Clerambault fragte: „Hast du darüber etwas gehört?“ —

„O nein, aber es ist doch wahrscheinlich.... Ich bin fast ganz

sicher.... Man hätte doch sonst was gehört.“ Sie strich mit der Hand wie

eine Fliege den peinlichen Gedanken fort („Weg mit dir, wie kommst du

daher?“). Und schon trat das kleine Lachen wieder in ihre Augen. „Weißt

du“, fügte sie bei, „es ist vielleicht besser für ihn so... jetzt kann

er sich wenigstens ausruhen... mir ist es lieber, ihn dort zu wissen als

im Schützengraben...?“

Und dann, ganz ohne Übergang, floß das Gespräch wieder zu der weißen

Amsel zurück. „Ach, wie wird er selig sein, wenn er mein Kleines, mein

Liebes, mein Gotteskind sieht!“

Erst als Clerambault sich zum Fortgehen erhob, ließ sie sich herab, auch

daran zu denken, daß es auf dieser Erde noch für andere ein Leiden gäbe.

Sie besann sich des Todes Maximes, und sie sagte ihm freundlich

irgendein kleines Wort der Sympathie. Wie gleichgültig, wie im Grunde

gleichgültig klang es... aber immerhin, es war guten Willens gesagt. Und

der gute Wille war etwas so Neues an ihr. Und Wunder über Wunder! Mitten

in der Zärtlichkeit, mit der das Glück sie überflutete, sah sie eine

Sekunde das müde Antlitz, das müde Herz des alten Mannes. Sie erinnerte

sich dunkel, daß er Unklugheiten begangen und dafür Unannehmlichkeiten

gehabt hatte, und statt ihn auszuschelten, wie es ihre Pflicht war,

gewährte sie ihm schweigend, mit einem großmütigen Lächeln Verzeihung.

Wie eine kleine Prinzessin sagte sie zärtlichen Tones, in dem eine

gönnerhafte Nuance durchschimmerte: „Beunruhige dich nicht, mein guter

Onkel... es wird schon wieder alles in Ordnung kommen... komm, gib mir

einen Kuß.“

Und Clerambault ging lächelnd fort, erheitert von der Trösterin, die er

hatte trösten wollen. Er fühlte, wie wenig unsere Leiden gegenüber der

lächelnden Gleichgültigkeit der Natur sind. Für sie ist es allein

wichtig, im Frühjahr zu blühen. Fallet ab, sterbet hin, tote Blätter!

Der Baum schlägt nur um so schöner aus, und der Frühling blüht dann für

andre.... O Frühling, o du lieber Frühling!

§

Aber wie unbarmherzig bist du, Frühling, gegen alle jene, denen du nicht

mehr entgegenblühst, für alle, die ihre Geliebten, ihre Hoffnungen, ihre

Kraft, ihre Jugend, ihren ganzen Lebenssinn verloren haben!

Die Welt war voll von verstümmelten Seelen und Körpern, die von

Bitterkeiten zerfressen waren, die einen um ihres verlorenen Glückes,

die anderen, noch Bemitleidenswerteren, um eines Glückes willen, das sie

noch gar nicht gekannt hatten und um das man sie in der schönsten

Entfaltung ihrer Liebesfähigkeit und ihrer zwanzig Jahre gebracht hatte!

An einem nebelnassen und kalten Januarabend kehrte Clerambault vom

Anstellen vor einem Holzlager zurück. Der Menge, innerhalb derer er

wartete, bis an ihn die Reihe kam, war schließlich, nachdem sie

stundenlang auf der Straße gewartet hatte, mitgeteilt worden, daß heute

nichts mehr verteilt werde. An der Tür seines Hauses hörte er seinen

Namen aussprechen: ein junger Mann, der einen Brief überbrachte, fragte

nach ihm beim Hausmeister. Clerambault trat auf ihn zu. Der junge Mensch

schien von der Begegnung verwirrt. Sein rechter Ärmel war an die

Schulter aufgesteckt, sein rechtes Auge war unter einer Binde verborgen.

Man sah an seiner blassen Farbe, daß er eine monatelange Krankheit

überstanden hatte. Clerambault sprach ihn auf das herzlichste an und

wollte den Brief entgegennehmen, aber der junge Mann zog ihn rasch

zurück und sagte, es sei jetzt nicht mehr nötig. Clerambault lud ihn

ein, zu einem Gespräch zu ihm hinaufzukommen. Der andere zögerte und

wäre Clerambault ein feiner Beobachter gewesen, so hätte er bemerkt, daß

der Besucher von ihm fort wollte. Aber ein wenig langsam im

Gedankenlesen sagte er nur gutmütig:

„Es ist ja wahr, ich wohne ein wenig hoch....“

Sofort in seiner Eitelkeit gereizt, antwortete der andere:

„Ich kann noch ganz gut hinaufsteigen.“

Und er begann sogleich die Treppen hinaufzusteigen.

Clerambault merkte sofort, daß er außer seinen anderen Wunden noch eine

im Herzen hatte.

Sie setzten sich in seinem ungeheizten Arbeitszimmer zusammen hin. Wie

das Zimmer, so war auch ihre Unterhaltung anfänglich kalt. Clerambault

konnte von seinem Besucher nur steife, harte, ein wenig unklare

Antworten herausbekommen und alle in einem ein wenig gereizten Ton. Er

erfuhr, daß jener sich Julien Moreau nannte, daß er Universitätsstudent

war und drei Monate im Spital Val de Grace gelegen hatte. Er lebte

allein in Paris in einem Zimmer des Quartier Latin, obwohl seine

verwitwete Mutter und einige Verwandten in Orleans waren. Er sagte nicht

gleich, warum er nicht zu ihnen gezogen war.

Plötzlich, nach einem Schweigen, entschloß er sich zu sprechen. Mit

erstickter Stimme, die nur mühsam sich durchzuringen vermochte und erst

allmählich weicher wurde, sagte er Clerambault, welche Wohltat ihm die

Lektüre seiner Aufsätze gewesen wäre, die ein Urlauber an die Front

gebracht hatte, und die dort von Hand zu Hand gingen. Sie entsprachen

dem erstickten Schrei seiner Seele: „Nicht lügen!“ Die Zeitungen und die

Schriften, die die Schamlosigkeit hatten, der Armee ein verlogenes Bild

ihrer selbst zu zeichnen, die gefälschten Briefe von der Front, der

schauspielerische Heroismus, die übel angebrachten Scherze und die

widerlichen Windbeuteleien jener Drückebergerschriftsteller, die aus dem

Tod der anderen pathetische Phrasen drechselten, alle diese Dinge hatten

sie in Wut gebracht. Ein Greuel waren für sie die fetten und schmutzigen

Küsse, mit denen diese Prostituierten von der Presse sie feucht

bedeckten, ein Spott schienen sie ihnen auf ihr Leiden. In ihm, in

Clerambault, hatten sie endlich ein Echo gefunden.... Nicht als ob

Clerambault sie verstanden hätte, denn keiner, der ihr Los nicht geteilt

hatte, konnte sie verstehen. Aber er hatte Mitleid für sie gehabt, er

hatte einfach und mit Menschlichkeit von jenen Unglücklichen unter allen

Fahnen gesprochen, hatte gewagt, die allen Völkern gemeinsamen

Ungerechtigkeiten einmal auszusprechen, die sie alle in gleiche Not

getrieben. Er hatte nicht ihre Qual verschwiegen, sondern sie in eine

Höhe des Verstandenwerdens erhoben, in der sie erträglich war.

„Wenn Sie wüßten, wie sehr man eines Wortes wahrer Sympathie bedarf! Es

hilft nichts, daß man nach alledem, was man gesehen, gelitten und leiden

gemacht hat, hart geworden ist, daß man alt geworden ist (es gibt unter

uns Grauköpfe mit gekrümmten Schultern), wir sind doch alle in gewissen

Augenblicken nur verlorene Kinder, die sich nach ihrer Mutter sehnen, um

sich trösten zu lassen. Und die Mütter... Ach, die Mütter, sie sind ja

so fern von uns!... Man bekommt von seiner eigenen Familie Briefe, die

einen niederschmettern.... Das eigene Blut liefert uns aus.“

Clerambault verbarg sein Gesicht in den Händen und stöhnte.

„Was ist Ihnen?“ sagte Moreau. „Ist Ihnen nicht wohl?“

„Aber Sie bringen mir ja gerade all das Böse, das ich getan habe, in

Erinnerung.“

„Sie? Nein, Sie nicht! Die anderen!“

„Ich ebenso wie alle anderen. Wir alle haben Vergebung zu erflehen.“

„Sie sind der Letzte, der das sagen sollte.“

„Ich muß der Erste sein, denn ich bin einer der wenigen, die sich über

ihr Verbrechen selbst Rechenschaft ablegen.“

Und er begann mit einer Anklage gegen seine ganze Generation, unterbrach

sich aber bald mit einer entmutigten Gebärde.

„Ach, das alles macht ja nichts mehr gut. Erzählen Sie mir lieber, was

Sie gelitten haben!“

Es war in seiner Stimme so viel Demütigkeit, daß sich Moreau von Liebe

für diesen alten Mann, der sich selbst anklagte, gleichsam überflutet

fühlte. Sein Mißtrauen schwand gänzlich hin. Er tat die geheime Tür

seiner bitteren und schmerzgeprüften Gedanken auf. Er erzählte, daß er

schon mehrmals bis an die Tür dieses Hauses gekommen wäre, ohne daß er

sich habe entschließen können, seinen Brief abzugeben (den er übrigens

noch immer nicht zeigen wollte). Seitdem er das Spital verlassen, war es

ihm nicht möglich gewesen, mit einem einzigen Menschen zu sprechen. Die

Leute im Hinterland erbitterten ihn durch die Zurschaustellung ihrer

kleinlichen Sorgen, ihrer Geschäfte, Vergnügungen und der Einschränkung

ihrer Vergnügungen, sie erbitterten ihn durch ihren Egoismus, ihre

Unwissenheit und ihre Verständnislosigkeit. Er fühlte sich unter ihnen

fremder als unter den Wilden Afrikas. Übrigens — er unterbrach sich und

fuhr dann erst wieder mit befangenen und erregten Andeutungen fort, die

ihm nicht aus der Kehle wollten — nicht nur unter ihnen, sondern unter

allen Menschen fühlte er sich ein Fremder, denn er sei vom Leben, von

der allgemeinen Freude und Arbeit durch seine Gebrechen jetzt für immer

abgeschnitten, die aus ihm ein Wrack machten. Es verzehre ihn die

törichte Scham, einäugig und einarmig zu sein. Die Blicke eiligen

Bedauerns, die er auf der Straße bemerkte, ließen ihn erröten, denn sie

waren so von der Seite zugeworfen wie ein Almosen, das man nebenhin

gibt, das Antlitz vom widerlichen Schauspiel abgewandt. In seiner

aufgereizten Eigenliebe übertrieb er seine eigene Entstellung. Er

verabscheute sein Gebrechen, dachte an die verlorenen Freuden, an seine

zerstörte Jugend. Wenn er Liebespaare vorübergehen sah, so fühlte er

Eifersucht und schloß sich ein, um zu weinen.

Aber das war noch nicht alles. Und als er den Hauptteil seiner

Bitterkeit dem Mitgefühl Clerambaults, der ihn zu sprechen ermutigte,

anvertraut hatte, kam er zum eigentlichen Grund der Qual, die er und

seine Gefährten, schauernd wie ein Geschwür, das man nicht anzusehen

wagt, in sich trugen. Aus dem Durcheinander seiner heftigen, dunklen und

gequälten Worte erkannte Clerambault, was eigentlich die Seele all

dieser jungen Menschen zerstörte. Es war nicht allein ihre vernichtete

Jugend, ihr hingeopfertes Leben (obwohl dies schon an sich ein

furchtbarer Schmerz war.... Es ist ja sehr leicht für kalte Herzen, für

alte Egoisten und vertrocknete Intellektuelle, von oben herab diese

Liebe, dies Anklammern an das junge Leben und die Verzweiflung, es zu

verlieren, zu verurteilen). Das Allerfurchtbarste aber für sie war, daß

sie nicht wußten, wofür sie dieses Leben hingeopfert hatten, und dann

der alles vergiftende Verdacht, es sei umsonst vertan. Denn der gemeine

Wille nach sinnloser Weltherrschaft irgendeiner Rasse oder nach einem

Stück Land an der Grenze zweier Staaten, konnte nicht genug sein, um den

Schmerz der Opfer zu mindern. Sie wußten zu gut, daß der Mensch nur ein

Fußbreit Erde braucht, um zu sterben, und daß das Blut aller Rassen die

gleiche Quelle des Lebens ist, die darein verströmt.

Clerambault, dem das Bewußtsein seiner Pflicht, des weitaus Älteren in

der Nähe dieser Jungen, eine ruhige Sicherheit gab, die er sonst für

sich allein nicht besaß, sagte ihrem Vertreter, ihrem Boten Worte der

Hoffnung und der Tröstung.

„Nein, euer Leiden ist nicht verloren. Es ist zwar die Frucht eines

grausamen Irrtums, aber auch der Irrtum ist nicht ohne Sinn. Das Unglück

von heute ist der gewaltsame Ausbruch eines Übels, das Europa seit

Jahrhunderten zerfrißt, das Übel des Stolzes und der Gier, des

gewissenlosen Staatenfanatismusses, der kapitalistischen Pest, jenes

lügnerischen Triebwerkes der Zivilisation, das aus Unduldsamkeit,

Heuchelei und Gewalttätigkeit zusammengesetzt ist. Jetzt bricht alles

zusammen, jetzt ist alles neu aufzubauen. Die Aufgabe ist ungeheuer.

Mutlosigkeit ist jetzt nicht erlaubt, denn keiner Generation war ein

größeres Werk je zugedacht als der euren. Es handelt sich jetzt darum,

klar zu sehen durch das Feuer der Schützengräben und die giftigen Gase,

mit denen euch ebenso wie der Feind die Antreiber des Hinterlandes den

Blick verwirren. Es handelt sich darum, den wahren Kampf zu erkennen,

und der geht nicht gegen ein einzelnes Volk, sondern gegen eine ganze

ungesunde Gesellschaft, die auf die Ausbeutung und die Eifersucht der

Völker gegründet ist, auf die Knechtung des freien Gewissens unter die

Staatsmaschine. Nie hätten die resignierten oder skeptischen Völker

diesen wahren Kampf mit solcher tragischen Gewißheit erkannt, ohne die

Leiden dieses Krieges, der sie zerwühlt. Nicht, daß ich damit das Leiden

segnete — lassen wir diesen Irrtum den Gläubigen der Religionen von

einst; wir von heute lieben nicht den Schmerz, wir wollen die Freude.

Kommt aber ein Schmerz über uns, so soll er uns wenigstens dienlich

sein. Das, was ihr gelitten habt, sollen andere nicht mehr leiden!

Deshalb gebt nicht nach. Man hat euch da draußen gelehrt, daß, wenn in

der Schlacht einmal Order zum Angriff gegeben ist, es noch gefährlicher

ist, zurückzuweichen, als vorzurücken. Seht euch deshalb nicht um, laßt

eure Ruinen hinter euch und stürmt nur nach vorwärts, der neuen Welt

entgegen.“

Clerambault merkte, wie die Augen seines jungen Zuhörers, während er

sprach, zu sagen schienen:

„Mehr! Noch mehr! Gib mir mehr als Hoffnung! Gib mir die Gewißheit, gib

mir den nahen, den baldigen Sieg!“

Allen Menschen, selbst den Besten, ist so sehr das Bedürfnis nach

Betrogenwerden angeboren; es genügt ihnen nicht, ihr Opfer einem

künftigen Ideal zu bringen, sondern sie wollen, daß man ihnen die

Verwirklichung dieses Ideals für recht bald verspricht, oder daß die

Belohnung dann wenigstens ewig währe, wie die Religionen es verheißen.

Jesus fand nur Gläubige, weil man in ihm die Gewißheit eines Sieges in

dieser Welt oder in jener andern sah. Wer aber wahr bleiben will, darf

niemals einen Sieg versprechen. Er darf nicht die Gefahren außer acht

lassen; vielleicht wird das Ziel überhaupt nicht erreicht werden und

keinesfalls vor Ablauf längerer Zeit. Den Anhängern scheint natürlich

ein solcher Gedankengang niederschmetternd in seinem Pessimismus: der

die Lehre aber ausspricht, ist selbst nicht Pessimist. Er hat die Ruhe

des Menschen, der nach einem Aufstieg von der Höhe aus die ganze

Landschaft umfängt. Sie aber sehen nur den nackten Hang, den sie noch

hinaufklimmen müssen. Wie nun kann er ihnen diese Ruhe übermitteln?...

Wenn die Schüler die Lehre ihres Meisters schon nicht mit seinen Augen

zu sehen vermögen, so können sie doch wenigstens seine Augen selbst

sehen, in denen jene Vision widerglänzt, die ihnen noch versagt ist. Sie

können daraus die Gewißheit schöpfen, daß er um die Wahrheit wisse (sie

glauben es wenigstens...) und von ihrer Unruhe befreit sei.

Diese seelische Sicherheit, diese innere Harmonie, die die Augen Julien

Moreaus in denen Clerambaults suchten, besaß Clerambault, der Gequälte

und Beunruhigte, nicht!... Aber besaß er sie wirklich nicht?... Wie er,

demütig lächelnd, gleichsam um sich zu entschuldigen, Julien ansah... da

sah er, daß Julien diese Sicherheit in ihm entdeckt hatte. Und wie man

gleichsam mitten aus dem Nebel aufsteigend plötzlich im Lichte ist,

fühlte er, daß das Licht in ihm war. Es war in ihn gedrungen, weil er

einen andern erleuchten sollte.

§

Erleichtert und erheitert hatte ihn der Unglückliche verlassen.

Clerambault blieb zurück, betäubt von einer leisen Trunkenheit. Er

schwieg, um das ganz seltsame Glück einer im eigenen Leben unglücklichen

Seele zu genießen, die mit einemmal fühlt, daß sie teil hat am Glücke

anderer Seelen in Gegenwart oder Zukunft. Alle Wesen erstreben Glück,

tiefes Erfühlen, Fülle des Seins, aber diese Begriffe bedeuten nicht für

alle das Gleiche. Die einen wollen das Glück als Besitz, für die andern

genügt als Besitz schon das bloße Schauen, für andere wieder ist der

Glaube schon das wahre Sehen. Und sie alle, die dieser Instinkt

verbindet, bilden eine einzige Kette, angefangen von jenen, die nur ihr

eigenes Glück suchen, über jene, die es für ihre Familie und ihr Volk

suchen, bis auf zu jenen Wesen, die die ganzen Millionen der Menschen,

das Glück des Alls umfassen. Wer selbst nicht im Glück lebt, schafft es

doch den andern, so wie jetzt Clerambault, und weiß nicht darum; denn

die andern sehen schon das Licht auf seiner Stirn, indes seine Augen

noch im Schatten sind.

Der Blick des jungen Freundes hatte den armen Clerambault über seinen

unbekannten Reichtum belehrt, und dieses Bewußtsein einer göttlichen

Botschaft, die ihm auferlegt war, stellte seine verlorene Bindung mit

den Menschen wieder her. Sie bekämpften ihn nur, weil er ihr verwegener

Pfadfinder war, ihr Christoph Kolumbus, der mitten auf dem öden Ozean im

Trotz darauf beharrte, den Weg zur neuen Welt zu finden. Sie

beschimpften ihn, aber sie folgten ihm doch. Denn jeder wahre Gedanke,

sei er verstanden oder nicht, ist ein ausgesandtes Schiff, das die

nachzüglerischen Seelen im Schlepptau mit sich schleift.

Von diesem Tage an wandte er die Augen von der unabänderlichen Tatsache

des Krieges und der Toten ab, um sich den Lebenden und der Zukunft, die

in unserer Hand ruht, zuzuwenden. Möge die Anziehung derjenigen, die wir

verloren haben, noch so mächtig sein und uns schmerzlich locken, zu

ihnen hinabzusteigen, so müssen wir uns doch dem gefährlichen Hauch

entreißen, der, wie in Rom, von der Gräberstraße aufsteigt. „Vorwärts!

Halte dich nicht auf, du hast noch kein Recht, so wie jene zu ruhen!

Denn andere bedürfen deiner. Sieh nur auf sie, wie sie gleich den

Trümmern der großen Armee sich hinschleppen und in der düsteren Weite

den verlorenen Weg suchen.“

Clerambault wurde des düsteren Pessimismus gewahr, der sich dieser

jungen Leute nach dem Kriege zu bemächtigen drohte, und diese Erkenntnis

quälte ihn. Die moralische Gefahr war groß, aber um sie kümmerte sich

die Regierung natürlich am wenigsten. Sie handelte wie die schlechten

Kutscher, die mit Peitschenschlägen das Pferd antreiben, um im Galopp

über einen steilen Abhang hinaufzukommen. Das Pferd kommt auch wirklich

hinauf, aber der Weg ist droben noch nicht zu Ende und das Pferd bricht

zusammen. Es ist krumm für sein Leben... Mit welcher Begeisterung waren

doch die jungen Menschen in den ersten Monaten des Krieges in den Sturm

gerast! Dann war die Leidenschaft verraucht, aber das Tier blieb

angeschirrt und von der Deichsel aufrecht gehalten; man peitschte rings

um das müde Wesen eine künstliche Erregung auf, man mischte wundervolle

Hoffnungen in sein tägliches Futter und, ob auch der Alkohol der

Betäubung darin jeden Tag mehr verdunstete, so konnte es doch nicht

zusammenbrechen. Und das gequälte Tier beklagte sich nicht einmal, ihm

fehlte die Kraft zu denken. Und worüber und bei wem hätte es sich

beklagen sollen? Es gab eine stillschweigende Vereinbarung gegen alle

diese armen Opfer, nicht auf sie zu hören, sich taub zu stellen und zu

lügen.

Aber Tag für Tag warf die rücklaufende Flut der Schlachten ihre Trümmer

auf den Sand hin — die Verstümmelten und Verwundeten. Und durch sie kam

zum erstenmal das Brausen der Tiefe dieses menschlichen Ozeans ans

Licht. Die Unglücklichen, die plötzlich von dem Polypen, dessen Glieder

sie bildeten, losgerissen waren, fühlten, daß sie sich im Leeren regten

und nichts mehr erfassen konnten, weder ihre Leidenschaft von gestern,

noch den Traum der Zukunft. Und voll Angst fragten sie sich, die einen

nur dumpf, wenige andre mit einer grausamen Klarheit, wofür sie gelebt

hätten, wofür man lebt....

„Da jener, der zerstört wird, leidet, und derjenige, der vernichtet,

daran keinen Genuß findet und bald ebenso vernichtet wird, so sage mir,

was kein Philosoph zu beantworten weiß, wessen Gefallen, oder wessen

Nutzen dient dieses unglückselige Leben des Weltalls, das sich zum

Schaden und durch den Tod aller Kreaturen, aus denen es gebildet ist,

einzig erhält?“ fragt Leopardi.

§

Es war dringend notwendig, darauf eine Antwort zu geben und für jene

einen Sinn des Lebens zu finden. Ein Mann im Alter Clerambaults hat

einen Sinn des Lebens nicht so nötig. Er hat schon gelebt, ihm kann es

genug sein, sein Gewissen freizumachen: das ist für ihn gleichsam sein

öffentliches Testament. Aber für diese jungen Leute, die ihr ganzes

Leben noch vor sich haben, kann es nicht genug sein, die Wahrheit auf

einem Leichenfelde zu sehen. Wie immer auch die Vergangenheit gewesen

sei, für sie zählt doch nur die Zukunft. Ihnen muß man die Trümmer aus

dem Wege räumen!

Woran leiden diese jungen Menschen am meisten? An ihrer eigenen Qual? —

Nein! Sondern an ihrem Zweifel an dem Glauben, dem sie diese Qual zum

Opfer dargebracht haben. (Würde man denn irgendein Bedauern haben, sich

für die Frau geopfert zu haben, die man liebt, oder für sein Kind?) Und

dieser Zweifel vergiftet sie, er nimmt ihnen die Kraft, auf ihrem Weg

weiter fortzuschreiten, weil sie fürchten, an seinem Ausgang die

Verzweiflung zu finden. Deshalb ruft man euch ja zu: „Hütet euch, das

Ideal des Vaterlandes zu erschüttern! Trachtet lieber, es

wiederherzustellen.“ Welch ein Hohn! Kann man denn wirklich durch seinen

Willen einen Glauben wiederherstellen, den man einmal verloren hat? Man

kann sich höchstens selbst belügen, und das weiß man in seiner tiefsten

Seele. Und gerade dieses uneingestandene Bewußtsein tötet den Mut und

die Freude.

So habt den Mut und verwerft den Glauben, an den ihr nicht mehr glaubt!

Die Bäume müssen, um neu zu grünen, ihr Herbstlaub abschütteln. So sollt

ihr aus euren verlorenen Illusionen, wie die Bauern aus dem welken Laub,

ein Feuer machen, dann wird das neue Grün, der neue Glaube nur schöner

aufwachsen. Denn der neue Glaube kann warten. Die Natur stirbt nicht,

sie verwandelt nur ewig ihre Formen. Laßt doch, wie sie, das

abgestorbene Kleid der Vergangenheit hinsinken!

Seht nur recht hin, zieht die Bilanz dieser harten Jahre! Ihr habt

gekämpft und für das Vaterland gelitten. Und was habt ihr dabei

gewonnen? Ihr habt die Brüderlichkeit der Völker entdeckt, die sich

bekämpfen und miteinander leiden. Ist diese Erkenntnis zu teuer bezahlt?

Nein, wenn ihr nur euer Herz sprechen laßt, wenn ihr wagt, es dem neuen

Glauben aufzutun, der gerade, als ihr es am wenigsten erwartetet, zu

euch gekommen ist.

Das Täuschende und Niederdrückende ist, daß der Mensch an sein

anfängliches Ziel gebunden bleibt. Glaubt er dann nicht mehr an dieses

Ziel, so glaubt er, jetzt sei alles verloren. Nun bringt niemals eine

große Tat gerade jene Wirkung hervor, die man von ihr erwartete, und es

ist gut so, denn fast immer übertrifft die tatsächliche Wirkung die

erwartete und ist ganz anderer Art als sie. Weise sein heißt nicht, mit

seiner fertigen Weisheit schon auszuziehen, sondern sie erst unterwegs

in Aufrichtigkeit zu entdecken. Wagt es, euch einzugestehen, daß ihr

nicht mehr dieselben Menschen seid wie 1914, und wagt es zu sein: Dies

wird dann der Hauptgewinn oder vielleicht der einzige Gewinn dieses

Krieges sein.... Aber werdet ihr es wirklich wagen? So viele Beweggründe

vereinen sich ja, euch zu entmutigen; die Müdigkeit aller dieser Jahre,

die alten Gewohnheiten, die Furcht vor der Anstrengung, in das eigene

Ich hinabzublicken, das Abgestorbene auszujäten, das Lebendige zu

bejahen und dann irgendein abergläubischer Respekt vor dem Alten, die

faule Vorliebe für das, was man schon kennt (sei es selbst schlecht, sei

es selbst tödlich), das träge Bedürfnis nach billiger Klarheit, das

einen lieber ins alte Geleise zurückkehren läßt als neuen

selbstgebahnten Wegen entgegengehen. Ist es denn nicht das Ideal der

meisten Franzosen von Kindheit an, irgendeinen fertigen Lebensplan in

die Hand zu bekommen und ihn nicht mehr zu ändern?... Ach, daß doch

wenigstens dieser Krieg, der so viele eurer Heimstätten zerstört hat,

euch zwingen würde, aus eurem Schutt herauszutreten, eine neue Heimstatt

zu gründen und neue Wahrheiten zu suchen!

§

Vielen dieser jungen Leute fehlte es nicht an Verlangen, mit der

Vergangenheit zu brechen und in neue Welten einzutreten — im Gegenteil:

sie hatten es allzu hastig damit. Noch waren sie aus ihrer alten Welt

nicht heraus, so begannen sie schon, die neue gründen zu wollen. Nur

rasch, nur keinen Übergang! Eine reinliche Scheidung! Entweder bewußte

Unterwerfung unter das Vergangene oder Revolution!

So empfand auch Moreau. Er machte aus der Hoffnung Clerambaults auf eine

soziale Erneuerung eine Gewißheit. Und in seiner Aufforderung, geduldig

Tag für Tag sich die neue Wahrheit zu erobern, hörte er nur einen Appell

zur gewaltsamen Aktion, die sie sogleich erzwingt!

Er führte Clerambault in zwei oder drei Kreise junger Intellektueller

revolutionärer Richtung ein. Sie waren nicht sehr zahlreich, in allen

Zusammenkünften begegnete man immer wieder den selben. Von Staats wegen

wurden sie überwacht, was ihnen eher mehr Bedeutung gab, als wenn das

nicht geschehen wäre. Elende Macht, bis an die Zähne bewaffnet, über

Millionen von Bajonetten, über eine Polizei und eine Justiz, beide

folgsam und zu allem bereit, verfügend, bist du dennoch stets furchtsam

und kannst es nicht ertragen, daß ein Dutzend freier Geister sich

versammelt, um über dich zu richten! Dabei hatten diese jungen Leute

durchaus nicht die Art von geheimen Verschwörern. Im Gegenteil, sie

taten alles mögliche, um verfolgt zu werden, aber ihre ganze Tätigkeit

beschränkte sich auf Worte. Was hätten sie auch anders tun können? Sie

waren isoliert von der großen Menge ihrer geistigen Gefährten, die die

große Maschine des Krieges aufsog, die die Armee verschlang und nur dann

zurückgab, wenn sie für sie unbrauchbar geworden waren. Was gab es denn

noch an europäischer Jugend im Hinterland? Abgesehen von den

Drückebergern, die sich nur allzuoft zu den traurigsten Diensten

mißbrauchen ließen und die anderen zum Kampfe hetzten, damit man

vergesse, daß sie selber nicht kämpften, setzten sich die Repräsentanten

der jungen Generation — _rari nantes_ —, die im Zivildienst verblieben

waren, nur aus gänzlich Kriegsuntauglichen zusammen, zu denen sich

allmählich die Schwerverwundeten wie Moreau gesellten. In diesen

verstümmelten und untergrabenen Körpern war die Seele gleich brennenden

Kerzen in einer Laterne mit zerbrochenen Fenstern: sie verzehrte sich,

sie züngelte und rauchte, ein Windstoß konnte sie auslöschen. Aber da

sie mit ihrem Leben nicht mehr rechneten, schlug die Glut daraus nur um

so höher.

Diese Seelen hatten übergangslose Stimmungen vom äußersten Optimismus

bis zum äußersten Pessimismus. Und diese heftigen Schwankungen des

Barometers entsprachen nicht immer dem Luftdruck der äußeren Ereignisse.

Der Pessimismus war nur zu leicht erklärlich. Erstaunlicher war aber der

Optimismus, für den man kaum hätte Vernunftsgründe finden können. Sie

waren ja nur eine Handvoll, die nichts tun konnte, gar keine Möglichkeit

zur Tat hatte, und jeder neue Tag schien ihre Gedanken sinnloser zu

machen. Aber je schlechter es stand, um so zufriedener schienen sie zu

sein. Sie besaßen einen Desperadooptimismus, jene tolle Gläubigkeit der

fanatischen und unterdrückten Minorität, die den Antichrist braucht,

damit der Christus wiederkehre. Sie erwarteten gerade aus den Verbrechen

der alten stürzenden Weltordnung die neue Weltordnung, und es war ihnen

gleichgültig, ob sie selbst dabei zugrunde gingen mit all ihren Träumen.

Diese jungen Unbedingten, die Clerambault kennen lernte, sahen ihr

Hauptziel darin, eine bloß teilweise Verwirklichung ihrer Träume

innerhalb der alten Ordnung zu verhindern. Alles oder nichts! Die Welt

zu verbessern, schien ihnen lächerlich. Entweder eine vollendete Welt,

oder sie soll zugrunde gehen. Dieser mystische Glaube an den großen

Umsturz, an eine Weltrevolution spukte gerade in jenen Fieberköpfen am

leidenschaftlichsten, die am wenigsten an die Träume der Religionen

glaubten.... Und dabei waren sie selber religiöser als alle Gläubigen

der Kirche.... O tolle irdische Rasse! Es ist immer derselbe Glaube an

das Absolute, der die Narren des Völkerkrieges, die Narren des

Klassenkampfes, die Friedensnarren in dieselbe Trunkenheit, in dieselbe

Vernichtung reißt! Fast möchte man glauben, daß die Menschheit, als sie

aus dem brennenden Schlamm der Schöpfung auftauchte, einen Sonnenstich

empfing, von dem sie nie geheilt ward und der sie von Zeit zu Zeit mit

solchen Fieberanfällen durchschüttelt.

Oder sind vielleicht diese Mystiker der Revolution Wegbereiter von

Verwandlungen, die in der Rasse keimen — vielleicht noch Jahrhunderte

keimen — und die vielleicht niemals aufblühen werden? Denn es gibt in

der Natur immer Tausende von schlummernden Möglichkeiten für eine

einzige Erfüllung innerhalb jener Frist, die unserer Menschheit zuteil

geworden ist.

Vielleicht ist es gerade das dunkle Gefühl dessen, was sein könnte und

doch nie sein wird, das manchmal dem revolutionären Mystizismus eine

andere, seltenere und tragischere Form gibt — den ekstatischen

Pessimismus, der fieberig zum Selbstopfer drängt. Wie viele dieser

Revolutionäre haben wir gekannt, die im geheimen von der

zerschmetternden Übermacht des Bösen, von der unausbleiblichen

Niederlage ihres Glaubens überzeugt waren und sich doch liebend

begeisterten für das besiegte Ideal — „... _sed victa Catoni_“ — und

für die Hoffnung, für es zu sterben, zu vernichten und vernichtet zu

werden. Wie viel tolle Glut hat die zerschmetterte Kommune, nicht durch

ihren Sieg, sondern durch die Art ihrer Zerschmetterung aufflammen

lassen! Es scheint, daß selbst in den Herzen der ärgsten Materialisten

ein Funke der ewigen Flamme, der mißhandelten, verleugneten und doch

immer neu bekundeten Hoffnung lebt, jenes unzerstörbaren Traumes aller

Unterdrückten von einer besseren jenseitigen Welt.

§

Diese jungen Leute nahmen Clerambault mit verehrungsvoller Zuneigung

auf. Sie versuchten, ihn ganz zu dem ihrigen zu machen, die einen, weil

sie in seinen Gedanken das zu lesen glaubten, was sie selber glaubten,

die anderen in der Überzeugung, dieser gute alte Bürger, für den das

Gefühl bisher der einzige, zwar edle aber unzulängliche Führer gewesen,

würde sich nun durch ihr gestrafftes Wissen überzeugen lassen und mit

ihnen bis an die äußersten logischen Konsequenzen ihrer Anschauungen

gehen. Clerambault setzte sich nur schwach zur Wehr, denn er wußte, daß

nichts in der Welt einen jungen Menschen überzeugen konnte, der sich

eben auf ein System festgelegt hat. In diesem Lebensalter ist jede

Diskussion vergebens. Etwas früher, in den vorausgehenden Jahren, wo der

Einsiedlerkrebs noch seine Schale sucht, kann man auf ihn wirken, und

dann wiederum später, wenn die Muschel abfällt oder schon, wenn sie ihn

in seinen Bewegungen stört. Aber solange das Kleid noch neu ist, gilt

nur eines: es ihm zu lassen, denn es ist ihm ja angepaßt. Wächst er es

aus oder wird es ihm zu groß, so drängt es ihn schon selbst, ein anderes

zu suchen. Nur keinen Zwang, aber sich auch von niemandem zwingen

lassen!

Niemand in diesem Kreise dachte, zum mindestens anfangs, daran,

Clerambault zu vergewaltigen. Aber seine Gedanken wurden manchmal ganz

seltsam nach dem Geschmack seiner Gäste verändert und seine Ideen hatten

eine höchst sonderbare Resonanz in ihrem Munde. Clerambault ließ seine

Freunde reden, er selbst sprach nicht viel, und wenn er dann nach Hause

kam, war er verwirrt und ein wenig ironisch.

„Sind das wirklich meine Gedanken?“ fragte er sich.

Wie ist es doch schwer, seine Seele anderen Wesen mitzuteilen.

Vielleicht unmöglich sogar. Und wer weiß — die Natur ist ja um so viel

klüger als wir — vielleicht ist es für uns gut so.

Seine Ideen vollständig aussprechen — kann man es überhaupt, soll man

es überhaupt? Langsam ist man zu ihnen gelangt, mit Mühe, auf dem Wege

vieler Prüfungen, und nun halten sie gewissermaßen die

Gleichgewichtsschwebe zwischen unseren inneren Elementen. Ändert man

diese Elemente, ihre Zusammensetzung und ihre Art, so ist die Formel

natürlich sofort ungültig und bringt ganz andere Wirkungen hervor.

Könnten wir unsere Gedanken plötzlich in ihrer Gänze auf einmal in einen

anderen Menschen hineinschleudern, so bestünde die Gefahr, daß er toll

würde, ja es gibt sogar Fälle, wo der andere, wenn er sie verstände,

daran sterben würde. Aber die weise Natur hat ihre Vorsichtsmaßregeln

getroffen. Der andere versteht uns nicht, er kann uns nicht verstehen.

Sein Instinkt wehrt sich dagegen. Er fühlt nur den Anstoß unserer Idee

gegen die seine, und wie auf dem Billard wird die Kugel wieder

weggestoßen, nur ist es hier weniger leicht vorauszusehen, gegen welche

Stelle der grünen Wand. Die Menschen hören nicht bloß mit dem reinen

Geist, sondern auch gleichzeitig mit ihren Leidenschaften und ihrem

Temperament. Von dem, was man ihnen gibt, nimmt sich jeder nur, was ihm

paßt und wirft den Rest zurück, und zwar aus einem dunkeln Instinkt der

Verteidigung. Die Vernunft tut sich nie einem neuen Gedanken sofort auf,

sie kontrolliert ihn gleichsam am Schalter, ehe sie ihn hereinläßt, und

sie läßt nur das herein, was ihr genehm ist. Was hat man aus den hohen

Gedanken eines Jesus und eines Sokrates gemacht! Zu ihrer Zeit hat man

sie getötet, um dann zwanzig Jahrhunderte später aus ihnen Götter zu

machen, was ja nur eine andere Form ist, sie noch einmal zu töten; denn

man wirft damit ihren Gedanken ins Himmelreich zurück. Würde man ihn

sich in dieser unserer irdischen Welt verwirklichen lassen, so wäre ihr

Ende gekommen. Das wußten sie selbst, und das Größte ihrer Seele ist

vielleicht nicht, was sie ausgesprochen, sondern was sie verschwiegen

haben. Wie pathetisch ist doch die Beredsamkeit des Schweigens bei

Jesus, wie schön der Schleier über den antiken Symbolen und uralten

Mythen, um die schwachen und furchtsamen Augen zu schonen! Allzu oft ist

das Wort, das für einen das Leben bedeutet, für den anderen der Tod

oder, was noch ärger ist, der Mord.

Was also tun, wenn man die Hände voll hat mit Wahrheiten? Soll man die

Saat im vollen Wurfe ausstreuen? Aber dem Samen des Gedankens kann

Unkraut oder Gift entwachsen!....

Vorwärts! Zage nicht! Du bist nicht der Herr des Schicksals, aber du

bist auch selbst Schicksal, du bist eine seiner Stimmen. So sprich! Das

ist die dir zugeteilte Aufgabe! Sag alles, was du denkst, aber sage es

mit Güte! Sei wie eine gute Mutter, der es nicht gegeben ist, aus ihren

Kindern vollkommene Menschen zu machen, sondern nur zu versuchen, sie

geduldig zu unterrichten, damit sie es werden, wenn sie es selber werden

wollen. Man kann andere nicht gegen ihren Willen oder ohne ihre Mithilfe

befreien. Und selbst wenn dies möglich wäre, was hätte es für einen

Sinn? Denn wenn sie sich nicht selbst befreien, fallen sie schon morgen

wieder in ihre Sklaverei zurück. Man muß ein Beispiel geben und sagen:

„Hier ist der Weg! Seht, man kann sich befreien!“

§

Trotz all seinen Bemühungen, männlich zu handeln und die Folgen seines

Tuns den Göttern zu überlassen, war es doch ein Glück für Clerambault,

daß er nicht die ganze Tragweite seiner Ideen überblickte. Denn seine

eigentliche Absicht war ja, ein Reich des Friedens zu gründen, in

Wirklichkeit aber wirkte seine Idee wohl in beträchtlichem Maße an der

Entfesselung des sozialen Kampfes mit. So paradox es scheint, es ist

dies das Schicksal jedes wahren Pazifismus, weil er eine Verurteilung

des Gegenwärtigen bedeutet.

Aber Clerambault war sich im unklaren darüber, daß gefährliche Mächte

eines Tages sich auf ihn berufen würden. Und in einer seltsamen

Gegenwirkung auf die Gewalttätigkeit dieser jungen Leute arbeitete sich

sein Geist gerade unter ihnen immer mehr zu einer gewissen Harmonie

durch. Je weniger jene — sie unterschieden sich darin gar nicht von

vielen Nationalisten, die sie bekämpften — auf das Leben gaben, um so

höher schätzte er es für seinen Teil. Jenen war die Idee fast durchweg

wichtiger als das Leben. (In diesem Wahn erblickt ja die allgemeine

Meinung eine Größe der Menschheit.)

Dennoch fühlte sich Clerambault sehr beglückt, unter ihnen auch einen

Menschen zu finden, der das Leben um des Lebens willen liebte. Es war

ein Kamerad Moreaus namens Gillot, schwer verwundet wie jener, und in

seinem Zivilberufe Zeichner in einer Fabrik. Ein Geschoß hatte ihn von

oben bis unten mit Splittern übersät. Er hatte ein Bein verloren und

sein Trommelfell war gesprengt. Aber Gillot wehrte sich mit mehr Energie

gegen das Schicksal als Moreau. In den lebhaften Augen dieses kleinen

dunkelbraunen Burschen brannte trotz allem eine Flamme der Heiterkeit.

Er war ganz einig mit Moreau in der Verurteilung der Sinnlosigkeit des

Krieges und der Verbrechen der modernen Gesellschaft, sie hatten

dieselben Dinge und dieselben Menschen gesehen, aber mit verschiedenen

Augen. Und es kam oft zu Diskussionen zwischen beiden.

„Ja“, sagte Gillot eines Tages, als Moreau gerade Clerambault eine

grauenhafte Erinnerung aus dem Schützengraben erzählte, „ja so war

es..., nur steckt noch etwas Ärgeres dahinter, nämlich, daß das alles

auf uns keinen, gar keinen Eindruck machte.“

Moreau protestierte empört.

„Auf dich vielleicht, und vielleicht auf zwei oder drei andere, da und

dort. Aber die große Masse!... Schließlich hat man bei den Dingen

überhaupt nichts mehr gefühlt.“

Und Gillot fuhr rasch fort, um einen neuen Protest Moreaus im voraus zu

unterdrücken:

„Ich sage das ja nicht, mein Lieber, um etwas aus uns zu machen — dazu

ist ja wahrhaftig kein Anlaß. Ich sage es nur, weil es eben so ist....

Sehen Sie (er wendete sich jetzt an Clerambault), die Leute, die von

dort zurückkommen und die das in Büchern erzählen, die sagen ja

wirklich, was sie fühlen. Aber diese Leute fühlen eben viel mehr als die

meisten Sterblichen, weil sie Künstler sind. So einen reizt eben alles

in den Nerven auf. Unsereins ist abgebrüht, und wenn ich jetzt daran

denke, scheint mir diese Fühllosigkeit das Ärgste von allem. Wenn Sie

hier eine von den Geschichten lesen, die Ihnen die Haare zu Berge stehen

lassen oder bei denen sich Ihnen der Magen umdreht, so fehlt noch immer

die Pointe daran: nämlich, daß ein paar Burschen dort vorne stehen, ihre

Pfeife rauchen, Witze reißen oder an etwas anderes denken. Und das ist

ja nötig, denn sonst krepierte man ja.... Der Mensch hat eben eine

grauenhafte Fähigkeit, sich an alles anzupassen.... Ich glaube, er würde

ganz gut in einer Düngergrube gedeihen. Es ist ja wahr, man kann ein

Grausen vor sich kriegen, aber ich, der ich da zu Ihnen rede, ich bin

selbst so gewesen. Ich habe nicht, wie es der Kleine da tut, meine Zeit

damit verbracht, herumzusinnieren. Wie alle Welt, fand ich das, was ich

zu tun hatte und tun mußte, blödsinnig. Aber da das ganze Leben eben

blödsinnig ist — ich habe doch recht? —, so tat man eben, was man tun

mußte, tat, soviel eben nötig war und wartete, bis es aufhörte....

Wartete auf irgendein Ende, auf dieses oder jenes, auf das meines

Kadavers oder das des Krieges. Irgend etwas mußte ja doch einmal zu Ende

sein... Zwischendurch hat man eben gelebt, geschlafen, gefressen,

geschissen, Verzeihung, — aber man muß die Wahrheit sagen — und wenn

Sie, mein Herr, den Grund von dem allen wissen wollen — der Grund ist

eben, daß man das Leben nicht liebt. Ja, man liebt es nicht genug. Sie

haben sehr recht, wenn Sie in einem Ihrer Aufsätze sagen, es ist

wundervoll, das Leben. Aber jetzt sind nicht eben sehr viele, die danach

aussehen, als ob sie das glauben würden, zumindest unter denen, die

wirklich wach leben. Eher schon unter jenen, die schlafen und auf den

letzten großen Schlaf warten. Die sagen sich: „So liegt man wenigstens

schon und braucht sich nicht mehr zu rühren.“ Nein, man liebt es nicht

genug, das Leben, man lehrt es uns ja auch nicht, es zu lieben, im

Gegenteil, man tut alles, was man kann, um es uns widerlich zu machen.

Von Kindheit an singt man uns Lobpreisungen auf den Tod, auf die

Schönheit des Todes oder einen Hymnus auf die, die schon gestorben sind.

Die Geschichte, der Katechismus, der „Heldentod für das Vaterland“!

Pfaffen und Patrioten blasen es in einem Atem, und schließlich wird

einem das Leben selber ekelhaft. Man möchte sagen, es geschieht heute

das Möglichste, um es einem so dreckig als möglich erscheinen zu lassen.

Nirgends eine eigene Initiative mehr, alles Mechanismus, und dabei nicht

einmal Ordnung: keiner leistet mehr ganze Arbeit, jeder nur Stückwerk,

und man weiß gar nicht mehr, was für einen Sinn es hat, und meist hat es

auch gar keinen Sinn. Es ist ein verdammtes Durcheinander, von dem man

nicht einmal etwas hat. Wie ein Hering ist man irgendwo eingepackt und

hingeschmissen. Man weiß nicht, warum man lebt. Man lebt und kommt nicht

weiter. Vor grauen Tagen haben, so sagt man, die Großväter für uns die

Bastille erstürmt, und jetzt tun diese Lumpen, die das Heft in der Hand

haben, so, als gäbe es für uns nichts mehr zu tun, als wäre schon das

Paradies auf Erden fertig. Steht es denn nicht auf allen unseren

Denkmälern geschrieben? Und doch weiß man, daß es nicht wahr ist, daß

irgend ein anderer Sturm sich vorbereitet, eine andere Revolution....

Freilich! Jene von damals ist so schlecht gelungen! Und alles ist so

unklar... Nein, man hat kein Vertrauen, man sieht nicht, wohin man geht,

es ist keiner da, der uns über diesem Kot und Sumpf irgend etwas Schönes

und Hohes zeigt.... Ja, sie tun alles, was sie können, jetzt, um uns in

Schwung zu bringen: Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit.... Aber der

Schwindel zieht nicht mehr.... Man kann zwar dafür sterben, dazu sagt

man niemals nein... aber leben, das ist etwas anderes.“

„Und nun?“ fragte Clerambault.

„Ah, jetzt, jetzt, wo man nicht mehr zurück kann, jetzt denke ich immer

nur: Wenn man noch einmal von vorne anfangen könnte.“

„Und wann hat sich das Gefühl bei Ihnen so geändert?“

„Das ist das Tollste! Sofort nach meiner Verwundung. Kaum war ich mit

einem Bein aus dem Leben draußen, so wollte ich schon wieder ins Leben

zurück. Wie schön es doch eigentlich war — nur hatte man, Esel, der man

war, es nicht bemerkt.... Denken Sie, ich sehe mich noch, wie ich zum

erstenmal zum Bewußtsein kam, dort auf jenem Trümmerfeld, noch mehr

zerfetzt als die Leichen, die dort kunterbunt übereinander und

durcheinander, wie bei einem Kegelspiel, lagen. Die ganz besudelte Erde

schien selbst zu bluten. Es war vollkommen Nacht, und ich fühlte zuerst

nichts, als daß es mich fror. Ich lag ganz starr.... Welches Stück von

mir fehlte mir eigentlich? Ich hatte keine Eile, mit dem Nachsehen zu

beginnen, denn mir graute vor dem, was da zutage kommen könnte, und ich

wollte mich nicht rühren. Sicher war, daß ich noch lebte, vielleicht nur

noch einen Augenblick, aber ich gab verteufelt acht, diesen nicht zu

verlieren....

Ich sah am Himmel ein Raketensignal. Was es bedeutete, darum bekümmerte

ich mich nicht mehr. Aber wie es aufstieg, sich bog und die feurigen

Blumen dann ausschüttete — ich kann Ihnen nicht sagen, wie schön ich

das fand, ich sog es mit allen Sinnen ein.... Und auf einmal sah ich

mich als ganz kleines Kind, bei der Samaritaine am Ufer der Seine, an

einem Abend, wo es Feuerwerk gab, und ich sah dieses Kind, als ob es ein

anderes wäre, das mich amüsierte und mir leid tat. Und dann dachte ich,

daß es doch gut sei, in das Leben hineingepflanzt zu sein und zu wachsen

und irgendetwas, irgendjemand, gleichgültig wen, zu haben und ihn zu

lieben. Sehen Sie, das kam nur von dieser Rakete.... Dann kamen die

Schmerzen, ich begann zu brüllen, ich steckte wieder den Kopf in das

Loch hinein.... Dann kamen die Leute vom Hilfsplatz... ich hatte dort

kein gutes Leben, der Schmerz fraß mir wie ein Hund an den Knochen...

fast wäre es besser gewesen, dort im Loch geblieben zu sein... und

doch... selbst dort, und gerade dort... welches Paradies schien es mir,

noch einmal so leben zu können wie einst, nur zu leben, zu leben ohne

Schmerzen, so wie man jeden Tag lebte... Und man merkte es nicht! Ohne

Schmerzen... ohne Schmerzen... und leben!... Aber das ist ein Traum.

Wenn der Schmerz nur einen Augenblick aufhörte, wenn man nur eine Minute

Ruhe hatte und bloß den Geschmack der Luft auf der Zunge fühlte und den

Körper so leicht nach aller Qual.... Himmel, wie schön das war.... Und

so war früher das ganze Leben gewesen, und man hatte es nur nicht

bemerkt.... Mein Gott, wie dumm man ist, erst dann das alles zu

verstehen, wenn man’s nicht mehr hat. Und wenn man es dann endlich liebt

und um Verzeihung bittet, daß man’s nicht zu schätzen wußte, dann

antwortet einem das Leben: Zu spät!“

„Es ist nie zu spät“, sagte Clerambault.

§

Gillot verlangte nichts sehnlicher, als ihm zu glauben. Dieser gebildete

Arbeiter war für den Lebenskampf viel besser ausgerüstet als Moreau und

selbst als Clerambault. Nichts konnte ihn dauernd niederdrücken: fällt

man einmal hin, so steht man wieder auf. Man wird schon einmal Rache

dafür nehmen. In seinem tiefsten Herzen dachte er bei allen

Schwierigkeiten, die sich ihm in den Weg stellten: „Man wird’s schon

schaffen“, und war bereit, mit der einzigen Pfote, die ihm blieb, darauf

loszumarschieren, so weit es nottat, und je früher, je lieber. Denn auch

er, wie alle anderen, glaubte inbrünstig an die Revolution und reimte

sie mit seinem Optimismus zusammen, der den Umsturz von vornherein in

Milde vollendet sah. Er war ohne jede Gehässigkeit.

Und doch konnte man sich darauf nicht verlassen, denn in diesen Seelen

aus dem Volke sind viele Überraschungen versteckt. Sie sind zu leicht zu

verführen und jeder Veränderung geneigt... So hörte Clerambault eines

Tages, wie Gillot mit seinem Frontkameraden Lagneau, der gerade auf

Urlaub da war, davon sprach, alles krumm und klein zu schlagen, wenn die

Eingerückten wiederkämen und der Krieg zu Ende sei, oder vielleicht noch

früher.... Der Franzose aus dem Volk, der oft so bezaubernd, lebhaft und

munter ist und einen Gedanken, fast ehe man ihn noch ausgesprochen hat,

erfaßt — mein Gott, wie rasch vergißt er auch! Vergißt alles, was man

gesagt hat, was er selber gesagt hat, was er gesehen, geglaubt, gewollt

hat, und glaubt dabei immer dessen sicher zu sein, was er will, was er

sagt, sieht und glaubt. Vor Lagneau entwickelte Gillot ganz ruhig genau

die entgegengesetzten Ideen wie jene, die er gestern gegen Clerambault

verteidigt hatte, und nicht nur seine Ideen hatten sich verwandelt,

sondern auch gewissermaßen sein Temperament. Am Morgen war ihm nichts

wild genug gewesen für sein Bedürfnis nach Tat und Zerstörung, abends

träumte er wiederum von nichts anderem, als irgendwo ein kleines

Geschäft zu haben, dick zu verdienen, gut zu essen, ein paar Kinder

aufzuziehen und sich den Teufel um alles andere zu scheren. Obwohl diese

Leute sich in aller Aufrichtigkeit Internationalisten nannten, gab es

unter den Soldaten doch genug, die den alten französischen Rassenhochmut

— gar nicht bösartig aber fest verankert — gegenüber der ganzen

übrigen Welt hatten, ob sie mit ihnen verbündet oder ihr Feind war. Und

selbst in Frankreich mißachteten die Pariser die aus der Provinz, oder,

wenn sie selber aus der Provinz waren, Paris. Sie waren männliche,

offene Kerle, immer bereit, loszuschlagen wie Gillot, und sicher die

Rechten, um eine Revolution zu machen, sie zu zerstören und noch einmal

zu machen, aber dann gelangweilt das Ganze hinzuschmeißen als Beute für

den ersten besten Abenteurer, der gerade des Weges kommt. Und das wissen

die politischen Schleicher allzu gut. Sie wissen, die beste Taktik, die

Revolution zu töten, ist, wenn die Stunde gekommen ist, sie ruhig

vorbeigehen zu lassen und das Volk dabei zu amüsieren.

Und diese Stunde schien sehr nahe. Etwa ein Jahr vor dem Ende des

Krieges gab es in beiden Lagern einige Monate, einige Wochen, wo die

unermeßliche Geduld der gemarterten Völker zu schwinden und ein Schrei

loszubrechen drohte: „Genug!“ Zum erstenmal hatte sich unter ihnen die

Empfindung verbreitet, daß sie blutig genarrt würden, und man kann die

Erbitterung der Menschen aus dem Volke verstehen, wenn sie feststellten,

wie toll die Milliarden im Kriege ausgegossen wurden, während vor dem

Kriege ihre Herren wegen ein paar hunderttausend Franken für die soziale

Hilfe knauserten. Mehr als alle Reden besaßen gewisse Ziffern die

Fähigkeit, die Leute aufzureizen. Man hatte berechnet, daß im Kriege

ungefähr 75000 Franken verbraucht würden, um einen Menschen zu töten,

und man aus derselben Summe, die zehn Millionen Tote macht, zehn

Millionen Rentner hätte schaffen können. Selbst die Dümmsten wurden nun

des ungeheuerlichen Reichtums der Erde und der verbrecherischen

Verschwendung, die man damit trieb, gewahr, der schamlosen Verschwendung

für einen leeren Wahn. Und vor allem der schändlichsten Schändlichkeit:

daß von einem Ende Europas zum anderen an diesen Toten sich das

Geschmeiß der Kriegsgewinner und Leichenschänder dick fraß.

„Ah“, dachten die jungen Leute, „man rede uns nichts mehr vor vom Kampfe

der Demokratien gegen die Autokratien, es ist immer derselbe Schwindel.“

Überall hat der Krieg den Völkern die Schuldigen für die Rache kenntlich

gemacht: die herrschende Klasse, die erbärmliche, politische,

geschäftliche und geistige Bourgeoisie, die während eines einzelnen

Jahrhunderts der Allmacht mehr verbrach an Gewalttätigkeit, Ruinen und

Tollheiten, als in zehn Jahrhunderten die Geißel der Könige und der

Kirchen.

Und kaum, daß sie fern aus dem Walde die Hacke Lenins und Trotzkis,

dieser heroischen Holzhauer, hallen hörten, zitterten viele dieser

niedergepreßten Herzen von neuer Hoffnung. Mehr als einer in jedem Lande

bereitete schon damals sein Beil vor, um mit loszuschlagen — die

herrschende Klasse aber in beiden feindlichen Lagern, von einem Ende

Europas bis zum andern, sträubte sich gegen die gemeinsame Gefahr. Es

war keine besondere Verständigung nötig, damit sie sich untereinander in

diesem Punkte verstanden: hier sprach ihr Instinkt. Die bürgerlichen

Zeitungen der Gegner Deutschlands ließen stillschweigend dem Kaiser

freie Hand, um die russische Freiheit zu erdrosseln, weil sie die

soziale Ungerechtigkeit, von der sie alle gleicherweise lebten,

bedrohte. In der Tollwut ihres Hasses verbargen sie nur schlecht ihre

Freude, als sie sahen, wie der preußische Militarismus, das Untier, das

sich dann gegen sie selbst wenden sollte, sie an diesen großen Empörern

rächte. Aber gerade dadurch entflammte sich in den großen Massen der

Leidenden und bei den kleinen Gruppen der Unabhängigen eine glühende

Bewunderung für jene Ausgestoßenen, die dem ganzen Weltall Schach boten.

Es kochte im Kessel. Um seine Kraft zu ersticken, hatte ihn die

Regierung hermetisch verschlossen und sich selbst daraufgesetzt. Die

blödsinnige Bourgeoisie aber, die am Ruder war und ständig noch neues

Feuer unter dem Kessel entzündete, war verwundert über das dumpfe

gefahrdrohende Grollen. Sie schob diese Revolte der Elemente dem bösen

Geist einiger freier Sprecher in die Schuhe, oder geheimnisvollen

Intrigen, oder dem feindlichen Geld, oder den Pazifisten. Und sie sah

nicht ein, was ein kleines Kind gesehen hätte, nämlich daß man vor

allem, um die Explosion zu verhindern, das Feuer löschen mußte. Der Gott

aller dieser Mächte, wie immer sie sich nannten, ob Kaiserreich oder

Republik, war doch die Faust, die Kraft, mochte sie sich noch so

verschleiern und überpudern. Innen blieb die harte, selbstsichere

Gewalttätigkeit. Und in natürlichem Rückstoß wurde der Glaube an die

Gewalt auch das Evangelium der Unterdrückten. So entstand ein dumpfer

unterirdischer Kampf zwischen sich entgegenarbeitenden Druckwirkungen.

Wo das Metall verbraucht war — zunächst in Rußland — explodierte der

ganze Kessel. Wo der Deckel nicht so streng niedergehalten wurde — wie

in den neutralen Ländern — fuhr zischend der heiße Dampf aus. In den

kämpfenden Ländern, auf denen die Unterdrückung lastete, herrschte eine

trügerische Stille, die dem Unterdrücker recht zu geben schien. Dort

waren sie ebenso wie gegen den Feind auch gegen ihre Mitbürger

gepanzert, denn die Kriegsmaschine war nach beiden Seiten hin, nach vorn

und nach rückwärts, drohend aufgestellt. Der Verschluß aus härtestem

Stahl schien noch gut zu schließen, die Schrauben preßten ihn eisern an,

so daß es unmöglich war oder schien, daß er jemals aufging. Es sei denn,

daß plötzlich alles in die Luft flöge.

Clerambault, nicht minder unter die furchtbare Schraube gepreßt als die

anderen, sah ringsum die Revolte sich vorbereiten. Er begriff sie, er

hielt sie sogar für unvermeidlich. Aber deshalb liebte er sie noch

nicht. Er fand sich nicht ab mit der bequemen „_amor fati_“. Ihm genügte

es, zu verstehen. Aber keine Tyrannei schien ihm ein Recht auf Liebe zu

haben.

§

Die jungen Leute aber verweigerten ihr die ihre durchaus nicht und waren

erstaunt, daß Clerambault so wenig Begeisterung für das neue Idol aus

dem Norden zeigte, für die Diktatur des Proletariats. Sie hielten sich

nicht lange bei vorsichtigen Bedenken und halben Maßregeln auf, um die

Welt glücklich zu machen — auf ihre Art, wenn nicht auf die seine —,

sie diktierten gleich im ersten Anlauf die Unterdrückung jeder Freiheit,

die ihrer Idee von Freiheit entgegengesetzt wäre. Die abgesetzte

Bourgeoisie sollte des Versammlungsrechtes, des Stimmrechtes, des

Rechtes der öffentlichen Meinungsäußerung beraubt werden.

„Schön“, sagte Clerambault, „aber dann wird sie das neue Proletariat

werden. Dann ändert nur die Gewalt ihren Posten.“

„Aber das wird nur eine Zeitlang dauern. Wir werden die letzte

Unterdrückung sein, die eben die Unterdrückung in alle Ewigkeit töten

wird.“

„Ja, immer der Krieg für Recht und Freiheit; immer der letzte Krieg, der

den Krieg für alle Zeiten töten soll. Aber er befindet sich bisher recht

wohl, und das Recht wie die Freiheit bekommen dabei ihre Fußtritte.“

Sie protestierten unwillig gegen den Vergleich. Sie sahen im Krieg, und

an denen, die ihn führten, nur Gemeinheit.

„Und doch“, sagte Clerambault sanft, „haben eine ganze Reihe von euch

mitgetan und fast alle daran geglaubt.... Nein, nein, protestiert nicht!

Auch in dem Gefühl, das euch damals dazu trieb, war etwas Edles. Man

zeigte euch ein Verbrechen, und ihr seid darauf losgegangen, um es zu

vernichten. Euer Eifer war wundervoll. Nur habt ihr geglaubt, es gäbe

nur dieses eine Verbrechen, und hätte man das aus der Welt geschafft, so

würde sie unschuldig und rein sein wie im goldenen Zeitalter. Die selbe

seltsame Naivität ist mir schon in der Zeit der Dreyfusaffäre

aufgefallen. Damals war es so, als ob alle anständigen Leute Europas

(ich gehörte auch dazu) noch nie gehört hätten, daß bisher jemals ein

Unschuldiger ungerechter Weise verurteilt worden sei. Ihr ganzes Leben

war von dieser Erkenntnis einfach umgestürzt, und sie setzten das

Weltall in Bewegung, um diesen Flecken auszutilgen.... Mein Gott, als

die Wäsche fertig war — eigentlich wurde sie ja nicht einmal fertig,

denn die Wäscher wurden müde mitten in der Arbeit und der Reingewaschene

selbst auch — nun, da war die ganze Welt genau so schmutzig wie vorher.

Es scheint eben, daß der Mensch nicht fähig ist, die Gesamtheit des

menschlichen Elends mit seinem Blick zu umfassen. Er hat zu viel Angst,

die Ungeheuerlichkeit des Bösen zu sehen, und um davon nicht ganz

niedergeschmettert zu sein, sucht er sich immer irgendeine einzelne

Sache aus, lokalisiert in ihr das ganze Böse der Welt und hütet sich,

auf alles andere zu schauen. Das alles, meine Freunde, ist mir

verständlich, weil es menschlich ist. Aber man muß eben mehr Mut haben.

In Wirklichkeit ist das Böse überall, beim Feinde sowohl, wie bei uns

selbst. Ihr habt es allmählich in unserem Staatswesen entdeckt und jetzt

wendet ihr euch mit der gleichen Leidenschaft, die früher alles Böse nur

im Feinde sah, gegen die Regierungsformen, deren Fehler euch aufgegangen

sind. Erst wenn ihr einmal erkennen werdet, daß diese Fehler auch in

euch sind — und das ist zu befürchten, nach den Erfahrungen aller

Revolutionen, die immer leidenschaftlich geworden sind, und in denen

jene, die das Recht bringen wollten, schließlich, ohne es selbst recht

zu verstehen, ihre eigenen Hände und ihr Herz beschmutzt fanden —, dann

werdet ihr euch mit einer düsteren Verzweiflung gegen euch selbst

wenden.... Ihr großen Kinder, wann werdet ihr es euch abgewöhnen, gleich

das Absolute zu wollen.“

Sie hätten ihm darauf antworten können, man müsse das Absolute wollen,

um das Wirkliche zu erreichen. Für den Gedanken könne es Nuancen geben,

aber die Tat dulde keine. Clerambault solle sich zwischen ihnen oder

ihren Gegnern entscheiden! Hier gebe es keine Zwischenmöglichkeit.

Und Clerambault verstand dies. Auf dem Feld der Tat gibt es keine andere

Wahl. Dort ist alles vorausbestimmt. Ebenso wie der ungerechte Sieg mit

notwendiger Gewißheit die Revanche erzeugt, die dann wieder ihrerseits

ungerecht sein wird, so führt die kapitalistische Unterdrückung zur

proletarischen Revolution, die dann wieder nach ihrem Vorbild

unterdrückt werden wird. Es ist eine Kette ohne Ende, in der eine eherne

Dike waltet, die eine klare Vernunft erkennt und sogar als ein

Weltgesetz ehren kann. Aber das Herz weigert sich, diese Gesetze

anzuerkennen, sich ihnen zu unterwerfen, denn seine Aufgabe ist es ja,

das Gesetz des ewigen Krieges zu zerbrechen. Wird es ihm jemals

gelingen? ... Wer weiß? Jedenfalls ist eines gewiß, daß dieses Hoffen,

dieses Wollen des Herzens außerhalb der gewöhnlichen Ordnung steht, daß

es aus einer überirdischen, aus einer geradezu religiösen Welt stammt.

Aber Clerambault, der davon durchdrungen war, wagte noch nicht, sich

dies einzugestehen. Oder er wagte zum mindesten nicht, das Wort

„religiös“ auf sich zu beziehen, das Wort, das die Religionen von heute

— die so wenig religiösen — diskreditiert haben.

§

Hatte Clerambault also selbst noch nicht volle Klarheit in sein Denken

gebracht, so war es für seine Freunde noch schwieriger, sich in seiner

Weltauffassung auszukennen. Und wäre ihnen selbst Gelegenheit dazu

geboten gewesen, sie übersichtlich zu erfassen, so hätten sie sie doch

nie verstanden. Sie konnten es nicht ertragen, daß ein Mann, der so

energisch den momentanen Zustand der Dinge als schlecht und mörderisch

verurteilte, trotzdem nicht ihre radikalsten Maßnahmen billigte, um

diesen Zustand aus der Welt zu schaffen. Von ihrem Gesichtspunkt,

demjenigen der sofortigen Aktion, hatten sie nicht unrecht. Aber das

Feld des Geistigen ist viel weiter; seine Kämpfe spielen sich in

größeren Räumen ab und verzetteln sich nicht in blutigen Plänkeleien.

Clerambault erkannte das ewige Axiom der Tat „Der Zweck heiligt die

Mittel“ nicht an, selbst nicht unter der Voraussetzung, daß diese von

seinen Freunden gepriesene Kampfmethode die erfolgreichste sei. Er war

im Gegenteil der Meinung, daß die Mittel für den wirklichen Fortschritt

von höherer Wichtigkeit seien als die Ziele. Denn Ziele ... gibt es denn

wirklich ein endgültiges Ziel?

Diese allzu umfassende und verschwommene Art des Denkens erbitterte aber

die jungen Menschen und bestärkte sie in jener gefährlichen Abneigung

gegen die Intellektuellen, die sich seit fünf Jahren bei der arbeitenden

Bevölkerung herausgebildet hatte. Sicherlich hatten die Intellektuellen

nichts Besseres verdient, denn wie weit waren die Zeiten, wo die

Geistigen an der Spitze der Revolutionen standen! Jetzt schlossen sie

sich mit allen reaktionären Kräften zusammen, und selbst die

verschwindend kleine Zahl derer, die sich außerhalb des Clans gehalten

hatten und seine Irrtümer tadelten, zeigte sich, wie Clerambault,

unfähig, auf ihren Individualismus zu verzichten, der sie einmal

gerettet und nun zu Gefangenen gemacht hatte. Kaum hatten nun die

Revolutionäre die Unfähigkeit selbst der Besten erkannt, sich den neuen

Massenbewegungen einzuordnen, so gingen sie einen Schritt weiter und

proklamierten den Niedergang der Intellektuellen. Der Stolz der

Arbeiterklasse, der sich schon in Artikeln und Reden äußerte,

ungeduldig, sich wie in Rußland bald in Taten manifestieren zu können,

dieser Stolz verlangte, daß die Intellektuellen sklavisch ihren

proletarischen Herren gehorchten. Das Seltsamste dabei war, daß einige

unter den Intellektuellen selbst am leidenschaftlichsten diese

Erniedrigung ihres Standes verlangten — sie hätten gern damit glauben

gemacht, daß sie nicht mehr dazu gehörten und vergaßen es sogar

selbst.... Moreau freilich vergaß es nicht. Aber nur mit noch größerer

Bitterkeit verabscheute er die Klasse, deren Nessushemd ihm auf der Haut

brannte. Seine Erbitterung war ohne Maß.

Er trug jetzt gegen Clerambault seltsam aggressive Gefühle zur Schau. Er

unterbrach ihn in der Diskussion ohne jede Höflichkeit, mit einer

gewissen Art ironischer und gereizter Schärfe, daß man oft das Gefühl

hatte, er wolle ihn bewußt verletzen.

Clerambault nahm es ihm nicht übel. Er war voll Mitleid mit ihm, denn er

wußte, daß Moreau litt, und konnte sich die Bitterkeit eines

hingeopferten jungen Lebens gut vorstellen, dem die sittliche Nahrung,

die für einen fünfzigjährigen Magen gehört — Geduld und Resignation —

nicht recht munden wollte.

Eines Abends, als sich Moreau gegen Clerambault besonders unangenehm

gezeigt hatte und doch ihn durchaus nach Hause begleiten wollte,

gleichsam als könnte er sich nicht entschließen, ihn zu verlassen, und

als er da vor sich hinschweigend und verschlossen an seiner Seite

schritt, blieb Clerambault einen Augenblick stehen und sagte, indem er

freundschaftlich seinen Arm nahm, lächelnd:

„Mein armer Junge, dir geht es wohl nicht gut?“

Moreau war verdutzt, raffte sich zusammen und fragte trockenen Tones,

woran man denn merken könnte, daß „es nicht gut ginge“.

„Nun daran, daß Sie so bösartig waren heute abend“, antwortete

Clerambault gutmütig.

Moreau protestierte.

„O doch! Was für Mühe haben Sie sich gegeben, um mir weh zu tun: Ja,

doch, ein wenig, nur ein ganz klein wenig.... Ich weiß es sehr gut, daß

Sie es nicht ganz ernstlich wollen, aber wenn ein Mensch wie Sie einen

andern leiden machen will, so ist das ein Zeichen, daß er selber

leidet.... Habe ich nicht recht?“

„Verzeihen Sie mir“, sagte Moreau, „es ist wahr. Mir tat es weh, zu

sehen, daß Sie nicht an unsere Aktion glauben.“

„Und Sie selbst?“ fragte Clerambault.

Moreau verstand nicht.

„Und Sie selbst“, wiederholte Clerambault, „glauben Sie denn daran?“

„Und ob ich daran glaube“, rief Moreau entrüstet.

„Aber nein“, sagte Clerambault ganz sanft.

Moreau war nahe daran, zornig auszubrechen. Dann sagte er nachgiebiger:

„Doch, durchaus!“

Clerambault war weitergegangen.

„Nun gut“, sagte er, „das ist ja Ihre Sache, Sie müssen ja besser wissen

als ich, was Sie eigentlich glauben.“

Sie gingen nebeneinander her, ohne zu sprechen. Nach einigen Minuten

faßte Moreau Clerambault am Arm und sagte:

„Wieso konnten Sie das wissen?“

Sein Widerstand war gebrochen. Er enthüllte die Verzweiflung, die sich

unter seinem aggressiven Willen zur Gläubigkeit und zur Tat verbarg.

Innerlich war er von Pessimismus zerfressen, der ja immer eine

natürliche Folge jedes in seinen Illusionen schmerzhaft enttäuschten,

übermäßigen Idealismus ist. Die religiöse Seele von einst war ganz

ruhevoll: sie stellte das Gottesreich hinüber in ein Jenseits, das kein

irdisches Geschehnis erreichen oder zerstören konnte. Aber die religiöse

Seele von heute, die das Gottesreich mitten in unsere Welt stellen will

und es auf dem Grunde der menschlichen Vernunft und der Liebe aufbaut,

die wird lebensüberdrüssig, sobald das Leben ihren Traum einstürzen

läßt. Es gab Tage, wo Moreau sich am liebsten die Adern aufgeschnitten

hätte! Die Menschheit schien ihm wie eine faulende Frucht, voll

Verzweiflung sah er den Zusammenbruch, den Untergang, die Niederlage,

die von allem Anfang im Schicksal der menschlichen Rasse wie ein Wurm in

der Frucht eingesponnen sitzt, und er konnte die Idee dieses unsinnigen

und tragischen Schicksals, dem die Menschen nie entrinnen werden, nicht

ertragen. Wie Clerambault fühlte er in seinen Adern das Gift des Wissens

und der Vernunft; aber indes Clerambault die Krise überstanden hatte und

die Gefahr nur in der Zügellosigkeit des Geistes sah und nicht schon in

seinem Wesen, war Moreau von der Vorstellung besessen, die Vernunft sei

selbst schon von Gift durchtränkt. Seine krankhaft erregte Phantasie

erschöpfte sich selbstquälerisch in immer neuen Vorstellungen, sie

zeigte ihm die Menschheit mit dem unauslöschlichen Brandmal der

Krankheit ihrer Geistigkeit behaftet. Im vorhinein sah er alle

Möglichkeiten von Katastrophen, denen sie zudrängte. Sah man denn nicht

schon das tragische Schauspiel, wie die Vernunft vor Hochmut taumelte

angesichts der ihr von der Wissenschaft ausgelieferten Gewalten,

angesichts jener Dämonen der Natur, die ihr durch die magische Formel

der Chemie untertan waren, und wie sie in Verwirrung über die zu rasch

überhandnehmende Macht diese zu ihrem eigenen Selbstmord mißbrauchte?

Aber Moreau war zu jung, um unter dem Druck solcher Wahnvorstellung zu

verbleiben. Man mußte etwas tun, etwas tun um jeden Preis, um nicht

allein mit dieser Vision zu bleiben.

„Nein, hindern Sie uns nicht an der Tat! Im Gegenteil, feuern Sie uns

dazu an!“

„Mein Freund“, sagte Clerambault, „man darf die anderen nur dann zu

einer gefährlichen Tat ermutigen, wenn man selber mittut. Mir sind die

Aufhetzer, selbst wenn sie aufrichtig sind, unerträglich, all jene, die

andere treiben, Märtyrer zu werden, ohne selbst das Beispiel zu geben.

Es gibt nur einen Typus des wahrhaft heiligen Revolutionärs: das ist der

Gekreuzigte. Aber nur sehr wenige Menschen sind für die Aureole des

Kreuzes geboren. Der Hauptfehler besteht darin, sich selbst

übermenschliche und unmenschliche Pflichten zu setzen. Es ist ungesund

für die Mehrheit der Menschen, sich zum Übermenschen erheben zu wollen,

und vielleicht für sie selbst nur eine Quelle unnützer Qualen. Aber

jeder Mensch kann trachten, in seinem kleinen Kreise das innere Licht

auszustrahlen, Ordnung, Frieden und Güte. Und das ist das wahre Glück.“

„Aber das genügt mir nicht“, sagte Moreau. „Das läßt zuviel Raum für den

Zweifel. Alles oder nichts.“

„Ja, eure Revolution hat keinen Raum für den Zweifel. Für euch heiße und

harte Herzen, für euch geometrische Gehirne heißt es: alles oder nichts.

Nur keinen Übergang! Aber, was wäre das Leben ohne Übergänge? Sind sie

denn nicht seine Schönheit und seine Güte? Eine zerbrechliche Schönheit

freilich, eine kraftlose Güte, überall Schwäche und Hunger nach Liebe.

Man muß lieben, man muß helfen, Tag für Tag und Schritt für Schritt. Die

Welt verwandelt sich nicht mit einem Schlag und niemals ganz, weder

durch Gewaltstreiche, noch durch Gnadenstöße. Aber Sekunde für Sekunde

geht sie ins Unendliche hinüber, und der schlichteste Mann, der das

fühlt, hat Teil an der Unendlichkeit. Nur Geduld! Eine einzige

Ungerechtigkeit, die man beseitigt, erlöst noch nicht die Menschheit,

aber sie verklärt einen Tag. Und es werden andere kommen und andere

Verklärungen, und jeder Tag bringt seine Sonne. Möchten Sie das

verhindern?“

„Wir können nicht warten“, sagte Moreau. „Wir haben keine Zeit. Jeder

Tag, den wir leben, stellt uns Probleme, die uns ganz aufzehren und die

wir sofort lösen müssen. Wenn wir sie nicht beherrschen, werden wir

ihnen untertan. Wir, damit meine ich nicht so sehr unsere Personen, wir

sind ja schon Hingeopferte. Aber alles, was wir lieben, was uns noch dem

Leben verbindet: die Hoffnung auf die Zukunft, das Heil der

Menschheit.... Fühlen Sie doch, wie diese quälenden Fragen um aller

Zukünftigen willen uns bedrücken, um aller, die Kinder haben. Dieser

Krieg ist ja noch nicht zu Ende, und es ist nur allzu klar, daß er durch

seine Verbrechen und seine Lügen neue, nahe Kriege heraufbeschwört.

Wofür zieht man Kinder auf? Wofür wachsen sie heran? Vielleicht für

ähnliche Schlächtereien? Welcher Ausweg ist da möglich? Man hat rasch

ihre ganze Reihe erschöpft.... Man könnte diese toll gewordenen

Nationen, diese närrischen alten Kontinente verlassen und auswandern,

aber wohin? Gibt es denn irgendwo auf dem Erdball noch fünfzig Joch

Erde, die den freien anständigen Menschen Unterschlupf gewähren? Oder

eine Wahl treffen? Sie sehen wohl, man muß sich entscheiden. Entweder

für die Nation oder für die Revolution. Was bleibt denn sonst noch? Das

Nichtwiderstreben gegen das Übel? Scheint Ihnen das wünschenswert? Das

hat doch nur einen Sinn, wenn man gläubig ist, religiös gläubig, sonst

wäre es nur die Resignation von Schafen, die sich hinschlachten lassen.

Aber die meisten, leider Gottes, entscheiden sich für nichts und ziehen

es vor, gar nicht zu denken, schauen krampfhaft von der Zukunft weg und

lügen sich vor, daß das, was sie gesehen und gelitten haben, nun für

ewige Zeiten vorüber sei ... Darum müssen wir für jene eine Entscheidung

fällen, ob sie wollen oder nicht, sie nach vorwärts treiben, sie retten

gegen ihren eigenen Willen. Die Revolution, das sind immer nur einzelne

Menschen, die für die ganze Menschheit etwas wollen.“

„Mir paßte es nicht sehr“, antwortete Clerambault, „wenn jemand anderer

für mich wollte, und ebensowenig, für einen anderen zu wollen. Ich

möchte lieber jedem helfen, frei zu sein, und selbst der Freiheit keines

anderen Menschen im Wege stehen. Aber ich weiß, ich verlange zuviel.“

„Sie verlangen das Unmögliche“, sagte Moreau. „Wenn man einmal beginnt,

zu wollen, darf man nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Es gibt nur

zwei Arten Menschen: diejenigen, welche zuviel wollen — Lenin und alle

Großen (es gibt ihrer wohl kaum mehr als zwei Dutzend in der ganzen

Weltgeschichte) und dann die anderen, die zu wenig wollen, die das

Wollen nicht verstehen. Das ist der große Rest, das sind wir, das bin

ich selbst.... Sie haben es nur zu gut erkannt.... Mein ganzer Wille

kommt nur aus Verzweiflung.“

„Warum denn verzweifeln?“ sagte Clerambault. „Das Schicksal des Menschen

formt sich jeden Tag und keiner kennt es. Unser Schicksal ist das, was

wir sind. Sind wir mutlos, so entmutigen wir es.“

Aber Moreau sagte niedergeschlagen:

„Nein, wir werden nicht stark genug sein, wir werden nicht stark genug

sein.... Glauben Sie, ich wüßte nicht, was für lächerlich geringe

Erfolgsaussichten bei uns jetzt die Revolution hat? Jetzt, in der

gegenwärtigen Zeit, nach den Verwüstungen, der ökonomischen Vernichtung,

der Demoralisation, der tödlichen Müdigkeit, nach all diesen Dingen, die

von den vier Kriegsjahren verschuldet sind?“

Und er fügte das Geständnis bei:

„Ich habe schon das erstemal gelogen, als ich Sie sah, als ich

behauptete, alle meine Kameraden fühlten so stark wie wir das Leiden und

die Erbitterung darüber. Gillot hat Sie richtig belehrt: wir sind nur

ganz wenige. Die anderen sind meistens gute Kerle, aber schwache,

schwache Naturen ... Sie beurteilen die Dinge ziemlich richtig, aber

statt mit dem Kopf gegen die Mauer zu rennen, ziehen sie vor, lieber gar

nicht daran zu denken und sich mit Ironie schadlos zu halten. Ach,

dieses französische Lachen, das ist unser Reichtum und auch unser

Untergang! Es ist ja so schön, aber eine wie gute Handhabe für alle

Unterdrücker. „Mögen sie Spottlieder singen, wenn sie nur ihre Steuern

zahlen“, sagte jener Italiener, und bei uns heißt es: „Mögen sie lachen,

wenn sie nur sterben.“ Dazu kommt noch diese furchtbare

Anpassungsfähigkeit, von der Gillot zu Ihnen sprach. Man kann den

Menschen zu den tollsten und qualvollsten Lebensbedingungen treiben —

wenn sie nur lange genug dauern und er sie innerhalb der Herde mitmacht,

so gewöhnt er sich an alles, an das Warme und an das Kalte, an den Tod

und das Verbrechen. Die ganze Kraft, die für den Widerstand nötig wäre,

verbraucht man auf die Gewöhnung, und dann rollt man sich in irgendeine

Ecke, ohne sich zu rühren, aus Angst, man könne mit irgendeiner

Veränderung die eingeschläferte Qual wieder aufwecken. Ach, es lastet

eine solche Müdigkeit auf uns allen! Wenn die Soldaten zurückkommen

werden, dann werden sie nur einen Wunsch haben: zu vergessen und zu

schlafen.“

„Und Lagneau, der Hitzkopf, der Tollkopf, der davon redet, alles krumm

und klein zu schlagen?“

„Lagneau? Den kenne ich seit Kriegsausbruch. Ich habe gesehen, wie er

eins nach dem andern war, Kriegsbegeisterter, Revanchetrompeter,

Annexionist, Internationaler, Sozialist, Anarchist, Bolschewist und

„_Je-m’en-fichiste_“. Er wird schließlich als Reaktionär enden und sich

wieder hinausschicken lassen, um sich mit Hurra und Heil auf jeden

Feind, den sich die Regierung unter unseren heutigen Feinden oder

Freunden aussuchen wird, zu werfen. Und das Volk? Es ist unserer

Ansicht, aber gleichzeitig auch der Ansicht der Gegner. Das Volk hat

immer hintereinander alle Ansichten.“

„Sie sind also Revolutionär aus Verzweiflung?“ sagte lachend

Clerambault.

„Es gibt viele dieser Art unter uns.“

„Aber Gillot ist doch aus dem Krieg optimistischer zurückgekommen, als

er jemals war?“

„Gillot kann vergessen“, sagte bitter Moreau. „Ich neide ihm dieses

Glück nicht.“

„Aber wir dürfen es ihm nicht zerstören“, sagte Clerambault. „Helfen Sie

Gillot. Er hat Sie nötig.“

„Mich?“ staunte Moreau ungläubig.

„Er hat zu seiner Stärke notwendig, daß man an seine Kraft glaubt. So

glauben Sie daran.“

„Kann man denn glauben wollen?“

„Sie wissen ja etwas davon.... Nicht wahr, nein, man kann es nicht ...

Aber man kann glauben aus Liebe“.

„Aus Liebe zu jenen, die gläubig sind?“

„Glaubt man denn nicht immer nur aus Liebe, kann man denn anders gläubig

sein als aus Liebe?“

Moreau war gerührt. Seine intellektuelle, von Wissensdurst brennende und

verzehrte Jugend hatte, wie die der besten in der bürgerlichen Klasse,

am Mangel brüderlicher Zuneigung gelitten. Menschliche Verbrüderung und

Seelengemeinschaft ist ja aus der modernen Erziehung verbannt. Erst

allmählich und mißtrauisch war dieses konstant unterdrückte Urgefühl in

den Schützengräben, in diesen Gräbern der lebendig zusammengedrängten

leidenden Leiber, wieder erwacht. Aber man hatte Scham, sich ihm

hinzugeben. Die gemeinsame Verhärtung, die Furcht vor Sentimentalität,

die Ironie umkrusteten das Herz. Erst seit der Krankheit Moreaus war die

Umschalung von Stolz nachgiebiger geworden, und es kostete Clerambault

keine Mühe, sie gänzlich zu zerbrechen. Die Wohltat, die von diesem

Manne ausging, war, daß bei der Berührung mit ihm die Eigensucht in den

Menschen hinschwand, denn er besaß selbst keine. Man zeigte sich ihm,

wie er sich selbst allen zeigte, mit seiner wahren Natur, seinen

Schwächen und all den Aufschreien, die sonst ein falscher Stolz zu

ersticken sucht. Moreau, der an der Front, ohne es sich offen

einzugestehen, die Überlegenheit seiner Kameraden oder der

Unteroffiziere, also von Menschen aus einer niedrigeren Schicht, erkannt

hatte, fühlte für Gillot Sympathie und war glücklich, daß Clerambault an

sie appellierte. Clerambault hatte seinen geheimsten Wunsch erweckt,

einem andern eine Notwendigkeit zu sein.

Und ebenso flüsterte Clerambault Gillot die Anregung ein, Optimist für

zwei zu sein und Moreau zu helfen. So fanden beide, in ihrem Bedürfnis,

dem andern zu helfen, selbst eine Hilfe nach dem Gesetz des Lebens: „Wer

gibt, der hat.“

In welcher Zeit immer man lebt, und sei es auch eine der Zertrümmerung,

so ist doch nichts verloren, solange noch in der Seele einer Rasse ein

Funke der männlichen Freundschaft lebendig bleibt. Man muß ihn erwecken,

muß die frierenden einsamen Herzen einander annähern, damit wenigstens

eine der Früchte dieses Völkerkrieges die Vereinigung der Elite der

Klassen, die Verbrüderung der beiden Jugenden sei — jener aus der Welt

der Arbeit und jener aus der des Gedankens —, die, indem sie sich

ergänzen, die Zukunft erneuern sollen.

§

Ist der beste Weg zur Einigung der, daß keiner den andern beherrschen

will, so muß auch das Gegenteil gültig sein, nämlich, daß keiner sich

vom andern unterdrücken lassen darf. Gerade dazu aber trieb diese jungen

Intellektuellen dieser revolutionären Gruppen eine seltsame Eigenliebe.

Sie schulmeisterten verächtlich Clerambault im Namen des neuen Prinzips,

das die Intellektuellen in den Dienst des Proletariats stellen wollte

... „Dienen, dienen!“ Das war das Schlußwort des einst so stolzen

Richard Wagner, aber auch das Wort manch eines enttäuschten Stolzes.

Manche wollen, sobald sie sehen, daß sie nicht Herr sein können, sofort

Sklaven sein.

„Am schwersten ist es in dieser Welt“, dachte Clerambault, „anständige

Menschen zu finden, die einfach meinesgleichen sein wollen. Sind diese

aber unauffindbar und bedarf es unbedingt einer Tyrannei, so ziehe ich

noch diejenige, die einen Aesop und Epiktet körperlich zu Sklaven

machte, aber ihren Geist vollkommen frei gab, jener vor, die äußere

Freiheit mit Seelenknechtschaft verbindet.“

Durch diese Unduldsamkeit wurde er sich erst so recht seiner Unfähigkeit

bewußt, sich irgendeiner Partei anzuschließen. Zwischen den beiden

Möglichkeiten, der der Revolution und der des Krieges, konnte er (und er

tat es auch offen) seine Vorliebe für die Revolution bekunden, denn sie

allein bot ihm eine Hoffnung auf Erneuerung, indes die andere jede

Zukunft tötete. Aber eine Partei vorziehen, bedeutet noch lange nicht,

damit schon seine geistige Unabhängigkeit aufzugeben. In den Demokratien

ist gerade die Auffassung so irrig und so widersinnig, daß alle die

gleichen Pflichten hätten und dieselben Aufgaben. In einer kämpfenden

Gemeinschaft sind die Aufgaben sehr verschieden. Während der Hauptteil

der Armee dafür ficht, einen sofortigen Erfolg zu erzielen, müssen

andere die ewigen Werte gegen den Sieger von morgen, wie gegen den von

gestern behaupten, denn sie schreiten ihnen voraus und erleuchten sie

alle: ihr Licht glänzt fernhin auf den Weg, weit hinaus über den Qualm

des Kampfes. Clerambault hatte sich zu lange von diesem Qualm den Blick

trüben lassen, als daß er sich neuerdings in ein solches Getümmel

stürzen wollte. Aber in dieser Welt der Blinden ist schon die Bemühung,

sehen zu wollen, ein Ungehöriges und vielleicht sogar ein Verbrechen.

Diese ironische Wahrheit wurde ihm während einer Unterhaltung so recht

bewußt, in der einer dieser kleinen Saint-Justs ihm gerade den Text

gelesen und ihn recht frech mit dem „Astrologen, der sich in die Tiefe

des Brunnens fallen ließ“, verglichen hatte.

_... On lui dit: Pauvre bête,_

_Tandis qu’à peine à tes pieds tu peux voir,_

_Penses-tu lire au-dessus de ta tête?_

Und da er nicht humorlos war, fand er den Vergleich nicht ganz

unberechtigt. Gewiß, er gehörte ein wenig der Gemeinschaft jener an....

_... De ceux qui bayent aux chimères,_

_Cependant qu’ils sont en danger,_

_Soit pour eux soit pour leurs affaires...._

Aber wollte denn diese Republik auf die Astrologen verzichten, wie die

erste Republik noch auf die Chemiker? Oder meint ihr sie in Reih und

Glied disziplinieren zu können? Dann ist zu erwarten, daß wir alle

zusammen in den Grund des Brunnens hineinfallen. Wollt ihr das wirklich?

Ich würde nicht Nein sagen, handelte es sich nur darum, euer Schicksal

zu teilen. Aber euern Haß will ich nicht teilen!

„Auch Sie haben Ihren Haß“, antwortete ihm einer der jungen Leute.

Gerade in diesem Augenblick trat ein anderer mit einer Zeitung in der

Hand herein und rief Clerambault zu: „Meinen Glückwunsch, Ihr Feind

Bertin ist tot....“

Der reizbare Journalist war innerhalb weniger Stunden von einer

ansteckenden Lungenentzündung dahingerafft worden. Seit sechs Monaten

hatte er wütend alle jene verfolgt, die er im Verdacht hatte, den

Frieden zu suchen oder auch nur zu wünschen. Denn allmählich war er dazu

gekommen, nicht nur im Vaterlande, sondern auch im Kriege selbst eine

heilige Sache zu sehen. Unter den Opfern seiner Böswilligkeit war

Clerambault sein beliebtestes. Bertin konnte nicht verzeihen, daß er

gewagt hatte, seinen Angriffen standzuhalten. Die Erwiderung

Clerambaults hatte ihn anfangs wütend gemacht. Als Clerambault aber dann

verächtlich auf seine Anschuldigungen und Beschimpfungen kein Wort mehr

erwiderte, verlor er jedes Maß. Seine gewaltsam aufgeblähte übermütige

Eitelkeit war davon so verletzt, daß einzig die vollständige, restlose

Vernichtung des Gegners ihn noch befriedigen konnte. Clerambault

erschien ihm nicht mehr bloß als persönlicher Feind, sondern als Feind

des Staates, als Hochverräter, und er setzte alle Mühe daran, dafür

Beweise zu erbringen, stempelte ihn zum Zentrum eines großen

pazifistischen Komplotts, dessen Lächerlichkeit zu jeder anderen Zeit

jedem in die Augen gesprungen wäre. Aber damals hatte man keine Augen

mehr. Gerade in den letzten Wochen überstieg die Polemik Bertins in

Ansprung und Heftigkeit alles, was er bisher geschrieben hatte. Sie

bedeutete eine wirkliche Drohung für all jene, die der Ketzerei des

Friedenswillens schuldig oder verdächtig waren.

Mit lärmender Befriedigung wurde daher die Nachricht von seinem Tode in

der kleinen Versammlung aufgenommen, und man hielt ihm seine Grabrede in

einer Tonart, die an Energie nichts den Meistern dieser Gattung nachgab.

Clerambault, in die Zeitung vertieft, hörte kaum zu, als einer, der an

seiner Seite saß, ihm auf die Schulter klopfte und sagte:

„Nicht wahr, das macht Ihnen Vergnügen?“

Clerambault fuhr auf.

„Vergnügen!“ sagte er. „Vergnügen!“ wiederholte er.

Er nahm seinen Hut und ging weg.

Er trat auf die dunkle Straße, deren Lichter wegen eines

Luftangriffalarms abgelöscht waren.

In seinen Gedanken sah er ein feines Knabengesicht voll warmer Blässe,

mit schönen, zärtlichen, braunen Augen, gelocktem Haar, belebtem und

lachendem Munde, mit klingendem Stimmfall.... Bertin zur Zeit ihrer

ersten Begegnung, als sie beide noch siebzehn Jahre alt waren. Und er

gedachte ihrer langen, einsamen Nachtwachen, ihrer teuren Vertrautheit,

ihrer Gespräche und Träume — denn auch Bertin träumte damals. Trotz all

seines praktischen Sinnes, seiner frühreifen Ironie konnte er sich nicht

unerfüllbarer Hoffnungen erwehren, nicht der edlen Projekte für eine

neue Menschheit. Ach, wie die Zukunft doch ihren Kinderblicken schön

erschienen war, und wie bei solchen Visionen in verzückten Augenblicken

ihre beiden Herzen sich leidenschaftlich in liebender Freundschaft

hingaben!

Und was hatte nun das Leben aus ihnen beiden gemacht! Was für eine

hartnäckige Erbitterung, was für ein haßvolles Bestreben Bertins, seine

eigenen Träume von einst und den Freund, der ihnen treu geblieben, zu

Boden zu stampfen! Und er selbst, Clerambault, der sich vom gleichen

mörderischen Sturm hinreißen ließ, und versuchte, Schlag auf Schlag den

Gegner blutig zu treffen... der — voll Entsetzen gestand er sich’s ein

— im ersten Augenblick, als er vom Tode des einstigen Freundes hörte,

eine Art Erleichterung empfunden hatte.... Was für ein Dämon wirkt doch

in uns, was für schlechte Instinkte steigen in uns auf?

In diesen Gedanken verloren, hatte er seinen Weg verfehlt. Er bemerkte,

daß er in die entgegengesetzte Richtung ging, statt nach Hause. Vom

Himmel her, der vom Lichtkeil der Scheinwerfer durchschnitten war, hörte

man furchtbare Explosionen. Zeppeline waren über der Stadt. Von den

Festungswerken donnerten die Kanonen, Luftkämpfe spielten sich ab. Wofür

zerrissen sich denn diese rasenden Völker? Um alle dorthin zu gelangen,

wo jetzt Bertin war, in jenes Nichts, das gleichermaßen alle Menschen

und alle Vaterländer erwartet, sie und alle anderen, die Revolutionäre,

die andere Gewalttätigkeiten vorbereiten, andere mörderische Ideale den

bisherigen entgegenstellen, neue Götzen der Schlächterei, die der Mensch

sich selbst unablässig erschafft, um seine bösen Instinkte zu adeln.

Mein Gott, fühlen sie denn nicht die Dummheit ihres rasenden Tuns, im

Angesicht der Sterbenden, mit deren jedem die ganze Menschheit in den

Abgrund stürzt? Wie können Millionen Wesen, die doch nur einen

Augenblick zu leben haben, sich so abmühen, diesen Augenblick durch

ihren erbitterten und lächerlichen Ideenkampf sich so zur Hölle zu

machen? Bettler sind sie alle, die einander für eine Handvoll

Kupfermünzen, die man ihnen hinwirft und die überdies falsch sind,

gegenseitig erschlagen! Alle sind sie gleicher Weise verurteilte Opfer,

und statt sich zusammenzuschließen, kämpfen sie wider einander.... Ach,

ihr Unglücklichen, geben wir einander doch den Friedenskuß! Auf jeder

Stirn, die an mir vorübergleitet, sehe ich den Schweiß des

Todeskampfes....

Aber ein Menschenhaufen, Männer und Weiber, an denen er vorüberkam,

brüllte und heulte vor Freude.

„Er fällt! Einer fällt! Die Schweinehunde verbrennen!...“

Und die beutegierigen Vögel wiederum, die da oben schwebten, jauchzten

in ihrem Herzen bei jedem Todeswurf, den sie über die Stadt säten. Waren

sie nicht wie Gladiatoren, die sich gegenseitig in der Arena die Brust

durchstoßen, nur damit ein unsichtbarer Nero zufrieden sei?

Oh, meine armen Brüder in Ketten!

Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege · 第 12 / 17 题