„Es ist also“, sagte Clerambault, „ein Glaubensartikel?“
„Ich glaube an keine Religion“, protestierte Daniel, „an keine, und
gerade darum denke ich so. Was bliebe denn noch auf Erden, wenn es nicht
das Vaterland gäbe?“
„Nun, ich denke, es gibt auf der Erde viele gute und schöne Dinge, das
Vaterland ist bloß eines davon. Ich liebe es auch. Und ich stelle auch
nicht die Liebe zum Vaterland in Frage, sondern nur die Art, es zu
lieben.“
„Es gibt nur eine“, sagte Daniel.
„Und die wäre?“
„Ihm gehorchen.“
„Also die Liebe mit geschlossenen Augen, so wie im antiken Symbol. Ich
meinerseits möchte sie ihr lieber öffnen.“
„Nein, lassen Sie uns, wie wir sind! Unsere Aufgabe ist schon ohnehin
hart genug, machen Sie sie uns nicht noch grausamer.“ Und mit einigen
nüchternen, abgehackten, von Erregung bebenden Sätzen stellte Daniel die
furchtbaren Bilder jener Wochen hin, die er eben im Schützengraben
verlebt hatte, den Ekel und den Abscheu vor all dem, was er gelitten
hatte, leiden gesehen und leiden gemacht hatte.
„Aber mein lieber Freund“, sagte Clerambault, „wenn Sie diese
erbärmliche Schande selber sehen, warum sollen wir sie denn nicht
verhindern?“
„Weil es unmöglich ist.“
„Um das zu wissen, käme es erst auf einen Versuch an.“
„Das Gesetz der Natur ist der Kampf der Wesen gegeneinander. Zerstören
oder zerstört werden. So und nur so ist es.“
„Und wird sich das nie ändern?“
„Nein“, sagte Daniel mit einem Ton hartnäckigen Schmerzes, „es ist ein
Gesetz.“
Es gibt Männer der Wissenschaft, denen die Wissenschaft so sehr die
Wirklichkeit, die sie umschließt, verbirgt, daß sie sie unter dem Netz
nicht mehr sehen; sie hat sich ihnen entzogen. Sie umfassen die ganze
von der Wissenschaft umspannte Zone, halten es aber für unmöglich und
sogar lächerlich, dieses Reich über die einmal von der Vernunft gezogene
Grenze hinaus zu erweitern. Sie glauben bloß an einen Fortschritt, der
an die Innenseite der Umfriedung gekettet ist. Clerambault kannte nur zu
gut das spöttische Lächeln, mit dem die großen Gelehrten der offiziellen
Schulen ohne jede nähere Prüfung die Eingebungen der Erfinder ablehnen.
Eine gewisse Art der Wissenschaft ist mit Folgsamkeit vollkommen
vereinbar. Wenigstens verband Daniel mit der seinen keine Ironie,
vielmehr den Ausdruck einer stoischen und unbeirrbaren Traurigkeit. Es
fehlte ihm nicht an geistiger Kühnheit, aber die hatte er einzig in den
abstrakten Dingen. Dem Leben selbst gegenübergestellt, bot er eine
Mischung — oder besser eine Aufeinanderfolge — von Ängstlichkeit und
Starrsinn dar, von zögernder Bescheidenheit und trotziger Überzeugung.
Wie die meisten Menschen war er ein zusammengesetztes, zwiespältiges
Wesen, aus einzelnen Teilen und Stücken bestehend, nur daß bei einem
Intellektuellen und besonders bei einem Mann der Wissenschaft die
einzelnen Stücke nicht ganz ineinanderpassen und daß die Fugen sichtbar
werden.
„Aber“, sagte Clerambault, die Betrachtungen, die in der Stille durch
seinen Sinn gingen, laut zu Ende führend, „selbst die Voraussetzungen
der Wissenschaft sind doch in Umformung begriffen. Seit zwanzig Jahren
durchlaufen die Grundvorstellungen der Chemie und der Physik eine Krise
der Erneuerung, die sie gleichzeitig erschüttert und doch fruchtbar
macht. Und einzig die sogenannten Gesetze, die die menschliche
Gesellschaft oder, besser gesagt, das chronische Räubertum der Nationen
regieren, sollten unveränderlich sein? Habt ihr in eurem Gedankenkreis
keinen Raum für die Hoffnung einer höheren Zukunft?“
„Wir könnten nicht kämpfen“, sagte Daniel, „hätten wir nicht die
Hoffnung, eine gerechtere und menschlichere Weltordnung zu begründen.
Viele meiner Gefährten sind der Überzeugung, dieser Krieg mache allen
Kriegen ein Ende. Ich teile diese Hoffnung nicht, ich verlange nicht so
viel. Ich weiß nur das eine, daß unser Frankreich in Gefahr ist, und daß
seine Niederlage die der ganzen Menschheit wäre.“
„Die Niederlage jedes Volkes ist eine der ganzen Menschheit, denn alle
sind für sie notwendig. Die Vereinigung aller Völker wäre der einzige
wahrhafte Sieg. Jeder andere richtet ebenso die Sieger wie die Besiegten
zugrunde. Jeder Tag, der diesen Krieg verlängert, läßt das kostbare Blut
Frankreichs fließen, und es ist in Gefahr, für immer erschöpft zu
werden.“
Daniel gebot diesen Worten mit einer erregten und schmerzlichen Geste
Einhalt. Ja, das wußte er.... Das wußte er.... Wer wußte es besser als
er, daß Frankreich hinstarb, Tag für Tag, an seiner heroischen
Anstrengung, daß die Blüte seiner Jugend, seiner Kraft, seiner
Intelligenz, das lebendige Mark der Rasse in Sturzbächen hinströmte und
zugleich der Reichtum, die Arbeit und der Kredit des französischen
Volkes.... Frankreich, blutend an allen Gliedern, ging den Weg, den
Spanien vier Jahrhunderte zuvor gegangen war und der zu den Einsamkeiten
des Eskurial führt.... Aber er wollte nicht, daß man ihm von den
Möglichkeiten eines Friedens, der diese Qual beendigte, spräche, ehe der
Feind gänzlich zu Boden geschmettert. Man dürfe nicht auf die Angebote,
die Deutschland damals machte, antworten, nicht einmal, um sie in
Erwägung zu ziehen. Man dürfe nicht einmal sprechen darüber. Und wie die
Politiker, die Generale, die Journalisten und die Millionen armer
Geschöpfe, die tollwütig die Lektion, die man ihnen eingelernt hatte,
wiederholten, schrie auch Daniel: „Bis zum letzten Mann!“
Clerambault sah mit zärtlichem Mitleid diesen wackeren, scheuen und
heldenmütigen Burschen an, der von dem Gedanken erschreckt wurde, das
Dogma in Frage zu ziehen, dessen Opfer er war. Hatte dieser
wissenschaftliche Geist gar keinen Widerstand gegen den Widersinn eines
solchen blutigen Spieles, dessen Einsatz der Tod ebenso für Frankreich
wie für Deutschland — und vielleicht für Frankreich mehr als für
Deutschland — war?
Ja, er wehrte sich dagegen, aber er raffte sich trotzig zusammen, um es
sich nicht einzugestehen. Von neuem beschwor Daniel Clerambault. „Ja,
diese Gedanken mögen vielleicht wahr und gerecht sein, aber nur nicht
jetzt, jetzt sind sie nicht an der Zeit... in zwanzig oder fünfzig
Jahren!... Lassen Sie uns nur zuerst unsere Aufgabe erfüllen, zu siegen
und die Freiheit der Welt, die Brüderlichkeit der Menschen durch den
Sieg Frankreichs begründen.“
Ach, der arme Daniel! Sah er denn nicht selbst im günstigsten Falle die
Überhebung voraus, die verhängnisvoll diesen Sieg beschmutzen würde, und
daß es dann am Besiegten sein würde, den krankhaften Wunsch und Willen
zur Revanche und zum gerechten Sieg für sich zu erneuern? Jede Nation
will das Ende aller Kriege durch ihren eigenen Sieg. Und von Sieg zu
Sieg stürzt die Menschheit tiefer in ihre Niederlage hinab.
Daniel erhob sich, um Abschied zu nehmen. Er drückte Clerambaults Hand
und erinnerte ihn mit Ergriffenheit an seine Gedichte von einst, in
denen er das heroische Wort Beethovens wiederholte, um das schöpferische
Leiden zu feiern, das Wort: „Durch Leiden Freude.“
„Ach! ach! Wie ihr uns mißversteht!... Wir besingen das Leiden, um uns
davon zu befreien, aber ihr begeistert euch dafür. So wird unser Hymnus
der Befreiung für die anderen Menschen ein Sang der Knechtung.“
Clerambault gab keine Antwort. Er liebte diesen jungen Menschen; diese
armen Kerle, die sich aufopfern, wissen wohl, daß sie nichts im Kriege
zu gewinnen haben. Aber je mehr Opfer man von ihnen verlangt, desto
gläubiger werden sie. Mögen sie dafür gesegnet sein!... Aber wenn sie
nur nicht mit sich selbst auch die ganze Menschheit hinopfern wollten!
§
Clerambault hatte Daniel gerade bis zur Wohnungstür geleitet, als Rosine
zurückkam. Als sie den Besucher sah, hatte sie eine Bewegung entzückter
Überraschung. Auch das Antlitz Daniels erhellte sich, und Clerambault
entging nicht die freudige Belebtheit der beiden jungen Leute. Rosine
forderte Daniel auf, noch einmal zurückzukommen und die Unterhaltung
fortzusetzen, Daniel war schon im Begriff es zu tun, zögerte dann,
lehnte ab, sich noch einmal niederzusetzen, und schützte dann mit einem
schmerzlich gespannten Gesichtsausdruck irgendeinen vagen Vorwand vor,
der ihn zwinge fortzugehen. Clerambault, der im Herzen seiner Tochter
las, bestand freundschaftlich darauf, daß er wenigstens noch einmal vor
seinem Urlaubsende wiederkäme. Daniel, in die Enge getrieben, sagte
zuerst nein, dann ja, ohne sich fest zu verpflichten, um dann
schließlich, dem Drängen Clerambaults nachgebend, einen bestimmten Tag
festzusetzen. Dann nahm er in einer etwas kühlen Weise Abschied.
Clerambault kehrte wieder in sein Arbeitszimmer zurück und setzte sich
nieder. Rosine blieb unbeweglich und gedankenverloren mit schmerzlichem
Ausdruck stehen. Clerambault lächelte ihr zu. Sie kam zu ihm und umarmte
ihn.
Der festgesetzte Tag ging vorüber, Daniel kam nicht zu ihnen herauf. Man
wartete noch den nächsten Tag und den übernächsten, aber er war schon an
die Front zurückgegangen. Auf Betreiben Clerambaults machte kurz darauf
seine Frau mit Rosine den Eltern Daniels einen Besuch. Sie wurden von
ihnen mit eisiger und beinahe verletzender Kälte empfangen. Frau
Clerambault erklärte, als sie zurückkam, sie wolle nie mehr in ihrem
Leben diese unerzogenen Leute sehen. Rosine hatte Mühe, ihre Tränen zu
verbergen.
In der Woche darauf kam ein Brief von Daniel an Clerambault. Ein wenig
beschämt über sein Verhalten und das seiner Eltern, versuchte er
weniger, es zu entschuldigen als zu erklären. Er machte eine zarte
Anspielung, er hätte Hoffnung gehabt, einmal Clerambault näher zu stehen
als bloß durch die Bande der Bewunderung, des Respektes und der
Freundschaft. Aber, fuhr er fort, Clerambault hätte seine Zukunftsträume
durch seine bedauerliche Rolle zunichte gemacht, die er glaubte in der
Tragödie auf sich nehmen zu müssen, bei der es um das Leben des
Vaterlandes ginge, und durch den Widerhall, den seine Stimme gefunden
hätte. Seine Worte, die zweifellos falsch verstanden aber sichtlich
unklug gewesen waren, hätten einen frevelhaften Charakter enthüllt, der
die öffentliche Meinung aufgewühlt hätte. Unter den Offizieren der Front
sei ebenso wie bei seinen Freunden im Hinterland die Erbitterung darüber
die gleiche. Seine Eltern, die von jenem Traum des Glückes gewußt
hätten, legten jetzt Protest ein, und so sehr er darunter leide, glaube
er doch nicht das Recht zu haben, die Bedenken beiseite zu stoßen, deren
Quelle ein tiefes Mitleid mit dem gekränkten Vaterland sei. Die
öffentliche Meinung würde es nicht verstehen können, daß ein Offizier,
der die Ehre hatte, sein Blut dem Vaterlande darbieten zu dürfen, an
eine Verbindung denken könne, die man als eine Zustimmung zu so
verderblichen Ideen ausdeuten könne. Freilich, die öffentliche Meinung
hätte zweifellos unrecht, aber man müsse immer mit der öffentlichen
Meinung rechnen. Denn die öffentliche Meinung eines Volkes, selbst wenn
sie scheinbar übertrieben und ungerecht ist, will doch geachtet sein,
und dies gerade sei der Irrtum Clerambaults gewesen, sie herausfordern
zu wollen. Daniel drängte Clerambault noch einmal, seinen Irrtum zu
bekennen und öffentlich abzuschwören, durch neue Aufsätze den
beklagenswerten Eindruck zu verwischen, den die ersten hervorgebracht
hätten. Er stellte es ihm als eine Pflicht dar, eine Pflicht gegen das
Vaterland, eine Pflicht gegen sich selbst, und eine Pflicht — er ließ
es deutlich durchblicken — gegen jene, die ihnen beiden so teuer war.
— Der Brief schloß mit verschiedenen anderen Betrachtungen, in denen
noch zwei- oder dreimal der Name der öffentlichen Meinung wiederkehrte;
sie nahm in seinem Denken den Rang der Vernunft und selbst des Gewissens
ein.
Clerambault erinnerte sich lächelnd an die Szene Spittelers, wo der
König Epimetheus, der Mann der entschlossenen Überzeugung, in der
Stunde, da er sie auf die Probe stellen soll, sie nicht mehr in die Hand
bekommt, sie entwischen sieht, ihr nachsetzt und, um sie zu fassen, sich
bäuchlings auf die Erde wirft und sie unter seinem Bette sucht.
Clerambault erkannte, daß man gleichzeitig ein Held vor dem Feuer des
Feindes und doch ein ganz kleiner Junge vor der öffentlichen Meinung
seiner Mitbürger sein könne.
Er zeigte Rosine den Brief. Und so ungerecht auch die Liebe sonst sein
mag, Rosine war doch in ihrem Herzen durch die Heftigkeit verletzt, die
ihr Freund der Überzeugung ihres Vaters antun wollte. Sie dachte, Daniel
liebe sie nicht genug, und sagte, sie ihrerseits liebe ihn nicht genug,
um solche Forderungen anzunehmen. Selbst wenn Clerambault ihm nachgeben
wolle, so würde sie es nicht erlauben, denn es sei eine Ungerechtigkeit.
Hier umarmte sie ihren Vater, zwang sich, tapfer zu lachen und ihr
grausames Mißgeschick zu vergessen. Aber man vergißt nicht ein
erträumtes Glück, solange noch irgendeine schwache Möglichkeit vorhanden
ist, es wiederzufinden. Sie mußte immer daran denken, und nach einiger
Zeit fühlte Clerambault, wie sie sich von ihm entfernte. Wer die
Verleugnung besitzt, sich aufzuopfern, besitzt nur selten auch jene
andere, dann nicht jenen gram zu sein, für die er sich aufgeopfert hat.
Gegen ihren eigenen Willen zürnte Rosine ihrem Vater um ihr verlornes
Glück.
§
Ein seltsames geistiges Phänomen trat nun bei Clerambault zutage. Er
fühlte sich niedergeschlagen und doch gleichzeitig gefestigt. Er litt
daran, gesprochen zu haben, und fühlte doch, daß er von neuem sprechen
würde. Er gehörte sich selbst nicht mehr. Seine Schriften hielten ihn
fest, seine Schriften übten einen Zwang auf ihn aus: kaum hatte er seine
Gedanken ausgesprochen, so war er schon an sie gebunden. Das aus dem
Herzen entsprungene Werk wirkt wieder auf das Herz zurück. Geboren aus
einer Stunde geistiger Erregung, verlängert und erneuert es sich diese
Stunde im Geiste, der ohne diesen Aufschwung erschöpft in sich
zusammenstürzte. Denn diese Stunde ist Lichtstrahl aus den letzten
Tiefen, ist das Beste des inneren Wesens, das Ewigste und reißt den
tierhaften Teil des irdischen Wesens mit sich fort. Ob er will oder
nicht, schreitet der Mensch, von seinen Werken getragen und gezogen,
weiter, sie leben außerhalb seiner selbst, erneuern in ihm die verlorne
Kraft, erinnern ihn an seine Pflicht, führen ihn und befehlen ihm.
Clerambault hatte die Absicht zu schweigen. Und doch begann er immer
wieder zu sprechen.
Er war sich seiner Schwäche freilich recht bewußt. „Du zitterst,
Kadaver, weil du weißt, wohin ich dich jetzt führe“, pflegte Turenne vor
einer Schlacht zu seinem Leibe zu sagen. Die Leiblichkeit Clerambaults
bot keinen stolzen Anblick. Wenn auch die Schlacht, in die er sie
führte, eine viel unscheinbarere war, so war es doch kein geringerer
Kampf, denn er stand darin allein und ohne Armee. Das Schauspiel, das er
sich selbst in der Nacht vor der Schlacht darbot, war beschämend: er sah
sich selbst nackt, in seiner Mittelmäßigkeit, einen schwachen Menschen,
scheu von Natur, ein wenig feig, einen Menschen, der der anderen
bedurfte, ihrer Liebe, ihrer Zustimmung. Und es war furchtbar schwer,
alle diese Beziehungen mit ihnen zu zerreißen, gesenkten Kopfes gegen
ihren Haß anzurennen.... Würde er stark genug sein, um Widerstand
leisten zu können?... Wieder stürmten die schon verjagten Zweifel
gewaltsam auf ihn ein. Wer zwang ihn denn dazu, zu sprechen? Wer würde
auf ihn hören? Und wozu das alles? Warum hielt er sich nicht an das
Beispiel der Klügeren, die schwiegen?
Und doch fuhr sein entschlossenes Hirn fort, ihm das zu diktieren, was
er schreiben sollte, und die Hand schrieb es nieder, ohne ein Wort zu
mildern. Er bestand gewissermaßen aus zwei Menschen, aus einem, der
hingestreckt lag, Angst hatte und schrie: „Ich will mich nicht
herumschlagen“, und aus einem anderen, der voll Verachtung für den
Feigling ihn am Genick fortschleppte und sagte: „Vorwärts, du wirst
gehen.“
Und doch wäre es zu viel Ehre, wollte man ihm zuerkennen, daß er aus Mut
so handelte. Er handelte so, weil er nicht anders konnte. Selbst wenn er
hätte innehalten wollen, so mußte er doch nach vorwärts und sprechen....
„Es ist deine Mission.“ Clerambault verstand das nicht und fragte sich,
warum gerade er ausersehen worden war, er, der Dichter, der Zärtliche,
geschaffen zu einem stillen, kampflosen, opferlosen Leben, indessen doch
andere, starke, krieggewohnte, kampfgeartete Menschen mit Athletenseelen
da waren, die unbeschäftigt blieben. „Es hat keinen Sinn sich darüber
den Kopf zu zerbrechen. Gehorche! Es ist nun einmal so.“
Und gerade diese Zwiespältigkeit seiner Natur zwang ihn, sobald einmal
eine der beiden Seelen in ihm die Oberhand behalten hatte, sich ihr
restlos hinzugeben. Ein normalerer Mensch hätte die beiden Naturen
verschmolzen oder verbunden, hätte ein Kompromiß gefunden, bei dem die
Anforderungen der einen und die Vorsicht der anderen zu ihrem Recht
gekommen wären. Aber ein Clerambault war immer nur einseitig, dem einen
oder dem anderen unterworfen. Hatte er einmal einen Weg gewählt, so ging
er ihn ganz geradeaus, ob er ihm gefiel oder nicht. Und aus dem gleichen
Grunde, der ihn früher so leichtgläubig für den Glauben der Welt rings
um ihn gemacht hatte, mußte er jetzt rücksichtslos die Lügen, denen er
zum Opfer gefallen war, offenbaren, sobald er sie erkannt hatte. Andere,
die sich anfangs nicht so hemmungslos hatten narren lassen, hätten sie
nie zu enthüllen vermocht.
So begann der Mutige wider seinen eigenen Willen, ein anderer Ödipus,
den Kampf mit der Sphinx des Vaterlandes, die ihn am Kreuzweg erwartete.
§
Der Angriff Bertins lenkte auf Clerambault die Aufmerksamkeit einiger
Politiker der äußersten Linken, die nicht recht wußten, wie sie ihre
Opposition gegen die Regierung (die ja ihre Existenzbedingung war) mit
jener „heiligen Eintracht“ in Einklang bringen sollten, die zu
Kriegsbeginn gegen den feindlichen Einbruch beschlossen war. Sie
druckten die beiden ersten Artikel Clerambaults in einem jener
sozialistischen Blätter nach, deren Gedankengang damals zwischen diesen
Gegensätzen pendelte. Man bekämpfte dort den Krieg und votierte
gleichzeitig Kriegskredite. Begeisterte internationale Bekenntnisse
standen dort dicht neben Mahnreden von Ministern, die eine
nationalistische Politik trieben. In diesem Schaukelspiel hätten die
Seiten Clerambaults mit ihrem vagen Lyrismus, wo der Angriff maßvoll war
und die Kritik der Vaterlandsideen von tiefem Mitleid umhüllt, den ganz
wertlosen Charakter eines platonischen Protests gehabt, wenn nicht die
Zensur darin einzelne Sätze mit der Zähigkeit einer Termite ausgefressen
hätte. Die Spuren ihrer Zähne lenkten aber gerade die Blicke auf das,
was der allgemeinen Unaufmerksamkeit sonst entgangen wäre. So kratzte
die Zensur in dem Aufsatz „An die einst Geliebte“ das Wort Vaterland,
nachdem sie es zum erstenmal in Verbindung mit einem liebenden Anruf
ruhig hatte stehen lassen, bei allen anderen, bedeutend weniger
schmeichelhaften Stellen rücksichtslos heraus. Ihre Dummheit sah nicht,
daß nun das Wort, linkisch vom Lichtschirm bedeckt, nur noch besser im
Geiste des Lesers aufleuchtete. So gelang es ihr, einem Aufsatz, der
eigentlich recht bedeutungslos war, Bedeutung zu verleihen, wobei
allerdings hinzuzurechnen war, daß in dieser Stunde allgemeiner
Passivität das geringste Wort freier Menschlichkeit, insbesondere aber
ein von einem bekannten Namen ausgesprochenes, sofort eine ganz
außerordentliche und weite Wirkung gewann. Der andere Artikel, „Ihr
Toten verzeihet uns“, war oder konnte durch seinen schmerzlichen Akzent
noch gefährlicher für die große Masse der einfachen, vom Krieg
aufgewühlten Seelen sein. So versuchte die bisher gleichgültige Zensur
bei dem ersten Wind, den sie davon bekam, ihn glatt vor der
Öffentlichkeit zu unterdrücken. Geschickt genug, um nicht auf
Clerambault durch eine öffentliche Maßnahme besondere Aufmerksamkeit zu
lenken, verstand sie es, auf das Journal auf Umwegen einzuwirken. Ein
heftiger Widerstand gegen den Schriftsteller zeigte sich plötzlich in
der internen Redaktion der Zeitung selbst. Natürlich warfen sie ihm
nicht den Internationalismus seines Gedankens vor, sondern sie
beschuldigten ihn bourgeoiser Empfindsamkeit.
Dafür bot ihnen nun Clerambault selbst Argumente mit einem dritten
Artikel, in dem sein Widerstand gegen jede Gewalt ebenso die Revolution
wie den Krieg zu verurteilen schien. Die Dichter sind eben immer
schlechte Politiker.
Es war eine erbitterte Antwort auf jenen „Anruf an die Toten“, den
Barrès, die zitternde Nachteule, von einer Friedhofzypresse
herabwimmerte.
„A n r u f a n d i e L e b e n d i g e n“
„Der Tod beherrscht die Welt. Ihr, die ihr lebendig seid, schüttelt sein
Joch ab! Es genügt ihm nicht, die Völker zu vernichten, er will, daß sie
ihn auch noch verherrlichen, daß sie ihm singend entgegenlaufen, und
ihre Herren verlangen, daß sie ihre eigene Aufopferung verherrlichen.
„Es ist das schönste Los, das beneidenswerteste, das man erlangen
kann!...“ Sie lügen! Es lebe das Leben! Einzig das Leben ist heilig, und
die Liebe zum Leben ist die erste Tugend. Aber die Menschen von heute
besitzen sie nicht mehr. Dieser Krieg beweist — und beweist bei vielen
schon seit fünfzehn Jahren — (gesteht es euch nur ein!) das
Vorhandensein einer wahnwitzigen Hoffnung auf eine solche Katastrophe.
Ihr liebt das Leben nicht, wenn ihr keine bessere Verwendung dafür habt,
als es dem Tod zum Fraß hinzuwerfen. Euer Leben ist euch eine Last,
euch, ihr Reichen, ihr Bürger, ihr Diener der Vergangenheit, ihr
Konservativen, die ihr darüber greint aus Mangel an Appetit, aus
moralischem Übelbefinden, mit euren vor Überdruß schleimigen und sauren
Seelen und Mäulern — und euch, ihr Proletarier, ihr Armen und
Unglücklichen aus Mutlosigkeit über das Schicksal, das euch zugefallen
ist. In der dumpfen Mittelmäßigkeit eures Lebens, in der
Hoffnungslosigkeit, es jemals zu verwandeln (ihr Kleingläubigen!),
wartet ihr einzig darauf, ihm durch einen Gewaltakt zu entrinnen, der
euch dem Sumpf, zumindest für die Spanne einer Minute, nämlich der
letzten, entreißt. Die Stärksten unter euch, jene, die am besten die
Energie der ursprünglichen Instinkte bewahrt haben, die Anarchisten und
Revolutionäre, appellieren bloß an sich selbst, um diese befreiende Tat
zu erfüllen. Aber die große Volksmasse ist zu müde, um die Initiative zu
ergreifen. Deshalb begrüßt sie mit solcher Gier die mächtige Welle, die
ihre Vaterländer aufrührt: den Krieg! Sie gibt sich ihm mit einer
düsteren Wollust hin. Denn er ist der einzige Augenblick im Leben, wo
diese verschatteten Existenzen sich vom Atem des Unendlichen durchweht
fühlen. Und gerade dieser Augenblick ist der der Vernichtung.
Ah, eine schöne Art, sein Leben anzuwenden.... Es einzig dadurch zu
bejahen, daß man es verneint zugunsten irgendeines menschenfresserischen
Gottes, mag er Vaterland oder Revolution heißen, der zwischen seinen
Kinnladen die Gebeine von Millionen Menschen zerkrachen läßt....
Sterben, Zerstören, was liegt da für ein Ruhm darin! Das einzige
Wichtige wäre, zu leben. Und das versteht ihr nicht. Ihr seid des Lebens
nicht würdig. Nie habt ihr die Segnungen der lebendigen Minute
empfunden, der Freude, die im Lichte tanzt. Oh, ihr hinsterbenden
Seelen, ihr wollt, daß alles mit euch sterbe, kranke Brüder, denen wir
die Hand hinreichen, sie zu retten, und die uns wütend mit sich in den
Abgrund reißen....
Aber nicht mit euch, ihr Unglücklichen, will ich abrechnen, sondern mit
euren Gebietern. Mit euch, den Herren der Stunde, unsern geistigen
Gebietern, den politischen Machthabern, den Herren des Geldes, des
Eisens, des Blutes und des Gedankens! Mit euch, die ihr diese Staaten in
Händen haltet, die ihr diese Armeen in Bewegung setzt, die ihr mit euren
Zeitungen, Büchern, Schulen und Kirchen diese Generation geformt und aus
diesen freien Seelen Herden gemacht habt. Ihre ganze Erziehung — euer
Werk der Knechtung — die Laienerziehung wie die christliche, lobpreist
gleicherweise mit ungesundem Jubel den nichtigen militärischen Ruhm und
seine Glückseligkeit. Am Ende der Angel hält sowohl die Kirche als auch
der Staat den Tod als Köder hin.
Ihr heuchlerischen Schriftgelehrten und Pharisäer, Schande über euch!
Politiker und Priester, Künstler und Schriftsteller, ihr Chorführer des
Todes, ihr seid innen voll von Totengebein und Verwesung. Ach, ihr seid
so recht die Söhne jener, die Christus getötet haben. Wie jene beschwert
ihr die Schultern der Menschen mit entsetzlichen Lasten, zu denen ihr
selbst nicht den Finger aufhebt. Wie jene, so kreuzigt ihr gerade
solche, die den unglücklichen Völkern helfen wollen, solche, die zu euch
kommen, in den Händen den Frieden, den gesegneten Frieden. Ihr sperrt
sie ein und schmäht sie und jagt sie, so wie es geschrieben steht in der
Schrift, von Stadt zu Stadt, bis daß das ganze vergossene Blut der Erde
in Strömen auf euch zurückfällt.
Ihr Kuppler des Todes, ihr arbeitet nur für ihn! Das Vaterland dient
euch nur dazu, um die Zukunft der Vergangenheit hörig zu machen und die
lebendigen Menschen an die vermoderten Toten zu ketten. Ihr verurteilt
das neue Leben in alle Ewigkeit, einzig die leeren Gebräuche der Gräber
ängstlich zu erfüllen.... Aber laßt uns auferstehen! Lassen wir die
Glocken klingen zum Osterfest der Lebendigen!
Ihr Menschen, es ist nicht wahr, daß ihr die Sklaven der Toten seid und
durch sie wie Hörige an die Erde gebunden. Laßt die Toten ihre Toten
begraben und selbst in die Grube fahren. Ihr aber seid Söhne der
Lebendigen und selbst lebendig! Ihr jungen, gesunden Brüder, zerbrecht
die nervenschwache Müdigkeit eurer Seelen, die sich den vergangenen
Vaterländern verschrieben haben und die nur manchmal in plötzlichen
Krämpfen der Raserei sich aufraffen. Werdet selbst die Herren der
Stunde, die Herren der Vergangenheit, Väter und Söhne eurer Werke! Seid
frei! Jeder von euch ist Mensch — nicht der verweste Leib der in den
Gräbern stinkend Vermoderten, sondern das knisternde Feuer des Lebens,
das die Verwesung tilgt, das die Leichen der vergangenen Jahrhunderte
zerstört, das immer neue junge Feuer, das die Erde mit seinen brennenden
Armen umschlingt. Seid frei! Ihr Eroberer der Bastille, ihr habt noch
nicht jene andere erobert, die in euch selbst ist, das falsche
Schicksal, das seit Jahrhunderten alle jene zu eurer Niederhaltung
gebaut haben, die — entweder Sklaven oder Tyrannen (sie sind von der
gleichen Galeere) — Furcht haben, daß ihr euch eurer Freiheit bewußt
würdet. Der wuchtige Schatten der Vergangenheit — Religionen, Rassen,
Vaterländer, die materialistische Wissenschaft — verdeckt eure Sonne.
Geht ihr entgegen! Die Freiheit ist jenseits all jener Wälle und Türme
von Vorurteilen, jener toten Gesetze, jener geheiligten Lügen, die die
Interessen einzelner Auguren, die Meinung der militarisierten Massen und
euere eigenen Zweifel an euch selbst noch behüten. Wagt es, zu wollen!
Und ihr werdet plötzlich hinter der Mauer des trügerischen Schicksals,
kaum daß sie hinstürzt, wieder die Sonne und die unbegrenzte Ferne
sehen.“
§
Statt die revolutionäre Flamme dieses Aufrufes zu erkennen, klammerte
sich das Redaktionskomitee der Zeitung nur an die drei oder vier Zeilen,
in denen Clerambault die Gewalttätigkeiten aus beiden Lagern, von rechts
und links, in denselben Sack zu stecken schien. Woher nahm dieser
Dichter das Anrecht, in einem Parteiblatte den Sozialisten Lektionen
erteilen zu wollen? Im Namen welcher Theorien tat er es? War er denn
überhaupt Sozialist? Ein solcher Bourgeois sollte nur mit diesen
tolstoianischen und anarchistischen Schreibübungen bei der Bourgeoisie
bleiben. Vergebens protestierten einige weitsichtigere Köpfe dagegen und
betonten, jeder freie Gedanke, ob mit, ob ohne politische Etikette,
müsse willkommen geheißen werden, und jener Clerambaults, so wenig er
auch die Parteitheorie kenne, sei in Wahrheit sozialistischer als
mancher der Sozialisten, die sich der nationalen Schlächterei beigesellt
hätten. Dennoch ging man glatt darüber hinweg, und der Artikel wurde,
nachdem er ein paar Wochen in einer Schublade geschlafen hatte,
Clerambault zurückgegeben unter dem Vorwand, sie hätten zuviel aktuelle
Aufsätze und zu wenig Raum.
Clerambault brachte den Artikel einer kleinen Revue, die sich mehr von
seinem literarischen Ruf als von seinen Ideen zum Abdruck verleiten
ließ. Das Resultat war, daß auf Befehl der Polizei die Revue am Tage
nach dem Erscheinen des fast ganz unterdrückten Artikels verboten wurde.
Clerambault aber wurde nur noch hartnäckiger. Gerade diejenigen, die ihr
ganzes Leben unterwürfig gewesen waren, werden die erbittertsten
Revolutionäre, wenn man sie dazu zwingt. Ich erinnere mich, einmal ein
großes Lamm gesehen zu haben, das, von einem Hund beunruhigt, endlich
auf ihn losstürmte, und der Hund, durch diese unerwartete Umkehrung der
Naturgesetze erschreckt, floh vor Entsetzen und Angst bellend davon. Der
Köter Staat ist seiner Zähne zu sicher, um sich über ein paar
unbotmäßige Lämmer zu beunruhigen, aber das Lamm Clerambault berechnete
nicht mehr den Widerstand, sondern stieß mit dem Kopf kreuz und quer.
Die Eigentümlichkeit schwacher aber edler Herzen ist es, ohne Übergang
aus einer Übertreibung in die andere zu verfallen. Aus dem Übermaß eines
Massengefühls war Clerambault mit einem Ruck zu einem Übermaß des
isolierten Individualismus hinübergesprungen, und eben weil er die
Geißel des Gehorsams so gut kannte, sah er überall nur sie, diese
soziale Suggestion, deren Folgen in allen Gesellschaftsklassen gleich
sichtbar waren: die heroische Passivität der Armeen, die man bis zum
Irrsinn gepriesen hatte, die Millionen der von der Hauptschar
eingeschlossenen Ameisen, die Unterwürfigkeit der Parlamente, die den
Chef der Regierung zwar mißachteten, aber doch solange mit ihrer Stimme
unterstützten, bis zufällig einmal der Ausbruch eines einzelnen
Revoltierenden eine Explosion hervorrief, die griesgrämige, aber doch
militärische Unterwürfigkeit selbst der linksstehenden Parteien, die dem
absurden Idol einer abstrakten Einigkeit selbst ihre
Existenzberechtigung aufopfern. Und diese Leidenschaft, den eigenen
Willen preiszugeben, war für ihn der Feind. Er erkannte seine Aufgabe
darin, den Zweifel zu erwecken, den Geist, der die Kette zernagt, und
möglicherweise den großen Wahn zu zerstören.
§
Die Wurzel des Übels war die Idee der Nation. Und diese geschwürige
Stelle durfte man nicht anrühren, ohne daß die Bestie aufschrie.
Clerambault attackierte sie schonungslos.
„... Was habe ich mit euren Nationen zu tun? Ihr verlangt von mir, ich
solle einzelne Völker lieben und einzelne hassen. Ich liebe oder hasse
Menschen. Und es gibt innerhalb jeder Nation vornehme, niederträchtige
und mittelmäßige, nur daß in jeder einzelnen Nation die vornehmen und
die niederträchtigen selten sind, die mittelmäßigen dagegen die große
Masse bilden. Ich liebe einen Menschen oder liebe ihn nicht um
dessentwillen, was er ist, und nicht dafür, was die anderen sind. Und
gäbe es in einer Nation nur einen einzigen Menschen, den ich liebe, so
würde mir das schon genug sein, um sie nicht als Gesamtheit zu
verurteilen. — Ihr sprecht mir von den Kämpfen und dem eingebornen Haß
der Rassen? Die Rassen sind die Farben im Prisma des Lebens, erst aus
ihrem leuchtenden Zusammenspiel entsteht das Licht. Wehe dem, der dieses
Prisma bricht! Ich gehöre nicht einer Rasse an, ich gehöre dem Leben,
dem ganzen Leben. Ich habe Brüder bei allen Nationen, ob sie freundlich
oder feindlich sind, und die mir zunächst Stehenden sind nicht immer
jene, die ihr mir als Landsleute aufzwingen wollt. Die seelischen
Familien sind über die ganze Welt hin zerstreut. Führen wir sie wieder
zusammen! Unsere Aufgabe ist es, die chaotischen Nationen zu zerstören
und an ihrer Stelle harmonische Gruppen zu bilden. Nichts wird dies
verhindern können, und selbst die Verfolgungen werden aus dem
allgemeinen Leiden nur die allgemeine Liebe der gemarterten Völker
formen.“
Und andere Male betonte er in schonungsloser Weise seine persönliche
Loslösung von dem Wettstreit der Nationen, obwohl er die Idee der Nation
nicht leugnete, ja sogar als eine natürliche Tatsache anerkannte; denn
Clerambault versteifte sich nicht auf die Logik, ihm kam es nur darauf
an, das Götzenbild durch alle Lücken seines Harnisches zu treffen. Diese
seine Haltung war nicht minder gefährlich.
„Ich kann keinen Anteil nehmen an den Streitigkeiten eurer Nationen um
die Überlegenheit. Mir ist es gleichgültig, ob im Wettrennen diese oder
jene Farbe den Sieg behält. Wer auch gewinnt, es ist doch immer die
Menschheit, die den Sieg davonträgt. Für mich ist es nur gerecht, daß
das lebendigste, das klügste, das arbeitsamste Volk in dem friedlichen
Kampfe der Arbeit den Triumph erringe. Entsetzlich dagegen wäre, wenn
die zurückgedrängten Nebenbuhler oder diejenigen, die eine
Zurückdrängung befürchten, zur Gewalt griffen, um sich die Konkurrenz
vom Halse zu schaffen. Dies würde die Unterordnung des Interesses aller
Menschen unter einen geschäftlichen Gesichtspunkt bedeuten. Das
Vaterland ist aber kein geschäftlicher Gesichtspunkt. Es ist nun gewiß
traurig, daß das Aufsteigen der einen Nation den Niedergang der anderen
verursacht, aber warum sagt ihr nicht, wenn der große Handel des eigenen
Landes den kleinen Handel des eigenen Landes zugrunde richtet, dies sei
ein Majestätsverbrechen gegen den Staat? Und doch richtet dieser Kampf
viel traurigere und unverdientere Verheerungen an. Das ganze
gegenwärtige ökonomische Gesellschaftssystem der Welt ist verhängnisvoll
und lasterhaft, hier müßte man mit der Heilung einsetzen. Der Krieg
aber, der versucht, den glücklicheren oder geschickteren Konkurrenten
zugunsten des ungeschickteren oder trägeren zu begaunern, vergrößert nur
die Mängel dieses Systems, denn er bereichert einzelne Wenige und
ruiniert die ganze Gemeinschaft.
Es ist unmöglich, daß alle Völker auf derselben Straße im selben Schritt
vorwärtsmarschieren. Abwechselnd überholen bald die einen die anderen
und werden wieder selbst überholt. Aber was tut es, wenn sie nur im
selben Zuge schreiten! Nur keine dumme Eigenliebe! Der Pol der
Weltenergie verändert ständig seine Stelle, selbst im gleichen Lande
verlegt er oft seinen Ruhepunkt. In Frankreich ist er von der römischen
Provence an die Loire der Valois übergegangen, jetzt ist er in Paris,
wird aber nicht immer dort bleiben. Die ganze Erde gehorcht einem
wechselnden Rhythmus fruchtbaren Frühlings und einschlummernden
Herbstes, die großen geschäftlichen Routen bleiben nicht unveränderlich,
und die Schätze unter der Erde sind nicht unerschöpflich. Ein Volk, das
sich durch Jahrhunderte ohne zu rechnen verausgabt hat, geht durch
seinen Glanz dem Ende entgegen. Es kann sich nur erhalten, wenn es auf
die Reinheit seines Blutes verzichtet und sich den anderen vermengt. Es
ist zwecklos, es ist verbrecherisch, seine vergangene Zeit der Reife
angeblich verlängern zu wollen, indem man andere hindert heranzuwachsen
oder, wie unsere alten Leute von heutzutage, die Jungen in den Tod
schickt. Das macht sie nicht jünger, aber sie töten die Zukunft damit.
Ein gesundes Volk versucht, statt sich gegen die Lebensgesetze entrüstet
aufzulehnen, sie zu verstehen. Es sieht seinen wahren Fortschritt nicht
im stupiden Willen, durchaus nicht alt werden zu wollen, sondern in
einer unablässigen Bemühung, mit dem Alter fortzuschreiten, anders und
größer zu werden. Jedes Alter hat seine Aufgabe. Ein ganzes Leben sich
an die selbe anzuklammern, ist Faulheit und Schwäche. Lernt euch zu
verwandeln, der Wandel ist das Leben. Die Werkstätte der Menschheit hat
Arbeit für alle! So arbeiten wir Völker jedes für seinen Teil, und jedes
sei stolz auf die Arbeit aller. Die Mühe und das Genie aller anderen
sind auch die unseren.“
§
Diese Artikel erschienen da und dort, wo es ihnen eben gelang, in
irgendeinem jener kleinen fortschrittlichen, anarchistischen oder
literarischen Blätter unterzukommen, in denen sonst die gewalttätigen
Angriffe gegen Einzelpersonen den wohlbedachten Kampf gegen das Regime
zu ersetzen versuchten. Die Aufsätze waren fast ganz unleserlich, so
hatte die Zensur sie zugerichtet, die übrigens, wenn der Artikel dann in
einer anderen Zeitung nachgedruckt wurde, manchmal mit launischer
Vergeßlichkeit das durchrutschen ließ, was sie gestern verboten hatte,
und das wieder wegschnappte, was sie gestern hatte durchgehen lassen. Es
gehörte eine wirkliche Anstrengung dazu, ihren Sinn zu erfassen.
Seltsamerweise waren es aber nicht die Freunde, sondern die Gegner
Clerambaults, die sich dieser Mühe unterzogen. In Paris sind sonst die
Polemiken von kurzer Dauer, denn die gefährlichsten Gegner, die wahrhaft
Geschulten im Federkrieg, wissen sehr genau, daß Schweigen mehr schadet
als Beschimpfung, und so gebieten sie oft ihrer Gehässigkeit Stille, um
sich gewissere Wirkung zu sichern.
Aber in der hysterischen Krise, die damals die Seelen Europas
schüttelte, gab es keine Richtschnur mehr, nicht einmal mehr eine für
den Haß. Die Heftigkeit der Attacken Octave Bertins brachte Clerambault
jeden Augenblick wieder der Öffentlichkeit in Erinnerung. Es half
nichts, daß Bertin selbst verächtlich die anderen aufforderte: „Reden
wir nicht mehr davon!“ Er redete selbst davon am Ende jedes einzelnen
Artikels, in dem er seine Galle entlud.
Nun kannte Bertin zu genau alle geheimen Schwächen, alle geistigen
Mängel und alle kleinen Lächerlichkeiten seines einstigen Freundes, als
daß er sich das Vergnügen versagen konnte, sie mit sicherem Pfeil zu
treffen. Clerambault, im Tiefsten verwundet und nicht klug genug, seinen
Ärger zu verbergen, ließ sich in den Kampf hineinreißen, antwortete und
zeigte, daß auch er den anderen bis aufs Blut verletzen könne. Eine
brennende Gehässigkeit brach zwischen den beiden los.
Das Resultat war vorauszusehen. Bisher war Clerambault ungefährlich
gewesen. Er beschränkte sich im ganzen auf die sittliche Abhandlung,
seine Polemik trat nicht aus dem gedanklichen Kreis hervor und hätte
ebensogut sich auf Deutschland, England oder auf das Rom von einst
beziehen können wie auf das Frankreich von heute. In Wahrheit verstand
er eigentlich höchst wenig von den politischen Dingen, über die er sich
verbreitete, ebensowenig wie neun Zehntel aller Männer seiner
Gesellschaftsklasse und seines Berufes. So konnte auch das, was er
aufspielte, nicht die Herren der Stunde verwirren. Der lärmende
Federkrieg Clerambaults und Bertins aber, inmitten des Durcheinanders
und Getöses der Zeitungen, hatte eine doppelte Folge. Einerseits
gewöhnte er Clerambault in seinem Gefecht zu feinerer Technik, und das
zwang ihn, sich einen sichereren Grund unter den Füßen zu suchen als den
der bloß logischen Streitigkeiten, andererseits brachte er ihn in
Zusammenhang mit Männern, die die Tatsachen besser kannten und ihm
Unterlagen für seine Aufsätze brachten. Seit einiger Zeit hatte sich in
Frankreich ein kleiner, halb unterirdischer Zirkel gebildet, der sich
mit einer unbeeinflußten Untersuchung und freien Kritik des Krieges und
seiner Ursachen befaßte. Der Staat, der sonst so wachsam jeden Versuch
freien Denkens zermalmte, hielt diese klugen, ruhigen Menschen, die
meist Gelehrte waren, kein lärmendes Aufsehen zu bewirken suchten und
sich mit Privatdebatten begnügten, für ungefährlich. Es schien ihm
politischer, sie bloß zu bewachen, als zwischen vier Mauern
einzusperren. Aber er täuschte sich in seiner Berechnung. Ist einmal die
Wahrheit in bescheidener Mühe gefunden, und sei sie auch nur fünf oder
sechs Menschen offenbar, so kann sie nicht mehr entwurzelt werden: sie
steigt aus der Erde mit unwiderstehlicher Kraft. Clerambault erfuhr
damals zum erstenmal, daß es solche leidenschaftliche Wahrheitssucher
gab, die an jene aus der Zeit des Dreyfusprozesses erinnerten, und ihr
geheimes Apostolat unter der allgemeinen Unterdrückung erinnerte ihn
irgendwie an die kleine christliche Gemeinschaft zur Zeit der
Katakomben. Mit ihrer Hilfe entdeckte er jetzt neben den
Ungerechtigkeiten auch die Lüge des „großen Krieges“. Bisher hatte er
davon nur ein dunkles Vorgefühl gehabt, doch vermochte er nicht zu
ahnen, bis zu welchem Grade unsere nächste Zeitgeschichte gefälscht
worden war. Sein Entsetzen war ungeheuer. Selbst in den Stunden
eindringlichster Prüfung hatte sich seine naive Vorstellungsweise
niemals die trügerischen Untergründe ausdenken können, auf denen ein
solcher Kreuzzug für das Recht beruhte. Und da er nicht der Mann war,
seine Entdeckung für sich zu behalten, schrie er sie in Aufsätzen offen
aus, die sofort von der Zensur untersagt wurden, schob sie dann in
satirischer, ironischer oder symbolischer Form in kleine Erzählungen und
Fabeln in der Art Voltaires ein, die manchmal infolge Unachtsamkeit des
Zensors glücklich durchgingen, aber Clerambault den Machthabern als
einen ausgesprochen gefährlichen Menschen erscheinen ließen.
Die ihn zu kennen meinten, waren sehr von ihm überrascht. Von seinen
Gegnern war er bisher allgemein als Sentimentaler behandelt worden, der
er ja auch im Grunde gewiß war. Weil er es aber wußte und gleichzeitig
Franzose war, besaß er die Gabe, selbst darüber zu lachen und sich
lustig zu machen. Deutschen Sentimentalen mag es passen, blindlings an
sich zu glauben; aber im Grunde der Seele des so beredten und
empfindsamen Clerambault wachte der Blick des Galliers, der immer auf
der Hut ist im tiefsten Dickicht seiner großen Wälder, der beobachtet,
nichts übersieht und immer bereit ist, zu lachen. Und das Seltsamste
war, daß dieser urhafte Trieb gerade in jenem Augenblick bei ihm
ausbrach, wo man es am wenigsten erwartet hätte, in der Zeit der
härtesten Prüfung und drohenden Gefahr. Das Gefühl für das Lächerliche
der Welt belebte Clerambault gleichsam von neuem. Sein Charakter bekam
plötzlich, kaum daß er sich von den Konventionen, in denen er gefangen
war, freigemacht hatte, eine lebendige Vielfalt. Gut, zärtlich,
kampfsüchtig, reizbar, über das Ziel hinausschießend, den Mißgriff
anerkennend und heiter darüber hinweggehend, sentimental, ironisch,
skeptisch und gläubig — immer erstaunte er selbst von neuem, wenn er
sich im Spiegel dessen sah, was er schrieb. Sein ganzes Leben, das er
bisher vorsichtig und bürgerlich in sich verschlossen hatte, brach nun,
durch die moralische Einsamkeit und die gesunde Luft des Kampfes
verstärkt, aus ihm heraus.
Und Clerambault merkte, daß er sich selber nicht kannte. Er war wie
neugeboren seit jener Nacht der Angst, er hatte eine Art Freude kennen
gelernt, von der er nie gewußt hatte, die schwindelige und losgelöste
Freude des freien Mannes im Kampfe. Alle seine Sinne waren wie ein
Bogen, gut und straff gespannt. Und er genoß im Tiefsten dieses
vollkommene Wohlgefühl.
§
Jene aber in seiner nächsten Umgebung hatten von diesem Wohlergehen
keinen Gewinn. Frau Clerambault bekam von dem Kampf nur die
Unannehmlichkeiten zu fühlen, eine allgemeine Feindseligkeit, die
schließlich selbst bei den kleinen Lieferanten ihres Bezirkes zutage
trat. Rosine siechte sichtlich dahin. Die Wunden ihres Herzens, die sie
verbarg, ließen sie schweigend verbluten. Sie selbst beklagte sich nie,
aber ihre Mutter tat es für zwei. Ihre Verbitterung erstreckte sich
gleicherweise auf die Dummköpfe, die sie beschimpften, und den
unvorsichtigen Clerambault, der ihr diese Beschimpfung einbrachte. Bei
jeder Mahlzeit gab es ungeschickte Vorwürfe, die ihn zum Schweigen
bewegen sollten. Aber sie richtete nichts aus, die stummen wie die
lärmenden Anklagen glitten machtlos an Clerambault ab. Zweifellos war er
oft traurig und bedrückt, aber er gab sich jetzt ganz der Leidenschaft
des Kampfes hin, und ein unbewußter, ja sogar ein wenig kindlicher
Egoismus ließ ihn alles ausschalten, was ihm dieses neue Vergnügen hätte
stören können.
Äußere Umstände kamen Frau Clerambault zu Hilfe. Eine alte Verwandte,
die sie aufgezogen hatte, starb und hinterließ den Clerambaults ihren
kleinen Besitz im Berry, den sie bewohnt hatte. Frau Clerambault
benützte diesen Trauerfall, um sich von Paris zu entfernen, das ihr
jetzt zum Abscheu geworden war, und vor allem um ihren Mann diesem
gefährlichen Milieu zu entreißen. Sie schützte außer ihrem Schmerz
praktische Gründe und die Gesundheit Rosinens vor, der diese
Luftveränderung gut tun würde. Clerambault gab nach. Sie reisten alle
drei ab, um ihre kleine Erbschaft in Besitz zu nehmen, und blieben den
Sommer und Herbst über im Berry.
Das altbürgerliche Haus lag auf dem Lande, am Ausgang eines Dorfes. Aus
der Erregung von Paris war Clerambault plötzlich in eine stockende Ruhe
versetzt. Die Stille der Tage unterbrach nur der Ruf der Hähne in den
Bauernhöfen, das Brüllen des Viehes auf der Weide. Aber das Herz
Clerambaults war zu sehr fieberhaft geworden, um sich dem friedfertigen
und langsamen Rhythmus der Natur anzupassen. Einst hatte er ihn bis zur
Vergötterung geliebt, einst war er in Harmonie mit dem Landvolk gewesen,
dem seine eigene Familie entstammte, aber heute machten ihm die Bauern,
mit denen er zu sprechen versuchte, den Eindruck von Menschen eines
anderen Planeten. Zwar waren sie nicht vom Kriegsgift verseucht, sie
zeigten keine Leidenschaft und keinen Haß gegen den Feind, aber sie
zeigten auch keinen gegen den Krieg. Sie nahmen ihn als eine Tatsache
hin, ließen sich nichts über ihn vormachen (gewisse Bemerkungen voll
gutmütiger Ironie verrieten, daß sie wußten, was er wert sei), aber
zunächst beschränkten sie ihre Bemühung darauf, ihn auszunützen. Sie
machten gute Geschäfte. Sie verloren zwar ihre Söhne, aber sie verloren
nicht ihr Hab und Gut. Wenn ihre Trauer sich auch nicht sehr
offensichtlich ausdrückte, so konnte man ihnen doch deutlich anmerken,
daß sie für das Leid nicht unempfindlich waren. Aber schließlich: ein
Menschenleben geht dahin und die Erde bleibt. Sie hatten wenigstens
nicht wie die Bourgeoisie der Städte ihre Kinder aus nationalem
Fanatismus in den Tod geschickt, aber, sobald es einmal geschehen war,
wußten sie ihre Opfer in gute Werte umzusetzen und wahrscheinlich hätten
das sogar ihre hingeopferten Söhne ganz natürlich gefunden. Muß man
denn, wenn man das, was man liebt, verliert, immer auch gleich den Kopf
dazu verlieren? Die Bauern hatten ihn nicht verloren. Man erzählt, der
Krieg habe im französischen Flachland etwa eine Million neuer
Grundbesitzer geschaffen. Die Gedankenwelt Clerambaults fühlte sich hier
ganz einsam und ausgeschlossen. Sein Denken und das ihre sprachen nicht
dieselbe Sprache. Hie und da tauschten sie mit ihm einige allgemeine
bekümmerte Reden aus. Aber die Bauern beklagen sich ja immer, wenn sie
mit dem Städter sprechen. Es ist bei ihnen schon so Sitte, eine Art,
sich gegen einen möglichen Appell an ihren Geldsack zu schützen. Sie
hätten im selben Ton über Maul- und Klauenseuche gesprochen. Clerambault
blieb für sie der Pariser. Was immer sie auch denken mochten, ihm hätten
sie es nie gesagt. Er war für sie von einer anderen Rasse.
Dieses Fehlen jeder Resonanz erstickte das Wort Clerambaults. Leicht zu
beeinflussen, wie er war, kam er dahin, es selbst nicht mehr zu hören.
Stille war um ihn. Die Stimmen der unbekannten und fernen Freunde, die
ihn zu erreichen versuchten, wurden durch die Spionage der Post
aufgefangen — einen jener Schandmale, mit dem sich diese Zeit entehrt
hat. Unter dem Vorwand, die Spionage des Auslandes zu unterdrücken,
machte der Staat damals aus seinen eigenen Bürgern Spione. Er begnügte
sich nicht damit, die Politik zu überwachen, er vergewaltigte auch das
Denken und erzog seine Agenten zum gemeinen Dienst von Horchern an der
Wand. Die Vorteile, die er ihnen für eine solche Niedrigkeit bot,
erfüllten bald das Land (alle Länder) mit freiwilligen Spitzeln, Leuten
der guten Gesellschaft, drückebergerischen Schriftstellern in großer
Zahl, die ihre Sicherheit dadurch erkauften, daß sie die der andern
verrieten und ihre Angebereien mit dem Worte „Vaterland“ deckten. Dank
diesen Angebern war es den frei Denkenden, die sich suchten, nicht
möglich, einander die Hände zu reichen. Das ungeheure Untier Staat hatte
eine mißtrauische Angst vor dem halben Dutzend freier, alleinstehender,
schwacher machtloser Menschen, so sehr brannte es der Dorn seines
schlechten Gewissens. Und jede dieser freien Seelen siechte hin in ihrem
Kerker, umschlossen von einer unsichtbaren Überwachung. Und da einer vom
anderen nicht wußte, daß sie alle das gleiche litten, starben sie
langsam hin in ihrer eisigen Einsamkeit, ihrer Verzweiflung.
Die Seele, die Clerambault in seinem eigenen Leibe trug, war zu
brennend, um sich durch dieses Leichentuch von Schnee ersticken zu
lassen. Aber die Seele allein reicht nicht aus in solchen Krisen. Der
Körper ist eine Pflanze, die der menschlichen Erde bedarf. Der Sympathie
beraubt, gezwungen, sich von seiner eigenen Substanz zu nähren, kränkelt
er hin. Alle Überlegungen Clerambaults, mit denen er sich zu beweisen
suchte, daß sein Gedankengang jenem von Tausenden Unbekannten
entspräche, konnten nicht den lebendigen, leibhaftigen Kontakt mit einem
einzigen schlagenden Herzen ersetzen. Der Geist kann sich mit dem
Glauben begnügen. Aber das Herz ist der ungläubige Thomas, der berühren
muß, um zu glauben.
Clerambault hatte diese seine physische Schwäche nicht vorausgesehen. Es
war wie eine Erstickung: die Haut wird trocken, das Blut vom brennenden
Körper aufgesogen, die Quellen des Lebens versiegen im luftleeren Raum.
Da geschah es eines Abends, als er wie ein Schwindsüchtiger an einem
drückenden Tage von Zimmer zu Zimmer auf der Suche nach einem Atemzug
frischer Luft durch das Haus geirrt war, daß ein Brief ankam, dem es
gelungen war, zwischen den Maschen des Netzes durchzuschlüpfen. Ein Mann
etwa seines Alters, ein Dorflehrer in irgendeinem verlorenen Tale des
Dauphiné, schrieb ihm:
„Der Krieg hat mir alles genommen. Von denen, die ich kannte, hat er die
einen getötet, die anderen erkenne ich nicht mehr. Auf allem, was mir
einst das Leben lebenswert erscheinen ließ, auf meiner Hoffnung eines
Fortschrittes, auf meinem Vertrauen in eine Zukunft geistiger
Brüderlichkeit, stampfen sie mit ihren Füßen herum. Ich siechte hin vor
Verzweiflung, als ich durch einen Zufall dank einer Zeitung, die Sie
beschimpfte, Ihre Aufsätze „Ihr Toten“ und „An die einst Geliebte“
kennen lernte. Ich habe sie gelesen und vor Freude geweint. Man ist also
doch nicht ganz allein? Man leidet also doch nicht allein? Und nicht
wahr, mein Herr, Sie glauben noch an diesen Glauben, sagen Sie es mir,
Sie glauben doch noch an ihn? Er lebt also immer noch und sie werden ihn
nicht töten können? Ach, wie wohl das tut, ich fing schon an zu
zweifeln! Verzeihen Sie es mir, aber man ist alt, man ist allein, man
ist recht müde.... Ich segne Sie, mein Herr. Jetzt werde ich ruhig
sterben können, jetzt weiß ich, dank Ihnen, daß ich mich nicht getäuscht
habe!“
Und es war sofort, als ob die Luft durch irgendeine plötzliche Öffnung
einbräche. Die Lunge spannte sich aus, das Herz begann wieder zu
schlagen, die Quelle des Lebens wieder zu sprudeln, um das
ausgetrocknete Strombett der Seele von neuem zu füllen. O wie doch immer
ein liebender Mensch des andern bedarf! Du Hand, zu mir hinübergereicht
in der Stunde der Angst, du Hand, die du mich fühlen ließest, daß ich
nicht ein abgerissener Zweig war vom Baum des Lebens, sondern
hinabreiche bis zu seinem Herzen — ich rette dich und du rettest mich.
Ich gebe dir meine Kraft und sie stirbt hin, wenn du sie nicht nimmst.
Die einsame Wahrheit ist wie ein Funke, der als einziger, züngelnd und
vergänglich vom Kiesel springt. Wird er nicht verlöschen? Nein. Er hat
eine andere Seele berührt, und ein Stern flammt in der Tiefe des
Horizonts auf.
§
Nur einen Augenblick war es Clerambault vergönnt, ihn zu sehen. Dann
trat er hinter dem Gewölk zurück und verschwand für immer.
Clerambault schrieb noch am selben Abend dem unbekannten Freunde. Er
vertraute ihm mit voller Hingabe seine Prüfungen und seine gefährlichen
Überzeugungen an. Der Brief blieb ohne Antwort. Nach einigen Wochen
schrieb Clerambault nochmals, hatte aber auch diesmal keinen Erfolg;
doch sein Hunger nach einem Freund, mit dem er leiden und hoffen konnte,
war so gierig geworden, daß er mit der Eisenbahn nach Grenoble fuhr und
von dort zu Fuß bis zu dem Dorf ging, dessen Adresse er bewahrt hatte.
Aber als er, das Herz schon ganz selig über die Überraschung, die er
bereiten würde, an die Tür der Schule klopfte, verstand der Mann, der
ihm auftat, nichts von dem, was er ihm sagte. Nach kurzer
Auseinandersetzung erfuhr er, daß der Lehrer, mit dem er sprach, neu in
das Dorf gekommen sei. Sein Vorgänger war vor einem Monat versetzt und
strafweise in eine entfernte Gegend geschickt worden, aber es blieb ihm
erspart, die Reise zu machen. Eine Lungenentzündung hatte ihn am Tage,
ehe er den Ort verlassen sollte, den er dreißig Jahre bewohnt,
dahingerafft. Nun durfte er noch weiter darin wohnen, aber unter der
Erde. Clerambault sah das Kreuz auf dem noch frischen Hügel und erfuhr
niemals, ob der entschwundene Freund wenigstens seine zärtlichen Worte
empfangen hatte. Es war besser für ihn, im Zweifel zu verharren, denn
niemals hatte der entschwundene Freund seine Briefe erhalten, selbst
jenes letzten Lichtscheins hatte man ihn beraubt.
§
Das Ende jenes Sommers im Berry war eine der unfruchtbarsten Epochen im
Leben Clerambaults. Er sprach mit niemandem mehr, er schrieb nicht mehr.
Mit der arbeitenden Bevölkerung in direkten Verkehr zu kommen, bot sich
keine Möglichkeit. Bei den seltenen Gelegenheiten, wo er vordem dem
Volke nahetreten konnte (bei Massenaufläufen, bei Festlichkeiten und bei
der Arbeit an der Volksuniversität), war es ihm immer lieb geworden.
Aber eine Scheu, übrigens eine, die beiderseitig war, hinderte ihn, sich
ganz hinzugeben. Beide Teile hatten immer das bald stolze, bald
peinliche Gefühl der eigenen Minderwertigkeit. Denn Clerambault dünkte
sich in vielen Dingen, und zwar in den wesentlichsten, geringwertiger,
als die intelligenten Arbeiter (und er hatte auch recht, denn aus ihren
Reihen werden die Führer der Zukunft erstehen). Unter der Auslese der
Arbeiterschaft gab es damals anständige und männliche Geister, die
Clerambault wohl hätte verstehen können. Mit ihrem ungebrochenen
Idealismus hielten sie sich fest an die Wirklichkeit und, gewöhnt an den
täglichen Kampf, seine Täuschungen und seinen Betrug, hatten sich diese
Männer, von denen einige, obzwar noch jung, schon Veteranen im sozialen
Kampf waren, zur Geduld erzogen. Sie hätten Clerambault darin belehren
können. Diese Leute wußten wohl, daß alles erarbeitet sein muß, daß man
nichts umsonst bekommt, daß alle diejenigen, die das Glück der
zukünftigen Generation wollen, es mit ihren persönlichen Leiden bezahlen
müssen. Sie wissen, daß der geringste Fortschritt nur Schritt für
Schritt erobert wird und oft zwanzigmal verloren geht, ehe er endgültig
erreicht wird. (Es gibt ja nichts wirklich Endgültiges...) Clerambault
hatte großes Verlangen nach diesen Menschen, die stark und geduldig wie
die Erde waren. Und seine heiße Intelligenz hätte sie bestrahlt und
erwärmt.
Aber zwischen ihnen und ihm bestand das altväterliche, verletzende und
der Gemeinschaft nicht weniger als dem Einzelnen verhängnisvolle System
der Kasten, das zwischen den angeblich gleichen Bürgern unserer
verlogenen Demokratien steht, und das aus der übergroßen Verschiedenheit
der Vermögensverhältnisse, der Erziehung und der Lebensform stammt.
Zwischen den einzelnen Kasten bestand nur eine Verbindung durch die
Journalisten, die, eine Kaste für sich bildend, weder die eine noch die
andere wirklich darstellten. Einzig die Stimme der Zeitungen durchhallte
das Schweigen Clerambaults. Nichts war imstande, ihr „Quorax quorax
breke-ke-kex“ zu stören.
Die unglücklichen Folgen einer neuen Offensive fanden die Journale wie
immer unerschütterlich auf ihrem Posten. Wieder einmal waren die
optimistischen Orakel der Hinterlandspriester zunichte geworden, aber
niemand schien es zu bemerken. Sie ließen nur andere Orakel folgen, die
mit der gleichen Zuversicht verabreicht und verschluckt wurden. Weder
diejenigen, die sie schrieben, noch die, die sie lasen, wollten
eingestehen, daß sie sich getäuscht hatten, und, so aufrichtig sie auch
gegen sich sein mochten, sie merkten nichts davon. Sie erinnerten sich
selber nicht mehr an das, was sie tags zuvor gesagt hatten. Und wie
wollte man auch dies seltsame Wesen mit dem Vogelgehirn fassen? Kopf
oben, Kopf unten — man mußte schließlich ihre Gabe anerkennen, nach
allen Kapriolen immer wieder auf die Füße zu fallen. Jeden Tag hatten
sie eine andere Überzeugung. Sie brauchte nicht dauerhaft zu sein,
nachdem man am anderen Tage wieder eine andere hatte. Zu Ende des
Herbstes begann man in den Zeitungen, um die sinkende Moral des
Hinterlandes, die bei dem Vorgefühl des traurigen Winters nachzugeben
begann, wieder neu zu kräftigen, eine neue Propaganda deutscher Greuel.
Sie erfüllte vortrefflich ihren Zweck. Das Thermometer der öffentlichen
Meinung stieg plötzlich wieder zur Fiebertemperatur auf. Selbst in dem
friedlichen Städtchen des Berry äußerten sich während einiger Wochen
alle Leute in erbittertster Weise. Sogar der Priester steuerte sein
Scherflein bei und hielt eine Rachepredigt. Clerambault, der es von
seiner Frau beim Mittagessen erfuhr, sprach seine Ansicht darüber in
Gegenwart des bedienenden Mädchens ohne Rücksicht aus. Am Abend wußte
schon das ganze Dorf, daß er ein Boche sei, und seitdem konnte es
Clerambault jeden Morgen an seiner Tür angeschrieben lesen. Die Laune
Frau Clerambaults wurde dadurch nicht gebessert. Rosine wiederum, die in
ihrem jugendlichen Kummer über die getäuschte Liebe eine religiöse Krise
durchmachte, war zu sehr mit ihrem eigenen Schmerz und seinen
Verwandlungen beschäftigt, um an die Qual der anderen zu denken. Selbst
die zärtlichsten Naturen haben ihre Stunde eines naiven und vollkommenen
Egoismus.
§
Ganz allein sich selbst hingegeben und der Möglichkeit des Wirkens
beraubt, wandte Clerambault sein ganzes fieberndes Denken gegen sich.
Nichts konnte ihn nunmehr auf dem Wege der bitteren Wahrheit
zurückhalten, nichts mehr ihr grausam scharfes Licht abdämpfen. Er
fühlte in sich die brennende Seele jener _fuorusciti_, die, verstoßen
aus den Mauern ihrer harten Stadt, sie von außen mit mitleidslosen Augen
betrachteten. Nun war es nicht mehr die schmerzhafte Vision jener ersten
Nacht der Prüfung, da die blutenden Wunden ihn noch mit seinem
menschlichen Kreise verbanden. Jetzt waren alle Bande gelöst. Sein
überklarer Geist schwebte, den Abgrund umkreisend, immer tiefer in
langsamen Spiralen einsamen Schweigens in die Hölle hinab....
„Ich sehe euch, ihr Herden, ihr Völker, ihr Myriaden Wesen, die ihr es
nötig habt, euch wie Austern zusammenzudrängen, nur um euch vermehren
und denken zu können. Jede eurer Gruppen hat ihren besonderen Geruch,
der ihr heilig scheint. Ganz wie bei den Bienen, wo die Ausdünstung der
Königin die Einheit des Bienenstockes und die Arbeitsfreude schafft.
Ganz wie bei den Ameisen: Wer dort nicht riecht wie das Ich und seine
Rasse, wird getötet. Ihr Menschenwaben, jede von euch hat ihren
besonderen Geruch von Rasse, Religion, Moral und althergebrachten
Sitten. Dieser Geruch durchdringt eure Körper, euer Werk und eure Brut.
Er bestimmt euer Leben von der Geburt bis zum Tode. Weh dem, der ihn von
sich abzuwaschen sucht.
Wer die Dumpfheit dieses Bienenschwarmgedankens, diesen Schweiß
berauschter Nächte eines Volkes recht genießen will, möge doch einmal
die Gebräuche und Glaubensformeln aus der Distanz der Geschichte
betrachten; er möge sich von Herodot, dem ironischen Spötter, den Film
der menschlichen Verirrungen aufrollen lassen, das lange Panorama der
bald erbärmlichen, bald lächerlichen, aber immer hochgeehrten Gebräuche
bei den Skythen, Issedonen, Geten, Nasomonen, Gindaren, Sauromaten,
Lydiern, Lybiern und Ägyptern, den Zweifüßlern aller Farben von Ost nach
West und von Nord nach Süd. Der Großkönig, ein kluger Kopf, fordert zum
Scherz die Griechen, die ihre Toten verbrennen, auf, sie zu verzehren,
und die Hindus wiederum, die sie verspeisen, sie zu verbrennen, und
belustigt sich dann über ihre beiderseitige Empörung. Der weise Herodot
aber verneigt sich vor seinem Publikum und, unmerklich lächelnd, enthält
er sich zwar eines Urteils, weist aber die zurecht, die sich über jene
lustig machen; denn: würde man allen Menschen vorschlagen, eine Wahl
unter den besten Gesetzen der verschiedenen Länder zu treffen, so würde
sich doch jeder für die seines Vaterlandes entscheiden, denn es ist
gewiß, daß jeder überzeugt ist, es gäbe keine besseren. Es gibt kein
wahreres Wort als jenes Pindars: ‚Die Gewohnheit ist die Königin aller
Menschen.‘
Jeder trinkt gern aus seinem Napf; so sollte er es wenigstens ertragen,
daß der andere aus dem seinigen trinkt. Aber gerade das Gegenteil gilt:
Um sich an dem seinen zu erfreuen, muß man dem andern in seinen Napf
spucken. So will es Gott, denn man braucht ja einen Gott — mag er sein
wie er sei, Mensch oder Tier, oder bloß ein Gegenstand, eine schwarze
oder rote Linie, oder wie im Mittelalter eine Amsel, ein Rabe, irgendein
Wappenschild — nur damit man dann auf ihn die eigenen Torheiten abladen
kann.
Heute, da die Fahne das Wappenschild ersetzt hat, erklären wir uns frei
von jedem Aberglauben. Doch wann war er undurchdringlicher als heute?
Jetzt zwingt uns das neue Dogma der Gleichheit, genau so zu riechen wie
die anderen, wir haben nicht einmal mehr die Freiheit zu sagen, daß wir
nicht frei sind. Das wäre ein Gottesfrevel. Mit dem Tragsattel auf dem
Rücken muß man brüllen: ‚Es lebe die Freiheit!‘ Die Tochter des Königs
Cheops war auf Befehl ihres Vaters Dirne geworden, um mit dem Schandgeld
ihres Körpers die Pyramide aufrichten zu helfen. Um die Pyramide unserer
massigen Republiken zu errichten, müssen Millionen Bürger ihr Gewissen,
ihre Seele und ihre Körper der Lüge und dem Haß prostituieren.... Oh,
wir sind Meister in der großen Kunst des Lügens geworden!... Allerdings,
man hat ja immer gelogen, aber der Abstand zu jenen Frühern besteht
darin, daß sie sich ihrer Lüge bewußt waren, und es beinahe naiv
eingestanden wie ein natürliches Bedürfnis, das man — wie es ja bei den
Menschen des Südens Sitte ist — ungeniert in Gegenwart von
Vorübergehenden abtut. ‚Ich werde immer lügen‘, sagt ganz unschuldig
Darius, ‚denn wenn es nützlich ist zu lügen, so soll man sich darüber
keine Skrupel machen. Diejenigen, die lügen, wünschen dasselbe zu
erreichen wie jene, die die Wahrheit sagen: man lügt in der Hoffnung,
irgendeinen Gewinn davon zu haben, man sagt die Wahrheit, um daraus
Vorteil zu ziehen und sich das Vertrauen zu sichern. So gehen wir zwar
nicht den gleichen Weg, aber doch zum selben Ziele. Denn ohne Hoffnung
auf Vorteil wäre es ja für den, der die Wahrheit sagt, gleichgültig, zu
lügen, und für den, der lügt, ebensogut, er sagte die Wahrheit.‘ Aber
wir, meine lieben Zeitgenossen, wir sind bedeutend schamhafter. Wir
schauen uns selbst nicht zu, wenn wir auf offener Straße lügen... Wir
lügen hinter geschlossenen Türen und Fenstern, wir belügen uns selbst.
Aber wir gestehen es uns niemals ein, selbst nicht in aller Intimität.
Nein, nein, wir lügen nicht, wir „idealisieren“ nur.... Ach, ich möchte,
daß man euer Auge sehe und daß euer Auge sehend würde, ihr freien
Menschen!
Frei! Worin, wovon seid ihr frei? Wer von euch ist heute frei innerhalb
eures gegenwärtigen Staates? Habt ihr die Freiheit, zu handeln? Nein, da
ja der Staat über euer Leben verfügt, euch zu Schlächtern oder
Hingeschlachteten macht. Seid ihr frei, zu sprechen und zu schreiben,
was ihr wollt? Nein, denn man sperrt euch ein, wenn ihr eure Gedanken
aussprecht. Seid ihr frei, wenigstens für euch allein zu denken? Nein,
außer ihr verbergt eure Gedanken gut, und selbst ein tiefer Keller ist
für sie nicht sicher genug. Schweigt! Hütet euch! Ihr seid gut
überwacht... Es gibt Galeerenhüter für die Tat: Unteroffiziere und
Betreßte. Und es gibt Galeerenhüter für den Geist: Kirchen und
Universitäten, die genau vorschreiben, was man glauben und was man
leugnen muß... Worüber beklagt ihr euch? (Aber ihr beklagt euch ja gar
nicht!) Macht euch ja kein Kopfzerbrechen, wiederholt nur die Worte des
Katechismus!
Nun sagt ihr, daß dieser Katechismus in freier Wahl von dem
selbständigen und selbstherrlichen Volk genehmigt worden sei! Eine
schöne Selbstherrlichkeit! Einfaltspinsel, die die Backen aufblasen mit
ihrem Worte Demokratie... Demokratie, das ist die Kunst, sich an die
Stelle des Volkes zu setzen und ihm feierlich in seinem Namen, aber zum
Vorteil einiger guter Hirten die Wolle abzuscheren. In Friedenszeiten
weiß das Volk nichts von dem, was vorgeht, außer dem, was die Leute, die
ein Interesse daran haben, es zu prellen, ihm in ihren geknechteten
Zeitungen zu sagen Lust haben. Die Wahrheit ist unter Verschluß. In
Kriegszeiten macht man das besser, da ist das Volk unter Verschluß.
Selbst wenn es wirklich je gewußt hätte, was es will, so hat es doch
keine Möglichkeit mehr, ein Wort davon zu sagen. Kadavergehorsam... Zehn
Millionen Kadaver... und die Lebendigen taugen auch nicht viel mehr,
nachdem sie vier Jahre im niederdrückenden Regime von patriotischen
Aufschneidereien, von Jahrmarkts-Paraden gestanden haben und dem
Tam-Tam, den Drohungen, Betrügereien, Gehässigkeiten, Angebereien,
Hochverratsprozessen und dem Standgericht ausgesetzt waren. Die
Demagogen haben das letzte Aufgebot der Dunkelmännerei zusammengerafft,
um den letzten verzweifelten Lichtschein der Vernunft in ihren Völkern
zu ersticken und sie völlig zu verblöden.
Ihnen genügt es nicht, sie zu knechten. Man muß die Völker so dumm
machen, daß sie selbst geknechtet sein wollen. Die gewaltigen
Autokratien Ägyptens, Persiens und Assyriens, die mit dem Leben von
Millionen ihr Spiel trieben, schöpften das Geheimnis ihrer Macht aus dem
übernatürlichen Glanz ihrer falschen Göttlichkeit. Jede absolute
Monarchie war unbedingt bis an die äußersten Grenzen der gläubigen
Jahrhunderte eine Theokratie gewesen. In unseren Demokratien aber ist es
unmöglich, an die Göttlichkeit irgend so eines Hanswursts, wie es unsere
höchst anrüchigen und mißachteten Minister sind, zu glauben. Man hat sie
zu sehr von der Nähe gesehen und kennt ihre Schäbigkeiten.... So haben
sie die Erfindung gemacht, die Götter hinter die Leinwand ihres
Jahrmarktzeltes zu stecken. Gott, das ist jetzt die Republik, das
Vaterland und die Gerechtigkeit, die Zivilisation. Am Eingang des Zeltes
sind sie aufgemalt, jede Jahrmarktsbude zeigt in mannigfachen Farben
ihre schöne Riesin, und die Millionen drängen sich nur so hinein, um sie
zu sehen. Freilich, was sie denken, wenn sie aus der Bude herauskommen,
das wird nicht gesagt, und sie wären selbst sehr verlegen, wenn sie sich
etwas dabei denken sollten. Die einen kommen überhaupt nicht mehr
heraus, die andern haben nichts gesehen. Nur jene, die draußen geblieben
sind vor der großen Bude, um zu gaffen, die sehen, für die ist Gott da
(schön aufgemalt). Die Götter sind nichts als das Verlangen, an sie zu
glauben.
Warum aber dann die brennende Wut dieses Verlangens? Weil man die
Wirklichkeit nicht sehen kann. Oder eigentlich: gerade weil man sie
sieht. Das ist ja die ganze Tragik der Menschheit, daß sie nicht sehen
und nichts wissen will. Sie hat nur das verzweifelte Bedürfnis,
irgendwie ihren Schmutz göttlich zu machen. Wir aber wollen ihr ins
Gesicht sehen!
Der Instinkt des Mordes ist in das Herz der Natur geschrieben. Ein
wahrhaft teuflischer Instinkt, weil er die Wesen nicht bloß geschaffen
zu haben scheint, um zu essen, sondern auch, um gegessen zu werden. Eine
Spielart des Kormorans nährt sich von Meerfischen. Die Fischer rotteten
nun diese Vögel aus, da verschwanden die Fische, denn sie wiederum
nährten sich von den Exkrementen der Vögel, die sich von ihnen nährten.
So ist die Kette der Wesen eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt
und sich selber frißt.... Wäre nun wenigstens nicht auch noch das
Bewußtsein geschaffen, daß der Mensch selbst dieser eigenen Marter
zusehen muß! Oh, wie dieser Hölle entfliehen?... Zwei Wege gibt es, zwei
einzige Wege, den Weg Buddhas, der den schmerzhaften Wahn des Lebens zum
Erlöschen bringt — und den Weg des religiösen Wahns, der über
Verbrechen und Schmerzen den Schleier einer blendenden Lüge wirft! Das
Volk, das die andern vernichtet, wird da zum auserwählten Volke, es
wirkt für seinen Gott. Das Gewicht der Ungerechtigkeiten, das die eine
Waagschale des Lebens niederdrückt, findet sein Gegengewicht im Jenseits
der Träume, wo alle Wunden und Qualen gelindert werden. Die Formen
dieses Himmelreiches sind verschieden von Volk zu Volk, von Zeit zu
Zeitalter, und diese Verschiedenheit nennt man dann Fortschritt. Aber es
ist doch immer ein und dasselbe Verlangen nach einem Wahn. Man muß
dieser furchtbaren Bewußtheit das Maul stopfen, die alles sieht und
Rechenschaft verlangt für jede Ungerechtigkeit des Gesetzes. Wirft man
ihr nun nicht rasch einen Brocken zum Fraße hin, irgendeinen Glauben, so
heult sie vor Hunger und Angst. Man muß glauben. Glauben oder
krepieren.... Und darum haben sich die Menschen zu Herden
zusammengedrängt, um sich gegenseitig zu bestärken und zu stützen. Um
aus ihren einzelnen persönlichen Zweifeln eine gemeinsame Sicherheit zu
machen.
Was tun wir aber jetzt mit der Wahrheit? Die Wahrheit — jetzt ist sie
ja für jene der Feind. Freilich, das gestehen sie nicht ein. In einem
stillschweigenden Übereinkommen nennen sie Wahrheit das widerliche
Gemisch von ein bißchen Wahrheit und vieler Lüge, wobei das bißchen
Wahrheit dazu dient, die Lüge zu übertünchen, die Lüge und die
Knechtschaft, die ewige Knechtschaft... Nicht die Monumente des Glaubens
und der Liebe sind die dauerhaftesten, sondern weit mehr jene der
Knechtschaft. Reims und das Parthenon stürzen in Ruinen, aber die
Pyramiden Ägyptens inmitten der Wüste, den Luftspiegelungen und dem
wandernden Sand trotzen den Jahrhunderten... Wenn ich an die Tausende
unabhängiger Menschen denke, die der Geist der Knechtschaft im Laufe der
Jahrhunderte verschlungen hat — die Ketzer und Revolutionäre, die
Unbotmäßigen gegen Staat und Kirche —, so wundere ich mich nicht mehr
über die Mittelmäßigkeit, die nun über der Welt wie eine dicke fettige
Brühe schwimmt...
Wir aber, die wir uns noch auf der düstern Oberfläche halten, die wir
noch nicht untergetaucht sind, was sollen wir gegenüber dieser
unbarmherzigen Welt tun, wo ewig der Starke den Schwächeren zermalmt und
ewig wieder einen noch Stärkeren findet, der ihn seinerseits vernichtet?
Sollen wir uns aus schmerzlichem Mitleid und aus Ermüdung zur
freiwilligen Hinopferung entschließen, oder sollen wir mittun an der
ewigen Erdrückung des Schwachen, ohne innerlich nur den Schatten einer
Erkenntnis zu haben von der blinden Grausamkeit des Weltalls? Was bleibt
uns denn sonst noch? Sollen wir etwa versuchen, uns aus dem
hoffnungslosen Kampf wegzuschleichen aus Egoismus oder aus Weisheit, die
ja doch nur eine andere Form des Egoismus ist?...“
In dieser Krise ätzenden Pessimismusses, die Clerambault in jenen
Monaten der menschenfremden Isolierung durchwühlte, sah er überhaupt
keine Möglichkeit des Fortschrittes mehr, jenes Fortschrittes, an den er
einst geglaubt hatte wie andere an den lieben Gott. Jetzt sah er die
menschliche Rasse einem mörderischen Geschick rettungslos geweiht.
Nachdem sie soviel andere Wesen auf ihrer Erde vernichtet hatte, war es
ihr Schicksal, sich nun mit eigener Hand zu vernichten und damit ein
Gesetz der Gerechtigkeit zu erfüllen. Denn der Mensch ist Herr dieser
Erde nur durch Raub, durch Betrug und Kraft geworden (hauptsächlich aber
durch Betrug), wertvollere Wesen, als er ist, sind vielleicht, gewiß
sogar, unter seinen Schlägen hingeschwunden, die einen hat er zerstört,
die anderen erniedrigt, zu Tieren gemacht. Seit den Tausenden von
Jahren, die er das Dasein mit den andern Wesen teilt, tut er so, als
verstünde er sie nicht (er lügt), als wüßte er nicht, daß sie zu ihm
Bruderwesen wären, leidend, liebend und träumend wie er. Um sie besser
ausbeuten und ohne Gewissensbisse quälen zu können, hat er sich von
seinen geistigen Führern bestätigen lassen, daß diese Wesen nicht
denkfähig seien, daß er allein dieses Privileg besitze. Heute ist er
nicht mehr weit davon entfernt, dies auch von den anderen
Menschenvölkern zu sagen, die er bekämpft und vernichtet... Henker!
Henker, du bist mitleidslos gewesen. Mit welchem Recht verlangst du
heute Mitleid für dich?
§
Von den alten Freundschaften, die einst zum Kreise Clerambaults gehört
hatten, war ihm eine einzige noch geblieben, die mit Frau Mairet, deren
Mann vor kurzem im Argonnenwald gefallen war.
François Mairet, der noch nicht das vierzigste Lebensjahr erreicht
hatte, als er unbemerkt im Schützengraben zugrunde ging, war einer der
ersten französischen Biologen, ein bescheidener Gelehrter, ein großer
Arbeiter gewesen, in dem ein geduldiges Genie schlummerte, das der Ruhm
später gewiß entdeckt hätte. Er hatte aber gar keine Eile, den Besuch
dieser schönen Dirne zu empfangen, man teilt ja ihre Gunst mit zu vielen
Undankbaren. Ihm genügte die stille Freude, die die innige Beziehung zur
Wissenschaft ihren Auserwählten gewährt, und ein einziges Herz auf
Erden, um diese Freude mit ihm gemeinsam zu genießen. Seine Frau war die
Hälfte all seiner Gedanken. Ein wenig jünger als er, aus
Hochschulkreisen stammend, gehörte sie zu jenen ernsten, liebevollen,
zugleich schwachen und stolzen Seelen, die das Bedürfnis haben, sich
hinzugeben, die sich aber nur ein einzigesmal hingeben können. Sie lebte
ganz im geistigen Leben Mairets. Vielleicht hätte sie ebensogut das
eines anderen Mannes teilen können, wenn die Umstände sie mit ihm
verbunden hätten. Aber sobald sie Mairet geheiratet hatte, hatte sie ihn
restlos geheiratet. Wie viele Frauen, und gerade die besten von ihnen,
befähigte sie ihre Intelligenz, gerade den zu verstehen, den ihr Herz
erwählt hatte. Sie hatte sich zu seiner Schülerin gemacht, um seine
Gefährtin zu werden, sie nahm Teil an seiner Arbeit, an seinen
Experimenten. Kinder hatten sie keine. Ihre Gemeinschaft war eine der
Gedanken. Beide waren sie freie Geister, voll hoher freigeistiger und
übernationaler Ideale.
Als im Jahre 1914 Mairet einberufen wurde, folgte er dem Rufe, bloß um
seiner Pflicht zu genügen, aber ohne innere Täuschung über die Sache,
die der Zufall der Zeiten und der Vaterländer ihm zu vertreten
auferlegte. Von der Front sandte er stoische und klare Briefe. Nie hatte
er aufgehört, den Krieg als etwas Erbärmliches zu betrachten, aber er
glaubte sich zum Opfer verpflichtet aus Gehorsam gegen das Geschick, das
ihn eben den Irrtümern, den Leiden und Kämpfen jener armen Menschenrasse
beigemengt hatte, die sich langsam einem unbekannten Ziel entgegen
entwickelte.
Er kannte Clerambault. Familienbeziehungen in der Provinz, aus der Zeit,
ehe die einen oder die anderen nach Paris übersiedelten, waren die
Grundlage ihres freundschaftlichen Verhältnisses geworden, das
eigentlich mehr dauerhaft war als intim — denn Mairet gab nur seiner
Frau sein Herz hin — dessen unzerstörbare Grundlage aber eine
beiderseitige reine Achtung war.
Seit Kriegsbeginn hatte jeder einzelne mit seinen Sorgen zu tun, und sie
hatten nicht in Korrespondenz gestanden. Die draußen im Felde schickten
nicht Briefe an viele Freunde herum, sie konzentrierten sie auf ein
einzelnes Wesen, dem sie dann alles sagten. Mairet hatte mehr als jemals
seine Gefährtin zum einzigen Verwalter seines Vertrauens gemacht, seine
Briefe waren ein Tagebuch, wo er gewissermaßen mit lauter Stimme dachte.
In einem seiner letzten Briefe sprach er von Clerambault. Er hatte von
seinen ersten Artikeln durch die nationalistischen Zeitungen (die
einzigen, die an der Front geduldet wurden) erfahren, die zu polemischen
Zwecken Auszüge daraus brachten. Er schrieb seiner Frau, welche
Erleichterung er bei diesen Worten eines anständigen und empörten Mannes
empfunden hätte, und bat sie, Clerambault wissen zu lassen, daß seine
alte Freundschaft für ihn dadurch nur noch inniger und wärmer geworden
sei. Kurze Zeit darauf fiel er, noch ehe er die folgenden Aufsätze
erhielt, die er seine Frau gebeten hatte ihm zu senden.
Als er hingegangen war, suchte sie, die einzig für ihn lebte, sich jenen
Menschen zu nähern, die ihm in den letzten Stunden seines Lebens
nahegestanden hatten. Sie schrieb an Clerambault. Er, der sich in seinem
Provinzwinkel innerlich verzehrte, ohne die Energie zu finden, sich
daraus loszureißen, empfing den Ruf der Frau Mairet wie eine Erlösung.
Er kam nach Paris zurück. Es bedeutete für sie beide ein bitteres
Wohlgefühl, gemeinsam das Wesen des Dahingegangenen wieder zu erwecken,
und sie teilten es sich so ein, daß sie sich einen Abend jeder Woche
einzig dafür frei hielten, um gemeinsam mit ihm beisammen zu sein.
Clerambault war der einzige aus dem Freundeskreis Mairets, der die
geheime Tragödie eines Opfers verstehen konnte, das von keinem
vaterländischen Wahn künstlich vergoldet war.
Zuerst fühlte Frau Mairet eine Erleichterung darin, ihm alles zu zeigen,
was sie empfangen hatte. Sie las ihm die Briefe vor, die vertraulichen
Mitteilungen seiner Enttäuschung. Mit Ergriffenheit durchschritten sie
seine Gedankenkreise und kamen dazu, alle die Probleme aufzurollen, die
den Tod Mairets und jenen von Millionen anderer verschuldet hatten.
Nichts konnte Clerambault bei dieser unerbittlichen Fragestellung
zurückhalten. Auch sie war nicht die Frau, einer Suche nach der Wahrheit
auszuweichen. — Und doch...
Clerambault bemerkte bald, daß seine Worte ihr ein gewisses Unbehagen
verursachten, sobald er laut aussprach, was sie nur zu gut selbst wußte
und was die Briefe Mairets feststellten, nämlich die verbrecherische
Sinnlosigkeit solchen Sterbens, die Fruchtlosigkeit einer solchen
Aufopferung. Sie versuchte, das, was sie ihm anvertraut hatte, gleichsam
wieder zurückzunehmen, sie stritt über den Sinn des Wortlautes mit einer
Leidenschaft, die nicht immer ganz aufrichtig schien, und gab auf einmal
vor, sich gewisser Worte Mairets zu erinnern, die eher eine
Übereinstimmung, ja sogar Zustimmung zur öffentlichen Meinung
bekundeten. Eines Tages bemerkte Clerambault, als sie ihm einen Brief,
den sie schon früher einmal gelesen hatte, wieder vorlas, wie sie über
einen Satz hinwegglitt, in dem sich der heroische Pessimismus Mairets
deutlich verriet. Und als er darauf bestand, schien sie ein wenig
beleidigt. Sie wurde ablehnend, allmählich verwandelte sich ihr
peinliches Gefühl in Kälte, dann in Erregtheit, schließlich sogar in
eine Art geheimer Feindseligkeit. Es endete damit, daß sie Clerambault
mied, und ohne daß ihr Bruch offen eingestanden war, fühlte er, daß sie
ihm böse war und ihn nicht mehr sehen wollte.
Denn in gleichem Maße, wie sich die unerbittliche Analyse Clerambaults
verschärfte und die Grundlagen der ganzen zeitgenössischen Meinungen
negierte, bildete sich bei Frau Mairet ein gegensätzlicher Prozeß im
Sinne einer Wiederherstellung idealer Begriffe heraus. Ihre Trauer
bedurfte der Überzeugung, daß sie trotz allem irgendeinen heiligen Grund
habe. Es fehlte ihr eben der Verstorbene, um ihr zu helfen, die Wahrheit
zu ertragen. Denn zu zweien ist selbst die furchtbarste Wahrheit noch
eine Freude. Aber für den, der allein zurückbleiben muß, wird sie
tödlich.
Clerambault verstand dies, seine bebende Feinfühligkeit spürte, daß er
die Frau leiden gemacht hatte, und er fühlte ihr Leiden in sich selbst.
Es fehlte nicht viel, so hätte er ihrem Widerstande gegen sich selbst
zugestimmt, denn er sah, welch ungeheurer Schmerz in ihr verborgen war
und sah zugleich die ganze Kraftlosigkeit seiner Wahrheit, die ihr keine
Erleichterung brachte. Ja noch mehr: er sah, daß er einem Leiden, das
schon vorhanden war, nur noch ein neues Leiden hinzugefügt hatte....
Unlösbares Problem! Solche unglücklichen Menschen können nicht ohne den
mörderischen Wahn leben, dessen Opfer sie sind. Und man kann ihnen den
Wahn nicht wegnehmen, ohne ihre Leiden unerträglich zu machen. Familien,
die Söhne oder Gatten oder Väter verloren haben, bedürfen eben des
Glaubens, es sei für eine gerechte und wahre Sache geschehen. Die
lügnerischen Staatsmänner sind gezwungen, diese Lüge um der anderen
willen und um ihrer selbst willen aufrechtzuerhalten, denn wenn sie nur
einen Augenblick aufhörten, wäre das Leben weder für sie noch für die,
über die sie gebieten, erträglich. Der unglückliche Mensch ist eben die
Beute seiner eigenen Ideen, und wenn er ihnen auch alles schon
hingegeben hat, so muß er ihnen jeden Tag noch immer mehr hingeben, oder
er findet unter seinen Schritten das Leere und stürzt hinab.... Was?
Nach vier Jahren namenloser Qual und Zerstörung sollten wir zugeben, daß
das alles umsonst war...? ... Nicht nur zugeben, daß selbst der Sieg
eine Vernichtung wäre, sondern daß er es immer sein muß, daß der Krieg
ein Wahnwitz ist und wir uns getäuscht haben.... Niemals! Lieber sterben
bis zum letzten Mann. Schon ein einziger Mensch, dem man die Erkenntnis
aufzwingt, daß sein Leben sinnlos war, gibt sich der Verzweiflung hin.
Wie aber erst, wenn man es einem Volke, zehn Völkern, der ganzen
Menschheit sagt?
Clerambault hörte den Schrei der menschlichen Menge:
„Leben um jeden Preis! Retten wir uns um jeden Preis!“
„Aber ihr wollt euch ja gerade nicht retten! Euer Weg führt euch in neue
Katastrophen, in eine Unzahl neuer Qualen.“
„Mögen sie noch so arg sein, sie sind doch nicht so furchtbar als das,
was du uns darbietest. Lieber mit einem Wahn sterben, als ohne einen
Wahn leben! Ohne Wahn, ohne Illusionen leben... das wäre der lebendige
Tod.“
„Derjenige, der das Geheimnis des Lebens erkannt hat und sein Wort
gelesen“, sagt die harmonische Stimme Amiels, des Enttäuschten, „entgeht
dem großen Rad des Lebens, er ist ausgetreten aus der Welt der
Lebendigen.... Ist einmal der Wahn dahin, so tritt wieder das Nichts in
sein ewiges Reich, die farbige Seifenblase ist zergangen im ungeheuren
Raum, die Qual des Gedankens aufgelöst in die regungslose Ruhe des
unbegrenzten Nichts.“
Aber gerade diese Ruhe im Nichts ist ja die fürchterlichste Qual für den
Menschen der weißen Rasse. Lieber alle Qualen, alle Qualen des Lebens!
Nein, nehmt mir sie nicht weg! Wer mir die mörderische Lüge wegnimmt,
von der ich lebe, ist mein Mörder!...
Und Clerambault legte sich bitter den Titel bei, den ihm zum Spott ein
nationalistisches Blatt gegeben hatte: „_L’un contre tous_“. „Der Eine
gegen Alle.“ Ja, er war der gemeinsame Feind, der Zerstörer des Wahns,
von dem die andern leben....
Aber er wollte es eigentlich gar nicht. Er litt zu sehr unter dem
Gedanken, Leiden zu verursachen. Wie aus dieser tragischen Sackgasse
herauskommen? Wohin immer er sich wandte, überall fand er den unlösbaren
Zwiespalt: entweder todbringenden Wahn oder den Tod ohne Wahn.
„Ich will nicht das eine und will nicht das andere.“
„Ob du es willst oder nicht, gib nach! Hier ist kein Durchlaß.“
„Aber ich werde trotzdem zu meinem Ziele kommen.“