_They also serve who only stand and wait._ M i l t o n
Noch einmal fand er sich in der Einsamkeit wieder. Nun aber schien ihm
die Einsamkeit, so wie er sie nie gesehen, schön und still, mit einem
gütigen Antlitz, zärtlichen Augen und sanften Händen, die ihre
beruhigende Kühle auf seine Stirn legten. Und diesmal wußte er, daß die
göttliche Gefährtin ihn erwählt hatte.
Es ist nicht jedermanns Sache, allein zu sein. Viele klagen mit einem
geheimen Stolz darüber, es zu sein, und durch Jahrhunderte klingt diese
Klage, aber sie beweist, den Klagenden unbewußt, daß sie nicht Erwählte
der Einsamkeit waren, nicht ihre Vertrauten. Sie haben nur die erste Tür
aufgetan und warten gelangweilt im Vorraum. Doch sie haben nicht die
Geduld gehabt zu warten, bis sie an die Reihe kamen, einzutreten, oder
ihr Aufbegehren hat sie wieder ausgestoßen. Man dringt nicht in das Herz
der Einsamkeit ohne die Gabe der Gnade oder ohne fromm erduldete
Prüfung. Es tut not, vor der Türe den Staub des Weges zurückzulassen,
die lärmenden Stimmen der Außenwelt, die kleinen eigensüchtigen, eitlen
Gedanken, den klagenden Aufruhr enttäuschter Liebe und verwundeten
Strebens. Gleich den reinen orphischen Schatten, deren sterbende Stimme
uns auf goldenen Täfelchen erhalten blieb, muß man nackt und allein die
„dem Kreise der Schmerzen entflohene Seele der eisigen Quelle darbieten,
die dem See des Erinnerns entspringt.“
Es ist das Wunder der Auferstehung. Wer seinen sterblichen Leib verläßt
und meint, alles verloren zu haben, entdeckt, daß er erst jetzt in sein
wahres Wesen tritt. Und nicht nur er selbst, auch die anderen sind ihm
nun zurückgegeben, und er sieht, daß er sie bis jetzt noch nie besessen.
Draußen im Getümmel konnte er nie über die Köpfe der Nächsten
hinwegsehen und selbst dem Nächsten, der, gegen seine Brust gepreßt, ihn
fortschob, konnte er nicht lange in die Augen schauen. Es fehlt an Zeit
und fehlt an Abstand. Man spürt nur das Zusammenstoßen von Körpern, die
sich in ihren gemeinsam enggedrängten Schicksalen zerpressen und die der
dichte Strom des Massenschicksals weiterdrängt. Seinen Sohn hatte
Clerambault erst erkannt, als er schon tot war. Und die flüchtige
Stunde, da er und seine Tochter sich erfühlten, war jene, wo schon alle
Bande des verhängnisvollen Wahns vom Übermaß des Schmerzes gelöst waren.
Nun da er auf dem Weg allmählichen Ausschaltens und Auslesens in die
Einsamkeit gelangt und, wie man meinen sollte, von der Leidenschaft der
Lebendigen abgeschieden war, nun fand er sie alle wieder in einer
leuchtenden Vertrautheit. Alle, nicht nur die Seinen, seine Frau, seine
Kinder, sondern alle die Wesen, die er bisher irrig mit seiner
schönrednerischen Liebe zu umfassen gemeint hatte — alle malten sich
auf dem Grunde seiner inneren Dunkelkammer ab. Am nächtigen Strom des
Schicksals, der die Menschheit hinreißt, des Schicksals, das er mit ihr
selbst verwechselt hatte, schienen ihm die Millionen Kämpfender wie
ringende Balken in der Flut, und jeder Mensch war für sich eine Welt von
Freude und Leiden, Traum und Bemühung. Und jeder Mensch war auch das
Ich. Ich neige mich über ihn und sehe mich selbst. „Ich“ sagen mir seine
Augen, „Ich“ sagt mir sein Herz. Ach, wie ich euch jetzt verstehe, wie
doch eure Irrtümer die meinen sind. Selbst in der Erbitterung jener, die
mich bekämpfen, erkenne ich dich, mein Bruder, ich lasse mich nicht
täuschen: ich bin es selbst.
§
Von nun ab begann Clerambault die Menschen nicht mehr mit seinen Augen
zu sehen, mit den Augen unter seiner Stirn, sondern mit seinem Herzen.
Er sah sie nicht mehr mit seiner Idee als Pazifist, als Tolstoianer (was
ja nur wiederum ein anderer Wahn ist), sondern aus dem Denken jedes
einzelnen heraus, indem er sich in ihn verwandelte. Und er entdeckte, er
durchschaute die Menschen seiner Umgebung, gerade diejenigen, die ihm
die feindlichsten waren, die Intellektuellen und die Politiker, er sah
ihre Falten, ihre weiß gewordenen Haare, den bitteren Zug um den Mund,
ihren gekrümmten Rücken und ihre gebrechlichen Beine, sah, wie sie
angespannt, angekrampft waren und jeden Augenblick in Gefahr,
zusammenzubrechen.... Wie waren sie doch gealtert in den letzten sechs
Monaten! Im Anfang hatte die Kampfbegeisterung sie noch aufgestrafft,
aber je länger der Krieg fortdauerte, je mehr (was immer auch für einen
Ausgang er nehmen würde) seine ungeheuren Verheerungen zur Gewißheit
wurden, desto mehr lastete auf jedem die Trauer um Gefallene und die
Furcht, das Wenige, was ihm geblieben war und das für ihn ein
Unendliches bedeutete, zu verlieren. Sie taten alles, um ihre Angst
nicht zu verraten, mit der äußersten Qual preßten sie die Zähne
zusammen, aber selbst bei den Gläubigsten unter ihnen war die Wunde des
Zweifels offen.... Freilich, man mußte schweigen! Darüber durfte man
nicht sprechen; es aussprechen, hieß sich selbst vernichten....
Clerambault, der sich an Madame Mairet erinnerte, gelobte sich, von
Mitleid durchdrungen, zu schweigen. Aber es war schon zu spät, man
kannte seine Anschauungen, er war gewissermaßen die lebendige
Verneinung, das wandelnde Gewissen. Man haßte ihn, aber Clerambault war
ihnen darum nicht mehr böse. Am liebsten hätte er ihnen geholfen, ihre
Illusionen wieder neu aufzubauen.
Von welch tragischer Größe, wie bemitleidenswert wird doch diese
Leidenschaft einer Überzeugung im Innern einer Seele gerade dann, wenn
sie sich selbst ihrer nicht mehr sicher fühlt. Bei den Politikern
bedient sich diese Leidenschaft des lächerlichen Apparats der
scharlatanhaften Deklamation, bei den Intellektuellen des tollen Trotzes
krankhaft überreizter Gehirne. Aber des ungeachtet sah man überall die
unheilbare Wunde, hörte den Angstschrei nach Gläubigkeit, den Schrei
nach dem heroischen Wahn. Bei den jungen und schlichteren Menschen nahm
diese Gläubigkeit einen rührenden Charakter an, bei ihnen gab es nicht
dieses Pathos, dieses vorgetäuschte Allwissen. Nur den Schwur
ekstatischer Liebe kannte sie, die alles hingegeben hat und dafür nur
ein Wort erwartet, die Antwort: „Ja, es ist wahr, du lebst, meine
Geliebte, mein Vaterland, du göttliche Macht, die mir das Leben und
alles, was ich liebte, genommen hat....“ Und man fühlte ein Verlangen,
sich hinzuknien vor diesen armen, kleinen Trauerkleidern, diesen
Müttern, Bräuten und Schwestern, ihre abgemagerten Hände zu küssen, die
vor Hoffnung und Furcht eines Jenseits zitterten, und zu sagen: „Weint
nicht! Ihr werdet getröstet sein!“
Aber wie sie trösten, wenn man nicht an jenes Ideal glaubt, das sie
leben läßt und das sie tötet? Ohne daß er sie kommen gefühlt, war die
lange gesuchte Antwort endlich ihm nahe geworden, die Antwort: „Man muß
die Menschen mehr als den Wahn und mehr als die Wahrheit lieben.“
§
Die Liebe Clerambaults fand keine Gegenliebe. Niemals war er mehr
attackiert worden, obwohl er schon seit Monaten keine Zeile mehr
veröffentlicht hatte, und im Herbst 1917 erreichten die Angriffe gegen
ihn ein ganz unerhörtes Maß von Gewalttätigkeit. Lächerlich war dieses
Mißverhältnis zwischen der schwachen Stimme dieses einzelnen Mannes und
jenen Wutausbrüchen, doch dieses Mißverhältnis ergab sich gleicherweise
in allen Ländern der Welt. Ein Dutzend armseliger, isolierter,
engumschlossener Pazifisten, die keine Möglichkeit besaßen, in
irgendeiner großen Zeitung zu Worte zu kommen, und die ihre gewiß
rechtliche, aber doch nicht weitklingende Stimme kaum erheben konnten,
entfesselte eine wahre Frenesie von Beschimpfungen und Drohungen gegen
sich. Beim kleinsten Widerspruch verfiel das vielköpfige Ungeheuer, die
öffentliche Meinung, sofort in Epilepsie. — Der weise Perrotin, der
sich sonst über nichts wunderte, der klug abseits geblieben war und
Clerambault in sein Verderben rennen ließ (da sein Herz es so wollte),
erschrak im stillen vor diesem aufschäumenden Übermaß tyrannischer
Dummheit. Ist man einmal in der Geschichte um Jahre über solche Zeiten
hinaus, so wird man darüber lächeln, aber von nahe gesehen, merkte man,
daß die menschliche Vernunft damals dicht vor dem Zusammenbruche stand.
Man mußte sich fragen, warum gerade in diesem Kriege die Menschen viel
allgemeiner ihre Ruhe verloren hatten als in jedem anderen der
Vergangenheit. Ist er denn wirklich gewalttätiger gewesen? Kinderei! Und
bewußtes Vergessen alles dessen, was zu unserer Zeit vor unseren Augen
geschehen ist in Armenien, auf dem Balkan, bei der Niederdrückung der
Kommune, in Kolonialkriegen und bei den neuen Konquistadoren Chinas und
des Kongos.... Von allen Wesen der Erde ist, wir wissen es ja, der
Mensch das grausamste Tier. — Oder kam es davon, daß sich die Menschen
besonders auf diesen Krieg vorbereitet hatten? Im Gegenteil! Die Völker
des Abendlandes waren an einem Punkt der Entwicklung angelangt, wo der
Krieg dermaßen absurd wird, daß es unmöglich ist, ihn bei voller, bewußt
bewahrter Vernunft durchzuführen. Deshalb war es nötig, die Vernunft zu
betäuben, zu delirieren, wollte man nicht den Tod erleiden, den Tod
durch Verzweiflung oder durch den schwärzesten Pessimismus. Deshalb
regte auch die Stimme eines einzelnen, der seine Vernunft behalten
hatte, die anderen, die alle gewaltsam vergessen wollten, so zum Zorn
auf, denn sie hatten Angst, diese Stimme könne sie selbst erwecken und
sie würden ernüchtert, nackt sich selbst und ihrer ganzen Schmach ins
Auge sehen müssen.
Überdies war damals die Situation für den Krieg ungünstig. Die große
neuangefachte Hoffnung auf den Sieg und den Ruhm verflüchtigte sich,
denn immer klarer wurde es, von welcher Seite man auch das Problem
betrachtete, daß der Krieg für alle Beteiligten ein sehr schlechtes
Geschäft sein würde. Weder die materiellen Interessen, noch der Ehrgeiz,
noch der Idealismus schienen auf ihre Rechnung zu kommen, und diese
bittere bald bevorstehende Enttäuschung, daß Millionen Menschen ohne
Resultat aufgeopfert sein sollten, ließ die Menschen, die sich moralisch
verantwortlich fühlten, vor Wut schäumen. Sie hatten nur zwei
Möglichkeiten, entweder sich selbst anzuklagen oder sich an anderen zu
rächen. Und da fiel ihnen die Wahl natürlich nicht schwer. Wer diesen
Mißerfolg vorausgesehen und alles daran gesetzt hatte, ihn zu
verhindern, den machten sie nun verantwortlich für das Mißlingen. Jeder
Rückzug in der Armee, jede Dummheit der Diplomaten suchte sich sofort
mit einer pazifistischen Machination zu entschuldigen. Diesen Menschen,
die niemand kannte, die bei niemand beliebt waren und auf die niemand
hörte, schrieben ihre Gegner eine ungeheure Macht zu, eine ganze
Organisation der Niederlage. Und damit niemand sich darüber täusche, daß
sie nicht den starken Sieg wollten, hing man ihnen das Wort „Flaumacher“
um den Hals. Es fehlte nur noch, daß man, so wie einst in der guten
alten Zeit die Ketzer, sie auch verbrannte. Der Henker war noch nicht
zur Stelle, wohl aber die Henkersknechte.
Um in Schwung zu kommen, hielt man sich zunächst an ungefährliche Leute,
an Frauen, Lehrer, die niemand kannte, und die sich schlecht zu
verteidigen wußten. Dann erst suchte man sich die saftigeren Bissen aus.
Für gerissene Politiker war das eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich
gefährlicher Rivalen zu entledigen, die einige unangenehme Geheimnisse
ihrer Herren von gestern wußten. Und nach dem alten Rezept vermischte
man dann in geschickter Weise die Anklagen, nähte gemeine Schwindler und
jene Menschen, deren Charakter oder Geist beunruhigte, in denselben
Sack, damit bei diesem Mischmasch das verdutzte Publikum nicht einmal
mehr versuchen konnte, einen anständigen Menschen von einem Lumpen zu
unterscheiden. Wer noch nicht genügend durch seine Tätigkeit
kompromittiert war, galt dann als kompromittiert durch seine
Bekanntschaften und seine Beziehungen. Und fehlten auch diese, so konnte
man sie ja herbeischaffen, sie wurden ganz nach Maß des Anklageaktes
jederzeit rasch zurechtgeschnitten.
War es festzustellen, ob Xavier Thouron im bestellten Auftrage
Clerambault aufsuchte? Es wäre wohl möglich gewesen, daß er aus eigenem
Antrieb kam, freilich, wer konnte sagen, zu welchem Zweck. Wußte er es
selbst? Im Sumpf der Großstadt gibt es immer skrupellose, fieberhaft
tätige arbeitsscheue Abenteurer, die überall wie die Wölfe
herumschnüffeln und suchen, „_quem devorent_“. Ihr Hunger und ihre
Neugier sind ungeheuer und alles dient ihnen dazu, dieses bodenlose Faß
zu füllen. Schwarz oder Weiß, sie tun alles ohne Gewissensbedenken, sie
sind ebenso bereit, einen ins Wasser zu werfen, wie hineinzuspringen, um
ihn herauszuziehen. Um ihr Leben haben sie keine Angst, sie wollen nur
das Tier in sich füttern und amüsieren. Wenn solche Menschen nur für
einen Augenblick aufhörten, ihre Grimassen zu schneiden und zu
schlingen, würden sie an Langeweile und Selbstabscheu zugrunde gehen.
Aber damit hat es keine Not, dazu sind sie zu klug; sie verlieren keine
Zeit damit, darüber nachzudenken, wie sie „in Schönheit sterben“
könnten.
Niemand hätte recht sagen können, was Thouron eigentlich wollte, als er
Clerambault aufsuchte. Wie immer war er ausgehungert, herumgehetzt,
ziellos und nach einem Braten schnuppernd. Er gehörte zu den Seltenen
seiner Klasse (und damit zum Typ der großen Journalisten), die, ohne
sich die Mühe zu nehmen, das, worüber sie sprechen, zuvor zu lesen, sich
doch rasch eine lebendige, blendende und oft wie durch ein Wunder sogar
ziemlich richtige Vorstellung machen können. Ohne zuviel Irrtümer
entwickelte er Clerambaults „Evangelium“ und tat so, als ob er daran
glaube. Vielleicht glaubte er wirklich daran, solange er sprach. Warum
auch nicht? Er war ja auch zu gewissen Stunden Pazifist. Das hing vom
Wind ab, der gerade wehte, von der Haltung gewisser Kollegen, denen er
gerade nachbetete oder denen er widersprach. Clerambault war von seinen
Worten berührt. Nie hatte er sich ganz das kindliche Vertrauen in den
ersten Besten, der ihn um Hilfe bat, abgewöhnen können, und dann war er
von den gegnerischen Zeitungen nicht allzu verwöhnt. In der Überfülle
des Herzens ließ er sich also seine geheimsten Gedanken entlocken. Der
andere nahm sie in scheinbarer Ergebenheit auf.
Eine so eng eingegangene Bekanntschaft konnte nicht auf diesem Punkt
stehen bleiben. Ein Briefwechsel begann zwischen den beiden, in dem der
eine sprach und der andere ihn zum Sprechen verlockte. Thouron wollte
durchaus Clerambault bereden, seine Gedanken in kleinen populären
Traktaten auszusprechen, und bot sich an, sie in den Arbeiterkreisen zu
verbreiten. Clerambault zögerte und sagte schließlich nein, und zwar
nicht deshalb, weil er aus Prinzip (wie es heuchlerisch die Anhänger der
bestehenden Ordnung und Ungerechtigkeit tun) die geheime Propaganda
einer neuen Wahrheit mißbilligte, wenn keine öffentliche möglich war —
jede unterdrückte Wahrheit flüchtet sich ins Unterirdische, in die
Katakomben —, sondern er sagte nein, weil er sich seinerseits für eine
solche Form der Wirksamkeit nicht bestimmt fühlte. Seine Aufgabe war,
ganz offen zu sagen, was er dachte, und die Folgen seiner Worte auf sich
zu nehmen. Das Wort mußte sich dann durch sich selbst verbreiten —
seine Aufgabe konnte nicht sein, es den Menschen ins Haus zu tragen.
Überdies warnte ihn ein geheimer Instinkt — er wäre errötet, hätte er
sich erlaubt, ihn wach werden zu lassen —, eine Art von Mißtrauen gegen
die dienstfertig angebotene Hilfe seines neuen Commis voyageur. Freilich
konnte er dessen Eifer nicht immer im Zaume halten. Thouron
veröffentlichte in seiner Zeitung eine Verteidigung Clerambaults,
erzählte darin über seine Gespräche und Besuche, entwickelte die
Gedanken seines Meisters und kommentierte sie. Clerambault war sehr
erstaunt, als er seine eigenen Gedanken dort las, denn er kannte sie in
dieser Form nicht wieder. Dennoch konnte er aber seine Vaterschaft nicht
verleugnen, denn in die Kommentare Thourons waren Zitate aus seinen
Briefen eingefügt, deren Text vollkommen korrekt war. Freilich erkannte
er sich in diesen noch weniger, denn die selben Sätze nahmen in den
Zusätzen, in die sie eingepfropft waren, einen Akzent und eine Farbe an,
die er ihnen nie gegeben hatte. Dazu kam, daß die Zensur, besorgt um das
Heil des Staates, hie und da aus den Zitaten eine halbe Zeile oder ganze
Zeilen und ganz unschuldige Absätze herausgeschnitten hatte, deren
Unterdrückung natürlich dem überreizten Gefühl des Lesers die
ungeheuerlichsten Dinge suggerierte. Die Wirkung dieser Veröffentlichung
ließ selbstverständlich nicht auf sich warten; es war Öl ins Feuer, und
Clerambault wußte nicht, welche Heiligen er anrufen sollte, um seinen
Verteidiger zum Schweigen zu bringen. Böse konnte er ihm freilich nicht
sein, denn Thouron bekam auch sein gutes Teil an Drohungen und
Beschimpfungen ab, nahm sie aber entgegen, ohne mit der Wimper zu
zucken. Sein Fell war schon von früher reichlich gegerbt.
Daß sie beide gemeinsam beschimpft worden waren, schien Thouron ein
Verfügungsrecht über Clerambault zu geben. Zuerst versuchte er, ihm
Aktien seiner Zeitung anzuhängen, und nahm ihn dann, ohne ihn vorher zu
verständigen, öffentlich in das Ehrenkomitee seines Blattes auf. Er war
sehr ungehalten darüber, daß Clerambault, der erst einige Wochen später
davon erfuhr, damit nicht zufrieden war, und von nun ab erkalteten ihre
Beziehungen, obwohl Thouron nicht aufhörte, deshalb doch von Zeit zu
Zeit in seinen Artikeln den Namen seines „berühmten Freundes“ wie eine
Fahne zu hissen.... Clerambault ließ es ruhig geschehen, überglücklich,
ihn um diesen Preis los zu sein. Und er hatte ihn schon ganz aus den
Augen verloren, als er eines Tages hörte, Thouron sei verhaftet. Man
beschuldigte ihn irgendeiner schmutzigen Geldangelegenheit, in der die
öffentliche Erregtheit natürlich die Hand des Feindes sehen wollte. Die
dem von höherer Stelle gegebenen Wink immer gehorsame Justiz fand
natürlich zwischen diesen Mogeleien und der sozusagen pazifistischen
Tätigkeit, die Thouron in seinem Blatte abwechselnd mit plötzlichen
Anfällen von Kriegswut ab und zu, aber nie regelmäßig und bewußt,
entwickelt hatte, Zusammenhänge. Selbstverständlich machte man ihn zum
Teilhaber an dem Defaitistenkomplott. Und die Beschlagnahme seiner
Korrespondenz gab nun gute Gelegenheit, alle diejenigen zu
kompromittieren, die man gerade kompromittieren wollte. Thouron hatte
sich sorgfältig alle an ihn gerichteten Briefe aufbewahrt, es waren
darunter solche von allen Parteien, und nun konnte man nach Belieben
auswählen. Und man wählte.
Clerambault erfuhr durch die Zeitungen, daß auch er zu den Erwählten
zählte. Nun jubelten sie! Endlich hatte man ihn erwischt! Jetzt erklärte
sich ja alles. Denn nicht wahr, dafür, daß irgendein Mensch anders
denkt, als die ganze Welt, dafür muß doch irgendein unterirdischer
niedriger Beweggrund vorhanden sein! Man muß ihn nur suchen, dann wird
man ihn schon finden.... Nun hatte man ihn gefunden. Ohne weiteres
abzuwarten, kündigte ein Pariser Blatt öffentlich den „Verrat“
Clerambaults an. In den Akten der Justiz war dafür natürlich kein Beleg,
aber die Justiz ließ es ruhig sagen und berichtigte nicht, es ging sie
ja nichts an. Vergebens bat Clerambault den Untersuchungsrichter, zu dem
er berufen ward, man möchte ihm doch sagen, was für ein Delikt er
begangen habe. Der Richter war höflich, zeigte alles Entgegenkommen, das
einem Mann seines Namens gebührte, schien aber keine Eile zu haben, zu
einem Ende zu kommen. Es war, als ob er noch auf irgendetwas wartete ...
Worauf?... Auf das Delikt.
§
Frau Clerambault hatte nichts von einer antiken Römerin oder von dem
Geiste der stolzen Jüdin in der berühmten Affäre, die Frankreich vor
ungefähr zwanzig Jahren in einem leidenschaftlichen Widerspruch zerriß
— von jenen Frauen, die gerade durch die öffentliche Ungerechtigkeit
gegen ihren Mann nur noch enger mit ihm verbunden werden. Ihr wohnte
jener Instinkt ängstlichen Respekts der französischen Bourgeoisie vor
der staatlichen Justiz inne, und obwohl sie guten Grund hatte zu wissen,
daß die Beschuldigungen gegen Clerambault nicht stichhaltig waren, so
schien ihr die Tatsache selbst, daß er überhaupt unter Anklage stand,
schon eine Unehre, von der sie sich beschmutzt fühlte. Sie konnte nicht
schweigend darüber hinwegkommen. Clerambault fand als Antwort auf ihre
Vorwürfe, ohne es selbst zu wollen, gerade die Form, die sie am meisten
außer sich brachte. Statt ihr zu entgegnen oder zum mindesten sich zu
verteidigen, sagte er nur:
„Du Arme.... Ja, ja, ich verstehe dich ja.... Es ist ein Unglück für
dich.... Ja, ja, du hast ja recht ...“
Und er wartete, bis das Unwetter vorüber war. Diese ruhige Hinnahme
brachte Frau Clerambault, die wütend war, ihm nicht beikommen zu können,
gänzlich aus der Fassung. Denn sie fühlte vollkommen, daß er nichts an
seiner Handlungsweise ändern würde, obwohl er ihr recht gab. Aus
Verzweiflung ließ sie ihm das letzte Wort und schüttete ihre ganze
Erbitterung vor ihrem Bruder aus. Leo Camus war der Letzte, ihr zur
Nachsicht zu raten, er schlug ihr vielmehr vor, sich scheiden zu lassen,
ja, er stellte ihr dies sogar als ihre Pflicht hin. Aber das war zuviel
verlangt. Der traditionelle Abscheu vor der Ehescheidung ließ in dieser
braven Bürgerfrau erst so recht das Bewußtsein ihrer tiefen Treue
erwachen. Das Heilmittel schien ihr schlimmer als das Übel. So blieben
die beiden Eheleute beisammen, aber die Innigkeit ihrer Gemeinschaft war
dahin.
Rosine war fast immer abwesend. Um ihre Qual zu vergessen, bereitete sie
sich für eine Krankenpflegerinprüfung vor und verbrachte den größten
Teil des Tages außerhalb des Hauses. Aber auch wenn sie daheim war,
weilten ihre Gedanken anderwärts. Clerambault hatte die einstige
Stellung im Herzen seiner Tochter verloren, ein anderer hatte sie inne:
Daniel. Sie blieb kühl gegenüber den zärtlichen Annäherungen ihres
Vaters: es war dies für sie eine Art, ihn dafür zu bestrafen, daß er
absichtslos den Bruch mit dem Freunde verursacht hatte. Sie war sich
vollkommen dieser Abwehr bewußt und zu gerecht, um sich daraus nicht
einen Vorwurf zu machen. Aber das änderte nichts an ihrem Verhalten:
ungerecht sein erleichtert das Herz.
Auch Daniel vergaß nicht, daß er unvergessen war. Er mochte seine
Handlungsweise nicht sehr rühmenswert finden und schob, um allen
Gewissensbissen auszuweichen, die Verantwortung dafür seiner Umgebung
zu, deren tyrannischer Meinungszwang ihn gebunden hätte. Aber im
Innersten war er nicht recht befriedigt.
Der Zufall kam den beiden schmollenden Verliebten zu Hilfe. Ernstlich,
wenn auch nicht gefährlich verletzt, wurde Daniel nach Paris
zurückgebracht. Während seiner Rekonvaleszenz begegnete er Rosine vor
dem Bon Marché. Er zögerte einen Augenblick, doch sie tat nicht
desgleichen, sondern kam auf ihn zu; sie gingen zusammen über den Platz
und begannen eine lange Unterhaltung, die nach anfänglichem Zögern und
einem Hin und Her von Vorwürfen und Geständnissen schließlich zu einer
völligen Einigung führte. Und so sehr waren die beiden in ihre zärtliche
Auseinandersetzung vertieft, daß sie Frau Clerambault nicht
vorüberkommen sahen. Die gute Frau, wütend über diese für sie
unerwartete Begegnung, lief schleunigst nach Hause, die Neuigkeit
Clerambault zu übermitteln, denn trotz ihrer Unstimmigkeiten konnte sie
vor ihm nicht schweigen. Auf ihre aufgeregte Erzählung — denn die
Intimität ihrer Tochter mit einem Manne, dessen Familie sie beleidigt
hatte, schien ihr unerhört unstatthaft — erwiderte Clerambault nach
seiner neuen Gewohnheit zunächst nichts. Dann lächelte er, hob den Kopf
und sagte schließlich:
„Das ist ja ausgezeichnet.“
Frau Clerambault unterbrach sich, zuckte mit den Achseln und machte
Miene, aus dem Zimmer zu gehen. Bei der Tür aber wandte sie sich noch
einmal um und sagte empört:
„Diese Leute haben dich und deine Tochter beleidigt, und ihr waret beide
einer Meinung, man solle nicht mehr mit ihnen verkehren. Jetzt macht
deine Tochter, die sich von ihnen hat zurückweisen lassen, ihnen wieder
Avancen und du findest das ausgezeichnet! Das soll der Teufel
verstehen.... Ihr seid ja Narren.“
Clerambault versuchte ihr zu erklären, daß das Glück seiner Tochter
nicht darin bestünde, seiner Meinung zu sein, und daß Rosine nur recht
hatte, für ihren Teil die Dummheiten ihres Vaters gutzumachen.
„Deine Dummheiten ... nun“, sagte Frau Clerambault, „das ist das erste
vernünftige Wort, das du in deinem ganzen Leben ausgesprochen hast.“
„Siehst du“, antwortete Clerambault.
Er ließ sich von ihr versprechen, Rosine nichts zu sagen, damit sie ganz
frei ihren kleinen Liebesroman durchführen könne.
Als Rosine heimkehrte, strahlte ihr Gesicht, aber sie erzählte nichts.
Für Frau Clerambault war es eine große Anstrengung, zu schweigen,
Clerambault dagegen beobachtete mit zärtlichem Behagen, wie das Glück
wieder im Gesicht seiner Tochter strahlte. Er wußte nicht genau, was
vorgefallen war, aber er konnte es sich wohl denken — nämlich, daß
Rosine ihn ganz einfach über Bord geworfen hatte. Zweifellos hatten die
beiden Verliebten sich auf Kosten ihrer Eltern geeinigt und mit
wundervoller Gleichmütigkeit die gegenseitigen Übertreibungen ihrer
alten Leute einander preisgegeben. Daniel war in den Leidensjahren des
Schützengrabens, ohne in seinem Patriotismus erschüttert zu sein, doch
vom engherzigen Fanatismus seiner Familie frei geworden, Rosine wiederum
— sie handelten Zug um Zug — hatte sanft zugegeben, daß ihr Vater im
Irrtum war. Ihr frommes und ein wenig gleichgültiges Herz fand sich
leicht mit der stoischen Unterwerfung Daniels unter die herrschende
Ordnung zusammen, und sie hatten beschlossen, gemeinsam ihren Weg zu
gehen, ohne sich weiterhin zu kümmern um die Zänkereien der Alten, die
vor ihnen waren, und die sie nun hinter sich zurückließen. Über die
Zukunft machten sie sich weiter keine Sorgen. So wie all die Millionen
Wesen verlangten sie von der großen Welt nichts als ihr Teil an
augenblicklichem Glück und schlossen die Augen vor dem Rest.
Frau Clerambault war aus dem Zimmer gegangen, verärgert darüber, daß
ihre Tochter nichts von der Begegnung erzählt hatte. Clerambault und
Rosine träumten vor sich hin, er vor dem Fenster, seine Zigarre
rauchend, Rosine eine Zeitung in der Hand, in der sie nicht las. Vor
ihren inneren Augen versuchte sie, sich noch einmal die Einzelheiten
ihrer eben erlebten Augenblicke wieder vorzumalen, da begegneten sie dem
müden Gesicht ihres Vaters. Es war ein Ausdruck von Melancholie darin,
der sie erschütterte. Sie stand auf, stellte sich hinter ihn, legte ihm
die Hand auf die Schulter und sagte mit einem kleinen Seufzer von
Mitleid, der aber doch ihre innere Zufriedenheit nicht ganz verbergen
konnte:
„Armer Papa!“
Clerambault hob die Augen, sah Rosine an, deren Züge gegen ihren eigenen
Willen noch ganz hell und strahlend waren.
„Das kleine Mädchen aber“, sagte er, „ist also nicht mehr arm?“
Rosine errötete.
„Warum sagst du das?“ fragte sie.
Clerambault drohte mit dem Finger. Rosine neigte sich von rückwärts über
ihn, lehnte ihre Wange an die Wange ihres Vaters.
„Es ist also nicht mehr arm?“ wiederholte er.
„Nein“, sagte Rosine, „im Gegenteil, sie ist jetzt sehr reich.“
„So sag doch ein wenig, was hat sie alles?“
„Sie hat ... natürlich zunächst ihren lieben Papa ...“
„Oh, die kleine Lügnerin“, sagte Clerambault, während er versuchte, sich
von ihr loszumachen und ihr in die Augen zu sehen.
Aber Rosine bedeckte ihm die Augen und den Mund mit der Hand.
„Nein, ich will nicht, daß du mich anschaust, ich will nicht, daß du
noch weiterredest.“ Und sie umarmte ihn und sagte dann nochmals, während
ihre Hand ihn umschmeichelte:
„Armer Papa!“
§
Den Sorgen des Hauses war sie nun glücklich entkommen, und bald flog sie
ganz aus dem Nest. Nach erfolgreicher Absolvierung ihrer
Pflegerinprüfung wurde sie in ein Provinzspital gesandt: nun fühlten die
Clerambaults noch schmerzlicher die Leere ihres Heims.
Der Einsamere von ihnen war aber nicht Clerambault. Er wußte es und
beklagte aufrichtig seine Frau, die weder stark genug war, ihm zu
folgen, noch sich von ihm loszulösen. Er für seinen Teil konnte, was
immer auch geschah, auf gewisse Sympathien zählen, ja, es war sogar
gewiß, daß gerade eine Verfolgung neue erwecken und die bisher
zurückgehaltenen ans Tageslicht bringen würde. Und eben in diesem
Augenblick war eine sehr teure Zuneigung zu ihm gekommen.
Eines Tages, als er allein in seinem Zimmer saß, läutete es, er ging
hinaus und öffnete die Tür. Eine Dame, die er nicht kannte, überreichte
ihm einen Brief und sagte, er sei für ihn bestimmt. Im Dunkel des
Vorraumes glaubte sie anfangs, es mit einem Diener zu tun zu haben, und
merkte erst später ihren Irrtum. Er wollte sie bitten, einzutreten, aber
sie sagte:
„Nein, ich bin nur die Überbringerin.“
Sie ging wieder fort, aber kaum daß sie gegangen war, bemerkte er ein
kleines Veilchensträußchen, das sie auf den Schrank bei der Tür
hingelegt hatte.
Im Briefe aber stand:
„_Tu ne cede malis, sed contra audentior ito._“
„Sie kämpfen für uns, und Ihr Herz ist in uns. Geben Sie uns Ihre
Leiden, ich gebe Ihnen meine Hoffnung, meine Kraft, meine Liebe — ich,
der ich nicht mehr tätig sein kann, der nur durch Sie tätig zu sein
vermag.“
Die jugendliche Inbrunst und die letzten, ein wenig mysteriösen Worte
bewegten und erregten Clerambault. Er versuchte, sich das Bildnis seiner
Besucherin zu erwecken. Sie war nicht mehr ganz jung gewesen: ziemlich
scharfe Züge, dunkle und ernste Augen, die leise aus dem matten Antlitz
lächelten. Wo hatte er sie nur schon gesehen? Aber trotz aller inneren
Mühe verschwand das Bild immer mehr.
Schon einige Tage später fand er die Fremde in einer Allee des
Luxembourggartens einige Schritte vor sich wieder. Sie ging an ihm
vorbei, aber er überquerte die Allee, um ihr zu begegnen. Sie blieb
stehen, als sie ihn kommen sah. Er dankte ihr und fragte sie, warum sie
so rasch fortgegangen sei, ohne sich ihm bekanntzumachen? In diesem
Augenblick bemerkte er, daß er sie seit langem kannte. Schon oft war er
ihr früher im Luxembourggarten oder den umliegenden Straßen mit einem
großen Jungen, offenbar ihrem Sohne, begegnet, und immer, wenn er an
ihnen vorbei kam, hatten ihn ihre Blicke mit einem leisen Lächeln
vertrauter Ehrfurcht begrüßt und, ohne daß er ihren Namen wußte, ohne
daß er jemals mit ihnen ein Wort gewechselt hatte, gehörten sie für ihn
zu jenen lieben und vertrauten Schatten, die unser tägliches Leben
begleiten, und die wir nicht immer bemerken, solange sie neben uns sind,
die uns aber sofort eine Leere fühlen lassen, sobald sie verschwinden.
Deshalb übertrug sich unbewußt auch sein Gedanke von der Frau vor ihm
auf den jungen Begleiter, der ihm an ihrer Seite fehlte, und er sagte
mit einer plötzlichen unvorsichtigen Eingebung (unvorsichtig, denn wer
weiß in diesen Zeiten der Trauer jene, die noch in der Welt der
Lebendigen sind?):
„War es Ihr Sohn, der an mich geschrieben hat?“ „Ja“, sagte sie, „er
liebt Sie sehr. Wir lieben Sie seit langem.“
„Er soll doch zu mir kommen!“
Ein Schatten von Traurigkeit verhüllte das Antlitz der Mutter.
„Er kann ja nicht.“
„Wo ist er denn? An der Front?“
„Nein, hier.“
Nach einem Augenblick des Schweigens fragte Clerambault:
„Ist er verwundet?“
„Wollen Sie ihn sehen?“ antwortete die Mutter.
Clerambault begleitete sie. Sie schwieg, und er wagte nicht, zu fragen.
Er sagte nur:
„Zum mindesten haben Sie ihn um sich.“
Sie verstand und reichte ihm die Hand.
„Wir stehen einander sehr nahe.“
Er wiederholte:
„Aber Sie haben ihn wenigstens noch.“
„Ich habe seine Seele“, sagte sie.
Sie waren zu dem Haus gelangt, einem jener alten Gebäude aus dem
siebzehnten Jahrhundert, in einer der engen und noch historisch
erhaltenen Straßen zwischen dem Luxembourg und Saint-Sulpice, in denen
noch die zusammengehaltene Schönheit des alten Paris sichtbar geblieben
ist. Die große Tür selbst war tagsüber geschlossen, Frau Froment ging
Clerambault voraus, stieg am Ende des steingepflasterten Hofes ein paar
Schwellen empor und schloß die Tür der ebenerdig gelegenen Wohnung auf.
„Mein kleiner Edme“, sagte sie, während sie die Zimmertür auftat, „eine
Überraschung für dich!... Rate einmal ...“
§
Clerambault sah im Bett einen jungen Mann ausgestreckt, der ihn ansah.
Das blonde Antlitz des Fünfundzwanzigjährigen, dem die Abendsonne einen
rötlichen Schein gab, war von klugen Augen erhellt und schien so gesund
und ruhevoll, daß man gar nicht auf den Gedanken einer Krankheit kam,
wenn man ihn sah.
„Sie!...“ sagte er, „Sie hier!“
Eine freudige Überraschung verjüngte noch mehr seine knabenhaften Züge,
aber weder sein Leib noch seine Arme machten eine Bewegung unter der
Decke. Und Clerambault merkte, daß nur sein Kopf wirklich lebendig war.
„Mama hat mich verraten“, sagte Edme Froment.
„Sie wollten mich also nicht sehen?“ fragte Clerambault und neigte sich
über sein Kissen. „Das will ich nicht sagen“, antwortete Edme, „ich
möchte nur nicht gern gesehen werden.“
„Und warum denn?“ fragte Clerambault gutmütig, mit einer leichten
Anstrengung, heiter zu scheinen.
„Weil man niemand einladet, wenn man nicht mehr zu Hause ist.“
„Wo sind Sie denn?“
„Mein Gott, ich möchte fast darauf schwören ... in einer ägyptischen
Mumie....“
Und er deutete mit einem Blick auf das Bett, in dem sein Körper
unbeweglich lag.
„Es ist kein Leben mehr darin“, sagte er.
„Du bist der Lebendigste von uns allen“, protestierte eine Stimme neben
ihm.
Clerambault bemerkte auf der anderen Seite des Bettes einen jungen Mann
etwa im Alter Edme Froments, der voll Gesundheit und Kraft schien. Edme
Froment lächelte und sagte zu Clerambault:
„Mein Freund Chastenay hat so viel Leben in sich, daß er mir davon
leiht.“
„Ach, wenn ich es dir geben könnte“, sagte der andere.
Die beiden Freunde wechselten einen zärtlichen Blick.
Chastenay fuhr fort:
„Ich würde dir dann doch nur einen Teil dessen geben, was ich dir
verdanke ...“
Und indem er sich an Clerambault wandte:
„Er ist es, der uns alle aufrecht hält, nicht wahr, Frau Fanny?“
Die Mutter sagte zärtlich:
„Mein guter Sohn, das ist wohl wahr.“
„Ihr macht euch den Umstand zunutze“, sagte Edme, „daß ich mich nicht
verteidigen kann....“ (Und zu Clerambault sprechend:) „Sie sehen, ich
bin gefangen und kann mich nicht rühren.“
„Sie sind verwundet?“
„Gelähmt.“
Clerambault wagte nicht, nach Einzelheiten zu fragen.
„Sie haben aber keine Schmerzen?“
„Ach, ich wünschte es mir vielleicht, denn der Schmerz ist immerhin noch
ein Band, das uns mit dieser Welt verknüpft. Aber ich gebe es zu, daß
ich mich an das schwere Schweigen dieses Körpers, in den ich eingetan
bin, langsam gewöhne ... übrigens, sprechen wir nicht mehr davon,
jedenfalls der Geist ist frei. Wenn es auch nicht wahr ist, daß er
„_agitat molem_“, so schlüpft er doch gern heraus.“
„Jüngst“, sagte Clerambault, „war er bei mir zu Gaste.“
„Das war nicht zum erstenmal, er ist oft zu Ihnen gekommen.“
„Und ich glaubte mich so allein....“
„Erinnern Sie sich“, sagte Edme, „an das Wort Randolphs zu Cecil: Die
Stimme eines einzigen Menschen ist imstande, in einer Stunde mehr Leben
in uns zu bringen, als der Lärm von 500 Trompeten, die unaufhörlich
blasen.“
„Das gilt aber auch von dir“, sagte Chastenay.
Froment schien seine Worte nicht gehört zu haben und sagte wieder zu
Clerambault:
„Sie haben uns erweckt!“
Clerambault betrachtete die schönen, tapferen und ruhigen Augen des vor
ihm Liegenden und sagte:
„Diese Augen bedurften dessen nicht!“
„Jetzt bedürfen sie dessen nicht mehr“, antwortete Edme. „Man sieht
besser aus der Entfernung, wenn man aus den Dingen heraus ist. Aber
solange ich nahe, ganz nahe war, konnte ich nichts unterscheiden.“
„So sagen Sie mir, was Sie jetzt sehen?“
„Es ist spät“, antwortete Edme, „und ich bin ein wenig müde. Wollen Sie
vielleicht ein andermal kommen?“
„Ich komme morgen wieder.“
Clerambault trat aus dem Zimmer, Chastenay ging ihm nach. Er fühlte das
Bedürfnis, die Geschichte der Tragödie, deren Held und Opfer sein Freund
geworden war, jemandem anzuvertrauen, der die Qual und die Größe eines
solchen Aktes würdigen konnte.
Edme Froment, den ein Granatsplitter an der Wirbelsäule getroffen und in
seiner Vollkraft gelähmt hatte, war einer der jungen geistigen Führer
seiner Generation, schön, leidenschaftlich, beredt, übervoll von Leben
und Träumen, liebend und geliebt, ehrgeizig im schönsten Sinne, und nun
ein lebendig Toter. Seine Mutter, die ihren ganzen Stolz und ihre ganze
Liebe in ihn gesetzt hatte, sah ihn auf Lebenszeit verurteilt, und ihre
Qual mußte ungeheuer sein. Aber beide verbargen sie voreinander. Diese
gegenseitige Spannung hielt sie aufrecht. Beide waren sie aufeinander
stolz. Sie pflegte ihn, wusch ihn, reichte ihm das Essen wie einem
kleinen Kinde, er wiederum zwang sich zur Ruhe, um sie zu beruhigen, und
trug sie auf den Schwingen des Geistes empor.
„Ach“, sagte Chastenay, „man muß sich schämen, zu leben und gesund zu
sein, noch Arme zu haben, um das Leben zu umfassen, und Gelenke, um zu
gehen und zu springen, und mit vollem Bewußtsein die Frische der Luft zu
trinken.“
Er breitete beim Sprechen die Arme aus, hob den Kopf, und atmete tief
ein.
„Und das Traurigste“, fuhr er fort, indem er Kopf und Stimme beschämt
senkte, „das Traurigste ist, daß ich diese Scham gar nicht wirklich
fühle.“
Clerambault mußte unwillkürlich lächeln.
„Ja, es ist nicht sehr heroisch von mir“, fuhr Chastenay fort, „und doch
liebe ich Froment wie niemand anderen auf der Welt. Sein Schicksal quält
mich unablässig .... und doch, es ist stärker als ich. Wenn ich daran
denke, daß ich unter so vielen Hingeschlachteten das Glück habe, jetzt
hier zu sein, zu fühlen mit allen meinen lebendigen Sinnen, so ist es
mir schwer, meine Freude zu verbergen.... Ach, es ist ja so schön, so
ganz leben zu dürfen!... Der arme Froment ... Aber Sie werden mich
furchtbar egoistisch finden?“
„Nein, durchaus nicht“, sagte Clerambault. „Sie sprechen, wie die
gesunde Natur spricht. Wären alle so aufrichtig wie Sie, so wäre die
Menschheit nicht eine Beute jener gefährlichen Lust der Vergötterung des
Leidens; Sie haben übrigens alles Recht, das Leben zu genießen, nachdem
sie seine härtesten Proben bestanden haben.“
(Und er deutete auf das Kriegskreuz des jungen Mannes.)
„Ich bin hingegangen und gehe wieder zurück“, sagte Chastenay, „aber
glauben Sie mir, es ist meinerseits kein Verdienst dabei. Ich täte es ja
nicht, wenn ich dem Zwang ausweichen könnte. Es hat keinen Sinn, sich
Staub in die Augen zu streuen: wenn man in das dritte Jahr des Krieges
kommt, so hat man nicht mehr jene Liebe zum Wagnis und jene
Gleichgültigkeit wie im Anfang. Damals, das muß ich zugestehen, hatte
ich sie noch, damals war ich eine reine Unschuld an Heldentum. Aber es
ist schon lange her, daß ich diese Jungfernschaft verloren habe, die aus
Unbildung und Schönrederei zusammengeflickt war. Ist die einmal weg, so
wird der Irrsinn des Krieges, die Idiotie der Massaker, die Häßlichkeit
und Schauerlichkeit dieser Opfer auch dem Beschränktesten klar. Wenn es
auch gar zu unmännlich wäre, vor dem Unvermeidlichen die Flucht zu
ergreifen, so drängt man sich wenigstens nicht dazu, irgend etwas
Unnötiges zu tun. Der große Corneille war eben auch ein Held des
Hinterlandes. Die an der Front, die ich gekannt habe, die waren fast
alle Helden gegen ihren Willen.“
„Aber das ist ja der wahre Heroismus“, sagte Clerambault.
„Und das ist jener Froments“, antwortete Chastenay, „er ist Held, weil
er nicht anders kann, weil er nicht mehr bloß ein Mensch sein kann. Aber
was ihn uns so teuer macht, ist, daß er trotzdem ein Mensch geblieben
ist.“
§
Die ganze Richtigkeit dieser Worte wurde Clerambault in der langen
Unterhaltung klar, die er am nächsten Nachmittag mit Froment hatte. Es
war um so mehr Verdienst darin, wenn sich der Stolz Froments im
Zusammenbruch seines Lebens nicht verleugnete, als er vordem niemals den
Kult des Verzichts betrieben hatte. Im Gegenteil, er hatte immer große
Hoffnungen und einen starken Ehrgeiz gehabt, den seine geistigen Gaben
und seine glückliche Jugend durchaus rechtfertigten. Nicht einen
einzigen Tag hatte er sich wie Chastenay einer Illusion über den Krieg
hingegeben, sondern sofort seine gefährliche Torheit durchschaut. Diese
Erkenntnis verdankte er nicht nur seinem starken Intellekt, sondern vor
allem der geistigen Führerin, die von Kindheit an die Seele ihres Sohnes
aus dem Reinsten ihres Wesens geformt hatte.
Frau Froment, die Clerambault fast täglich bei seinen Besuchen antraf,
hielt sich abseits beim Fenster und warf von Zeit zu Zeit von ihrer
Arbeit einen Blick voll Zärtlichkeit auf ihren Sohn. Sie war eine jener
Frauen, die zwar nicht eine außerordentliche Intelligenz, aber doch ein
Genie des Herzens besitzen. Als Witwe eines Arztes, der viel älter war
als sie, und dessen weitreichender Geist den ihren befruchtet hatte,
waren ihr in ihrem Leben nur zwei sehr tiefe, untereinander sehr
verschiedene Neigungen bewußt geworden: die fast kindliche Neigung für
ihren Gatten und die fast zärtliche für ihren Sohn.
Doktor Froment, ein Mann von großer Bildung und eigenartiger Denkweise,
die er unter einer aufmerksamen Höflichkeit verbarg, um die anderen, von
denen er sich unterschied, nicht zu verletzen, war lange Zeit seines
Lebens auf Reisen gewesen. Er hatte fast ganz Europa, Ägypten, Persien
und Indien bereist, und zwar nicht nur aus wissenschaftlichem, sondern
auch aus religiösem Interesse; ihn beschäftigten ganz besonders die neue
Glaubensbewegung in der Welt, der Babismus, die _Christian Science_ und
die theosophischen Lehren. In inniger Beziehung zu der pazifistischen
Bewegung, ein Freund der Baronin Suttner, der er in Wien begegnet war,
sah er seit langem die große Katastrophe voraus, der Europa und
diejenigen, die er liebte, entgegengingen. Aber als Mann von Mut und
innerlich längst gewohnt, dem ewig Ungerechten der Natur ins Auge zu
schauen, versuchte er weder sich noch die Seinigen über das Drohende
hinwegzutäuschen, sondern einzig ihre Seele gegen die kommenden Anstürme
dieser Wogen zu stärken. Noch mehr aber als durch seine Worte war er für
seine Frau — der Sohn war noch ein Kind zur Zeit seines Todes — durch
sein Beispiel eine heilige Erinnerung geworden, denn im langsamen und
grausamen Leiden, das ihn gefangen gehalten hatte — ein Darmkrebs —
hatte er bis zum letzten Tage ruhig seine Aufgabe erfüllt und überdies
noch die Nächsten seiner Umgebung durch seine Ruhe getröstet.
Frau Froment bewahrte in ihrem Herzen dieses edle Bild wie einen inneren
Gott. Die ehrfürchtige Erinnerung für den toten Gefährten wurde in ihrem
Leben das, was bei anderen der religiöse Glaube ist. Da sie an kein
anderes Leben in der Zukunft glaubte, wandte sich ihr Gebet,
insbesondere in den Stunden der Sorge, an ihn, wie an einen immer
gegenwärtigen Freund, der bei einem wacht und einen berät. Durch das
eigenartige Phänomen der Wiedererneuerung, das oft nach dem Tode eines
geliebten Wesens eintritt, schien das Innerste der Seele ihres Mannes in
sie übergegangen zu sein. So erwuchs ihr Sohn in einer von ruhigen
Ausblicken umhüllten Gedankenatmosphäre, die ganz verschieden war von
jener tropisch fieberigen Landschaft, in der die junge Generation vor
1914, unruhig, glühend, aggressiv und vom Warten ungeduldig gemacht,
mannbar wurde.... Als dann der Krieg ausbrach, mußte Frau Froment weder
sich noch ihren Sohn gegen die Verführung der nationalen Leidenschaft
schützen: sie war beiden von vornherein fremd. Sie versuchten auch
nicht, dem Unvermeidlichen zu widerstehen, wußten sie doch schon so
lange, daß dieses Unglück unterwegs war. Für sie handelte es sich einzig
darum, alles zu ertragen, ohne sich ihm zu beugen, um das zu retten, was
gerettet sein mußte: die Treue der Seele zu ihrem Glauben. Frau Froment
glaubte nicht, daß es nötig sei, „über dem Getümmel“ zu bleiben, um es
zu beherrschen, und was zwei oder drei französische, englische, deutsche
Schriftsteller durch ihre Artikel für die internationale Versöhnung
versuchten, das erfüllte sie von sich aus in ihrem beschränkten Kreis
viel einfacher und viel wirksamer.
Sie hatte ihre alten Beziehungen aufrechterhalten, und ohne sich in dem
vom Kriegswahn verseuchten Milieu gehemmt zu fühlen, ohne jemals leere
Demonstrationen gegen den Krieg zu versuchen, schuf sie durch ihre bloße
Gegenwart, durch ihr ruhiges Wort, ihren klaren Blick, ihr beherrschtes
Urteil, durch den Respekt, den ihre Güte einflößte, eine Art Hemmung
gegen die sinnlosen Übertreibungen des Hasses. Sie war es auch, die in
den Kreisen, die sie dafür empfänglich hielt, die Botschaft der freien
Europäer und die Artikel Clerambaults verbreitete, der davon niemals
erfuhr, und sie hatte die Genugtuung, daß sie in den Herzen Widerklang
fanden. Aber ihre größte Freude war, daß ihr Sohn selbst daran geformt
wurde.
Edme Froment hatte nichts von einem Tolstoianer in seinem Pazifismus. Zu
Anfang betrachtete er den Krieg noch viel mehr als Dummheit wie als
Verbrechen. Wäre ihm Freiheit gelassen worden, so hätte er sich, wie
Perrotin, aus der Welt der Tat in den erhabenen Dilettantismus der Kunst
und der Ideen zurückgezogen und niemals versucht, die öffentliche
Meinung zu bekämpfen, weil er diesen Kampf für aussichtslos hielt. Ihm
flößte damals die Narrheit der Welt eher Verachtung als Mitleid ein. Zur
Teilnahme am Kriege gewaltsam gezwungen, sah er erst ein, daß diese
Narrheit durch das Leiden längst überzahlt war, und es überflüssig sei,
auf die Verurteilung des Krieges noch die Verachtung zu häufen. Der
Mensch schuf sich selbst seine Hölle auf Erden, es war nicht notwendig,
ihn noch einmal dafür zu richten. Zu gleicher Zeit hatten ihm die Worte
Clerambaults, die er während seiner Urlaubszeit in Paris kennen lernte,
gezeigt, daß er Besseres zu tun habe, als sich als Richter seiner
gefesselten Kameraden aufzuspielen: nämlich zu versuchen, deren Last zu
teilen und sie davon zu befreien.
Nur ging der junge Schüler darin weiter als sein Lehrer, dessen
liebebedürftige, ein wenig schwächliche Natur glücklich war in einer
Gemeinschaft mit den Menschen, der daran litt, sich von ihnen zu
trennen, selbst wenn sie im Irrtum waren. Clerambault zweifelte stets an
sich. Er sah nach rechts und links, suchte in den Augen der menschlichen
Masse nach einer Zustimmung zu seinen Ideen und erschöpfte sich im
unfruchtbaren Bemühen, sein inneres Gesetz mit den sozialen Bestrebungen
und Kämpfen seiner Zeit in Einklang zu bringen. Für Froment, den
Hingestreckten, der in seinem unterjochten Körper die Seele eines
Führers hatte, bestand kein Zweifel an der absoluten Pflicht für jeden,
dem die Flamme eines großen Ideals anvertraut ist, sie über die Häupter
seiner Gefährten zu erheben. Warum versuchen, das Licht ängstlich
zuzudecken oder es im Schein der andern Leuchten aufgehen zu lassen? Der
Gemeinplatz der Demokratien: „Die ganze Welt ist klüger als der eine
Voltaire“, war für ihn ein Irrtum ... Demokritos sagt: „_Unus mihi pro
populo est_.“ „Ein einziger zählt für mich soviel wie tausend.“ Nach der
Meinung unserer Zeit stellt die staatliche Gesellschaft den Gipfel der
menschlichen Entwicklung dar. Wer kann die Wahrheit dieser Hypothese
beweisen? „Für mich“, sagte Froment, „ist der höchste Gipfelpunkt einzig
im überlegenen Individuum. Millionen Menschen haben gelebt und sind
gestorben, um eine einzige höchste Gedankenblüte zu entfalten. In
verschwenderischer Art geht die Natur zu diesem Ziele, sie opfert ganze
Völker, um einen Jesus, einen Buddha, einen Äschylos, einen Leonardo,
einen Newton, einen Beethoven zu schaffen. Was wären denn die Völker,
was wäre die Menschheit ohne diese Menschen?.... Wir wollen damit nicht
das egoistische Ideal des Übermenschen aufnehmen. Ein großer Mann ist
groß für, ist groß statt aller anderen Menschen. Seine Persönlichkeit
drückt Millionen Menschen aus und führt sie empor, denn sie ist die
Verkörperlichung ihrer geheimsten Kräfte, ihrer höchsten Wünsche. Sie
drängt sie alle in ihrem Wesen zusammen — und schon sind sie
verwirklicht. Die einzige Tatsache, daß ein Mensch Christus gewesen ist,
hat Jahrhunderte der Menschheit erhoben und über die Erde hinweggetragen
und sie mit göttlichen Kräften erfüllt. Und obwohl neunzehn Jahrhunderte
seitdem vergangen sind, haben doch die Millionen Menschen niemals die
Höhe des Vorbildes erreicht und mühen sich noch immer, ihm nachzukommen.
— Wird das individualistische Ideal in dieser Weise verstanden, so ist
es fruchtbarer für die menschliche Gesellschaft als das kommunistische,
das nur zu der mechanisch-technischen Vollendung eines Ameisenhaufens
führt. Zum mindesten ist es aber unentbehrlich als Korrektiv und als
Ergänzung des anderen.“
Dieser stolze Individualismus, den Froment in heißen Worten ausdrückte,
richtete den immer ein wenig schwankenden Geist Clerambaults auf, der
leicht unentschieden blieb, teils aus Güte, teils aus Zweifel an sich
selbst, teils durch die Bemühung, immer auch die anderen zu verstehen.
Noch einen anderen Dienst erwies ihm Froment dadurch, daß er mehr als
Clerambault über die internationalen Gedanken informiert war. Da er
durch seine Familie unter den Intellektuellen aller Länder Beziehungen
hatte und vier oder fünf fremde Sprachen beherrschte, konnte Froment dem
älteren Freunde Kenntnis geben von den anderen großen Einsamen, die in
jeder Nation für das Recht des freien Gewissens kämpften. Er zeigte ihm
die ganze unterirdische Arbeit des niedergehaltenen Gedankens, der sich
bemühte, die Wahrheit zu finden. Und es war dies ein tröstliches
Schauspiel, daß selbst das Zeitalter der furchtbarsten moralischen
Tyrannei, die seit der Inquisition auf der Seele der Menschheit lastete,
es doch nicht zuwege brachte, in der Elite jedes Volkes den unbändigen
Lebenswillen nach Freiheit und Wahrheit zu ersticken.
Freilich, diese unabhängigen Persönlichkeiten waren selten, aber darum
war ihre moralische Macht eine um so größere. Ergreifend zeichnete sich
ihre Silhouette gegen den leeren Horizont ab, und im Sturz der Völker in
die Tiefe des Abgrundes, wo Millionen Seelen zu einem formlosen Brei
sich vermengten, erklang ihre Stimme als das einzige menschliche Wort.
Daß sie tätig waren, wurde vor allem sichtbar durch die Wut derjenigen,
die ihr Tun zu leugnen suchten. Schon vor einem Jahrhundert schrieb
Chateaubriand:
„Kämpfe haben keinen Sinn mehr. Man muß s e i n, das ist die einzige
Sache, die notwendig ist.“
Doch er sah nicht voraus, daß in unserer Zeit „sein“, das heißt „man
selbst sein“, „frei sein“, gerade den allergrößten Kampf erforderte.
Aber die Menschen, die ganz ihr wahres Ich sind, dominieren schon durch
diese einzige Tatsache der Gleichförmigkeit der anderen.
§
Clerambault war nicht der Einzige, der die Energie Froments als so
wohltuend empfand und empfing. Bei jedem seiner Besuche begegnete er am
Krankenlager des jungen Mannes irgendeinem Freund, der gekommen war, um
ihn aufzurichten und — ohne daß er es sich eingestand — von ihm
aufgerichtet zu werden. Zwei oder drei waren junge Leute im Alter
Froments, die anderen ältere Männer, meist schon über fünfzig hinaus,
entweder alte Freunde der Familie oder solche, die Froment schon vor dem
Kriege gekannt hatten. Einer von ihnen, ein alter Hellenist mit feinem
und zerstreutem Lächeln, war sein Lehrer gewesen. Unter den anderen war
noch ein Bildhauer mit grauem Haar, schlaffen und von tragischen Falten
durchzogenem Gesicht, ein Landjunker mit kurzgeschorenen Haaren, roter
Gesichtsfarbe, dem viereckigen Kopf eines Bauern, schließlich noch ein
weißbärtiger Arzt mit einem Ausdruck von Sanftmut in seinem müden
Gesicht, dessen Blick durch den verschiedenen Ausdruck der beiden Augen
überraschte: das eine schien scharf mit einem Zwinkern von Zweifel zu
beobachten, das andere melancholisch vor sich hinzuträumen.
Diese Menschen, die sich manchmal bei dem Kranken vereint fanden,
glichen einander in keiner Weise. Man konnte in dieser kleinen Gruppe
alle Gedankenformen vertreten finden vom Katholiken zum Freigeist und
selbst zum Bolschewisten, als welcher sich einer der jungen Kameraden
Froments bekannte. In ihnen war der Einfluß der verschiedensten
geistigen Ahnen sichtbar wirksam: im alten Hellenisten derjenige des
ironischen Lucian, bei dem Grafen de Coulanges derjenige der alten
französischen Chronisten der Collection Michaud. (Er liebte es, auf
seinem Landgut sich abends von der Tierzucht und den chemischen
Düngungen dadurch zu erholen, daß er die dunkelgoldfarbige Sprache
Froissarts und die gleichzeitig dornige und saftige des spitzbübischen
Gondi las.) Der Bildhauer zermürbte seine Stirn, um eine Metaphysik in
Beethoven und Rodin herauszufinden, der Doktor Verrier, der für Religion
das mitleidige Lächeln des Wissenschaftlers hatte, versetzte die
Wunderwelt, deren er bedurfte, in das Reich der biologischen Hypothesen
und der blendenden Gleichungen der modernen Physik und Chemie. So
schmerzlich ihm auch das Leiden der Zeit war, so entschwand die Ära des
Krieges mit all ihrem blutnassen Ruhm in die Ferne gegenüber den
heroischen geistigen Entdeckungen, die der freie Deutsche Einstein
inmitten der menschlichen Verirrung, ein neuer Newton, vollbrachte.
So schien alles zwischen diesen Menschen widersprechend zu sein, sowohl
ihre geistige Form als auch ihr Temperament. Aber in einem waren sie
alle einig, daß sie keiner Partei zugehörten, nur aus sich selbst heraus
dachten und Ehrfurcht und Liebe für die Freiheit hatten, für die ihre
und für die der anderen! Und das ist doch das Wesentliche! In unserer
gegenwärtigen Epoche zerbrechen die alten Formen, stürzen die
politischen, religiösen oder sozialen Parteien zusammen. Es bedeutet ja
nur einen kleinen Fortschritt, sich statt einen Monarchisten einen
Sozialisten oder Republikaner zu nennen, insolange diese Gruppen sich
noch dem Nationalismus ihres Staates, dem Glauben oder der Klasse
unterwerfen. In Wahrheit gibt es heute nur noch zwei Formen des Geistes:
die einen, die sich in ihre Grenze einschließen, und die anderen, die
allem Lebendigen aufgetan sind, die in sich die ganze Menschheit fühlen,
sogar ihre Feinde. So wenig zahlreich diese Männer auch sein mögen, sie
formen, ohne es zu wissen, die wahre Internationale, jene, die auf dem
Kultus der Wahrheit und des umfassenden und allen gleich zugehörigen
Lebens ruht. Einzeln zu schwach (sie wissen es wohl), ihr unermeßliches
Ideal zu umfassen, umfaßt doch das Ideal sie alle. Und alle in ihm
geeint, wandern sie, jeder auf einem verschiedenen Wege, dem unbekannten
Gott entgegen.
Was nun in diesem Augenblick diese so verschiedenen freien Seelen um
Edme Froment versammelte, war das dunkle Gefühl, er sei der Punkt, wo
sich ihre Zielrichtungen begegneten, der Kreuzweg, von dem man alle Wege
ausstrahlen sieht. Froment war nicht immer ein solcher Mittelpunkt
gewesen; solange er noch Herrschaft über seinen Körper und seine
Gesundheit hatte, ging auch er seinen Weg abseits von den anderen. Aber
seit sein Lauf unterbrochen war, hatte er sich nach einer Periode kurzer
Verzweiflung — die er aber sorgsam den Blicken seiner Umgebung verbarg
— gleichsam als Wegkreuz aufgestellt: gerade weil er selbst nicht mehr
tätig sein konnte, vermochte er die Tat der anderen besser zu
überblicken und im Geist daran teilzunehmen. Er sah in den verschiedenen
Strömungen — Vaterland, Revolution, Staats- und Klassenkampf,
Wissenschaft und Glauben — nur die vermengten Kräfte eines Wildbaches
mit seinen Stromschnellen, Wirbeln und sandigen Stellen; manchmal
scheint er zurückgeworfen oder gebrochen zu werden oder zu schlafen.
Aber die Strömungen gehen doch unwiderstehlich nach vorwärts: selbst die
Reaktion wird immer weiter gerissen. Und er, der junge Gekreuzigte am
Kreuzweg, vermählte sich allen Strömungen, dem ganzen Strom.
Clerambault fand in ihm einige Züge Perrotins wieder. Aber Welten
trennten Froment von Perrotin. Wenn auch er so wie jener nichts
Vorhandenes leugnete und alles zu verstehen suchte, so tat er es doch
mit einer begeisterten Seele. Alles wurde in seinem Herzen Bewegung und
beherrschte Leidenschaft. Alles, Tod und Leben, war bei ihm Gang und
Aufstieg — unbeweglich nur er selbst, sein eigener Leib.
§
Inzwischen war eine dunkle Stunde gekommen. Man hatte die Wende der
Jahre 1917/18 überschritten. Die nebligen Winternächte waren schwer von
der Erwartung des letzten Ansturms der deutschen Armeen. Seit Monaten
war er durch drohende Gerüchte angekündigt, die Streifzüge der Flieger
über Paris schienen schon seine Vorboten zu sein. Die Verfechter des
Krieges „bis zum endgültigen Siege“ spiegelten vollkommene Sicherheit
vor, die Zeitungen fuhren fort zu prahlen, und Clemenceau behauptete,
nie besser geschlafen zu haben. Aber die geistige Spannung verriet sich
in der wachsenden Schärfe des Hasses zwischen den Nichtkämpfern. Man
lenkte die öffentliche Beunruhigung auf die Verdächtigen des
Hinterlandes, auf die Flaumacher ab. Hochverratsprozesse erhitzten und
beschäftigten die Moral des Hinterlandes, die Angeber mit der
Heldengeste Corneilles, die patriotischen Denunzianten, die fanatischen
Zeugen vervielfältigten sich, und das Gebell der öffentlichen Ankläger
kläffte durch Tage zornig hinter den armen, gehetzten Opfern her. Als
dann zu Ende März die über Paris hängende deutsche Offensive losbrach,
erreichte der überhitzte Bürgerhaß seinen Zenith, und es war gewiß, daß,
wenn ein Durchbruch gelungen wäre, noch ehe die feindliche Armee Paris
erreicht hätte, der Galgen von Vincennes, dieser Altar des rächenden und
bedrohten Vaterlandes, seine Opfer empfangen hätte, gleichgültig, ob sie
schuldig oder unschuldig, ob sie nur angeklagt oder abgeurteilt waren.
Clerambault wurde öfters in den Straßen beschimpft. Er regte sich
darüber nicht auf, vielleicht, weil er sich des Gefährlichen der
Situation nicht ganz bewußt war. Eines Tages traf Moreau ihn inmitten
einer Gruppe von Passanten in einer Diskussion mit einem wutschäumenden
jungen Menschen, der ihn in verletzender Weise angegangen hatte. Während
er noch sprach, hörte man ganz in der Nähe die Explosionen der „dicken
Berta“. Clerambault schien es nicht zu merken, er fuhr ruhig fort, vor
dem Zornigen seine Ideen zu entwickeln. In dieser Beharrlichkeit war
eine gewisse Komik, und die Zuhörer, die als gute Franzosen das gleich
merkten, tauschten darüber allerhand, zwar nicht sehr höfliche, aber
doch auch nicht böswillige Witze aus. Moreau faßte Clerambault am Arm,
um ihn wegzuziehen. Clerambault schaute auf, sah die lachenden Leute,
erfaßte nun seinerseits das Komische der Situation und lachte mit den
anderen.
„Was für ein alter Narr ... Nicht wahr?“ sagte er zu Moreau, der ihn
wegzog.
„Es gibt aber auch andere Narren. Man muß sich in acht nehmen“,
antwortete Moreau in recht energischer Weise. Aber Clerambault wollte
ihn nicht verstehen.
Inzwischen war das Untersuchungsverfahren seines Prozesses in eine neue
Phase getreten. Clerambault war des Vergehens gegen das Gesetz vom 5.
August 1914, das „staatsgefährliche Äußerungen während des Krieges“
verhindern sollte, beschuldigt; man klagte ihn der pazifistischen
Propaganda in den Arbeiterskreisen an, in denen Thouron die Schriften
Clerambaults mit seinem Einverständnis verbreitet hätte. Nichts konnte
unrichtiger sein, denn weder wußte Clerambault von einer Propaganda
dieser Art, noch hatte er sie autorisiert, was Thouron auch bezeugen
konnte. Aber nun ergab sich das Seltsame, daß Thouron dies nicht
bezeugte. Sein Verhalten erwies sich als äußerst merkwürdig; statt die
Dinge richtig zu stellen, machte er allerhand Winkelzüge, tat so, als ob
er etwas zu verbergen hätte, ja, er tat es sogar in einer gewissen
absichtlichen Weise und hätte sich gar nicht gefährlicher benehmen
können, wenn es seine innerste Absicht gewesen wäre, solch einen
Verdacht zu erwecken. Verhängnisvollerweise lenkte sich dieser Verdacht
nun gegen Clerambault. Zwar sagte Thouron nichts gegen ihn oder gegen
irgend jemanden aus, er weigerte sich, irgendetwas zu sagen, aber er
ließ immer durchblicken, daß, wenn er reden wollte.... Aber er wollte
nicht. Man konfrontierte ihn mit Clerambault. Er benahm sich tadellos,
geradezu ritterlich, legte die Hand auf das Herz und versicherte den
„Meister“, den „Freund“ seiner kindlichen Verehrung. Clerambault
versuchte ihn voll Ungeduld endlich zu einer klaren Darstellung dessen
zu bringen, was zwischen ihnen vorgegangen war, der andere aber fuhr
immer nur fort, seine „unerschütterliche Ergebenheit“ zu bezeugen. Mehr
könne er nicht sagen, nichts seinen Aussagen hinzufügen, er nehme alles
auf sich.
Dieses Benehmen ließ ihn nach außen sympathisch erscheinen, Clerambault
aber in den Verdacht kommen, als wolle er sich durch Aufopferung seines
Vasallen aus der Affäre ziehen. Die Zeitungen zögerten nicht lange und
beschuldigten ihn der Feigheit. Inzwischen folgte eine Vorladung der
anderen, seit zwei Monaten mußte sich Clerambault zu ganz nichtigen
Verhören begeben, zu denen ihn die Richter zitierten, ohne daß sich
irgendeine Entscheidung anzeigte. Nun sollte man glauben, daß ein Mann,
der solange ohne die geringsten Beweise angeklagt und unter dem
schimpflichen Verdacht gehalten wurde, bei der Öffentlichkeit Sympathien
gefunden hätte. Aber im Gegenteil: sie wurde noch gereizter gegen ihn,
man verzieh es ihm nicht, daß er nicht schon verurteilt war. Die
tollsten Erfindungen zirkulierten in der Presse, man behauptete, die
Sachverständigen hätten an der Form gewisser Buchstaben und an einzelnen
besonderen Schriftzeichen entdeckt, daß eine der Flugschriften
Clerambaults von Deutschen gedruckt und verbreitet worden war. So dumm
diese Erfindungen waren, sie fanden doch Zugang bei der ungeheuren
Leichtgläubigkeit der Leute, die (man behauptete es wenigstens) vor dem
Krieg vernünftig gewesen waren. Es waren erst vier Jahre seitdem
vergangen, aber es schienen schon Jahrhunderte zu sein.
Kurz, die braven Leute verurteilten einen der Ihren ohne weitere
Nachfrage; es war nicht das erstemal und wird nicht das letztemal sein.
Die gut abgerichtete öffentliche Meinung empörte sich darüber, daß
Clerambault noch frei herumging, und die reaktionären Blätter, die
fürchteten, ihre Beute könne ihnen entgehen, klagten die Justiz an,
versuchten sie einzuschüchtern und verlangten, die Affäre müsse dem
Zivilgerichte entzogen und dem Militärgerichte übergeben werden. Rasch
erreichte die Erregung einen jener Paroxismen, die in Paris im
allgemeinen kurz, aber furchtbar zügellos sind. Denn dieses sonst so
vernünftige Volk deliriert von Zeit zu Zeit. Man muß sich fragen, wie
die Leute, die zum großen Teil gar nicht böse sind und von Natur aus zu
gegenseitiger Nachsicht, ja Gleichgültigkeit geneigt, plötzlich zu
solchen Explosionen von zornigem Fanatismus kommen, bei denen sie
gleichzeitig ihren Kopf und ihr Herz verlieren. Manche sagen, dieses
Volk hätte eine Frauennatur, sowohl in seinen Tugenden wie in seinen
Lastern, und daß die Feinheit seiner Nerven und die Sensibilität, der ja
seine Kunst und sein Geschmack den Vorrang verdanken, es plötzlich in
hysterische Krisen verfallen lassen. Ich glaube vielmehr, daß jedes Volk
nur durch Zufall einmal menschlich ist — wenn man unter Mensch ein
vernünftiges Tier versteht (was ja sehr schmeichelhaft, aber gänzlich
unbewiesen ist). Die Menschen machen von ihrer Vernunft nur selten
Gebrauch. Im allgemeinen sind sie von der Anstrengung zu denken, gleich
ermattet, und man tut ihnen wohl, wenn man ihnen das Wollen abnimmt und
für sie nur das will, was die wenigste Anstrengung erfordert. Die
Anstrengung nun, irgendeine neue Idee zu hassen, ist wirklich keine
allzugroße. Aber brechen wir nicht den Stab über sie! Der Freund aller
Verfolgten hat mit seinem nachsichtigen Heroismus gesagt: „Sie wissen
nicht, was sie tun.“
Eine nationalistische Zeitung fand sich bereit, die bösartigen
Instinkte, die in diesen armen Menschen schlummerten, aufzuwecken. Sie
lebte ja einzig nur von der Ausbeutung der Verdächtigung und des Hasses,
was sie „für die Erneuerung Frankreichs arbeiten“ nannte. Für sie
bestand eben Frankreich einzig aus ihr selbst und ihren
Gesinnungsgenossen. Sie veröffentlichte gegen „Cleramboche“ eine Reihe
mörderischer Artikel, ähnlich jenen, die so gut ihr Ziel gegen Jaurès
erreicht hatten, sie hetzte die öffentliche Meinung auf, indem sie
schrie: geheimnisvolle Einflüsse seien am Werk, den Verräter zu
schützen, und man müsse darüber wachen, daß er nicht entkomme. Und
schließlich appellierte sie an die Justiz des Volkes.
§
Viktor Vaucoux haßte Clerambault.
Er kannte ihn nicht. Der Haß braucht ja seinen Gegner nicht zu kennen.
Aber hätte Vaucoux Clerambault gekannt, so hätte er ihn noch mehr
gehaßt. Ehe er wußte, daß es einen Clerambault gebe, war er schon sein
geborener Feind. Es gibt in jedem Land geistige Rassen, die sich
feindlicher sind als die des Blutes oder die der Uniformen.
Er stammte aus begüterter Bürgerschaft im Westen Frankreichs, aus einer
Beamtenfamilie des Kaiserreiches und des Systems von Zucht und Ordnung,
die sich seit vierzig Jahren in den Schmollwinkel einer sterilen
Opposition zurückgezogen hatte. Er besaß Güter in der Charente, dort
verbrachte er den Sommer, die übrige Zeit war er in Paris. Es war eine
dekadente Familie, wie es die jener Gesellschaftsklasse ja gewöhnlich
sind, und sowohl gegen seine Klasse als gegen die eigene Familie wandte
sich sein Herrschinstinkt, für den er im Leben keine andere Verwendung
fand. Die Unterdrückung seiner Herrschbegierde gab ihm einen
tyrannischen Charakter, er despotierte, ohne es zu wissen, die Seinen,
gleichsam aus einem Recht und einer unbestreitbaren Pflicht heraus. Das
Wort Toleranz hatte keinen Sinn für ihn. Für ihn war es gewiß: er konnte
sich nicht irren. Dabei war er intelligent, hatte eine gewisse sittliche
Gesundheit — ja sogar ein Herz, aber das alles unter einer dicken Rinde
wie bei einem alten überwucherten Stamm zusammengepreßt und gebunden.
Seine Kräfte, die sich nicht auswirken konnten, stauten sich und
stockten. Von außen nahm er nichts auf. Wenn er las, wenn er reiste, tat
er es mit feindlichen Augen und dem Verlangen, s i c h wieder zu finden.
Nichts schnitt durch die Rinde in sein innerstes Wesen hinein. Was er an
Leben hatte, kam von unten, von der Wurzel, von der Erde — von den
Toten.
Er war der Typus jener Rassenschicht, die, zwar stark, aber doch schon
gealtert, nicht mehr genug Leben hat, um sich nach außenhin zu
entwickeln, und sich im Gefühl einer aggressiven Verteidigung
zusammenschließt. Sie beobachtet mit Mißtrauen und Antipathie die neuen
jungen Kräfte, die sich rings um sie, innerhalb und außerhalb ihres
Volkes, entwickeln, die aufsteigenden Nationen und Klassen, alle die
leidenschaftlichen und ungeschickten Versuche sittlicher und sozialer
Erneuerung. Solche Leute brauchen, wie der arme Barrès und sein
verkrüppelter Held[B], Mauern, Schranken, Grenzen und Feinde.
In diesem Belagerungszustand lebte auch Vaucoux und ließ die Seinen so
leben. Seine sanfte, gleichmütige, verblühte Frau hatte das einzige
Mittel gefunden, diesem Zustand zu entkommen: sie war gestorben. Allein
mit seiner Trauer zurückgeblieben, die er eifersüchtig behütete — wie
alles, was ihm gehörte —, errichtete er einen Schutzwall um die Jugend
seines einzigen, dreizehnjährigen Sohnes und lehrte ihn, mit dem Vater
zusammen diesen Schutzwall zu bewachen. Wie seltsam, Söhne zu zeugen, um
mit ihnen gegen die Zukunft zu kämpfen! Sich selbst überlassen, hätte
der junge Bursche vielleicht das Leben von sich aus entdeckt, aber im
Gefängnis des Vaters wurde er eine Beute des Vaters. Sie lebten in einem
versperrten Haus mit wenig Beziehungen, wenig Büchern, wenig Zeitungen,
mit Ausnahme einer einzigen, deren versteinerte Prinzipien am besten
Vaucoux’ Bedürfnis nach Erhaltung (im Sinne von Mumifizierung)
entsprachen. Sein Opfer, sein Sohn, konnte ihm nicht entkommen. Er
impfte ihm seine geistige Abirrung ein, wie Insekten ihre Eier in den
lebendigen Körper eines anderen Tieres einpflanzen, und als der Krieg
ausbrach, führte er ihn in das Rekrutierungsbureau und ließ ihn
einschreiben. Für einen Mann seiner Art war das Vaterland das reinste
aller Wesen, das heiligste der heiligen. Er mußte nicht erst, um sich zu
begeistern, die heiße Luft und den Rausch der Menge eintrinken (er hielt
sich weit weg von der großen Masse). Das Vaterland war in ihm. Das
Vaterland: die Vergangenheit, die ewige Vergangenheit.
Und sein Sohn wurde getötet wie derjenige Clerambaults, wie diejenigen
von Millionen Vätern für den Glauben jener Väter an ein vergangenes
Ideal, an das sie selbst gar nicht glaubten.
Aber Vaucoux kannte nicht die Zweifel Clerambaults. Zweifeln? Er wußte
gar nicht, was Zweifeln bedeutete, und hätte er es sich erlaubt, er
würde sich verachtet haben. Dieser harte Mensch liebte seinen Sohn
leidenschaftlich, obwohl er es ihm nie gezeigt hatte, und er wußte keine
andere Art, es nun zu beweisen, als durch einen leidenschaftlichen Haß
gegen diejenigen, die ihn getötet hatten. Freilich zählte er sich nicht
selber zu jenen, die ihn hingeschlachtet hatten.
Für seine Rache waren ihm aber nur begrenzte Möglichkeiten gegeben.
Obwohl er Rheumatiker war und einen steifen Arm hatte, wollte er in die
Armee eintreten, wurde aber nicht angenommen. Er mußte aber doch etwas
tun und vermochte es nur durch Denken. Allein in seinem Haus, als
Gefährten nur seine tote Frau und seinen toten Sohn, gab er sich durch
Stunden leidenschaftlichen Betrachtungen hin. Wie ein Tier im Gefängnis,
das an den Stäben rüttelt, drehten sie sich rasend im Kreise des
Krieges, soweit ihn die Schützengräben zogen, voll Gier auszubrechen und
nach einer Öffnung suchend.
Die Artikel Clerambaults, die ihm durch das Wutgeheul seiner Zeitung
bekannt wurden, brachten ihn außer sich. Was?... Man versuchte ihm den
Knochen des Hasses aus den Zähnen zu reißen?... Schon aus dem wenigen,
was er von Clerambault vor dem Kriege kannte, war dieser ihm
unerträglich gewesen. Der Schriftsteller durch seine Bemühung um neue
Kunstformen, der Mann durch seine Lebens- und Menschenliebe, seinen
demokratischen Idealismus, seinen ein wenig einfältigen Optimismus und
seine europäischen Wünsche. Auf den ersten Blick, mit dem Instinkt des
Rheumatikers (in den Gelenken und im Geiste) hatte Vaucoux Clerambault
unter jene eingereiht, die einen Luftzug im Hause mit den verschlossenen
Fenstern und Türen, im Vaterlande, machen. Im Vaterlande, natürlich so,
wie er es verstand, denn für ihn gab es kein anderes. So brauchte er
nicht die besonderen Aufreizungen der Zeitungen, um in dem Verfasser des
„Aufrufes an die Lebendigen“ und „Ihr Toten, verzeihet uns“ den Agenten
des Feindes — den Feind zu sehen.
Und das Rachefieber, das ihn verzehrte, warf sich auf diese Beute.
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[B] „Simon und ich verstanden nun unseren Haß gegen die Fremden, gegen
die Barbaren und unseren Egoismus, in den wir mit uns selbst unsere
ganze kleine moralische Familie e i n s c h l i e ß e n. Die erste
Aufgabe dessen, der leben will, ist, sich mit h o h e n M a u e r n
z u u m g e b e n. Aber in seinen g e s c h l o s s e n e n Garten
läßt er jene ein, die von ähnlichen Formen des Gefühls und gleichen
Interessen geleitet sind.“ (_Un Homme libre._) In drei Zeilen spricht
dieser „freie Mensch“ also dreimal von „einschließen“, „sich mit Mauern
umgeben“, „verschließen“.
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§
Mein Gott, wie bequem ist es, zu hassen, wenn man diejenigen nicht
versteht, die anderer Meinung sind!
Clerambault war diese Leichtigkeit nicht gegeben, denn er verstand
vollkommen auch jene, die ihn verabscheuten, verstand sie bis ins
Letzte! Diese guten Leute litten bis zur Tollwut an der Ungerechtigkeit
des Feindes — zweifellos deshalb, weil sie ihnen weh tat, aber auch aus
ganz rechtschaffenen Gründen, weil es eben d i e Ungerechtigkeit war,
die Ungerechtigkeit sonder gleichen. Denn kurzsichtig, wie sie waren,
erschien sie ihnen ganz einzigartig ungeheuerlich und erfüllte
verwirrend ihr ganzes Gesichtsfeld. Wie beschränkt ist doch bei einem
gewöhnlichen Menschen die Fähigkeit des Gefühls und des Urteils!
Versinkend in der ungeheuren Weite, klammert er sich an die erstbesten
vorübertreibenden Trümmer, und so wie der Mensch den tausendfältigen
Strom des Lichtes sich zu einigen wenigen Farben vereinfacht, so wird
ihm das Gute und das Böse in den Adern des Weltalls nur erkenntlich,
wenn er es in ein paar selbsterlebte Beispiele wie in Flaschen füllen
kann. Für ihn ist dann d a s ganze Gute, d a s ganze Böse der Welt in
diesen paar etikettierten Beispielen verschlossen, und er konzentriert
auf sie seine ganze Kraft der Liebe und des Hasses. Für tausende sonst
vortreffliche Leute ist die Verurteilung Dreyfus’ oder die Torpedierung
der „Lusitania“ d a s Verbrechen des Jahrhunderts geblieben. Diese guten
Leute sehen eben nicht, daß der ganze Weg der menschlichen Gesellschaft
mit Verbrechen gepflastert ist, über die sie ahnungslos hinwegschreiten,
denn sie alle haben unbewußt ihren Vorteil von unbekannten
Ungerechtigkeiten, die zu verhindern sie niemals die geringste
Anstrengung gemacht haben. Und welche Ungerechtigkeiten sind eigentlich
die schlimmeren, jene, die ein langdauerndes und tiefes Echo im Gewissen
der Welt erwecken, oder die anderen, um die einzig das niedergetretene
Opfer weiß?... Aber diese braven Leute haben nicht genügend lange Arme,
um alles Elend der Welt zu umfassen. Wer zu viel umfaßt, eignet sich nur
wenig an. Deshalb klammern sie sich gewöhnlich nur an irgendeine
einzelne Ungerechtigkeit. Aber die machen sie dann ganz zu ihrer
Angelegenheit. Haben sie sich einmal irgendein Verbrechen ausgewählt für
ihren Haß, dann verbrauchen sie dabei die ganze Kraft der Erbitterung,
die in ihren Eingeweiden lebt. Der Hund hat seinen Knochen gefunden und
knabbert daran. Weh’ dem, der daran rührt!
Clerambault hatte daran gerührt. So hatte er kein Recht, sich zu
beklagen, wenn er nun gebissen ward. Und er beklagte sich auch nicht.
Die Menschen haben ein Anrecht, die Ungerechtigkeit, die sie sehen, zu
bekämpfen, und es ist nicht ihre Schuld, wenn sie davon nur die große
Zehe sehen, so wie Gulliver in Brobdignac. Jeder tut, was er kann.
Und so bissen sie zu.
§
Es war am Karfreitag. Die große Sturzflut der Offensive warf sich gegen
das Herz Frankreichs. Auch der Tag der heiligen Trauer unterbrach das
Massaker nicht, denn der bürgerliche Krieg kennt keinen Gottesfrieden
mehr. Christus war in einer seiner Kirchen bombardiert worden, und die
Nachricht von der mörderischen Explosion in der Kirche Saint-Gervais
gerade um die Vesperstunde verbreitete sich nachts im lichtlosen Paris,
das von Trauer, Zorn und Furcht erfüllt war.
Die Freunde hatten sich in ihrer Betrübnis bei Froment versammelt. Ohne
Verabredung waren sie hingekommen, weil sie sicher waren, einander dort
zu finden. Überall sahen sie Gewalt: in der Vergangenheit, in der
Zukunft, bei dem Feinde, bei den Ihren, im Lager der Reaktion ebenso wie
in dem der Revolution. Ihre Angst und ihre Zweifel vereinigten sich in
einem einzigen Gedanken, und der Bildhauer sagte:
„Vergeblich beruhen unsere heiligsten Überzeugungen, unser Glaube an den
Frieden und die menschliche Brüderlichkeit auf der Vernunft und der
Liebe. Gibt es denn wirklich gar keine Hoffnung, daß sie jemals Macht
gewinnen über die Menschen? Wir sind zu schwach!“
Und Clerambault rezitierte, ganz ohne es zu wollen, die Worte des
Jesaias, die ihm plötzlich in Erinnerung kamen:
„Dunkel bedecken die Erde, und der Schatten umhüllt die Völker....“
Er hielt inne. Aber von seinem kaum erhellten Bett fuhr Froment
unsichtbar fort:
„Stehet auf, denn von den Gipfeln der Berge erscheinet das Licht....“
„Ja, es erscheint“, wiederholte aus dem Dämmer die Stimme der Frau
Froment, die zu Füßen des Bettes an der Seite Clerambaults saß.
Clerambault faßte ihre Hand. Es war wie ein kühler Schauer, der durch
das Zimmer lief.
„Warum sagen Sie das?“ fragte der Graf Coulanges.
„Weil ich Ihn sehe!“
„Ich sehe Ihn auch“, sagte Clerambault.
Der Doktor Verrier fragte:
„Wen?“
Aber ehe die Antwort noch ausgesprochen war, wußten schon alle das Wort
im voraus.
„Der das Licht bringt ..., den Gott, der sie besiegt....“
„Ihr wartet auf einen Gott!“ sagte der alte Hellenist, „Ihr glaubt also
an das Wunder?“
„Das Wunder sind wir. Ist es denn nicht ein Wunder, daß in dieser Welt
unaufhörlicher Gewalttätigkeit wir den Glauben an die Liebe und die
Gemeinschaft der Menschen bewahrt haben?“
Coulanges sagte bitter:
„Seit Jahrhunderten erwartet man den Christus, und immer, wenn er kommt,
erkennt man ihn nicht und kreuzigt ihn. Und alle vergessen ihn dann mit
Ausnahme einer Handvoll Bettler, die gut und beschränkt sind. Diese
Handvoll vermehrt sich, und während eines Menschenalters blüht der
Glaube. Dann aber wird er verfälscht, wird durch seinen Erfolg verraten,
durch seine ehrgeizigen Diener, die Kirche. Und das geht dann durch
Jahrhunderte so dahin.... _Adveniat regnum tuum_ ... Aber wo, wo ist
denn das Gottesreich?“
„In uns“, antwortete Clerambault. „Die Kette unserer Prüfungen und
Hoffnungen formt den ewigen Christus. Wir sollten glücklich sein, wenn
wir daran denken, daß uns das Vorrecht zuteil ward, den neuen Gott in
unserem Herzen beherbergen zu dürfen wie das Kind in der Krippe.“
„Aber was gibt uns das Zeichen, daß er gekommen ist?“ fragte der Arzt.
„Unser Sein“, antwortete Clerambault.
„Unsere Leiden“, antwortete Froment.
„Unser verkannter Glaube“, antwortete der Bildhauer.
„Die einzige Tatsache schon, daß wir sind“, setzte Clerambault hinzu,
„dieser Widersinn, den wir der Natur ins Antlitz schleudern, den diese
aber bestreitet. Hundertmal entflammt sich die Flamme und verlöscht
wieder, ehe sie leuchten bleibt. Jeder Christus, jeder Gott hat sich
vorher zu gestalten versucht in einer ganzen Reihe von Vorläufern.
Überall sind sie, verloren und vereinsamt im Raume und vereinsamt in den
Jahrhunderten. Aber diese Einsamen, die einander nicht kennen, sehen
alle am Horizont den gleichen leuchtenden Punkt, den Blick des Erlösers.
Und er kommt!“
Froment sagte:
„Er ist gekommen!“
* * * * *
Als sie voneinander in einem Gefühl gegenseitiger Liebe und fast wortlos
geschieden waren, um nicht den gläubigen Zauber, der sie umfaßte, zu
zerstören, und jeder sich allein in der Nacht der Straße fand, da
bewahrten sie alle die Erinnerung eines Schauers der Erleuchtung, den
sie nicht verstehen konnten. Der Vorhang war wieder vor ihnen
niedergesunken. Aber sie konnten nicht vergessen, daß er sich für eine
Sekunde ihnen aufgetan hatte.
§
Einige Tage später kam Clerambault, der einer Vorladung des
Untersuchungsrichters Folge geleistet hatte, über und über mit Kot
bedeckt nach Hause. Sein Hut, den er in der Hand hielt, war ganz
zerfetzt und seine Haare naß vom Regen. Das Dienstmädchen stieß bei
seinem Anblick einen Schrei aus, er bedeutete ihr zu schweigen und ging
in sein Zimmer. Rosine war nicht zu Hause. Sonst sahen sich die beiden
Eheleute, die allein in der leeren Wohnung geblieben waren, nur mehr bei
den Mahlzeiten und sprachen sich auch dann so selten als möglich. Aber
der Schrei des Dienstmädchens ließ Frau Clerambault ein neues Unglück
vorausfühlen, und die Erklärungen des Mädchens bestätigten nur ihren
Verdacht. Sie trat in das Zimmer Clerambaults und rief nun ihrerseits
aus:
„Mein Gott, was hast du denn schon wieder gemacht?“
Clerambault in seiner Beschämung lächelte schüchtern und entschuldigte
sich.
„Ich bin ausgerutscht ...“
Er versuchte die Spuren des Überfalls wegzusäubern.
„Du bist ausgerutscht?... Drehe dich doch um ... Wie du dich zugerichtet
hast.... Mein Gott, man hat doch mit dir keinen ruhigen Augenblick....
Du gibst wirklich gar nicht acht.... Bis zu den Augen hinauf hast du
Kotspritzer ... und da auf der Wange....“
„Ja, ich glaube, ich habe mich angeschlagen.“
„Ach, was man für ein Unglück mit dir hat.... ‚du glaubst‘ ... daß du
dich angestoßen hast?... Bist du ausgerutscht?... Bist du gefallen ...?“