Sie sah ihm ins Gesicht. „Es ist nicht wahr!“

„Aber ich sage dir doch ...“

„Es ist nicht wahr ... sage mir doch die Wahrheit ... Man hat dich

geschlagen ...?“

Er antwortete nicht.

„Sie haben dich geschlagen!... Ah, diese wilden Tiere.... Du armer Mann!

Sie haben dich geschlagen! Dich, der du so gut bist, dich, der in seinem

ganzen Leben niemandem Böses getan hat.... Ah, das ist doch zu viel

Gemeinheit....“

Sie umarmte ihn schluchzend.

„Du gute Frau“, sagte er sehr gerührt, „das ist doch nicht so wichtig.

Und dann, ich mache dich ja schmutzig, du darfst mich jetzt nicht

anrühren.“

„Das macht nichts“, sagte sie, „ich habe zu viel auf dem Herzen!

Verzeihe mir!“

„Was soll ich dir denn verzeihen, ... was redest du denn da?“

„Auch ich bin schlecht gegen dich gewesen. Ich habe dich nicht

verstanden ... (ich werde dich ja nie verstehen), aber ich weiß doch

gut, daß, was immer du tust, du nichts als das Rechte willst. Ich hätte

dich verteidigen sollen und habe es nicht getan, ich war dir böse über

deine Dummheit (und bin doch selbst die Dumme), ich war dir böse, daß du

uns mit allen andern auseinandergebracht hast.... Aber jetzt ... nein,

das ist wirklich zu gemein.... Menschen, die nicht würdig sind, deine

Schuhriemen zu lösen, ... und sie haben dich geschlagen! Laß mich doch

dein armes beschmutztes Gesicht küssen!“

Es war so gut, sich wiederzufinden, nachdem man sich so lange verloren

hatte. Sie weinte lange am Halse Clerambaults. Dann half sie ihm sich

umkleiden, wusch ihm die Wange mit Arnika und trug seine Kleider fort,

um sie ausbürsten zu lassen. Bei Tisch behütete sie ihn mit treuen,

unruhigen Augen und versuchte, ihn von seinen Sorgen abzulenken, indem

sie von altvertrauten Dingen sprach. Und wie sie so beide an diesem

Abend allein und ohne Kinder im Hause waren, kam die Erinnerung an lang

vergangene Jahre, an die erste Zeit ihrer Ehe zurück. Und dieses geheime

Wiedererinnern hatte eine melancholische und verklärte Milde, wie das

Vesperläuten über das Dunkel noch ein letztes warmes Leuchten des

verlorenen Mittagläutens hinklingen läßt.

Gegen zehn Uhr abends ging noch einmal die Glocke. Es war Julian Moreau

mit seinem Freunde Gillot. Sie hatten die Abendblätter gelesen, die auf

ihre Art über den Vorfall berichteten. Die einen sprachen von einer

exemplarischen Züchtigung durch die öffentliche Verachtung und rühmten

die „spontane“ Entrüstung der Menge. Die anderen, die ernsten Blätter,

taten so, als ob sie prinzipiell eine Volksjustiz, die sich auf der

Straße Luft machte, für ungehörig erklärten, aber sie schoben die

Verantwortung dafür auf die Schwäche der Regierung, die solange zögerte,

Licht in die Affäre zu bringen. Es war gar nicht unwahrscheinlich, daß

dieser Tadel der Regierung von der Regierung selbst inspiriert war, denn

die geschickten Politiker lassen sich bei manchen Gelegenheiten zu

gewissen Dingen zwingen, die sie gern selbst tun möchten, aber auf die

sie nicht sehr stolz sind. Die Arretierung Clerambaults schien also

unmittelbar bevorzustehen. Moreau und sein Freund waren darüber

beunruhigt, aber Clerambault machte ihnen ein Zeichen, sie sollten in

Gegenwart seiner Frau schweigen und führte sie, nachdem er einige Zeit

über den Vorfall in heiterer Weise gescherzt hatte, in sein Zimmer. Dort

fragte er sie, was sie beunruhigte. Sie zeigten ihm einen haßerfüllten

Artikel jenes nationalen Blattes, das seit Wochen die Hetze gegen

Clerambault aufführte. Die Manifestation von heute hatte jene auf den

Geschmack gebracht, und sie forderten ihre Freunde auf, sie morgen zu

wiederholen. Moreau und Gillot befürchteten Gewalttätigkeiten, wenn sich

Clerambault in den Justizpalast begeben würde, und sie waren gekommen,

um ihn zu überreden, nicht auszugehen. Sie kannten seinen ein wenig

furchtsamen Charakter und glaubten, ihm nicht besonders zusprechen zu

müssen. Aber ebensowenig wie damals, als Moreau ihn mitten in einer

Ansammlung diskutierend getroffen hatte, schien Clerambault sie zu

verstehen.

„Ich soll nicht ausgehen? Warum denn nicht, mir fehlt doch nichts?“

„Aber es wäre klüger!“

„Im Gegenteil, es wird mir gut tun.“

„Aber man weiß nicht, was Ihnen zustoßen kann.“

„Das weiß man niemals, dazu hat man noch Zeit, sobald es einmal

geschehen ist.“

„Also, um aufrichtig zu sprechen: es ist gefährlich. Man reizt schon

seit langem die Leute auf. Sie sind heute verhaßt und Ihr Name genügt,

ein paar von den Dummköpfen, die Sie nur durch ihre Zeitungen kennen,

bis zum Platzen zu ärgern. Und diese Antreiber suchen ja nur einen

Eklat. Gerade durch die Ungeschicklichkeit Ihrer Gegner haben Ihre Worte

mehr Echo gefunden, als Sie dachten. Nun fürchten sie, daß diese Ideen

sich Bahn brechen und wollen ein Exempel statuieren, um alle

abzuschrecken, die Ihrer Meinung sind.“

„Ja, aber“, sagte Clerambault, „wenn es wirklich solche gibt, die meiner

Meinung sind — ich war dessen bisher noch nicht gewiß — so darf ich

mich in einem solchen Augenblick doch nicht zurückziehen. Will man an

mir ein Exempel statuieren, so muß ich es über mich ergehen lassen.“

Er schien so guten Mutes, daß die beiden sich fragten, ob er sie

wirklich verstanden habe. „Ich wiederhole Ihnen“, sagte Gillot nochmals,

„daß Sie viel riskieren.“

„Mein Freund“, sagte Clerambault, „heute riskiert die ganze Welt sehr

viel.“

„Aber es muß doch wenigstens ein Nutzen bei so etwas sein; warum wollen

Sie ihnen eine Gefälligkeit erweisen und sich in den Rachen des Löwen

wagen?“

„Nun, ich glaube wiederum, daß das uns im Gegenteil sehr nützlich sein

kann“, sagte Clerambault, „und daß, was immer auch geschieht, der Löwe

das Nachsehen haben wird. Ich möchte auch das auseinandersetzen.... Sie

verbreiten ja nur unsere Ideen, denn die Gewalttätigkeit heiligt immer

die Sache, die sie verfolgt. Sie wollen Schrecken verbreiten, und sie

werden auch Schrecken verbreiten ... aber bei den Ihren ..., bei denen,

die noch zögern und verängstigt sind. Lassen wir sie nur ungerecht sein,

es geht auf ihre Kosten ...“

Er schien zu vergessen, daß es auch auf die Kosten der Seinen ging.

Als sie aber sahen, daß er entschlossen war, wuchs mit ihrer Unruhe auch

ihr Respekt und sie erklärten:

„In diesem Falle aber kommen wir mit unseren Freunden, um Sie zu

begleiten.“

„Nein, nein, was ist das für ein törichter Einfall! Ihr wollt mich doch

nicht lächerlich machen ... und schließlich, ich bin ja doch sicher, daß

nichts geschehen wird!“

Ihr Drängen blieb ohne jeden Erfolg.

„Mich werden Sie jedenfalls nicht verhindern können, zu kommen“, sagte

Moreau, „ich habe einen ebenso harten Kopf wie Sie. Lieber will ich die

ganze Nacht auf der Bank gegenüber der Tür verbringen, als Sie zu

verfehlen und allein zu lassen.“

„Gehen Sie nur heim in Ihr Bett“, sagte Clerambault, „und schlafen Sie

ruhig. Wenn Sie unbedingt wollen, so kommen Sie eben morgen früh, aber

Sie werden Ihre Zeit verlieren. Es wird nichts geschehen. Auf jeden

Fall: umarmen wir uns.“

Sie umarmten ihn zärtlich.

„Sehen Sie“, sagte Gillot schon an der Türschwelle, „man hat irgendwie

die Pflicht, Sie zu behüten, wir sind ein wenig Ihre Kinder.“

„Ja, das ist wahr“, sagte Clerambault mit einem guten Lächeln.

Er dachte an seinen Sohn. Als er die Tür schloß, vergingen einige

Minuten, bis er bemerkte, daß er aufrechtstehend träumte, mit der Lampe

in der Hand unbeweglich im Vorzimmer stehend, in dem er sich eben von

seinen Freunden verabschiedet hatte. Es war fast Mitternacht, und

Clerambault war müde. Dennoch trat er, statt in das gemeinsame

Schlafgemach zu gehen, ganz unbewußt noch einmal in sein Zimmer zurück.

Das Zimmer, das Haus, die Straße waren eingeschlafen; er setzte sich hin

und fiel wieder in seine Starre zurück. Undeutlich, ohne es eigentlich

zu sehen, betrachtete er den Lichtreflex vor sich auf der Glasscheibe

einer Rembrandt-Radierung, der „Auferstehung des Lazarus“, die an einer

Seitenwand seiner Bibliothek aufgehangen war.... Er lächelte einem

teuren Antlitz zu, das lautlos eingetreten und nun bei ihm war.

„Bist du nun zufrieden?“ dachte er, „das wolltest du doch?...“

Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege · 第 14 / 17 题