Und er fügte mit leisem Spott bei:
„Es war nicht ganz ohne Mühe, bis ich dich so weit gebracht habe, Papa.“
„Ja“, sagte Clerambault, „wir haben viel von unseren Kindern zu lernen.“
§
Clerambault legte sich zu Bett. Seine Frau war schon eingeschlafen.
Keine Sorge ließ sie jemals den Frieden jenes tiefen Schlummers
verlieren, in den manche Seelen wie in ein Grab hinabstürzen. Die Seele
Clerambaults hatte weniger Ungeduld, sich zu versenken. Auf dem Rücken
ausgestreckt, blieb er die ganze Nacht unbeweglich mit offenen Augen
liegen.
Blasses Licht erhellte die Straße, zarte Halbdämmerung. Stille Sterne
standen am dunklen Himmel. Einer von ihnen glitt nieder und beschrieb
einen Kreis: es war ein Flugzeug, das über der schlafenden Stadt wachte.
Die Augen Clerambaults folgten seinem Flug und schwebten mit. Sein
waches Ohr hörte nun auch das ferne Sausen des menschlichen Planeten,
diese Sphärenmusik, die die Weisen Ioniens noch nicht geahnt hatten.
Er war glücklich. Sein Körper und sein Geist schienen ihm gleichsam
beschwingt, seine Glieder ebenso wie seine Gedanken entspannt, und so
ließ er sich hinwegtragen und schwebte.... Die Bilder des fiebrigen und
ermattenden Tages zogen noch einmal im Fluge vorbei, doch sie hielten
ihn nicht mehr fest.... Ein alter Mann, von einer Bande junger Bürger
gestoßen ... zuviel Lärm, zuviel Bewegung!... Aber schon sind sie wieder
weit, so wie Gesichter, die man einen Augenblick an den Fenstern eines
vorüberfliegenden Zuges grinsen sieht. Aber der Zug ist vorüber, das
Bild stürzt in das Dunkel des donnernden Tunnels.... Aber auf dem
nächtlichen Himmel gleiten noch immer geheimnisvolle Sterne, und rings
um ihn sind die schweigenden Räume, die dunkle Durchsichtigkeit und
eisige Frische der Luft über der nackten Seele. Oh, Unendlichkeit in
einem Tropfen des Lebens, im Funken eines Herzens, das erlöschen will,
das sich aber freigemacht hat und weiß, wie bald es in seine große
Heimat wiederkehrt!
Und wie der treue Verwalter eines ihm vertrauten Gutes machte
Clerambault noch einmal die Bilanz seines Tages. Er überflog alle seine
Versuche, seine Anstrengungen, seine Anläufe, seine Irrtümer. Wie wenig
blieb übrig von seinem Leben? Fast alles, was er aufgebaut, hatte er
nachher mit seinen eigenen Händen zerstört. Er hatte im gleichen Herzen
verneint, was er vordem bejaht hatte, und nie aufgehört, im Walde der
Zweifel und Widersprüche herumzuirren, müde, blutend, erschöpft und als
einzige Wegzeiger die Sterne, die manchmal zwischen dem Gezweige
auftauchten und wieder verschwanden. Was für ein Sinn war in diesem
langen, stürmischen Lauf, der in Nacht mündete? Ein einziger! Er war
frei gewesen.
Frei ...! Was war denn dies, diese Freiheit, die ihn mit ihrer
herrischen Trunkenheit übermannte, die Freiheit, deren Herrn und Beute
er sich zugleich fühlte, d i e s e r Z w a n g , f r e i z u
s e i n ? Er gab sich keiner Täuschung hin, er wußte wohl, daß er
ebenso wie die anderen der ewigen Gebundenheit nicht entfliehen konnte,
aber seine Fron war eine andere (es ist nicht jedem die gleiche
bestimmt). Das Wort Freiheit drückt nur eines der hohen und klaren
Gesetze der unsichtbaren Herrin der Welt aus — der Notwendigkeit. Sie
ist es, die den Aufruhr der Vorkämpfer erweckt und sie in Feindschaft
stellt zur ewigen Vergangenheit, die die dunklen Massen mit sich
hinschleppt. Sie ist das Schlachtfeld der ewigen Gegenwart, wo ewig die
Vergangenheit mit der Zukunft kämpft, und in diesem Kampfe zerbrechen
unausgesetzt die alten Gesetze, um neuen Gesetzen Raum zu geben, die
dann ihrerseits vernichtet werden.
O Freiheit! Immer trägst du Ketten, aber es sind nicht mehr die zu engen
der Vergangenheit. Jede deiner Bewegungen macht dein Gefängnis weiter.
Wer weiß? Wer weiß?... Vielleicht später einmal ... wenn man die Mauern
deines Gefängnisses zertrümmert....
Inzwischen aber bemühen sich alle, die du retten willst,
leidenschaftlich, dich zu verlieren. Du bist der Staatsfeind, „_L’Un
contre tous_“, „der Eine gegen Alle“. (So hatten sie den schwachen, den
unsicheren, den mittelmäßigen Clerambault genannt; aber nicht an sich
selbst denkt er jetzt, sondern an d e n, der immer war, seit Menschen
sind, an d e n, der nicht aufhört, ihre Torheit zu bekämpfen, um sie zu
befreien, d e r E i n e , g e g e n d e n s i e a l l e
s i n d.) Wie oft haben sie ihn im Laufe der Jahrhunderte zur Seite
gestoßen und niedergeschmettert! Aber im Schoße der Angst überkommt ihn
eine übernatürliche Freude und erfüllt ihn rauschend, denn er ist das
heilige Korn, das Goldkorn der Freiheit. Im dunkeln Schicksal der Welt
rollt seit dem Chaos — aus welcher Ähre mag es gefallen sein? — das
Samenkorn des Lichtes. Schutzlos, hat es sich im Grunde des wilden
Menschenherzens eingekapselt. Im Lauf der Jahrhunderte hat es dem
Ansturm der Urgesetze widerstanden, die das Leben zerknicken und
zerbrechen. Und das goldene Samenkorn wird größer und größer,
unaufhaltsam.
Der Mensch, das waffenloseste Tier, hat sich gegen die Natur erhoben und
sie bekämpft. Jeder seiner Schritte war mit seinem Blut genetzt, und
nicht nur außerhalb seiner selbst, sondern in sich selbst, mußte er die
Natur verfolgen, da er ja selber ihr Teil ist. Und dies ist die
schwerste Schlacht, die der zerteilte Mensch gegen sich selbst führt.
Wer wird siegen? Einerseits die Natur auf ihren erzenen Wegen, die die
Völker und die Welt in den Abgrund reißt, auf der anderen Seite das
freie Wort. Verlacht es nur, ihr Sklaven!... „Lächerlich!“ sagen sie,
diese Anbeter der Gewalt: „Ein armseliger Köter, der hinter den Rädern
eines Schnellzuges herkläfft.“ Ja, so stünde es, wäre der Mensch nur ein
Stück Materie unter dem Prägehammer des Schicksals, das blutet und
vergeblich stöhnt. Aber jener Geist ist in ihm, der Achilles an der
Ferse und Goliath an seiner Stirn zu treffen weiß. Er braucht nur eine
Schraube auszureißen, und der reißende Zug entgleist und sein Lauf ist
zerbrochen.... Rollt hin durch die Jahrhunderte, ihr Planetenkreise, ihr
dunklen Menschenmassen, erhellt von den Blitzen des befreienden Geistes,
von Buddha, Jesus, den Weisen, den Zerbrechern der Ketten.... Der Blitz
naht, ich fühle ihn in meinem Gebein knistern, wie unter dem Hufschlag
des Pferdes der Funken im Stein; die Luft bebt, die große Windwelle
erhebt sich.... Der Schauer, der dem Geschehnis voranläuft.... Die dicke
Wolke des Hasses preßt sich zusammen, häuft und stößt sich.... O Feuer,
bald bist du aufgesprungen!... Ihr, die ihr allein gegen alle seid,
worüber klagt ihr? Ihr seid dem Joch, das euch niederdrückt, entronnen,
und so wie man im Alpdruck sich dem schwarzen Wasser eines Traumes
entringt, wieder kämpfend an die Oberfläche kommt, wieder hinabstürzt
und fast schon erstickt, um dann plötzlich in einem verzweifelten Ruck
aller Glieder sich aus dem Wasser zu reißen und — gerettet! — auf das
harte Gestein des Ufers hinstürzt.... Möge es mein Fleisch schmerzend
zerfetzen! Um so besser, ich erwache doch wieder in freier Luft.
Nun bin ich, du drohende Welt, deiner Fesseln los, du kannst mich nicht
mehr anschmieden. Und ihr, die ihr mich und meinen verabscheuten Willen
bekämpft, wißt, daß dieser mein Wille in euch ist! Ihr wollt, wie ich,
frei sein, und ihr leidet daran, es nicht zu sein. Dies euer Leiden
macht euch zu meinen Feinden. Aber selbst wenn ihr mich tötet, dann ist
es nicht mehr an euch, zu sagen, ihr hättet das Licht, das in mir war,
nicht gesehen, oder, falls ihr es gesehen habt, es zurückzuweisen!
Schlagt also zu! Indem ihr mich bekämpft, bekämpft ihr euch selbst. Von
vornherein seid ihr die Besiegten. Und ich, indem ich mich verteidige,
verteidige euch alle. Der „Eine gegen Alle“ ist der „Eine für Alle“, und
er wird bald der „Eine mit Allen“ sein.
Nein, ich werde nicht allein bleiben, ich bin es nie gewesen. Gruß euch,
ihr Weltbrüder! So weit ihr auch sein möget, über die Welt hingestreut
wie der Samen aus einer Hand, so seid ihr doch alle hier an meiner
Seite: ich weiß es. Denn niemals ist der Gedanke eines einsamen Menschen
so wie er selbst allein. Jede Idee, die in einem Menschen ersteht, keimt
schon in anderen Menschen, und immer, wenn irgendein Unglücklicher,
verkannt, geschmäht, sie in seinem Herzen erwachen fühlt, möge er
freudig sein. Denn es ist die ganze Erde, die erwacht.... Der erste
Funke, der in einer einsamen Seele erglänzt, ist schon die Spitze jenes
Strahls, der die Nacht durchleuchten wird. So komme, Licht, verbrenne
die Nacht, die mich umgibt und die mich erfüllt....!
§
Und es kam. Das klare Licht des Tages war so jung und hell wie nur je.
Der Schmutz der Menschen kann es nicht beflecken, die Sonne trinkt ihn
auf wie einen Nebel.
Frau Clerambault erwachte und sah ihren Mann mit offenen Augen. Sie
meinte, auch er sei eben erwacht, und sagte:
„Du hast gut geschlafen. Du hast dich nicht ein einzigesmal in der Nacht
gerührt.“
Er widersprach nicht, lächelte aber bei dem Gedanken an die lange Fahrt,
die er gemacht hatte. Der Geist, der unruhige Vogel, der durch die Nacht
hinstreift, nun faßte er wieder Fuß. Clerambault stand vom Bette auf.
Zur gleichen Stunde stand ein anderer auf, der ebensowenig wie er in
dieser Nacht geschlafen hatte, und der ebenso das Bildnis seines toten
Sohnes sich vor den Blick gerufen und der an ihn — an ihn, Clerambault,
den er nicht kannte — mit der ganzen Starrheit des Hasses dachte.
Die erste Post brachte einen Brief von Rosine. Sie vertraute ihrem Vater
das Geheimnis an, das er seit langem ahnte. Daniel hatte ihr einen
Heiratsantrag gemacht, und sie würden sich bei seiner nächsten Heimkehr
von der Front vermählen. Der Form halber erbat sie sich die Zustimmung
der Eltern, sie wußte wohl, daß ihr Wille auch der ihrige war. Der Brief
strahlte von einem Glück, das sich seine jubelnde Gewißheit durch nichts
zerstören ließ. Das traurige Rätsel der zerrissenen Welt hatte nun
plötzlich einen Sinn bekommen, ihre junge, alles auftrinkende Seele
empfand das Leiden einer Welt als nicht zu hohen Preis für die Blüte,
die sie von diesem blutigen Rosenstrauch pflücken durfte.... Immerhin
verriet sich auch ihr mitfühlendes Herz. Sie vergaß nicht die anderen
und ihre Qual, den Vater und seine Sorgen. Aber sie rührte sie mit
seligen Armen an, und es war, als wollte sie mit einer naiven und
zärtlichen Übermütigkeit sagen:
„Ihr guten Freunde, quält euch doch nicht immer mit euren Gedanken. Ihr
seid wirklich unklug, man soll nicht traurig sein. Ihr seht, das Glück
kommt schließlich doch.“
Clerambault lächelte gerührt, während er den Brief las.
„Ja, ja, ganz gewiß, das Glück kommt, nur hat nicht die ganze Welt Zeit,
darauf zu warten.... Grüße es von mir, kleine Rosine, und lasse es nicht
mehr von dir.“
§
Gegen elf Uhr kam der Graf Coulanges, sich nach ihm zu erkundigen. Er
hatte Moreau und Gillot unten gefunden, sie bewachten die Tür. Getreu
ihrem Versprechen, wollten sie Clerambault begleiten, aber sie waren
eine Stunde früher gekommen, als es eigentlich notwendig war, und wagten
nicht hinaufzugehen. Clerambault ließ sie heraufrufen und verspottete
sie wegen ihres übermäßigen Eifers. Sie gaben zu, daß sie aus Mißtrauen
gegen ihn gefürchtet hatten, er würde, ohne auf sie zu warten, aus dem
Hause entwischen, und Clerambault mußte zugeben, eine ähnliche Absicht
gehabt zu haben.
Die letzten Nachrichten von der Front waren gut. Seit kurzer Zeit schien
die deutsche Offensive ins Stocken geraten. Seltsame Zeichen der
Ermattung wurden sichtbar und Gerüchte, die nicht unbegründet schienen,
deuteten auf einen geheimen Desorganisationsprozeß in dieser gewaltigen
Masse. Sie hatte, sagte man, die Grenzen ihrer Kraft erreicht und
überschritten: der Riese wurde matt. Man sprach von einer Ansteckung
durch den revolutionären Geist, den die deutschen Truppen von der
Ostfront aus Rußland zurückgebracht hatten.
Mit der Beweglichkeit, die für den französischen Geist so
charakteristisch ist, verkündeten mit einem Male die Pessimisten von
gestern den nahen Sieg. Moreau und Gillot sahen in kurzer Zeit ein
Abflauen der Leidenschaft, die Rückkehr zur Vernunft, die Versöhnung der
Völker und den Triumph der Ideen Clerambaults voraus. Clerambault warnte
sie, sich allzufrüh den Illusionen hinzugeben, und es bereitete ihm
Spaß, ihnen zu beschreiben, was geschehen würde, sobald der Frieden
unterschrieben sei (denn das mußte doch, wann immer auch, einmal
geschehen).
„Mir ist“, sagte er, „als könnte ich, wie der hinkende Teufel nachts
über die Stadt schwebend, den ersten Abend nach dem Waffenstillstand
sehen. Und ich sehe in den Häusern, deren Vorhänge vor dem Jubelschrei
der Straße herabgelassen sind, unendlich viel Herzen in Trauer, Herzen,
die sich krampfhaft während all dieser Jahre mit dem Gedanken eines
Sieges aufrechtgehalten haben, der ihrem Unglück einen Sinn oder den
falschen Schein eines Sinnes gibt. Nun können sie endlich sich
entspannen oder zerbrechen, schlafen oder endlich sterben. Die Politiker
denken natürlich daran, wie sie auf das schnellste und ausgiebigste die
gewonnene Partie ausnützen können oder, wenn sie sich verrechnet haben,
an einen neuen Aufschwung auf dem Trapez. Die Fachleute des Krieges
werden trachten, den Spaß solange als möglich fortdauern oder, wenn
ihnen dies nicht gelingt, den Tanz so bald als möglich wieder beginnen
zu lassen. Die Vorkriegspazifisten werden eilig aus ihren Winkeln und
Löchern hervorkriechen und sich in rührenden Demonstrationen ergehen.
Die alten Bonzen, die durch fünf Jahre die Trommel zum Vormarsch
rührten, werden, Palmenzweige in den Händen, lächelnd und das Herz auf
den Lippen, auftauchen und von Liebe reden. Und die Kämpfer selbst, die
im Schützengraben geschworen haben, niemals zu vergessen, auch sie
werden sich bereitwillig mit allen Erklärungen, Glückwünschen und
Händedrücken, die man ihnen verabreicht, abfinden. Es ist ja auch zu
viel verlangt, nicht zu vergessen. Fünf Jahre aufreibender Strapazen
bereiten den Menschen gut zur Nachgiebigkeit vor, durch die Erschöpfung,
durch das ewige Einerlei, durch den Wunsch nach einem Ende. Die
rauschenden Klänge des Sieges werden die Schmerzensrufe der Besiegten
ersticken. Und die meisten Menschen werden an nichts anderes denken, als
wieder die alten, schläfrigen Gewohnheiten von vor dem Krieg
aufzunehmen. Zuerst wird man auf den Gräbern tanzen, dann wird man
wieder schlafen. Vom Krieg bleibt nichts als eine Prahlerei am
Biertisch. Und wer weiß, vielleicht wird ihnen dies Sichnichterinnern so
gut glücken, daß sie bald wieder dem Tanzmeister, dem Sensenmann, helfen
werden, aufs neue anzufangen. Selbstverständlich nicht sofort, aber
etwas später, wenn man gut ausgeschlafen hat.... So wird überall der
Friede sein — solange, bis überall der neue Krieg da ist, denn Krieg
und Friede, meine Freunde, sind im letzten Sinne, wie sie meist
verstanden werden, nur zwei verschiedene Etiketten für dieselbe Flasche.
Es ist ganz so, wie der König Bomba von seinen tapferen Soldaten sagt:
„Zieht sie rot oder zieht sie grün an, sie werden doch Fersengeld
geben.“ Ihr könnt es Frieden oder Krieg nennen, aber es gibt weder
Frieden noch Krieg, es gibt nur die allgemeine Knechtschaft, die
Bewegung der wie in Ebbe und Flut hingerissenen Massen und es wird
solange so bleiben, bis sich starke Seelen über den menschlichen Ozean
erheben und den scheinbar sinnlosen Kampf gegen das Schicksal beginnen,
das diese schweren Massen in Bewegung setzt.“
„Gegen die Natur kämpfen?“ fragte Coulanges. „Denken Sie daran, ihre
Gesetze vergewaltigen zu wollen?“
„Es gibt“, antwortete Clerambault, „kein einziges unabänderliches
Gesetz. Gesetze leben, verwandeln sich und sterben wie alle irdischen
Wesen, und es ist Pflicht des Geistes, nicht, wie die Stoiker es wollen,
sie einfach hinzunehmen, sondern sie zu verändern, sie auf unser Maß
zuzuschneiden. Die Gesetze sind die Form der Seele. Entfaltet sich die
Seele, so müssen sie mit ihr wachsen. Ein gerechtes Gesetz ist nur
jenes, das auf mich paßt.... Bin ich im Unrecht, wenn ich fordere, daß
der Schuh sich dem Fuße anpasse und nicht der Fuß dem Schuh?“
„Ich sage nicht, daß Sie im Unrecht sind“, erwiderte der Graf. „Den
Versuch, die Natur zu vergewaltigen, machen wir ja auch in der Züchtung.
Wir verändern nicht nur die Form, sondern auch den Instinkt der Tiere,
warum sollte das nicht auch beim Menschen gelingen.... Nein, ich
widerspreche Ihnen nicht, im Gegenteil, ich bin der Meinung, daß es das
Ziel und die Pflicht jedes Menschen, der dieses Namens würdig ist, sein
muß, so, wie Sie sagen, die menschliche Natur gewaltsam weiter
fortzubringen. Das ist die Quelle des wahren Fortschrittes, und es ist
ein wirklicher Wert darin, auch wenn man das Unmögliche will. Freilich,
das soll nicht sagen, daß wir mit dem, was wir versuchen, auch Erfolg
haben werden.“
„Nein, wir werden keinen Erfolg haben, weder für uns noch für die
Unseren. Es ist möglich, es ist sogar wahrscheinlich, daß unsere
unglückliche Nation, vielleicht unser ganzes Abendland, sich auf einem
absteigenden Ast befindet, und ich fürchte, daß der Absturz bald
erfolgen wird, infolge ihrer Laster und Tugenden, von denen diese wie
jene mörderisch sind durch ihren Stolz und ihren Haß, ihre
provinzlerische Eifersucht, durch die endlose Schraube der Revanchen,
durch beharrliche Verblendung, durch die erdrückende Treue zur
Vergangenheit und jene verjährte Auffassung von Ehre und Pflicht, die
sie die Zukunft für Gräber hinopfern läßt. Ich fürchte nur allzusehr,
daß auch die letzte Mahnung dieses Krieges ihren lärmenden und zugleich
trägen Heroismus in nichts belehrt hat.... In früheren Zeiten hätte
dieser Gedanke mich niedergedrückt. Jetzt aber fühle ich mich wie von
meinem eigenen Leib von allem Todgeweihten losgelöst, ich bin ihm nicht
mehr anders als durch das Mitleid verbunden. Aber dafür ist mein Geist
brüderlich mit allem, das — auf welchem Punkte der Erde auch immer —
das neue Licht empfängt. Kennt ihr die schönen Worte des Sehers von
Saint-Jean d’Acre: ‚Die Sonne der Wahrheit ist wie das Himmelsgestirn,
mit vielen Orten des Aufstieges. An einem Tage erhebt es sich im Zeichen
des Krebses, ein andermal im Zeichen der Waage, aber die Sonne ist eine
und eine einzige Sonne. Einmal ging der Strahl der Sonne der Wahrheit
vom Wendekreis Abrahams auf und ging unter im Zeichen Moses und
entflammte den Horizont. Dann erhob sie sich wieder im Zeichen Christi,
glühend und Glanz verbreitend. Diejenigen, die Abraham dienten, wurden
blind am Tage, da das Licht über dem Sinai glänzte. Aber meine Augen
werden stets — von welchem Punkt immer sie sich erhebt — der
aufgehenden Sonne entgegengerichtet sein. Und ginge die Sonne im Westen
auf, es wäre doch die Sonne.‘“
„Und heute kommt uns von Norden das Licht“, sagte lächelnd Moreau.
§
Obwohl die Vorladung auf ein Uhr lautete und es kaum Mittag war, hatte
es Clerambault doch eilig, fortzugehen. Er fürchtete, zu spät zu kommen.
Er hatte nicht weit zu gehen. Seine Freunde hätten ihn nicht gegen die
übrigens sehr spärliche Rotte zu verteidigen brauchen, die ihn beim
Eingang des Justizpalastes erwartete, denn die Nachrichten des heutigen
Tages lenkten von den gestrigen ab. Höchstens hätten einige feige Köter,
die sich mehr lärmend als beunruhigend gebärdeten, versucht, ihm von
rückwärts die Zähne zu zeigen.
Sie waren an die Ecke der Rue Vaugirard und Rue d’Assas gekommen, als
Clerambault bemerkte, daß er etwas vergessen hatte, und seine Freunde
für einen Augenblick stehen ließ, um noch einmal hinaufzugehen und
einige Papiere aus seiner Wohnung zu holen. Sie blieben unten, um auf
ihn zu warten, und sahen, wie er den Fahrweg überquerte. Auf dem
Trottoir gegenüber, bei einem Wagenplatz, trat ihn ein Mann seines
Alters an, ein nicht sehr großer und ein wenig schwerfälliger Mann aus
dem Bürgerstand. Alles geschah so schnell, daß sie nicht einmal Zeit
hatten, einen Schrei auszustoßen: ein Wortwechsel, ein ausgestreckter
Arm, ein Knall. Sie sahen Clerambault wanken und liefen hin. Aber es war
schon zu spät.
Sie streckten ihn auf eine Bank hin, die Menge — mehr neugierig als
erregt — (ach, man hatte so viel solcher Dinge gesehen und gelesen)
drängte sich herzu und gaffte.
„Was ist denn?“
„Ein Flaumacher.“
„So, dann ist es schon gut! Die Schurken haben uns genug geschadet.“
„Nun, es gibt schon ein größeres Verbrechen, als zu wünschen, daß dieser
Krieg einmal zu Ende ist.“
„Es gibt nur eine Möglichkeit, daß er zu einem Ende kommt, und die ist,
ihn bis an das Ende zu führen. Nur die Pazifisten verlängern den Krieg.“
„Sie sind sogar schuld daran! Ohne sie wäre nie einer gekommen, der
Boche hat mit ihnen gerechnet.“
Und Clerambault dachte im Halbbewußtsein an die alte Frau, die ihr Stück
Holz zum Scheiterhaufen des Johann Huß hinschleppte .... _Sancta
Simplicitas_!
Vaucoux hatte nicht die Flucht ergriffen und sich widerstandslos den
Revolver aus der Hand nehmen lassen. Man hielt ihn fest bei den Armen.
Er blieb unbeweglich und sah nur sein Opfer an, das wiederum ihn
betrachtete. Beide dachten an ihre Söhne.
Moreau bedrohte Vaucoux. Aber unerschütterlich und starr in seinem
Haßglauben sagte Vaucoux:
„Ich habe den Feind getötet!“
Gillot, der sich über Clerambault neigte, sah, wie er schwach lächelnd
Vaucoux betrachtete.
„Mein armer Freund“, dachte er, „in dir selbst ist der Feind.“
Er schloß wieder die Augen .... Jahrhunderte gingen vorbei....
„Es gibt keine Feinde mehr!“
Und Clerambault empfand selig den Frieden kommender Welten.
§
Da ihn das Bewußtsein schon verlassen hatte, trugen ihn die Freunde in
das nahe gelegene Haus Froments. Aber ehe sie es betreten hatten, war er
verschieden.
Sie legten ihn auf ein Bett in einem Zimmer neben jenem, in dem der
junge Gelähmte, umgeben von seinen Freunden, ruhte. Die Tür stand offen
und der Schatten des toten Freundes schien bei ihnen zu weilen.
Moreau ereiferte sich bitter über den Widersinn dieses Mordes, der,
statt einen der großen Verbrecher der triumphierenden Reaktion oder
einen der bekannten Anführer der revolutionären Minderheiten zu treffen,
sich gerade gegen einen ungefährlichen, unabhängigen, allen brüderlich
gesinnten und fast zu nachsichtigen Menschen gewendet hatte.
Aber Edme Froment sagte:
„Der Haß täuscht sich nicht. Ihn leitet ein sicherer Instinkt... Nein,
er hat sich sein Ziel gut gesucht. Oft sieht der Feind viel klarer als
der Freund. Versuchen wir nicht, uns einer Illusion hinzugeben: der
gefährlichste Feind der Gesellschaft und der bestehenden Ordnung ist und
war in dieser Welt der Gewalttätigkeit, der Lüge und der anderen
Kompromisse von je und immer her der Mann des vollkommenen Friedens und
des freien Gewissens. Nicht durch Zufall ist Jesus gekreuzigt worden, es
mußte so sein, und er wäre später auch immer wieder zum Schafott
geschleppt worden. Der Mann des Evangeliums ist der radikalste
Revolutionär von allen, denn er ist die unerreichbare Quelle, aus der
durch den Spalt der harten Erde die Revolutionen aufspringen. Er ist das
ewige Prinzip der Nichtunterwerfung des Geistes unter den Cäsar, wer
immer es auch sei, der ewige Auflehner gegen die ungerechte Gewalt. So
erklärt sich der Haß der Staatsknechte und der hörig gemachten Völker
gegen den gemarterten Christ, der auf sie niederschaut und schweigt, und
gegen seine Schüler, gegen uns, die ewigen Dienstverweigerer, die
„_conscientious objectors_“ wider alle Tyranneien, mögen sie nun von
oben kommen oder von unten, mögen sie jene von morgen oder jene von
heute sein — gegen uns, die Verkünder dessen, der größer ist als wir,
der der Welt das Wort des Heiles bringt, dessen, den sie ins Grab
gelegt, des Meisters, den sie zu Tode martern werden bis ans Ende der
Welt, und der doch immer wieder auferstehen wird — der freie Geist,
unser Herr und Gott!“