Vierter Teil

§

Clerambault durchschritt eine neue Gefahrzone. Sein Wandeln in der

Einsamkeit glich einer Bergbesteigung, bei der man sich plötzlich vom

Nebel umhüllt sieht und an den Felsen klammern muß, ohne weiter vorwärts

zu können. Vor sich sah er nichts mehr, und nach welcher Seite immer er

sich wandte, von überall hörte er aus der Tiefe den Sturzbach des

Leidens brausen. Aber doch: er konnte nicht unbeweglich verharren,

obwohl er über dem Abgrund hing und sein letzter Halt nachzugeben

drohte.

Er stand, von Dämmerung umgeben, an einem Wendepunkt. Dazu kam, daß

gerade an diesem Tage die Neuigkeiten, die die Zeitungen belferten, ihm

mit ihrem Wahnsinn die Seele niederdrückten. Wiederum vergebliche

Menschenhekatomben, die der hypnotisierte Egoismus der Hinterlandleser

natürlich fand, wiederum Grausamkeiten auf allen Seiten, verbrecherische

Repressalien für Verbrechen, die aber von diesen, einst doch anständigen

Leuten stürmisch gefordert und bejubelt wurden! Niemals war ihm der

Horizont, der die armen Menschentiere in ihren irdischen Niederungen

umschließt, umdüsterter und mitleidsloser erschienen.

Clerambault fragte sich, ob dieses Gesetz der Liebe, das er in sich

fühlte, nicht vielleicht nur für andere Welten und eine andere

Menschheit Geltung habe. Unter seiner Post fand er einige neue

Drohbriefe, und im Vorgefühl, daß sein Leben in der tragischen

Sinnlosigkeit der Zeiten in den Händen des erstbesten Narren stünde,

wünschte er im stillen, diese Begegnung möge nicht allzulange auf sich

warten lassen. Aber dennoch, von guter Rasse und fest verwurzelt, wie er

war, führte er sein Leben unverändert weiter, erfüllte methodisch seine

täglichen Pflichten und hielt sich zusammen, um aufrecht und ungebeugt

den Weg bis zum Ziele zu schreiten, wohin auch immer er ihn führen

sollte.

An diesem Tage nun erinnerte er sich, daß er seine Nichte Aline besuchen

wollte, die eben eines Kindes genesen war; sie war die Tochter einer

verstorbenen und von ihm geliebten Schwester, nur ein wenig älter als

Maxime und dessen einstige Jugendgespielin. Als Mädchen hatte sie einen

komplizierten Charakter gezeigt: unruhig, unbefriedigt, alles nur auf

sich beziehend, gefallsüchtig, herrschsüchtig, allzu neugierig und von

gefährlichen Abenteuern seltsam angezogen, dabei ein wenig trocken und

doch leidenschaftlich, nachträgerisch, zornig und dann wieder plötzlich

voll der Fähigkeit, zärtlich und verführerisch zu werden. Zwischen

Maxime und ihr war es schon ziemlich weit geraten. Man mußte acht haben

auf die beiden. Maxime ließ sich trotz seiner ironischen Veranlagung von

diesen harten kleinen Augensternen leicht verlocken, die ihn manchmal

mit ihren elektrischen Blitzen tief anstrahlten. Aline wiederum wurde

erregt und angezogen von Maximes Ironie. Sie hatten sich recht geliebt,

und recht aufeinander wütend gemacht. Dann waren sie beide zu anderen

Erfahrungen übergegangen. Sie hatte in zwei oder drei andere Herzen

Verwirrung gebracht und sich schließlich höchst vernünftig, als sie die

Stunde und Gelegenheit für günstig hielt — alles hat ja seine Zeit —,

mit einem ehrbaren Handelsmann, der gute Geschäfte in seinem Kunst- und

Kirchenmöbelladen in der Rue Bonaparte machte, verheiratet. Sie befand

sich gerade in andern Umständen, als ihr Mann an die Front mußte.

Selbstverständlich war sie glühende Patriotin, denn „wer sich selbst

liebt, liebt auch die Seinen“. Und sie wäre eine der letzten gewesen,

bei denen Clerambault Verständnis für seine Gedanken des brüderlichen

Mitempfindens erhofft hätte. Mitempfinden hatte sie wenig für Freunde,

und keines für die Feinde. Sie hätte sie am liebsten in einem Mörser

zerstampft, mit derselben kalten Freude, mit der sie einst Herzen und

Insekten gequält hatte, um sich für irgendwelche, ihr von anderen

zugefügte Unannehmlichkeiten zu rächen.

Aber in demselben Maße, wie die in ihr wachsende Frucht reifte, wandte

sich all ihre Aufmerksamkeit dieser zu, alle Kräfte ihres Herzens

strömten nach innen. Der Krieg entfernte sich für sie, sie hörte nicht

mehr die Kanonade von Noyon. Wenn sie davon sprach — immer weniger

jeden Tag —, so schien es, als handelte es sich dabei um eine

Kolonialexpedition. Sie erinnerte sich wohl der Gefahren ihres Mannes,

und sicherlich, sie hatte ein mitleidiges „Armer Kerl“ für ihn, zugleich

mit einem kleinen gerührten Lächeln, das zu sagen schien: „Er hat

wirklich Pech, er ist ein wenig ungeschickt.“ Aber sie hielt sich bei

diesem Thema nie lange auf, und es ließ, Gott sei Dank, keine Spuren in

ihr zurück. Ihr Gewissen war ja ruhig, sie hatte ihre Zeche bezahlt. Und

schleunigst kehrten Alinens Gedanken zur einzig wichtigen Aufgabe

zurück. Im ganzen weiten Universum war das Ei, das sie zu legen hatte,

anscheinend die einzige Sache von Belang für sie.

Clerambault, mit seinen Kämpfen vollauf beschäftigt, hatte Aline seit

Wochen nicht gesehen und nichts von dieser Änderung ihrer Gesinnung

wahrgenommen. Wenn Rosine einige Worte darüber fallen ließ, so hatte

seine abgewandte Aufmerksamkeit nicht darauf gehört. Ganz plötzlich,

Schlag auf Schlag, innerhalb vierundzwanzig Stunden, empfing er die

beiden Neuigkeiten zugleich: daß das Kind geboren sei und daß Alinens

Gatte, so wie seinerzeit Maxime, „vermißt“ werde. Und sofort malte er

sich den Schrecken der armen jungen Mutter aus. Er sah sie so, wie er

sie immer gekannt hatte, geteilt zwischen einer Freude und einem Leid,

immer befähigter, dieses als jene zu empfinden. Er sah sie, wie sie sich

dem Schmerz ganz hingab und selbst in ihrer Freude irgendeinen Vorwand

für ihr Leiden suchte, sah sie schon leidenschaftlich, bitter,

aufgeregt, herausfordernd gegen das Schicksal und böse gegen alle. Ja,

er war sogar nicht einmal sicher, ob sie nicht gerade jetzt aus dem

Gefühl des Hasses und der Rache gegen ihn persönlich verärgert sein

würde, um seiner Gedanken des Friedens und der Versöhnung willen. Daß

seine Haltung die ganze Familie skandalisierte, wußte er, und bei

niemandem vermeinte er dafür weniger Duldung zu finden als bei Aline.

Aber es war ihm ein Bedürfnis, ob sie ihn nun gut oder schlecht

aufnehmen wollte, mit seinen zärtlichen Gefühlen ihr zu Hilfe zu kommen.

Und den Rücken gleichsam schon beugend vor dem kalten Wassersturz, dem

er entgegenging, stieg er die Treppe empor und klingelte an Alinens Tür.

Er fand sie auf dem Bett hingestreckt, ausgeruhten Antlitzes, verjüngt,

verschönt, zärtlichen Wesens und strahlend vor Glück, neben ihr das

kleine Kind, das sie an die Seite ihres Bettes hatte stellen lassen. Wie

eine leuchtende, ältere Schwester des weißgewickelten Säuglings sah sie

aus, den sie mit dem Lächeln heiterer Bewunderung betrachtete, wie er,

mit offenem Mäulchen auf dem Rücken liegend, in der Luft seine

Fingerchen spreizte wie ein Maikäfer seine Beine. Er schien noch ganz in

die Dumpfheit des unbewußten Lebens versunken, im Traum noch von der

goldenen Nacht und der Wärme des mütterlichen Schoßes.

Sie begrüßte Clerambault mit triumphierendem Überschwang: „Ah, mein

guter Onkel, wie lieb Sie sind! Kommen Sie rasch, schauen Sie mein Süßes

an, meinen Schatz!“

Sie frohlockte, ihr Meisterwerk zeigen zu dürfen, und war jedem dankbar,

der es beschaute. Nie hatte Clerambault sie so zärtlich und so hübsch

gesehen. Er beugte sich über das Kind, aber er sah es fast nicht an,

obwohl er ihm alle höflichen Gesten machte und seiner Bewunderung in

begeisterten Ausrufen Ausdruck gab, die die Mutter zu erwarten schien

und im Flug wie eine Schwalbe einstreifte. Er sah sie an, sah nur dieses

selige Antlitz, diese guten lachenden Augen, dieses gute Kinderlächeln.

Oh, wie schön ist das Glück, wie tut es wohl!... Alles, was er hatte

sagen wollen, war seinem Gedächtnis entschwunden. Er fühlte, es war hier

unnötig, nicht am Platze. Jetzt mußte er nur das Wunder beschauen und

höflich die Ekstase der kleinen Bruthenne teilen. Ach, welches

entzückende, eitle, unschuldige Jubellied!

Manchmal freilich überflog seine Augen der Schatten des Krieges, der

niedrigen und sinnlosen Metzelei, das Bild des toten Sohnes, des

verschwundenen Gatten, und mit einem traurigen Lächeln über das Kind

hingebeugt, mußte er denken: „Ach, wozu Kinder in die Welt setzen, für

eine solche Schlächterei! Was wird der arme Kleine in zwanzig Jahren

vielleicht sehen müssen!“

Aber sie, sie dachte nicht daran. Jeder Schatten schwand hin an dem

Licht, das von ihr strahlte. Von all den nahen und fernen Sorgen — ach,

alle waren jetzt ferne! — nahm sie nichts wahr. Sie strahlte nur: „Ich

habe einen Menschen geboren.“ Den Menschen, den Menschen, in dem sich

für jede Mutter immer alle Hoffnungen der Menschheit verkörpern....

Trauer und Torheit der Stunde, wo seid ihr? Ach, was tut’s! Er ist es ja

vielleicht, er, der sie enden wird! Für jede Mutter ist das Kind ja

immer das Wunder, der Heiland!

Erst am Ende seines Besuches wagte Clerambault ein Wort betrübter

Sympathie in bezug auf ihren Gatten. Sie tat einen tiefen Seufzer: „Ach,

der arme Armand“, sagte sie, „sie haben ihn wohl gefangen genommen.“

Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege · 第 11 / 17 题