»Oh, das tut ihr doch wohl sacht. Nicht wahr, Leidchen?«

»Ja, gern.«

»Ha, die Deern kann wohl ja sagen, ich hab' die Quälerei davon. Es

geht flußaufwärts.«

»Wenn anders nichts ist ... ich löse dich mal ab. Also abgemacht, ich

fahr' mit euch.«

Gerd brummte noch etwas, aber man konnte es schon als Zustimmung

nehmen.

»Das wird ein Spaß,« sagte Leidchen und trommelte mit den Fingern auf

den Tisch. -- --

Die Nacht war still, kühl und voll funkelnder Sterne. Das Schiff zog

unter leisem Wellengeplätscher seine nebelverschleierte, mattglänzende

Bahn, Gerd stand und handhabte das Stangenruder.

Seine Fahrgäste saßen vor ihm auf der Segelbank. Was hatten die beiden

in den drei Stunden, seit sie den Torfhafen verlassen, nicht alles

zusammengeschwatzt! Es war rein zum Verwundern, wo sie noch immer

wieder Stoff hernahmen, und was sie aus den nichtigsten Dingen zu

machen wußten. Es hörte sich ganz nett an, und die Stunden waren ihm

beim Zuhören kurzweilig hingestrichen. Endlich schien es aber doch,

als ob den Plappermühlen der Wind ausgehen wollte. Und seit einigen

Sekunden standen sie wirklich still.

Plötzlich richtete Gerd sich auf, um mit angehaltenem Ruder vor sich

durch das Dunkel zu horchen und zu spähen. War das da drüben nicht ein

Geflüster? Und wo war Hermanns Hand geblieben, die vor kurzem noch auf

seinem Knie lag?

»Hermann!«

»Was ist los?«

»Hier hast du das Ruder. Komm und löse mich mal ab.«

»Ach Gerd, ich habe im Staken keine rechte Übung.«

»Was hast du mir versprochen? Oder willst du lieber hier in den Wiesen

aussteigen?«

»Man nicht gleich so grob,« brummte der Müller, sich langsam und

widerwillig erhebend.

Kaum hatte er den Platz des Schiffers eingenommen, als das Boot

seine Richtung verlor, dem Ufer zuschoß und sich in den raschelnden

Schilfwald bohrte. Bei den ungeschickten Versuchen, es loszubringen,

verfuhr es sich nur noch mehr. Im Schlaf aufgeschrecktes Sumpfgevögel

erhob sich mit schrillem Gekreisch und Flügelgeklapper, um klatschend

irgendwo wieder einzufallen.

Gerd, der neben seiner Schwester saß, rieb sich voll ingrimmiger

Schadenfreude die Hände zwischen den Knien und spottete: »Mich soll

bloß wundern, wo dieser Windmüller mit uns hin will.«

Leidchen stieß ihn an und sagte: »Er sitzt fest, hilf ihm doch wieder

heraus.«

»So war er schon in der Schule,« fuhr Gerd fort zu höhnen, »immer ein

Wort wie'n Bein dick, aber wenn man genauer zusah, nichts als Wind vor

der Hoftür.«

Endlich warf Hermann, der vergeblichen Anstrengungen müde, die schwere

Eichenstange in das Schiff, daß es dumpf durch die Nacht klang, und

setzte sich abgerackert und pustend auf den Bordrand.

»Wie so'n Mutterjunge gleich zusammenklappt!« spottete Gerd.

Leidchen gab ihm einen kräftigeren Stoß mit dem Ellbogen: »Zu! Stak'

du doch wieder!«

Da er keine Anstalt machte, stand sie selbst auf, nahm ein kürzeres

Handruder und sagte: »Komm, Hermann, ich helf' dir. Ich glaub', wir

sitzen auf einem Pfahl. Stemm' die Stange tüchtig ein, so ist's recht.

Eins -- zwei -- drei! Es hat sich schon bewegt. Noch einmal, feste.

Eins -- zwei --«

Auf drei wurde das Schiff frei, fiel Leidchen auf ihren Bruder,

stürzte der Müller über Bord. Es gab einen großen Plumps.

Gerd lachte schallend, dröhnend. »So ist's recht,« rief er, »ein

bißchen Abkühlung tut dir gut nach dem Freimarktsdusel.«

Als er seinem prustenden, klatschnassen Fahrgast aus dem sumpfigen

Schilfwasser ins Schiff zurückgeholfen hatte, fischte er auch das

Stangenruder heraus und brachte das Fahrzeug mit ein paar Stößen

wieder auf die Mitte des Flusses.

Leidchen kam mit dem Torflaken, das zum Schutz gegen Regen über die

Ladung gebreitet wird, um den Durchnäßten abzutrocknen. Dieser ließ

sich solche Fürsorge gern gefallen, gewann seine gute Laune schnell

zurück, und bald saß er, von Kopf zu Fuß in das Laken gehüllt, wieder

auf der Segelbank neben ihr und machte einen Witz über den anderen.

»Es wird kälter,« sagte Gerd, »leg' dich in die Koje, Leidchen, und

schlaf!«

»Mich friert gar nicht.«

»Hast du mich verstanden?«

»Ich lege mir noch ein Tuch um.«

»Du sollst verschwinden, hast du mich verstanden?«

»Aber Gerd,« mischte sich der Dritte ein, »wenn sie lieber ...«

»Wer ist hier Herr im Schiff? Leidchen, wird's bald?«

Er hob drohend das Stangenruder.

Da stand sie auf und ging trotzig aufstampfend nach vorn. Hermann, der

sich gleichfalls erhoben hatte, hielt ihr den Kojendeckel, bis sie

sich im knisternden Stroh zurecht gelegt hatte, wünschte Gute Nacht

und schloß behutsam über ihr. Dann legte er sich, in das Torflaken

gehüllt, auf den Boden des Schiffes. Gerd riet ihm, das Segel ein

wenig zu lösen und sich hineinzudrehen, was er sich nicht zweimal

sagen ließ; denn die nassen Kleider und die Kühle der Herbstnacht

machten sich unangenehm genug bemerkbar.

»Endlich Ruhe im Schiff,« murmelte Gerd und gab sich seinerseits dem

gewohnten, halbschlafähnlichen Dösen hin, mit dem er die Nachtstunden

auf der Hamme zu kürzen pflegte. -- --

»Guten Morgen, Gerd!«

»Guten Morgen. Schön geschlafen?«

»Prrr! Eine schändliche Kälte!«

»Das hast du dafür. Warum bleibst du nicht, wo du hingehörst?«

Nach einer Weile richtete der Fahrgast sich etwas auf und begann,

gegen die Segelbank gelehnt, von neuem:

»Gerd, ich möchte wohl mal ein vernünftiges Wort mit dir reden.«

»Da bin ich begierig.«

»Ich kümmere mich nicht gern um anderer Leute Sachen.«

»Mag auch ebensogut sein. Jeder hat genug mit seinen eigenen zu tun.«

»Ja, aber wenn des Nachbars Haus brennt, kann einer das doch nicht

ruhig mit ansehen.«

»Aber Mensch, nun sag', was du zu sagen hast!«

»Wenn ich meine ehrliche Meinung sagen soll, du fängst das mit

Leidchen nicht richtig an.«

»Nun hör' mal einer an!«

»Wenn du mir nicht zuhören willst, kann ich ja auch den Mund halten.«

Nachdem Gerd eine Strecke schweigend sein Schiff gestakt hatte, sagte

er zögernd: »Hermann, meinetwegen sprich dich mal rein aus.«

»Gerd,« begann der Müller, »ich hab' dich gestern immer wieder

angucken müssen. Auf dem Freimarkt werden sonst alte Brummpeter sogar

wieder lustig, aber du hast den ganzen Tag ein Gesicht gemacht, wie

ein Pott Sauermilch ... als ob du Leidchen das bißchen Vergnügen nicht

gönntest ... als ob sie dich jedesmal um Erlaubnis fragen müßte, wenn

sie mal lachen will. Wenn sie mich nicht gehabt hätte, hätte sie

ebensogut zu Hause bleiben können. Und vorhin hast du sie in die Koje

geschickt, wie ich unsern Hund nicht in seine Hütte jage. So könnte

man's vielleicht mit einer Schlafmütze von Deern machen, die knapp

weiß, daß sie lebt. Aber, glaube mir, ein Mädchen wie deine Schwester

läßt sich solche Behandlung auf die Dauer nicht gefallen. Wenn der

Fuhrmann die Zügel gar zu scharf anzieht, schlägt ein edles Pferd, das

Blut und Feuer in sich hat, über die Stränge.«

Gerd schwieg eine Weile, etwas betroffen. Dann sagte er: »Leidchen

weiß ganz gut, wie ich's meine.«

»Gewiß meinst du es gut,« fuhr der andere fort, »aber es geht nirgends

bunter her, als in der Welt, und die gute Meinung allein tut's da

nicht. Sieh, Leidchen hat Temperament und Rasse, und du bist von Natur

ruhig und solide. Da kannst du doch unmöglich verlangen, daß sie

genau so sein soll wie du bist. Das ist nicht jedem gegeben, mir zum

Beispiel auch nicht, aber darum kann unsereins doch ein ordentlicher

und anständiger Mensch sein.«

»Wie kommst du dazu, dies alles herzukriegen?«

»Das will ich dir ganz genau sagen: Leidchen ist 'ne kleine nette

Deern, die feinste in unserm ganzen Dorf. Es hat mir Spaß gemacht, ihr

mal den Freimarkt zu zeigen. Da tut es mir nun weh, daß immer so'n

Buhmann und Landgendarm hinter ihr her sitzt.«

»Hoho! Wenn sonst keiner hinter ihr her sitzt, soll's schon gehen.«

»Nichts für ungut, Gerd. Du wolltest ja, ich sollte mich rein

aussprechen. Du kannst deshalb doch machen, was du willst. Aber ich

wollte dies doch gesagt haben, weil ich es gut mit euch beiden meine.«

»Wir müssen jetzt aussteigen,« sagte Gerd, der inzwischen das Schiff

in den Graben gelenkt hatte und vor dem ersten Klappstau anlegte, »du

kannst Leidchen auch wecken.«

Hermann öffnete die Koje und rief sie beim Namen. Als sie langsam

hochkam, sagte er: »Deern, Deern, du kannst dich freuen, daß du den

warmen Unterschlupf gehabt hast. Mich hat jämmerlich gefroren.«

Sie sandte durch das dämmernde Grau der Frühe dem Bruder einen bösen

Blick zu, aber der andere fuhr fort: »Ein Bruder, der so fürsorglich

ist und an alles denkt, wie Gerd, ist gar nicht mit Geld zu bezahlen.«

Dann legte er sich vorne ins Tau und half kräftig, das Schiff die

vielen Staue hinaufzubringen.

Als sie bei der Mühle ankamen, legte er Leidchen das Seil über

die Schultern, gab den Geschwistern die Hand, man bedankte sich

gegenseitig, und er schritt seinem stattlichen Elternhause zu, indes

die beiden ihre Fahrt fortsetzten, sie in der Leine und ziehend, er

mit dem Ruder das Schiff vom Ufer haltend und schiebend.

Als sie eine Stunde später das Fahrzeug im Schauer geborgen hatten und

dem Hause zu gingen, sagte Gerd, mit einiger Überwindung: »Ich glaube,

ich bin ein bißchen unfreundlich und verdrießlich gewesen.«

»So? Wenn du das nur einsiehst!«

»Es wär' besser gewesen, wir wären unter uns geblieben.«

»Nun soll natürlich Hermann die Schuld haben!«

»Aber Mädchen, ich hab' ja kein Wort gegen ihn gesagt. Ich glaube

jetzt sogar, daß er im Grunde besser ist, als ich früher meinte. Das

heißt, so ganz traue ich ihm immer noch nicht ...«

Polli, der gelbe Fixköter, kam aus dem Hühnerloch neben der großen Tür

gekrochen und begrüßte die heimkehrenden Freimarktsfahrer mit Gebell,

Schwanzwedeln und Anspringen.

6.

An der Peperschen Stelle Nr. 18 haftete seit alten Zeiten die

Schankgerechtigkeit.

Klaus Hinrich Peper hatte sich aus dieser all seine Lebtage nicht viel

gemacht. Es war oft genug vorgekommen, daß er halbwüchsige Burschen

nach dem zweiten Glas heimschickte, weil sie nun genug hätten, und

daß die geistigen Getränke ihm gerade dann ausgingen, wenn die Gäste

anfingen, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Die ungebührlich

vorgehende Wanduhr führte die Polizeistunde stets viel zu früh herauf,

und doch wurde sie aufs pünktlichste innegehalten.

Dieses Unikum von Wirt war vor zwei Jahren Todes verblichen, und

sein Sohn und Erbe Heini hatte mit einem derart rückständigen und

unzeitgemäßen Betriebe des Wirtsgewerbes sofort gründlich gebrochen.

Es dauerte kein halbes Jahr, so war die große Lehmdiele mit glattem

Holzfußboden versehen, und die Polizeibehörde wurde mit Gesuchen um

Erlaubnis von Tanzbelustigungen bestürmt.

Aber der Herr Landrat machte neuerdings Schwierigkeiten, nachdem auf

der letzten Synode nicht nur die Geistlichkeit über die zunehmende

Vergnügungssucht im Bezirk geklagt, sondern auch ein alter Bauer

mit mächtiger Hakennase seine derbe, plattdeutsche Rede in den Ruf

hatte ausklingen lassen: »Landrat, werde hart!« Um sich an der

Kirche zu rächen, beschloß Heini, nicht mehr zum Abendmahl zu gehen,

und den Staat, der mit jener unter einer Decke spielte, wollte

er sein Mißfallen durch einen roten Stimmzettel bei der nächsten

Reichstagswahl fühlen lassen.

Was blieb einem strebsamen Wirt unter diesen Umständen anders übrig,

als Vereine zu gründen?

Aber damit bewies Pepers Heini -- der Kindername war ihm bis in sein

Mannesalter treugeblieben -- anfangs keine glückliche Hand. Die

Mitglieder des Kegelklubs »Gut Holz« waren halbwüchsige Bengels,

die viel Radau machten, aber leider sehr wenig verzehrten. Der

Radfahrerverein »Pfeil« entführte seine Leute in die Umgegend zur

Konkurrenz. Der Patriotismus wollte sich nicht auf Heinis Mühle leiten

lassen, weil die Krieger von Brunsode und Umgegend um seiner schönen

Augen willen das Miteigentumsrecht an dem Vermögen des Kriegervereins

im Kirchdorf nicht aufgeben wollten.

So saß Heini denn eines Abends mit seiner Frau Adeline, die

ebensowenig Lust zur Arbeit hatte wie er, aber um so lieber sich

putzte und mit den Gästen schön tat, wieder mal beratschlagend in der

Gaststube, als er sich plötzlich aufs Knie schlug und rief: »Deern,

wir versuchen's mal mit einem Gesangverein!« Sie redeten darüber hin

und her, wurden gutes Muts dabei und tranken auf das Wohl des neuen

Vereins: Frau Adeline einen Pfeffermünz, Heini zwei Klare und einen

Magenbitter.

Zwei Tage später war das Bauernmal vom Gemeindevorsteher entboten,

den Damm im unteren Dorf frisch zu besanden, wie es von Zeit zu Zeit

nötig ist, wenn Pferdebeine und Wagenräder nicht in dem moorigen

Dammkern versinken sollen. Ein Teil der Mannschaften grub den Sand

oben auf Stelle Nr. 19, wo er ziemlich hoch unter der Moorschicht saß,

andere schafften ihn in Torfbooten an den Damm, woselbst die übrigen

ihn auf Karren auseinanderschoben und mit Schaufeln ausbreiteten.

Dabei wurde mancher Mundvoll geschnackt, wie es bei Arbeiten für

die Gemeinde üblich ist. Harm Mehrtens, der Vorsteher, saß auf dem

Geländer einer Hofbrücke, schmökte seine Pfeife und führte die

Aufsicht.

Gerd Rosenbrock hatte gerad' seine Karre wieder einmal umgekippt, als

August Stelljes, der junge Bauer von Nr. 16, ihn ansprach:

»Gerd, sag' mal: hast du Begabung zum Singen?«

Der Gefragte stellte seine Karre hin: »Oh ... in der Schule hab' ich

die zweite Stimme ganz gut halten können.«

»Was meinst du, wenn wir hier auch so 'nen Männergesangverein

gründeten, wie sie ihn in Hasenwede und Grünmoor und Meinsdorf schon

lange haben?«

»Das wär'!« rief Gerd überrascht und erfreut. »Ich tret' auf der

Stelle bei.«

»Die Sache wird sich wohl machen, Pepers Heini hat gestern schon mit

dem Schullehrer gesprochen, und der hat auch wohl Lust,« fuhr August

fort. »Wer von euch im oberen Dorf mag wohl noch mittun?«

Gerd dachte nach und nannte einige Namen, versprach auch, mit diesem

und jenem darüber zu reden. Dabei schnackten sie sich so fest, daß

der Gemeindevorsteher zuletzt mit dem Mundstück seiner Pfeife auf

ihre Karren deuten mußte, damit sie ihre Arbeitspflicht der Gemeinde

gegenüber nicht ganz und gar vergäßen.

Niemand war über Heinis neuesten Plan glücklicher als Gerd Rosenbrock,

und er beschloß, alles aufzubieten, daß aus der Sache etwas würde.

Es kamen ja nun wieder die langen Winterabende. Für einen, der keine

Lust hatte, sich herumzutreiben, waren sie über die Maßen langweilig.

Da hockten sie in der Stube beieinander: Jan lag mit dem Kopf auf dem

Tisch und schlief, Trina flickte Kinderzeug, Leidchen spann, und er

selbst, Gerd, strickte Strümpfe oder schnitzte Wurststicken. Gegähnt

wurde viel, gesagt wenig und meist nur solches, was ebensogut ungesagt

hätte bleiben können. Jeder freute sich, wenn die Uhr endlich so weit

war, daß man mit Anstand ins Bett steigen konnte. Wenn da nun jede

Woche mal so einen Singeabend brächte ... Junge, Junge, das wäre fein!

Und sofort begann er zu werben, und alle, die er haben wollte, gewann

er auch für die Sache. Denn was er einmal betrieb, das betrieb er mit

einem Nachdruck, dem der Erfolg nicht leicht fehlen konnte.

Drei Tage später wurden von Nr. 18 aus Laufzettel die Dorfreihe

hinauf- und hinabgeschickt, die zur Gründungsversammlung eines

Männergesangvereins einluden und unterzeichnet waren: »Der

Einberufer.« Solche meist in köstlicher Orthographie abgefaßte

Oktavblättchen, die der Nachbar zum Nachbarn weiterzubefördern

gehalten ist, sind in Brunsode die ortsübliche Bekanntmachung.

Zu der auf dem Laufzettel angegebenen Stunde füllten an die dreißig

Stellbesitzer, Haussöhne und Knechte -- trennende soziale Unterschiede

kennt das Kleinbauerntum des Moores kaum -- Heini Pepers Gaststube

bis auf den letzten Platz und qualmten, priemten, spuckten für

Gewalt. Frau Adeline, hochbusig, von einem ölig glänzenden Haartempel

überragt, ein kokettes Lächeln im Gesicht, bediente den kürzlich

angeschafften Kohlensäureapparat, während ihr Heini, der sich so recht

in seinem Elemente fühlte, mit den Biergläsern sprang.

Endlich erscheint auch Herr Timmermann, bei dessen Eintritt die

ohnehin nicht sehr lebhafte Unterhaltung plötzlich wie abgeschnitten

ist. Er hat nämlich mit den Brunsodern noch keinen Scheffel Salz

gegessen. Nachdem man sich daran gewöhnt hat, daß er Urlaub nur in

Notfällen gibt und auf ruhm- und trostreiche Leichenpredigten als

nicht zu seinem Amt gehörig sich überhaupt nicht einläßt, gilt er der

Mehrheit aber doch schon als ein »anständiger Junge«, und einige,

denen es lieb ist, daß er die Jugend »schärfer lernt« als der selige

Lenz, halten ihn bereits gar für einen »alten ehrlichen Burschen«. Und

mehr kann einer wirklich nicht verlangen, der erst vor vier Jahren von

der Wasserkante her als Fremdling ins Land kam.

Auf Heini Pepers Ersuchen nimmt Herr Timmermann bald das Wort. Indem

er mit der langen, schmalen Hand die auf ihn zuwogenden braungelben

Tabakswolken zur Seite lenkt, spricht er seine Freude darüber aus,

daß der edle deutsche Volksgesang, diese wunderbare Blüte, aus der

Tiefe der deutschen Volksseele emporgeblüht, nun auch in Brunsode

eine Pflegstätte finden soll. Als ganz junger Lehrer würde er das

noch viel schöner und poetischer gesagt haben; die vier Jahre unter

den Bauern hatten ihn doch schon ein gut Teil sachlich schlichter

gemacht und seine Ausdrucksweise dem höheren Aufsatzstil entfremdet.

Er schloß seine Ausführungen damit, daß er sich bereit erklärte,

die musikalische Leitung des zu gründenden Vereins zu übernehmen,

allerdings unter der Voraussetzung und Bedingung, daß die regelmäßigen

Übungen in der Schule stattfänden.

Heini, der vorhin mehrere Male Bravo gerufen hatte, machte ein

langes Gesicht und sah seine Frau an, die ein dummes zur Schau trug.

Dann zwinkerte er mit seinen Fuchsaugen Freund August Stelljes zu.

Aber der war kein Redner und getraute sich nicht. Es blieb ihm also

nichts übrig, als selbst das Wort zu ergreifen. Was so die echte,

rechte deutsche Gemütlichkeit wäre, begann er, die käme in so einem

Schulzimmer mit seinen peinlichen Erinnerungen nicht auf, womit er

natürlich nichts gegen die Schule an sich oder den Herrn Lehrer

gesagt haben wolle. Aber die alten Deutschen hätten immer noch eins

getrunken, und die jungen Deutschen liebten einen guten Tropfen frisch

vom Faß ebenfalls, und das brauche er wohl kaum zu erwähnen, wie

leicht gerade beim Singen die Leber trocken würde.

August Stelljes und noch einige lachten, nickten und riefen Bravo,

Herr Timmermann zuckte die Achseln.

Eine ganze Weile sagte niemand etwas, nur im Flüsterton wurde hier

und da an den Tischen beraten, bis endlich Wilhelm Behnken Nr. 22,

den das Vertrauen des Dorfes zum Schulvorsteher, Beigeordneten des

Gemeindevorstehers und Kanalgeschworenen gemacht hatte, sich räusperte

und trocken erklärte, er stimme auch für die Schulstube; denn in einem

Gesangverein wäre nach seiner Ansicht das Singen die Hauptsache.

Jetzt war die Zeit gekommen, das Eisen zu schmieden, fiel es wie

eine Erleuchtung über Herrn Timmermann, er schnellte in die Höhe

und fragte: »Ist jemand gegen den Antrag des Herrn Schulvorstehers

Behnken?« Es erhob sich wohl ein Brummen, aber kein Finger. »Also

einstimmig angenommen. Wie wollen wir uns nennen? Ich schlage vor:

Männergesangverein Feierabend. Das klingt bescheiden und traulich

zugleich. Ich sehe, daß alle einverstanden sind. Wir schreiten nunmehr

zur Vorstandswahl. Ich erlaube mir vorzuschlagen: Herrn Wilhelm

Behnken als Präsidenten, Herrn Heini, pardon, Heinrich Peper als

Vizepräsidenten, meine Wenigkeit zum Dirigenten und Schriftführer.

Ferner Herrn Johann Segelken als Kassenwart, und endlich, damit auch

die jüngere Generation vertreten ist, was ich für wünschenswert halte,

Herrn Gerd Rosenbrock als Beigeordneten. Ist jemand gegen diese

Liste? ... Ich stelle fest, daß dies nicht der Fall ist und frage die

genannten Herren, ob sie die Wahl annehmen.«

»Zur Geschäftsordnung!« rief Heini Peper, mit ausgestrecktem Finger

vorspringend.

»Bedaure sehr, Herr Peper, eine Geschäftsordnung besitzen wir

noch nicht, können aber im Vorstand mal eine machen. Ich darf

wohl die Erklärung abgeben, daß der gesamte Vorstand, für das ihm

bewiesene Vertrauen dankend, die Wahl annimmt, und lasse jetzt

die Mitgliederliste herumgehen, in die ich Namen und Hausnummer

einzutragen bitte.«

Neunzehn der Anwesenden zeichneten sich sofort ein. Einige, denen als

Leuten mit etwas langer Leitung die Sache gar zu fix gegangen war,

wollten sich noch besinnen, andere hielten es für besser, erst ihre

Frauen zu fragen.

Die Ansichten über Lehrer Timmermann gingen diesen Abend auseinander.

Heini Peper meinte, er hätte die Leute wie Schulkinder behandelt,

und man wäre dumm genug, daß man sich so was gefallen ließe. Karsten

Brammer, der Dorfpolitikus, kratzte sich hinterm Ohr und sagte:

»Donnerschlag! Wenn der Reichstag solchen Präsidenten hätte, könnte

er was beschicken.« Gerd Rosenbrock war dem Lehrer für die ihm so

unerwartet zugeschanzte Ehre dankbar und mußte sich die nächsten Tage

öfter selbst warnen, daß er den Kopf nicht zu hoch trug. -- --

Einmal hatte Herr Timmermann den Vorstand zu einer Sitzung eingeladen,

und während die übrigen auf sich warten ließen, war Gerd auf die

Minute pünktlich erschienen. Da kamen die beiden ins Gespräch, und

es machte sich so, daß der Lehrer seinen Gast fragte, wie er seine

Abende zubrächte. Darauf konnte dieser nichts Rechtes sagen. Ob er

nicht Lust hätte, mal ein gutes Buch zu lesen, fragte der andere

weiter. Och ja, meinte Gerd, wenn er eins für ihn wüßte. Herr

Timmermann langte nach seinem Bücherbord und nahm einen Band heraus,

den er in ein Zeitungsblatt wickelte und, um freundliche Schonung

bittend, für den jungen Sangesbruder bereit legte. Gerd wunderte

sich wieder einmal über das Interesse, das der Lehrer seiner Person

entgegenbrachte, zumal er sich nie um den Mann gekümmert hatte und ihm

seit der Schulzeit eigentlich ganz aus der Kunde gewachsen war.

Das Buch, das er mit nach Hause trug und gleich nach Feierabend des

nächsten Tages zu lesen begann, hieß »Uli der Knecht«. Es machte ihm

anfangs einige Schwierigkeit, hineinzukommen. Aber bald schlug die

Geschichte des jungen Bauernknechts, der aus dumpfem, liederlichem

Leben sich langsam heraufgearbeitet, ihn in Bann. Und es dauerte nicht

lange, so fing er von vorne an und las das Buch seiner Schwester

vor. Auch Jan und Trina fanden bald am Zuhören Freude. Man hörte

auf, nach dem Bett zu gähnen, und blieb manchmal bis gegen halb zehn

beisammen. Und es waren schöne Abendstunden, wenn der Bauernfamilie

des niederdeutschen Moores sich das Bild oberdeutschen Bauernlebens

entrollte, wie der Pfarrer von Lützelflüh es in seinem Buche so

wundervoll farbig und kraftvoll gemalt hat. Man las und hörte die

Geschichte nicht bloß, man lebte sie mit, und jeder wählte sich einen

Helden, für den er gegen die anderen Partei ergriff. Jan hielt es als

Stellbesitzer mit seinem Namensvetter, dem Meister Johannes, während

er über Joggeli, den Bauern der Glungge, oftmals den Kopf schüttelte.

Trina trat für die gute Meisterin ein. Gerd stand natürlich auf seiten

seines Mitknechts Uli, dessen Torheiten er schmerzlich empfand, indes

sein langsames Aufsteigen ihn mit frohester Teilnahme erfüllte.

Leidchen paßten alle die Trinis, Ürsis, Stinis, Käthis, Elisis gar

nicht. Als aber das liebe Vreneli auf der Bildfläche erschien, fühlte

sie sich mit ihrer Heldin der ganzen Tischrunde überlegen und lachte

ihren Bruder aus oder machte Ätsch, wenn es sich wieder einmal zeigte,

daß Vreneli seinem Uli über war.

Und als sie mit »Uli dem Knecht« fertig waren, lieh Herr Timmermann

auch »Uli den Pächter« her.

* * * * *

Als der Verein im nächsten Herbst nach einer langen Sommerpause die

Übungen wieder aufnahm, stellte Heini Peper den Dringlichkeitsantrag,

schleunigst das erste Stiftungsfest zu feiern und die benachbarten

Vereine dazu einzuladen. Aber Herr Timmermann sprach mit

Entschiedenheit dagegen. Die Sänger könnten sich vor Fremden noch

nicht hören lassen, und ehe er sich mit dem Verein blamiere, würde

er lieber austreten. Man solle sich für dieses Jahr lieber mit

einer bescheideneren Feier begnügen; eine Christfeier zum Beispiel

würde im Dorf gewiß rechten Anklang finden. Die Abstimmung ergab

Stimmengleichheit für beide Anträge, so daß satzungsgemäß das Votum

des Präsidenten entscheiden mußte, das zugunsten des Lehrers fiel.

Zugleich stellte jener seine Diele als die geräumigste am Ort zur

Verfügung.

Es wurde nun wacker geübt, und der Eifer und die Begeisterung des

Dirigenten riß auch die anfangs Widerwilligen mit fort. Da der Lehrer

auch den Schulchor heranziehen wollte, um den Abend reicher zu

gestalten, war kaum ein Haus im Dorf, das nicht den einen oder anderen

Mitwirkenden stellte, und überall sah man der Feier mit freudiger

Erwartung entgegen.

Am Nachmittag des zweiten Advent waren die Töchter und Schwestern der

Sangesbrüder ins Schulhaus geladen, um unter Mariechen Timmermanns

Leitung Rosen und Lilien für den Christbaum anzufertigen. Als Leidchen

am Abend nach Hause kam, glühte sie selbst wie eine dunkelrote

Christrose. »Gerd,« rief sie freudig erregt, »ich und der Lehrer

wollen Weihnachtsabend ganz allein ein Lied zusammen singen, immer

umschichtig, 'n Duett nennt er das,« und sie sang ihm den Anfang ihres

Parts vor. »Deern, Deern,« sagte er ängstlich und doch auch erfreut,

»das willst du auf dich nehmen?«

Gerd, der es übernommen hatte, den Christbaum zu besorgen, mußte

mehrere Stellen, auf denen Sangesbrüder hausten, absuchen, bis er bei

der Stütze des zweiten Basses einen fand, der ihm schön und schlank

genug war. Wie er ihn die Dorfreihe entlang zu Wilhelm Behnken trug,

hatte er bald zwei Dutzend Kinder hinter sich. Auf Bitten des Lehrers

halfen er und Leidchen auch beim Schmücken des Baumes, und die beiden

Geschwisterpaare waren sehr vergnügt dabei.

Endlich war der von alt und jung ersehnte 24. Dezember da, es

schien aber, als hätten die Moorgründe sich gegen das Vorhaben der

Brunsoder verschworen. Denn die graugelben Nebel, die sie den ganzen

Tag heraufsandten, waren dick und zähe, und legten sich schwer auf

das Land und die Lungen. Wer mit Husten zu tun hatte, tat heute ein

übriges. Wer nachmittags um drei auf dem Brunsoder Damm ging, sah von

der Dorfreihe nichts und entdeckte die ihn säumenden Birken erst, wenn

er fast mit der Nase draufstieß. Aber um die Leute im Hause und der

Feier fern zu halten, hätten die Moornebel noch dreimal so dick und

schwer sein müssen.

Gegen halb vier fingen allerhand wunderliche Gestalten an, sich durch

den feuchtkalten grauen Dunst zu arbeiten, mit viel Gestöhne und

Gehuste, das zuweilen von einer kurzen Unterhaltung aus zahnlosem

Munde unterbrochen wurde. Es waren die Ältesten des Dorfes, gebückte

und verkrümmte Männlein und Weiblein, die ihren Torf seit Jahrzehnten

heraus hatten und ihre Tage hinter dem Ofen verdämmerten. Viele von

ihnen hatten noch nie einen brennenden Christbaum gesehen; denn in

die Häuser fand er erst neuerdings Eingang, und eine kirchliche

Christvesper, wie sie in den Geestdörfern üblich war, wurde in der

über Quadratmeilen zerstreuten Moorgemeinde nicht abgehalten. Da

wollten sie nun heute die gute Gelegenheit wahrnehmen, und bereits

eine gute Stunde vor Beginn der Feier wankten sie an Stöcken und

Krücken, zum Teil auch mit glimmenden Feuerkieken zur Erwärmung der

Füße versehen, Behnkens Diele zu, um ihrer hart gewordenen Ohren und

schwachen Augen wegen die vordersten Bankreihen zu besetzen.

Bald darauf koppelte sich die Schuljugend auf dem Damm. Die Eltern

hatten das unruhige Völkchen gern vor der Zeit hinausgeschickt, um bei

dem letzten Rüsten auf die Festtage die Füße frei zu haben. Fröhlich

klangen die jungen Stimmen durch den Nebel. Ein paar übermütige

Jungens machten sich einen Spaß daraus, plötzlich aus der Dunsthülle

hervorzuspringen und die Mädchen zu erschrecken, die dann hell

aufkreischten, lachten oder schimpften, je nach Gemütsart.

Was in den rüstigen Arbeitsjahren zwischen goldener Kinderlust und

silbernem Greisenschmuck stand, stellte sich erst kurz vor fünf Uhr

ein, als schon der Abend die Nebelmassen dunkelte. Väter und Mütter

trugen ihre Jüngsten auf dem Arm oder ließen sie neben sich her

puddeln. Die Sangesbrüder waren als die Helden des Tages leicht an dem

festen, selbstbewußten Schritt zu erkennen.

Vor drei Jahren, als Behnkens Jan einheiratete und über hundert Haus

zur Hochzeit geladen waren, hat die große Diele viel Gäste gesehen,

aber heute sind's sicher noch weit mehr. Ein paar Bettlägerige und die

Allerkleinsten mit ihren Wärtern abgerechnet, ist das ganze Moordorf

beieinander und wartet der kommenden Dinge. Man sitzt auf Brettern,

die über hochgekippte Torfgleise gelegt sind. Für die Bejahrtesten

sind Stühle gestellt, damit sie die schwachen Rücken anlehnen können.

Die halbwüchsige männliche Jugend hat die Hillen über den Kuhställen

erstiegen und läßt zwischen den Hühnernestern die allzeit unruhigen

Beine herunterbaumeln. Die Sänger nehmen das Flett ein: rechts der

Verein »Feierabend«, links der Kinderchor. Zwischen ihnen, über der

ehemaligen Herdstelle -- vor der letzten Hochzeit ist eine Küche mit

Sparherd eingebaut worden -- ragt der Christbaum bis dicht unter die

rußgeschwärzte sodglänzende Decke, noch von Dämmerdunkel umwoben, aber

mit verheißungsvollem Funkeln im Gezweige. Die Nebelschwaden, die

mit den Menschen eindringen, irren umher, ballen sich zusammen und

umziehen drohend die paar Hängelampen, die hier und da kläglich durch

den Dunst glimmen.

Aber mögen die Moornebel heut' noch so mächtig sein, hier drinnen

sollen sie nicht zur Herrschaft gelangen. Ein Licht flammt auf, noch

eins, und viele, und mit ihnen erglühen Rosen und Lilien ohne Zahl in

den Zweigen des zu seiner vollen Pracht erblühenden Wunderbaumes. Da

werden Hunderte von Augen weit und groß, alte und junge, helle und

trübe, kalte und warme Augen; Augen, die von nichts wissen als von

stumpf machender Mühe und Sorge, und Augen, die einem verborgenen

Leben des inwendigen Menschen leise Zeugnis geben und heimlich in eine

andere Welt zu schauen gelernt haben. Ein Paar solcher Augen hat die

achtzigjährige Anntrin Gerken, vorn rechts im Lehnstuhl. Zum Sehen

sind sie nicht mehr viel wert, aber schauen -- das können sie besser

denn je, und wohl am besten von all den Augen, in denen sich heut'

abend der Lichterbaum spiegelt.

»Tack, tack, tack.« Herr Timmermann, in schwarzem Gehrock und weißer

Binde, schlägt mit seinem Stöckchen gegen eine Stuhllehne. Die Männer

erheben sich wie ein Mann, mit Räuspern die Liederkehlen nachputzend

und Atem auf Vorrat schöpfend. Das Stöckchen wippt, steigt, senkt

sich, da bricht es los mit Donnergewalt: »Es ist ein Ros entsprungen,

aus einer Wurzel zart.« Herr Timmermann hebt beschwörend die Hände,

sendet drohende und flehende Blicke, zischt: +piano!+ -- es

hilft alles nichts. Das Lampenfieber vor dem ersten öffentlichen

Auftreten weicht nur der Gewalt, und so braust das zarteste aller

Weihnachtslieder daher wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und

Wogenprall. -- Das Fortissimo hat aber auch sein Gutes. Selbst die

Taubsten in den vorderen Reihen, die ihre großen Handmuscheln als

Schalltrichter hinter die Ohren gesteckt haben, bekommen etwas zu

hören.

Herr Timmermann tritt vor dem Christbaum zu seiner jungen Schar

hinüber, die ihn mit hellen, frohen Augen ansieht, und rein und süß

erklingt es: »Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all.« -- Der

Pastor in Grünmoor kann morgen noch so schön predigen, die Brunsoder

Frauen und Mütter wird er doch nicht so erbauen, wie's dieser Gesang

ihrer Kinder tut.

So wechselt Lied um Lied aus Männerkehlen und Kindermund, bis

Herr Timmermann mit dem Stöckchen klopft und verkündigt: »Keine

Weihnachtsfeier ohne die liebe, alte Weihnachtsgeschichte. Hannchen,

das jüngste Kind unseres Präsidenten und freundlichen Gastgebers, wird

sie uns erzählen.«

Ein Alter auf der ersten Bank faltet die zitterigen Hände und

erhebt sich, nach und nach folgt die ganze Versammlung seinem

Beispiel. Inzwischen ist Hannchen, eine dralle Dickersche, mit

kugelrunden braunroten Backen und geölt glänzendem Blondhaar, auf

einen Binsenstuhl geklettert, setzt dem Dorf ein artiges Knickschen

hin und beginnt, indes hinten in Vaters Stall eine Kuh brüllt, die

Geschichte vom Stall zu Bethlehem. Sie macht ihre Sache sehr brav,

und Mutter Behnken wischt sich Freudentränen aus den Augen. Vor zwölf

Jahren, als Hannchen so gar spät hinter den Geschwistern ankam,

und Jan, auf Weihnachtsurlaub zu Hause erscheinend, beim Anblick

dieser unerwarteten Christbescherung sein Gesicht lang zog, hat sie

sich ihrer ein wenig geschämt. Aber heute ist sie stolz auf ihr

Nesthäkchen, und ihrem Ältesten, der selbst schon ein Kindchen auf dem

Arm hat, sieht sie es an, daß er's auch ist.

Als Hannchen vom Stuhl zur Erde gesprungen ist, tritt Vater Behnken

vor, einen tuchbedeckten länglichen Gegenstand im Arm, dem sich alle

Hälse entgegenrecken. Die Hülle fällt, ein Regulator funkelt im

Weihnachtslicht und wird dem verwundert dreinblickenden Lehrer auf

die Arme gelegt. Der steht erst einen Augenblick starr, um dann seine

Stimme zu erheben: »Meine lieben Sangesbrüder! Ich weiß nicht, was

ich sagen soll. So haben Sie mich mit Ihrem prachtvollen Geschenk

überrascht und erfreut. Wie soll ich das nur wieder gutmachen? ...

Nun, ich verspreche Ihnen hier unter dem brennenden Christbaum, daß

ich mit erneuter Freudigkeit meines Amtes als Ihr Dirigent walten

werde, und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß unser Männergesangverein

›Feierabend‹ je mehr und mehr sich als eine wirkliche Bereicherung

unseres dörflichen Lebens erweisen wird und dem Dorf noch manche

schöne Stunden, wie die heutigen, schenken möge. In diesem Sinne nehme

ich die Gabe mit herzlichem Danke an. Aber nun fahren wir mit unserer

Feier fort. Bitte, der Männerchor!«

Endlich kommt auch die Reihe an Leidchen Rosenbrock. Sie sitzt

wohlgeborgen zwischen ihren Freundinnen, aber ums Herz herum ist

ihr bänglich und beberig wie nie zuvor, nicht einmal vor der

Konfirmandenprüfung vor bald zwei Jahren. Herr Timmermann gibt ihr ein

Zeichen mit den Augen, und wie das nicht hilft, mit der Hand. Da rafft

sie allen Mut zusammen und tritt vor, verwundert, daß die Beine, die

sich wie Stöcker fühlen, sie tragen.

Nun steht sie unter dem Tannenbaum, spürt die würzige Wärme auf ihren

glühenden Wangen, läßt ihre flimmernden Augen über das Köpfemeer vor

sich irren, fühlt das Herzchen bis in den Hals hinauf klopfen. Wird

sie überhaupt einen Ton über die Lippen bringen?

Ihr Partner blickt sie ermutigend an und singt ihr seine Frage zu. Und

sie bleibt ihm die Antwort nicht schuldig. Zwar kommt sie ein wenig

hastig und stoßweise, aber sie kommt. Das nächste Mal klingt's schon

freier. Und im Wechselgesang geht's zwischen den beiden hin und her,

immer froher, immer jubelnder, bis auf einmal Herr Timmermann sich

herumwirft, beide Hände hoch erhoben, und nun die beiden Chöre mit

einem »Ehre sei Gott in der Höhe« einfallen.

Leidchen hat ihren alten Platz wieder eingenommen. Die Nachbarin links

krault ihr das Knie, die zur Rechten streichelt ihren Arm, eine Frau

klopft ihr von hinten auf die Schulter. Wie sie aufblickt, sind die

Augen fast aller Sangesbrüder auf sie gerichtet. Mariechen Timmermann

nickt ihr zu. All diese Huldigung geht ihr ein wie feuriger, süßer

Wein. Es kommt wie ein Freudenrausch über sie ...

Die letzten Lieder verklingen, indes die Lichter sacht niederbrennen

und flackernd erlöschen, und die Türen öffnen sich in die stickdunkle

Nebelnacht hinaus.

Leidchen wollte eben das Haus verlassen, als jemand sie am Arm

festhielt. Es war Mariechen Timmermann, die ihr zuflüsterte, es wäre

mit Gerd abgemacht, daß sie beide noch für eine Viertelstunde mit

hinübergingen. Und schon hatte das zierliche Persönchen sich in ihren

Arm gehängt und zog sie mit sich fort.

Als Gerd und der Lehrer ihnen nach einer Weile ins Schulhaus folgten,

war der Tisch schon gedeckt, und bald saßen die vier beim Abendbrot,

das aus mancherlei Wurst vom selbstgemästeten Schwein bestand, wozu

eine Kaffeekanne süß duftende Schokolade spendete. Leidchens feine

Nasenflügel flogen; denn sie liebte Schokolade sehr, hatte aber noch

nie welche in flüssigem Zustande zu sich genommen.

»Genötigt wird bei uns nicht,« erklärte das Hausmütterchen

nachdrücklich, aber die Gastgeber mußten sich doch bald zu des Landes

Brauch bequemen. Denn wenn Leidchen auch ungebeten ganz wacker

zulangte, so machte Gerd um so größere Schwierigkeiten und gab der

Schwester mit den Augen heimlich Zeichen, daß sie nicht gar so frei

und frech sein sollte. Er schämte sich ihrer fast ein wenig.

Als sie ihre Tasse hinhielt, um sie zum drittenmal füllen zu lassen,

griff er kurz entschlossen über den Tisch, stülpte sie um und sagte:

»Besten Dank, sie hat nun wohl genug.«

Mariechen sah ihn groß an.

»Kälber und Kinder Maß müssen alte Leute wissen,« erklärte er trocken.

»Hören Sie mal, Rosenbrock,« rief Mariechen verwundert, »Sie treiben

Ihre Vormundschaft aber etwas weit.«

»Ja, ja,« stimmte Leidchen aus vollem Herzen zu, »ist gut, daß Sie ihm

das auch mal sagen. Mir glaubt er's ja doch nicht.«

»Zur Strafe trinken Sie auch noch eine Tasse,« verfügte Mariechen, und

es war schon zu spät, das Unglück noch zu wenden. Arg mußte er sich

mit dem für seinen Geschmack viel zu süßen Zeug quälen.

Als die Lehrersleute dann auf einmal verschwunden waren, meinte Gerd,

sie müßten nun wohl nach Hause gehen. Aber seine Schwester lachte ihn

aus und sagte: »Mensch, es fängt doch erst an! Hör', wie die beiden da

nebenan es wichtig haben!«

Er seufzte und wünschte sich lebhaft nach Hause. Das Ungewohnte

bedrückte ihn.

Plötzlich erklang im anderen Zimmer ein Klavier, die Tür öffnete sich,

und der Lichtglanz eines bunt geschmückten Christbaumes funkelte

ihnen entgegen. Und schon hatte Mariechen ihre Gäste am Arm genommen

und schob sie vor sich her in die Weihnachtsstube, wo man sich um

das Tafelförmige stellte und zu seinem etwas blechernen Klang »O du

fröhliche« anstimmte.

Nachdem der Lehrer und seine Schwester die gegenseitigen kleinen

Geschenke besehen und bewundert hatten, machten sie sich voll

freudiger Erwartung über das Paket aus dem Elternhause her. Da gab's

erst lauten Jubel, und dann saßen die beiden eng aneinandergeschmiegt

und lasen, sich umschlungen haltend, die Weihnachtsbriefe.

Gerd saß indessen stocksteif und regungslos vor dem Teller, den man

für ihn mit Äpfeln und Nüssen gefüllt hatte, und sah ernst vor sich

hin. Da nahm Leidchen auf einmal seine Hand, und als er aufblickte,

verriet ihm ein feuchtes Schimmern in ihren Augen, daß ihre Gedanken

denselben Weg genommen hatten wie die seinen. Darüber war er sehr

froh, und drückte mit Wärme ihre Hand, ließ sie dann aber schnell los,

um den anderen seine Gefühle nicht zu verraten.

Als diese mit dem Auspacken und Brieflesen fertig waren, wandten

sie sich wieder an ihre Gäste, wobei sie eine Liebenswürdigkeit

entwickelten, bei der dem jungen Moorbauernknecht schwül und bange

wurde. Er wußte nicht, was er sagen und wohin er sehen sollte, während

seine Schwester sich schnell in die Situation fand, ihr Silberlachen

klingen ließ und durch ihre freudeverklärte, jugendfrische

Lieblichkeit immer wieder die Augen auf sich zog. Die echte

Herzlichkeit, die man ihnen entgegenbrachte, bewirkte jedoch, daß

endlich auch Gerd anfing sich freier zu fühlen, und zuletzt lächelte

er gar leise vor sich hin, wie er nur tat, wenn ihm so recht von innen

her wohl war.

Mariechen Timmermann war groß in hübschen Einfällen, die ihr plötzlich

zu kommen pflegten und dann sofort ausgeführt werden mußten. »Wollen

mal einen Weihnachtsreigen machen,« rief sie auf einmal, gab Gerd und

Leidchen die Hände, ihr Bruder schloß den Ring, und so umschritten die

vier den Tannenbaum, indem sie dazu sangen: »O Tannebaum, o Tannebaum,

wie grün sind deine Blätter!« Als das Lied aus war und der Reigen sich

auflöste, nahm der Hausherr sein Schwesterchen in den Arm und gab ihm

einen schallenden Kuß. Gerd erschrak und sah diskret zur Seite; denn

solche Zärtlichkeit berührte sein Empfinden fremd und peinlich. Aber

auf einmal drängte ein junges, warmes Ding sich an ihn, und ehe er

etwas dagegen tun konnte, hatten ein paar frische rote Lippen sich

auch auf seinen Mund gedrückt. »Aber Leidchen!« murmelte er entsetzt

und suchte sie beiseite zu schieben, es half ihm alles nichts, sie

schmiegte sich um so fester in seine Arme und lächelte übermütig das

andere Pärchen an, und Mariechen rief: »Rosenbrock, Sie alter Bär,

machen Sie doch nicht ein Gesicht, als ob der Ziegenbock Sie gestoßen

hätte, seien Sie mal'n bißchen nett mit Ihrer kleinen Schwester!« Da

überwand er sich, zu lächeln.

»Was meinen Sie, Gerd,« fragte Timmermann, »ob wir unsere süßen Deerns

noch lange behalten? Oder ob schon bald so'n Schlingel kommt und sie

uns aus den Armen wegholt?«

»Das hat wohl noch gute Weile,« meinte er.

»Nee, nee,« rief Mariechen, »er soll bald kommen, ich bin schon

vierundzwanzig.«

»Hm, hm. Dann wird's freilich bei kleinem Zeit, ich hab' auch bloß an

Leidchen gedacht; denn im Durchschnitt wird hier im Moor viel zu früh

geheiratet.«

»Ach was, jung gefreit, hat noch niemand gereut.«

»Das hat schon manchen gereut,« versetzte Gerd ernsthaft und schickte

sich an, Beispiele zu bringen.

Aber seine gralläugige Widersacherin lachte ihm ins Gesicht:

»Rosenbrock, Sie reden ja genau wie'n Pastor,« und Leidchen klatschte

in die Hände und jubelte: »Das ist recht, daß Sie's ihm heut' abend

mal ordentlich sagen. Mir glaubt er ja doch nicht.«

»Na, Otto,« rief Mariechen, die sich nicht gern zu lange bei einer

Sache aufhielt, »nun spiel' uns mal einen Walzer, ich will mal eben

mit Leidchen herumtanzen.« Er setzte sich vor das Klavier und begann

zu hämmern, und die beiden Mädchen schwebten zärtlich verschlungen

mit lachenden Augen durch den etwas engen Raum, indes die Brüder mit

freudigem Stolz ihren Bewegungen folgten und frohe Blicke wechselten.

Dann trat Mariechen mit zierlicher Verbeugung vor Gerd hin, ihn

zu einem Tänzchen auffordernd. Er schüttelte den Kopf, wurde rot,

wollte böse werden, aber sie ließ nicht locker, und so mußte er

schließlich mit, und sogar als Dame, wobei er einen Stuhl umriß,

während Leidchen, die Hände in den Seiten, über den hölzernen Tänzer,

der so verzweifelte Gesichter schnitt, sich totlachen wollte. Darauf

drängelte Mariechen ihren Bruder vom Klavierbock, begann selbst auf

die Tasten zu trommeln, und er mußte mit Leidchen antreten. Das gab

ein schmuckeres Paar, und sie tanzten auch ein Weilchen länger als die

vorigen.

Und dann saßen die beiden Geschwisterpaare wieder um den Tisch,

knackten Nüsse, aßen Vielliebchen, rieten Scherzrätsel, spielten

Dichterquartett, der Hausherr las ein hübsches Weihnachtsgeschichtchen

vor, das er irgendwo gefunden hatte, und so enteilten die Stunden aufs

angenehmste. Gerd, der nachgerade völlig aufgetaut war, wußte dem

kleinen Racker, der es nicht lassen konnte, ihn aufzuziehen, jetzt

ganz gut zu dienen und hatte öfters die Lacher auf seiner Seite.

Mitternacht war längst vorüber, als die beiden Gäste endlich

losgelassen wurden und den Heimweg antraten. Leidchen hing sich in den

Arm des Bruders und sagte, indem sie den Damm dahinschritten: »Junge,

Junge, heut' haben wir mal Weihnachten gefeiert! So vergnügt hab' ich

dich noch nie gesehen. Von den beiden kannst du lernen, wie Bruder und

Schwester miteinander umgehen sollen.«

Gerd antwortete nichts darauf.

Nach einer Weile legte er den Arm fest um sie und sagte: »Leidchen,

mit Worten und Zärtlichkeiten kann unsereins nicht so kramen wie

solche Leute. Aber nicht wahr? Wir wissen auch so, was wir aneinander

haben. Meinst du nicht auch?«

»Ach ja, das wohl ...«

»Und das ist die Hauptsache, Kind. Aber ich will dir gern zugeben, von

den beiden kann einer auch in solchen Dingen allerlei lernen. Bloß

nachmachen darf unsereins ihre Art nicht. Der Bauer muß Bauer bleiben,

sonst ist er überhaupt nichts.«

»Fängst du schon wieder an zu predigen?« rief sie und kniff ihn leicht

in den Arm.

Sie schwiegen jetzt beide und schritten, still gewordener Freude voll,

Arm in Arm und einer der Nähe des andern in tiefster Seele froh,

langsam durch die Stille, in die nur zuweilen das Rieseln des nimmer

ruhenden Wassers um ein Klappstau leise hineingluckerte, durch die

heilige Weihnacht, die den Atem anzuhalten schien, wie um aus seligen

Fernen raunender Botschaft zu lauschen.

7.

Nachdem die Brunsoder wieder einmal Torf, Heu, Roggen und Kartoffeln

geerntet, sieben Dorfgenossen zu Grabe und neun zur Taufe geleitet,

vier grüne Hochzeiten nebst zwei silbernen und einer goldenen gefeiert

hatten, war wieder ein Jahr herum.

Es war ein Abend zwischen Weihnachten und Neujahr, Rosenbrocks

saßen in der Stube beieinander, Jan las die neueste Nummer der

Hamme-Zeitung, die er soeben dem Kästchen an der Hofbrücke entnommen

hatte, in die der Austräger sie zu stecken pflegte. Er begann

regelmäßig mit den Ferkeln, Faselschweinen, Quenen, Starken und

anderem Hausgetier, das auf den letzten Seiten sein Wesen trieb;

auch ins Lokale warf er wohl mal einen Blick, zum Politischen und

Allgemeinen drang er selten vor.

Plötzlich fing er an zu knurren und brummte vor sich hin: »Die

vermuckten Jungens!«

Die anderen blickten neugierig auf, er aber schob die Zeitung zu

Leidchen hinüber, indem er mit dem Finger in die untere Ecke der

dritten Seite deutete.

Sie beugte sich hastig über das Blatt, und indem sie las, färbte eine

lebhafte Röte ihr die Wangen, und der Atem ging schneller. Gerd, der

auf der anderen Seite des Tisches saß und aus Zigarrenholz einen

Kammkasten schnitzte, beobachtete sie verwundert, fragte aber in

gleichgültigstem Tone: »Was hast du da?« »Rat' mal!«

»Da geb' ich meinen Kopf nicht zu her.«

»Ich steh' hier gedruckt!« rief sie mit glänzenden Augen.

»So? Lies mal vor!«

Sie schob die Ellbogen auf den Tisch, hielt das Blatt unter die

Hängelampe und las, langsam, in geziertem, feierlichem Ton:

»Fräulein Leidchen Rosenbrock, der feinsten Deern im Dorf, zu

ihrem am 29. Dezember stattfindenden siebzehnjährigen Wiegenfeste

ein donnerndes Lebehoch, daß die Birken sich biegen und die ganze

Dorfreihe wackelt. Wir stellen uns alle ein. Ob sie sich wohl was

merken läßt?

Die böbersten Brunsoder Jungs.«

»Die könnten ihr Geld auch besser anwenden als zu solchem Narrenkram!«

brummte Gerd, und der Bauer und die Frau nickten zustimmend. Aber das

durch das Inserat geehrte Geburtstagskind zog die schwellenden roten

Lippen kraus und sagte schnippisch: »Für'n guten Spaß muß auch mal'n

Groschen übrig sein. Morgen geh' ich hin und lad' mir die Spinners

ein, bin ja doch an der Reihe. Und was ich für die Jungs brauche,

bring' ich gleich mit. Jan, gib mir fünf Mark von meinem Lohn!«

»Aber Deern!« rief Gerd erschrocken.

Sie blickte ihn fest und entschlossen an. »Was sein muß, das muß sein.

Die Jungs sollen bei mir ebensogut ihr Recht haben wie anderswo. Ich

komm' übermorgen schon in mein achtzehntes und bin kein Kind mehr.

Jan, her mit dem Geld!«

Jan zögerte noch.

»Wem gehört das Geld, das ich mir verdient habe?« fragte sie spitz,

»mir oder dir?«

Endlich rückte er mit einem Taler heraus, und da auch die anderen

erklärten, das wäre überleidig genug, gab sie sich zufrieden.

Das Glückwunschinserat schnitt sie aus und klebte es mit Mehlkleister

fein säuberlich in ihr Poesiealbum.

* * * * *

Leidchen, die seit kurzem mit zum Spinnen ging und heute, an ihrem

Geburtstag, das Koppel zum erstenmal bei sich haben sollte, hatte die

Stube geschrubbt, zurecht gekramt und mit feinem weißen Sand gestreut.

Nun saß sie am Fenster und erwartete die Mädchen. Vor ihr stand das

Spinnrad, auf dem schon ihre Mutter als junges Mädchen gesponnen

hatte. Es war kürzlich für sie aufrepariert und in frischem Rot

gestrichen; das grüne Wockenblatt trug die Inschrift: »Schönes Mädchen

mit dem Rädchen, spinn um mich das Liebesfädchen.«

Sie hatte das Reich heute allein. Jan und Trina waren nach Mittag, um

dem jungen Volk aus dem Wege zu gehen, zum Besuch der Freundschaft

nach Meinsdorf aufgebrochen, Gerd machte eine Schlittschuhfahrt über

Land, und die Kinder spielten auf der Nachbarschaft.

Die Spinnerinnen ließen auf sich warten, und voll Ungeduld trat sie

auf den Hof hinaus, um den Fußpfad, der sie herführen sollte, entlang

zu spähen. Da hörte sie Stimmen, sah die hoch in den Armen getragenen

Spinnräder über dem Buschwerk schwanken, und huschte wie ein Wiesel

ins Haus zurück.

Die Mädchen reinigten ihre Füße auf dem ausgedienten Handmühlstein,

der als Tritt vor der Seitentür lag, und traten dann auf das Flett, wo

das Geburtstagskind sie empfing und ihre Gratulationen entgegennahm.

Und bald saßen die Spinnerinnen, ihrer acht, im Halbkreis vor den

roten, bunt gekrönten Rädern, die sofort ein lustiges Schnarren

begannen, mit dem die Mundwerke, als sie erst einmal im Gang waren,

erfolgreich wetteiferten.

Die meisten hatten am zweiten Weihnachtstag bei Heini Peper getanzt,

und da war nicht viel los gewesen. Aber um so mehr wußten Anna

Schnackenberg und Minna Siedenburg zu erzählen, die den Weihnachtsball

im Kirchdorf mitgemacht hatten, wo's mal wieder hoch hergegangen war.

Ein Besendorfer hatte einem Hasenweder auf den Fuß getreten, und

da hatte es sofort eine tolle Schlägerei zwischen den Jungens der

seit alters verfeindeten Dörfer gegeben, wobei die aus den anderen

Ortschaften teils diesen, teils jenen beigesprungen waren. Die

Mädchen hatten sich kreischend auf Tische und Stühle geflüchtet, dem

Gendarm, der Frieden stiften wollte, war ein Bierseidel hart am Kopf

vorbeigeflogen, er hatte aber eine ganze Menge aufgeschrieben, die

nun gewiß nach Verden mußten, und der Doktor hatte in der Nacht drei

flicken müssen.

Es war Minna Siedenburg, die als Augenzeugin hiervon berichtete und

mit dem Seufzer schloß: »Die Jungens sind auch gar zu wild und hitzig.«

»Und dein Jakob ist der allerschlimmste,« sagte Anna Schnackenberg.

Minna lächelte stolz verschämt und duldete es gern, daß Anna ihres

Jakob Heldentaten ins helle Licht stellte, was selbst zu tun ihr die

Bescheidenheit nicht erlaubt hatte.

Von diesem Weihnachtsvergnügen kam das Gespräch auf die Söhne des

Dorfes, die zurzeit den bunten Rock trugen. Zwei standen bei den

Fünfundsiebzigern in Bremen. Der eine, Jan Monsees, gehörte mit

zum Koppel, und man erwartete ihn diesen Abend mit den anderen

Jungens. Der andere, Müllers Hermann, war erst im Herbst eingetreten

und jetzt zum erstenmal auf Urlaub. Er wäre der hübscheste und

strammste Jungkerl im Dorf, wollte jemand behaupten, aber es wurde

auch lebhafter Widerspruch dagegen laut, und man sprach von ihm als

von einem, der eigentlich zum Jungvolk des Dorfes nicht recht mit

dazu gehörte, da er eben der Sohn des reichen Müllers war und die

Jahre seit der Schulentlassung in der Fremde zugebracht hatte. --

Drei Brunsoder verteidigten fern im Osten die Reichsgrenze gegen

die Russen, die Ärmsten hatten diesmal keinen Urlaub bekommen. Man

bedauerte sie und schalt auf die Heeresverwaltung. Thyra Kück, die

Tochter des Schriftführers im Verein »Junghannover«, meinte, zu

hannoverschen Zeiten hätten die Soldaten die Heimat näher gehabt,

Deutschland wäre jetzt viel zu groß, woraufhin Dele Meyerdierks,

deren Vater zum Kriegerverein gehörte und nationalliberal wählte,

es für ihre Pflicht hielt, für des Vaterlandes Größe eine Lanze zu

brechen. Als die Festung Thorn genannt wurde, kam Leben in Beta

Mohlbrock, die sonst nicht viel sagte. Sie hatte dort einen Cousin,

einen Luftikus und Aufschneider, dessen Windbeuteleien außer ihr

kein Mensch ernst nahm. »In Thorn«, begann sie, sich wie vor Frost

schüttelnd, »ist es beinah so kalt wie am Nordpol. Auf Wache ziehen

sie immer drei Mäntel übereinander an, und doch finden sie am anderen

Morgen oft genug welche totgefroren auf ihrem Posten. Zuweilen brechen

auch Rudel ausgehungerter Wölfe über die russische Grenze, oder ein

Bär kommt leise auf den einsamen Wachtposten zugeschlichen, und wehe

dem Mann, der da nicht ruhig Blut behält und schlecht schießt. Aber

Georg hat die Schützenschnur, und an seiner Uhrkette trägt er den

blankpolierten Backenzahn von einer alten Bärenmutter, die er mitten

in der Nacht, als sie ihn gerade in die Arme nehmen wollte, mitten

durchs Herz getroffen hat« -- Minna Siedenburg machte huh -- »Es ist

aber ganz gewiß wahr, Minna, Georg hat's mir selbst erzählt, und ich

hab' den Zahn in der Hand gehabt. Ist man gut, daß seine Zeit bald

herum ist. Das Essen ist auch man zeitlich in Thorn. Georg sagt,

die Bauern in der Umgegend, wo auch viel Moorland ist, wie bei uns,

nähren sich von Buttermilch, Torf und Talglichtern. Aber das kann

ich mir nicht recht denken, das hat er sich wohl bloß vorschnacken

lassen. Alles darf man auch nicht glauben.« Die andern sahen sich

lachend an, und eine mitleidige Seele sagte: »Na, Beta, wenn Georg

nächsten Herbst reinkommt, kannst du den armen Kerl man ordentlich

herausfüttern und ihn recht fest in den Arm nehmen, daß er warm wird.«

Beta steckte sich rot an und lächelte beglückt und hoffnungsselig vor

sich hin.

Wie um diesem Thema einen würdigen Schluß zu geben, stimmte Meta

Windeler, die eine scharfe, schneidende Stimme hatte, das Lied vom

Soldatenabschied an: »Schatz, mein Schatz, reise nicht so weit von

hier.« Der fernen Jungens gedachte man besonders noch mal bei dem

Verse:

»Soldatenleben, das heißt nicht lustig sein.

Wenn andere Leute schlafen, da muß man wachen,

Muß Schildwach' stehn, Patrouille gehn.«

Und nun folgte Lied auf Lied: Ist alles dunkel, ist alles trübe -- Es

wollt' ein Mädchen früh aufstehn, dreiviertel Stund vor Tag -- Leise

tönt die Abendglocke -- In des Gartens dunkler Laube -- Es welken alle

Blätter und fallen alle ab. Einmal schlug Leidchen vor: Am Brunnen

vor dem Tore, aber da wurde sie ausgelacht: »Deern, das ist doch ein

Schullied!« Und sie errötete, weil sie etwas sehr Dummes gesagt hatte.

Ob der Inhalt der Lieder derb, neckisch oder wehmütig, die Weise

munter oder sentimental war, das machte für den Vortrag weiter keinen

Unterschied: der behielt seine epische Ruhe und seinen Leierton gerade

so, wie die Augen gleich ernst auf dem durch die Finger gleitenden

Faden ruhten und die Räder gleichmäßig schnurrten.

Da machte es sich nun recht unliebsam bemerkbar, daß in dem Gesang

der jüngsten Spinnerin sich hier und da etwas Lyrisches, der Ausdruck

eigenen Empfindens, hervorwagen wollte. Nachdem Leidchen deswegen

schon einige verwarnende Blicke bekommen hatte, sagte Meta Windeler,

die wegen ihrer schrillen Stimme als Gesangsmeisterin anerkannt wurde,

unwirsch und verweisend: »Leidchen, was hast du da für 'ne wunderliche

Singerei vor?«

Die etwas boshafte Anna Schnackenberg nahm ihr die Antwort ab: »Du

mußt wissen, Meta, das soll was extra Feines sein. Sie singt ja immer

mit dem Schullehrer.«

Leidchen blitzte die Spötterin zornig an: »Du lügst, Anna. Du weißt

ganz gut, ich hab' nur das eine Mal, voriges Jahr zu Weihnachten, mit

ihm gesungen.«

»So--o? Aber neulich war er doch erst wieder bei euch.«

»Ja, um Gerd zu besuchen.«

»Haha, das kennt man ... Warum besucht er denn die andern Jungens

nicht?«

»Bei denen wird er wohl nichts zu suchen haben.«

»Nun hör' mal einer die Deern an! Sie trägt den Kopf bald ebenso hoch

wie ihr Bruder, der unsereins überhaupt nicht mehr ankuckt!«

Leidchen stoppte ihr Rad, stieß es mit dem Fuß ein wenig von sich und

sagte: »Anna, wenn du noch länger so'n dummes Zeug schnackst, werd'

ich dir ganz böse.«

»Aber Deern,« lenkte diese ein, »du gehst ja nun in dein achtzehntes

und mußt es bald lernen, daß du Spaß vertragen kannst.«

»Ich will erst den Kaffee aufgießen,« sagte Leidchen und ging

ärgerlich hinaus. Minna Siedenburg, als die älteste des Koppels teilte

einen Verweis aus: »Anna, du mußt ein bißchen mehr zu deinen Worten

sehen. Das von Gerd und dem Schullehrer gehörte hier gar nicht her.«

Bald sammelte die Geburtstagsgesellschaft sich friedlich um ein

braunes Wachstuch, das mit der Schlacht bei Gravelotte bedruckt war,

um sich den Kaffeefreuden hinzugeben. Leidchen schenkte ein, und Anna

Schnackenberg bekam zur Strafe die letzte Tasse. In der Mitte des

Tisches stand ein Teller, der hoch mit weihnachtlichem Butterkuchen

bepackt war.

Als dann die Räder wieder liefen, wollte die Unterhaltung nicht recht

wieder in Gang kommen. Es lag wie erwartungsvolle Spannung auf dem

Kreise, alle Augenblick wandte sich ein Kopf herum und dem Fenster

zu. Aber draußen war einstweilen nichts zu sehen, als die schmale

silberne Mondsichel, die ein schwaches Licht auf kahle Baumgerippe und

lückenhaften Altschnee warf.

»Da kommen schon welche!« rief Beta Wöltjen, und alle Köpfe wandten

sich wie am Faden gezogen dem Fenster zu. Richtig, da kamen zwei

angeschlendert, die Hände fast bis an die Ellbogen in den Hosentaschen

vergraben. Sie lehnten sich faul gegen die Brunnenumfassung, man sah

den Tabak, wenn sie ansogen, in ihren Pfeifenköpfen glühen und die

Rauchwolken im Mondlicht schimmern.

»Soll ich sie hereinholen?« fragte Leidchen aufgeregt.

»Immer sinnig, das hat noch Zeit,« sagte Minna, die als älteste die

Verpflichtung fühlte, über dem guten Ton zu wachen, und auch ihren

Jakob noch vermißte.

Die Spinnräder machten jetzt beträchtlich weniger Umdrehungen in der

Minute, immer häufiger spazierten die Augen zum Fenster hinaus.

Endlich wurden draußen drei weitere Gestalten sichtbar, die langsam

dem Brunnen zu bummelten und sich zu den anderen stellten. Hin und

wieder flog von dorten auch ein Blick zum Hause hinüber.

In der Stube fand es im stillen jede an der Zeit, die Jungens nicht

länger am Brunnen frieren zu lassen, sondern in die Wärme zu holen.

Aber keine wollte das als die erste vom Munde geben, und so währte

es noch eine geraume Weile, bis Minna Siedenburg aufstand, Leidchen

am Arm nahm und sagte: »Komm Deern, wir beide wollen sie holen. Von

alleine kommen sie doch nicht.«

Die sechs im Gang bleibenden Räder spannen jetzt wie wild.

Nach kaum zwei Minuten erschien Minna wieder in der Tür, ihren im

Bewußtsein seines Heldentums stolz lächelnden Jakob am Jackenknopf

hinter sich herziehend. Leidchen hatte Klaus Rietbrock am Knopfloch,

der, wie sie selbst, erst seit kurzem zum Koppel gehörte und seine

Verlegenheit dadurch zu verbergen suchte, daß er die Beine trotzig

verquer stellte und ein Gesicht machte, als ob er ein ganz schlimmer

wäre. Die anderen drei folgten von selbst.

»Daß ihr erst mal warm werdet,« sagte Leidchen und kam mit einer

Flasche, aus der sie jedem der Burschen das dicke Gläschen einmal

füllte, die »Prost, Leidchen!« riefen und es auf einen Zug leerten.

Dann setzten sie sich auf die Wandbänke, hinter die ein wenig mehr

unter der Hängelampe zusammenrückenden Mädchen. Die Räder schnurrten

und die Pfeifen qualmten.

»Au, er ist mir doch noch bannig steif,« stöhnte Jakob Kück, seinen

Arm, wie es schien, mit Mühe ausstreckend.

»Wovon?« fragte Minna, die vor ihm saß und die Gelegenheit, sich

schnell mal nach ihrem Liebsten umzusehen, wahrnahm.

Nun konnte Jakob erzählen. Seine Tat erschien nach seiner eigenen

Darstellung noch erheblich heldenhafter und bewundernswürdiger, als

nach dem Bericht der Augenzeuginnen, die doch auch kein Interesse

daran gehabt hatten, sie zu verkleinern. Der Hauptspaß wäre, daß der

Gendarm ihn nicht gefaßt hätte. Denn wenn einer nachher für solchen

Spaß einige Monate Häcksel fressen müßte, das wäre nichts Genaues.

Jakob war noch im besten Gange, als auf dem Flett Schritte laut

wurden, die offenbar nicht von Holzschuhen, sondern von Kommißstiefeln

stammten, und Jan Monsees, der Weihnachtsurlauber, trat in die Stube.

Aber nicht allein. Dem untersetzten, in schlotteriger Kommißkleidung

steckenden Kriegsmann folgte auf dem Fuße ein Kamerad, dessen

schlanke, ebenmäßige Gestalt eine gut sitzende funkelneue Extrauniform

umgab.

Die Burschen, allen voran der in seinem Bericht unterbrochene

Weihnachtsballheld, empfingen den zweiten der Ankömmlinge mit

verwunderten und befremdeten Blicken. Aber Jan Monsees sagte: »Müllers

Hermann, mein Kompagniekamerad, war gerade bei mir zum Besuch, da

hab' ich ihn ein bißchen mitgebracht. Es wird wohl keiner was dagegen

haben.« Inzwischen war dieser mit den knarrenden Extrastiefeln auf

Leidchen zugeschritten, gab ihr, die Hacken zusammenschlagend, die

Hand und sagte: »Ich hab' in der Zeitung gelesen, daß du heute

Geburtstag hast, und wollte dir auch eben gern gratulieren. Darf ich

'ne halbe Stunde mit schnacken?«

»Von Herzen gern,« sagte Leidchen, durch den unerwarteten Besuch nicht

wenig geschmeichelt, und sah sich nach einem Platz für ihn um. Da die

Bänke ziemlich besetzt waren und die anderen keine Anstalt machten,

zusammenzurücken, holte sie schnell einen Stuhl und bat, ihn halblinks

hinter sich stellend, Hermann, damit vorlieb zu nehmen. Dann kredenzte

sie ihm und seinem Kameraden den Bewillkommnungsschluck. Auch die

übrigen bekamen der Reihe nach wieder ein Gläschen.

Jakob Kück fing noch einmal von seinem Weihnachtsball an, fand aber

keine rechte Aufmerksamkeit mehr. Er ärgerte sich nicht wenig, daß

er sein Pulver zu früh verschossen hatte. Um so leichter wurde es

dem Eindringling, sich im Handumdrehen zum Helden der Situation zu

machen. Er steckte von oben bis unten voll von Unteroffiziersanekdoten

und Kasernenhofblüten, die er natürlich alle selbst erlebt haben

wollte und geschickt vorzubringen wußte. Je lebhafter seine

Zuhörerinnen Beifall spendeten, desto launiger und witziger wurde

sein Erzählen. Den Stuhl noch ein wenig vorziehend, saß er bald an

Leidchens Seite und im Kreise der Mädchen, die immer wieder von ihren

Fädchen aufblickten und in das frische, lachende Gesicht des jungen

Kriegers sahen, der nach jedem Geschichtchen selbstgefällig seinen

unwiderstehlichen Schnurrbart drehte. Die Jungens auf den Bänken

im Hintergrund fühlten sich sehr an die Wand gedrückt. Jakob Kück,

der beim ersten Garderegiment gedient hatte und den Rekruten der

Fünfundsiebziger von Grund seiner Seele verachtete, versuchte einige

Male, ihm einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Aber der wußte

ihn jedesmal so geschickt zu parieren und zurückzugeben, daß er selbst

darüber stolperte und von den Mädchen ausgelacht wurde. Und sogar

Minna Siedenburg lachte mit. Müllers Hermann war und blieb erster und

einziger Hahn im Korbe. Krischan Wedderkopp ging bald heimlich hin und

stibitzte die nach dem letzten Umtrunk wieder gefüllte Flasche, an der

man sich schadlos hielt.

Endlich schien Hermanns Anekdotenschatz erschöpft zu sein, und Meta

Windeler schlug vor, mal eins zu singen. Das geschah denn auch, und

dabei konnten auch die an der Wand sich mal wieder hören lassen. Die

meisten sangen »groff«, das heißt, eine Oktave tiefer als die Mädchen,

einige versuchten aber auch etwas wie die zweite Stimme. Krischan

Wedderkopp befand sich schon in dem Stadium, wo das Singen zum Gröhlen

wird. --

Gerd, den die unsicheren Eisverhältnisse der Hamme zu Umwegen

gezwungen hatten, kehrte später zurück, als in seiner Absicht lag.

Er fand eine ziemlich fortgeschrittene Stimmung vor. Er nickte den

gerade wieder Singenden grüßend zu und schritt durch die Stube, um das

einzige Fenster, das zum Öffnen eingerichtet war, aufzumachen. Denn

die Luft war in dem niedrigen tabaksqualmerfüllten Raum so heiß und

dick, daß es einem, der von draußen kam, schier den Atem versetzen

wollte. Dann begab er sich in die Ecke hinter den Ofen.

Als das Lied aus war, kam Müllers Hermann zu ihm, begrüßte ihn durch

Handschlag und erzählte, auf welche Weise er hier unter das Koppel

verschlagen wäre. Nachdem er noch einige Worte mit ihm gewechselt

hatte, begab er sich an seinen Platz zurück. Die andern nahmen

weiter keine Notiz von dem Ankömmling. Er galt ihnen nun einmal als

Sonderling und Drögepeter, den man am besten sich selbst überließ.

Doch schien es, als ob seine Anwesenheit auf die ausgelassene

Lustigkeit lähmend wirkte.

Aber Krischan Wedderkopp ließ sich das weiter nicht anfechten, er

hatte mehr getrunken als die anderen und war nun einmal in der Fahrt.

Nachdem er schon allerhand Unfug gemacht hatte, brach er durch die

Reihe der Spinnerinnen und näherte ein angebranntes Streichholz der

Hängelampe, wie um es über ihr neu zu entzünden. Doch plötzlich

knipste er es fort, hielt die flache Hand schräg hinter das Glas und

blies scharf dagegen. Die Lampe erlosch, die Gesellschaft befand

sich im Dunkeln, und das Kreischen der Mädchen verriet, daß einige

Burschen sich sofort kleine Freiheiten erlaubten. Es drohte ein tolles

Durcheinander zu werden.

Da donnerte es aus der Ofenecke: »Steckt das Licht wieder an!« Aber

niemand gehorchte.

Gerd fand Schwefelhölzer in seiner Westentasche und riß eins an der

warmen Ofenplatte in Brand. Aber ehe die bläulich schwelende Flamme

das Holz recht ergriff, wurde es ihm in der Hand ausgeblasen.

Ein zweites hatte das gleiche Schicksal.

»Nehmt euch in acht!« rief Gerd, ein drittes in den hohlen Händen

schützend. Eben wollte er es zur Lampe emporheben, als es wieder

erlosch.

Es fing an, in ihm zu kochen, und als auch das vierte Zündholz,

das er, unter der Lampe stehend, am Hosenboden angerissen hatte,

ausgeblasen wurde, schnellte er die rechte Hand scharf zur Seite und

traf jemanden nicht eben sanft auf den Mund und Backe. Es gab einen

dumpfen Klapp und gleich darauf ein wildes Gejohle.

Mit dem fünften Streichholz brachte er unter dem Schutz seiner

geballten Faust die Lampe glücklich in Brand.

Die Mädchen strichen sich die verwirrten Haare glatt, banden die

aufgelösten Schürzenbänder zu und setzten sich ehrbar wieder an ihre

Spinnräder.

»Muß mir doch mal die Schnuten ankucken, wen's getroffen hat,« sagte

Krischan Wedderkopp und sah mit seinem Faungesicht den einzelnen

scharf auf den Mund, bis er vor dem Müller stehen blieb und mit

schadenfrohem Lachen rief: »Hier hat's eingeschlagen!«

Hermann leugnete und stellte eine unbefangene Miene zur Schau. Aber

die gerötete Backe verriet ihn.

Es erhob sich ein helles Gelächter, in das auch die Mädchen mit

einstimmten. Hermann fühlte, daß er etwas tun mußte, um seine schwer

gefährdete Soldaten- und Burschenehre zu retten.

Er trat vor Gerd hin, der sich in seinen Winkel zurückgezogen hatte

und lässig gegen den Ofen lehnte.

»Gerd, du hast mich geschlagen!«

»Warum hältst du deinen Schnabel hin?« fragte der gelassen.

Die Burschen zogen eine Mauer um die beiden. Die Mädchen, sich im

Hintergrund haltend, sahen ängstlich und neugierig zwischen ihnen

durch; die kleineren waren auf Stühle gestiegen. Jan Monsees suchte

den Kameraden mit gütlicher Zusprache zu beruhigen, während Krischan

Wedderkopp hetzte: »Hiß, hiß! Wer sich aufs Maul schlagen läßt, ist

kein Kerl.«

»Ich verlange, daß du auf der Stelle Abbitte tust,« stieß der Müller

in heiserer Stimme heraus.

Gerd schwieg und verharrte in seiner lässigen Haltung.

Da langte der Kriegsmann, sich hoch aufrichtend, mit großer Gebärde

nach dem Seitengewehr. Jedoch bevor er es ziehen konnte, war Gerd

zugesprungen, hatte ihn mit Untergriff gepackt und streckte den langen

Menschen der Länge nach in den Streusand des Fußbodens. Dann ließ

er ihn aber sofort los, steckte beide Hände in die Hosentaschen und

lehnte sich wieder gegen den Ofen.

Die helle Wut im Gesicht, sprang der andere auf die Füße, zog

blitzschnell seine Waffe und wollte auf den Gegner eindringen.

Aber Leidchen, die Kette der Burschen durchbrechend, warf sich ihm

mit einem gellenden Schrei entgegen, und zugleich packten ein paar

kräftige Arme den Rasenden. »Was? Der will uns mit seinem Käsemesser

zu Fell?« »Was hat der großschnauzige Kerl überhaupt in unserem Koppel

zu suchen?« »Raus mit ihm!« schrie es durcheinander, und obgleich Jan

Monsees kameradschaftlich Einspruch erhob und Leidchen bat und flehte,

beförderten die erhitzten, eifersüchtigen Burschen den ungebetenen

Gast, so sehr er sich mit Händen und Füßen wehrte, erbarmungslos zur

Stube und zum Hause hinaus.

Mit dem Spinnen war es jetzt natürlich vorbei, obgleich Leidchen

dringend bat, wieder Platz zu nehmen. Eine Weile stand ihre

Geburtstagsgesellschaft noch in der Stube durcheinander, das

Vorgefallene leidenschaftlich besprechend, dann nahmen die Mädchen

ihre Spinnräder in den Arm, und das Koppel zog aufgeregt zum Hause

hinaus.

Gerd hatte schon vor den anderen die Stube verlassen und sich hinten

auf der Diele bei dem Vieh zu schaffen gemacht.

Als er auf das Flett zurückkam, begegnete ihm Leidchen, die soeben

ihre Gäste zur Seitentür hinausgeleitet hatte.

»Na, sind wir das rüde Volk endlich aus dem Hause los?« fragte er

arglos.

Wie eine fauchende Katze, als ob sie ihm an den Kopf wollte, kam sie

auf ihn zugefahren, ihre Augen schossen Blitze, der ganze Körper

zitterte vor Erregung, und mit zornerstickter Stimme rief sie:

»Das vergess' ich dir mein Lebtag nicht, was du mir heut' abend

angetan hast!«

»Ich? Dir?« fragte er verwundert.

»Nun stell' dich auch noch dumm! Du hast mir meinen ganzen Geburtstag

ausgeschändet. Wir waren alle so vergnügt und lustig ... bis du kamst.

Da war's mit einemmal vorbei. Du gönnst mir ja keinen Spaß, das weiß

ich schon lange.«

»Leidchen!«

»Ich hatte mich so gefreut, daß Müllers Hermann sich auch mal bei uns

sehen ließ. Denn das war eine große Ehre für mich; und er hat uns so

spaßige Geschichten erzählt. Und nun muß er so aus dem Hause kommen!

Schämen muß'n sich vor den Leuten wegen so 'nem Bruder!«

»Wenn du dich wegen sonst nichts zu schämen brauchst, dann sei froh.

Ja, schämen solltet ihr euch wirklich, ihr großen Mädchen, so im

Dunkeln mit den Jungens herumzutoben! Daß eine, wie Anna Rickers,

dazu Lust hat, nimmt mich nicht wunder. Aber daß dir das Spaß macht,

Leidchen, das tut mir in der Seele weh ... Pfui, sich von einem Kerl,

wie Krischan Wedderkopp, anfassen zu lassen!«

»Mich hat kein Krischan angefaßt! Nur die Schleife vom Schürzenband

hat mir einer aufgezogen, und was ist da groß bei? Aber so bist du

schon immer gewesen: aus der Mücke machst du einen Elefanten und aus

einem kleinen Spaß gleich 'ne große Sünde. Mit jedem Tag wirst du

ducknackiger, das sagen die anderen auch. Ich glaube, das kommt davon,

daß du so viel mit dem Schulmeister läufst, worüber alle Leute sich

wundern. Von dem lernst du wohl das Schulmeistern und Aufpassen. Aber

ich lasse mir das nicht länger gefallen, ich hab's jetzt gründlich

satt ... Was du mir heut' abend angetan hast, das vergess' ich dir so

leicht nicht. Warte, ich spiel' dir noch mal einen Streich, daß du

auch dran denken sollst!«

Sie hatte die Hand zur Faust geballt und sie drohend gegen ihn erhoben.

»Man sachte, man sachte!« klang es begütigend von der Seitentür her,

durch die Jan und Trina soeben eingetreten waren. »Deern, was hast du

denn bloß?« fragte die letztere, »du bist ja wohl nicht recht klug.«

Leidchen war jäh verstummt und mit einem feindseligen Blick auf den

Bruder ging sie in ihre Kammer.

»Was hat sie denn?« fragte Trina, ihr Kopftuch lösend und von dem

langen Weg ermüdet auf einen Stuhl sinkend.

»Nichts Besonderes,« sagte Gerd, »die Deerns kriegen manchmal so ihren

Rappel.«

Damit wandte er sich und suchte seine Schlafkammer auf, die an der

Großen Diele lag.

8.

Als Gerd am nächsten Morgen erwachte, hoffte er, Leidchen würde ihn

wegen ihrer häßlichen Ausfälle vom gestrigen Abend um Verzeihung

bitten, oder doch auf irgendeine Weise merken lassen, daß sie ihr leid

täten. Aber in dieser Erwartung täuschte er sich. Sie tat den ganzen

Tag, als ob er nicht vorhanden wäre, und sah auch bei Tisch, wo sie

sich gegenüber saßen, geflissentlich an ihm vorbei.

Beim Mittagessen machte die Schwägerin den Versuch, die Geschwister zu

versöhnen, wurde aber von Leidchen schroff zurückgewiesen. Jan, der

abends vorm Kuhstall dasselbe versuchte, erging es nicht besser.

Wenn sie ohne ihn fertig werden könnte, sagte sich Gerd, so könnte

er es ohne sie erst recht. Allerlei Magdarbeiten, die er ihr bislang

abgenommen hatte, weil sie größere Körperkraft verlangten, ließ er

fortan sie selbst verrichten, und sie kam ihnen mit einer Art Trotz

nach, aber doch so, daß die Ausführung zu Tadel keinen Anlaß bot.

Überhaupt schien sie ihre Ehre darein zu setzen, ihm zu zeigen, daß

sie auf eigenen Füßen stehen konnte und seiner Hilfe und Aufsicht

nicht mehr bedurfte.

Gerd empfand diesen Zustand aber doch bald als drückend und fing an zu

erwägen, ob er nicht seinerseits Schritte zum Frieden tun sollte. Aber

er schob das immer wieder hinaus, in der Hoffnung, daß sie eines Tages

ihr Unrecht einsehen und ihm wenigstens einen kleinen Schritt entgegen

tun würde.

So liefen einige Wochen ins Land.

Die Gräben, die eine längere Frostzeit von Mitte Dezember an

verschlossen gehalten hatte, wurden Ende Januar von Tauwind und

Landregen schnellstens aufgeschlossen, und man rüstete eiligst die

Schiffe, um nicht das in dem kalten Winter flott gehende Torfgeschäft

ganz den Pferdebauern zu überlassen, die mit den braunen Kumpwagen bei

jeder Witterung zur Stadt fahren konnten.

Als Gerd an einem Spätnachmittag von der ersten Bremerfahrt des neuen

Jahres nach Hause kam, bemerkte er sofort, daß Leidchens böse Laune

umgeschlagen war. Sie bot ihm die Tageszeit, trug ein reichliches

und gutes Vesperbrot auf und setzte sich mit an den Tisch, um ihm

Gesellschaft zu leisten. Er hatte aber das Gefühl, daß hinter dieser

Freundlichkeit etwas weniger Erfreuliches lauerte und nahm sich vor,

möglichst einsilbig zu sein, in der Erwartung, daß es dann am ehesten

ans Licht kommen würde. So aß er denn und schwieg.

Geschwister Rosenbrock · 第 9 / 34 题