§
Nach acht Tagen begann Clerambault wieder auszugehen. Aus der
furchtbaren Krise, durch die er sich gerungen, ging er gebrochen, aber
entschlossen hervor. Der Überschwang der Verzweiflung war von ihm
gefallen, ihn beseelte einzig mehr ein stoischer Wille, der Wahrheit bis
in ihre letzten Schlupfwinkel nachzudringen. Aber das Erinnern an seine
geistige Verwirrung, in der er sich so wohl befunden, und die Halblüge,
die so lange seine Nahrung gewesen war, machte ihn unsicher und demütig.
Er mißtraute der eigenen Kraft, und um Schritt für Schritt
weiterzukommen, fühlte er sich bereit, den Rat von Erfahreneren als
Führung anzunehmen. Er erinnerte sich, wie Perrotin damals seinen
vertraulichen Überschwang mit ironischer Zurückhaltung aufgenommen.
Damals hatte sie ihn verwirrt, nun zog sie ihn an. Sein erster Besuch
nach der Genesung galt dem klugen Freunde.
Obwohl Perrotin sich besser auf Bücher als auf Physiognomien verstand —
ziemlich kurzsichtig und ein wenig egoistisch, gab er sich selten Mühe,
etwas zu beachten, das er nicht unbedingt brauchte — so konnte er doch
nicht umhin, die Veränderung der Gesichtszüge Clerambaults sofort
staunend zu bemerken.
„Was ist, mein guter Freund“, rief er ihm zu, „waren Sie krank?“
„Ja, wirklich sehr krank“, antwortete Clerambault, „aber es geht mir
schon besser, ich habe mich schon erholt.“
„Ja, das ist für uns der grausamste Schlag“, sagte Perrotin, „in unserem
Alter einen Freund zu verlieren, wie es für Sie Ihr armer Sohn war.“
„Das Grausamste ist noch nicht, ihn verloren zu haben“, antwortete
Clerambault, „sondern selbst mit Schuld an seinem Verlust zu sein.“
„Was sagen Sie da, mein Freund“, fuhr Perrotin erstaunt auf, „was haben
Sie sich da erfunden, um Ihre Qual noch zu steigern?“
„Ich hatte ihm die Augen verschlossen“, sagte bitter Clerambault, „und
er hat sie mir geöffnet.“
Perrotin ließ seine Arbeit liegen, über die er wie gewöhnlich nachsann,
während man zu ihm sprach, und sah Clerambault erstaunt an, der mit
gesenktem Kopf und einer dumpfen, schmerzvoll-leidenschaftlichen Stimme
zu erzählen begann. Es war, wie wenn ein Christ der ersten Zeiten
öffentlich seine Beichte ablegte. Er klagte sich der Lüge an, der Lüge
gegen seinen Glauben, der Lüge gegen sein Herz, der Lüge gegen seine
eigene Vernunft. Der Apostel hatte in seiner Feigheit den Gott
verleugnet, sobald er ihn in Ketten sah, aber soweit hatte er sich doch
nicht erniedrigt, den Henkern seines Gottes Hilfe zu leisten. Aber er,
Clerambault, hatte nicht nur die Sache der allmenschlichen
Brüderlichkeit verlassen, er hatte sie erniedrigt; er hatte nicht
abgelassen, von Brüderlichkeit zu sprechen, während er gleichzeitig zum
Haß aufrief, er hatte wie jene lügnerischen Priester, die das Evangelium
verdrehen, um es in den Dienst ihrer schlechten Absichten zu stellen,
geschickt die erhabensten Gedanken verfälscht, um mit ihrer Maske die
Leidenschaft zum Mord zu verdecken. Er hatte sich einen Pazifisten
genannt, während er den Krieg verherrlichte, und einen Menschenfreund,
indes er den Feind von vornherein aus dem Kreise der Menschheit
ausstieß.... Oh, um wieviel redlicher wäre es gewesen, sich vor der
brutalen Gewalt einfach zu beugen, als mit ihr erniedrigende Kompromisse
einzugehen! Gerade dank solchen Sophismen wie den seinen, war es
gelungen, den Idealismus der jungen Menschen in das Gemetzel zu hetzen.
Denn die Denker, die Künstler, sie, die alten Giftmischer, waren es, die
mit ihrer Rhetorik den grauenhaften Todestrunk versüßten, den ohne ihre
Mitschuld jedes reine Gewissen sofort mit Abscheu zurückgestoßen und
ausgespien hätte....
„Das Blut meines Kindes ist über mir“, sagte Clerambault schmerzlich,
„das Blut aller jungen Menschen Europas, in allen Nationen, spritzt der
Idee Europas ins Antlitz. Überall hat sich die Idee zum Knecht des
Henkers erniedrigt.“
„Mein armer Freund“, sagte Perrotin, indem er sich zu Clerambault neigte
und seine Hand nahm, „Sie übertreiben immer.... Gewiß, Sie tun gut, den
Gefühlsirrtum zu erkennen, in den Sie die öffentliche Meinung
mitgerissen hat, und ich kann Ihnen heute offen sagen, daß mich diese
Täuschung gerade bei Ihnen geschmerzt hat. Aber Sie haben unrecht, wenn
Sie sich und den Sprechenden überhaupt eine so große Verantwortung für
die Geschehnisse von heute zuschreiben. Die einen sprechen, die anderen
handeln, aber es sind nicht diejenigen, die sprechen, die die Tat der
anderen verursachen; beide sind Spielball der Strömung und haben keine
Kraft über diese.“
„Aber ihnen fällt doch die Schuld zu, andere aufgefordert zu haben, sich
mitreißen zu lassen“, antwortete Clerambault. „Statt die noch auf der
Oberfläche Schwimmenden festzuhalten und ihnen zuzuschreien: „Kämpft
gegen den Strom!“ haben sie gesagt: „Laßt euch nur fortreißen!“ Nein,
mein Freund, versuchen Sie nicht, unsere Verantwortlichkeit zu mildern.
Sie ist schwerer als irgend eine andere, denn unser Gedanke war so hoch
gestellt, daß er weit blicken konnte, seine Pflicht war, zu wachen, und
wenn er nicht das Richtige gesehen hat, so war es, weil er nicht sehen
wollte. Wir dürfen nicht unsere Augen anklagen, denn unsere Augen waren
gut, das wissen Sie wohl, und auch ich weiß es jetzt, da ich mich wieder
aufgerafft habe. Dieselbe Vernunft, die mir die Augen verbunden hat, hat
mir das Band wieder abgerissen. Seltsam, daß sie gleichzeitig ein
Instrument der Lüge und ein Instrument der Wahrheit ist!“
Perrotin schüttelte den Kopf.
„Ja, die Vernunft ist so groß und so erhaben, daß sie sich nicht, ohne
sich zu erniedrigen, in den Dienst anderer Mächte stellen darf. Man muß
ihr alles aufopfern. Sobald sie nicht mehr freiwirkend und Herrin ihrer
selbst ist, erniedrigt sie sich, sie wird dann wie der Grieche, der von
dem Römer, seinem Herrn, trotz seiner Überlegenheit erniedrigt wird und
verpflichtet, sein Kuppler zu sein, ein Gräculus, ein Sophist, ein
_leno_... Der Durchschnittsmensch ist gewöhnt, seine Vernunft wie einen
Dienstboten zu allem möglichen zu mißbrauchen, und sie dient ihm dann
mit der unehrlichen und geschmeidigen Geschicklichkeit dieser Art Leute.
Bald begibt sie sich in den Dienst des Hasses, des Stolzes, bald in den
der eigenen Interessen, sie schmeichelt allen diesen kleinen Ungetümen
und verkleidet sie als Idealismus, Liebe, Glaube, Freiheit, soziale
Hingabe, denn wenn ein Mensch die Menschen nicht liebt, so sagt er
immer, er liebe Gott, das Vaterland oder die Menschheit. Bald wird dann
der arme Herr der Vernunft selbst zum Sklaven, zum Sklaven des Staates.
Mit ihrer Drohung zwingt ihn die soziale Maschine zu Handlungen, die ihm
innerlich widerstreben; die brave und gefällige Vernunft redet ihm aber
sofort ein, diese Handlungen seien schön und ruhmvoll, und daß er sie
aus freiem Willen tue. In dem einen Falle wie in dem andern weiß die
Vernunft wohl, woran sie sich zu halten hat. Sie steht immer zu unserer
Verfügung, sobald wir wirklich wollen, daß sie uns die Wahrheit sage.
Aber wir sind es, die sich wohl hüten, von ihr Gebrauch zu machen. Wir
vermeiden sorgsam, mit ihr allein zu sein, wir wissen es immer so
einzurichten, daß wir ihr nur in Gesellschaft begegnen und ihr Fragen
schon in jenem Ton stellen, der die Antwort von vornherein bestimmt.....
Schließlich dreht sich die Erde darum doch — _e pur si muove_ — die
Weltgesetze erfüllen sich, und der freie Geist erkennt sie. Alles andere
ist Eitelkeit. Was wir Leidenschaften und aufrichtigen oder falschen
Glauben nennen, bedeutet nur einen verhüllten Ausdruck für die
Notwendigkeit, die die Welt bewegt, gleichgültig um unsere Idole,
Familie, Rasse, Vaterland, Religion, Gesellschaft, Fortschritt...
Fortschritt? Das ist der größte Wahn von allen. Ist denn die Menschheit
nicht dem Gesetz der höchsten Spannung unterworfen, das verlangt, daß,
sobald sie überschritten ist, eine Klappe sich öffne und der Behälter
sich wieder leere? Kehrt er nicht immer wieder, dieser katastrophale
Rhythmus? Knapp an den Höhen der Zivilisation ist immer der Absturz. Man
steigt, und taucht wieder hinab.“
Perrotin entwickelte ruhig seinen Gedankengang. Seine Idee war sonst
nicht gewöhnt, sich vor anderen auszusprechen, aber sie hatte den Zeugen
vergessen, und so entkleidete sie sich, als wäre sie allein. Perrotins
Weltanschauung war von einer großen Kühnheit, wie es oft jene großer
Menschen sind, die in ihrem Zimmer leben und nicht zur Tat verpflichtet
sind, ja gar nichts auf sie halten und sie sogar verachten. Clerambault
hörte erstaunt, erschrocken, mit offenem Munde zu, manche Worte
erbitterten ihn, manche preßten ihm das Herz zu, er empfand eine Art
Schwindel. Aber er überwand seine Schwäche, um keinen Blick in die
aufgetanen Tiefen zu verlieren. Er bedrängte Perrotin mit Fragen, der
geschmeichelt seine zweiflerischen, gleichzeitig passiven und doch
zerstörenden Visionen gefällig und selbstgefällig vor ihm entrollte.
Sie waren noch ganz vom Gewölke dieser Abgründe umhüllt, und Clerambault
bewunderte die Leichtigkeit dieses freien Geistes, der sicher und fast
zufrieden am Rande dieser Leere hauste, als die Tür sich auftat und der
Diener Perrotin eine Visitenkarte brachte. Sofort lösten sich die
gefährlichen Gespenster des Geistes in nichts auf. Eine Falltür schlug
über dem Abgrund zu und der gewohnte Teppich des Salons verdeckte seine
Spur.... Perrotin, aufgeschreckt, sagte eiligst und beflissen:
„Ja, natürlich, bitte lassen Sie nur eintreten.“
Und indem er sich zu Clerambault wandte: „Sie gestatten doch, lieber
Freund, es ist der Herr Unterstaatssekretär vom Ministerium für
Unterricht und schöne Künste.“
Und schon war er aufgestanden und ging dem Besucher entgegen, einem
jungen Mann mit blau rasiertem Kinn, einem Priester-, Schauspieler- oder
Yankeegesicht. Er trug den Kopf hoch und die Brust breit in seinem
grauen Jackett, das die Rosette der Verdienstvollen und der Kriecher
verzierte. Der alte Mann stellte, nun wieder strahlend, vor: „Herr
Agénor Clerambault... Herr Hyacinthe Monchéri“ und fragte den „Herrn
Unterstaatssekretär“, was ihm die Ehre dieses Besuches verschaffe.
Der „Herr Unterstaatssekretär“, keineswegs erstaunt über den
ehrerbietigen Empfang von seiten des alten Meisters, warf sich breit in
den Fauteuil mit jener familiären Überlegenheit, die ihm sein
offizieller Rang über die beiden Leuchten des französischen Gedankens
verlieh: er stellte ja den Staat dar. Er sprach näselnd, laut und
mißtönend, er schrie wie ein Dromedar. Er übermittelte Perrotin die
Einladung des Ministers, das Präsidium einer feierlichen Sitzung
kriegsbegeisterter Intellektueller von zehn Nationen im großen
Amphitheater der Sorbonne zu übernehmen — einer „Fluchsitzung“, wie er
sagte. Perrotin sagte eiligst zu, ganz beglückt von der großen Ehre.
Sein erniedrigendes Verhalten gegenüber dem staatlich legitimierten
Gimpel stand in seltsamem Gegensatz zu den verwegenen Gedanken, die er
eben entwickelt hatte, und Clerambault, im tiefsten abgestoßen, mußte an
den Gräculus denken.
Sobald sie wieder allein waren, und nachdem Perrotin ihn bis zur
Schwelle begleitet hatte, seinen „Verehrten“, der steifen Halses und
gehobenen Kopfes ging, wie der mit Reliquien beladene Esel, wollte
Clerambault das Gespräch wieder aufnehmen. Er war etwas abgekühlt und
machte kein Geheimnis daraus. Er forderte Perrotin auf, öffentlich das
auszusprechen, was er ihm im Vertrauen gesagt hatte, eine Zumutung, die
Perrotin natürlich, seine Naivität belächelnd, ablehnte. Ja er warnte
ihn sogar in besorgter Weise bezüglich der Versuchung, vor der
Öffentlichkeit zu beichten. Clerambault wurde zornig, begann zu streiten
und blieb hartnäckig bei seiner Forderung. Perrotin, der gerade
aufrichtig gelaunt war, schilderte ihm, um ihn aufzuklären, seine
Umgebung, die großen Intellektuellen der Universität, deren offizieller
Vertreter er war, die Historiker, Philosophen und Schönredner. Er sprach
von ihnen mit einer verschleierten, höflichen, aber tiefen Mißachtung,
die mit ein wenig Bitterkeit gemengt war, denn trotz seiner Vorsicht war
er zu intelligent, um nicht den weniger klugen unter seinen Kameraden
schon verdächtig geworden zu sein. Er schilderte sich als einen alten
Hund, der einen Blinden führt, und sich inmitten der bellenden
Fleischerhunde gezwungen sieht, mit ihnen die Vorübergehenden
anzukläffen....
Clerambault verließ ihn, ohne mit ihm zu brechen, aber voll tiefen
Mitleids.
§
Es dauerte einige Tage, ehe er wiederum ausging. Jene erste Berührung
mit der äußeren Welt hatte ihn zu sehr enttäuscht. Der Freund, in dem er
einen Helfer und eine Stütze zu finden gehofft hatte, war kläglich vor
ihm zusammengebrochen. Clerambault fühlte sich ganz verwirrt, denn im
Grunde seines Wesens war er schwach und nicht gewohnt, selbst die
Richtung seines Weges zu finden. So aufrichtig er als Dichter war, er
hatte sich bisher doch noch nie verpflichtet gesehen, ohne die Hilfe der
anderen zu denken. Bisher hatte er sich immer nur von ihren Gedanken
tragen lassen, war mit ihnen eins geworden, um dann ihre ekstatische und
begeisterte Stimme zu werden.... Die Veränderung war nun zu plötzlich
gekommen. Trotz jener Nacht der Krise fiel er immer wieder in
Unsicherheit zurück, denn die Natur kann sich nicht mit einem Schlage
verändern und besonders nicht bei jenen, die — mag ihr Geist auch noch
so geschmeidig geblieben sein — das fünfzigste Jahr überschritten
haben. Und das Licht, das aus einer solchen Erkenntnis aufflammt, bleibt
durchaus nicht so unbeweglich, wie die blendende Schale der Sonne in
einem Sommerhimmel, sondern ähnelt mehr einer elektrischen Lampe, die
zittert und mehr als einmal auslöscht, ehe der Strom regelmäßig und
dauerhaft wird. In den Synkopen dieser zuckenden Pulsschläge des Lichtes
scheint dann natürlich das Dunkel noch viel dunkler und der Geist viel
verwirrter. — Clerambault konnte sich nicht entschließen, auf die
Meinung der anderen von vornherein zu verzichten.
Er beschloß, einen seiner Freunde nach dem andern zu besuchen, deren er
viele in der Literatur und in den Kreisen der Universität und der
intelligenten Bourgeoisie besaß. Es war ja nicht möglich, daß in ihrer
großen Zahl sich nicht einer oder der andere fände, den so wie ihn und
noch besser als ihn ein ahnendes Gefühl jener Probleme bewegte, von
denen er selbst beunruhigt war, und der ihm zu einer Klärung verhelfen
könnte. Ohne sich vorläufig noch zu verraten, ganz vorsichtig, versuchte
er sie zu beobachten, sie auszuhorchen, die Gründe ihrer Gläubigkeit
aufzuspüren. Aber er wurde nicht gewahr, daß seine eigenen Augen schon
verwandelt waren. Und die Vision jener Welt schien ihm, so sehr er sie
zu kennen glaubte, ganz neu und ließ ihn erstarren.
Der ganze Clan der Literatur hatte sich wehrhaft gemacht, man konnte die
einzelnen Persönlichkeiten kaum mehr voneinander unterscheiden. Die
Universität bildete gleichsam ein Ministerium der dienstbaren Vernunft
und hatte das Amt übernommen, die Taten ihres Herrn und Meisters, des
Staates, zu rechtfertigen. Und die einzelnen Arten der Dienstleistung
unterschieden sich einzig durch ihre gewerbsmäßigen Verdrehungen.
Die schöngeistigen Professoren waren in erster Linie Experten für
moralischen Aufschwung und rednerischen Syllogismus. Sie hatten alle die
krankhafte Neigung, das Denken auf eine übermäßige Einfachheit zu
restringieren, verwendeten statt Vernunftsgründen große Worte und
werkelten immer einige wenige Ideen ab, aber Ideen ohne Tiefe, ohne
Nuancen und ohne Leben. Diese Ideen holten sie sich aus dem Arsenal
einer angeblich klassischen Antike, deren Schlüssel durch Jahrhunderte
Generationen akademischer Derwische eifersüchtig bewahrten, und diesen
geschwätzigen und alten Ideen, die man überdies noch „Menschheitsideen“
nannte, obwohl sie in vieler Hinsicht das Gefühl und das Empfinden der
heutigen Menschheit verletzten, prägten sie den Stempel des Römerstaates
auf, als des Prototyps aller europäischen Staaten. Ihre bevollmächtigten
Interpreten waren die Schönredner im Staatsdienst.
Die Philosophen herrschten im Reiche der abstrakten Konstruktion. Sie
exzellierten in der Kunst, das Konkrete durch Abstraktion, das Wirkliche
durch seinen Schatten zu erklären, einige rasch und parteiisch gewählte
Beobachtungen zum System zu erheben und dank ihrer Tüftelei aus diesen
Systemen wieder Gesetze herauszuschwindeln, nach denen das Weltall
wandeln sollte. Ihre ganze Mühe erschöpfte sich darin, das vielfältige
und wandlungsvolle Leben der Einheit des Geistes fügsam zu machen —
natürlich nur der Einheit ihres eigenen Geistes. Dieser Imperialismus
der Vernunft stützte sich auf die willfährige Büberei jahrelang geübter
Sophistik, die gewohnt war, mit Ideen zu spielen. Sie verstanden nur zu
gut, sie auseinander- und wieder zusammenzuziehen, sie zu formen und zu
pressen wie Knetgummi, für sie wäre es nicht schwer gewesen, ein Kamel
durch ein Nadelöhr gehen zu lassen. Sie wußten ebensogut das Weiße wie
das Schwarze zu beweisen, und fanden, ganz wie es ihnen beliebte, in
Immanuel Kant bald die Freiheit der Welt, bald den preußischen
Militarismus.
Die Historiker wieder waren als bewährte Schriftführer, Notare und
Rechtsanwälte des Staates zum Schutz seiner Verträge und Rechte
beigestellt und bis an die Zähne bewaffnet für zukünftige Schikanen....
Die Geschichte! Was ist denn die Geschichte? Einzig die Geschichte des
Erfolges, die Darstellung der vollzogenen Tatsachen, gleichgültig, ob
sie gerecht oder ungerecht waren. An den Besiegten geht die Geschichte
vorbei. Sie hat nur Schweigen für euch, ihr Perser von Salamis, ihr
Sklaven des Spartakus, ihr Gallier, ihr Araber von Poitiers, ihr
Albingenser, Irländer, Indier von West und Ost und ihr Eingebornen der
Kolonien!... Wenn ein ehrlich denkender Mann, der Ungerechtigkeit seiner
Zeit ausgesetzt, zu seinem eigenen Troste seine Hoffnung auf die
Nachwelt setzt, so verschließt er die Augen vor den geringen
Möglichkeiten, die jene Nachwelt hat, sich wahrhaft über die
Vergangenheit Rechenschaft zu geben. Die Nachwelt erfährt immer nur das,
was die Sachwalter der offiziellen Geschichte als vorteilhaft für die
Sache ihres Klienten, des Staates, empfanden, es sei denn, daß der
Rechtsanwalt der Gegenpartei, entweder der einer anderen Nation oder der
einer sozialen oder religiösen unterdrückten Gruppe, seinen Einwand
machte. Aber dafür besteht wenig Aussicht: das Geheimnis ist gut
gewahrt.
Schönredner, Sophisten und Winkeladvokaten, das waren die drei
Korporationen der staatlich patentierten philosophischen Fakultät.
Die „Wissenschaftler“ wären durch die Art ihrer Forschung ein wenig
besser in der Lage gewesen, außerhalb der Beeinflussung und Berührung
der Umwelt zu bleiben — vorausgesetzt, daß sie in ihrer Studienwelt
verharrt hätten. Aber man hatte sie daraus vertrieben. Die praktische
Anwendung der Wissenschaft hat eine so ungemeine Ausdehnung in der
lebendigen Wirklichkeit eingenommen, daß die Gelehrten in die erste
Reihe des Kampfes geschleudert wurden, wo sie unausweichlich der
ansteckenden Berührung der öffentlichen Meinung ausgesetzt waren. Ihre
Eigenliebe fand sich ganz unmittelbar an dem Siege der Allgemeinheit
interessiert, denn diese benötigte ebenso den Heroismus der Soldaten wie
die törichten Ansichten und die Lügen der Presse. Nur ganz wenige unter
ihnen hatten die Kraft sich freizumachen, die meisten aber brachten die
ganze Strenge, Härte und Unerbittlichkeit des geometrischen Geistes mit
sich, dazu noch die professionellen Eifersüchteleien, die ja zwischen
den verschiedenen Gelehrtengruppen der verschiedenen Länder immer sehr
scharfe sind.
Die Schriftsteller schlechtweg, die Dichter, Romanciers, die Schaffenden
ohne staatliche Bindung hätten den Vorteil ihrer Unabhängigkeit
ausnützen können. Leider aber sind nur ganz wenige unter ihnen imstande,
von sich selbst aus Ereignisse zu beurteilen, die die Grenzen ihrer
gewöhnlichen ästhetischen oder geschäftlichen Betätigung überschreiten.
Die meisten unter ihnen, und oft gerade die berühmtesten, sind
ungebildet wie Karpfen. Das Beste wäre nun natürlich für sie gewesen,
sie wären in ihrem beschränkten Gesichtskreise verblieben, wozu sie ihr
natürlicher Instinkt eigentlich hätte leiten sollen. Aber ihre Eitelkeit
fühlte sich törichterweise angestachelt, sich in die öffentlichen
Geschehnisse einzumengen und auch ihrerseits ihr Wort über das Weltall
zu sprechen. Da sie nun selbst nichts darüber zu sagen wußten als
Verkehrtheiten, so inspirierten sie sich mangels persönlicher Meinung an
Gemeinplätzen. Ihre Äußerungen sind bei einem solchen gewaltsamen Anlaß
natürlich ungemein lebhaft, denn sie sind überempfindlich und von einer
krankhaften Eitelkeit, die, da sie keine eigenen Gedanken auszudrücken
vermag, diejenigen der anderen maßlos übertreibt. Dies ist ihre einzige
Originalität, und Gott weiß, wie reichlich sie davon Gebrauch gemacht
haben.
Wer bleibt also? Die Diener der Kirche? Gerade sie handhabten das
schwere Geschütz: die Idee der Gerechtigkeit, der Wahrheit, des Guten
und Gottes, auch sie hatten diese Artillerie in den Dienst ihrer
Leidenschaften gestellt. Ihre unsinnige Anmaßung, die ihnen selbst nicht
mehr bewußt ist, hat von Gott einfach Besitz ergriffen und sich das
Privileg zugeschrieben, ihn _en gros_ oder _en détail_ zu verschleißen.
Es fehlt ihnen dabei nicht so sehr an Aufrichtigkeit, an Tugend und
selbst an Güte wie an Demut; gerade die Demut, die sie verkündigen,
haben sie am wenigsten. Sie besteht für sie einzig darin, ihren Nabel zu
betrachten, wie er sich im Talmud, der Bibel oder dem Evangelium
spiegelt. In ihrem unmäßigen Stolz sind sie nicht weit von jenem
mythischen Narren, der sich selbst für Gottvater hielt. Ist es wirklich
um so viel weniger närrisch und um so viel weniger gefährlich, sich für
seinen Stellvertreter oder seinen Schriftführer zu halten?
Clerambault fühlte entsetzt den krankhaften und fast hinfälligen Zustand
der intellektuellen Klüngel. Das Übermaß der Organisation und der
Gedankenübermittlung in der bürgerlichen Klasse hat etwas Verzerrtes und
Mißgeburthaftes an sich. Das lebendige Gleichmaß ist zerstört, eine
Bureaukratie des Geistes dünkt sich dem einfachen Arbeiter ungemein
überlegen. Sicherlich ist sie nützlich — wer denkt daran das zu
leugnen! Sie rafft ja Gedanken zusammen und ordnet sie in Register, sie
verwandelt und verwendet sie im vielfältigsten Aufbau. Aber wie selten
kommt es ihr in den Sinn, die Substanz, die sie zu ihrem Werk verwendet,
zu prüfen und ihren Ideeninhalt zu erneuern. So bleibt sie die
eifersüchtige Hüterin eines wertlos gewordenen Schatzes.
Wäre wenigstens dieser Irrtum ein ungefährlicher! Aber Ideen, die man
nicht unablässig mit der Wirklichkeit vergleicht, die sich nicht in
jeder Stunde im Strom der lebendigen Erfahrung baden, trocknen ein und
werden dann giftige Substanzen. Sie werfen über das neue Leben ihre
schweren Schatten, die Nacht verbreiten und Fieberschauer ausstreuen.
Wie stupide ist doch diese Behexung durch abstrakte Worte! Was hat es
denn für einen Sinn, die Könige abzusetzen und diejenigen zu verlachen,
die für ihre Gebieter sterben, wenn man an ihre Stelle nur tyrannische
Wesenheiten setzt, die man mit den Flittern jener anderen bekleidet?
Besser ein Monarch mit Fleisch und Knochen, den man sieht, den man
fassen und unterdrücken kann, als diese Abstraktionen, diese Despoten,
die keiner kennt und keiner jemals gekannt hat.... Denn wir haben mit
den großen Eunuchen, mit den Priestern des „verborgenen Krokodils“, wie
Taine es nannte, mit den ränkeschmiedenden Ministern zu tun, die das
Götzenbild sprechen lassen. Ah, wenn diese Schleier doch endlich
zerreißen und wir die Bestie kennen würden, die sich in uns versteckt!
Es wäre weniger Gefahr für den Menschen darin, offenkundig eine Bestie
zu sein, als die Brutalität hinter einem lügnerischen, kranken
Idealismus zu verstecken, der die tierischen Instinkte nicht vernichtet,
sondern sie vergöttlicht. Er idealisiert sie, um sie später zu
rechtfertigen, und da er dies nicht vermag, ohne sie künstlich auf das
Äußerste zu vereinfachen (dies ist ein Gesetz seiner geistigen Natur,
die, um zu verstehen, ebensoviel zerstört als sie aufnimmt), so nimmt er
ihnen, indem er sie nach einer einzigen Richtung hin verstärkt, ihre
wahre Natur. Alles, was sich dann von dieser vorgeschriebenen Linie
entfernt, was die enge Logik seiner geistigen Konstruktion stört, das
leugnet er nicht bloß, sondern schafft es einfach zur Seite und befiehlt
seine Vernichtung im Namen der geheiligten Prinzipien. So richtet er in
der lebendigen Unendlichkeit der Natur riesige Verwüstungen an, damit
nur einzig jene Gedanken stehen bleiben, die er sich ausgewählt hat und
die sich dann in der Wüste und zwischen den Ruinen grauenhaft groß und
einsam entwickeln, wie zum Beispiel die bedrückende Macht der
despotischen Begriffsformen der Familie, des Vaterlandes und der
beschränkten, blinden, tyrannischen Moral, die man in deren Dienst
stellte. Der Unglückliche ist dann noch darauf stolz, obwohl er doch ihr
Opfer ist. Längst würde es die Menschheit nicht mehr wagen, zuzugeben,
daß sie sich für ihren bloßen Vorteil hinschlachtet. Ihres Vorteils,
ihrer Geschäfte, ihrer Interessen rühmen sie sich längst nicht mehr, sie
rühmen sich nur ihrer Ideen, die tausendmal mörderischer sind. Denn der
Mensch sieht in den Ideen, für die er kämpft, seine menschliche
Überlegenheit. Ich sehe seine Narrheit darin. Der kriegerische
Idealismus ist eine Krankheit, die ihm allein vorbehalten ist, und seine
Resultate sind denen des Alkoholismus ähnlich. Er schafft Einlaß für
tausendmal so viel Schlechtigkeit und Verbrechen, halluziniert das
geschwächte Denken mit Wahnbildern, denen er dann die Lebendigen
aufopfert.
Welch ein tolles Schauspiel, wenn man sich in die Menschenschädel hinein
versetzt denkt! Eine wilde Jagd von Gespenstern, die aus fiebernden
Gehirnen aufsteigen: Gerechtigkeit, Freiheit, Recht und Vaterland... Und
alle diese armen Gehirne sind gleich aufrichtig und klagen alle anderen
an, es nicht zu sein. Und von diesem phantastischen Kampf zwischen
mythischen Schatten sieht man von außen nichts als die Zuckungen und die
Schreie der menschlichen Wesen, die von diesen Dämonenscharen besessen
sind.... Und unter diesen blitzgeladenen Wolken, wo diese großen
wütenden Vögel kämpfen, wimmeln und schieben sich die
Wirklichkeitsmenschen, die Geschäftsleute, wie Ungeziefer in einem Pelz
— offene Mäuler, gierige Hände — und hetzen heimtückisch zu dem Wahn,
den sie ausbeuten, ohne ihn zu teilen.
O Gedanke, du furchtbare und schöne Blume, die aus dem Erdreich
jahrhundertealter Instinkte aufwächst, welch ein Element bist du! Du
dringst in den Menschen ein, du durchdringst ihn, aber du stammst nicht
aus ihm, dein Ursprung ist ihm fremd und deine Kraft geht über ihn
hinaus. Die Sinne des Menschen sind ihrem täglichen Gebrauch so ziemlich
angepaßt, der Gedanke aber ist es nicht, er strömt über den Menschen
hinaus. Er bringt ihn zur Verzweiflung. Eine unendlich kleine Zahl von
Menschen vermag es, in diesem Strom ihre eigene Richtung beizubehalten,
die große Masse aber wird ins Zufällige hingeschwemmt. Die ungeheure
Kraft des Gedankens steht nicht im Dienst des Menschen; er versucht
bloß, sich seiner zu bedienen, und die größte Gefahr ist, daß er
vermeint, er sei sein Herr. In Wirklichkeit ist er wie ein Kind, das mit
Explosivkörpern spielt. Es ist ein Mißverhältnis zwischen diesen
gewaltigen Sprengmitteln und dem Zweck, für den sie die schwachen Hände
des Menschen verwerten. Und manchmal sprengen sie eben alles in die
Luft...
Wie dieser Gefahr begegnen? Den Gedanken ersticken? Die trunkenen Ideen
ausroden? Das hieße, den Menschengeist entmannen, ihn des stärksten
Anreizes zum Leben berauben. Und doch ist der Alkohol des Gedankens ein
um so gefährlicheres Gift, als es den Massen meist in gefälschten Drogen
eingegeben wird.... Mensch, werde nüchtern! Schau um dich, reiße dich
los von den fremden Ideen, werde unabhängig von deinen eigenen Gedanken.
Lerne den Riesenkampf dieser rasenden Phantome, die sich untereinander
zerreißen, beherrschen. Vaterland, Recht, Freiheit, ihr großen
Göttinnen, wir wollen euch vor allem eures Nimbusses entkleiden. Steigt
nieder aus dem Olymp, kommt herab in eine Krippe wie Jesus, ohne Schmuck
und ohne Waffen, reich nur durch eure Schönheit und unsere Liebe!... Ich
kenne keine Götter namens Gerechtigkeit und Freiheit! Ich kenne nur
meine Menschenbrüder und ihre Taten, die bald gerecht, bald ungerecht
sind. Und ich kenne die Völker, die alle der wahren Freiheit beraubt
sind, die alle sich nach der Freiheit sehnen und die doch alle sich mehr
oder minder unterdrücken lassen.
§
Der Anblick dieser Welt inmitten ihres hitzigen Fiebers hätte einem
Weisen das Verlangen eingeflößt, sich in irgendeinen Winkel
zurückzuziehen und den Anfall vorübergehen zu lassen. Aber Clerambault
war kein Weiser. Er wußte nur, daß er es nicht war. Er wußte, daß
Sprechen nutzlos sei, und wußte doch zugleich, daß man sprechen müsse,
wußte, daß er sprechen werde. Er trachtete nur, so lange als möglich den
gefährlichen Augenblick zu verzögern, und seine Ängstlichkeit, die es
sich noch nicht ausdenken konnte, allein im Kampfe gegen alle zu stehen,
suchte rings um sich einen Gedankengefährten. Wäre man nur zu zweit oder
dritt, so wäre es doch schon weniger hart, den Kampf zu beginnen.
Die ersten, deren Sympathie er vorsichtig zu suchen begann, waren arme
Menschen, die, wie er, einen Sohn verloren hatten. Der Vater, ein
bekannter Maler, hatte ein Atelier in der Rue Notre-Dame des Champs.
Seit Jahren waren die Omer-Calvilles den Clerambaults liebe Nachbarn,
ein gutes altes Ehepaar, sehr bürgerlich und sehr zärtlich vereint. Sie
hatten jene Milde des Denkens, wie sie einer ganzen Reihe von Künstlern
jener Zeit gemeinsam war, die Carrière nahegestanden und von der Lehre
Tolstois von fern berührt worden waren. Ihre Schlichtheit, obwohl ein
wenig künstlich, kam doch aus einer natürlichen Gutmütigkeit: die
Tagesmode hatte sie nur ein wenig zu sehr unterstrichen. Niemand ist
unfähiger, die Leidenschaften des Krieges zu verstehen, als Künstler
dieser Art, die aufrichtig die religiöse Hochachtung vor allem
Lebendigen zu ihrem Bekenntnis gemacht haben. Selbst in den ersten
Kriegsmonaten hatten sich die Calvilles außerhalb der leidenschaftlichen
Strömung gehalten, sie protestierten nicht dagegen, sie nahmen sie
traurig, würdig hin, wie man eben Krankheit, Tod und die Schlechtigkeit
der Menschheit hinnimmt. Die glühenden Gedichte Clerambaults, die er
ihnen vorlas, hatten sie höflich angehört, doch sie fanden kein Echo bei
ihnen... Aber seltsam, in der gleichen Stunde, wo Clerambault,
ernüchtert vom kriegerischen Wahn, daran dachte, sich mit ihnen zu
vereinen, entfernten sie sich von ihm, denn nun rückten sie an jene
Stelle, die er eben verlassen hatte. Der Tod ihres Kindes hatte auf sie
gerade die gegenteilige Wirkung von jener, die Clerambault verwandelt
hatte: jetzt traten sie linkisch in den Kampf, gleichsam, um den
Verlorenen zu ersetzen; Clerambault fand sie mitten in ihrem Elend, ganz
beglückt durch die Nachricht, Amerika sei bereit, den Krieg zwanzig
Jahre lang zu führen. Er versuchte zu sagen:
„Was bleibt denn noch in zwanzig Jahren von Frankreich, von Europa
übrig?“
Aber mit einer hastigen Erregung schoben jene diesen Gedanken sofort zur
Seite. Es schien, als sei es ihnen unbequem, daran zu denken oder davon
zu sprechen. Jetzt handelte es sich einzig darum, zu siegen. Um welchen
Preis? Das würde man nachher berechnen. — Siegen! — Wenn es dann in
Frankreich keine Sieger mehr gäbe? Gleichgültig! Wenn nur die anderen,
die da drüben, besiegt würden. Nein, das Blut ihres toten Kindes durfte
nicht vergebens vergossen sein!
Und Clerambault dachte:
„Ist es nötig, daß zur Rache für ihn noch andere unschuldige Opfer
hingeschlachtet werden?“
Und im Grunde dieser Seelen, dieser sonst wirklich guten Menschen las
er:
„Warum denn nicht?“
Und er las es bei allen jenen, die wie die Calvilles im Kriege das
Teuerste verloren hatten, einen Sohn, einen Gatten, einen Bruder:
„Mögen die anderen auch leiden! Wir haben auch gelitten! Wir haben
nichts mehr zu verlieren.“
Wirklich nichts mehr? Doch! Eine einzige Sache, die der eifersüchtige
Egoismus verbarg: ihren Glauben an den Nutzen ihres Opfers. Und diesen
Glauben wollten sie sich nicht erschüttern lassen, um keinen Preis. Sie
verboten es sich, daran zu zweifeln, daß es eine heilige Sache sei, für
die ihre Toten gefallen waren. Und das wußten die Herren des Krieges
wohl und verstanden es auf das beste, dieses Lockmittel auszunützen! —
Nein, in diesen Trauerhäusern war kein Raum für den Zweifel Clerambaults
und für sein Mitleid!
„Wer hat Mitleid mit uns gehabt?“ dachten diese Unglücklichen. „Und
warum sollen dann wir welches haben?“
Es gab unter ihnen einige, die weniger hart getroffen waren. Aber was
alle diese Leute der Bourgeoisie charakterisierte, war die Hypnose der
großen Worte der Vergangenheit, unter der sie lebten, „der
Wohlfahrtsausschuß... das Vaterland in Gefahr... Plutarchs
Biographien... der alte Horaz“. Es war für sie unmöglich, die Gegenwart
mit den Augen von heute zu sehen. Aber hatten sie denn überhaupt noch
Augen, um zu sehen? Wieviele innerhalb der Bürgerwelt unserer Tage haben
denn außerhalb des engen Kreises ihrer Geschäfte in den letzten dreißig
Jahren die Kraft und den Willen gehabt, aus Eigenem denken zu wollen?
Das fiel ihnen nicht einmal im Traume ein. So wie ihr Essen, servierte
man ihnen ihre Gedanken fertig und gar gekocht und sogar noch bedeutend
billiger. Für ein Geringes fanden sie sie täglich in der Zeitung. Die
Begabteren, die sie in den Büchern suchten, gaben sich nicht die nötige
Mühe, sie im Leben zu suchen, und behaupteten, daß sich das Leben in den
Büchern spiegle. Wie bei Greisen verkalkten ihre Gliedmaßen,
versteinerte ihr Geist.
In der breiten Herde dieser Wiederkäuerseelen, die ihr Futter von den
Weiden der Vergangenheit nahmen, zeichneten sich damals besonders die
Gruppen der strenggläubigen französischen Revolutionäre aus. Zur Zeit
des 16. Mai und lange nachher noch, hatten sie als Brandstifter in der
immer rückständigen Bourgeoisie gegolten. Nun aber, als gesetzte und
wohlbestallte Fünfzigjährige, erinnerten sie sich mit Stolz, wie
Erwachsene eben auf ihre Jungenstreiche stolz sind, an das Entsetzen,
das ihre einstige, längst vergangene Kühnheit verursacht hatte. Vor
ihrem eigenen Spiegel hatten sie sich nicht verändert, aber die Welt um
sie war eine andere geworden, ohne daß sie dessen gewahr wurden, denn
sie blickten ja immer nur auf die abgelebten Modelle, deren Gedanken sie
nachbeteten. Es gibt einen merkwürdigen Nachahmungsinstinkt, ein
Knechtschaftsbedürfnis des Denkens, das von einem losgelösten Stück
Weltgeschichte nicht mehr loskommt. Statt Proteus, das ewige wandelhafte
Leben, in seinem Fortgange zu verfolgen, rafft es die alte Haut auf, aus
der die junge Schlange längst ausgebrochen ist, und versucht sie wieder
darin einzunähen. Diese fanatischen Pedanten verblichener Revolutionen
behaupten, daß alle zukünftigen Umwälzungen notwendig nach dem Modell
der alten, toten Formen zurechtgeschnitten werden müssen, und vor allem
dulden sie nicht, daß irgendeine neue Freiheit ein anderes Tempo
einschlage und die Grenzen überschreite, an denen jene großmütterliche
von 1793 erschöpft haltgemacht hatte. Ihr Zorn richtet sich darum weit
mehr gegen die Respektlosigkeit der Jugend, die über sie hinaus will,
als gegen das Gekläff der Greise, über die sie selbst hinausgekommen
sind. Und das hat seinen guten Grund, denn an der Existenz dieser Jungen
erkennen sie, daß sie selbst alt geworden sind. Und darum kläffen sie
gegen sie.
In diesen Dingen wird sich nichts ändern. Ganz selten nur gestatten
einige seltene Geister, wenn sie altern, dem Leben, daß es über sie
hinaus seinen Lauf weiter nehme, und genießen großmütig, wenn ihre
eigenen Augen erlöschen, die Zukunft mit den Augen ihrer Nachfolger.
Aber die meisten von jenen, die als Junge die Freiheit geliebt hatten,
wollen aus ihr einen Käfig für die neue Brut machen, sobald sie selber
nicht mehr fliegen können.
Der Internationalismus von heute fand keine erbitterteren Gegner als
jene Diener des national-revolutionären Kultes im Sinne Dantons oder
Robespierres. Sie selber verstanden sich nicht untereinander, die
Anhänger Dantons und Robespierres, zwischen denen sich noch immer der
Schatten der Guillotine aufrichtet, sie beschimpften sich gegenseitig
drohend als Ketzer. Aber in einem waren sie ganz einig: alle jene der
äußersten Bestrafung zuzuführen, die nicht glauben wollten, daß man die
Freiheit mit Kanonenmündungen verbreiten kann, die jede Gewalt
gleicherweise verwarfen, ob sie nun von Cäsar oder von Demos und seinen
Lederzurichtern kam, gleichgültig, ob sie im Namen des „alten Gottes“
gepredigt wurde oder des „jungen“, der Freiheit und des Rechts. Die
Masken ändern sich, aber das blutige Maul unter der Maske bleibt immer
dasselbe.
Clerambault kannte eine ganze Reihe solcher Fanatiker, aber es war
ebenso wenig möglich, sich mit ihnen darüber auszusprechen, ob sich das
Gerade und das Krumme nicht vielleicht doch auf beiden Seiten fände, wie
für einen Manichäer, mit der heiligen Inquisition zu streiten. Auch die
sozialen, die bürgerlichen Religionen haben ihre großen Seminare und
geheimen Gesellschaften, in denen das Beweismaterial der Lehre
sorgfältig aufgestapelt wird. Wer sich davon ausschließt, wird
exkommuniziert, so lange wenigstens, bis er selbst der Vergangenheit
angehört. Dann winkt ihm die Möglichkeit, selbst vergöttlicht und zur
Exkommunizierung Späterer mißbraucht zu werden.
§
Aber wenn Clerambault sich nicht versucht fühlte, diese harten
Intellektuellen, die hinter ihrer engen Wahrheit verschanzt waren, zu
einer Änderung ihrer Gesinnung zu bewegen, so kannte er doch andere, die
diesen Sicherheitsdünkel durchaus nicht hatten. Ganz im Gegenteil: Ihr
Fehler war wiederum allzu große Wandlungsfähigkeit und dilettantische
Nachgiebigkeit. Arsène Asselin war einer dieser Art, ein liebenswürdiger
Pariser Junggeselle aus der guten Gesellschaft, klug und skeptisch
zugleich. Jeder Verstoß im Geschmack oder im Ausdruck beleidigte sein
Empfinden. Wie hätte ihm also diese Übertriebenheit des Denkens gefallen
sollen, diese Treibhaushitze, in der der Krieg hochgezüchtet wurde.
Seine kritische Vernunft, seine Ironie mußten dem Zweifel geneigt sein.
So gab es also keinen rechten Grund, daß er die Ansichten Clerambaults
nicht teilen sollte.... Und wirklich, im Anfang hatte nur ein Haar
gefehlt, daß er so dachte wie Clerambault, seine Entscheidung war nur
ganz zufällig anders gefallen. Aber sobald er einmal den Fuß in die eine
Richtung gesetzt hatte, schien es ihm unmöglich umzukehren, und je mehr
er hineintrieb, um so trotziger wurde er. Die französische Eigenliebe
wird nie einen Irrtum eingestehen, sondern eher sich für ihn töten
lassen. Aber überhaupt, Franzose oder nicht, wie viele Menschen gibt es
denn in der Welt, die den Mut haben zu sagen:
„Ich habe mich getäuscht, jetzt heißt es von vorn anfangen.“ Nein,
lieber die Tatsachen leugnen... Bis ans Ende durch!... Und krepieren.
In einem anderen Sinn merkwürdig war Alexander Mignon, ein
Vorkriegspazifist, ein alter Freund Clerambaults, ungefähr im gleichen
Alter mit ihm, Bourgeois, Intellektueller und Hochschullehrer, von
würdiger Haltung, die mit Recht Respekt einflößte. Man durfte ihn nicht
verwechseln mit jenen ordensgeschmückten Bankettpazifisten, die
Dekorationen aus allen Ländern haben und denen der Schwatz vom Frieden
in windstillen Jahren ein sorgloses Dasein sichert. Mignon hatte durch
dreißig Jahre aufrecht die gefährlichen Quertreibereien der Politiker
und die verdächtigen Spekulanten seines Landes bekämpft, er gehörte der
Liga der Menschenrechte an und hatte das unwiderstehliche Gelüst, für
jeden, der da kam und im Unglück war, eilig das Wort zu nehmen. Ihm
genügte es schon, wenn einer sich unterdrückt nannte, er fragte sich
nie, ob der sogenannte Unterdrückte nicht bloß einer war, dem bisher nur
die Gelegenheit gefehlt hatte, selbst zu unterdrücken. Seine unruhige
Gutmütigkeit hatte ihn bei aller Hochachtung ein wenig lächerlich
gemacht, und er war darüber nicht böse. Sogar ein wenig Unpopularität
hätte ihn durchaus nicht erschreckt, vorausgesetzt freilich, daß er sich
von seiner Gruppe gedeckt fühlte, deren warme Zustimmung ihm aber
unbedingt nötig war. Er war durchaus kein Unabhängiger, wie er glaubte,
sondern nur das Mitglied einer Gruppe, die sich so lange unabhängig
fühlte, als alle ihre Mitglieder zusammenhielten. Die Gemeinschaft macht
die Kraft, sagt man, das ist wahr. Aber sie gewöhnt einen auch daran,
der Gemeinschaft nicht mehr entbehren zu können. Und das mußte Alexander
Mignon an sich erfahren.
Der Hingang Jaurès’ hatte die ganze Gruppe in Verwirrung gebracht.
Sobald die eine Stimme fehlte, die immer als erste das Wort nahm,
verstummten auch alle anderen, denn sie warteten auf das Stichwort, und
keiner wagte es zu geben. Unsicher im Augenblick, wo der Sturm einbrach,
wurden diese hochherzigen und schwachen Menschen durch den Wirbel der
ersten Tage mitgerissen. Sie verstanden die Begeisterung nicht, sie
rechtfertigten sie nicht, aber sie hatten ihr nichts entgegenzustellen.
Schon die erste Stunde riß einige Lücken in ihre Reihen, es zeigten sich
Desertionen, die verschuldet waren durch die schrecklichen Redner, die
den Staat beherrschten, durch jene demagogischen Advokaten, die mit
allen Sophismen der republikanischen Ideologie geschmiert waren, „Krieg
für den Frieden“, „der Weltfriede als Ziel“ (_requiescat!_), und diese
armen Pazifisten sahen in diesen Verdrehungen eine einzige Gelegenheit
— allerdings keine rühmliche, keine, auf die sie sehr stolz waren —
aus der Sackgasse zu kommen. Sie redeten sich ein, durch einen kleinen
Kunstgriff, dessen verbrecherische Größe sie nicht merkten, ihre
Friedensideen mit der Tatsache der Gewalt glücklich in Einklang gebracht
zu haben. Widerstand hätte bedeutet, sich den Kriegsbestien
auszuliefern, die sie mitleidslos zerrissen hätten.
Alexander Mignon hätte wohl den Mut gehabt, diesen blutigen Mäulern
entgegenzutreten, hätte er nur seine kleine Gemeinschaft um sich
gesehen. Aber allein zu kämpfen, das war über seine Kraft. Ohne sich
zuerst offen auszusprechen, ließ er doch alles geschehen. Er litt, er
war verstört und machte eine ähnliche geistige Krise durch wie
Clerambault, aber er konnte sich nicht wie Clerambault ihr entringen. Er
war weniger leidenschaftlich, aber intellektueller; um seine letzten
Bedenken wegzutilgen, umkleidete er sich mit einem Netz logischer
Vernunftgründe. Mit Hilfe seiner Kameraden bewies er mühselig nach der
Methode _a + b_, daß der Krieg eine Pflicht für den zielbewußten
Pazifismus sei. Seine Liga hatte leichte Arbeit, die verbrecherischen
Akte des Feindes aufzudecken; freilich verlor sie keine Zeit damit, auf
jene im eigenen Lager hinzuweisen. In manchen Augenblicken sah Alexander
Mignon deutlich die Unaufrichtigkeit auf allen Seiten. Unerträglicher
Anblick ..... er schloß rasch seine Läden....
Und je blinder er sich in seine Kriegslogik verstrickte, um so schwerer
war es für ihn, sich daraus zu befreien. So verbrannte er seine Schiffe
hinter sich, eins nach dem andern. Er wurde böse wie ein Kind, das durch
einen unbedachten Akt ungeschickter Nervosität einem Insekt den Flügel
ausgerissen hat. Das Insekt ist nun verloren, und das Kind, beschämt
über seine Handlung, rächt sein Leid und seine Scham an dem Tier, das es
nun ganz in Stücke reißt.
So war es leicht vorauszusehen, mit welcher Freude er Clerambault sein
„_mea culpa_“ vortragen hörte. Die Wirkung war überraschend. Mignon,
innerlich ganz unsicher, wurde wütend gegen Clerambault, denn
Clerambault schien ihn anzuklagen, indem er sich beschuldigte. Von
dieser Stunde an wurde er sein erbitterter Feind, und keiner bekämpfte
später gehässiger als Mignon dieses sein lebendiges schlechtes Gewissen.
§
Clerambault hätte mehr Verständnis bei einigen Politikern finden können,
denn die wußten von diesen Dingen ebensoviel, wie er selbst wußte, und
sogar noch einiges mehr, aber das störte durchaus nicht ihren guten
Schlaf. Seit ihrem ersten Sündenfall praktizierten sie munter die
Technik der _combinazioni_, der Gedankenschwindeleien, sie gaben sich
mit Recht der Täuschung hin, ihrer Partei zu dienen auf Kosten von ein
paar Kompromissen. Eins weniger, eins mehr, was macht das aus?...
Geradeaus zu gehen, geradeaus zu denken, war das einzig Unmögliche für
diese Mollusken, die immer krumme Wege nahmen, sich schlangenhaft
vorwärtsschoben, gleichsam nach rückwärts vorrückten, die, um den
Triumph ihres Banners sicher zu machen, es durch den Schmutz schleiften
und bäuchlings zum Kapitol emporgerutscht wären.
§
Schließlich gab es auch da und dort unterirdisch einige Klarblickende.
Aber sie waren mehr zu ahnen als zu sehen. Diese melancholischen
Glühwürmchen löschten vorsichtig ihre Laternen aus, sie hatten
Todesangst, daß man einen Schimmer wahrnehmen könnte. Zwar waren sie
frei von dem Wahn des Krieges, aber sie waren nicht gläubig genug zur
Tat wider den Krieg, sie blieben bloß Fatalisten und Pessimisten.
Clerambault erkannte, daß auch die höchsten Fähigkeiten des Herzens und
des Geistes nur die öffentliche Knechtschaft verstärken, wenn sie nicht
mit persönlicher Energie gepaart sind. Der Stoizismus, der sich den
Gesetzen des Weltalls unterwirft, ist ein Hemmnis im Kampf gegen die
Grausamkeit einzelner Gesetze. Statt zum Schicksal zu sagen: „Nein, hier
ist kein Weg für dich“ (man wird ja sehen, ob es doch hindurchgeht),
tritt der Stoiker höflich zurück und sagt: „Bitte, treten Sie ein!“
Der kultivierte Heroismus, die Neigung für das Übermenschliche, für das
Unmenschliche, macht die Seele durch die Opfer trunken, und je toller
sie sind, um so herrlicher erscheinen sie. Die Christen von heute,
großmütiger als ihr Meister, geben a l l e s dem Cäsar hin. Sobald er
geruht, sie für irgendeinen Anlaß hinzuopfern, erklären sie diesen Anlaß
schon für heilig. Fromm geben sie der Schande des Krieges die Glut ihres
Glaubens hin und ihre Körper dem Scheiterhaufen. Die duldende,
nachgiebige Resignation der Völker macht den Rücken krumm und läßt sich
die Last aufladen: „Mach’ dir nichts draus!“ Zweifellos sind
Jahrhunderte des Elends über diesen Stein dahingerollt. Aber auch der
Stein verbraucht sich schließlich und wird Schlamm.
§
Clerambault versuchte mit dem einen oder dem andern zu sprechen. Überall
aber stieß er auf denselben Mechanismus unterirdischen, halb unbewußten
Widerstandes. Sie waren alle mit dem Willen, nicht zu verstehen, oder
eigentlich mit einem beharrlichen Gegenwillen ehern umgürtet. Von
Gegenargumenten wurde ihre Vernunft so wenig berührt, wie eine Ente vom
Wasser. Im allgemeinen sind die Menschen zum Zweck ihrer Bequemlichkeit
mit einer ganz unschätzbaren Eigenschaft ausgerüstet, sie können sich
nämlich auf Wunsch blind und taub machen, wenn sie etwas nicht sehen
oder hören wollen. Und haben sie schon durch irgendeinen peinlichen
Zufall irgend etwas bemerkt, was ihnen lästig ist, so verstehen sie die
Kunst, es sofort wieder zu vergessen. Wieviele Bürger gab es doch in
allen Vaterländern, die genau wußten, wie es um die beiderseitige
Verantwortlichkeit im Kriege stand, die genau die verhängnisvolle Rolle
ihrer politischen Führer kannten, aber sie zogen vor, sich selbst zu
betrügen und sich so zu stellen, als wüßten sie nichts davon.
Schließlich gelang es ihnen sogar, das genaue Gegenteil zu glauben.
Wenn nun schon jeder, so rasch er konnte, vor sich selber auswich, kann
man sich vorstellen, wie hastig sie erst vor jenen flohen, die wie
Clerambault ihnen behilflich sein wollten, sich selber zu erwischen. Um
sich davonzumachen, schämten sich diese klugen, ernsten und ehrenwerten
Männer nicht, alle jene kleinen Schliche und unredlichen Kniffe
anzuwenden, deren sich sonst nur rechthaberische Frauen und Kinder
bedienen. Aus Angst vor der Diskussion, die sie beunruhigen könnte,
sprangen sie beim ersten ungeschickten Worte Clerambaults auf, rissen es
aus dem Zusammenhange, fälschten es, wie es ihnen paßte, um sich darüber
dann künstlich aufzuregen, laut mit aufgerissenen Augen zu schreien,
sich entrüstet zu stellen und es schließlich wirklich im höchsten Maße
zu werden. Sie schrien Zetermordio, und wenn man ihnen das Gegenteil
bewies und sie zur Richtigstellung zwang, sprangen sie auf, schlugen die
Türen zu: „Jetzt habe ich genug“. Um dann zwei Tage oder zehn nachher
die breitgeschlagenen Themen aufzunehmen, als ob nichts vorgefallen
wäre.
Andere wieder, die noch heimtückischer waren, forderten in bewußter
Absicht die Unvorsichtigkeit Clerambaults heraus, sie reizten ihn durch
freundliches Entgegenkommen, mehr zu sagen, als er eigentlich wollte, um
dann plötzlich loszubrechen. Die Wohlwollendsten beschuldigten ihn, daß
es ihm an gesundem Menschenverstand fehlte. („Gesund“ sollte natürlich
heißen: an „meinem“, an „unserem“.)
Andere wieder waren Schönredner, die vor einem Wortturnier keine Angst
hatten und gern die Diskussion aufnahmen in der Hoffnung, das verirrte
Schaf wieder zur Herde heim zu führen. Sie diskutierten nicht die
Anschauung Clerambaults selbst, sondern nur, ob sie zeitgemäß sei, und
appellierten an seine gute Gesinnung.
„Gewiß, gewiß. Sie haben im Grunde recht, im Grunde denke ich ganz so
wie Sie, fast so wie Sie. O, ich verstehe Sie, lieber Freund... Aber,
lieber Freund, seien Sie vorsichtig, vermeiden Sie es doch, die Gewissen
der Kämpfer zu beunruhigen... Schwächen wir doch nicht ihre Kraft. Man
darf nicht jede Wahrheit aussprechen, wenigstens nicht sofort. Die Ihre
wird sehr schön sein... in fünfzig Jahren. Man darf nicht hastiger sein
wollen als die Natur, man muß warten..., warten bis die Zeit für sie
reif sein wird...“
„Abwarten? Was abwarten? Bis der Appetit der Ausbeuter oder die Dummheit
der Ausgebeuteten müde geworden ist? Können Sie denn nicht verstehen,
daß die klaren und durchdringenden Gedanken der Besseren, wenn sie
zugunsten der Blinden und der Denkungsart niedriger Menschen auf das
Wort verzichten, geradewegs dem Lauf der Natur widerstreben, der sie zu
dienen vorgeben, daß sie gegen den Sinn der Geschichte handeln, unter
den sich zu beugen sie als ihre eigenste Ehre empfinden? Heißt das die
Absichten der Natur in Ergebenheit anerkennen, wenn man einen Teil, und
gerade den besten ihres Sinnes, zum Schweigen bringt? Diese Auffassung,
die dem Leben seine kühnste Kraft entzieht und sie den Leidenschaften
der Masse unterordnet, würde dahin führen, die Vorhut zu vernichten, die
große Masse der Armee ohne Führung zu lassen.... Wenn ein Kahn sich nach
einer Seite neigt, wollt ihr mich hindern, mich auf die andere zu
setzen, um ein Gegengewicht zu schaffen? Oder soll sich die ganze
Besatzung auf die Seite setzen, wo er schon überneigt? Die
fortgeschrittenen Ideen sind das von der Natur gewollte Gegengewicht
gegen die schwere Vergangenheit, die ihnen entgegenwirkt. Ohne sie geht
der Kahn unter. — Wie man diese Ideen aufnimmt, das ist für mich
nebensächlich. Wer sie ausspricht, muß sich darauf gefaßt machen,
gesteinigt zu werden, wer sie aber nicht ausspricht, macht sich ehrlos.
Er ist gleichsam ein Soldat, der mit gefährlicher Botschaft während der
Schlacht ausgesandt wird. Hat er das Recht, sich solchem Auftrag zu
entziehen?“
Sobald sie sahen, daß ihr Zureden ohne Wirkung auf Clerambault blieb,
demaskierten sie ihre Batterien und beschuldigten ihn erbittert einer
lächerlichen und gefährlichen Eitelkeit. Sie fragten ihn, ob er sich
klüger dünke als alle anderen, weil er seine Meinung der der Nation
entgegensetze, und worauf er denn eigentlich sein ungeheuerliches
Selbstgefühl stütze. Es sei Pflicht, demütig zu sein, bescheiden an
seinem Platze inmitten der Gemeinschaft zu verharren, sich zu beugen, wo
sie gesprochen habe, und — ob man sie für nützlich halte oder nicht —
sich ihren Befehlen zu unterwerfen. Wehe dem Aufrührer gegen die Seele
seines Volkes! Gegen sie recht behalten wollen, heißt unrecht haben. Und
das Unrecht wird zum Verbrechen, in der Stunde der Tat. Die Republik
verlangt, daß ihre Kinder ihr gehorchen.
„Die Republik oder der Tod“, sagte Clerambault ironisch. „Schönes Land
der Freiheit. Frei! Ja, es ist frei, aber nur deshalb, weil es dort
immer Seelen wie die meine gegeben hat und geben wird, Seelen, die sich
weigern, ein Joch zu tragen, gegen das sich ihr Gewissen wehrt. Aber
welche Nation von Tyrannen auch! Wir haben nichts damit gewonnen, daß
wir die Bastille eroberten. Einst gebot man ewige Gefängnishaft, wenn
sich einer gestattete, anders zu denken als sein Fürst, und fand den
Scheiterhaufen ganz am Platze für den, der anders dachte als die Kirche.
Heute muß man genau so denken wie vierzig Millionen Menschen, ihnen
nachlaufen in ihren leidenschaftlichen Widersprüchen, heute brüllen
„Nieder mit England!“, dann morgen wieder „Nieder mit Deutschland!“,
übermorgen vielleicht „Nieder mit Italien!“, jede Woche etwas anderes,
heute einem Mann oder einem Gedanken zujubeln, den man morgen wird
beschimpfen müssen. Und wenn man sich weigert, so setzt man sich der
Unehre oder einem Revolverschuß aus. Was für eine erbärmliche
Knechtschaft, die erbärmlichste von allen!... Was für ein Recht haben
denn hundert Seelen, tausend Seelen oder vierzig Millionen Seelen, von
mir zu verlangen, daß ich meine Seele verleugne? Jeder von Ihnen hat
doch wie ich selbst nur eine. Vierzig Millionen Seelen zusammen bilden
allzu oft nur eine Seele, die sich vierzigmillionenmal verleugnet... Ich
denke, was ich denke, so denkt auch ihr, was ihr denkt!
Die lebendige Wahrheit kann nur aus dem Gleichgewicht entgegengesetzter
Ideen entstehen. Damit alle Bürger den Staat ehren können, tut es not,
daß der Staat auch seine Bürger ehre. Jeder von Ihnen hat seine Seele
und hat sein Recht darauf, und seine erste Pflicht ist, sie nicht zu
verraten, niemals den Zusammenhang mit seinem Gewissen zu verlieren....
Ich gebe mich keinem Wahn hin, ich maße meinem Gewissen keine
übertriebene Bedeutung in einem stürzenden Weltall bei. Aber so wenig
wir auch sein mögen, so wenig wir auch tun mögen, das, was man ist, muß
man schlicht und stark sein, das, was man tut, schlicht und stark tun.
Jeder kann sich täuschen, aber ob er sich täuscht oder nicht, er muß
aufrichtig sein. Ein aufrichtiger Irrtum ist keine Lüge, er ist nur ein
Schritt auf die Wahrheit zu. Lüge ist, vor der Wahrheit Angst haben und
sie ersticken wollen. Wenn ihr tausendmal recht habt gegen einen
aufrichtigen Irrtum — im Augenblick, wo ihr zur Gewalt greift, um ihn
zu vernichten, begeht ihr das niedrigste Verbrechen gegen die Vernunft
selbst. Wo die Vernunft verfolgt und der Irrtum verfolgt wird, bin ich
für den Verfolgten, denn der Irrtum ist ebenso ein Recht wie die
Wahrheit... Wahrheit? Wahrheit?... Wahrheit ist das ewige Suchen nach
der Wahrheit. Achtet die Anstrengungen jener, die sich mühen, sie zu
finden. Wenn man einen Menschen, der sich mühsam auf einem anderen Wege
durchringt, verfolgt, weil er eine für den menschlichen Fortschritt
weniger unmenschliche Bahn finden will — und sie vielleicht niemals
findet —, so macht man aus ihm einen Märtyrer. Ihr sagt, euer Weg sei
der bessere, der einzig gute? So geht ihn doch und laßt mich den meinen
gehen! Ich zwinge euch ja nicht, mir zu folgen. Was regt ihr euch so
auf? Habt ihr am Ende Angst, ich könnte recht haben?“
§
Clerambault beschloß, noch einmal Perrotin aufzusuchen. Trotz des
Gefühls traurigen Mitleids, das jene letzte Begegnung in ihm
hervorgerufen hatte, verstand er nun Perrotins ironische und kluge
Haltung gegenüber der Welt besser. Und so sehr auch seine Achtung für
den Charakter des alten Gelehrten nachgelassen hatte, seine Bewunderung
für die hohe geistige Kraft desselben blieb doch unversehrt: noch immer
betrachtete er ihn als einen Führer, der ihm helfen könnte, sich selbst
zu erleuchten.
Man kann sich leicht denken, daß Perrotin sich nicht übermäßig entzückt
zeigte, Clerambault wiederzusehen. Er war doch zu fein veranlagt, um
nicht eine unangenehme Erinnerung an die kleine Feigheit bewahrt zu
haben, die er damals nicht nur begangen (denn daraus machte er sich
längst nichts mehr, daran war er zu gewöhnt), sondern die er
stillschweigend vor dem Blicke eines makellosen Zeugen hatte bekennen
müssen. Er sah eine Auseinandersetzung voraus, und Auseinandersetzungen
mit Menschen von feststehender Überzeugung waren ihm ein Greuel. (Es
gibt ja dann gar kein Amusement mehr, solche Leute nehmen alles ganz
ernst.) Aber als höflicher, eigentlich gutmütiger und schwacher Mensch
war er unfähig sich zu wehren, wenn man ihn geradeaus anpackte. Er
versuchte zuerst, alle ernsten Gespräche auszuschalten. Als er aber
merkte, daß Clerambault wirklich seiner bedurfte, und er ihn vielleicht
von irgendeiner Unbedachtheit zurückhalten könnte, entschloß er sich mit
einem Seufzer, ihm seinen Vormittag zu opfern.
Clerambault entwickelte ihm das Resultat seiner Bemühungen. Er war nun
vollkommen klar darüber, daß die gegenwärtige Welt sich einem andern
Ideal als dem seinen unterwarf. Er selbst hatte ja früher gleichfalls
dies Ideal geteilt, ihm gedient und es gefeiert, und noch heute war er
gerecht genug, ihm eine gewisse Schönheit zuzuerkennen. Bei den letzten
Prüfungen war er aber auch des Sinnlosen und Widrigen dieses Ideals
bewußt geworden und er fühlte, da er sich von ihm losgelöst hatte, sich
nun genötigt, sich zu einem andern zu bekennen, das
verhängnisvollerweise ihn mit dem früheren in Konflikt brachte. In
kurzen und leidenschaftlichen Ausdrücken entwickelte Clerambault dieses
neue Ideal und bat Perrotin, ihm klar und offen mit Hintansetzung jeder
Höflichkeit und jeder Schonung zu sagen, ob er es richtig fände oder
falsch. Perrotin nun, betroffen von Clerambaults tragischem Ernst,
änderte sofort seinen Ton und stimmte ihm zu.
„Habe ich also unrecht?“ fragte Clerambault ganz voll Angst, „ich sehe
gut, daß ich allein bin, aber ich kann nicht anders. Sagen Sie also,
ohne mich zu schonen: ist es ein Unrecht von mir, daß ich das denke, was
ich denke?“
Perrotin antwortete mit Ernst:
„Nein, mein Freund, Sie haben vollkommen recht.“
„Also ist es meine Pflicht, den mörderischen Irrtum der andern zu
bekämpfen?“
„Das ist wieder eine andere Sache.“
„Habe ich also die Wahrheit nur dazu, um sie zu verraten?“
„Die Wahrheit, mein Freund... (nein, sehen Sie mich nicht so an!) Sie
glauben jetzt, daß ich so wie jener andere sagen werde: „Was ist
Wahrheit?“ Nein.... Ich liebe sie ebenso wie Sie und vielleicht länger
als Sie.... Aber die Wahrheit, mein Freund, ist höher, weiter als Sie,
als wir, als alle, die jemals lebten, leben und leben werden.... Immer
wenn wir meinen, dieser großen Göttin zu dienen, dienen wir nur den _Di
minores_, den Heiligen der Seitenkapellen, die von der großen Masse
abwechselnd vergöttert und verlassen werden. Gewiß kann das nicht
unsere, nicht Ihre und nicht meine Wahrheit sein, zu deren Ehre sich die
heutige Welt mit korybantischer Leidenschaft hinschlachtet und
verstümmelt. Das Ideal des Vaterlandes ist das eines großen grausamen
Gottes, das der Zukunft im mythischen Bilde eines Chronos als
Schreckgespenst, oder seines olympischen Sohnes, den Christus
entthronte, erscheinen wird. Ihr Menschheitsideal ist auf einer höheren
Stufe und kündigt einen neuen Gott an. Aber auch dieser Gott wird später
von einem anderen entthront werden, der noch höher steht und noch mehr
vom Weltall umfängt. Das Ideal wie das Leben hören nicht auf, sich zu
entwickeln, und dieses unablässige Werden ist für einen freien Geist der
wirkliche Inhalt der Welt. — Aber wenn es auch dem Geist gegeben ist,
die Stufen dieser Entwicklung ungestraft im Fluge zu überspringen, so
kommt man doch in dieser Welt der Tatsachen nur Schritt für Schritt
vorwärts. In einem ganzen Leben dringt man vielleicht nur um ein paar
Zoll vor.
Die Menschheit hat lahme Beine und Ihr ganzes Unrecht, Ihr einziges
Unrecht ist, daß Sie ihr voraus sind um einen oder mehrere Tagemärsche.
Aber gerade dieses Unrecht verzeiht man einem Menschen am wenigsten....
Und das geschieht vielleicht nicht ohne Grund. Denn wenn ein Ideal, wie
jetzt jenes des Vaterlandes, gleichzeitig mit der Gesellschaftsform, von
der es getragen wird, altert, so wird es bösartig und speit sein
gefährlichstes Feuer aus. Der kleinste Zweifel an seiner Berechtigung
macht es toll, denn der Zweifel steckt schon in ihm selbst. Täuschen wir
uns nicht darüber: Die Millionen Menschen, die sich heute im Namen des
Vaterlandes hinschlachten lassen, haben nicht mehr das junge gläubige
Vertrauen von 1792 oder 1813, obwohl heute viel größere Ruinen und
Trümmer aufrufen. Viele derer, die sterben, und selbst die, die sich
bewußt töten lassen, fühlen im tiefsten Grunde ihrer Seele das
furchtbare Nagen des Zweifels. Aber einmal in die Falle gegangen, zu
schwach, aus ihr auszubrechen oder sich einen Ausweg zu erdenken,
verbinden sie sich die Augen und werfen sich in den Abgrund, während sie
gleichzeitig voll Verzweiflung ihren schon erloschenen Glauben bekennen.
Aber vor allem schleudern sie in der Erbitterung einer uneingestandenen
Rache diejenigen hinein, die durch ihre Worte oder ihre Haltung den
Zweifel in ihnen erweckt haben. Denjenigen, die für einen Wahn sterben,
diesen Wahn nehmen wollen, heißt, sie zweimal sterben lassen.“
Clerambault faßte ihn bei der Hand, damit er nicht weiterspräche. „O,
Sie brauchen mir das nicht zu sagen, was mich ohnehin quält! Glauben Sie
denn, daß ich nicht selbst die Angst fühle, diese Unglücklichen noch
mehr zu verwirren? Ja, ich möchte den Glauben dieser armen Jungen
schonen, nicht einen einzigen dieser Armen unglücklich machen, aber,
mein Gott, was soll ich tun? Helfen Sie mir, aus diesem Zwiespalt
herauszukommen, ob man das Böse ruhig geschehen lassen soll, die andern
ruhig sich vernichten lassen, oder es wagen, ihnen noch mehr wehe zu
tun, sie in ihrem Glauben zu verletzen und sich ihrem Haß auszuliefern
eben dadurch, daß man sie retten will. Welches ist das richtige Gebot?“
„Sich selbst zu retten!“
„Mich selbst retten, heißt mich vernichten, wenn ich etwas auf Kosten
der andern tue. Wenn wir nichts für sie tun — Sie, ich, denn wenn wir
uns auch alle verbinden, sind wir doch noch immer zu wenige — dann geht
Europa, dann geht die Welt zugrunde....“
Perrotin, die Ellbogen auf die Lehne gestützt, die Hände über seinem
Buddhabauch gefaltet und die Daumen drehend, sah Clerambault auf das
gutmütigste an, hob den Kopf und sagte:
„Ihre Menschengüte, Ihre künstlerische Empfindsamkeit täuschen Sie
glücklicherweise, mein Freund. Die Welt ist noch nicht am Ende, die hat
schon andere Dinge gesehen und wird noch andere sehen. Das, was heute
geschieht, ist sicherlich sehr schmerzlich, aber keineswegs abnormal.
Niemals noch hat ein Krieg die Erde gehindert sich weiter zu drehen,
noch das Leben sich weiter zu entwickeln, ja, er ist sogar selbst eine
Form dieser Entwicklung. Erlauben Sie einem alten, gelehrten
Philosophen, Ihrem Heiligen Schmerzensmanne die ruhige Inhumanität
seines Gedankens entgegenzustellen. Vielleicht finden Sie trotz allem
sogar eine Erleichterung. — Diese Krise, die Sie so erschreckt, dieser
Wirrwarr ist im Grunde eigentlich nichts als ein
Zusammenziehungsphänomen, eine kosmische, lärmende, aber doch
gesetzmäßige Kontraktion, ähnlich jenen Faltungen bei der
Zusammenziehung der Erdkruste, die ja auch immer von zerstörenden
Erdbeben begleitet sind. Die Menschheit zieht sich zusammen. Und der
Krieg ist die eine solche Kontraktion begleitende Erschütterung. Gestern
waren es noch in jeder Nation die Provinzen, die einander bekriegten,
vorgestern in jeder Provinz die Städte, und heute, da die völkische
Einheit schon ausgestaltet ist, bereitet sich eine viel umfassendere
Einheit vor. Es ist natürlich sehr bedauerlich, daß diese Entwicklung
durch Gewalt geschieht, aber Gewalt ist eben das natürliche Mittel in
diesem Prozeß. Aus dem Explosivgemenge der zusammenstoßenden Elemente
wird sich ein neuer chemischer Körper entwickeln. Wird es das einige
Abendland, wird es Europa sein? — ich weiß es nicht. Aber sicher wird
die neue Zusammensetzung neue Eigenschaften haben und viel reichere als
die der einzelnen zusammensetzenden Elemente. Und dies ist noch nicht
die letzte Etappe. So schön der gegenwärtige Krieg ist (ich bitte Sie um
Entschuldigung, ich meine „schön“ im Hinblick auf den Geist, für den das
Leiden nicht existiert), so werden noch schönere, noch großzügigere sich
entfalten. Diese armen Kinder von Völkern, die sich einbilden, sie
erbauten schon mit ihrem Kanonendonner den ewigen Frieden — sie werden
noch warten müssen, bis das ganze Weltall durch diese Retorte
hindurchgegangen ist. Der Krieg der beiden Amerika, der des neuen
Kontinents und des gelben Kontinents, dann jener des Siegers mit der
übrigen Erde — das wird uns noch ein paar Jahrhunderte zu schaffen
machen. Und dabei sehe ich nicht einmal weit genug, ahne ich noch nicht
einmal alles. Außerdem wird natürlich noch jeder dieser Zusammenstöße
ausgiebige soziale Kriege zur Folge haben. Und erst dann, wenn dies
alles erledigt ist, vielleicht in zehn Jahrhunderten (obwohl ich glaube,
daß es vielleicht rascher geschehen könnte, als man meint, wenn man die
Gegenwart mit der Vergangenheit in Vergleich setzt, weil sich im Fall
die Geschwindigkeit beschleunigt), erst dann werden wir zu einer ein
wenig ärmeren Synthese gelangen, denn von den Elementen der
Zusammensetzung werden die besten und die schlechtesten unterwegs
vernichtet worden sein; die ersten, weil sie zu zart waren, um den
Unbilden zu widerstehen, die zweiten, weil sie zu widersetzlich waren
und sich zu stark gegen die Amalgamierung wehrten. Dann werden jene
sagenhaften Vereinigten Staaten der Erde erstehen, und ihr Bündnis wird
um so dauerhafter sein, je mehr sich dann die Menschheit wahrscheinlich
von gemeinsamen Gefahren bedroht sehen wird; die Marskanäle, die
Eintrocknung der Planeten, die Erkaltung der Erdkruste, die
geheimnisvollen Erkrankungen, die Pendeluhr Edgar Poes, die Vision des
endgültigen Erlöschens der irdischen Geschlechter.... Ach, was für
schöne Dinge wird es zu betrachten geben. In jenen letzten Ängsten wird
das Genie der Rasse überreizt sein. Freilich, Freiheit wird’s wenig
geben. Die menschliche Vielfalt muß gerade im Verschwinden notwendig zur
Einheit des Gedankens und des Willens drängen (eine Richtung, in die sie
übrigens auch heute schon ganz deutlich zielt); so wird sich ohne
plötzliche Umkehr das Verschiedene in das Eine wieder zurückverwandeln,
der Haß in die Liebe des alten Empedokles.“
„Und dann?“
„Dann? Dann wird wahrscheinlich alles nach einem Weltzeitraum von neuem
anfangen. Ein anderer Kreis, eine andere Kalpa. Die Welt wird sich auf
einem frisch geschmiedeten Rad wieder zu drehen beginnen.“
„Und des Rätsels Lösung?“
„Ein Hindu würde darauf antworten: Schiwa, der Zerstörer und der
Schaffer, der Schaffer und der Zerstörer.“
„Welch ein entsetzliches Traumbild!“
„Das ist Auffassungssache. Die Weisheit macht einen immer frei. Für den
Hindu ist Buddha der Befreier, mir für meinen Teil hilft schon die
Neugierde über alles hinweg.“
„Aber nicht mir: ich kann mich nicht bescheiden mit der Weisheit des
selbstsüchtigen Buddha, der nur sich frei macht und die anderen im
Stiche läßt. Ich kenne wie Sie die Hindus und ich liebe sie. Aber auch
bei ihnen hat Buddha nicht das letzte Wort der Weisheit gesprochen.
Erinnern Sie sich an jenen Bodhisattva, den Meister des Mitleids, der
den Eid geleistet, nicht früher Buddha zu werden, nicht früher sich ins
Nirwana zurückzuflüchten, ehe er nicht alle Übel geheilt, alles Unrecht
gesühnt, alle Seelen getröstet hätte.“
Perrotin neigte sich mit einem sanften Lächeln zu Clerambaults
schmerzlichem Gesicht, streichelte ihm zärtlich die Hand und sagte:
„Mein lieber Bodhisattva, was wollen Sie also tun? Wen wollen Sie also
retten? Was wollen Sie also retten?“
„Ja, ich weiß wohl“, sagte Clerambault und senkte den Kopf, „ich weiß
wohl, wie wenig ich bin, wie wenig ich vermag. Ich kenne die Nichtigkeit
meiner Wünsche und meines Protestes. Halten Sie mich nicht für
eingebildet, aber was kann ich dagegen tun, wenn meine Pflicht mir zu
sprechen gebietet?“
„Ihre Pflicht ist, etwas zu tun, was nützlich und vernünftig ist, nicht
aber, sich vergeblich zu opfern.“
„Was ist das, was Sie „vergeblich“ nennen? Können Sie im vorhinein bei
Samenkörnern dasjenige unterscheiden, das gedeihen wird, und jenes, das
zugrunde geht? Und ist dies ein Grund, den Samen nicht auszuwerfen?
Welcher Fortschritt wäre jemals geschehen, wenn der, in dessen Brust das
Samenkorn wuchs, zurückgeschreckt wäre vor dem ungeheuren Block der
gewohnheitsträgen Vergangenheit, der ihn zu zerschmettern droht?“
„Ich verstehe, daß der Gelehrte die Wahrheit verteidigt, die er gefunden
hat. Aber ist diese soziale Betätigung denn Ihre Mission? Dichter,
bleibe deinen Träumen treu, auf daß deine Träume dir treu bleiben.“
„Ich bin zuerst Mensch, und dann erst Dichter. Jeder anständige Mensch
hat eine Mission.“
„Aber Sie tragen geistige Werte in sich, die zu kostbar sind, und es
wäre Mord, sie hinzuopfern.“
„Ja, nicht wahr, man soll also nur den kleinen Leuten das Opfer
überlassen, die nicht viel zu verlieren haben?“
Er schwieg einen Augenblick und sagte dann:
„Perrotin, es ist mir oft in den Sinn gekommen, daß wir alle nicht
unsere Pflicht tun, wir geistigen Menschen und Künstler alle.... Nicht
nur heute sondern seit langem schon, seit immer. Wir haben bei uns einen
Teil Wahrheit und Erleuchtung, die wir aus Vorsicht in uns
zurückbehalten. Mehr als einmal habe ich das mit dunkeln Gewissensbissen
gefühlt. Aber damals hatte ich noch Angst, in mich hineinzuschauen. Erst
die Prüfung hat mich sehen gelehrt. Wir sind Bevorzugte, wir sind eine
privilegierte Klasse, das gibt uns auch Pflichten, Pflichten, die wir
nicht erfüllen, denn wir haben Angst, uns zu kompromittieren. Die Elite
des Geistes ist eine Aristokratie, die vorgibt, jener des Blutes
nachzufolgen; aber sie vergißt, daß jene im Anfang die Privilegien mit
ihrem Blute bezahlte. Seit Jahrhunderten hört die Menschheit viele Worte
von weisen Männern, aber nur selten sieht sie einen dieser Weisen sich
hinopfern. Und das würde der Welt ganz gut tun, wenn sie hie und da
einmal einen sehen würde, der sein Leben für seinen Gedanken hingibt.
Nichts wahrhaft Fruchtbares kann ohne das Opfer geschaffen werden. Um
die anderen glauben zu machen, muß man selbst gläubig sein, muß
beweisen, daß man gläubig ist. Es genügt nicht das bloße Dasein einer
Wahrheit, damit der Mensch zu ihr aufblicke, es ist nötig, daß dieses
Dasein ein lebendiges Leben habe. Und dieses Leben können, dieses Leben
müssen wir ihr geben — das unsere! Sonst sind all unsere Gedanken nur
Dilettantenspiele, eine Theaterspielerei, die einzig auf Theaterapplaus
ein Anrecht hat. Nur solche Menschen haben die Menschheit
vorwärtsgebracht, die ihr eigenes Leben zur Stufe machten. Dieses ist es
auch, was den Zimmermannssohn von Galiläa über alle unsere großen Männer
erhoben hat. Die Menschheit wußte wohl einen Unterschied zu machen
zwischen den anderen und dem Heiland.“
„Und der Heiland? Hat er sie gerettet?.... ‚Wenn Gott Zebaoth so
beschlossen hat, so schaffen die Völker für das Feuer.‘“
„Ihr Feuerkreis ist das letzte Schreckbild. Der Mensch ist nur dazu da,
um ihn zu zerbrechen, um zu versuchen, sich ihm zu entringen, frei zu
sein.“
„Frei?“, sagte Perrotin mit seinem ruhigen Lächeln.
„Ja, frei! Freiheit ist das höchste Gut, ein ebenso seltenes, wie ihr
Name ein abgebrauchter ist, so selten wie das wahre Schöne, wie das
wahre Gute. Frei nenne ich den, der sich von sich selbst, von seinen
Leidenschaften, seinen blinden Instinkten, von jenen der Umgebung und
des Augenblickes loslösen kann, zwar nicht um seiner Vernunft zu
gehorchen, wie man meist sagt (denn die Vernunft in dem Sinne, wie Sie
sie verstehen, ist ja nur ein anderes Wahnbild, eine andere verhärtete,
vergeistigte und darum fanatisierte Leidenschaft), sondern um zu
versuchen, über die Staubwolken hinauszusehen, die sich von den
Menschenherden auf den Straßen der Gegenwart erheben, um zu versuchen,
den Horizont zu umfassen und alles Geschehen in der Gesamtheit der Dinge
und der Weltordnung zu begreifen.“
„Und sich dann“, unterbrach ihn Perrotin, „den Weltgesetzen zu
unterwerfen und anzupassen.“
„Nein“, erwiderte Clerambault, „um sich ihnen mit vollem Bewußtsein
entgegenzustellen, sobald sie dem Glück und dem wahrhaft Guten
nachteilig sind. Denn darin besteht ja die Freiheit, daß der freie
Mensch in sich selbst ein Weltgesetz ist, ein bewußtes Gesetz, dessen
einzige Aufgabe es ist, das Gegengewicht für die zerschmetternde
Maschine, für den Automaten Spittelers, die eherne Ananke zu bilden. Ich
sehe das Weltwesen noch zu drei Vierteilen in der Scholle, in der Rinde,
im Stein gebunden, den unbarmherzigen Gesetzen der Materie unterworfen,
in die es eingebannt ist. Nur der Blick und der Atem sind frei. „Ich
hoffe“, sagt der Blick. „Ich will“, sagt der Atem. Mit diesen beiden
sucht es sich loszuringen. Der Blick, der Atem, das sind wir, das ist
der freie Mensch.“
„Mir genügt der Blick“, sagte sanft Perrotin.
Clerambault erwiderte:
„Habe ich keinen Atem, so gehe ich zugrunde.“
§
Beim geistigen Menschen bedarf es immer einiger Zeit vom Wort bis zur
Tat, und selbst wenn er schon zu handeln beschlossen hat, findet er noch
immer verschiedene Vorwände, um die Ausführung auf den nächsten Tag zu
verschieben. Er sieht zu deutlich alles, was kommen wird, sieht die
Kämpfe und Mühen voraus, und bezweifelt von vornherein den Erfolg. Um
sich aber selbst über seine Unruhe hinwegzutäuschen, verausgabt er sich
in Kraftreden entweder mit sich allein oder im engsten Freundeskreise,
und verschafft sich so die billige Illusion, schon tätig zu sein. Im
tiefsten Grunde seines Wesens glaubt er jedoch selbst nicht daran, er
wartet wie Hamlet auf die Gelegenheit, die ihn zur Tat zwingen soll.
So tapfer auch Clerambault in seinem Gespräche mit dem nachgiebigen
Perrotin gewesen war, fand er doch, kaum heimgekehrt, alle seine
Bedenken wieder. Seine durch das Unglück geschärfte Feinfühligkeit
spürte nur zu gut die Erregung der Seinen rings um ihn und ließ ihn den
Zwiespalt vorausahnen, den seine einmal ausgesprochenen Worte zwischen
seiner Frau und ihm hervorrufen würden. Und noch mehr: er fühlte sich
der Zustimmung seiner Tochter nicht mehr sicher, er hätte nicht sagen
können, weshalb, aber er fürchtete die Probe zu machen. Für ein
zärtliches Gemüt wie das seine war schon der Versuch eine Qual....
Inzwischen schrieb ihm ein befreundeter Arzt, er hätte in seinem
Hospital einen Schwerverwundeten, der an der Offensive in der Champagne
teilgenommen und Maxime gekannt hatte. Clerambault eilte sofort hin, um
ihn zu sehen.
Er fand auf einem Bett einen Mann unbestimmbaren Alters auf dem Rücken
liegend, unbeweglich ausgestreckt, umschnürt wie eine Mumie. Aus den
weißen Bandagen starrte das magere Gesicht eines Bauern, gegerbt,
zerfaltet, mit großer Nase und grauem Bart. Der freie rechte Unterarm
stützte eine massige und entstellte Hand auf die Decke, vom Mittelfinger
fehlte ein Glied, aber das zählte nicht, das war eine Friedenswunde.
Unter den buschigen Brauen sahen die Augen ruhig und klar: man hätte ein
so mildes graues Licht in dem verbrannten Antlitz nicht erwartet.
Clerambault trat an ihn heran, erkundigte sich nach seinem Zustande, der
Mann dankte höflich, aber ohne sich auf Einzelheiten einzulassen,
gleichsam als ob es nicht nötig wäre, von sich zu sprechen.
„Ich danke Ihnen, mein Herr, es geht gut, es geht ganz gut.“
Aber Clerambault erneuerte liebevoll seine Fragen und es dauerte nicht
lange, so fühlten die grauen Augen, daß in den blauen Augen, die sich zu
ihnen niederneigten, mehr als Neugier sich regte.
„Wo sind Sie denn verwundet“, fragte Clerambault.
„Ach! Das wäre zu lang zu erzählen, mein Herr! Eigentlich ein wenig
überall.“
Und als jener weiterfragte:
„Ich habe es hier und da abgekriegt, überall wo gerade ein Platz war —
und dabei bin ich nicht einmal besonders dick. Ich hätte nie gedacht,
daß es in einem Körper soviel Platz dafür gibt.“
Schließlich erfuhr Clerambault, daß jener ungefähr zwanzig — oder
genauer gesagt siebzehn — Verwundungen hatte. Er war buchstäblich von
einem Schrapnell überschüttet (oder wie er sagte „gespickt“) worden.
„Siebzehn Verwundungen!“, schrie Clerambault.
Der Mann berichtigte:
„Um der Wahrheit völlig die Ehre zu geben: ich habe jetzt nur mehr etwa
zehn.“
„Sind die anderen schon geheilt?“
„Man hat mir die Füße abgeschnitten.“
Clerambault war so erschüttert, daß er fast den Zweck seines Besuches
vergaß. O, diese Fülle von Unglück! Mein Gott! Was ist da das unsere,
dieser Tropfen im Meer! Er legte seine Hand auf die harte Hand des
Mannes und drückte sie. Die ruhigen Augen des Verwundeten betrachteten
Clerambault von oben bis unten, bemerkten das Trauerband am Hute und er
sagte: „Sie haben auch Unglück gehabt?“
Clerambault raffte sich auf.
„Ja“, sagte er, „nicht wahr, Sie haben ihn gekannt, den Sergeanten
Clerambault?“
„Natürlich habe ich ihn gekannt.“
„Das war mein Sohn.“
Ein Bedauern kam in den Blick.
„Ach, Sie armer Herr... Natürlich habe ich ihn gekannt, Ihren tapferen
kleinen Jungen! Wir waren fast ein ganzes Jahr zusammen, und das zählt,
dieses Jahr! Durch Tage und Tage wie die Maulwürfe im selben Loch...
Ach, man hat zusammen viel Elend erlebt.“
„Hat er viel gelitten?“
„Na, mein Herr, manchmal war es hart. Den Kleinen hat es manchmal fest
gepackt, besonders im Anfang. Er war es eben nicht gewöhnt; wir, wir
kennen das.“
„Sie sind vom Lande?“
„Ich war Gutsknecht, da lebt man das Leben mit den Tieren, lebt ein
wenig wie sie selbst... Obwohl, mein Herr, um es offen zu sagen, der
Mensch heutzutage von den Menschen schlechter als das Vieh behandelt
wird... „Seid gut zu den Tieren“, diese amtliche Mahnung hatte irgendein
Spaßvogel in unserem Schützengraben aufgehängt. Aber was für sie nicht
gut ist, war noch immer gut genug für uns... Tut nichts!... Ich beklage
mich ja nicht. Es ist nun einmal so. Und wenn es sein muß, muß es eben
sein. Aber der kleine Sergeant, bei dem merkte man’s, daß er nicht
gewöhnt war an all das. An den Regen und an den Schlamm und die
Niedertracht und vor allem an den Schmutz. Was immer man anrührte, was
man aß, und dann auf einem selbst: das Ungeziefer... Im Anfang, da sah
ich’s, da war er ein paarmal ganz nahe daran zu weinen. Da versuchte ich
ihm ein bißchen zu helfen. Mich lustig zu machen über die Sachen, um ihm
zu helfen — aber so, daß er nicht merkte, daß man ihm helfen wolle,
denn er war stolz, der Kleine, und wollte nicht, daß man ihm helfe —
aber er war doch froh, wenn man’s tat. Und ich war es auch. Dort hat man
ja nötig, zueinander zu rücken und sich zu helfen. Schließlich war er
soweit und so abgehärtet wie ich, hat mir seinerseits auch geholfen. Hat
nie geklagt, wir lachten sogar zusammen, denn man muß doch lachen: Es
gibt ja kein Unglück, das ewig dauert, und das hilft einem über das
Elend hinweg.“
Clerambault hörte bedrückt zu. Er fragte:
„So war er also weniger traurig am Ende?“
„Ja, mein Herr, er hatte sich abgefunden, wie schließlich wir alle. Man
weiß nicht, wieso das kommt, man steht jeden Tag, fast jeder mit
demselben Fuß auf, man ist einander nicht ähnlich, aber schließlich ist
man schon mehr die andern als man selbst. Und das ist besser so, man
leidet nicht mehr so viel, man fühlt sich selbst weniger, man wird eine
einzige Masse. Außer, wenn es Urlaub gibt — dann wird es schlecht für
die, die zurückkommen — und so war’s auch gerade bei dem kleinen
Sergeanten, als er zum letztenmal wiederkam... da geht es dann nicht
mehr gut....“
Clerambault sagte hastig aus gepreßtem Herzen: „Wie, damals, als er
zurückkam...?“
„Ja, da war er sehr niedergedrückt. Niemals hatte ich ihn so kleinmütig
gesehen wie in jenen Tagen.“
Ein schmerzlicher Ausdruck malte sich in Clerambaults Gesicht. Bei einer
Bewegung, die er machte, wendete sich der Verwundete, der, bisher die
Augen zur Zimmerdecke gerichtet, gesprochen hatte, mit dem Blick gegen
ihn, sah und verstand offenbar alles, denn er fügte hinzu:
„Aber er hat sich schon wieder herausgerappelt nachher.“
Clerambault faßte von neuem die Hand des Kranken.
„Sagen Sie mir, was er Ihnen erzählte, sagen Sie mir alles.“
Der Mann zögerte, dann sagte er:
„Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau.“
Er schloß die Augen und blieb unbeweglich. Clerambault, über ihn
gebeugt, suchte zu sehen, was diese Augen unter ihren geschlossenen
Lidern in sich erblickten.
* * * * *
Mondlose Nacht. Eisige Luft. Aus der Tiefe des gehöhlten Grabens sieht
man den kalten Himmel und die starren Sterne. Geschosse schlagen in dem
harten Boden auf. Im Schützengraben zusammengeknäuelt, die Knie unter
dem Kinn, rauchen Maxime und sein Gefährte Seite an Seite. Der Kleine
war eben an diesem Tage von Paris zurückgekommen.
Er war bedrückt und gab auf Fragen keine Antwort, er verschloß sich in
einem bösen Schweigen. Der andere hatte ihn den ganzen Nachmittag mit
Absicht allein gelassen, damit er mit seiner Qual fertig werde; aus dem
Augenwinkel heraus beobachtete er ihn, und als er dann im Dunkeln den
Augenblick gekommen sah, näherte er sich ihm. Er wußte, der Kleine würde
jetzt von selbst mit ihm sprechen. Der Anschlag einer Kugel, die über
ihre Köpfe fuhr, ließ eine vereiste Scholle Erde sich loslösen.
„Heda, du Totenvogel“, sagte der andere, „du hast es eilig.“
„Wenn es nur schon vorüber wäre“, sagte Maxime, „sie wollen es ja alle.“
„Was, um den Boches eine Freude zu machen, ließest du dich umbringen? Du
bist wirklich ein guter Kerl.“
„Es sind nicht nur die Boches allein, alle schaufeln sie zusammen an
unserem Grab...“
„Wer denn?“
„Alle! Die von dort hinten, von wo ich komme, die von Paris, die
Freunde, die Verwandten, die Lebendigen, die vom anderen Ufer. Wir, wir
sind ja schon tot.“
Ein Schweigen. Der Flug eines Projektils heulte durch den Himmel. Der
Kamerad tat einen tiefen Zug aus der Pfeife.
„Also, es hat dir hinten nicht gefallen, mein Kleiner? Ich habe es mir
gleich gedacht.“
„Warum denn?“
„Weil, wenn der eine schuftet und der andere nicht, so haben die beiden
einander nichts zu sagen.“
„Aber sie leiden ja auch....“
„Ja, aber es ist nicht dasselbe Brot. Du kannst noch so geschickt sein,
du wirst niemals einem, der ihn nicht kennt, den Zahnschmerz erklären
können. So versuche mal denen da hinten, die in ihren Betten liegen,
begreiflich zu machen, was hier vorgeht. Für mich ist es nicht neu, ich
habe den Krieg nicht nötig gehabt... Ich habe das mein ganzes Leben
gekannt. Aber glaubst du, wenn ich mich auf der Erde abrackerte und mir
das Mark aus den Knochen schwitzte, daß andere sich darüber beunruhigt
haben? Ich sage damit nicht, daß sie deshalb schlecht sind. Sie sind
nicht gut, sind nicht schlecht, sind eben wie fast alle Welt ist.
Können’s halt nicht auffassen. Um etwas zu verstehen, muß man’s selber
spüren, die Sache auf sich nehmen, die ganze Qual auf sich nehmen. Wenn
nicht — und man tut es ja nicht, mein Junge — da muß man eben das
Kreuz darüber machen, versuch’s nicht zu erklären. Die Welt ist eben so
wie sie ist. Da ist nichts zu ändern.“
„Das wäre zu furchtbar. Dann lohnte es ja nicht mehr zu leben.“
„Warum denn nicht, zum Teufel? Ich habe es ganz gut ertragen, und du
bist nicht weniger wert als ich. Du bist klüger, du kannst lernen, man
lernt alles ertragen. Alles. Und dann — etwas zusammen zu ertragen, ist
zwar noch keine Freude, aber es ist nicht mehr ganz eine Qual. Allein zu
sein, das ist das härteste. Du bist nicht allein, mein Kleiner.“ Maxime
sah ihm ins Gesicht und sagte:
„Dort hinten war ich’s, hier bin ich es nicht mehr...“
* * * * *
Aber der Mann, der mit geschlossenen Augen auf seinem Bette hingestreckt
lag, sagte nichts von dem, was er in sich sah. Als er jetzt wieder ruhig
die Augen aufschlug, fand er den verängstigten Blick des Vaters auf sich
gerichtet, der ihn anflehte, zu sprechen.
Und da versuchte er mit einer linkischen und zärtlichen Gutmütigkeit zu
erklären, daß der Kleine offenbar deshalb traurig gewesen war, weil er
die Seinen hatte verlassen müssen, aber daß „man“ ihn schon wieder
aufgerichtet hätte. „Man“ verstand ja seine Not.... Er selbst, der
Krüppel, hätte ja nie einen Vater gekannt, aber als Kind hätte er davon
geträumt, welches Glück es für die, die einen haben, sein müsse.
„So habe ich mir erlaubt... und habe zu ihm gesprochen, mein Herr, so,
als ob ich Sie wäre... und der Kleine hat sich beruhigt. Er sagte mir,
daß man doch eine Sache diesem verfluchten Krieg danke, nämlich daß er
einem gezeigt habe, es gäbe viel arme Teufel auf der Erde, die sich
nicht kennen und die aus demselben Holz geschnitzt sind. Man hört es oft
genug, daß wir Brüder seien, von den Anschlagzetteln oder aus den
Predigten, nur glaubt man’s eben nicht. Um es wirklich zu wissen, muß
man einmal miteinander geschuftet haben... und da hat er mich umarmt.“
Clerambault stand auf, neigte sich über das umwickelte Gesicht des
Verwundeten und küßte ihn auf die rauhe Wange.
„Sagen Sie, was ich für Sie tun kann“, fragte er.
„Sie sind sehr gut, mein Herr, aber viel ist nicht mehr zu tun. Ich bin
sozusagen fertig. Ohne Beine, mit einem gebrochenen Arm, mit fast nichts
Gesundem mehr, wozu wäre ich noch gut? Übrigens ist ja noch gar nicht
gesagt, daß ich überhaupt davonkomme. Na, es wird eben gehen, wie es
geht. Fahre ich ab, dann gute Reise, und bleibe ich, so wird man schon
sehen. Man muß warten, es gibt ja immer Züge.“
Clerambault bewunderte seine Geduld. Der andere wiederholte immer seinen
Refrain: „Ich bin halt eben daran gewöhnt, es ist kein großes Verdienst,
geduldig zu sein, wenn man nicht anders kann... und dann, wir kennen das
ja schon, ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger... für uns dauert
der Krieg das ganze Leben lang.“
Clerambault bemerkte, daß er in seinem Egoismus noch gar nicht nach
Einzelheiten aus dem Leben des andern gefragt hatte, ja nicht einmal
seinen Namen wußte.
„Mein Name? Der paßt gut zu mir: Courtois Aimé. Aimé ist der Vorname.
Paßt wie ein Handschuh zu einem, der im Dreck sitzt.... Und dazu noch
Courtois, ein guter Witz. Meine Eltern habe ich nicht gekannt, ich bin
ein Findelkind. Der Pfleger vom Hilfshaus, ein Pächter in der Champagne,
hat es übernommen, mich aufzuziehen, und er verstand sich darauf, der
Kerl.... Ich bin gut herausgearbeitet worden! Na, ich habe wenigstens zu
rechter Zeit schon gewußt, was mich im Leben erwartet. Es hat gut in
meinen Napf geregnet.“
Und dann erzählte er mit ein paar kurzen trockenen Sätzen, ohne
irgendwelche Erregung, die ganze Reihe der Unglücksfälle, die sein Leben
zusammensetzten: die Ehe mit einem Mädchen, wie er ohne einen Pfennig
Geld, der „Hunger, der den Durst heiratet“, Krankheiten, Todesfälle, den
Kampf gegen die Natur — und das alles wäre noch nichts gewesen, hätte
nicht noch der Mensch vom Seinen dazugetan. _Homo homini_... _homo_....
Die ganze soziale Ungerechtigkeit, die auf den Leuten der unteren
Schichten lastet. — Clerambault konnte seine Erbitterung nicht
verbergen, wie er ihm so zuhörte, aber Aimé Courtois regte sich durchaus
nicht auf. Es ist eben so, es war immer so und wird immer so sein. Die
einen sind da, um zu leiden, die anderen nicht. Es gibt keine Berge ohne
Täler. Der Krieg war ihm als ein Blödsinn erschienen, aber er hätte
nicht einen Finger gerührt, um ihn zu verhindern. In seiner Art war die
ganze fatalistische Passivität des Volkes, das auf gallischer Erde sich
in eine ironische Sorglosigkeit hüllt, das „Man darf sich nichts daraus
machen“ der Schützengräben. Und es war auch die ganze falsche Scham der
Franzosen darin, die vor nichts so Furcht haben wie vor dem
Lächerlichen, die tausendmal lieber für eine Tollheit und sogar für
eine, die sie selbst als solche erkennen, sich opfern würden, als sich
dem Spott für irgendeine vernünftige Handlung auszusetzen, die nur nicht
an der Tagesordnung war. Sich dem Kriege entgegenstellen, das wäre so,
wie sich gegen das Gewitter stellen. Wenn’s hagelt, kann man halt nichts
tun als, wenn es noch geht, die Fenster zuschließen und nachher sich die
zugrunde gerichtete Ernte anschauen. Und dann fängt man wieder an bis
zum nächsten Hagel, bis zum nächsten Krieg — in alle Ewigkeit. „Man
darf sich halt nichts daraus machen“ — nie kam ihm der Gedanke, daß der
Mensch den Menschen ändern könnte.
Clerambault erbitterte sich innerlich über diese heroische und dumme
Resignation, die wohl dazu angetan ist, die privilegierten Klassen zu
begeistern, denn ihr verdanken sie ja die eigene Erhaltung, — die aber
andererseits aus der menschlichen Rasse und ihrer tausendjährigen
Anstrengung ein Danaidenfaß macht, da sich ihr ganzer Mut, ihre ganze
Tugend, ihre ganze Arbeit darin erschöpfen, auf anständige Art zu
sterben.... Als aber seine Augen sich wieder auf das verstümmelte Stück
Mensch richteten, das da vor ihm lag, bedrückte ihn ein unendliches
Mitleid. Was konnte er tun, was konnte er wollen, dieser Mann des
Elends, dieses Symbol des hingeschlachteten und verstümmelten Volkes? So
viele Jahrhunderte leidet und blutet es schon vor unseren Augen, ohne
daß wir, seine glücklicheren Brüder, ihm mehr geben als irgendein
nachlässiges Lob von fern, das unser Wohlergehen gar nicht stört und das
Volk sogar aufmuntert, nur so fort zu tun! Welche Hilfe bringen wir ihm
denn? Da wir schon nichts für dieses Volk tun, widmen wir ihm nicht
einmal unser Wort! Von der freien Entfaltung unseres Denkens — die wir
doch seinen Opfern danken — bewahren wir die Frucht für uns, ja wir
wagen nicht einmal, es davon kosten zu lassen. Wir haben Furcht vor dem
Lichte, Furcht vor der frechen Meinung und den Herren der Stunde, die
sagen: „Löschet das Licht! Ihr, die ihr es habt, trachtet es zu
verbergen, damit man nichts davon sieht, wenn ihr wollt, daß man es euch
verzeihe.“ — Genug der Feigheit! Wer soll sprechen, wenn nicht wir? Die
anderen sterben mit dem Knebel im Munde....
Ein Schatten von Qual lief über das Antlitz des Verwundeten. Seine Augen
sahen starr zur Decke, sein großer verkrümmter Mund, hartnäckig
verschlossen, wollte keine Antwort mehr geben. — Clerambault entfernte
sich. Er hatte seinen Entschluß gefaßt. Das Schweigen des Volkes auf
seinem Totenbett hatte ihn bestimmt, das Wort zu ergreifen.