach sie mit ihrer Freundin über das
Kirchengehen. »Ja, Leidchen,« sagte Meta Stelljes, »anfangs paßt
einem das nicht, aber man gewöhnt sich schneller daran, als man
denkt, wo's hier einmal keine Mode mehr ist. Aber du hast recht, der
Mensch will mal was anderes als das Alltägliche. Deshalb haben wir
Hausangestellten in unserer Villa einen Leseklub gegründet, und wenn
du jede Woche einen Groschen ausgibst, kannst du dir so viel schöne
Geschichten von uns leihen, als du Lust hast zu lesen.«
»Och ja,« meinte Leidchen, »zu Hause haben wir uns auch immer
vorgelesen. Gerd holte die Bücher immer vom Lehrer.«
»Ha,« rief Meta verächtlich, »du wirst sehen, unsere Geschichten
sind viel interessanter. Wer damit erst einmal angefangen hat, kommt
überhaupt nicht wieder davon los.«
Leidchen hinterlegte bei dem Mann im blauen Rock mit silbernen Knöpfen
statutengemäß eine Sicherheit von fünfzig Pfennig, zahlte einen
Groschen als Wochenbeitrag und trug einen Packen arg zerlesener bunter
Hefte mit heim. Abends im Bett las sie darin, bis nach zwölf, und ein
Schauer nach dem anderen lief ihr über den Leib.
So kam Weihnachten heran, aber recht weihnachtlich wollte es dem
Landkind nicht werden. Am Christabend brannte in Frau Marwedes Salon
ein prächtiger Tannenbaum, über und über mit dicken Glaskugeln
behängt, eine Spieluhr spielte abwechselnd »O du fröhliche« und
»Stille Nacht«, und Leidchen war reicher beschenkt worden als sie
erwartet hatte. Aber ein rechter Weihnachtsabend war es doch nicht.
Die Menschen kamen einander um keine Handbreit näher, Milch, Butter
und Käse spukten auch um den Lichterbaum, eine kranke Kuh im Stall
machte Sorge. Nachher im Bett las Leidchen noch lange mit glühenden
Wangen in den bunten Heften, von denen sie sich längst eine zweite
Serie geholt hatte. Sie tischten gerade mal wieder eine grausliche
Mordgeschichte auf.
Am Abend des ersten Festtages hatte sie allein mit der kleinen Olga
das Haus zu hüten. Das Kind auf dem Schoß, saß sie in der dunklen
Bescherungsstube unter dem Baum, an dem einige Glaskugeln in dem Licht
glänzten, das von der Straßenlaterne gegenüber in das Fenster fiel.
Da bat die Kleine auf einmal um eine Geschichte. Leidchen dachte
an das, was sie in der letzten Zeit gelesen hatte, aber davon war
nichts zu gebrauchen. Sie mußte also in ihren Erinnerungen weiter
zurückgreifen. Und bald fing sie an: »Es war einmal ein großer,
großer Kaiser, der hieß Augustus,« und erzählte von einem Stall, in
dem nicht fünfzehn Milchkühe gestanden hätten wie in Papa seinem,
sondern nur ein Ochs und ein Esel, und in diesem kleinen Stall wäre
ein kleines, ganz kleines Kindlein geboren, an dem hätten seine
Eltern, und die beiden Tiere, und die frommen Hirten, und die heiligen
Engel, und der liebe Gott und alle guten Menschen ihre Freude gehabt.
Dann sang sie dem Kinde, das sich warm an ihren Busen schmiegte,
auch einige Weihnachtslieder, und als sie aufstand, um es zu Bett zu
bringen, sagte sie: »So, Olga, nun haben wir erst richtig Weihnachten
gefeiert.« --
Mitte Februar konnte Meta Stelljes keine bunten Hefte mehr liefern,
Leidchen hatte die Bibliothek des erst seit einem Jahre bestehenden
Klubs durchgelesen. Das plötzliche Aufhören des gewohnten Reizes der
Spannung empfand sie mit peinlichem Unbehagen, und sie war in dieser
Zeit öfters mit sich selbst und der Welt höchst unzufrieden. Warum
konnten andere Mädchen, die Heldinnen jener Geschichten, so große
unerhörte Dinge erleben, mit Revolvern sich durch allerhand Abenteuer
kämpfen, reiche Grafen mit marmornen Schlössern heiraten, indes
ihr bei solchem Milchmann mit Fegen, Wischen und Kochen ein Tag so
eintönig und zum Sterben langweilig wie der andere dahinkroch!
Eines Spätnachmittags, als sie ihr Kämmerchen betrat, hörte sie
einen Vogel singen. Zu Hause, wo's die vielen Vögel gab, würde ihr
das nicht weiter aufgefallen sein, aber hier in der Stadt war's
was Besonderes. Sie stieg auf ihren Stuhl und sah zum Dachfenster
hinaus. Da wurde der kahle Baumwipfel sichtbar, und in ihm saß ein
Amselmännchen, den gelben Schnabel schräg aufwärts gerichtet, die
Flügel gesenkt, unbeweglich, und sang und sang. Du liebe Zeit, wie
konnte der kleine Kerl singen! Lust, Wehmut, Sehnsucht erfüllten
die Brust der Lauscherin. Sie hob sich auf die Zehen. Da erschienen
Giebel und Schornsteine, aber über sie hinweg zogen die Wolken der
verheißungsvoll lockenden, dämmernden Ferne zu. Ach wer da mit könnte!
Wie war doch die Welt so weit und die Dachkammer so eng!
* * * * *
Der Frühling, der seinen kleinen schwarzen Herold vorausgesandt hatte,
brachte in Leidchens Leben ein paar große Veränderungen.
Meta Stelljes zeigte eines Nachmittags, als ihre Freundin sie abholte,
ein merkwürdig aufgeregtes Wesen, und schon nach zwei Minuten hatte
sie ihr gestanden, sie hätte seit zwei Tagen einen Bräutigam. Zwar
einstweilen wär' es nur so'n lüttjer Handbräutigam, aber es würde wohl
Ernst draus werden, denn ihr Stanislaus Kaminski wäre ein ordentlicher
Mensch und Beamter, nämlich Hilfsbremser an der Königlichen Eisenbahn,
und katholisch, und die Katholiken wären, wie bekannt, ja alle sehr
fromm.
Als sie einige hundert Schritt miteinander gegangen waren, blieb
Meta stehen, zeigte auf eine nach links abzweigende Straße und sagte
hastig: »Ich muß hier abbiegen, mein Bräutigam wartet auf mich. Adjüs.«
»Wann sehen wir uns wieder?« fragte Leidchen, die Hand der Freundin
festhaltend.
»Weiß ich noch nicht, wird wohl nicht oft mehr sein. Sieh auch man zu,
daß du bald so was findest, das ist in diesem armen Leben immer noch
das Beste. Adjüs, lebe wohl!«
Und hin ging sie, ohne sich noch einmal umzusehen. Die Verlassene
blickte ihr traurig nach. --
Als Leidchen nach Hause kam, bat Frau Marwede sie, gleich mal zu der
kleinen Olga zu gehen, die nicht recht wohl wäre. Sie fand das Kind
mit Fieber im Bett.
Marwedes hatten einen starken Glauben an die Heilkraft gesunder
Vollmilch, und man holte solche bei jedem Melken warm von der besten
Kuh im Stall. Aber die Patientin weigerte sich, diese Medizin zu
nehmen.
Am nächsten Tage rief man den Arzt, der ein bedenkliches Gesicht
machte.
Als er das Krankenzimmer verlassen hatte, sagte die Mutter, an ihrer
Unterlippe nagend: »Und dabei ist das Kind noch nicht mal getauft.«
Leidchen starrte sie entsetzt an, indes der Milchmann geringschätzig
die Achseln zuckte.
Dieser ging bald zu seinen Kühen. Da sagte die Frau: »Was meinst du,
Mädchen? Ob's nicht am Ende doch besser wäre ...?«
»O ja,« rief Leidchen, die helle Angst im Gesicht, »bitte, bitte!
Denken Sie sich, sie stürbe uns weg, drei Jahre alt und ungetauft! Wir
könnten ja keine ruhige Stunde wieder haben.«
»Na na, Marwede und ich sind ziemlich aufgeklärte Leute ... Aber wenn
du hinlaufen und den Pastor holen willst, soll's mir recht sein. Er
wohnt dicht bei der Kirche, sag' ihm aber, er möchte sich ein bißchen
beeilen.«
Leidchen traf den Pastor nicht zu Hause, seine Frau sagte aber, sie
würde ihn schicken, sobald er zurückgekehrt wäre.
Er kam eher, als man hiernach ihn glaubte erwarten zu können. Da
Frau Marwede noch in ihrem Schlafzimmer beim Umkleiden war, traf er
nur Leidchen bei dem Täufling, und als er ihr die Herzensangst und
Traurigkeit aus dem Gesicht las, sagte er teilnehmend: »Es ist wohl
Ihr erstes und einziges, liebe junge Frau?« Leidchen wurde purpurrot
und stamerte, sie wäre hier nur das Fräulein. Während jener seinen
Irrtum mit großer Kurzsichtigkeit entschuldigte und die Brille putzte,
kam die wirkliche Mutter in ihrem Schwarzseidenen hereingerauscht und
begrüßte den Geistlichen mit achtungsvoller Verbeugung. Leidchen wurde
als Patin angeschrieben, und als das Köpfchen des Kindes mit Wasser
besprengt wurde, hob sie es in den Kissen an.
»Was hat der Onkel eben gemacht?« fragte die kleine Olga, während ihre
Mutter den Pastor hinausgeleitete.
»Oh,« sagte Leidchen, sich über sie neigend, »das war ein ganz lieber
Onkel. Du bist nun dem lieben Gott sein Kind geworden, und er hat dich
ganz furchtbar lieb, noch lieber als Tante Leidchen.«
Von Stund' an fühlte sie sich dem Kinde noch enger verbunden als
bisher. Die alte Anschauung, daß Patenschaft eine Art Verwandtschaft
begründet, wirkte dabei mit, noch mehr aber wohl die Erinnerung an
das viele Gute, das sie selbst von ihrer Patentante Beta Rotermund
empfangen hatte und nun weiterzugeben Gelegenheit fand. Sie wurde
erfinderisch, ihrem Patenkinde Liebes zu erweisen, und dieses hatte
sie lieber um sich als seine Mutter, die, was sie in Jahren als stark
in Anspruch genommene Geschäftsfrau an Zärtlichkeit versäumt haben
mochte, jetzt in wenigen Tagen nachholen wollte, wobei sie dann des
Guten leicht etwas zu viel tat.
Einmal sollte Leidchen auch wieder erzählen. Als sie nachsann, fiel
ihr Doktor Luthers Brief an seinen Sohn Hänsichen ein, den sie aus
dem Schullesebuch kannte, und zugleich dachte sie an daheim, wie dort
nun bald wieder Frühling und Sommer Einzug hielten. Und sie erzählte
von einem wunderschönen Garten, da blühten die Äpfel- und Birnbäume
über und über weiß wie Schnee, und die Früchte wurden dick und
kriegten rote Backen, und bunte Vögel sangen süß in den Zweigen, und
die herrlichsten Schmetterlinge gaukelten durch die blaue Luft, und
silberweiße Birken ließen ihre lichtgrünen Schleier wehen, und unter
ihnen auf grünem Rasen spielte das Christkind mit all den artigen und
frommen Kindlein, die hier aus der ganzen Welt zusammen kamen.
So malte sie der Kranken ein leuchtendes Bild mit den Farben ihres
Kinderparadieses, und das kleine Stadtkind, das solche holden Wunder
nie mit eigenen Augen geschaut hatte, hörte mit offenem Munde und mit
sehnsuchtsvollen Blicken an ihren Lippen hängend zu.
In der Nacht darauf übernahm sie gegen ein Uhr die Krankenwache. Sie
mochte etwa eine Stunde am Bett gesessen haben, als das Kind anfing,
sich in den Kissen zu werfen. Mit leisen, begütigenden Worten redete
sie ihm zu und wischte die Schweißtropfen, die ihm auf die Stirn
traten, sanft hinweg. Auf einmal streckte sich der kleine Leib lang,
ganz lang. Da packte tödliche Angst die Wärterin, sie riß ihn an ihren
jungen lebenswarmen Busen, sie hauchte ihren Odem auf den schon still
stehenden Mund. Als sie aber die blicklos starren Augen sah, ließ sie
den Körper in das Bett zurücksinken und preßte sich beide Hände auf
das Herz; denn sie fühlte ein Schwert durch ihre Seele schneiden, zum
erstenmal in ihrem jungen Leben.
Sie weckte die nebenan schlafenden Eltern. Die Mutter kam im
Nachtgewand angestürzt und warf sich schreiend über die kleine Leiche.
Der Vater folgte notdürftig bekleidet und stand stumm daneben. Nach
einer Weile sagte er: »Aber Rosalie, nun faß dich. Wir haben unsere
Pflicht getan. Denk' doch bloß an all die schöne Milch, die das Kind
die Jahre getrunken hat ...«
Der kahle Baumgipfel unter Leidchens Dachfenster begrünte sich nach
und nach, und spät nachmittags und abends saß die Amsel darin und
sang und sang. Und die Gedanken der Einsamen eilten immer und immer
wieder in das Land des schwarzen Moors und der weißen Birken, wo sie
jetzt vom dämmernden Morgen bis in die sinkende Nacht im Torf standen
und sich tüchtig ausarbeiteten. Wenn doch einmal in der Frühe jemand
an ihr Bett getreten wäre und sie geweckt hätte zum Torfbacken im
herbstfrischen Frühlingswind! Aber sie mußte Tag für Tag kochen,
aufwaschen und fegen, im Dunstkreis von Milch, Butter und Käse, und
obgleich die Arbeit nichts weniger als schwer war, fühlte sie sich oft
todmüde und war manchmal des Lebens fast überdrüssig.
10.
Eines Nachmittags, als nach einer regenreichen, dunklen Aprilwoche die
Sonne wieder schien, stand Leidchen auf, machte eine Bewegung, als ob
sie etwas abschüttelte, und ließ sich ein neues Sommerkleid anmessen.
»Für ein Fräulein von so schlankem, ebenmäßigen Wuchs zu arbeiten, ist
mir ein Vergnügen,« sagte die Schneiderin.
Erst das letzte Drittel des Wonnemonds brachte einen lachenden,
leuchtenden Sonntag, an dem das nach Urteil der Nadelkünstlerin
»äußerst schick und tadellos« sitzende Himmelblaue den Menschen
gezeigt werden konnte. Leidchen trug es natürlich in den Bürgerpark,
in dem die Menschheit heute ein Stelldichein verabredet zu haben
schien, und der auch selbst sein allerschönstes Kleid angezogen hatte,
nämlich das aus lichtem, blütendurchwirktem Grün.
Das schmucke Kind freute sich des warmen Sonnenscheins und der jungen
Frühlingspracht, sah nach den fröhlichen geputzten Menschen und dachte
so in ihrem Sinn, ganz zu verachten wäre das Leben eigentlich doch
nicht.
Als sie über eine der Brücken kam, die das ausgedehnte Grabennetz
der Anlagen überspannen, blieb sie stehen und sah belustigt einem
ungeschickten Ruderer zu, der sein Boot nicht in der Gewalt
hatte, indes das hinten sitzende Mädchen durch gute Ratschläge,
überflüssiges Gekreisch und verkehrtes Steuern die Sache noch
schlimmer machte.
Da hörte sie nahe Schritte und wandte sich um.
»Guten Tag, Leidchen Rosenbrock,« rief eine froh verwunderte Stimme.
»Hermann!?«
»Ja, mein Deern, ich bin's selbst. Aber nun gib mir erst mal die Hand.«
Er nahm sie sich und drückte sie tüchtig, über das ganze Gesicht
lachend.
»Mensch, wo kommst du denn bloß auf einmal her? Ich meinte, du wärst
in Spandau.«
»Spandau ist abgemacht. Wir sind vorige Woche zum Regiment
zurückkommandiert. Schön, daß ich dich treffe. Wollen wir uns mal die
Affen bei der Meierei ansehen, und die Känguruhs? Oder soll ich dich
lieber ein bißchen rudern?«
Leidchen hatte sich inzwischen von ihrer Überraschung erholt und
fragte schelmisch, indem sie auf den hemdärmelig sich abrackernden
Jüngling zeigte, dessen Boot noch immer von einem Ufer zum anderen
schoß: »Kannst du's ebensogut, wie der da?«
Er warf sich in die Brust. »Ich? Wie der erste Sportsmann meistere ich
mein Boot.«
»Na, na? Wenn ich an die Nacht auf der Hamme denk' ...«
»Ach so ... na ja, bei der Torfschipperei bin ich nicht groß geworden.
Aber daß ich rudern kann, will ich dir bald zeigen, komm!«
Sie machte ein paar Schritte, blieb dann aber wieder stehen: »Ich
weiß nicht recht ... Wenn uns einer sähe ...«
»Wir beide können uns überall sehen lassen,« rief er lachend. »Komm!«
»Aber ...«
»Ach was. Wir sind hier nicht in unserem Dorf, wo die alten Weiber
gleich die Köpfe zusammenstecken, wenn zwei junge Leute mal auf dem
Damm miteinander gehen. Hier kann jeder nach seiner Fasson selig
werden, das ist ja gerade das Schöne an so 'ner Stadt. Komm!«
Er wollte ihren Arm nehmen, doch sie litt es nicht. Als er
aber entschlossen die Richtung nach der nicht weit entfernten
Bootvermietungsstelle einschlug, folgte sie langsam.
Der Hafen war bei dem herrlichen Wetter bereits ausvermietet. Hermann
machte ein langes Gesicht, Leidchen sagte: »Es ist so ebensogut, ich
muß doch bald nach Hause.«
Aber schon kam ein frischgestrichenes, schlankes Ruderboot um die
Ecke, an dessen Bordwand der Name »Adelheid« zu lesen war. »Das
schickt sich ja prächtig,« rief Hermann, und kaum waren die beiden
Gymnasiasten, die ihre Fahrt beendet hatten, ausgestiegen, so war
er auch schon hineingesprungen und reichte ihr zum Einsteigen die
Hand. Dann legte er schnell Koppel nebst Seitengewehr ab, streifte
die Handschuhe von den Händen, ergriff die Riemen, und das Boot glitt
leicht und sicher zum Hafen hinaus.
»Nun erzähl' mal, wie es dir all die Zeit gegangen ist,« sagte
Hermann, indem er quer über einen kleinen See auf einen von lichtem
Buchengrün überwölbten Wasserlauf zuhielt.
Leidchen war froh, daß sie sich endlich einmal vor einem Bekannten
über die Erlebnisse der letzten Zeit aussprechen konnte.
Sie begann mit der Geschichte ihrer Freundschaft und bedauerte, daß
diese nun ein Ende gefunden hätte. Als er wissen wollte, wodurch sie
auseinander gekommen wären, und sie, etwas verlegen, ihm den Grund
angab, zwinkerte er verständnisvoll mit den Augen und sagte: »Ja so
geht's in der Welt.«
Leidchen errötete flüchtig und fing schnell an, von der kleinen Olga
zu erzählen, wie artig, klug und anhänglich sie gewesen wäre. Als
sie von Krankheit und Hingang des Kindes berichtete, war ein Zittern
in ihrer Stimme, und zuletzt liefen ihr die blanken Tränen über die
Backen.
»Na nu!« sagte er verwundert, »so tief darfst du das bei einem fremden
Kind nicht nehmen.«
Mit großen Augen, fast ein wenig empört, sah sie ihn an: »Aber wenn
ich sie doch so lieb gehabt habe ...«
»Na ja, aber es ist Gottes Wille einmal so gewesen, was willst du
dagegen machen? Den Weg müssen wir alle, der eine früh, der andere
spät ... Aber nun laß uns lieber von was anderem sprechen. Wie geht's
deinem Bruder?«
»Als ich nicht anders weiß, gut ... Du bist ihm doch nicht mehr böse?«
»Warum sollt' ich ihm böse sein?«
»Och, damals, als mein Geburtstag war ...«
»Du liebe Zeit, das hab' ich längst vergessen. Es war gut, daß die
Jungens mir damals in den Arm fielen. Wegen solcher Kleinigkeiten
dürfen wir Soldaten nämlich unsere Waffe nicht ziehen, das wird
streng bestraft. Wenn damals was passiert wäre, wär' ich heut' nicht
Gefreiter und hätte nicht die blanken Adlerknöpfe hier an meinem
Kragen.«
»Gefreiter ... ist das mehr als Leutnant?«
»Mehr wohl gerade nicht, aber durchaus nicht zu verachten! Soweit ich
denken kann, hat's aus unserem Dorf noch keiner so weit gebracht.
Nur die strammsten und zuverlässigsten Leute werden zu Gefreiten
befördert.«
»Ach so ...«
»Gerd muß diesen Sommer schon zur Generalmusterung. Schade, daß er nun
wohl ganz ums Soldatspielen herumkommt.«
»Warum ist das schade?«
»Gerade ihm hätte ich's von Herzen gegönnt, daß der preußische
Unteroffizier ihn mal zwischen die Finger gekriegt hätte.«
»Warum?«
»Weißt du, Leidchen, Gerd ist ein herzensguter Mensch, ich will gewiß
nichts Böses über ihn sagen. Aber er hat etwas dickes Blut. Und er
denkt zu viel.«
»Pah, das wird nichts schaden, wenn einer sich seine Gedanken macht.«
»Aber es kann zu viel des Guten werden. Zum Unglück ist er auch noch
diesem langbeinigen Schulmeister in die Hände gefallen und liest seine
ganzen Bücher durch, wie sie mir Weihnachten zu Hause erzählt haben.«
»Wenn's ihm Spaß macht, laß ihn doch! Er kommt euch allen weit vorbei.«
»Aber Leidchen, verstell dich doch nicht so. Ich weiß ja ganz gut, du
hast unter seiner Wunderlichkeit am meisten leiden müssen.«
»Ich? Wer sagt das? Das war gar nicht schlimm, er hat es immer gut
gemeint. Überhaupt ist er einer von denen, auf deren Wort man Häuser
bauen kann. So sind lange nicht alle, die ein glattes Gesicht haben
und glatt schnacken können.«
»Deern! ... Wenn du dich ein bißchen aufregst, bist du gleich noch mal
so hübsch.«
»Och Hermann ...«
»Nun bist du rot angelaufen und noch viel hübscher geworden.«
»Hermann!«
»Ich hab' mich früher schon immer gewundert, wie es möglich war, daß
bei uns im Moor eine so feine kleine Deern herumlief. Die Backen
hat unser gnädiges Fräulein nicht zarter und rosiger. Was würde die
gnädigste Frau ausgeben, wenn sie dein Seidenhaar hätte! Und die
Augen, Kind, deine Augen ...«
»Wenn du nicht gleich aufhörst, steig' ich aus.«
»Das wär' schade, dann machst du dir die Strümpfe naß, und dein
schönes blaues Kleid dazu. Hat Wippelmanns Lena das gemacht?«
»Och, Junge, das kannst du doch wohl sehen!«
»Ja, es sitzt gut.«
»Und kostet sechs Taler, und 'ne feine Stadtschneiderin hat's gemacht,
nach der neuesten Mode.«
Sie schob die Füße ein wenig nach vorn, um dem Rock einen glatteren
Fall zu geben.
»Die Hauptsache ist,« meinte er, sie ziemlich dreist musternd, »daß
eine in so'n Kleid ordentlich was hineinzustecken hat. Du bist ganz
gut durch den Winter gekommen.«
»Rat' mal, wieviel Pfund ich jetzt wiege!«
»Hundertundzwanzig?«
»Mußt noch'n Zehnpfundstück auf die Wage tun.«
»Ach ja, wenn eine bei so 'nem Milchmann mit süßer Vollmilch gebörnt
wird.«
Das Boot, das eine Strecke lang prangende Parkwiesen zur Seite gehabt
hatte, glitt in diesem Augenblick unter das herabhängende Gezweige
einer Linde. Hier kam es zur Ruhe, indem Hermann die Riemen einzog
und sich an einem Zweig festhielt. Unter dem Blätterdach, das von der
Sonne durchleuchtet und vom stillen Wasser gespiegelt wurde, umfloß
die beiden ein gedämpftes grünes Licht und angenehm schattige Kühle.
»Hier ist's wunderschön,« sagte Leidchen und blickte mit frohen Augen
um sich und zu dem hohen Gewölbe empor.
Plötzlich fing eine Nachtigall an zu singen. Das junge Mädchen reckte
suchend den Kopf, und bald hatte sie das Vögelchen entdeckt. Es saß
ganz nahe, sie konnte die gesträubten Federchen der liedgeschwellten
Kehle unterscheiden. Andächtig lauschte sie dem süßen Sang, der
in der grünen Halle, vom Wasser zurückgeworfen, seltsam voll und
eindringlich klang.
Als die Sängerin nach einer Weile davonflog, sagte sie aufatmend:
»Die kann's noch besser als unsere zu Hause, die immer bei Wöltjens
Backofen nistet.«
»Das macht, die Konkurrenz ist hier größer,« erklärte Hermann. »Das
kleine Ding muß bis über beide Ohren verliebt sein.«
»Och ...«
»Ja, die Liebe macht glücklich, macht selig.«
»Och du ...«
»Wart' man, du erfährst das auch noch mal.«
Sie zog kräftig an einem Lindenzweig, und das Boot glitt unter dem
Baumschatten hinweg und ins Freie.
Hermann warf sich jetzt wieder mit aller Gewalt in die Riemen, daß sie
knarrten und jankten. Rauschend flog das Boot dahin, durch Sonnenglanz
und Baumschatten, vorbei an duftenden Blütensträuchern und hübschen
Parkhäuschen, belebte Promenadenwege entlang und wieder durch grüne
Einsamkeiten.
Leidchen nahm all die freundlichen, bunten Bilder in sich auf, und
wenn der sich kraftvoll vor- und zurückschnellende schmucke junge Mann
nicht gerade her sah, mußte sie öfters heimlich zu ihm hinüberblicken.
Diese Fahrt war ein schöneres Vergnügen, als mit Meta Stelljes
durch die Straßen zu bummeln, Schaufenster zu besehen und über die
Herrschaften zu klatschen. Viel zu schnell erreichte das Boot seinen
Hafen, am liebsten hätte sie die Rundfahrt noch einmal gemacht.
»So,« sagte Hermann, als sie an Land gestiegen waren, »nun setzen wir
uns hier in den Kaffeegarten und essen gemütlich zu Abend.«
Ihre schwachen Einwendungen, daß es schon spät wäre und sie nach Hause
müßte, fanden keine Beachtung, und bald saßen sie unter einer Rotbuche
hart am Ufer des kleinen Sees, von dem das Kaffeehaus den Namen
führte. Der Kellner brachte Butterbrote und zwei Glas Bier.
Sie plauderten über dies und das, und zuletzt kam Hermann auch auf
seine Stellung im Hause seines Hauptmanns zu sprechen. Sein Herr
hielte große Stücke auf ihn, die gnädige Frau nicht minder, und die
Gören wären rein in ihn vernarrt. Aber den meisten Anfall hätte er von
der Köchin, die ihn partout heiraten wollte. Und sie wär' ja auch eine
blitzsaubere Person, das müsse ihr selbst der Neid lassen.
Leidchen spähte bestürzt durch die vorgeschrittene Dämmerung nach
seinem Gesicht.
Merkwürdig wär's, fuhr er nach einer Weile fort, wie schlecht Mädchen,
die anderswo geboren wären, sich als Frauen im Moor gewöhnten. Das
könnte man zum Beispiel auch an seiner Mutter sehen. Die hätte bis auf
den heutigen Tag nicht vergessen, daß sie von der Geest stammte, und
schimpfte noch immer über das braune Moorwasser.
Drüben vor den Buchengruppen, denen der Abend ihr lichtes Grün
gegen ein mattes Grau umgetauscht hatte, flammten Laternen auf
und warfen lange, ruhige Lichtstreifen über den See, die nur im
Wellenschlag eines heimkehrenden Bootes zuweilen eine Zeitlang
tanzten und zitterten. Fledermäuse huschten jagend hin und her. Die
reiche Vogelwelt des Parks war verstummt, bis auf die zahlreichen
Nachtigallen, die um so lauter schlugen. Ein einzelner Schwan zog
langsam und träumerisch seine Bahn. Die meisten Tische waren leer, nur
selten klang ein Ton gedämpfter Unterhaltung herüber. Irgendwo in der
Ferne spielte eine Militärkapelle.
Hermann nahm Leidchens Hand. Aber nach einigen Sekunden zog sie diese
zurück und rückte mit dem Stuhl ein wenig zur Seite. »Ich muß nun aber
wirklich bald nach Hause,« sagte sie.
»Ich auch,« sagte er, die Uhr ziehend, »ich habe nämlich keinen
Urlaub. Aber hinbringen kann ich dich noch.«
Als sie aufgestanden waren, bot er ihr seinen Arm. Sie zögerte, den
ihren hineinzulegen.
»Deern, du bist aber auch noch gar zu albern,« rief er etwas
ärgerlich. »Wie sieht das aus, wenn wir so wie'n Paar Bauern
nebeneinander her toffeln! Unsere Köchin brauchte ich gar nicht erst
zu bitten.«
Da hakte sie scheu und zaghaft ein.
Sie schritten auf einem breiten, von Bäumen überdunkelten und von
Laternen erhellten Parkweg.
Auf einer Bank, die etwas zurück in schattigem Dunkel stand,
saß ein Soldat, der sein Mädchen im Arm hielt. Gerade als die
beiden vorübergingen, unterbrach ein Ton die Stille, über dessen
Entstehungsursache kein Zweifel bestehen konnte.
»Die verstehn's,« raunte Hermann seiner Begleiterin zu.
Sie erbebte leise. Wenn er nur sich so was nicht auch beikommen ließe!
Endlich langten sie vor ihrem Hause an. Hermann ergriff schnell ihre
Hand, drückte sie, daß sie hätte aufkreischen mögen, und ging mit
strammen Schritten davon.
Ein wenig enttäuscht blickte sie ihm nach. Ganz im stillen hatte sie
sich den Abschied doch etwas anders gedacht.
Langsam stieg sie die Treppe hinauf.
Nein, es war doch besser, daß er sie zum Abschied nicht geküßt hatte.
Daran konnte man sehen, daß er keiner von den Frechen war, gegen deren
Zudringlichkeit ein anständiges Mädchen sich wehren muß. Mit einem so
ruhigen, ordentlichen Menschen durfte sie getrost ausgehen. Dagegen
würde selbst Gerd nichts haben. Und wenn er sie dann auch eines Tages
mal küßte ... nun ja, ein Küßchen in Ehren soll niemand verwehren.
Unter solchen Gedanken hatte sie sich entkleidet und dabei öfters zu
dem Stück Nachthimmel über ihrem Dachfenster aufgeblickt. Das war von
tiefem Schwarzblau, und die Krone des hängenden Myrtenbäumchens, das
in diesen Wochen auch frisch getrieben hatte, hob sich scharf dagegen
ab.
Als sie sich hingelegt hatte, kam ihr des Hauptmanns Köchin in den
Sinn. Ob er die nicht doch ganz gern hatte? Ach was! Die Köchinnen,
die sie auf dem Wochenmarkt gesehen hatte, waren beinah alle alt,
dick und häßlich ...
Mit diesem Trost schlief sie ein.
* * * * *
Am andern Morgen kam ganz unerwartet Gerd, der auf dem Schlachthof ein
fettes Kalb abgeliefert hatte.
»Deern,« sagte er verwundert, »du siehst famos aus.«
»Es geht mir auch gar nicht schlecht,« gab sie mit lachenden Augen zur
Antwort.
Sie bewirtete den Bruder in der Küche mit einem Frühstück und saß ihm,
Kartoffeln schälend, gegenüber. Die Geschwister hatten sich längere
Zeit nicht gesehen, und sie berichtete, was inzwischen geschehen.
Fast mit den gleichen Worten wie gestern nachmittag im Ruderboot
erzählte sie von Krankheit und Tod des Kindes und schloß mit den
Worten: »Wie schrecklich nahe mir das gegangen ist, kannst du dir gar
nicht denken.«
Er blickte sie verwundert an, und als sie fertig war, sagte er
trocken: »Das wird wohl nicht so schlimm gewesen sein, du siehst mir
viel zu lustig dabei aus. Das Wischen an den Augen laß auch man sein,
Tränen bringst du doch nicht heraus.«
Leidchen erschrak.
Ja, sie hatte das alles nur so mit dem Munde hingeschwatzt, ohne das
geringste dabei zu fühlen. Sonst hatte sie jeden Morgen die kleine
Olga neu vermißt, aber heute bis eben, wo sie Gerd von ihr erzählte,
noch mit keinem Gedanken ihrer gedacht. Es war ihr auf einmal, als
hätte sie die traurige Geschichte vor zehn Jahren erlebt, oder als
wäre sie ihr nur als Kunde aus fremdem Mund zugekommen. So fern, so
gleichgültig war ihr über Nacht geworden, was gestern nachmittag noch
ihr Herz mit tiefem Schmerz und ihre Augen mit echten Tränen gefüllt
hatte. Sie schämte sich ein wenig vor sich selbst.
Als sie ihm dann vom Ende ihrer Freundschaft mit Meta Stelljes
erzählte, sprach er die Hoffnung aus, daß diese es mit einem
ordentlichen, ernsthaften Menschen zu tun haben möchte, und nicht mit
einem von den vielen, die so ein Mädchen nur zum besten hätten.
Leidchen stieß mit der Spitze ihres Pantoffels ärgerlich gegen seine
Transtiefel und sagte: »Du bist gar nicht zu bessern. Immer mußt du
von allen Menschen das Schlechteste denken.«