Gedruckt in Stuttgart bei J. F. Steinkopf

Die Schulkinder von Brunsode lagen, des Schönschreibens beflissen,

auf ihren Tischen. Oben knarrte die Feder über holziges Papier, unten

rieb der Griffel knirschend in Schiefer. Ein lustiges Torffeuer,

das im gußeisernen Kanonenofen bullerte, hatte die über Nacht

erblühte Eisblumenherrlichkeit der Fenster schon zerstört und auf

den in greller Januarsonne liegenden, von Eis- und Schneekristallen

blitzenden Schulhof den Blick frei gemacht.

Diesen begrenzten auf zwei Seiten Doppelreihen schlank aufgeschossener

Tannen. Auf der dritten dagegen, dem Schulhause gegenüber, lief ein

gut zwei Meter hoher Fahrdamm, der mit schimmernden Birken bestanden

und von einem dunklen Schiffgraben begleitet in einer Länge von fast

fünf Kilometern sich schnurgerade vor den vierzig »Stellen« der

Moorkolonie Brunsode hinzog. Die Schule lag genau in der Mitte des

Dorfes und war durch den Damm von der Reihe der Gehöfte getrennt.

Für Herrn Christian Lenz, der seit mehr als drei Jahrzehnten in

Brunsode die Kinder lehrte und durch seine Frau Engel, geborene

Schnakenberg, sowie durch seine Tochter Käthe, verheiratete Kück,

mit dem halben Dorf verschwägert und versippt war, bedeutete das

von den Tannenwänden abgeschnittene Stück Damm eine recht angenehme

Schaubühne, der er zuzeiten mehr Aufmerksamkeit schenkte, als für den

Unterricht gut war.

So saß er denn auch heute, während sein Völkchen schön schrieb,

mit übergeschlagenen Beinen auf dem Katheder in seinem bequemen

Binsenarmstuhl, spielte mit dem Lineal und ließ den etwas müden Blick

seiner umschleierten Augen nach rechts zum Fenster hinauswandern.

Eine winterlich verhüllte Frau ging vorüber, mit einem großen,

weidengeflochtenen Henkelkorb am Arm. Hm, Lachmunds Minna macht

Einkäufe für die große Gasterei, die sie und ihr Jan heut' abend geben

wollen. Christian und Engel Lenz werden dabei nicht fehlen.

Eine schwarzbunte Kuh, die über die Bühne getrieben wurde, streckte

den Kopf in die Luft und brüllte, daß die ihr vom Maule fliegende

weiße Atemwolke die in der Januarsonne blitzenden Birkenstämme

kreuzte. Und schon hatte Herr Lenz ausgerechnet, wann Schwager Augusts

beste Milchgeberin das Kalb haben würde, das er sich bereits zur

Aufzucht gesichert hatte. Wenn's nur kein Bullenkalb wurde!

In den gefrorenen Gleisen drüben jankte ein gelber zweiräderiger

Wagen. Der Doktor? Wo mag der so früh schon gewesen sein? ... Der alte

Jan Helmke, Nr. 23, ist auf Besserung ... Ach so, hm, Geschmargret

Rosenbrock, Nr. 40 ... ja, ja ...

Herrn Lenzens Blick kehrte in das Schulzimmer zurück und ruhte

teilnehmend auf einem kleinen Mädchen mit rosigzarten Bäckchen und

seidigem, von einem himmelblauen Band zusammengehaltenen Flachshaar,

das vornan auf der untersten Bank saß und, das reizende Köpfchen ein

wenig schief haltend, mit Hingebung seine Tafel bemalte. Darauf

wanderte sein Auge nach rechts hinüber, zu einem etwa zehnjährigen

Jungen, der eben eine Pause im Schreiben gemacht hatte und merkwürdig

ernst vor sich hinblickte.

Ein zu steil gehaltener Griffel kreischte ohrenzerreißend. Herr Lenz

schloß die Augen und machte ein Märtyrergesicht. Dann aber raffte er

sich auf, warf einen energischen Blick in die Klasse und rief: »Köpfe

hoch, Finger gerade! Wie oft soll ich das noch sagen! ... Ich muß wohl

mal kommen.«

Diese Drohung war jedoch leichter ausgesprochen als ausgeführt. Das

linke übergeschlagene Bein des guten Schulmannes hatte nämlich die

günstige Gelegenheit benutzt, schnell ein bißchen einzuschlafen, und

es dauerte eine Weile, bis es sich richtig wieder auf den Zweck seines

Daseins besann.

Als Herr Lenz endlich mit Vorsicht, da er jenem noch immer nicht recht

traute, von seinem Katheder heruntertrat, schwenkten die Kleinen, um

Beachtung ihres Geschreibsels bittend, ihm die Schiefertafeln entgegen.

Er nahm die jenes kleinen Mädchens, das er vorhin still beobachtet

hatte. Zwei große hellbraune Augen schauten aus einem zarten, feinen

Gesichtchen ehrfürchtig und erwartungsvoll zu ihm auf und erglänzten

freudig, als er wohlgefällig nickte und die Tafel mit den Worten

zurückreichte: »Leidchen, du machst das kleine r wirklich schon

recht nett.« Darauf legte er die Hand väterlich wohlwollend auf das

weiche Haar des Kindes, dessen Wangen unter so viel Anerkennung sanft

erröteten.

Nachdem er sodann den Mittelgang abgeschritten, einige Ausstellungen

gemacht, ein kleines r als Muster an die Wandtafel geschrieben

und drei Torfsoden in die mit dem Rockschlippen geöffnete Ofentür

geworfen hatte, stieg er wieder auf das Katheder, wo er sich mit dem

angenehmen Gefühl erfüllter Pflicht in seinen Armstuhl und die vorige

Beschaulichkeit zurücksinken ließ.

Aber diesmal war die Ruhe nicht von Dauer. Auf dem frostharten

Schulhof klirrten Holzschuhe, und Herr Lenz sah vom Damm her ein

Mädchen eilig auf das Haus zukommen, das er aber in der winterlichen

Vermummung nicht zu erkennen vermochte. Wahrscheinlich eine neue

Einladung. Das ganze Dorf wollte die üblichen Gastereien bei dem

harten Frost abmachen, und es ging jetzt fast Abend für Abend.

Er begab sich hinaus, um der Sache auf den Grund zu gehen. Hinter

ihm steckten die Deerns zu einem kleinen Schwatz die Köpfe zusammen,

während ein paar Jungens eine Prügelei vom Zaun brachen.

»Ruhe!« donnerte es plötzlich in den Lärm hinein, und in der Tür

stehend, rief Herr Lenz in die jäh wiedergekehrte Stille: »Gerd!

Leidchen! Ihr sollt nach Hause kommen. Schnell, schnell!«

Nach wenigen Sekunden stieg ein stillernst dreinblickender Junge von

etwa zehn Jahren aus seiner Bank und schob, den Tornister schief auf

dem Rücken, durch die Schulstube. Der Schwester, die noch unter dem

Tisch packte, gab er im Vorbeigehen einen Stoß mit dem Ellbogen, um

sie zu größerer Eile anzuspornen.

Draußen, auf dem Gang, half er ihr in die Winterjacke hinein. Dann

liefen die Kinder, so schnell ihre Füße sie trugen, über den Schulhof

und halblinks die Dammböschung hinauf, bis sie die Magd eingeholt

hatten.

»Was sollen wir?« fragte Gerd keuchend und seinen Lauf hemmend.

»Mutter verlangt nach euch,« sagte das Mädchen, »macht, daß ihr

heimkommt!«

»Ich nehm' die Schlittschuh,« rief der Junge.

Er hatte sie zu Weihnachten geschenkt bekommen und benutzte die

Schulwege, sich in ihrem Gebrauch zu üben.

Schon war er den Damm hinuntergesprungen und hockte auf dem zwischen

diesem und dem Schiffgraben laufenden Leinpfad.

Bald kratzte er, weitausgreifend und mit schlenkernden Armen, die

glatte, schwarze Eisbahn dahin, vorbei an den Mündungen der schmäleren

Gräben, die zwischen den einzelnen Kolonaten sich ins Hochmoor

hinaufzogen, unter den vom Damm zu den Gehöften führenden Holzbrücken

hindurch, im Sprung die trotz fortwährenden Wassergerinnsels fest

umfrorenen Klappstaue nehmend. Einmal fiel er dabei hin, aber noch im

Dahinrutschen kam er wieder auf die Beine. Nach kaum fünf Minuten lief

er, die klappernden Schlittschuhe am Arm, über eine Obstwiese auf das

hundert Schritt vom Damm zurückliegende lange, niedrige Strohdachhaus

mit blaugestrichenem Fachwerk zu.

Beta Rotermund von Nr. 39 leistete dem Nachbarhause in seiner

Not treulich Hilfe. Als sie den Jungen über die Diele nach der

Krankenstube stürzen sah, rief sie ihm zu, er möchte sich erst wärmen,

ehe er hineinginge.

Mit ausgebreiteten Armen über das offene Herdfeuer gebeugt, schüttelte

er seine Kleidung, um die darin gefangene Kälte gegen die von den

glühenden Torfbrocken aufsteigende Wärme auszutauschen. Dann streifte

er den Tornister ab und ging auf Zehen in die Stube zur Linken.

Als er vor der in die Wand gebauten Schlafbutze stand, deren Tür

zurückgeschoben war, rief er leise: »Mutter!«

Langsam öffneten sich die Augen in dem schmalen, spitzen Gesicht und

sahen ihn groß an. Aber dann irrte ihr Blick suchend an ihm vorbei,

und die fahlen Lippen fragten leise: »Wo ist Leidchen?«

Gerd sagte, sie würde gleich nachkommen, er wäre nur auf

Schlittschuhen vorangelaufen.

Die Kranke machte eine Bewegung. Gerd, ihren Wunsch erratend, nahm

ihre heiße, trockene Hand, jedoch ohne sie von der Bettdecke zu

erheben.

»Ich muß von euch ab, Kinder ... du hilfst dir wohl sacht, Gerd ...

aber Leidchen ... Ich glaub', du bist ein guter, zuverlässiger Junge

... verlaß deine Schwester nicht ... hab' ein Auge auf sie ... sie hat

anders keinen als dich ...«

Mühsam rangen sich ihr die Worte von den Lippen, und Gerd fühlte einen

leisen Druck der kraftlosen Hand. Diesen mit Schonung erwidernd, sagte

er, indem er einen Ausbruch seines Schmerzes gewaltsam zurückhielt:

»Mutter, darauf kannst du dich fest verlassen.«

Die Kranke bekam einen ihrer qualvollen Anfälle. Ihre Hand

zurückziehend, wimmerte sie: »Kind, bet' mal!«

Gerd schaute verlegen drein.

Sie wiederholte ihren Wunsch dringender.

Da faltete er die Hände, ließ den Kopf auf die Brust sinken und

begann das Gesangbuchslied, das sie in der Schule gerade lernten.

Dieselben Worte, die er heut' früh schrill dem Lehrer zugeschrien

hatte, sprach er jetzt, wo die Not des Lebens sie ihm abverlangte,

langsam, leise und andächtig: »Was Gott tut, das ist wohlgetan.« Mit

geschlossenen Augen, die Zähne aufeinander gebissen, wiederholte die

schwer Leidende: »... will ich ... ihm ... halten stille ... halten

... stille!«

Unterdessen trat das kleine Mädchen auf Socken in die Stube und

näherte sich zögernd der Bettstatt.

»Mein lüttjes süßes Leidchen,« rief die Kranke, den Blick erhebend,

mit aufwallender Zärtlichkeit, »was hast du für schöne rote Backen!«

und ihre weit offenen fieberdurstigen Augen schienen des Kindes

Frische und Lieblichkeit zu trinken.

Gerd nahm das frostrote Händchen der Schwester, rieb und drückte es

warm und legte es zugleich mit seiner Rechten in die welke Hand, die

auf der rotkarierten Decke lag. Krampfhaft umklammerte die fieberheiße

die von warmem jungen Leben durchpulsten Kinderhände, wie um sie

nimmer loszulassen. Doch bald erschlaffte sie unter Zuckungen. Die

Kinder sahen sich hilflos an und zogen langsam die Hände zurück.

Nach einer Weile trat Beta Rotermund in die Stube. Auf Wunsch der

Kranken, deren Schmerzen jetzt wieder erträglicher waren, setzte sie

sich dicht vor das Bett, indem die Kinder ihr Platz machten.

Und nun traf Geschmargret Rosenbrock an dem Ohr der zu ihr

herabgeneigten Nachbarin ihre letzten Anordnungen. Seit vorhin der

Arzt noch einmal bei ihr gewesen, wußte sie ja, wie es um sie stand.

Auf dem Leinenschrank läge ein geliehener Wollkratzer. Dieser müßte

der Eigentümerin, Meta Frerks, Nr. 37, noch heute zurückgebracht

werden.

Bei ihrem letzten Kirchgang wäre sie dem Kaufmann Nolte in Grünmoor

eine Mark und fünfundsechzig Pfennige schuldig geblieben. Frau

Rotermund mußte die Summe dem Geldtäschchen unter dem Kopfkissen

der Kranken entnehmen und sie bei nächster Gelegenheit zu bezahlen

versprechen.

Bis ihr Stiefsohn Jan, der Stellerbe, sich verheiratete, sollte die

kürzlich verwitwete Häuslingsfrau Marie Engelken ihm den Haushalt

führen. Sie hatte diese schon vor einigen Tagen an ihr Bett bitten

lassen und mit ihr darüber gesprochen. Die Nachbarin versprach, die

Augen offenzuhalten und vor allem achtzugeben, daß Gerd und Leidchen

ihr Recht bekämen.

Das Totenhemd läge in der Eichenlade auf dem Flett zu unterst ...

Das rechts vom Herd hängende Stück vorjährigen Rauchfleisches möchte

beim Dodenbeer zuerst mit aufgeschnitten werden ... In Leidchens

Sonntagskleid wäre eine Naht aufgegangen, die müßte vorher noch genäht

werden ...

Frau Rotermund nickte, sobald sie einen dieser Wünsche, welche die

Kranke nur mit großer Anstrengung verständlich machen konnte, halbwegs

erraten hatte, und versprach zu guter Letzt noch einmal, alles aufs

beste zu besorgen.

Als die Uhr in der anderen Stube zwölf schlug, bat die Kranke, die

Nachbarin möchte mit den Kindern zum Essen hinübergehen, die Magd

würde das Mittagbrot wohl auf dem Tische haben. Wie die Frau noch

einen Augenblick zögerte, wollte sie ungeduldig werden. Da gab Beta

Rotermund mit den Augen Gerd und Leidchen einen Wink und schob die

leise sich sträubenden Kinder vor sich her zur Tür hinaus.

* * * * *

Es war kurz nach Mitternacht, als Frau Rotermund sich in ihr wollenes

Umschlagetuch hüllte, die Schultern zusammenzog und, unter der

niedrigen Seitentür sich bückend, schuddernd in die sternklare,

schneidend kalte Winternacht hinaustrat.

Dem nachbarlichen Verkehr dient in Brunsode weniger der öffentliche,

von der Häuserreihe etwas entfernte Fahrdamm als ein Pfad, der durch

die Grenz- und Windschutzgehölze laufend und die trennenden Gräben auf

schmalen Eichenbohlen überschreitend eine kürzere Verbindung zwischen

den Gehöften herstellt.

Diesem folgte die Frau, aber nicht, um beim eigenen Hause abzubiegen,

sondern, nachdem sie ihr Gehöft überschritten hatte, machte sie erst

vor den Stubenfenstern von Nr. 38 halt. Hier trommelte sie mit dem

Knöchel des Mittelfingers gegen die Scheiben, daß es hart und hell

durch die nächtliche Stille klang. Es dauerte nicht lange, so wurde

von drinnen an den Eisblumen gekratzt. Da rief Beta durch die hohlen

Hände gegen das Fenster: »Geschmargret ist eben eingeschlafen. Kommt

und helft sie bekleiden!«

Die gleiche Ansage machte sie den beiden nächsten Häusern in der

Dorfreihe. Denn die vier »Nachbarn in Not und Tod« sind durch das

ungeschriebene Gesetz altererbter Sitte zu solchem Dienst jede Tag-

oder Nachtstunde verpflichtet, wenn jemand sich zum letzten Schlaf

gestreckt hat.

Als Beta Rotermund von ihrem Gange durch die frostklingende Nacht

zurückgekehrt war, nahm sie das Abendmahlskleid der Verblichenen

aus dem Schrank, holte ihr Totenhemd aus der Tiefe der Eichenlade

herauf und legte ein paar Torfbrocken unter den Wasserkessel, den die

Magd auf ihr Geheiß zu Feuer gebracht hatte. Darauf ging sie in die

Wohnstube, um sich zu wärmen und die Frauen zu erwarten.

In dem niedrigen, mit dicker warmer Luft angefüllten Raum, den eine

Hängelampe vom mittleren Deckbalken her nur schwach erleuchtete,

hockte die Familie beieinander. Jan, des verstorbenen Jan Rosenbrock

Sohn aus erster Ehe, hatte die Fäuste tief in den Hosentaschen

vergraben und machte, mit angezogenen Füßen auf einem gegen die Wand

gekippten Binsenstuhl mehr liegend als sitzend, ein etwas verlegenes

Gesicht, als ob er nicht recht wüßte, wie er sich in diesem Fall zu

benehmen hätte. Das kleine Mädchen lehnte schlafend in einer Ecke

der Ofenbank, Gerd saß steif und steil in der anderen, mit trockenen

rotgeweinten Augen auf einen Fleck starrend. Trina, die Magd, hatte

sich an den Tisch hingelehnt und kämpfte, häufig gähnend, mit der

Müdigkeit.

»Kinder, es wäre besser für euch, ihr ginget zu Bett,« mahnte Frau

Rotermund mütterlich, indem sie sich einen Stuhl an den Ofen zog und

die verklammten Hände an die warmen Gußplatten hielt. Aber niemand

machte Miene, dem Rat zu folgen.

Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf trat Meta Frerks

von Nr. 37 in die Stube. Die rundliche kleine Frau hatte von Natur

ein Paar graue, schalkhafte Augen, aber wenn Zeit und Gelegenheit

es verlangten, konnten diese auch leicht und ergiebig weinen. Die

blanken Tränen polterten ihr denn auch nur so über die kugeligen

roten Backen, wie sie die Hingeschiedene beklagte und rühmte und die

landläufigen Tröstungen spendete. Darauf pflanzte sie sich zwischen

die beiden Kinder in die reichlich enge Bank, tätschelte mit der

Linken dem Jungen die Knie und strich mit der Rechten dem erwachenden

Mädchen die Haare aus den Augen, um ihm dann liebkosend über die

rosig verschlafenen Bäckchen zu fahren. Das Kind hatte von solcher

handgreiflichen Zärtlichkeit schnell genug und hielt zum Schutz beide

Arme vor das Gesicht.

Die bald darauf eintretende, bis auf die Nasenspitze vermummte

Gestalt enthüllte sich als eine hagere Vierzigerin mit gelblichen,

lederartigen Gesichtszügen und kleinen, starren Augen. Anna Wöltjen

und ihr Klaus galten als die »dollsten Quäler« im ganzen Dorf, kamen

aber doch nicht recht vorwärts. Sie waren Sklaven der Torfkuhle

geworden; nicht einmal mehr des Sonntags kam der Torfstaub rein aus

den tiefen Furchen ihrer stumpfen, abgearbeiteten Gesichter. Da der

Torf all ihr Sinnen erfüllte, verpaßten sie in der Ackerwirtschaft

meist die rechte Zeit und das gute Wetter, und manches Stück Vieh

hatten sie in die Erde stecken müssen, weil sie es an sorgfältiger

Pflege, vor allem auch an der nötigen Sauberkeit fehlen ließen. Anna

Wöltjen murmelte ein paar Worte, die zu verstehen sich niemand Mühe

gab, und sackte auf dem nächsten Stuhl nieder.

»Daß Malwine Böschen noch gar nicht kommt!« sagte Beta Rotermund nach

einer Weile, etwas ungeduldig zur Wanduhr aufblickend, »sie hat doch

von uns allen noch die jüngsten Beine.«

»Wenn eine erst jung verheiratet ist ...« entschuldigte die gutmütige

Meta Frerks mit verstehendem Lächeln.

»Na, ich sollt' meinen, aus den Honigwochen wären sie heraus,« sagte

Anna Wöltjen mit ihrer blechernen Stimme.

Meta Frerks hob horchend den Kopf: »Ich hör ihre Hollschen all, sie

geht grad' über den Steg. Was das diese Nacht weit klingen tut!«

Die schmucke, blühende Frau, die bald darauf eintrat, sah trotz des

Ganges durch die schneidende Kälte ein wenig verschlafen aus und

machte einen etwas verlegenen Eindruck. Erst im letzten Herbst hatte

sie in das Dorf hineingeheiratet und sich noch nicht recht in der

Nachbarschaft eingelebt.

Nachdem Beta Rotermund das junge Volk noch einmal vermahnt hatte,

endlich das nutzlose Herumsitzen aufzugeben, führte sie die Frauen

dahin, wo die traurige Pflicht ihrer wartete.

Diese warfen einen halb scheuen, halb neugierigen Blick auf das

spitze, wächserne Gesicht im Bettschrank, hielten eine Vaterunserlänge

die Köpfe auf die Brust gesenkt und die Hände gefaltet, dann machten

sie sich schweigend an die Arbeit, indem sie durch Zeichen und

Flüstern sich leicht verständigten.

Als nach Brauch und Herkommen alles besorgt, auch das Zimmer gesäubert

und der Fußboden mit weißem Sand bestreut war, betrachteten sie ihr

Werk nicht ohne Befriedigung. Man fand, die gute Geschmargret sähe nun

aus wie eine sanft und friedlich Schlafende.

»Wenn einer erst so weit wäre ...« seufzte Meta Frerks, die

lebenslustigste von allen, und sie fühlte in diesem Augenblick

auch so, wie sie sprach. Als aber Beta Rotermund, die während der

Aufräumungsarbeiten sich draußen am Herde zu schaffen gemacht hatte,

fragte, ob sie jetzt in der andern Stube eine Tasse heißen Kaffee

trinken wollten, nickte sie sehr erfreut und war die erste, die

schnell und gern der Einladung folgte.

Die Jugend des Hauses hatte sich inzwischen in ihre Butzen und Kammern

zurückgezogen, und die Frauen waren froh, daß sie das Reich allein

hatten. Nachdem sie einige Torfbrocken im Ofen nachgelegt und den

Tisch dicht an diesen herangeschoben hatten, rückten sie so eng als

möglich um die dampfende Kaffeekanne zusammen, die ihren duftenden

braunen Labetrank in goldig umränderte Tassen ergoß. Es waren die

feinsten des Hauses, die Meta Frerks der besonderen Gelegenheit wegen

dem Glasschrank entnommen und schnell mit der Schürze ausgewischt

hatte. Geschmargret Rosenbrock hatte sie von ihr selbst einst zur

Hochzeit geschenkt bekommen. Mitten auf dem Tisch stand ein bunter

Teller mit Butterkuchen, den Vater Rotermund der kranken Nachbarin

gestern frisch von Worpswede mitgebracht hatte. Die hatte nicht mehr

von ihm gekostet, aber jetzt fand das lockere, zuckerbestreute Gebäck

seine Liebhaber, und die kundigen Zungen schmeckten schnell heraus,

daß es vom Bäcker Soltmann stammte, der am schmackhaftesten zu backen

pflegte. Der Kaffee wurde mit behaglichem Schlürfen getrunken. Nach

Erfüllung der traurigen Pflicht war ein Stündchen freundnachbarlicher

Geselligkeit gutes Recht und seelisches Bedürfnis. Man war ja Nachbar

nicht bloß für Not und Tod, sondern gottlob auch für die angenehmeren

Seiten des Daseins.

Ach ja, das menschliche Leben ... Wer hätte gedacht, daß die gute

Geschmargret so früh dahin mußte. Nach Ostern hatte sie noch im

Torf geholfen und bei der zweiten Heuernte noch mit abgeladen. Es

wurden mancherlei Erinnerungen wach: was sie bei dieser Gelegenheit

gesagt, bei jener getan, wie sie sich in ihre Stellung als zweite

Frau und Stiefmutter gefunden hatte, und dergleichen. Die einzelnen

Züge ergaben zusammen das Bild einer schlichten, fleißigen, stets

freundlich hilfsbereiten, von allen wohlgelittenen Frau.

Endlich sprang die Unterhaltung auf die Kinder des Hauses über.

Jan, der Erbe und jetzige Stellbesitzer ... Hmhm, Kopfschütteln,

bedenkliche Mienen. Man konnte sich nicht verhehlen, daß er in den

letzten Jahren, seit des Vaters Tode, ein rechter Schleef geworden

war. Die Stiefmutter war ihm gegenüber vielleicht doch zu gut und

weich gewesen. Hoffentlich bekam er einmal die richtige Frau, die

noch einen ordentlichen Menschen aus ihm machte. Ob er schon auf

Freiersfüßen ging? Ernstlich wohl noch nicht. Aber jetzt machte er

gewiß bald Anstalten. Das half ja auch nichts; eine Frau mußte wieder

ins Haus, die Haushälterin konnte nur für kurze Zeit ein Notbehelf

sein.

Gerd und Leidchen ... Ach ja, die armen kleinen Dinger ... Und

so fixe, brave Kinder ... Gerd, über seine Jahre verständig und

ernsthaft, und so ein feines kleines Mädchen wie Leidchen sollte

man weit umher suchen. Cord Rosenbrock, der Kinder Vatersbruder und

Vormund, wär' ein gar zu gleichgültiger Mensch, ein rechter Liekeväl,

und würde sich wohl nicht viel um sie kümmern. Da müßten die Nachbarn

fleißig zum Rechten sehen, das verlange die Christenpflicht, und man

wäre es der guten Seligen auch schuldig. Ach ja, ja, ja ...

Plötzlich horchten die Frauen erschrocken auf. In der Butze nebenan

regte sich etwas, und schon wurde die Tür zurückgeschoben, und das

kleine Mädchen kam herausgestiegen. Zitternd stand es da in seinem

kurzen Hemdchen, sah die gestörte Kaffeegesellschaft mit den großen

braunen Augen an und fragte: »Was macht ihr hier?«

»Wir haben deine Mutter fein angekleidet,« sagte Beta Rotermund, das

Kind an sich ziehend. »Nun trinken wir 'ne Tasse Kaffee.«

»Komm mal 'n bißchen auf meinen Schoß, lüttje Deern,« sagte Meta

Frerks und hob sie auf ihre Knie. Dann reichte sie ihr einen Streifen

Butterkuchen, und das Kind stopfte und kaute, denn Butterkuchen

gab's nicht jeden Tag. Darauf knabberten die kleinen Zähne ein Stück

Kandiszucker, das Malwine aus der Dose schenkte. »Sososiso,« sagte

Meta Frerks, »nun leg' ich unser Herzenskind wieder ins Bett, und es

schläft süß die ganze Nacht. Huh, draußen ist's so kalt, und all die

kleinen Piepvögel müssen so frieren. Soso, nun mach' ich die Tür zu,

du brauchst gar nicht bange zu sein, mein' Deern, die lieben Tanten

sollen alle hier bleiben.«

Ein Weilchen ruhte die Unterhaltung. Nur Seufzer und traurige Blicke,

von Kopfschütteln begleitet, gingen hin und her.

Als das Gespräch nach und nach wieder in Gang kam, begann es freiere

Bahnen zu wandeln. Der betrübende Fall war ja nun nach allen Seiten

hin erörtert und erschöpft, da drängte das eigene Leben, mit seinen

Sorgen und Leiden, Freuden und Hoffnungen, sich wieder vor. Auch des

lieben Nächsten gedachte die mitternächtliche Kaffeegesellschaft, im

Guten wie im Bösen. Meta Frerks, die am Tage vorher von einer Gasterei

im unteren Dorf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten mitgebracht hatte,

fand für diese die aufmerksamsten Ohren; zumal, als sie von einer

Hochzeit berichtete, die etwas plötzlich in Sicht gekommen war.

So enteilten die Viertel-, halben und ganzen Stunden, bis die Wanduhr

auf einmal fünf kurze, klirrende Schläge tat.

»Kinners!« rief Beta Rotermund erschrocken, »wir müssen nun aber bald

Feierabend machen!«

Aber niemand traf Anstalten, sich zu erheben. Über den Schlaf war man

doch einmal hinweg, es verlohnte sich auch nicht mehr, noch wieder

ins Bett zu steigen. Draußen fror es Pickelsteine, um den warmen

Ofen dagegen hatte die Behaglichkeit stetig zugenommen. Die Nähe der

Toten störte diese durchaus nicht. Die gute Geschmargert war ja von

schwerem, unheilbarem Leiden erlöst, man hatte seine Pflicht an ihr

getan, und wenn die Gedanken noch einmal zu ihr hinübereilten, freute

man sich im stillen, daß einem selber das liebe Leben noch nicht

entwichen war. Sogar Anna Wöltjen war ganz menschlich geworden, und

die junge Malwine Böschen längst aufgetaut. Diese paar Stunden hatten

sie den Nachbarinnen näher gebracht, als die vier Monate, die sie

unter ihnen gelebt hatte, und sie verriet ihnen, daß sie sich guter

Hoffnung fühlte. Da sahen alle drei sie schwesterlich teilnehmend an,

und Beta Rotermund sagte, nachdenklich vor sich hin nickend: »Ja, ja,

so geht's zu in der Welt: der eine geht, der andere kommt.«

Als sie endlich daran erinnerte, daß es Zeit würde zum Melken,

erhoben sich alle aus dem warmen, gemütlichen Winkel. Man suchte die

Umschlagetücher, schnackte auf dem Flett ein Weilchen im Stehen,

stattete der still gewordenen Nachbarin noch einen stummen Besuch ab,

bei dem sich wieder einige Seufzer lösten, und machte sich endlich auf

den Heimweg. An den Leitstangen sich haltend, schurrten die Frauen

vorsichtig über die glattgefrorenen schmalen Eichenbohlen der Gräben,

und bei jedem Hause schwenkte eine mit kurzem Gutenachtgruß ab. Bei

jedem Abschied noch einmal wieder stehenzubleiben, verbot die gar zu

grimmige Kälte.

* * * * *

Langsam und feierlich, den hohen Hut auf dem ergrauenden Kopf und das

Gesangbuch mit goldenem Kreuz in der schwarzbeschuhten Rechten, kam

Herr Lenz von dem Fahrdamm auf das Trauerhaus zugeschritten.

Was Geschmargret Rosenbrock die letzte Ehre erweisen wollte, war schon

vollzählig versammelt. Das obere Dorf, bis zur Schule, war Haus für

Haus vertreten, aber auch das untere hatte eine stattliche Anzahl zum

Gefolge geschickt. Die Frauen saßen in den Stuben und tranken Kaffee.

Die Männer, die meist auf der Herddiele umherstanden, ließen ein paar

Flaschen kreisen. Diese mußten öfter als gewöhnlich aus dem irdenen

Kruge von neuem gefüllt werden; denn die Kälte hatte noch nicht im

geringsten nachgelassen und nur wenige waren im Besitz eines wärmenden

Überziehers.

Herr Lenz nahm in der Wohnstube ein Glas Grog an, »wegen der

schneidenden Luft,« wie er halb entschuldigend bemerkte. Als er es

geleert hatte, wechselte er einen Blick mit Beta Rotermund, die

heute im Haus das Sagen hatte, strich sich den Bart und trat voll

Würde auf die große Diele hinaus, wo er am Kopfende des über Stühlen

aufgestellten Sarges Aufstellung nahm. Die Singjungens sammelten

sich ihm zur Linken, den Platz an seiner Rechten wies er durch

eine Handbewegung den Hinterbliebenen an. Aber nur die beiden

Kinder kamen, Jan zog es vor, als weniger beteiligt, sich etwas im

Hintergrunde zu halten. Eine Kuh, die brüllend den Kopf vorstreckte,

bekam einen mißbilligenden Blick, woraufhin einer der umstehenden

Männer ihr einen Stoß gegen den Hals gab.

Und dann feierte Herr Lenz, nachdem er ein Sterbelied hatte

singen lassen, die stille Frau zwischen den mit Sago beklebten

schwarzlackierten Brettern als treue Gattin, liebevolle Mutter,

fleißige Arbeiterin und geduldige Kreuzträgerin. Darauf wandte er

sich halbrechts zu ihren Kindern, malte mit grellen Farben das Elend

verlassener Waisen und tröstete, die Hand wie segnend erhoben, Gott,

der Witwen und Waisen Vater, werde sie nicht verlassen noch versäumen.

Herr Lenz liebte das große Wort und die feierliche Gebärde, und die

Brunsoder waren stolz darauf, daß sie bei solchen Gelegenheiten keinem

der fünfzehn Lehrer des Kirchspiels so zu Gebote standen, wie ihrem

guten Lenz. Ja, nicht einmal der alte Pastor in Grünmoor konnte es so

rührend machen und die Tränen so locken wie er. Diese flossen denn

auch jetzt gar reichlich. In diesem Lande, wo das Wasser überall rinnt

und sickert, sitzt es auch über den Augen recht lose.

Gerd aber stand mit trockenen Augen, den Kopf auf die Brust gesenkt

und die Hände über der Mütze gefaltet. Er hatte sich in der Stille

der letzten Tage ausgeweint, und daß er vom Lehrer, den er im Grunde

nicht liebte, zum Gegenstand des allgemeinen Mitleids gemacht wurde,

berührte ihn peinlich.

Das kleine Mädchen verstand von all den schallenden Worten so gut wie

nichts. Das feierliche Gepränge an der Stätte, wo sie zu Füßen der

Mutter mit Polli, Musch und Poppedeidei gespielt hatte, bedrückte und

verwirrte ihren kindlichen Geist. Im roten Sonntagskleidchen stand

sie an des Bruders Seite und sah aus der dunkelblauen Wollkapuze,

die ihr feines Gesichtchen umrahmte, mit den großen, unschuldigen,

lichtbraunen Augen verwundert zu den schwarzen Menschen auf, die so

todernste Mienen zeigten oder sich im Gesicht herumwischten. Eine

Zeitlang lenkte ein schmaler Lichtstreif, der hell und warm auf dem

Kinde lag, manchen still verwunderten Blick nach ihm hin. Denn solche

Lieblichkeit und Frische erblüht nur selten unter dem hart arbeitenden

Geschlecht des schwarzbraunen Moorlandes.

Als der Wagen in den zerfahrenen und gefrorenen Gleisen des Dammes

knarrte, saß Leidchen eng und warm verpackt zwischen zwei Frauen,

und ihre Blicke wanderten über den Sarg vor ihren Knien in die Welt

hinaus, die mit Hochmooren, Ackerbreiten, Wiesen und Reihendörfern im

schönsten Wintersonnenglanze sich vor ihr dehnte. Es war ihre erste

Fahrt, von der allerersten im Steckkissen, zur Taufe, abgesehen. Gerd

schritt indessen, die frierenden Hände in den Jackentaschen vergraben,

als einziger unmittelbar hinter dem Wagen; denn das Gefolge hatte sich

schnell in Gruppen aufgelöst, die nach und nach zurückblieben und den

anderthalbstündigen Weg durch Unterhaltung zu kürzen suchten.

Das ausgedehnte Kirchspiel Grünmoor hatte nur eine einzige sandige

Bodenerhebung, die es gestattet, den Toten aus den achtzehn Kolonien

trockene Ruhestätten zu geben. Hier ist darum auch um das schlichte,

den ersten Ansiedlern vom Landesherrn geschenkte Gotteshaus der

geräumige Friedhof angelegt worden. In seiner Anlage und Aufteilung

zeigt er ein ziemlich getreues Bild der Gemeinde im kleinen. Den

langen Reihendörfern entsprechen hier die Reihen der Erbbegräbnisse.

Die im Leben Nachbarn waren, werden es im Tode wieder. Die

Rosenbrocks, Rotermunds, Frerks, Wöltjens und Böschens wohnen auch

hier freundnachbarlich beieinander.

Die zunehmende Wohlhabenheit einzelner Moordörfer zeigt sich hier und

da in unschönen protzigen Denkmälern aus Zementguß. Die Kolonisten

der ärmeren Dörfer, zu denen auch Brunsode gehört, setzen wohl

einmal ein Kreuz aus Tannenholz, das in wenig Jahren zerfällt; im

übrigen begnügen sie sich mit dem grünen Schmuck, den die Natur ihren

Ruhestätten verliehen hat.

Das Rosenbrocksche Erbbegräbnis bezeichnet ein hochragender

dunkelgrüner Wacholder. Der erste Brunsoder Rosenbrock hatte den Baum,

der heute als einer der stattlichsten des Friedhofs in winterlichem

Prachtgeschmeide funkelte, vor mehr als hundert Jahren von den

Heiden seiner Geestheimat ins Moor herabgeholt, um ihn seiner jung

verstorbenen Frau zum Gedächtnis zu pflanzen. Zu seinen Füßen hatte

des Totengräbers Hacke, Axt und Spaten in mehrstündiger Arbeit das

hart und tief gefrorene Erdreich geöffnet.

Nachbar Wöltjen, der tappige Mensch, stach beim Schließen des Grabes

nicht wie die andern nach dem losen Sande, sondern ließ die gefrorenen

Erdklumpen auf den Sargdeckel poltern. Da schmiegte sich die Schwester

unwillkürlich enger an den Bruder, und der legte wie schützend den Arm

um sie.

So fand Geschmargret Rosenbrock ihre Ruhe, im Schatten des ehrwürdigen

Wacholderbaumes, dem Staube der andern gesellt, die vor ihr in

Brunsode auf Stelle Nr. 40 sich müde gearbeitet und schlafen gelegt

hatten. Die Kinder aber, denen sie das Leben geschenkt, sollten sich

nun allein ihren Weg suchen. Den Weg durch das bunte und schöne, wilde

und wirre, ernste und große Leben.

2.

Vor der Brunsoder Schuljugend stand ein neuer Mann. Er war an der

Weserkante zu Hause, kam frisch vom Seminar in Bederkesa, und die

Kinder mußten ihn Herr Timmermann nennen.

Der junge Schulmann, noch in der ersten Begeisterung für seinen

Beruf glühend, strengte die Stimme mehr als nötig an, war darauf

bedacht, seine lang aufgeschossene Gestalt straff zu halten und gab

sich redliche Mühe, aus den sanft blauen Augen energische Blicke

zu schießen. Der rote Binsenarmstuhl, den sein wegen Kränklichkeit

pensionierter Vorgänger schwarz und blank gesessen hatte, war für ihn

nicht vorhanden, und dessen Schaubühne auf dem Fahrdamm hatte er noch

nicht einmal entdeckt.

Aber heute ließ Herr Otto Timmermann doch des öfteren den Blick

halbrechts über die Kinderköpfe zum Fenster hinausschweifen, jedoch

weniger neugierig als träumerisch froh. Denn dort draußen war etwas

sehr Hübsches zu sehen. Wo tagelang ein ödes, schweres Nebelgrau

gedrückt hatte, da war heute auf einmal ein weißes, weiches, molliges

Schweben. Der erste Schnee kam sachte zur Erde nieder, in so großen

Flocken, wie der junge Mann sich nicht erinnerte, sie je gesehen zu

haben, und so wunderbar weiß, daß die schönen glatten Birkenstämme

drüben auf einmal schmutziggrau dagegen erschienen.

Herr Timmermann rieb sich voll Behagen die Hände. Nach den

Jahren des kasernenartigen Seminarlebens zum erstenmal im

eigenen Heim einzuschneien, so recht tief einzuschneien, mit dem

Lieblingsschwesterchen, das ihm Haus hielt, und mit seinen Kindern,

an denen er die mit redlichem Fleiß erworbenen pädagogischen Künste

erproben sollte -- er war der Mann danach, um so etwas zu schätzen.

Es traf sich gut, daß er sein Völkchen gerade nicht in allerhand

Fernen und Höhen zu entführen brauchte. Der Stundenplan, der,

säuberlich geschrieben, unter Glas und Rahmen an der Wand hing,

schrieb nämlich Heimatkunde vor, und der junge Lehrer hatte am Abend

vorher die Moorkolonie Brunsode, nachdem er ihre Belegenheit auf

nachmittäglichen Spaziergängen erkundet, mit ihren Gehöften, Dämmen

und Gräben fein rechtwinkelig und geradlinig, wie der Königliche

Moorkommissarius Jürgen Christian Findorf sie vor vier Menschenaltern

angelegt hatte, auf die Wandtafel gezeichnet. Dabei hatte er

eigentlich nur an die jüngeren Jahrgänge gedacht, aber auch die Großen

zeigten für das Kunstwerk seines Kreidestifts solches Interesse,

daß er sie gern teilnehmen ließ und die Gelegenheit benutzte,

ihnen den Unterschied zwischen den uralten, aus sagenhaftem Dunkel

herüberkommenden Siedelungen der Geest und den jungen, künstlich und

planmäßig angelegten Moorkolonien klarzumachen. Während der vier

Wochen, die Herr Timmermann seines Schulamts waltete, waren seine

Kinder noch niemals so Auge und Ohr gewesen, wie eben jetzt, und

noch nie hatte ihm das Unterrichten solche Freude gemacht. Zuletzt

stimmte er gar eine Art Hymnus auf das Moor an, das ihm nach den

Lern- und Wanderjahren, wie es schien, schnell zur zweiten Heimat

werden wollte. »Das Moor, liebe Kinder,« rief er begeistert aus, »hat

noch eine schöne Zukunft. Wenn eure Urgroßväter, die als jüngere

Bauernsöhne oder arme Häuslinge es wagten, in das wilde Sumpfland

hinabzusteigen, einmal ihre Ruhekammern auf dem Kirchhof in Grünmoor

verlassen könnten und die Dorfreihe mit den schmucken Häusern und den

grünen Feldern dahinter entlang wanderten, was würden sie für Augen

machen! Und wenn ihr Jungen die Hände nicht in den Schoß legt, sondern

tüchtig weiter arbeitet, wird die Zeit kommen, wo das ganze einst so

schaurige und verrufene Teufelsmoor in einen weiten, grünen, blühenden

Gottesgarten umgewandelt ist. Ihr, Knaben und Mädchen, habt die schöne

Lebensaufgabe, eure Heimat diesem Ziele näher zu bringen.«

»Das ist uns mal nett gelungen,« belobigte Herr Timmermann sich selbst

und blickte, sich eine Pause gönnend, träumerisch in das Geschwebe

der Schneeflocken, die sich weiß und weich auf das so zukunftsreiche,

hoffnungsvolle Land legten.

»Nun wollen wir mal sehen, was ihr behalten habt,« begann

Herr Timmermann, wieder zu den Kindern gewendet, und fing an,

Wiederholungsfragen zu stellen. Aber da kam in die bislang so glatt

und angenehm verlaufene Unterrichtsstunde plötzlich eine Störung.

»Adelheid, komm und zeig mir auf der Wandtafel mal unsere Schule!«

hatte Herr Timmermann, seiner Zeichnung zugekehrt, gutgelaunt gerufen.

Aber es erschien keine Adelheid.

Sich herumwerfend, schoß er den schärfsten Pädagogenblick, den seine

Augen zu versenden hatten, nach der dritten Mädchenbank hinüber:

»Adelheid Rosenbrock! Schläfst du?«

Jetzt erhob sich, offenbar widerwillig, ein elfjähriges Mädchen und

kam, das Mäulchen schief ziehend und die neuen Holzschuhe aus rotem

Ellernholz über den Boden schleifend, langsam den Mittelgang daher.

»Zurück, marsch marsch, an deinen Platz! Ich will dir Beine machen.«

Trapp trapp -- trapp trapp, machte das Ellernholz auf den Tannendielen.

»Wisch mir die ganze Schule nicht weg, du dumme Deern!« rief Herr

Timmermann ärgerlich und fuhr sogleich mit der Kreide hinterdrein, um

den Schaden, den die tappigen Finger angerichtet hatten, wieder gut

zu machen. Dann sah er mit gestrenger Miene auf das vor ihm stehende

Mädchen herab und sagte: »Was, Adelheid? Du willst dich hier auf den

kleinen Trotzkopf hinaus spielen? Damit kommst du bei mir aber an den

Verkehrten. Jetzt sagst du mir auf der Stelle, warum du nicht gleich

kamst, als ich dich rief!«

»Weil ich überhaupt nicht Adelheid heiße!« stieß das Mädchen heraus.

Herr Timmermann hob die Hand mit dem Kreidestück ein wenig, um sie

sogleich seufzend wieder sinken zu lassen.

»Ach, Mädchen, noch immer die alte Geschichte? Hast du denn ganz

vergessen, wie ich dir das schon vor drei Wochen ausführlich erklärt

habe? Leidchen ist überhaupt kein Name, sondern nichts als eine

sinnlose Verstümmelung von Adelheid. ›Leidchen, Leid--chen‹, hör' doch

nur, wie das klingt! Dagegen ›A--del--heid‹ ... was für ein Klang

und Tonfall sitzt in diesem Wort! Und ist ein edler, altdeutscher

Name, den schon die Gemahlin Kaiser Ottos des Großen führte, in der

Geschichte bekannt als ›die schöne Adelheid‹.«

»Ich will aber doch Leidchen heißen,« erklärte das Mädchen verstockt

und hartnäckig.

Der junge Schulmann zuckte ratlos die Achseln und wandte sich zu dem

zweitobersten Jungen, der schon während seiner schönen Belehrung

aufgezeigt hatte und auch jetzt noch mit ruhig aufgehobenem Finger

sich zum Wort meldete.

»Was willst denn ~du~, Gerd?«

»Als unsere Eltern noch lebten,« begann der Gefragte, der in Haltung

und Auftreten etwas auffallend Bestimmtes hatte, »haben sie meine

Schwester immer Leidchen gerufen. Auch der alte Lehrer hat sie nie

anders genannt. Und gestern nach der Konfirmandenstunde hab' ich den

Herrn Pastor gebeten, mal im Kirchenbuch nachzusehen, da steht's auch

so in.«

Er blieb, eine Gegenäußerung erwartend, aufgerichtet stehen.

Bruder und Schwester, mit der gleich zu Beginn des Winterhalbjahrs

vorgenommenen Namensveredelung durchaus nicht einverstanden, waren

eins geworden, heute die Sache zum Austrag zu bringen, und schienen,

nach dem Ausdruck ihrer Gesichter zu urteilen, zum äußersten

entschlossen. Die ganze Schuljugend befand sich in gespanntester

Erwartung, wie dies Ding ablaufen würde.

Herr Timmermann trat von einem Fuß auf den andern, drehte die Kreide

zwischen den Fingern, zupfte an seiner Oberlippe, sah wie hilfesuchend

hinaus in den Schneeflockentanz. Endlich machte er hmhm, errötete ein

wenig und sagte mit gezwungenem Lächeln: »Na, Leidchen, denn lauf' hin

und bleib' meinetwegen, was du bist!«

Triumphierend klappten die Ellernholzschuhe bankwärts. Der wackere

Bundesgenosse bekam einen froh dankbaren Blick. Die Nachbarinnen

machten der siegreich Zurückkehrenden achtungsvoll Platz, und eine

flüsterte ihr ins Ohr: »Leidchen, du bist 'n ganzen Lork.«

Von diesem Augenblick an waren die Geschwister wie ausgewechselt.

Sie meldeten sich zu den Antworten mit einem Eifer, daß der Lehrer

sich zusammennehmen mußte, um sie auf Kosten der anderen nicht gar

zu häufig zu fragen. Hei, wie konnten die braunen Augen der Deern

blitzen! Und wenn bei einer Frage, die tieferes Nachdenken erforderte,

die anderen Gesichter starr wurden, fing es in den ruhigen Zügen ihres

Bruders an zu arbeiten, und wenn er dann in seiner sicheren Weise

aufzeigte, traf er fast stets den Nagel auf den Kopf.

Neben Gerd Rosenbrock saß, als Erster der Schule, Hermann Vogt,

der einzige Sohn des Müllers auf Nr. 1 unten im Dorf. Es war ein

großer, wohlgenährter Junge mit breitem, frischem Gesicht, das zu

dem scharfgeschnittenen, schmalen und farblosen seines hageren

Banknachbarn einen starken Gegensatz bildete. Er trug eine graugrüne

Joppe mit Hornknöpfen, und statt der landesüblichen Holzschuhe

Lederstiefel. Auch besaß er schon eine Taschenuhr.

Als er heimlich nach dieser sah, fuhr der Lehrer auf ihn zu: »Ich hab

dich jetzt oft genug gewarnt, die Uhr ist mir für drei Tage verfallen,

her damit!«

Nach einigem Sträuben trennte der Junge sich von seinem Stundenglas,

und ein Blick auf dieses sagte dem Lehrer zu seinem Schrecken, daß er

wieder einmal eine Stunde um zehn Minuten zu lang ausgedehnt hatte.

Er stellte noch schnell ein paar Schlußfragen, um darauf die Kinder

schnell zur Frühstückspause zu entlassen.

Die schöne, weiche Schneedecke des Schulhofs wurde von hundert

Holzschuhen zerwühlt, indem die Kinder, in Gruppen umherstehend

und von einem Fuß auf den andern tretend, hastig die Butterbrote

hinunterstopften, um möglichst schnell die Hände für den ersten

Schneeballkampf des Winters frei zu bekommen.

Da näherte Leidchen Rosenbrock sich heimlich ihrem Bruder, einen

dicken rotbackigen Apfel in der Hand.

»Schenk ~mir~ den Apfel, schöne Adelheid!« rief Hermann Vogt

lachend, indem er ihr breitbeinig den Weg vertrat.

Die Umstehenden lachten. Das Mädchen stieß, halb ärgerlich, halb

belustigt, mit dem Ellbogen die ausgestreckte Hand zurück. Gerd

aber blickte grimmig von unten auf und knurrte im Kauen: »Paß auf,

Windmüller, gleich auf dem Damm will ich dir die ›schöne Adelheid‹

einreiben.«

Der also Bedrohte erhob ein Gelächter, während Gerd den letzten Bissen

wegdrückte, den ihm geschenkten Apfel in die Tasche steckte und sich

bückte, um zwischen den Knien den ersten Ball zu kneten.

Eine Minute später standen die Kämpfer der beiden Dorfhälften sich auf

dem Birkendamm gegenüber, und die Geschosse sausten scharf durch das

ruhige Flockengeschwebe, klatschten gegen die Birkenstämme, verfingen

sich im hängenden Gezweige, fehlten oder trafen ihr Ziel. Unten

kommandierte Hermann Vogt in seiner lauten prahlerischen Weise, die

vom oberen Dorf führte Gerd Rosenbrock, der mit jedem Wurf auf jenen

zielte. Der aber wußte geschickt auszuweichen und quittierte für jeden

an ihm vorbeisausenden Ball mit höhnendem Zuruf.

»Laßt uns den großschnauzigen Müller mal waschen,« raunte Gerd,

des ergebnisarmen Fernkampfes müde, seinen Getreuen zu, die dazu

sogleich bereit waren. Man sammelte in der Stille Munition, vorwärts

marsch! ertönte das Kommando, und im Sturmlauf ging's mit wildem

Kriegsgeschrei auf den Feind. Eine Salve aus nächster Nähe brachte

diesen zum Weichen, nur der Führer hielt stand. Aber schon hatten

feste Fäuste ihn gepackt, die verzweifeltste Gegenwehr half nichts,

er mußte längelangs an den Boden, reichlicher Schnee wurde ihm

unsanft in Mund, Nase und Ohren gerieben, in Nacken, Ärmellöcher und

Hosenbeine gestopft, und derbe Püffe gab's ungezählt überher. Es

war keiner im oberen Dorf, der den Müller leiden mochte. Den ganzen

Übermut der unteren wohlhabenderen Dorfhälfte, die im Bauernmal ihre

Väter oft genug überstimmte, sahen sie in ihm verkörpert, und mit

wahrer Wollust besorgten sie es ihm bei dieser Gelegenheit einmal

gründlich.

Als Herr Timmermann Freund und Feind wieder friedfertig durcheinander

vor sich auf den Bänken hatte, wandte er sich, nicht ohne ein wenig

boshaft zu lächeln, an seinen Schulobersten, der prustend und

triefend, mit krebsrotem Gesicht und zerzaustem Haar auf seinem Platz

saß:

»Na, Hermann, sie haben dich wohl ordentlich gehabt? Ich glaube aber,

es bekommt dir mal ganz gut.«

Gerd, der sich gerade unter dem Pult mit dem Hochgefühl des Siegers

die Hände an den Hosen trocken rieb, warf einen dankbaren Blick nach

dem Lehrer und einen triumphierenden auf seinen Widersacher, mit dem

er nicht erst seit heute auf gespanntem Fuße lebte. Dieser hatte

unter dem alten Lenz, der es mehr mit den Reichen hielt, gute Tage

gesehen, aber der Neue benutzte zu Gerds Freude jede Gelegenheit, den

übermütigen Bengel zu ducken, und hatte sogar schon einmal gesagt:

»Eigentlich müßtet ihr beiden die Plätze tauschen; aber wir wollen es

das letzte halbe Jahr lieber beim alten lassen.«

Es war Mittag. Die Kinder bummelten heim, ein schneedurchpflügendes

Holzschuhpaar nach dem anderen schwenkte nach rechts über die

Hofbrücken ab. Zuletzt befanden sich nur die Geschwister noch auf

dem Damm. Leidchen, die mit einer Freundin hinterher getrödelt war,

holte laufend den Bruder ein, hing sich zärtlich an seinen Arm, und

so stapften die beiden durch unbetretenen Schnee ihrem Hause zu, das

unter der tief herabgezogenen weißen Kappe weg heute besonders lustig

und freundlich aus den blanken Fensteraugen in die Welt guckte. --

Die Familie Rosenbrock hatte sich in den vier Jahren mehr als ergänzt,

indem Jan bald nach dem Tode der Stiefmutter Trina Grotheer aus

Meinsdorf als Frau ins Haus geholt und sich bereits zwei Kinder von

ihr hatte schenken lassen. So sammelten sich denn jetzt ihrer sechs um

den Mittagstisch. Jan, der Stammhalter, langte mit seinem Zinnlöffel

schon wacker in die steife Bohnensuppe, während sein Schwesterchen

Minna noch in der Wiege lag und an der Milchflasche sog.

Beta Rotermund war mit Jans Wahl zufrieden. Gerd und ihr Patenkind

Leidchen wurden zwar bei der Arbeit tüchtig mit herangenommen, aber

so war's im Moor überall, und das ging auch nicht anders. Wer im Torf

jung geworden ist, muß sich so ungefähr vom achten Jahre an des Lebens

Nahrung und Notdurft selber verdienen. Jedenfalls wurden die Kinder

nicht unfreundlich behandelt, bekamen satt zu essen und behielten Zeit

für die Schularbeiten. Mehr konnte man billigerweise nicht verlangen.

Es war schulfreier Mittwoch-Nachmittag, und nach dem Essen erhielten

die beiden den Auftrag, mit dem Schiff einen Haufen Heidestreu vom

Hochmoor ans Haus zu schaffen, ehe er gar zu tief einschneite.

Das flache, braungeteerte Fahrzeug, das hauptsächlich zur Verschiffung

des wichtigsten Landesproduktes, des Backtorfs, nach der Freien

Reichs- und Hansestadt Bremen diente, lag dreißig Schritt vom Hause

in einem kleinen Hafen, den ein auf Eichenpfählen ruhendes Strohdach,

das Schiffsschauer, gegen Regen und Sonnenbrand schützte. Es hatte

vorn eine Art Verdeck, Koje genannt, die dem Schiffer zum Übernachten

dienen kann, und weiterhin eine feste, zur Aufnahme des Segelbaums

durchbohrte Bank. Meist lag jener jedoch, mit dem torffarbigen

Segeltuch umwickelt, samt dem Steuer unten im Schiff, und dieses wurde

mit dem langen, schwertförmigen, eisenbewehrten Schieberuder gestakt

oder vom Leinpfad aus geschoben.

Gerd lud Segel und Steuer, die von Jans letzter Bremerfahrt her noch

im Schiff lagen, aus und stieg mit der Schwester hinein. Während sie

unter einem ausgedienten Regenschirm, dem der Griff fehlte und zwei

Rippen durch den altersgrünen Bezug starrten, auf der Segelbank Platz

nahm, handhabte er mit Kraft und Sicherheit das Schieberuder, und das

Schiff glitt mit ziemlicher Schnelligkeit im Graben hinauf, der die

Grenze zwischen den Stellen 40 und 39 bildete und sich schnurgerade

zum Hochmoor hinzog.

Den schwarzen Wasserlauf zwischen den weißen Ufern, der die jetzt vor

dem Winde lustig tanzenden Schneeflocken unbarmherzig verschluckte,

begleiteten anfangs die beschneiten Felder der benachbarten

Stellen, um nach einer Weile tiefer liegenden, von schmalen Gräben

durchschnittenen Wiesen Platz zu machen. Diesen folgten, wieder zu

beiden Seiten, wüste abgetorfte Flächen, aus denen schwarze Lachen

gähnten und regelrecht gesetzte Torfhaufen, an der Schlagseite mit

Strohschirmen geschützt, ebenfalls schwarz gegen die weiße Umgebung

sich erhoben. Dahinter stand in anderthalb Mannshöhe die senkrecht

abgestochene Wand des Hochmoors, auf dem der Schnee in niedrigem

Birkenanflug, üppigem Heidekraut und sperrigem Gagelgesträuch hing.

Eine Gruppe älterer Föhren schloß endlich die hintere Schmalseite

des Rechtecks, das Jan Rosenbrocks Stelle bildete, gegen die nächste

Kolonie hin ab. Sonst prangten sie in sattem Dunkelgrün, aber heut'

erschienen sie tiefschwarz, wie denn der Schnee alles, was er nicht

weiß machen konnte, schwarz gefärbt hatte. Die winterliche Öde war

wie ausgestorben. Nur eine Elster schunkelte, hungrig schackernd, von

einer Föhre zu einer Birke. Auch sie, wie alles, weiß und schwarz.

Die Streuheide, die Jan Rosenbrock im Spätsommer mit der Lee gehauen

hatte, lagerte am Saum des Föhrengehölzes. Auf Forken trugen die

Kinder sie, oftmals hin und her gehend, an den zwanzig Schritt

entfernten Graben, um ihre Last die steile Moorwand hinab ins Schiff

zu werfen.

Als dieses beladen war, kletterten sie hinunter und hockten zu kurzem

Ausruhen unter Leidchens Regenschirm aneinandergeschmiegt auf der

Segelbank.

Gerd war durstig geworden und nahm sich vom Bordrand eine Prise Schnee.

»Hast du den Apfel, den ich dir geschenkt habe, schon aufgegessen?«

fragte Leidchen, indem sie in seine Tasche langte. »Nein, hier ist er

noch!« rief sie erfreut und brachte ihn zum Vorschein.

Gerd holte sein Dreigroschenmesser aus der Hosentasche, teilte die

Frucht und reichte der Schwester die größere Hälfte. Sie aßen auch das

Kerngehäuse mit, denn Äpfel gab's in diesem Jahr nicht viele, und es

war der letzte Prinzenapfel.

Als er verschwunden war, griff Leidchen in ihre Rocktasche, machte ein

verheißungsvolles Gesicht und sagte: »Ich hab' auch noch was Feines.«

Ein Weilchen ließ sie seine Neugierde zappeln, dann zog sie eine Tafel

Schokolade heraus.

-- »Feine Gewürzschokolade, mit Zusatz von feinstem Weizenmehl,« las

sie lüstern, ihren Schatz sich unter das Näschen haltend. Dann durfte

auch der Bruder dran riechen.

»Wo hast du das her?« fragte dieser mit strenger Miene.

»Wird nicht verraten,« antwortete sie, geheimnisvoll lächelnd.

»Von Tante Beta?«

»Nicht so neugierig, mein Junge! Da, nimm!«

»Erst will ich wissen, wo das herkommt.«

»Denn nicht,« sagte sie und führte das Stück, das sie ihm angeboten

hatte, zum eigenen Munde. Aber er griff schnell zu und packte ihre

Hand.

»Laß mich los!« rief sie und suchte sich frei zu machen.

Aber seine Hand hielt die ihre wie ein Schraubstock umklammert.

»Wenn du nicht auf der Stelle losläßt, beiß' ich,« schrie sie und

zeigte ihre Zähne.

Er lachte kurz und spöttisch auf. Aber im nächsten Augenblick sprang

er mit einem Schrei in die Höhe, das Schirmdach mit sich emporreißend.

Sie hatte die kleinen Beißer recht herzhaft in seinen Daumenballen

geschlagen.

»Du bist ja 'n ganzer Satan!« knirschte er und hob die Hand zur

vergeltenden Backpfeife. Da sie sich aber schnell unter den Schirm

duckte, stapfte er mit großen Schritten über die Ladung weg auf

die andere Seite des Bootes und setzte es mit dem Schieberuder in

Bewegung. Er hatte sein bitterbösestes Gesicht aufgesteckt und sah mit

Ausdauer an der Schwester vorbei.

Diese saß schmausend auf der Segelbank, lugte unter ihrem graugrünen

Dach hervor und liebäugelte nach dem Bruder hinüber. Sie hätte jetzt

gern wieder Frieden gemacht.

Das Schiff glitt seine Bahn dahin. Das Planschen des Moorwassers gegen

den Bug und die engen Ufer war mit dem Reiben des Stangenruders an der

Bordwand das einzige Geräusch in der Stille der winterlichen Welt.

Als Leidchen einsah, daß sie mit Äugeln die Aufmerksamkeit seines

in die Schneelandschaft starrenden Leichenbittergesichts nicht auf

sich lenkte, kletterte sie ebenfalls über die Streuheide und suchte,

indem ihre Augen ein verführerisches Lächeln spielen ließen, ihm ein

Stück Schokolade zwischen die Lippen zu schieben. Aber er hielt diese

fest geschlossen. Da kitzelte sie ihm mit den Fingern der linken Hand

unter dem Kinn. Und plötzlich schnappte er zu. Doch sie hatte, dies

erwartend, die Hand blitzschnell zurückgezuckt und nur die Schokolade

blieb zwischen seinen Zähnen.

Lustig sprang sie über die Heide zu ihrer Bank zurück, streifte die

Schneeflocken aus dem Haar und lugte triumphierend unter dem wieder

aufgenommenen Schirm hervor.

»Na, wie schmeckt's?«

»Oh ... nicht schlecht ... Deern, du bist 'ne kleine Hexe!«

Dabei lächelte er und sah nicht mehr an ihren schalkhaften Augen

vorbei.

»Gut, daß du wieder artig bist. Nun sollst du auch wissen, wo die

Schokolade herkommt. Müllers Hermann hat mir die Tafel geschenkt.«

»Müllers Hermann?« wiederholte Gerd gedehnt.

»Ja, ja, dein Freund Hermann.«

»Mein ~Freund~?«

»Ja, meinetwegen auch dein Feind.«

»Leidchen, das wundert mich, daß der dir Schokolade schenkt. Und noch

mehr, daß du sie annimmst.«

»Hahaha, kneifst du die Hände zu, wenn dir einer was schenken will?«

»Ja, das wär' möglich. Von jedeinem ließ' ich mir nichts schenken ...

Aber sag', wie kommt der dazu?«

»Gestern abend mußte ich doch Sirup holen, weißt du, für unsern

Buchweizenpfannkuchen. In Bollmanns Laden traf ich Hermann, und er

hatte sich gerade drei Tafeln Schokolade gekauft. Draußen gab er mir

dann eine ab und sagte, ich sollte es nicht weiter sagen. Und ich

sag's sonst auch zu keinem.«

»Leidchen, ich wollte, du hättest das Geschenk nicht angenommen. Ich

hätte dir dafür gern zwei Tafeln gekauft.«

»Haha, das kannst du jetzt leicht sagen. Du hast mir überhaupt noch

keine Schokolade geschenkt.«

»Schokolade wohl noch nicht, aber hab' ich dir nicht neulich erst

von der Konfirmandenstunde 'ne dicke Apfelsine mitgebracht? ... Drei

Groschen auf einmal für solche Schnökerei ... Wo er das viele Geld

wohl her hat?«

»Der? Och Junge, das wissen doch alle Leute, daß seine Eltern gräsig

reich sind. Meta Kück hat mir erzählt, als sie Hochzeit gemacht

hätten, hätte der große Tewesbauer von Drömstedt ihnen die harten

Taler man so scheffelweise zugemessen. Und Anna Meyerdierks sagt, es

gäbe nicht viele im Dorf, die dem Müller kein Geld schuldig wären, und

wenn der Gerichtsvollzieher käme, hätte er ihn beinah immer kommen

lassen.«

»Die Leute schnacken allerhand dummes Zeug,« sagte Gerd trocken,

indem er mit der rechten Hand an den Fingern der linken zog und ein

bedenkliches Gesicht dazu machte.

Ihre braunen Augen blitzten.

»Willst du damit sagen, er hätte sich das Geld genommen?«

Als er die Achseln zuckte, rief sie empört: »Du, das finde ich gar

nicht schön von dir, daß du anderen Leuten so was Schlechtes zutraust!«

»Müllers Hermann traue ich nicht von da bis da,« sagte er, indem er

mit der Hand von einem Ufer des schmalen Grabens zum andern zeigte.

»Ich glaube, du bist bloß neidisch, weil er über dir sitzt,« meinte

sie lauernd.

Er schüttelte langsam den Kopf: »Das ist mir einerlei. Es ist ja auch

nur, weil er dem Müller sein Sohn ist. Was der alte Lenz für einer

war, das wissen wir doch wohl ... Leidchen, glaub' mir, ich habe

die ganzen Schuljahre bei ihm gesessen und kenn' ihn: der Junge ist

nicht echt. Ja, den Leuten die Augen zu verblenden, das versteht er.

In der Konfirmandenstunde sitzt er so andächtig da und macht so'n

scheinheiliges Gesicht, daß der Pastor ihn gewiß für den frömmsten von

uns allen hält. Na, der sollte bloß wissen, was er unterwegs manchmal

für Reden führt! ... Wir andern müssen alle tüchtig mit an die Arbeit.

Aber der? Die ganzen Nachmittage läuft er mit der Vogelflinte herum

und schießt nach den kleinen Lerchen, wenn sie zum Himmel aufsteigen

wollen, und auch sonst nach allem Lebendigen, was ihm in die Quere

kommt. Sein Vater kümmert sich um nichts, und die Mutter ist in ihr

einziges Kind rein vernarrt. Darum ist er auch so bodenlos frech ...

Ich freue mich, daß er's heut' morgen mal ordentlich gekriegt hat.«

»Ihr habt es reichlich schlimm gemacht. So viele auf einen, das ist

auch nicht gerade nett.«

»Warum haben die anderen ihm nicht geholfen! Er soll dich nur noch

einmal ›schöne Adelheid‹ schimpfen, dann lernt er mich erst kennen. So

was einem Mädchen anzuhängen! ...«

Sie lachte hell auf.

»Wenn einer mir nichts Schlimmeres anhängt, als das, bin ich zufrieden

... Kuck mal!«

Aus dem Stanniol der Schokolade hatte sie sich einen breiten

Fingerreif gefaltet und gebogen und hielt nun die Hand mit dem

silberglänzenden Schmuck in die Höhe.

»Was ist an solchem Narrenkram zu kucken ...« sagte er verdrossen,

den Gegenstand ihres Entzückens kaum eines halben Blickes würdigend,

während sie, das Köpfchen schief haltend, noch eine Weile mit ihm

liebäugelte.

Es wehte plötzlich ein kälterer Lufthauch über das Land, der die

spärlichen Schneeflocken, die noch fielen, vor sich hertrieb. Das

Mädchen schauerte leicht zusammen, stand entschlossen auf und sprang

von der Koje auf das Ufer hinüber. »Wo willst du hin?« fragte Gerd

verwundert. »Es wird kalt, ich lauf',« sagte sie kurz und lenkte durch

einen kleinen Obstkamp dem Hause zu.

Gerd sah mit nachdenklichen Augen hinter ihr her. Sie schritt wie

eine, die ihren eigenen Weg gehen will und nicht sonderlich geneigt

ist, sich gängeln und leiten zu lassen.

3.

Zum viertenmal schickte Herr Timmermann einen Jahrgang Brunsoder

Jugend zur Einsegnung nach Grünmoor, und zwar einen guten, den er

ungern aus den Händen ließ. Freilich, mit dem starken Geschlecht

war kein Staat zu machen. Dessen einziger Vertreter, Jan Kassen

vom Achterdamm, hatte in seinem welken Gesicht ein Paar starre,

blöde Augen und war auch als Konfirmand nicht über die dritte Bank

hinausgeklettert. Aber die Mädchen! Glatt und schier waren sie alle

fünf, die am Gründonnerstagmorgen unbedeckten Hauptes, funkelneue

Gesangbücher und gefaltete weiße Taschentücher in den Händen, die

ungewohnten langen Festkleider hoch aufgerafft, an der schimmernden

Birkenreihe des Kirchdamms entlang auf Grünmoor zuschritten. Und eine

von ihnen war so rank und schlank gewachsen, schaute aus schmalem,

rosig durchscheinenden Gesichtchen so frank und frei, hell und warm

in die Welt, daß ein alter Heide- und Moorläufer mit jungen Augen und

Beinen, den der Tag zur ersten Vorfrühlingswanderung verlockt hatte,

abends in Bremen seiner Frau erzählte: »Du, heut' morgen bin ich unter

den Moorbirken dem leibhaftigen Frühling begegnet.«

Die Kinder hätten sich für ihre Einsegnung keinen schöneren Tag

aussuchen können. Ein herbfrischer Märzwind strich ihnen über die

jungen Gesichter, spielte mit den losen Härchen, die den ordnenden

Kämmen und Bändern entschlüpft waren, entführte die heut' nicht

gesparten Haaröldüfte und jagte grüne Wellen über die junge Saat der

Ackerbreiten. Die Luft war voll Sonnenglanz und von Lerchenjubel wie

gesättigt. Über dem Dunkellila des Birkengezweiges lagen schon die

zarten Schleier von grüner Seide, im ernsten Braun des Hochmoors

loderten lichtbraune Inseln blühenden Gagels, die bewaldeten

Höhenrücken der Geest standen in der Ferne tiefblau und scharfumrissen

gegen die sanfte Bläue des wolkenlosen Himmels. Die Welt schien so

groß und weit, und den Kindern war ein wenig eng und ängstlich ums

Herz, aber auch wieder feiertäglich ernst und freiheitsfroh, standen

sie nun doch vor der Tür, die sie aus der Schulstube in das Leben

hinausführen wollte. Mochte dieses auch keinem von ihnen Großes und

Außerordentliches zu versprechen haben, an solchem Tage macht es nun

einmal jedem ein verheißungs- und geheimnisvolles Gesicht.

Eine halbe Stunde, nachdem Leidchen Rosenbrock das Haus verlassen

hatte, machte sich auch ihr Bruder auf den Weg. Er trug die Weste

hoch am Halse geschlossen und auf dem Kopf eine Tuchmütze mit blankem

Schirm. Seine dunkelgrauen Augen blickten stetig und verweilend, harte

Arbeit hatte die Züge seines langen, schmalen Gesichts, zumal um den

strengen Mund herum, scharf herausgemeißelt. Mit weit ausgreifenden

wiegenden Schritten folgte er anfangs einem wenig begangenen federnden

Moorpfad. An Gesellschaft und Unterhaltung lag ihm heute nichts. Er

war keiner von denen, die der Einsamkeit aus dem Wege gehen, und

wollte die Schwester zum Abendmahlstisch geleiten.

Wer hätte das sonst tun sollen? Der Vormund wohnte in einem anderen

Dorfe und kümmerte sich um nichts. Bruder Jan ging nicht ohne seine

Frau, und die lag mit ihrem vierten Kinde im Bett. Beta Rotermund,

die gute Nachbarin und Leidchens Patentante, hatte mit ihrer

Frühjahrserkältung zu tun. »Sie hat keinen als dich,« hatte einst die

Mutter gesagt, als sie sterben wollte, und so war's wirklich gekommen.

Es machte sich ganz von selbst, daß er eine kleine Rechnung darüber

aufstellte, was er schon alles für seine Schwester getan hatte.

Einen angenehmeren und besser bezahlten Dienst, der ihm angeboten war,

hatte er ausgeschlagen, um als Knecht des Bruders ihr nahe zu bleiben,

ein Auge auf sie zu haben und sie anzuleiten. Wie manche Arbeit hatte

er ihr abgenommen, damit sie ungestört die Schularbeiten machen konnte!

Ob sie am Palmsonntag bei der Konfirmandenprüfung so gut bestanden

und besonders gelobt worden wäre, wenn er an den Abenden des letzten

Winters ihr nicht immer die Lektionen abgehört hätte?

Warum hatte er sich mehr und mehr von der Wildbahn zurückgezogen, so

daß er den Erwachsenen mit seinen achtzehn Jahren als der solideste

und vernünftigste Bursch des Dorfes, dem Jungvolk dagegen als

Duckmäuser und Drögepeter galt? Der Schwester wegen! Um sie, die

sehr lebenslustig war und mit ihrer Ausgelassenheit ihn manchmal

fast bange machte, vermahnen zu dürfen und in Schranken halten zu

können, hatte er sich selbst je länger desto mehr in acht genommen und

zurückgehalten.

Dafür hatte er nun aber auch so viel im Sparkassenbuch, wie wohl

keiner seiner Altersgenossen. Im Grunde war das Solide doch wohl das

Beste, wenn einer sich nur erst daran gewöhnt hatte.

Gerd nickte ein paarmal wohlgefällig, er war recht mit sich zufrieden.

Und der liebe Gott, bei dem er heute zu Gast gehen wollte, war es

gewiß auch.

Der einsame Moorpfad mündete endlich auf den belebteren Damm, der die

Kirchgänger der nördlichen Kolonien des Kirchspiels sammelte.

Eine Strecke war Gerd auf diesem dahingeschritten, als plötzlich eine

Klingel hinter ihm schrillte. Er trat in die Birkenreihe, um den

Radfahrer, der sich auf solche Weise bemerklich machte, vorbei zu

lassen. Aber dieser sprang neben ihm ab und sagte munter: »'n Morgen,

Gerd.«

»Ach so, du bist das, Hermann ...«

Gerd hatte den alten Schulkameraden, der seit Jahren auf einer

Windmühle vor den Toren Bremens arbeitete und selten nach Hause

kam, lange nicht mehr gesehen. Er wunderte sich, wie der Mensch

sich herausgemacht hatte. Ein Paar übermütige Augen lachten ihm aus

dem frischen, gebräunten Gesicht, das sogar schon der Anflug eines

Schnurrbärtchens schmückte, und dem der kecke grüne Hut mit dem Spiel

eines Birkhahns vortrefflich stand.

Der junge Müller schritt, das Rad schiebend, an Gerds Seite.

»Wie die Zeit hinläuft! Wir beiden sind nun schon vier Jahr aus

der Schule und müssen nächstens zur Musterung. Und euer lüttjes

Kinkindiewelt wird auch schon konfirmiert.«

»Ja,« sagte Gerd kurz und trocken.

»Die Leute sagen, sie wär' eine bannig schmucke Deern geworden. Kann's

mir wohl denken, daß aus dem gralläugigen Leidchen mit den Jahren 'ne

›schöne Adelheid‹ geworden ist. Weißt du noch?«

»Hast du dein leeges Maul noch immer nicht abgelegt?«

»Mensch, was machst du für ein Gesicht? ... Ach so, du willst heute

fromm sein. Na, denn will ich nicht länger stören. Grüß Leidchen von

mir, und ich gratulierte ihr vielmals. Adjüs.«

Er sprang lachend auf sein Rad, riß den Hut ein wenig in den Nacken

und fuhr in gemächlichem Bummeltempo, die linke Hand in die Seite

gestemmt, davon.

Über das winzige Kirchdörfchen -- nur aus Pfarre, Schule, einigen

Gastwirtschaften und Kaufläden, sowie einem knappen Dutzend

kleiner Anbauerstellen bestehend, ist es eins der kleinsten des

Landes, während das Kirchspiel eins der größten ist -- schaute die

frischvergoldete Turmuhr her und zeigte an, daß bis zum Beginn des

Gottesdienstes noch eine gute halbe Stunde blieb, weshalb Gerd seinen

Schritt verlangsamte. Aber plötzlich schlug er ein sehr schlankes

Tempo an, das ihn nach wenigen Minuten ins Dorf brachte.

An den Gruppen von Konfirmanden, die auf der Straße vorm Pfarrhause

sich bereits gesammelt hatten, hinschreitend, suchte er seine

Schwester heraus und winkte sie zu sich. Sie kam nur zögernd und, wie

es schien, widerwillig. Als er ihr aber einige Worte zuflüsterte,

nickte sie zustimmend, trat an seine Seite, und sie gingen schweigend

die Dorfstraße hinunter. Durch ein eisernes Tor bogen sie nach

rechts auf die Lindenallee des Friedhofs ab, umschritten die

Kirche und folgten einem Nebenweg, der sie zu einem hochragenden

Wacholder führte. Vor dem halb eingesunkenen, von dichter Grasnarbe

überzogenen Hügel zu seinen Füßen blieben sie stehen. Gerd zog

seine Schirmmütze und hielt sie vor die Brust. Leidchen hatte die

in schwarzen Wollhandschuhen steckenden Hände über dem Gesangbuch

gefaltet. So standen sie wohl eine Minute. Dann setzte er räuspernd

die Mütze wieder auf, sie fuhr sich mit einem Zipfel des weißen

Einsegnungstaschentuches über beide Augen, und schweigend gingen sie

den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Die Holzschuhe der Läuter polterten auf den Treppen des Turmes, und

kaum war der zehnte Schlag der Uhr verhallt, da setzte die kleine

Glocke, etwas vorlaut, auch schon ein, und bald ließ auch die große

ihre tiefen, vollen Klänge vernehmen.

Aber die Menge, die den breiten Lindenweg vom Friedhofstor bis zur

Kirche besetzt hielt, hörte weniger auf das Geläute, das aus der Höhe

kam, als auf das Singen, dessen Klang der Frühjahrswind vom Pfarrhause

herüberwehte, und das sich langsam näherte.

Nicht weit von Gerd Rosenbrock stand die eheverlassene Trina Kassen

vom Achterdamm, die mit Heidquesten durch die Dörfer ging. Als ihr Jan

mit dem unförmlichen Kopf und dem welken Gesicht, die Augen starr im

Gesangbuch, in der letzten Knabenreihe vorüberstolperte, schossen ihr

die Tränen in die Augen, die sie dann mit dem verrunzelten Handrücken

in ihren grüngrau verschossenen Rock wischte.

Gerd hatte die Frau stets ehrlich verachtet. Denn ihren kleinen

Hausierhandel benutzte sie als Deckmantel für eine recht unverschämte

Bettelei, durch die sie dem Dorf in der Umgegend Schande machte. Aber

wie er jetzt die Freudentränen aus ihren blöden Augen stürzen sah, da

wallte es warm in ihm auf. Und als er bald darauf seine Schwester so

ernst und lieblich in dem feierlichen Zuge vorüberwallen sah, als er

ihre klare, schöne Stimme aus dem Gesang heraushörte, da lief es ihm

schnell hintereinander kalt und heiß über den Rücken, und er mußte

ein paarmal mit den Augenlidern zwinkern, um etwas zwischen ihnen zu

verdrücken.

* * * * *

Wenn die Brunsoder zweimal den weiten Kirchweg gemacht haben, gehört

es für sie mit zur rechten Sonntagsruhe, daß sie sich nach dem

Mittagessen ein Stündchen lang legen.

»Du willst dich jetzt wohl ein bißchen ausruhen?« fragte Gerd seine

Schwester, als sie vom Tisch aufstanden.

Geschwister Rosenbrock · 第 7 / 34 题