»Dann schlage ich vor, wir machen ein paar Schritte zusammen über
Feld. Wir beide haben heut' noch keine fünf Minuten miteinander
gesprochen.«
Leidchen war gern dazu bereit.
Festlich umstrahlte Gerd das saubere Weiß der Hemdsärmel, während
von unten das Rot funkelneuer Ellernholzschuhe heraufleuchtete. Die
zur Feier des Tages mit besserem Tabak gefüllte Sonntagspfeife, auf
deren Kopf eine lachende Sennerin himmelblaue Augen, kirschrote Wangen
und schneeweiße Zähne zeigte, ließ er nicht, wie sonst wohl, faul im
Munde hängen, sondern so oft er ein paar Züge getan hatte, nahm er sie
heraus, um sie am Daumen in das Armloch seiner Weste zu hängen.
Leidchen hatte sich im Sonnenwinkel hinter der Scheune ein
Veilchensträußchen gepflückt und erfreute sich bald an dem süßen Duft,
bald an der lieblichen Farbe. Das lange Einsegnungskleid, in dem das
Gehen ihr noch unbequem war, trug sie hoch aufgerafft, so daß die
blanken Schnürstiefelchen und ein gut Teil des rotgesäumten weißen
Flanellunterrocks frei wurden.
So schlenderten sie feiertäglich gemächlich den Weg dahin, der die
Rosenbrocksche Stelle der Länge nach durchschneidet.
»Die Saat steht über Jahr gut. Eine Krähe kann sich schon drin
verstecken,« sagte Gerd mit einem Kennerblick über die Roggenbreiten
und mit dem Behagen des Landmanns, der seiner Mühe schönen Lohn winken
sieht. Leidchen nickte und ließ den warmen Glanz ihrer braunen Augen
still und träumerisch auf dem leuchtenden jungen Grün ruhen. Viel
zu reden spürte sie keine Lust. Die Eindrücke des Vormittags wirkten
leise nach, und eine leichte Abspannung und Mittagsmüdigkeit machte
sich doch auch geltend.
Vom Ackerland senkte der Weg sich zu den abgetorften Gründen, die zu
einem Teile in Wiesen verwandelt waren, zum größeren aber schwarz und
öde in gelbem vorjährigem Riedgras und spärlichem Birkenanflug lagen.
Gerd war stehen geblieben, tat ein paar nachdenkliche Züge aus seiner
Pfeife, beschrieb mit ihr in der Luft ein Quadrat und sagte:
»Ein schönes Loch, was unsere Vorweser da schon ins Moor hineingewühlt
haben ... Als der erste Rosenbrock -- er hieß auch Gerd, hat
Großvater, den du nicht mehr gekannt hast, mir erzählt -- von der
Geest hierher kam und da, wo jetzt unser Haus steht, seine Erdhütte
hinsetzte, fing er mit einer Ziege und einem halben Dutzend Hühnern
an. Wir sind gut vorwärts gekommen. Manche hundert Taler haben wir
hier aus dem Moor herausgequält.«
»Wie manchen Tropfen Schweiß das wohl gekostet hat ...« sagte Leidchen
nachdenklich.
»Tropfen? Ich sage dir, Deern, viele hundert Eimer voll.«
»Na, na!«
»In hundertundzwanzig Jahren? Ganz gewiß!«
Schweigend standen sie und schauten auf die Arbeitsstätte ihres
Geschlechts.
»Weißt du noch,« fragte nach einer Weile das Mädchen leise, »wo Vater
und Mutter ihren Torf gemacht haben?«
Er maß die schwarze Fläche mit den Augen ab. Dann zeigte er mit dem
Mundstück seiner Pfeife schräglinks hinüber:
»Das muß daherum gewesen sein, wo der alte Kienstubben liegt. Ich
mußte bei dir bleiben und dir was vormachen. Du warst ein schrecklich
unruhiges Kröt. Einmal bist du mir direktemang in einen Graben
gelaufen, und ich hatte Not, daß ich dich wieder herausfischte. Puh,
wie du da aussahst! ... Wenn du dich gar nicht mehr zugeben wolltest,
kam Mutter, setzte sich auf die Schiebkarre oder auf einen Torfhaufen
und gab dir die Brust. Du nahmst sie noch, als du bald drei Jahr alt
warst. Deern, Deern, was konntest du lutschen! Man wurde beinah selbst
durstig vom Zusehen. Darum bist du auch so groß und stark geworden.
Ich muß mich ganz gerade machen, sonst kuckst du schon über mich weg.«
Er richtete seine Gestalt, die gewöhnlich ein klein wenig dem Torf zu
geneigt war, stramm auf und betrachtete die Schwester an seiner Seite
mit Wohlgefallen und nicht ohne Stolz. Indem es wie ein Schatten über
sein herausgearbeitetes Gesicht flog, fuhr er leise fort: »Wenn Mutter
diesen Tag noch mit erlebt hätte ... wenn sie uns hier so sehen könnte
...«
Leidchen schaute still und ernst in die sonnigen Weiten des
Frühlingsnachmittags.
»Wie hat Mutter eigentlich ausgesehen?« fragte sie nach einer Weile.
»Ich kann mich gar nicht recht mehr besinnen.«
»Das glaub' ich dir gern,« versetzte er. »Als sie von uns ging, warst
du noch zu klein und dumm ... Die braunen Augen hast du von ihr ...
die runden Kuhlen in den Backen auch ... Aber sie war besinnlicher als
du und nicht so flüchtig. So in der ganzen Natur hab' ich wohl mehr
von ihr abgekriegt ...«
Sie hatten den abgetorften Grund inzwischen durchschritten und kamen
an die senkrecht abgestochene, oben hellbraune und nach unten zu
allmählich in Schwarz übergehende Wand des Hochmoors. Ein aus dieser
vorspringendes Rechteck war bereits von der Heidedecke befreit und für
den Abbau vorbereitet.
»Hier wollen ~wir~ nach dem Fest wohl Torf machen?« fragte
Leidchen.
»Stimmt,« sagte Gerd, an seiner fast erloschenen Pfeife jetzt wieder
kräftig saugend, »und du mußt tüchtig mit 'ran. Trina hat sich das
mal wieder höllschen schlau eingerichtet, daß sie grad jetzt im Bett
sitzen geht, wo's an den Torf soll. Du sollst sehn, du mußt für zwei
pedden.«
Sie zertrat lächelnd einen im Wege liegenden aufgeweichten Torfsoden.
»Wenn das Torfpedden mit so lüttjen Füßen man ordentlich schafft ...«
meinte er bedenklich.
Sie streckte den linken Fuß vor, und indem sie ihn zierlich kokett um
den Enkel drehte, fragte sie: »Nicht wahr? Ich hab' niedliche Füße.«
»Wie 'n Kind von zehn Jahren,« meinte er trocken, ohne die geringste
Bewunderung.
»Kleine Füße sind aber was Feines.«
Er zuckte mit den Achseln: »In Bremen auf der Sögestraße wohl. Aber
hier ins Moor gehören feste, breite Hüften und ein Paar reelle Füße.
Diesen weichen Weg zum Hochmoor hinauf kannst du mit solchen Dingern,
die in solchen Stiefeln stecken, zum Beispiel überhaupt nicht gehn. Du
bleibst einfach im Matsch stecken.«
»Dann mußt du mich hinauftragen, in deinen breiten Hollschen. Nach
unseren Fuhren möcht' ich zu gern mal wieder. Ich bin den ganzen
Winter nicht hingekommen. Bitte, pack' zu!«
»Die Zeiten haben wir gehabt,« meinte er lächelnd.
Aber sie drängte sich ihm lachend in die Arme, und endlich tat er
ihr zögernd den Willen. Tief sanken die schönen roten Holzschuhe in
den braunen Brei des steil hinaufführenden Weges und rissen sich nur
schwer unter hohlem Glucksen wieder los.
Als er seine Last oben auf festen Grund stellte, atmete er tief auf:
»Deern, ich hätte nicht gedacht, daß du so klotzig schwer wärst.«
»Hundertundsieben Pfund Lebendgewicht,« lachte sie, wobei die Grübchen
ihrer Wangen sich vertieften und zwischen den frischroten Lippen die
weiße Perlreihe ihrer Zähne blitzte. »Du meintest wohl, ich wär' noch
immer ein Kind?«
»Aus Kindern werden Leute,« sagte er gelassen und sah sie an. Die
knospenden jungfräulichen Formen, die er gefühlt hatte, als sie eben
in seinen Armen lag, verrieten sich auch schon dem Auge.
Erfreut beugte Leidchen sich zur Erde und pflückte zu dem
Veilchenstrauß in ihrer Hand einige Stengel der eben aufblühenden
Rosmarienheide, deren zartes Rosa den Rand des Hochmoors schmückte.
Ihrem Bruder steckte sie ein Sträußchen in ein Knopfloch der Weste.
Der Weg führte jetzt durch wucherndes Heidekraut, blühenden Gagel,
mit silbernen Kätzchen übersäte Zwergweiden und grünumsponnenen
Birkenanflug auf eine waldartige Gruppe von Kiefern zu. Die Bäume
waren für ihre Art niedrig geblieben, weil der zähe Moostorf keine
Pfahlwurzeln aufnahm, hatten aber in langsamem Wachstum starke Stämme,
schön geformtes rotes Astwerk und breite, reichbenadelte, dunkelgrüne
Kronen gebildet. Ein erfrischender Harzduft erfüllte in ihrem Bereich
die warm durchsonnte Luft, in der schon allerhand kleines Getier fast
sommerlich durcheinander schwirrte.
Die Geschwister schlenderten, vom Wege abbiegend, in das Gehölz hinein
und kamen bald zu einem Baum, der vor Jahren vom Sturm geworfen war,
aber bei einem getreuen Nachbarn Halt und Stütze gefunden hatte.
Da der Moostorf ein gut Teil seiner Wurzeln festhielt, war er grün
geblieben, weshalb Axt und Säge ihn einstweilen verschont hatten.
Manches liebe Mal war Leidchen den breiten schrägen Stamm, die Zweige
als Leitstangen benutzend, hinangestiegen und hatte von einer Art
grüner Kanzel aus, die beide Bäume in einiger Höhe bildeten, in die
weite, offene Landschaft hinausgeschaut.
Sie setzte den Fuß auf den Stamm, wiegte den Oberkörper nach vorn und
sah den Bruder schelmisch an: »Soll ich?«
»Du bist kein Kind mehr,« sagte er trocken.
»Aber auch lange noch keine alte Großmutter,« lachte sie klingend.
»Es ist so klare Luft; ich glaube, heut' kann man oben die Türme von
Bremen sehen.«
Sie schwankte noch, ob sie hinaufsteigen sollte oder nicht, und hätte
sich wohl dagegen entschieden, wenn Gerd ihr nicht mit vernünftigen
Gründen, unter Erinnerung an den Ernst des Tages und ihr schönes
schwarzes Kleid, vom Aufstieg abgeraten hätte. Das aber gab der Sache
den Reiz des Verbotenen, und sie kletterte, mit der einen Hand sich an
den Zweigen haltend, mit der anderen ihr Kleid in acht nehmend, den
Stamm hinan.
Als sie glücklich auf ihrem Luginsland angekommen war, lachte sie mit
übermütigen Augen auf den unten Stehenden herab: »Steig mir doch nach,
Junge! Hier oben ist Platz für zwei.«
Er stieß verdrießlich mit der Spitze seines Holzschuhs gegen den Stamm
und brummte irgend etwas.
Leidchen richtete sich auf, um über einen Zweig, der sich in Augenhöhe
vorüberzog, hinweg den freien Ausblick zu gewinnen.
Plötzlich rief sie jauchzend: »Oh, oh! Die Türme von Bremen! So groß
und klar hab' ich sie von hier noch nie gesehen.«
Gerd schaute zu der schlanken, von grüngoldigem Licht umflossenen
Mädchengestalt auf, die sich schützend die Hand über die Augen hielt
und die Blicke wie sehnsüchtig in die Ferne sandte.
»Flieg mir bloß nicht weg, du da oben!«
»Oh, das möchte ich wohl!«
Sie hob die Arme, als ob es Flügel wären.
»Ein Glück, daß du keine richtigen Flünke hast,« spottete er.
»Schade, schade! Wenn ich ein Vöglein wär! ... Aber in die Welt
hinausfliegen kann einer auch ohne Flügel.«
»Nun schnack man bloß kein dummes Zeug und komm wieder 'runter!«
Noch einmal durchmaßen ihre Augen die lichte, lockende Ferne. Dann
begann sie mit großer Vorsicht den Abstieg.
Gerd freute sich ihrer Schwierigkeiten und priesterte, er hätte ja
gleich gesagt, sie sollte unten bleiben, aber sie hätte natürlich mal
wieder nicht hören wollen.
Bis über die Mitte des Stammes war die Sache gut gegangen. Aber da
glitt sie plötzlich aus und kam ins Fallen. Gerd, mit schneller
Geistesgegenwart hinzuspringend, fing sie in seinen Armen auf, wurde
aber von der Wucht des Falles mit zu Boden gerissen.
Keiner hatte sich Schaden getan, und als sie das festgestellt hatten,
lachte Leidchen auch schon wieder, bis Gerd mit strengem Gesicht auf
ihr Kleid hinzeigte: »Kuck mal da!«
Erschrocken hielt die die Ränder eines ansehnlichen rechteckigen
Risses gegeneinander.
»Ja, so hat's gesessen,« spottete er, »du großes Mädchen solltest dich
tüchtig was schämen.«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, während er noch eine Weile fort
moralisierte. Aber bald, als er sah, wie ihr das Unglück zu Herzen
ging, fing er an zu trösten. Sie hätte im Handarbeitsunterricht bei
Fräulein Timmermann das Flicken und Stopfen ja gründlich gelernt und
letzten Winter ihm den Riß in seiner Sonntagshose so fein zugemacht,
daß man ihn überhaupt nicht wiederfinden könnte.
Aber ihre gute Laune war dahin. Den Blumenstrauß, den sie vor der
verunglückten Kletterei zur Seite gelegt hatte, nahm sie nicht wieder
auf, obgleich Gerd sie daran erinnerte. Die Hand an dem Riß, trat sie
mit ärgerlichem Aufstampfen der kleinen Füße den Rückweg an.
Eine Strecke waren sie stumm nebeneinander geschritten, da sagte sie
verdrossen: »Das ist viel zu wenig, was ihr mir als Lohn geben wollt.«
Gerd fand fünfundzwanzig Taler für das erste Jahr ganz anständig.
Später müßte Jan natürlich auflegen und würde es gewiß auch tun.
»Später? Es soll nicht lange dauern, so geh' ich in die Stadt.«
»Wie kommst du mit einemmal auf solche Grappen?« fragte er verwundert.
»Von den Mädchen, die heute mit mir konfirmiert sind, gehen sechs
schon zum ersten Mai hin.«
»So--o?«
»Gerkens Minna aus Moorwede fängt mit vierzig Talern an und braucht
dafür bloß ein bißchen wischen und fegen. Und Meyerdierks Line aus
unserem Dorf hat im dritten Jahr schon fünfundsechzig.«
»Und 'n lüttjen Vogel dazu, sagen die Jungens.«
»Pah, was fragt die nach euch Jungens!«
»Na, ich denk', freien will sie am Ende doch auch mal.«
»Das kann sie in der Stadt grad so gut haben als hier. Ja, noch viel
besser! Rugens Beta hat 'n Schaffner an der Elektrischen gekriegt, und
Lachmunds Minna ihr Mann ist sogar Angestellter an der Eisenbahn.«
»Dann ist er auch recht was. Mir ist ein Stellbesitzer, der seine
sechzig Morgen eigenen Grund und Boden unter den Füßen hat, zehnmal
so lieb wie einer, der den ganzen Tag auf der Elektrischen mit den
Groschen klötern oder auf dem Bahnhof die Eisenbahnräder schmieren
muß. Überhaupt, Deern, du kannst von der Stadt noch gar nicht
mitschnacken, hast ja von ihr noch nichts gesehen als die Türme, von
dem alten schiefen Fuhrenbaum aus. Ich bin wohl hundertmal in Bremen
gewesen, und jedesmal, wenn ich meinen Torf verkauft habe und mein
Schiff wieder aus dem Torfhafen hinausstaken kann, bin ich von Herzen
froh. Das Stadtleben ist für unsereinen nichts.«
»Du könntest mich im Herbst wohl mal mitnehmen, zum Freimarkt.«
»Hm, das will ich mir überlegen ... Ja, wenn du schön artig und
folgsam bist, und den Sommer über ordentlich fleißig, darfst du
mal mit,« sagte er etwas gönnerhaft. »Du sollst sehen, wie schnell
unsereinem die engen Straßen und die vielen Menschen über werden.«
»Das wollen wir erst mal abwarten,« meinte sie.
Zu Hause angelangt, fanden die Geschwister die Stube voller
Nachbarsleute, die zum Gratulieren gekommen waren. Die Frauen
benutzten zugleich die Gelegenheit, der Wöchnerin ihren pflichtmäßigen
Besuch abzustatten. Die üblichen Wochengeschenke an Butter, Gebäck
und Zucker hatten sie mitgebracht.
Leidchen setzte sich still und sittsam, wie es einer neukonfirmierten
jungen Christin ziemt, auf einen Stuhl und gab sich Mühe, das Loch
in ihrem Ehrenkleide zu verbergen. Aber Meta Frerks hatte zu gralle
Augen, die entdeckten es bald, und es erhob sich ein großes Hallo.
Zuletzt sorgte Beta Rotermund für eine Ablenkung, indem sie ihres
Patenkindes Gedenkblatt herumreichte. Dieses zeigte in Schwarzdruck
das Bild des guten Hirten und in roten Buchstaben den Spruch Phil.
4, 8: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was
lieblich, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem
denket nach.
Die Frauen fanden Bild und Spruch sehr schön, meinten, Leidchen sollte
man recht danach tun, und Tischler Kortjohann in Worpswede würde das
Gedenkblatt gut und billig einrahmen.
Als die Nachbarn fort waren, kleideten Bruder und Schwester sich
schnell um, die Kühe zu melken. Ritterlich kroch Gerd unter die
schwierigsten Tiere, und in dem warmen, dämmerigen Dunst des Stalles
zischte die Milch unter gleichmäßigem Stripp-Strull in die Eimer.
4.
Grau und bleich dämmert der Morgen auf Rosenbrocks Herddiele, wo die
junge Magd, verschlafen und herzhaft gähnend, im roten Schein des
flackernden Feuers steht und einen in mächtiger schmiedeiserner Pfanne
pretzelnden daumdicken Buchweizenpfannkuchen bewacht. Auf der fast
noch in nächtlichem Dunkel liegenden Viehdiele, von der Kettengeklirr
und der dumpfe Schall an die Stallbäume stoßender Hörner kommt,
wirft jemand, auf Holzschuhen hin und her gehend, den Kühen vor. Das
Hühnervolk ist auch schon wach. Zwei Hähne krähen in grobem Baß und
frechem Diskant gegeneinander an.
Den langen Winter über hat diese Frühstunde Haus und Dorf in tiefstem
Schlaf gefunden. Aber gestern war der zweite Ostertag, und heute soll
die Torfernte beginnen. Da hat Feiern und Ruhen und langes Schlafen
erst mal ein Ende.
Als die Sonne über die fernen Geesthöhen heraufkommt, sind Rosenbrocks
schon hinten im Moor.
Leidchen, vom weißen Schleierhut umweht, in kurzärmeliger roter
Flanelljacke und kurzem dunkelblauen Beiderwandrock, ist dabei, mit
der Forke, deren Zinken im jungen Licht blitzen, eine abgetorfte
Fläche nachzuebnen und als Platte für den schwarzbraunen Riesenkuchen,
der hier gebacken werden soll, vollends herzurichten. Und schon kommt
auf eisenbeschlagenen Holzschienen das erste Wägelchen, hoch bepackt
mit dem klumpigen zähen Teig, den Jan drüben an der Hochmoorwand
losgestochen hat, hurtig angerollt, Gerd hemdärmelig im Laufschritt
hinter ihm her.
So hat jeder seine Arbeit und wird sie auf Wochen hinaus behalten.
Jan, der Bauer, gräbt, Gerd, der Knecht, fährt und ladet die
Torfmasse auf und ab, Leidchen, die Magd, breitet sie, die Stücke
auseinanderschlagend, -zerrend, -tretend, in der Sonne aus.
Nach drei Stunden wird im Schutz der Hochmoorwand, über die der
frische Frühlingswind hinstreicht, gefrühstückt: Brot, Butter, Sülze
nebst Kaffee aus der umwickelten Blechflasche. Jans Zähne mahlen
langsam und gründlich, und als sie ihre Arbeit getan haben, starren
seine Augen ein paar Minuten regungslos ins Leere. Gerd und Leidchen
sind inzwischen den Rand des Hochmoors hinaufgeklettert und halten,
die Hände beschattend über der Stirn, Ausschau. Drüben, jenseits des
Grenzgrabens, sind Rotermunds an der Arbeit, alle Mann hoch; nur Frau
Beta hütet das Haus. Hinter ihnen Wöltjens, dann Frerks, weiterhin
Böschens, und so weiter, wie sie in der Dorfreihe hintereinander
wohnen. Den schwarzen Grund zwischen grünem Ackerland und braunem
Heidemoor füllt ein buntes Gewimmel fleißig sich regender Menschen.
Überall blinken Spaten in der Sonne, glänzen Hemdsärmel, schimmern
bloße Mädchenarme, flattern Schleierhüte. In einer jungen Birke sitzt
eine Krähe und krächzt: »Torf, Torf, Torf!« Die alte Gevatterin weiß
Bescheid. »Torf, Torf, Torf« ist für ganz Brunsode bis gegen Pfingsten
Losung und Feldgeschrei.
Schon wankt Jan wieder der Torfkuhle zu, und sein Jungvolk begibt sich
ebenfalls an seine Posten.
Die Sonne ist dran, ihre Mittagshöhe zu erklimmen. Da sendet Leidchen,
je länger desto häufiger, verstohlene Blicke über die grünen Saaten
heimwärts, und zwar nach einer Stange, die hoch und kahl zwischen
Scheune und Griesbirnenbaum aufragt. Wenn die aus einem abgängigen
Mannshemd geschnittene weiße Flagge an ihr hochgeht, hat Trina, die
gestern wieder aufgestanden ist, das Mittagbrot fertig.
Endlich erscheint das erwünschte Zeichen. »Mittag!« ruft Leidchen mit
heller, klingender Stimme den Brüdern zu.
Jan stößt den Spaten in die Torfkuhle, Gerd läßt den Wagen auf den
Gleisen stehen, beide ziehen die Jacken über. Mit munteren Schritten
eilt Leidchen vorauf. Aber die Männer haben einmal ihren festen Tritt,
aus dem so leicht nichts sie herausbringt.
Auch Knecht und Magd gebührt in der Zeit der Torfernte nach Mittag
eine Stunde Bettruhe. Kaum hat Leidchen den Kopf in ihr Kissen
gewuschelt, da ist sie auch schon weg; so hat die Frühjahrsluft die
jungen Glieder müde gemacht. Aber auf die Minute pünktlich packt Frau
Trina sie am Arm, schnell gibt's eine Tasse Kaffee, und wieder geht's
ins Moor hinaus. Und wieder gluckst und ächzt unter dem Spaten der
in tausendjähriger Ruhe gestörte feuchte Moosboden, wieder klappert
der Wagen über die Schienen, und weiter dehnt sich die an der Sonne
hingebreitete schwarzbraune Masse.
Nach dem Vesperbrot machen sechs breite Holzschuhe sich über sie her,
trampelnd und tretend, peddend und knetend, kreuz und quer, von rechts
nach links und von links nach rechts, bis endlich schmale Schabeisen
den gut durchgearbeiteten Teig vollends eben und glatt machen.
Und endlich, endlich -- das Abendrot ist stark am Verglühen,
Rotermunds haben schon vor einer Viertelstunde Feierabend gemacht --
schleppen drei zum Umfallen müde Menschen ihre bleischweren Glieder
heimwärts. Den Augen, die den Tag über nichts gesehen haben als den
triefenden braunen Brei, tut der grüne Glanz der Felder wohl, und die
jüngeren senden über ihn hinweg auch wohl einmal einen Blick in die
Ferne, in die letzten roten Gluten des Tages, der Abschied genommen
hat.
Gagel, Weide und Rosmarienheide blühen und verblühen. Die weißen
Schleier des Wollgrases wehen über den schwarzen Gründen und werden
von den Winden zerzaust. Das Birkengrün bricht mit Macht hervor,
leuchtet im schönsten Jugendschimmer über dem Braun des Hochmoors und
nimmt allmählich seinen matteren Sommerglanz an. Die Kiefern stecken
ihre Kerzen auf, und die Moorheide hängt die ersten Glöckchen aus.
Und noch immer sind die Menschen vom dämmernden Morgen bis in die
sinkende Nacht -- ach! und die Tage werden immer länger -- dabei,
den schwarzbraunen Kuchen auszudehnen, den halbgaren mit armlangen,
haarscharfen Messern zu zerschneiden, die Stücke auf- und umzusetzen,
damit die große Torfbäckerin, die Sonne, mit ihren Gesellen, den
Winden, von allen Seiten herankommen und sie durch und durch hart
und trocken backen kann. Regenschauer und Sonnenbrand, Stürme und
Gewitter lassen sie geduldig über sich ergehen, werden heiß und kalt,
naß und wieder trocken, nur auf das eine bedacht, den Schatz, den die
gütige Natur Jahrtausende hindurch in faulenden Sumpfmoosen angelegt
und aufgespeichert hat, zu heben und in das liebe tägliche Brot zu
verwandeln.
Wenn jemand zur Winterszeit hinter dem warmen Ofen vom
Frischgeschlachteten ein bescheidenes Fettschichtchen angesetzt hat
-- du liebe Güte! wo ist das geblieben? Die gebräunten Gesichter,
in deren Furchen sich der Torfstaub eingenistet hat, erscheinen
wie gemeißelt. Die Augen sind stumpfer und leerer geworden. Hier
und da fühlt einer, der schon etwas in die Jahre gekommen ist, ein
verdächtiges Reißen in den Gliedern und denkt mit heimlicher Furcht
daran, ob die Zukunft ihn nicht auch wie den kaum fünfzig Jahre alten
Jan Ebbers Nr. 14 gichtisch verkrümmt und arbeitsunfähig im Liegestuhl
finden wird. Das Moor ist nicht so freundlich entgegenkommend wie die
rindernährende Marsch oder auch nur wie die angrenzende Geest. Billig
gibt es seinen Kindern das tägliche Brot nicht her.
Es ist ein stiller, warmer Sommerabend Anfang Juni. Der Mond, der
voll und schön am wolkenlosen Himmel steht, läßt die Wiesennebel und,
von ihnen umhüllt, zwei schlanke, weiße Mädchenleiber blausilbern
aufleuchten, die in einem Graben spaddelnd und planschend, unter
Lachen und Scherzen, den Staub und Schweiß der Torfbackezeit gründlich
abspülen. Dem Wasser entstiegen, springen sie in der Wiese umher wie
ein paar junge Füllen. Wie vom Dorf her eine Handharmonika erklingt,
umfangen sich die beiden zu einem Tänzchen. Leicht und graziös
hüpfen die Füßchen, die so lange in den schweren Brettholzschuhen
gesteckt und Torf geknetet haben, über den glänzenden Plan. Von Kopf
bis zu Fuß frisch und sauber gekleidet, das gebündelte Arbeitszeug
in der Hand, schlendern die jungen Dinger dann endlich plaudernd,
Arm in Arm, der Dorfreihe zu. Auf der Eichenbohle über Rosenbrocks
und Rotermunds Grenzgraben bleiben sie, an die Leitstange gelehnt,
stehen, der benachbarten Gehöfte junge Mägde, schauen in den Glanz des
Nachtgestirnes und seines Spiegelbildes in dem ruhenden Gewässer und
lauschen der Nachtigall, die wie alljährlich um diese Zeit drüben im
Birkengebüsch um Wöltjens Backofen ihre süßen Lieder singt.
* * * * *
Es wird Zeit, das schwarze Erntefeld mit dem grünen zu vertauschen.
Denn die liebe Sonne backt nicht nur Torf; gleichzeitig hat sie auf
den Wiesen süße, saftige Gräser und Kräuter in reichlicher Fülle
hervorgelockt.
Was die Brunsoder an Grünland dem Moor abgewonnen haben, gibt
einstweilen nicht viel mehr her, als bei der sommerlichen
Grünfütterung draufgeht. Der Heuvorrat für den Winter muß an der
Hamme geerntet werden. Dieser westliche Grenzfluß des Moorgebiets,
der die Schiffgräben der Dörfer aufnimmt und, durch Kanäle mit Bremen
verbunden, die wichtigste Verkehrsader der Gegend darstellt, fließt
durch ein breites Wiesental, das den Winterbedarf der Moordörfer
weithin deckt. Jan Rosenbrock hat dort, drei Wegstunden von seinem
Gehöft entfernt, fünf Tagwerk Wiesen gepachtet.
Als nach einer Regen- und Gewitterwoche das Wetterglas endlich wieder
anfing zu steigen, machten Gerd und Leidchen sich eines Morgens vor
Tau und Tag auf den Weg, um mit der Heuernte zu beginnen. Jan wollte
am nächsten Tage nachkommen.
Auf dem schmalen Leinpfad gehend, schob Gerd hemdärmelig mit dem
eingestemmten Stangenruder sein Schiff den Graben hinab vor sich her.
Geräuschlos glitt es durch den Schatten der Hofbrücken, mit Gebrause
schoß es über die beweglichen Stauklappen, die man alle paar hundert
Meter angebracht hat, um den Graben schiffbar zu erhalten und das Land
nicht gar zu stark zu entwässern. Leidchen schritt in Schleierhut
und hellblauem langen Sommerkleid munter vor dem Bruder her und sah
nach links zu den Gehöften hinüber, die teils noch schliefen, teils
eben für den neuen Arbeitstag erwachten. Hier und da rüstete man
gleichfalls zur Fahrt ins Heu.
Das letzte Gehöft in der Reihe war das des Müllers. In einem leidlich
gepflegten Garten mit altem Baumbestand lag das stattliche, massive
Wohnhaus. Ein größeres Rosenbeet stand gerade in voller Blüte. Die
aufgehende Sonne, die eben ihre ersten Strahlen durch das sommerliche
Grünen und Blühen sandte, ließ eine große Glaskugel farbig aufleuchten.
»Ein feiner Platz,« sagte Leidchen bewundernd.
»Wenn einer sich 'ne reiche Bauerndeern von der Geest freit,« meinte
Gerd brummend, »ist es keine Kunst, seinen Kram in Schick zu haben.
Aber die Leute sagen, das Geld wär' bald wieder alle. Na, bis dahin
ist Hermann ja wohl so weit und kann wieder so 'ne fette Geestkuh
einschlachten, oder eine noch fettere Marschkuh.«
»Pst!« machte Leidchen.
Im Garten, der bis hart an den Schiffgraben reichte, war ein Räuspern,
Husten und Spucken laut geworden, und gleich darauf tauchte ein
untersetzter Mann aus dem Gebüsch, dessen rotes Gesicht mit einiger
Sicherheit auf eine Vorliebe für starke Getränke schließen ließ. Er
schlarrte in großblumigen Filzpantoffeln über die mit weißgestrichenem
Geländer versehene Hofbrücke der Mühle zu, die jenseits des Dammes
ihre mächtigen Flügel im Morgenwind drehte.
Der Müller bemerkte die beiden Heufahrer wohl, schenkte ihnen aber
so wenig Beachtung, daß diese es nicht für nötig hielten, ihm die
Tageszeit zu bieten.
»Das ist ja 'ne ganz schlimme Gegend,« sagte Leidchen beinah ängstlich.
Kaum war er in der Mühle verschwunden, so unterbrach die Morgenstille
ein polterndes Schelten. Was der Müllergesell zu seiner Verteidigung
vorbrachte, machte die Aufregung seines revidierenden Herrn nur noch
schlimmer. Indes Gerd und Leidchen nach dem Wortwechsel hinhorchten,
kam von der Gartenseite her eine starke Tigerdogge an den Graben
gesprungen, die heiser bellend und die Zähne fletschend das Schiff
eine Strecke begleitete.
Gerd lachte kurz und trocken auf: »Ja, der Müller und sein Packan, die
sind einer des andern wert.«
»Stolz, glaub' ich, ist der Mann auch. Er hat uns knapp angekuckt.«
Gerd machte ein Gesicht wie einer, der Welt und Menschen kennt, und
sagte: »Die Geldsäcke sind alle so.«
Eine gute Stunde später traten die Geschwister in das Schiff, das
jetzt aus dem schmalen Graben in den Hammefluß hinausglitt. Während
Leidchen sich vorn auf dem Verdeck der Koje niederließ, legte Gerd,
nachdem er den Mast gerichtet und das braune Segel freigemacht hatte,
sich hinten an das eingehängte Steuerruder, froh, daß der Wind ihm
verstattete, seine Kraft für die Arbeit des Tages zu sparen.
Leidchen hatte bislang während der Heuernte zu Hause Kinder
hüten müssen. Zum erstenmal sah sie den glitzernden, flimmernden
Wasserspiegel, das weite grüne Wiesental, die wogenden Schilfwälder
des Ufers, die Flug- und Kampfspiele des Sumpfgevögels und blickte
mit frohen, hellen Augen um sich. Die Fragen, deren sie eine über die
andere stellte, beantwortete der Bruder, sein Pfeifchen rauchend, mit
der gelassenen Ruhe des in der Welt sich auskennenden Mannes und mit
seinem Element vertrauten Schiffers. Das Gefühl der Überlegenheit,
das dem lebhaften und geistig regen Mädchen gegenüber zu behaupten
ihm nicht immer leicht wurde, konnte er hier einmal nach Herzenslust
auskosten, und das versetzte ihn in die allerbeste Laune, so daß er
die Rede auch auf die größere Fahrt brachte, die er ihr für den Herbst
versprochen hatte. Auf dem Bremer Freimarkt, ja, da würde sie erst
Augen machen! Und sie stützte die Arme auf die Knie und das Kinn in
die Hände und lauschte wie ein Kind, dem das schönste Märchen erzählt
wird, wie er von Puppenspielern, Zirkusreitern, Meerjungfrauen,
Riesenweibern, dressierten Flöhen und anderen Weltwundern berichtete,
die er ihr dort zeigen würde.
»Nun wollen wir erst mal frühstücken,« sagte er dann, indem er die
totgesogene Pfeife weglegte. Leidchen ließ sich neben ihm nieder,
hielt den straff gepackten Lederholster, den sie der Koje entnommen
hatte, auf dem Schoß und packte aus. Inzwischen hatte Gerd das
Steuerruder herumgerissen, und das Schiff lief, während sie wacker
schmausten, einen breiteren Wiesengraben aufwärts. Als sie wieder
einpackten, waren sie am Ziele.
Und nun machten sie sich hurtig und munter an ihr Tagewerk. Auch
Leidchen griff zur Sense, die sie, an das Kuhfuttermähen von früh
an gewöhnt, nicht übel handhabte. Jedoch in dem Bestreben, mit dem
Bruder Schritt zu halten, ermüdete sie schnell und nahm bald die
ihrem Geschlecht und Alter mehr angemessene Harke zur Hand, um aber
zwischendurch immer wieder ein paarmal auf und ab zu mähen. Nach dem
wochenlangen Wühlen in feuchten, schwarzen Torfgründen machte ihr die
Arbeit auf der sonnbeglänzten grünen Blumenwiese mit dem heute so
gutgelaunten Bruder und ohne den meist einsilbig mürrischen Halbbruder
und Dienstherrn Freude und Spaß.
Der Morgenwind ging bald zur Ruhe, und immer heißer brannte die
Sonne auf den grünen Plan. Mehr als einmal wurde die im Uferschilf
geborgene Blechkanne herausgezogen und der trockene Gaumen durch einen
Schluck kalten Kaffees angefeuchtet. Als die Sonne ihre Mittagshöhe
erreichte, stellten sie, da Bäume nicht in der Nähe waren, das braune
Segel schräg gegen ihre Glutstrahlen, um im Schatten ihr Mittagbrot
verzehren und eine Stunde ruhen zu können.
Am Abend, nachdem sie das welkende Gras in Haufen gemacht hatten,
schlenderten sie wohlig müde der sinkenden Sonne nach einem Gehöft
zu, das eine tüchtige Viertelstunde entfernt unter hohen Bäumen auf
einer Wurt lag. Es gehörte dem Grasbauern Harm Tietjen, von dem die
Rosenbrocks seit Jahrzehnten das Wiesenland in Pacht hatten, und bei
dem sie während der Heuzeit auf dem Boden oder in der Scheune zu
nächtigen pflegten.
Frau Tietjen, die noch auf den altmodischen und aussterbenden Namen
Tibcke hörte, empfing die Ankömmlinge freundlicher, als Gerd von ihr
gewohnt war. Von der vornehmen Zurückhaltung, die sie als reiche
Wiesenbäuerin so kleinen Leuten aus dem Moor gegenüber sonst sich
schuldig zu sein glaubte, war diesmal nicht viel zu bemerken. Man
wurde in die Wohnstube genötigt und bewirtet, und auf Frau Tibckes
breitem, glänzendem Gesicht malte sich immer mehr ein mütterliches
Wohlgefallen an dem schönen Kinde, das höflich bescheiden und
unbefangen frisch alle Fragen der großen Frau beantwortete. Als
Bettgehenszeit wurde, hatte Leidchen deren Herz bereits so umstrickt,
daß sie eingeladen wurde, für die Nacht im Anderthalbschläfer
ihrer Tochter mit unterzukriechen, wozu diese, nachdem sie die ihr
zudiktierte Bettgenossin von Kopf bis zu Fuß gemustert hatte, zögernd
und ein wenig säuerlich ihre Einwilligung gab.
Das Dutzend Jahre, das Fräulein Hermine Tietjen vor dem Kind des
Moores voraus hatte, war nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Einen
oberen Vorderzahn hatte es genommen, die ersten Krähenfüßchen um
die Augen ihr gebracht. Eine Schönheit war sie mit dem zu breiten
Mund, den zu kleinen Augen und den zahllosen Sommersprossen wohl nie
gewesen. Aber dem Spiegel an der Wand, wenn er einmal Anwandlungen
von Ehrlichkeit hatte, glaubte sie nicht, weil er ein Buckelchen und
ein Bläschen hatte. Um nun dem lebendigen Spiegel jungmädchenhafter
Lieblichkeit und Frische, den sie bei sich in der Kammer hatte,
nicht glauben zu müssen, suchte sie an ihm mit Luchsaugen nach einem
Buckelchen oder Bläschen. Aber die jugendlich schlanke Gestalt, die
sich vor ihr entkleidete, war leider von herrlichstem Ebenmaß; an
Reinheit und Zartheit der rosig durchschimmernden Haut ließ sich mit
dem besten Willen nichts tadeln; den Augen, Mund, Nase und Haar, den
Ohren, ja sogar den Füßen, mußte auch der Neid lassen, sie konnten gar
nicht wohlgebildeter sein, als sie waren. Und schon wollte sie das
vergebliche Suchen aufgeben, als plötzlich ihre kleinen grünlichen
Augen in der Freude des Findens schillerten.
»Ih! Was hast du denn da?« rief sie, mit spitzem Finger und ebenfalls
gespitzter Nase zufahrend.
Leidchen legte harmlos ein Muttermal über dem Ansatz ihrer linken
Brust frei, daß die andere es in Ruhe betrachten konnte. Die machte
ein Gesicht, als ob ihr eine Kröte in den Schuh gekrochen wäre.
»Igittegitt, wie sieht das aus?«
»Och, das kriegt ja kein Mensch zu sehen.«
»Willst du dir das nicht wegoperieren lassen?«
»Warum? Das hat Zeit genug, da zu sitzen.«
»Aber Deern, schämst du dich denn gar nicht?«
»Weshalb?«
»Daß du da so'n Ding hast!«
Jetzt wurde es Leidchen zu viel. Gutmütig spottend sagte sie: »Meinst
du, daß ich mit deinen Sommersprossen tausche?«
Hermine zuckte wie unter einem Nadelstich zusammen. Sie war schon
auf mehr als eine Anpreisung in der Zeitung, die sie von diesem
Schönheitsfehler zu befreien versprach, hineingefallen.
»Ach ja,« seufzte sie, »es ist ein Leiden, wenn man einen gar zu
feinen Teint hat.« Sie sprach das Wort, wie man's schreibt; denn sie
war ein Jahr in der Benehmigung gewesen und hielt es so für gebildeter.
Leidchen entgegnete darauf nichts, aber ihr harmloses Lachen klang
etwas ungläubig und verwundete die andere noch mehr.
Rachedürstend trat sie an ihre messingbeschlagene Eichenholzkommode
und zog die oberste Schublade auf, in der sie eine Anzahl Kästchen und
Schächtelchen öffnete.
»Darf ich mich hinlegen?« fragte Leidchen bescheiden, zum Einsteigen
bereit vor dem Bett stehend.
»Nein,« sagte Hermine, die gerade dabei war, ein Licht anzuzünden,
kurz und schroff, »ich will dir erst noch mal was zeigen. Komm
hierher!«
Ein bewunderndes Ah und Oh nach dem anderen sprang von den Lippen des
Moorkindes vor all den im Kerzenglanz funkelnden Broschen, Ringen,
Ketten und Armbändern.
Die große Bauerntochter nahm die einzelnen Stücke in die Hand, wandte
sie im Licht hin und her, daß sie blitzten, hielt sie dorthin, wo
sie ihren kargen Reizen zu Hilfe zu kommen pflegten, und nannte mit
boshaftem Behagen die stark nach oben abgerundeten Preise. Die kleine
Moordeern stand jetzt sprachlos mit gefalteten Händen neben ihr und
konnte sich nicht satt sehen. Noch nie waren ihr die Herrlichkeiten
der Welt so verlockend gezeigt worden.
Aber die andere war mit diesem Triumph noch nicht zufrieden. Sie
schloß einen zweitürigen Schrank in Nußbaumimitation und Muschelstil
auf und sagte: »Hier siehst du all meine Kleider. Dies weiße trag' ich
auf dem Ball, in diesem schwarzen geh' ich zum Abendmahl, die beiden
da sind für die gewöhnlichen Sonn- und Festtage. Und dies himmelblaue
hab' ich zur Hochzeit meiner Schwester gekriegt, es ist ganz von prima
Seide. Kuck doch bloß mal, wie's glänzt! Und wie es sich anfühlt! Du
darfst dreist mal anfassen.«
Leidchen machte von dieser gnädigen Erlaubnis Gebrauch. Scheu
liebkosend fuhr ihre Hand an dem schimmernden Stoff hinunter. »Ganz
von Seide ...« wiederholte sie, andächtig versunken.
»Ja, und kostet dreißig Taler.«
»Das ist nicht wahr!«
»So gewiß, als ich hier stehe! Soll ich dir die Quittung zeigen?«
»Dreis--sig Ta--ler ...«
»Wenn du dir so'n Kleid kaufen wolltest, müßtest du ein Jahr dafür
dienen, nicht wahr?«
»So eins möchte ich nicht geschenkt. So viel Geld für ein einziges
Kleid? Das ist, glaub' ich, Sünde.«
»Du liebe Unschuld du,« sagte Fräulein Hermine Tietjen mitleidig
lächelnd, indem sie ihren Kleiderschrank abschloß. »So, nun steig' man
hinein. Du kriegst den Platz an der Wand.«
»Was ist das?« fragte Leidchen ein wenig erschrocken, als es unter
ihrem Gewicht verdächtig krachte und knackte.
»Patentmatratze,« erklärte stolz die ihr nachsteigende
Betteigentümerin, »auf Stroh schlafen wir längst nicht mehr. Aber du
mußt dich nicht so breit machen, als ob du hier zu Hause wärest. Und
nun hör' zu, was ich sonst noch alles habe oder einmal kriege.«
Sie begann mit ihrem Schatz an Leinenzeug. Dann kam die Leibwäsche
an die Reihe. Zuletzt verriet sie, was sie an barem Gelde einmal
mitbekommen würde. Das war eine Summe, über deren Höhe ihrer gespannt
lauschenden Zuhörerin der Mund aufging und der Kopf schwindelte. Zwei
Brunsoder Moorstellen hätte man bequem dafür kaufen können.
»Willst du denn noch heiraten?« fragte Leidchen unschuldig.
»Noch? Noch? Was ist das für'n dummer Schnack! Als ob ich nicht schon
fünf Männer hätte haben können! Aber wir sind anders als ihr im Moor.
Ihr kommt zusammen und wißt manchmal selber nicht wie, und wiegt schon
Kinder, wenn ihr hinter den Ohren knapp trocken seid. Wir halten mehr
auf uns und sind nicht so'n Prachervolk wie -- na, ich hätte beinah'
was gesagt. Nun wollen wir schlafen. Gute Nacht, schlaf süß!«
Sie war schnell eingeschlafen, aber Leidchen, obgleich sie beim
Eintreten zum Umfallen müde gewesen war, lag, an ihre Wand gedrückt,
noch lange mit wachen Augen.
Zum erstenmal in ihrem jungen Leben war sie mit ihrem Lose unzufrieden.
In Schule und Konfirmandenunterricht, auf der Nachbarschaft und
im Dorfe hatte sie immer etwas gegolten, ja, man hatte sie sogar
etwas verwöhnt. Jetzt, wo sie zum erstenmal über die Grenzen ihres
Kirchspiels hinauskam, bemerkte sie mit Schmerzen, daß sie nichts war
als eine arme, kleine, dumme Deern aus dem Torf.
Sie dachte an den Inhalt ihrer Lade daheim. Das meiste davon stammte
aus mütterlichem Erbe, allerlei Kleinigkeiten hatten die Brüder,
Schwägerin und Patentante ihr im Lauf der Jahre geschenkt. Wie manches
liebe Mal hatte sie an diesen Habseligkeiten, die sie in peinlicher
Ordnung hielt, ihre Freude gehabt! Jetzt, nachdem sie einen Blick in
Hermine Tietjens Kommode und Kleiderschrank geworfen hatte, erschienen
sie ihr auf einmal so armselig und nichtig, daß sie überzeugt war,
sie würde sich niemals wieder an ihnen freuen können.
Es war in der Welt doch verkehrt eingerichtet. Die einen wühlten ihr
lebelang im Moor, die anderen in Gold und Seide, und kein Mensch
konnte sagen, womit sie diese Bevorzugung eigentlich verdient hatten.
Aber war denn gar keine Möglichkeit, daß auch sie einmal zu diesen
anderen gehörte? War nicht Nachbar Rotermunds jüngerer Bruder als
Junge mit nichts nach drüben gegangen, und als er vor Jahren seine
alte Heimat wieder besuchte, konnte er mit dem Geld nur so um sich
werfen, und gegen seine dicken Ketten und Ringe aus purem Gold war
Hermine Tietjens Goldgeschirr nichts als Klöterkram. Aber wenn ein
anschlägiger Junge es in Amerika auch zu was Rechtem bringen konnte,
was sollte ein armes Mädchen im Torf machen, mit einem Jahreslohn, der
für andere kaum zu einem einzigen Kleide reichte?
Das einzige wäre am Ende -- eine reiche Heirat.
Aber wenn nur die reichen Jungens nicht immer gerade die reichen
Deerns nähmen, nach dem Wort: Geld muß zu Geld kommen! Zum Beispiel,
solange die Mühle in Brunsode stand, war noch keine Tochter des Dorfs
als junge Frau auf ihr eingezogen. Hermann holte sich natürlich auch
wieder eine mit viel Geld von auswärts, und die armen Mädchen mußten
mit einem armen Knecht oder Häusling vorliebnehmen und quälten sich in
ein paar Jahren zuschanden.
Todmüde, wie sie war, und doch nicht imstande, einzuschlafen, fühlte
sie beinahe etwas wie Haß gegen die vom Glück so verzogene, sanft
schnarchende Bettgenossin, bis endlich der Schlaf sich ihrer erbarmte
und die junge Seele von allen bösen und bitteren Gedanken erlöste.
Als der Morgen graute, erwachte sie von einem leisen Klopfen gegen
die Fensterscheiben. Es war Gerd, der sie für den neuen Arbeitstag
weckte. Draußen riefen schon die Kiebitze, und die Hofenten machten
ein Heidengeschnatter. Indes sie vorsichtig über die reiche Erbin
hinwegstieg, riß sie auf einmal die Augen weit auf. Was? Saßen der
die Haare nicht fest am Kopf? Mit spitzen Fingern langte sie zu und
hielt den schönsten kastanienbraunen Zopf in der Hand. Sie war über
ihren Fund so glücklich, daß sie, ihn um sich schwingend, auf bloßen
Füßen und im Hemde ein Solotänzchen durch das dämmerige jungfräuliche
Schlafgemach ausführte. Endlich wollte sie das Ding vorsichtig wieder
an seinen Platz legen. Aber auf einmal sagte sie sich: Sie hat dich
so geärgert, ärgere sie mal ein bißchen wieder, und indem tausend
Teufelchen aus ihren Augen sprühten, brachte sie den Zopf hübsch
gefällig über dem Spiegel an. Dabei konnte sie es nicht vermeiden, in
diesen hineinzublicken, und ihr sagte er trotz Buckel und Bläschen
nichts Unangenehmes. Sie wandte sich nach der holden Schläferin um,
machte ihr eine allerliebste lange Nase zu und flüsterte: »Mit dir
tausch' ich nicht, und wenn du zehn Kommoden voll Gold und hundert
Schränke voll Seide hättest.« Dann flog sie hurtig in ihre Kleidung,
und nach wenigen Minuten schritt sie mit Gerd, der draußen auf sie
gewartet hatte, munter durch die tauglitzernden Wiesen der Sonne
entgegen, die auch heute wacker grünes Gras in duftendes Heu zu
verwandeln versprach.
Bald kam Jan auf seinem Rad angefahren. Auch Rotermunds begannen mit
der Heuernte, und Wellbrocks von Nr. 24. Alle krochen für die Nacht
bei Tietjens unter. Leidchen zog es vor, mit den Frauen und Mädchen
ihres Dorfes sich in einen Rest vorjährigen Heus zu packen. Die
Gastfreundschaft in Hermine Tietjens Anderthalbschläfer wurde ihr
übrigens auch nicht wieder angeboten.
Die sengende Gluthitze der nächsten Tage förderte die Arbeit im
Hammetal aufs beste, forderte aber auch ein Opfer. Nicht weit von
Rosenbrocks Wiesen brach Cord Mehrtens aus Hasenwede beim Mähen
lautlos zusammen. Man spannte das Torfsegel über ihn zum Schutz
gegen die Sonnenstrahlen. Nach drei Stunden kam endlich der Arzt,
der die Achseln zuckte und keine Hoffnung gab. Eine Stunde nach
Sonnenuntergang trugen die beiden Söhne den Entseelten in sein Schiff,
deckten ihn mit dem Segel zu und stakten durch die schöne warme
Sommernacht heim zu Muttern.
In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag arbeiteten die drei Rosenbrocks
sich mit der ersten Ladung Heu den Graben vor Brunsode aufwärts. Das
Schiff war so hoch bepackt, daß es, die Hofbrücken anstreifend, nur
mit knapper Not passieren konnte. Wenn es ein Klappstau hinaufging,
rief Jan, der mit dem Stangenruder schob, »Hei -- djup!« und Gerd und
Leidchen, die in quer über die Brust gehenden breiten Seilen liegend
das Schiff schleppten, legten sich mit doppelter Kraft ins Zeug,
um den Höhenunterschied und den Widerstand des entgegenströmenden
Stauwassers zu überwinden. Schwer fielen sie in die lang entbehrten
Betten und verschliefen die Nacht und, mit kurzen Unterbrechungen für
das Essen und die notwendigsten Arbeiten, den Sonntag und noch eine
Nacht. Die Frühsonne des Montags fand sie schon wieder auf dem Wege zu
den Hammewiesen.
Dem grünen Erntefeld drängte das goldig gelbe nach. Auf diesem zu
arbeiten war dann aber wirklich eine Lust. Es lag so bequem nahe
beim Hause, dehnte sich nicht gar zu weit aus, und die schlimmste
Hitze des Jahres war vorüber. Als Trina das erste Brot von jungem
Roggen herauszog, umstand die ganze Familie den Backofen. Man besah
und beroch's, probierte, bedächtig kauend, nickte befriedigt und war
fröhlich und guter Dinge.
Das Kartoffelauskriegen war auch mehr Spaß als Arbeit. Man half
einander nachbarlich, lag in langen Reihen auf den Feldern, und der
gemütliche Klöhnschnack riß den ganzen Tag kaum ab.
Zwischendurch mußten Gerd und Leidchen sich auch mal vor die Egge
spannen und sie über das weiche, gepflügte Moorland ziehen, das in der
herbstlichen Regenzeit für Pferde nicht recht gangbar war. Das war
wohl ein saurer Tag, aber der tiefe, gesunde Schlaf der Jugend machte
in einer Nacht alles wieder gut.
* * * * *
Ob irgendwo in deutschen Landen so schwer und anhaltend gearbeitet
wird wie in dem Lande, wo dem schwarzbraunen Moor die weiße Birke
entsteigt? In den Marschen und auf den Heiden der nordwestdeutschen
Tiefebene jedenfalls nicht. Dort haben sie zwischen den Zeiten, wo die
Arbeit auf den Nägeln brennt, Wochen oder wohl auch Monate, in denen
sie es sachter angehen lassen können. Im Moor werden diese Atempausen
durch Backen, Schneiden und Ringeln des Torfs ausgefüllt, und nicht
einmal Spätherbst und Winter bringen wirkliche Ruhe. Denn dann muß
das Landesprodukt in die Stadt geschafft und in Bargeld umgesetzt
werden. Da knarren durch Sturm- und Regennächte die schweren geeichten
Kumpwagen die Birkenchausseen entlang, und auf den Wasserwegen ziehen
die torfbepackten Schiffe. Das kostet wieder saure Arbeit und bringt
schlaflose Nächte ungezählt. Und wer kein Raubbauer auf Torf sein,
sondern durch Urbarmachen der abgetorften Flächen das Kulturland ins
Moor vorschieben will, muß sich auch in der stilleren Jahreszeit
dranhalten. Nur wenn der Frost das Land wie in eiserne Bande
geschlagen hat, hat's der Moorbauer kommodiger und kann die harten
Arbeitshände mal in den Schoß legen.
Kein Wunder, daß in diesem Lande die schönen Mädchen nicht auf den
Bäumen wachsen und jugendliche Frische früh verblüht. Kein Wunder,
daß die Königliche Aushebungskommission unter den Söhnen des Moores
nicht gar zu viele Rekruten für die Potsdamer Garde findet, ja, daß
sie manchen sonst ganz gesunden Jungburschen kaum dem obskursten
Regiment an der russischen Grenze zumuten mag. Laßt's nur gut sein!
Ihre Urgroßväter, die ersten Ansiedler, erhielten Befreiung vom
Militärdienst, um im Frieden, Spaten und Hacke in der Hand, für König
und Vaterland eine neue Provinz zu erobern. Dieses Werk setzen die
Enkel mit echt niederdeutscher Zähigkeit wacker und unverdrossen fort,
und sie und ihre Kinder werden nicht ruhen, bis es zu Ende geführt
ist. Der »Jan vom Moor«, den die von der Natur mehr gehätschelten
Nachbarn nicht recht für voll nehmen wollen, und über den die Bremer
dummen Jungs ihre Witze reißen, wird aussterben, und wo er einst mit
schweren Holzstiefeln in der glucksenden, triefenden Torfkuhle stand,
da werden seine Urenkel als niederdeutsche Kleinbauern auf freier,
grüner Scholle sich eines bescheidenen, aber sicheren Wohlstandes
erfreuen.
5.
In den hinterzu gelegenen Moordörfern sitzt manch' brave Ehefrau und
Mutter, die das Jahr hindurch kaum je über die Grenzen des Kirchspiels
und den engen Kreis ihrer Pflichten hinauskommt. Sie trägt auch gar
kein Verlangen danach und überläßt die Strapazen des Reisens gern
ihrem Jan. Aber um die Zeit, wenn die Kartoffeln heraus sind, wenn die
Ratten das lustige Leben an den Grabenrändern aufgeben und sich auf
die Gehöfte zurückziehen, wenn die silbernen Birken ihr herbstliches
Gold streuen, packt auch die häuslichste aller Frauen eine merkwürdige
Unruhe. Es ist die Zaubermacht des Bremer Freimarkts, die auch die
seßhafteste und solideste einmal von Haus und Hof, Kindern und Vieh
hinwegzieht.
Wenn drüben in der alten Hansestadt um Sankt Petri ehrwürdigen Dom
über Nacht die leichte, luftige Zelt- und Budenstadt aus dem Pflaster
geschossen ist und zu Füßen des starr verwundert blickenden Riesen
Roland alle Spezialitäten, Raritäten, Abnormitäten des Kontinents
sich ein Stelldichein geben, dann sagt Gesche zu ihrem Klaus, und
Dele zu ihrem Peter, und Meta zu ihrem Jan: »Du, nach'm Freimarkt
möcht' ich auch mal mit.« Und Jan, Peter, Klaus, einerlei, ob er das
Recht des Holzpantoffels über sich anerkennt oder ob er die Hosen
anbehalten hat, macht keine Sperenzien, »tiert« mit seiner Gesche,
Dele, Meta zur Stadt, zeigt ihr die Herrlichkeiten und Wunder des
Freimarkts, högt sich, wenn sie Augen macht wie Wagenräder, kauft ihr
Honigkuchen, Spielsachen für die Kinder, Geschirr für den Haushalt und
wonach sonst ihr Sinn steht, in verschwenderischer Laune, und ist den
ganzen Tag der liebenswürdigste, zuvorkommendste Ehemann der Welt.
Wenn die beiden dann nach endloser Wasser- oder Wagenfahrt durch die
Annehmlichkeiten einer Herbstnacht endlich unter ihr Strohdach treten,
sinkt sie auf den ersten besten Stuhl zusammen, läßt die Hände schlaff
an den Seiten herunterhängen und verschwört sich stöhnend: »Ich hab'r
genug von für mein Leben.« Ist aber ein Jahr herum und das Birkenlaub
küselt aufs neue zur Erde, fängt sie doch wieder an: »Och, diesmal
möchte ich wohl noch mal mit. Wer weiß, ob ich's nächstes Jahr noch
erleb'.«
Wenn in hillster Zeit die Arbeit auf den Nägeln brennt und gar zu
viel Überstunden gemacht werden müssen, so daß die Augen verdrossen
blicken, und die Kräfte zu versagen drohen, bringt der kluge Bauer
die Rede wohl so beiwegelang auf den Freimarkt und läßt durchblicken,
daß es ihm auf ein anständiges Marktgeld für den fleißigen Knecht,
die unermüdliche Magd nicht ankommen soll, und es müßte schon gar zu
schlimm sein, wenn das nicht mehr verfinge.
Sechzig Drehorgeln dudelten und leierten wieder einmal auf den Straßen
und Plätzen Bremens den lieben langen Tag ihr Repertoire herunter,
von: »Ich bete an die Macht der Liebe« bis »Mutter, der Mann mit dem
Koks ist da,« das eben seinen Siegeslauf durch die Welt antrat.
Einige dreißig waren von der kunstverständigen Polizeikommission beim
Probespielen mit Rücksicht auf die durch höherwertige musikalische
Genüsse verwöhnten städtischen Ohren zurückgewiesen worden. Aber sie
gingen der guten Sache deshalb nicht verloren. Mit ihrer verstimmten
Töne Gewalt erfüllten sie die Umgebung der Stadt und trugen die
fröhliche Botschaft vom Freimarkt auf die Dörfer.
Es war der bösartigste aller Leierkasten, der Brunsode beglückte.
Als Herr Timmermann mitten in der Weltgeschichtsstunde seine Klänge
vernahm, legte er das Gesicht in Leidensfalten; die Kinder aber
reckten die Hälse, horchten mit leuchtenden Augen und hatten für die
unerhörtesten Weltbegebenheiten kein Ohr. Tönnjes Miesner, der älteste
Altenteiler des Dorfes, der vor seiner Haustür in der Herbstsonne
saß, winkte den Orgelmann heran, hielt sich die großen zitterigen
Hände als Schalltrichter vor die torfverstaubten Ohren und dachte voll
Wehmut daran, wie er einst mit den Genossen seiner Jugend, die jetzt
alle dahin waren, im Freimarktsübermut fünf solcher verwegenen Kerls
gemietet und hinter der tollen Musik her, mit ein paar hundert Kindern
im Gefolge, das Torfhafenviertel durchzogen hatte. Damals konnte
einer, der schlau und flink war und Glück hatte, noch mal schnell
mit Schmuggelei ein gutes Stück Geld verdienen und etwas draufgehen
lassen. Dem Alten fielen ein paar große blanke Tränen wehmütiger
Erinnerung aus den Augen, indem er in der Tiefe seiner Hosentasche
nach dem Groschen Spielmannslohn grub. -- Die Schmuggelzeit ist das
romantische Mittelalter in der Geschichte der Moorkolonien, und wenn
winterabends um den Herd oder in der Stube um den warmen Ofen das
Erzählen beginnt, fängt es bei den Alten gar oft an: »Damals, als die
Schmuggelei noch im Gang war ...«
Leidchen Rosenbrock saß gerade, den Melkeimer zwischen den Knien,
unter der Rotbunten, als es draußen auf dem Hof erklang: »Im
Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion.« Sie hielt, die weichen
Euterstriche zwischen den Fingern, im Melken inne, lauschte, trällerte
die Weise mit, rückte unruhig auf dem Schemel, und ließ dann hurtiger
und lustiger als zuvor die weißen Quellen in den Eimer strullen. Noch
drei Stunden, und es ging nach Bremen zum Freimarkt! Den ganzen Sommer
hatte sie sich darauf gefreut, seit Wochen zählte sie die Tage, und
seit gestern in jugendlicher Ungeduld sogar die Stunden.
Aber noch stand vor dem Vergnügen ein tüchtiges Stück Arbeit. Leidchen
mußte hinten im Moor auf der Karre einen Korb Backtorf nach dem
anderen an den Grabenrand schieben, und Gerd stand unten im Schiff,
ihn kunstgerecht zu verpacken, bis er die volle Ladung, einen halben
Hunt, d. i. sechs Kubikmeter, beieinander hatte. Ein Viertel des
Erlöses war ihnen von Jan als Marktgroschen zugestanden.
Nachdem sie sich gründlich von der staubigen Arbeit gewaschen und
die eingepackte Festkleidung verstaut hatten, brachen sie in später
Nachmittagsstunde auf.
Als sie die Hamme erreichten und das Schiff, das sie bis dahin vom
Leinpfad aus geschleppt und geschoben hatten, bestiegen, war die
Sonne bereits hinter eine breite Wolkenbank gesunken, deren Ränder
in allen Farbentönen, vom tiefsten Violett bis zum zartesten Rosa,
spielten. Der Duft und Glanz eines schönen Herbstabends füllte das
weite Wiesental. Der durch herbstlich raschelnde Schilfwälder sich
hinschlängelnde Fluß schimmerte weithin wie Perlmutter. Wo sein Lauf
sich dem Auge entzog, bezeichneten ihn bis zur Horizontlinie die
schwarz gegen den Himmel stehenden Rechtecke der heraufkommenden
Segel. Die ein gutes Dutzend Moorkolonien mit der Welt verbindende
Wasserstraße war zur Zeit des Torfverschiffens und des Freimarktes
sehr belebt. Die Schiffer kannten sich fast alle, wenn auch meist nur
nach Gesicht und Vornamen, und die üblichen Zurufe flogen zwischen den
einander Begegnenden hin und her: »Geht's 'nauf, Gerd?« »Ja, Jan.«
-- »Geht's 'nunter, August?« »Ja, Gerd.« -- »Na, wie war's auf'm
Freimarkt, Meta?« »Wunderschön, Gerd. Ist recht, daß du Leidchen auch
mal mitnimmst. Deern was wirst du für Augen machen!«
Als sie an einer Reihe von Schiffen vorüber waren und die glänzende
Bahn auf eine gute Strecke frei vor ihnen lag, hub Leidchen, die vorn
auf der mit braunem Laken bedeckten Ladung saß, an zu singen. Gerd,
der hinten im Schiff stand und die schwere eisenbewehrte Eichenstange
gleichmäßig einstemmte und nachzog, fiel sogleich mit der zweiten
Stimme ein, auf dem träge ziehenden Moorfluß deutsche Rheinromantik
aufleben zu lassen: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so
traurig bin,« klang es rein und getragen über die herbstabendstillen
Wasser.
Als ein kälterer Hauch durch das Tal wehte, vor dem Leidchen fröstelnd
die Schultern zusammenzog, stieg Gerd über die Torfladung nach vorn,
hob den Deckel der Koje und sagte mit einladender Handbewegung: »So,
lüttje Maus, nun wühl' dich hier warm ins frische Stroh und schlaf
süß, daß du mir morgen früh hübsch munter bist.« Sie hob das rechte
Füßchen, zog das linke nach, sank in die Knie und ließ sich in das
knisternde Stroh sinken. Noch einen lächelnden Blick tauschten
sie, dann schloß er behutsam über der Schwester das wellengewiegte
Schlafkämmerchen.
Auch der Wind legte sich allgemach schlafen. Nur leichte Wellen kamen
noch den Fluß herauf und schlugen leise an die Wände des kleinen
Schiffes, auf dessen mattglänzende Bahn sich leichte Nebelschleier
legten. Am Himmel zogen sterndurchfunkelte grauweiße Wolken.
Vom Ufer her warf ein ruhig brennendes Licht seinen zitternden
Widerschein über das Wasser. Es kam aus Cord Rugens Hammehütte, die
hart am Flusse auf einer Wurt lag, und in der während der Monate
regeren Wasserverkehrs eine Wirtschaft für Schiffer gehalten wurde.
Gerd, der eigentlich vorüberfahren wollte, entschloß sich im letzten
Augenblick doch zum Einkehren. Wenn er ein Stündchen schlief, war er
am nächsten Tage frischer.
Er legte sein Boot nicht in die Reihe der übrigen, da die vor ihm
aufbrechenden Schiffer seinen Fahrgast dann leicht hätten stören
und erschrecken können, sondern ließ es ein wenig flußabwärts sacht
ins Uferschilf gleiten. Nachdem er, über die Koje gebeugt, durch die
ruhigen und tiefen, aus dem Stroh heraufkommenden Atemzüge sich hatte
sagen lassen, daß seine Schwester fest schlief, stieg er ans Land.
Die kümmerlich erleuchtete, aber gut durchwärmte Hütte füllte ein
reichliches Dutzend Torfschiffer, die sich hier von den Anstrengungen
der nächtlichen Fahrt erholten, die einen schlafend und schnarchend,
die anderen trinkend und Solo spielend.
Gerd ließ sich einen Klaren geben, schob das Gläschen, nachdem er
es bis zur Hälfte geleert, zurück, legte die Arme auf dem Tisch
ineinander und barg den Kopf hinein. Eine halbe Minute lang hörte
er noch das Gesäge eines Nachbarn und die auftrumpfenden Fäuste der
Spieler, dann nichts mehr. Auf solche Weise sich ein wenig nächtlichen
Schlafes zu stehlen, war er seit Jahren gewöhnt.
Zweimal hatte der große Zeiger der Wanduhr die sein Zifferblatt
umrankenden grellbunten Blumen umwandelt, da hob der junge Schiffer
den Kopf, trank seinen Klaren vollends aus, legte die Zeche von einem
halben Groschen daneben und trat gähnend in die Nacht hinaus, die
Fahrt fortzusetzen. --
Die Wiesen des Blocklandes deckt das graue Meer der Oktobernebel, aus
dem hier und da der Kopf oder die Rückenlinie einer Kuh wunderlich
gespenstig hervorragt. Auf dem schnurgeraden Kanal gleitet ein
Torfschiff durch den feuchten Dunst, von dem auf den Leinpfad
vornübergebeugt nebenhergehenden Schiffer mit dem eingestemmten
Stangenruder geschoben. Plötzlich umfließt diesen silbernes Licht, er
richtet sich auf und erblickt über die Nebelmassen weg den im letzten
Herbst- und ersten Morgengold leuchtenden Bürgerpark, und dahinter die
Stadt mit ihren Türmen, im Glanz des schönsten Herbstmorgens.
Da hebt er die Stange und stößt mit ihrer eisenbeschlagenen Spitze
gegen die Koje vorn im Schiff.
Der Deckel hebt sich. Helles Haar schimmert im Silberlicht der Frühe,
zwei junge Augen zwinkern verschlafen, ein rosiger kleiner Mund gähnt
mit ansteckender Herzhaftigkeit, und aus dem engen dumpfen Kasten
steigt das schönste Kind des Moores, sich schüttelnd und Strohteilchen
mit der Hand von Haar und Kleidung streifend, schlägt den Deckel
krachend zu, springt leichtfüßig hinauf, reckt die schlanken Glieder
in der Sonne und schaut mit großen, glänzenden Augen verwundert und
inbrünstig in den strahlenden jungen Tag. Zugleich schüttelt auch
der junge Schiffersmann die letzte Dumpfheit der Nacht von sich und
schreitet wacker aus, das Ziel zu erreichen.
Als das Schiff im Torfhafen sich in die Reihe der anderen legte, die
in den Morgenstunden auf den verschiedenen Wasserwegen angelangt
waren, fand sich schnell ein Händler herzu, der Gerds Ware auf Schwere
und Trockenheit untersuchte und ein Gebot abgab. Gerd nannte gelassen,
beide Hände tief in die Hosentaschen vergraben, seinen Preis, der den
Mann veranlaßte, ein Schiff weiter zu gehen. Auch mit einem zweiten
und dritten wurde er nicht handelseins. Leidchen, die auf dem groben
Kaipflaster hin und her ging, wollte schon ungeduldig werden und
drängte ihn, die Ladung loszuschlagen. Aber ohne auf sie zu hören,
steckte er sich die Pfeife an und wartete ruhig, bis jemand ihm auf
eine halbe Mark entgegen kam. Dem verkaufte er seinen Torf. Während
dessen Kumpwagen vorfuhr und die herandrängenden Brockelweiber mit dem
Umladen begannen, zählte er mit großer Sorgfalt sein Geld, um dann
noch jedes einzelne Stück auf seine Echtheit zu prüfen. Dies hatte er
sich zur Gewohnheit gemacht, seit er einmal mit einem österreichischen
Gulden angeführt war.
Darauf rechnete er aus, was der Schwester und ihm als Marktgeld
gehörte. Es ergaben sich sechs Mark und vierzig Pfennig, die er in
die linke Hosentasche versenkte, während er die größere Summe in der
rechten verstaute.
»Ich will mein Geld selbst tragen,« erklärte Leidchen und streckte die
Hand aus.
»Bei mir ist es sicherer,« sagte er. »Auf dem Freimarkt gibt's viele
Taschendiebe.«
»Schadet nichts. Gib her, drei Mark und zwanzig Pfennig.« Sie stieß
mit dem Hacken des linken Fußes energisch auf das Straßenpflaster und
ließ ein billiges Portemonnaie hungrig auf und zu schnappen.
»Du bist wohl albern?« rief Gerd verwundert. »Das Marktgeld richtet
sich nach dem Lohn. Da! Hier hast du zwei Mark fufzig, damit kannst du
dicke zufrieden sein.«
Sie zog das Mäulchen erst ein wenig schief, wusselte dann aber das
geschwollene Geldtäschchen vergnügt in ihre Rocktasche.
Nachdem sie in einer nahen Gastwirtschaft ihren Morgenkaffee getrunken
und sich festtäglich gekleidet hatten, machten sie sich auf den Weg in
die Stadt.
An der nächsten Straßenecke begann gerade ein junger, tirolermäßig
aufgeputzter Orgeldreher sein Tagewerk mit: »Freut euch des Lebens,
weil noch das Lämpchen glüht.« Leidchen blieb stehen und hatte ihren
Spaß an der lustigen Weise, und an den lustigen Augen des flotten
Kerls auch wohl ein wenig. Als er seinen Hahnenfederhut hinhielt,
warf sie ihm einen ganzen Groschen hinein, worauf der Leiermann sich
ritterlich verbeugte und sagte: »Küss' die Hand, schönes Fräulein.«
Freudig errötend schielte Leidchen nach ihrem Bruder hinüber, um zu
sehen, welchen Eindruck diese Anrede auf ihn machte. Der aber lächelte
spöttisch und brummte: »Darauf brauchst du dir gar nichts einzubilden.
Das sagt so'n Lümmel zu jedem alten Schrubber ... Was ich aber noch
sagen wollte, wenn du jedem solchen Tagedieb einen Groschen gibst,
bist du blank, ehe wir zum Marktplatz kommen.«
Er begann jetzt, sie auf allerhand Dinge, die es in Brunsode nicht
gab, erklärend aufmerksam zu machen, und hatte seine Freude an ihren
verwunderten Augen und den Ausrufen des Staunens, die immer wieder
über ihre Lippen kamen.
So erreichten sie die Budenstadt, die Marktplatz und
Liebfrauenkirchhof, Domshof und Domshaide bedeckte, und durchstreiften
ihre Gassen in die Kreuz und Quer. Aber der Freimarkt schlief noch.
Die Kuchentanten gähnten und kramten hinter ihren Süßigkeiten, die
Schaubuden zeigten nur ihre grellbunten Lockbilder, die Karussellgäule
schienen wie im Trab oder Galopp erstarrt. Nur wenig Menschen,
meist vom Lande, bewegten sich, dem Anschein nach ohne sonderliches
Vergnügen, zwischen den Budenreihen.
Als sie sich die Beine müde gelaufen und die Augen satt gesehen,
auch Honigkuchen, warme Würstchen, gefüllte Schokolade, Schmuddaal
und andere gute Dinge genug gegessen hatten, stiegen sie, um endlich
einmal von den Füßen zu kommen, in einen Keller hinab, in dem es nach
Tabak, Bouillon und Harzkäse roch. Gerd bestellte für sich einen
Bittern, für die Schwester einen Süßen. Auf dem rissigen Wachstuchsofa
eines dämmerigen Winkels hockten sie vor ihren Gläsern, und Leidchen
meinte, sie hätte sich den Freimarkt doch etwas anders vorgestellt.
Aber Gerd vertröstete sie auf den Nachmittag, wo viel mehr los sein
würde. Einstweilen lehnten sie sich in ihre Sofaecken und drusselten
ein.
Nach anderthalb Stunden, die sie zwischen Wachen und Schlafen ziemlich
unbehaglich zugebracht hatten, erklärte der Wirt, mit der geringen
Zeche unzufrieden, sein Lokal wäre kein Asyl für Obdachlose, und sie
stiegen wieder zur Oberwelt empor.
Sie waren noch keine hundert Schritt gegangen, als ein quer gehaltener
Spazierstock ihnen den Weg versperrte und eine lustige Stimme rief:
»Kinder und Leute, nun kuck mal einer an!«
Es war Müllers Hermann, der mit lachenden Augen die Dorfgenossen
und Schulkameraden anhielt und begrüßte, und dann umdrehte und sich
zwischen sie schob.
»Na, Leidchen, hast du denn schon ordentlich was gesehen?« wandte
er sich an das Mädchen, ihr frisches, hübsches Gesicht verwundert
betrachtend.
»Och nee,« antwortete sie gelangweilt, »es ist hier nicht ganz viel
los. Oder Gerd weiß nicht recht Bescheid.«
»Na, denn muß ich wohl mal die Führung übernehmen,« sagte der Müller
großartig.
Sie kamen in eine belebtere Straße, in der nicht drei auf dem
Bürgersteig nebeneinander Platz fanden. Da weder Hermann noch Leidchen
Anstalt machten, aus der Reihe zu treten, mußte Gerd es tun, und über
die ungebetene Gesellschaft nichts weniger als erfreut, trottete er
hinter den beiden her.
Auf dem Liebfrauenkirchhof wollte ein prächtiges Riesenkarussell sich
soeben in Bewegung setzen. Der Motor arbeitete und das Läutewerk
mahnte zu schleunigem Platznehmen. »Schnell, schnell,« rief Hermann,
packte seine Begleiterin an der Hand und flog mit ihr die Rampe
hinauf. Gerd beschleunigte seinen Schritt zwar auch, erreichte
den Anschluß aber nicht mehr. Mit langem Gesicht sah er den unter
rauschender Musik ihm Davonfahrenden nach.
Als sie wieder erschienen, galoppierten sie auf zwei Schimmeln
nebeneinander vor ihm vorüber. Leidchen, die den Damensitz schnell
einem vor ihr dahersprengenden Ladenfräulein abgeguckt hatte, strahlte
über das ganze Gesicht und nickte dem Bruder freundlich zu, während
Hermann in lässig vornehmer Haltung mit der Hand leichthin und, wie es
Gerd wenigstens schien, ein wenig spöttisch grüßte.
Das nächste Mal waren die beiden Reiter so lebhaft miteinander im
Gespräch, daß sie für den unten Stehenden kein Auge hatten. Gerd
ärgerte sich wie ein Hund und trat einer Töchterschülerin auf die
Zehen, die ihn anfauchte wie eine Katze.
Als das Karussell hielt, wandte Leidchen sich glückstrahlend um und
rief: »Junge, Junge, das geht aber schön! Komm doch und reit auch'n
bißchen mit.«
Er kletterte etwas ungelenk auf den Rappen, der hinter dem Schimmel
seiner Schwester lief. Aber rechten Spaß machte ihm die Sache nicht.
Die beiden beachteten ihn kaum, nur Leidchen drehte sich einmal um und
lachte ihn an. Er kam sich als der Reitknecht des Pärchens vor, und
als das Karussell stillstand, trat er zwei Schritt vor und sagte: »So,
Leidchen, nun komm' man, jetzt ist's erst mal genug.«
»Genug?« fragte sie erstaunt. »Mensch, wir fangen ja erst an.«
»Du mußt dich noch ein bißchen gedulden,« erklärte ihr Ritter, »ich
habe gleich ein Dutzendbillet genommen, daß wir erst mal in Stimmung
kommen. Stimmung, weißt du, Gerd, ist auf dem Freimarkt alles. Steig
auch man wieder 'rauf!«
»Dafür ist mir mein Geld zu schade,« sagte er, verließ das Karussell
und stellte sich unter die Zuschauer an das Geländer der Rampe.
Als die beiden zum erstenmal wieder vorbeiritten, sahen sie ihm ins
Gesicht und lachten in einer Weise, die ihm den Verdacht erweckte, der
Müller hätte einen Witz über ihn gemacht. Da wandte er sich ab und
tauchte in dem Gewühl einer Budengasse unter.
Wie hatte er sich darauf gefreut, Leidchen die Wunder des Freimarktes
zu zeigen! Nun kam auf einmal dieser Windmüller und verdarb ihm den
ganzen Spaß, ja drängte ihn einfach beiseite.
Er hatte nicht übel Lust, für den Rest des Tages den Gekränkten zu
spielen, auf baldige Rückfahrt zu drängen und dem Freimarktsvergnügen
ein schnelles Ende zu bereiten.
Aber nein, das durfte er der Schwester doch nicht antun. Sie hatte
sich zu lange auf diesen Tag gefreut. Vielleicht war es ja auch
möglich, den Müller auf irgendeine Weise loszuwerden.
»Echte Similibrillantringe, von fünfzig Pfennig an,« rief ein
Budenfräulein, die Dinger glitzerten ihm in die Augen, und schnell
entschlossen trat er heran, der Schwester ein Ringlein zu kaufen. Dann
kehrte er langsam zum Karussell zurück.
Er entdeckte Leidchen auf der Rampe, wie sie mit ängstlichen Augen die
hin und her wogende Menge absuchte. Als sie seiner ansichtig wurde,
kam sie schnell und froh auf ihn zu und rief: »Oh, ich war schon
bange, wir hätten uns verloren. Ein Glück, daß du wieder da bist.«
»Ist Hermann weggegangen?« fragte Gerd schnell.
»Er ist hin und sucht dich. Ich sollte hier auf euch warten.«
»Ach so ... Leidchen, ich will dir mal was sagen. Was sollen wir den
ganzen Tag den fremden Menschen mit uns herumschleppen? Komm schnell,
ich zeige dir alles, was du sehen willst!«
»Och nee, zu dreien macht es mehr Spaß.«
»Deern, ich schenk dir auch was. Guck mal, dies hab' ich für dich
gekauft!«
Er ließ seinen Brillanten funkeln und schob ihr den Ring auf den
Finger.
»Ei, ei!« rief sie bewundernd.
»Nun komm aber auch!«
»Gerd, ich hab' versprochen ...«
»Ich geb' dir auch noch fünf Groschen von meinem Marktgeld ab. Dann
hast du beinah ebensoviel wie ich, und wenn du den Ring mitrechnest,
sogar mehr. Komm!«
»Endlich hab' ich euch wieder!« rief der Müller, sich durch das
Menschengewühl auf die Geschwister zuschiebend.
Gerd biß sich voll Grimm auf die Unterlippe. Leidchen hielt dem
Ankömmling ihre geschmückte Hand vor das Gesicht: »Guck mal, was Gerd
mir geschenkt hat!«
»Mädchen, hast du aber Glück!« sagte dieser lachend und wickelte aus
einem Stückchen rosa Seidenpapiers ebenfalls einen Ring, den er ihr an
den Ringfinger der anderen Hand steckte. Gerd sah zu seinem großen
Verdruß, daß er drei Brillanten trug und auch feiner gearbeitet war
als der seine.
Und dann wurde er von einer Schaubude zur anderen geschleppt.
Ein Jammer war's, wie das schöne Geld in der linken Hosentasche
zusammenschmolz. Bald mußte er schweren Herzens gar eine Anleihe in
der rechten machen.
Endlich erklärte er, nun wär's aber wirklich genug, und sie
müßten nach Hause. Doch die beiden nahmen ihn in die Mitte,
Leidchen schmeichelte und streichelte, der Müller bot seine ganze
Liebenswürdigkeit auf, und schließlich willigte er noch in einen
Besuch des Zirkus auf dem Grünen Kamp. Hermann bezahlte auch für ihn
die Eintrittskarte.
Als die Vorstellung aus war, sagte er: »Nun ist's aber allerhöchste
Zeit; marsch zum Torfhafen!« Aber Leidchen erklärte, sie wäre sehr
hungrig, und da Hermann zu einem Abendimbiß einlud, gab er wieder
nach. Vor der anstrengenden nächtlichen Fahrt etwas Solides zu essen,
konnte ja nicht schaden.
Sie kamen an mehreren Restaurationen vorüber, aber keine war dem
Müller gut genug. Endlich, als sie wieder auf dem Markt angelangt
waren, wies er auf eine nach unten führende Treppe, indem er sagte:
»Nun man hinein ins Vergnügen!«
»Mensch, das ist ja der Ratskeller!« rief Gerd erschrocken und blieb
stehen. »Das ist nichts für unserer Art Leute.«
Aber Leidchen sagte freudig erregt: »Vom Ratskeller hab' ich schon in
der Schule gehört,« und stieg munter die Stufen hinab. Ihrem Bruder
blieb wieder einmal nichts übrig, als hinterdrein zu trotten.
Sie schoben sich langsam durch das Menschengewühl der von Weindunst,
Zigarrenqualm, Stimmengewirr und Konzertmusik erfüllten Säle, Gänge
und Kellerräume und fanden endlich ein freies Tischchen, an dem sie
sich niederließen. Der Kellner mußte eine Flasche Rüdesheimer bringen.
Als Hermann eingeschenkt hatte, erhob er seinen Römer und sagte: »Auf
unsere alte Freundschaft!«
Leidchen ließ hell ihr Glas erklingen, Gerd dagegen kam mit seinem
schräg von unten herauf, daß es hart klappte, und brummte: »Die ist
nie dick gewesen.«
Hermann schob sein Glas vor und legte sich behaglich über den Tisch:
»Na ja, wir haben uns auch wohl mal in den Haaren gelegen, wie sich
das bei ein paar richtigen Jungens von selbst versteht, aber schön
war's doch, vor allem, als der alte Krischan Lenz noch in seinem
Armstuhl saß. Weißt du noch, unsere Schneeballschlachten? Und wenn
wir auf dem Schiffgraben Schlittschuh liefen und über die Klappstaue
sprangen ... oder durch die Hammewiesen und das St. Jürgensfeld
sausten und Schmuggler und Kontrolleur spielten? Aber trinkt auch mal,
der Tropfen ist nicht schlecht, prosit! ... Ach ja, die schöne Zeit
kommt nicht wieder. Ihr mögt mir's glauben oder nicht, manchmal habe
ich ordentlich Sehnsucht nach unserm Moor. Früher haben die Leute
es ja verachtet, aber jetzt wird's auf einmal hoch geehrt. Neulich
schrieben sie in den ›Nachrichten‹ viel von den Männekens, die seit
ein paar Jahren auf dem Weiher Berg sitzen und pinseln. Wir sehen
sie ja auch oft genug in unserm Dorf herumstehen und umschichtig
zwischen der Natur und ihrem Stück Leinwand hin und her glotzen. Ihre
Bilder waren hier in der Ausstellung zu sehen, und als ich zufällig
vorbeikam, ging ich eben mal hinein. Da hingen unsere Torfgräben und
Moorlöcher und Heuschiffe ganz natürlich abkonterfeit in goldenen
Rahmen an der Wand, und die Leute machten ein Leben davon, als ob sie
nicht recht klug wären. Auch Möschemeyers Anntrin ihre Erdhütte, die
neulich eingefallen ist, war da zu sehen, und das alte Bettelweib
guckte mit ihren roten Hexenaugen aus der Türluke, und 'ne feine
Dame, ganz in blauer Seide, stand davor, hielt sich 'ne Brille mit'm
Stiel über die Nase und schwögte in einem fort: ›Wie malerisch, wie
entzückend, wie reizend!‹ Prost, Kinder, unser Düwelsmoor soll leben!«
Sie stießen an, und diesmal gaben alle drei Gläser guten Klang.
Dann bestellte Hermann zu essen, und sie ließen es sich schmecken.
Leidchen, die mit Freuden bemerkte, daß die Laune ihres Bruders sich
verbesserte, erzählte lustige Geschichten aus den Kindertagen, in
denen er eine Rolle spielte, und tat alles, was sie konnte, um die
beiden alten Gegner voreinander in das beste Licht zu setzen, wobei
der Ratskellerwein ihr nicht wenig half.
Als sie gesättigt waren, traten sie einen Rundgang durch die
Kellerräume an. Dem Freimarkt zu Ehren waren sie alle geöffnet,
auch die, welche sonst der Kellner mit dem Schlüsselbund nur gegen
Entgelt zu zeigen pflegt. Leidchen in der Mitte, Arm in Arm, um in
dem ausgelassenen weinfröhlichen Treiben einander nicht zu verlieren,
schoben sie sich durch das Gedränge.
»Guck an, Jan vom Moor, da bist du ja auch!« rief ein junger Mensch
und klopfte Gerd vertraulich auf die Schulter.
»Ich kenn' dich nicht,« brummte er mit finsterm Gesicht.
»Was? Du kennst mich nicht? Ich bin doch der Hinnerk aus der
Lammer-Lammerstrat Nr. 13, drei Treppen hoch links um die Eck' herum,
grade aus, dritte Tür rechts. Junge, Jan, was hast du da für 'ne
hübsche Trina am Arm!«
Ehe Gerd dazu kam, etwas zu entgegnen, hatte das Gedränge ihn von dem
Bruder Lustig getrennt. »Wenn Freimarkt ist, sind sie alle verrückt,«
sagte Hermann lachend.
Nachdem die drei Bacchus, Frau Rose und den zwölf Aposteln, die auch
alle ein sehr vergnügtes Gesicht machten, ihren Besuch abgestattet
hatten, kehrten sie an ihren Tisch zurück und begannen mit der zweiten
Flasche. »Leidchen, Leidchen,« sagte Gerd mit bösem Gewissen, »wir
müssen nach Hause.«
»Wenn wir diesen Buddel leer haben,« antwortete der Müller, »könnt ihr
meinetwegen reisen ... Ich beneide euch um die schöne Fahrt.«
»Du kannst ja ein bißchen mitfahren,« rief Leidchen.
»Deern, das ist'n Gedanke ...«
»Unsinn!« knurrte Gerd, »du mußt morgen früh auf deiner Mühle sein.«
»Das ist nicht so ängstlich, zur Freimarktszeit lassen die Leute sich
was gefallen. Hab' meine Alten doch lange nicht gesehen. Zum Kuckuck,
ich fahr' mit euch!«
»Du weißt ja gar nicht, ob wir dich mitnehmen.«