In bezug auf seinen Schwager hatte die Haltung Leo Camus’ im Laufe der

Jahre einige Veränderungen durchgemacht. Als seine Schwester Clerambault

heiratete, hielt Camus mit seiner Mißbilligung nicht zurück, ein

unbekannter Dichter schien ihm nicht jemand „ernst zu Nehmender“.

Dichter sein (ein unbekannter Dichter), das ist immer nur ein Vorwand,

um nicht zu arbeiten..., natürlich, wenn man „bekannt“ ist, das ist dann

etwas anderes! Camus verehrte sehr Victor Hugo, er kannte sogar Verse

aus den Châtiments und einige von August Barbier auswendig, die aber

waren „bekannt“, und „bekannt sein“ ist eben alles. Nun geschah es aber

eines Tages, daß Clerambault „bekannt“ wurde. Camus erfuhr es durch

seine eigene Zeitung. Von diesem Tag an hatte er sich endlich bewegen

lassen, die Gedichte Clerambaults zu lesen. Er verstand sie nicht, aber

er war darüber nicht ungehalten, denn so konnte er sich brüsten, noch

von der „alten Schule“ zu sein und sich dadurch überlegen dünken. Es

gibt ja viele dieser Art, die sich aus ihrer Verständnislosigkeit einen

Stolz zu machen wissen. Aber ist es nicht recht so in der Welt, daß der

eine auf das pocht, was er hat, und der andere auf das, was er nicht

hat? Übrigens gab Camus zu, daß Clerambault „schreiben“ könne (er mußte

es ja verstehen, da er auch vom Fach war). So hatte er im gleichen Maße,

wie die Zeitung ihn zu schätzen begann, ein immer größeres Interesse an

seinem Schwager und liebte es, mit ihm zu plaudern. Er hatte immer

schon, ohne es je zu sagen, seine herzliche Güte geachtet, und was ihm

besonders an diesem großen (denn jetzt nannte er ihn plötzlich so)

Dichter gefiel, war seine offenkundige Unfähigkeit in Geschäftsdingen,

seine praktische Ignoranz. Auf diesem Gebiete war Camus sein Meister,

und er ließ es ihn deutlich fühlen. Clerambault hatte ein naives

Vertrauen zu den Menschen und zu den Dingen, und nichts war Camus und

seinem aggressiven Pessimismus willkommener als diese Eigenschaft. Dies

hielt ihn immer in Atem. Die meiste Zeit seiner Besuche ging damit hin,

Clerambaults Illusionen in tausend Stücke zu zerpflücken, aber sie

hatten ein zähes Leben, und jedesmal mußte man anfangen, sie von neuem

zu zerstören. Camus ärgerte sich darüber, aber mit einem geheimen

Vergnügen. Er brauchte immer einen neuen Vorwand, um wieder beweisen zu

können, daß die Welt schlecht und die Menschen dumm waren, vor allem

aber fand kein Mann der Politik Gnade vor seinen Augen. Dieser

Staatsbeamte haßte alle Regierungen, ohne eigentlich sagen zu können,

wen oder was er an ihre Stelle gewünscht hätte. Die einzige Form der

Politik, die ihm verständlich war, blieb die Opposition. Er litt eben

daran, sein Leben verdorben, seine Natur unterdrückt zu haben. Als

Bauernsohn war er dazu geschaffen, wie sein Vater Weingärten zu pflegen

oder als Wächter über das kleine Landvolk seinen Autoritätsdrang

auszuleben. Aber es war damals der Rost über die Weingegend gekommen,

andererseits lockte der dumme Stolz zur Bureaukratie, so war die Familie

in die Stadt übersiedelt. Jetzt hätte er zu seiner wirklichen Natur

nicht mehr zurück können, ohne sich herabzuwürdigen, und hätte er es

selbst vermocht, so wäre sie daran verkümmert. Weil er seinen Platz in

der sozialen Gesellschaft nicht fand, machte er die Gesellschaft dafür

verantwortlich, er diente wie tausend Beamte dem Staate als schlechter

Diener, als heimlicher Feind.

Man hätte meinen sollen, ein Wesen dieser Art, ein so düsterer,

verbitterter, menschenfeindlicher Geist müßte durch den Krieg ganz außer

sich geraten sein, aber gerade das Gegenteil trat ein: der Krieg

beruhigte ihn. Für die wenigen freien Geister, die auf das Weltall

hinblicken, war die Zusammenrottung zu bewaffneten Horden gegen den

Feind ein Zusammenbruch. Aber für die Menge all derer, die in der

schöpferischen Unfähigkeit eines ziellosen Egoismus leben, ist der Krieg

eine Erhebung, er trägt sie zur höheren Stufe des zielvollen, des

organisierten Egoismus empor. Camus wachte eines Tages mit dem Gefühl

auf, zum erstenmal nicht allein auf der Welt zu sein.

Der Instinkt des Vaterlandes ist vielleicht der einzige, der in den

gegenwärtigen Zeitläuften dem Brandmal der Alltäglichkeit entgeht. Alle

anderen Instinkte, alle natürlichen Triebe, das Verlangen zu lieben und

zu handeln, werden in der Gesellschaft niedergehalten, erstickt oder

gezwungen, durch das Joch der Entsagung und der Kompromisse zu gehen.

Wenn ein Mann auf der Höhe seines Lebens sich zurückwendet, um seine

einstigen Neigungen zu betrachten, und sieht auf ihnen die Brandmarken

seiner Niederlage und seiner Nachgiebigkeit, dann schämt er sich ihrer

und seiner selbst, Bitternis im Munde. Einzig der Instinkt des

Vaterlandes bleibt in der gegenwärtigen Gesellschaft ausgeschaltet, er

tritt nicht in Aktion und wird deshalb nicht beschmutzt. Wenn er aber

einmal in Erscheinung tritt, so ist er unberührt, und die Seele, die

sich ihm hingibt, wirft ihm zugleich die Glut aller ihrer

niedergehaltenen und erniedrigten Instinkte, Liebe, Verlangen und

Ehrgeiz entgegen, die das Leben verraten hat. Ein halbes Jahrhundert

unterdrücktes Leben nimmt seine Rache, Millionen kleiner Zellen des

sozialen Gefängnisses öffnen sich, endlich, endlich einmal... die alten

Leidenschaften, die angeschmiedeten Instinkte recken ihre erstarrten

Glieder, sie fühlen, daß sie das Recht haben, ins Freie zu stürzen und

zu schreien. Das Recht? Sie haben jetzt die Pflicht, sich dahinstürmen

zu lassen, als mächtige, stürzende Masse. So werden plötzlich die

Millionen einzelner Schneeflocken zur Lawine.

Die Lawine riß auch Camus mit. Der kleine Bureauchef ging ganz in ihr

auf, und zwar ohne irgendwelche Leidenschaft, ohne Gewalttätigkeit. Er

fühlte plötzlich eine große Kraft, eine große Ruhe, er fühlte sich

„wohl“, körperlich wohl, seelisch wohl. Seine Schlaflosigkeit war

verschwunden. Zum erstenmal seit Jahren quälte ihn nicht mehr sein

Magenleiden, vielleicht weil er es vergessen hatte, er verbrachte den

ganzen Winter — ein nie dagewesener Fall — ohne Schnupfen, man hörte

ihn nicht mehr das und jenes bekritteln und beklagen, er schimpfte nicht

über alles, was geschah oder nicht geschehen war. Irgendeine heilige

Ehrfurcht überkam ihn vor dem ganzen sozialen Organismus, vor diesem

Wesen, das das seine war, nur noch stärker, schöner und besser, er

fühlte sich brüderlich mit allen jenen, die durch ihren Zusammenhang

dieses Wesen bildeten wie ein Bienenschwarm, der an einem Ast hängt. Er

beneidete die jungen Menschen, die zur Front reisten, sein Vaterland zu

verteidigen, er betrachtete mit zärtlichen Augen seinen Neffen Maxime,

der sich heiter rüstete, und am Bahnhof, als der Zug die jungen Menschen

wegführte, umarmte er Clerambault, drückte unbekannten Eltern, die ihre

Söhne begleiteten, die Hand, Tränen der Verzweiflung und von Glück

zugleich standen in seinen Augen. In diesen Stunden hätte Camus alles

hingegeben. Es waren seine Flitterwochen mit dem Leben. Die einsame

Seele, die es sich immer versagt hatte, sieht plötzlich das geliebte

Leben nahekommen und umfaßt es... Doch das Leben geht weiter. Das

Wohlbefinden eines Camus war nicht angetan, zu dauern. Aber wer einmal

das Leben in einer solchen Stunde gekannt, lebt einzig nur mehr von

dieser Erinnerung und um sich immer wieder diesen Augenblick zu beleben.

Er dankte den seinen dem Kriege. So war der Friede sein Feind, und

Feinde alle, die den Frieden wollten.

§

Clerambault und Camus tauschten ihre Gedanken aus. Sie tauschten sie so

vollkommen aus, daß Clerambault am Ende gar nicht mehr wußte, wohin die

seinen gekommen waren. Und je mehr er sich selber verlor, um so

zwingender empfand er das Bedürfnis, etwas zu tun. Das war für ihn die

beste Form, sich zu betätigen... Sich zu betätigen...?

Verhängnisvollerweise war es Camus, den er betätigte. Trotz seiner

Überzeugung und seiner gewohnten Leidenschaft war er doch nur ein Echo

geworden, und ein Echo welch’ erbärmlicher Stimmen!

Er begann Kriegsdithyramben zu schreiben. Darin wetteiferten ja damals

die Dichter hinter der Front. Ihre Schöpfungen laufen allerdings nicht

Gefahr, das Gedächtnis der Zukunft allzusehr zu belästigen. Nichts in

ihrer früheren künstlerischen Laufbahn bestimmte diese armen Gesellen zu

solcher Aufgabe, und, ob sie auch das möglichste taten, um ihre Stimmen

aufzublähen und alle Register der Rhetorik spielen zu lassen, die

Soldaten im Schützengraben zuckten doch darüber die Achseln. Aber den

Leuten des Hinterlandes gefiel ihr Pathos viel besser als jene

lichtlosen und gleichsam schmutzfarbenen Erzählungen, die aus dem

Schützengraben kamen. Die klare Vision eines Barbusse hatte damals noch

nicht diesen schattenhaften Schwätzern ihre Wahrheit aufgezwungen. Für

Clerambault bedeutete es keine große Anstrengung, in diesem Wettkampf

der Beredsamkeit die Palme zu erringen. Er hatte die verhängnisvolle

Gabe jener rhythmischen und wortreichen Beredsamkeit, die die Dichter

von der Wirklichkeit trennt, indem sie sie mit ihrem Spinnennetz

umhüllt. In Friedenszeiten hing dieses unschuldige Netz an Busch und

Baum, der Wind klang durch, und die sanfte Arachne suchte in ihren

Maschen nichts anderes einzufangen als das Licht. Jetzt aber, da die

Dichter in sich ihre blutgierigen (glücklicherweise schon zahnlosen)

Instinkte aufzüchteten, sah man in der Mitte ihres Netzes ein bösartiges

Tier eingefangen, dessen Auge auf eine Beute lauerte. Sie sangen den Haß

und die heilige Schlächterei. Clerambault tat wie die anderen, sogar

besser als die anderen, denn seine Stimme war besser als die der

anderen, und vor lauter Schreien kam dieser brave Mensch schließlich

dazu, selbst Leidenschaften zu fühlen, die er gar nicht hatte. Den Haß

„endlich zu kennen“ (es war das „erkennen“ im biblischen Sinn), dieses

neue Gefühl hatte etwas vom Kitzel niedrigen Stolzes, den ein Gymnasiast

empfindet, wenn er zum erstenmal aus einem zweifelhaften Hause

herauskommt. Denn jetzt erst fühlte er sich als ein ganzer Mann. Und

wirklich, es fehlte ihm nichts mehr, um der Niedrigkeit der anderen

ähnlich zu sein.

Die ersten intimen Vorlesungen jedes seiner Gedichte waren Camus

vorbehalten, dem er sie ja verdankte. Und Camus wieherte vor

Begeisterung, denn er erkannte sich selbst darin. Clerambault fühlte

sich geschmeichelt, weil er jetzt hoffte, in einem Rhythmus mit dem

Volke zu fühlen und ganz in sein Blut zu dringen. Die beiden Schwäger

verbrachten die Abende zusammen. Clerambault las vor, Camus trank die

Verse in sich ein. Er wußte sie auswendig, er erzählte jedem, der es

hören wollte, Victor Hugo sei auferstanden und jedes dieser Gedichte

bedeute einen Sieg. Seine lärmende Bewunderung enthob die anderen

Mitglieder der Familie davon, ein Urteil aussprechen zu müssen. Rosine

suchte immer nach einem Vorwande, aus dem Zimmer hinauszuschlüpfen, wenn

die Vorlesung zu Ende war, was der Eigenliebe Clerambaults nicht

entging. Er hätte gern den Eindruck auf seine Tochter gewußt, fand es

aber klüger, sie nicht darum zu befragen, und redete sich lieber selbst

ein, daß dieses Zurückziehen ein Zeichen von Bewegung und Scheu sei.

Aber doch, es verstimmte ihn. — Bald aber ließ ihn die Zustimmung des

Publikums diese kleine Peinlichkeit vergessen. Seine Gedichte waren in

den großen bürgerlichen Blättern erschienen und wurden für Clerambault

der glänzendste Triumph seiner ganzen künstlerischen Laufbahn. Keines

seiner Werke hatte einen so einhelligen Enthusiasmus hervorgerufen. Ein

Dichter ist ja immer geneigt, seinem letzten Werk den Titel seines

besten zugebilligt zu hören und ist es in noch höherem Maße, wenn er

selbst weiß, daß es das wertloseste ist. Clerambault war sich darüber

vollkommen im klaren, und eben darum genoß er mit einer fast kindlichen

Eitelkeit die Speichelleckereien der Presse. Abends ließ er sie laut von

Camus im Familienkreise vorlesen. Er strahlte vor Vergnügen. Am liebsten

hätte er gesagt, sobald Camus fertig war: „Noch einmal.“

Der einzige leise Mißton in diesem Konzert der Lobeshymnen kam von

Perrotin. (Natürlich redete sich Clerambault ein, er hätte sich in ihm

getäuscht, er sei kein rechter Freund.) Der alte Gelehrte hatte

allerdings Clerambault, der ihm den Band seiner Kriegsgedichte

zugeschickt hatte, in höflicher Weise beglückwünscht. Er lobte sein

großes Talent, sagte aber durchaus nicht, daß dieses Buch sein schönstes

Werk sei. Ja er riet ihm sogar, „nun, nachdem er der kriegerischen Muse

seinen Tribut gebracht hätte, ein Werk des reinen Traumes, losgelöst von

der Gegenwart, zu schreiben“. Was wollte er damit sagen? Gehört sich

das, daß, wenn ein Künstler ein Werk vorlegt und Zustimmung fordert, man

ihm antwortet: „ich möchte ein anderes lesen, das diesem nicht gleicht?“

— Clerambault sah darin ein neues Zeichen für die bedauerliche Lauheit

des Patriotismus, die er schon vorher bei Perrotin bemerkt hatte, und

dieser Mangel an Verständnis für seine Verse erkältete gänzlich sein

Gefühl für den alten Freund. Er sagte sich, der Krieg sei die Goldprobe

der Charaktere, eine Umwertung der Werte, wo man auch die Freundschaft

neu prüfen müsse, und gab sich nicht Rechenschaft darüber, daß der

Verlust eines Perrotin nur unzulänglich ersetzt sei durch die Erwerbung

eines Camus und so vieler neuer Freunde, die geistig freilich

minderwertiger waren, aber jedenfalls schlichten und warmen Herzens...

Und doch, oft in der Nacht hatte Clerambault Minuten der Bedrängnis und

Angst. Er wachte plötzlich unruhig, erschreckt und gedemütigt auf. Er

fühlte sich unzufrieden und beschämt... Aber weshalb denn? Tat er denn

nicht seine Pflicht?

§

Die ersten Briefe Maximes waren ein Trost, ein Herzstärkungsmittel, von

dem ein Tropfen genügte, um alle Mutlosigkeit entschwinden zu lassen.

Man lebte ganz in ihnen während der langen Zwischenräume, in denen seine

Nachrichten eintrafen. Und trotz der Unruhe während dieser Pausen, wo

eine jede einzelne Sekunde dem geliebten Wesen verhängnisvoll werden

konnte, teilte sich doch diese seine Zuversicht (die er vielleicht aus

Liebe zu den Seinen oder aus einem Aberglauben übertrieb) allen mit.

Seine Briefe strömten über von Jugend und einer begeisterten Freude, die

ihren höchsten Gipfel in den Tagen erreichte, die dem Sieg an der Marne

folgten. Die ganze Familie war gleichsam gegen ihn hingestreckt, ein

einziger Körper, eine Pflanze, deren Blüte in Licht getaucht ist und zu

der der Schaft zitternd in mystischer Verehrung emporsteigt...

Wie erstaunlich war auch dieses Licht, das jene Seelen badete, die

gestern noch verzärtelt und erschlafft gewesen waren und die nun das

Schicksal in den teuflischen Feuerkreis des Krieges warf! Es war das

Licht des Todes oder des Spiels mit dem Tode! Maxime, dieses große,

zarte, verzärtelte und gelangweilte Kind, das in der Friedenszeit sich

wie eine kleine Mätresse aufputzte, fand einen unerwarteten Genuß in den

Entbehrungen und harten Anforderungen seines neuen Lebens. Begeistert

von sich selbst, kehrte er dieses Gefühl in seinen ein wenig

großsprecherischen Briefen hervor, die das Herz seiner Eltern

entzückten. Nun war weder seine Mutter eine Heldin Corneilles, noch sein

Vater ein Römer, und der Gedanke, ihr Kind einer barbarischen Idee

hinzuopfern, wäre ihnen entsetzlich gewesen. Aber die plötzliche

Verwandlung ihres Kleinen in einen Helden gab ihnen eine Fülle nie

gefühlter Zärtlichkeit. Und trotz ihrer Unruhe erfüllte sie die Extase

ihres Maxime beide mit einer neuen Trunkenheit, die sie undankbar machte

für das Leben von einst, das gute, friedliche, stille Leben, das

zärtliche, mit seinen langen, eintönigen Tagen. Maxime hatte für jene

Zeit eine amüsante Verachtung. Sie schien ihm eng, klein, lächerlich,

wenn man einmal gesehen hatte, was „da draußen“ vorging... „Da draußen“

war man zufrieden, drei Stunden jede Nacht auf der harten Erde zu

schlafen oder auf einem Bündel Stroh, zufrieden, sich um drei Uhr früh

auf die Beine zu machen und sie mit dreißig Kilometer Marsch zu

erwärmen, mit dem Tornister auf dem Rücken ein Schwitzbad von acht bis

zehn Stunden zu nehmen, und zufrieden vor allem, endlich einmal den

Feind zu erwischen und aus der gedeckten Stellung auf den Boche

hinzupfeffern... Der kleine Cyrano erzählte, daß der Kampf geradezu eine

Erholung nach dem Marschieren sei, und er schrieb über ein Scharmützel

wie über ein Konzert oder ein Kinostück. Der Rhythmus der Geschosse, der

Krach ihres Abschusses und ihre Explosion erinnerten ihn an die

Paukenschläge im göttlichen Scherzo der Neunten Symphonie, und wenn

diese stählernen Fliegen mutwillig, wild, heimtückisch, bösartig oder

bloß mit einer liebenswürdigen Ungezwungenheit über ihren Köpfen ihre

Luftmusik machten, hatte er das Gefühl eines Pariser Lausbuben, der aus

dem Hause stürzt, um eine schöne Feuersbrunst anzuschauen. Es gab keine

Müdigkeit mehr, der Geist und der Körper waren frisch. Wenn endlich das

lang erwartete „Vorwärts, marsch“ ertönte, sprang man mit einem Ruck

leicht wie eine Feder auf zur nächsten Deckung, quer durch den

Eisenschauer, mit einer wilden Freude am Aufspüren, wie ein Hund, der

das Wild wittert. Man kroch auf allen Vieren, man schlängelte sich auf

dem Bauch nach vorwärts, man lief gekrümmt geradeaus, machte schwedische

Gymnastik durch die Verhaue, und das ließ einen vergessen, daß man nicht

mehr marschieren konnte. Kam dann die Nacht, so sagte man sich: Was, es

ist schon Abend? Was haben wir denn heute gemacht? „Langweilig ist im

Kriege nur“, so beschloß der kleine gallische Hahn seine Erzählung,

„das, was man auch im Frieden macht, nämlich das Marschieren auf der

Landstraße.“

So sprachen die jungen Leute in den ersten Monaten des Feldzuges, die

Soldaten der Marneschlacht, des Bewegungskrieges. Hätte er weiter

angedauert, so wäre vielleicht die Rasse der Sansculotten der Revolution

neu erstanden, die, sobald sie einmal für die Eroberung der Welt

ausgezogen waren, nicht mehr haltmachen konnten.

Aber sie mußten doch haltmachen. Und vom Augenblicke an, wo sie in den

Schützengräben eingepökelt waren, änderte sich der Ton. Er verlor seinen

Schwung, seine knabenhafte Sorglosigkeit, er wurde von Tag zu Tag

männlicher, stoischer, zurückhaltender, beherrschter; Maxime fuhr fort,

seine Überzeugung vom Endsieg zu betonen. Schließlich sprach er nicht

einmal davon mehr, er sprach nur noch von der notwendigen Pflicht, und

bald hörte er auch davon zu sprechen auf, seine Briefe wurden trocken,

grau, müde.

Im Hinterland aber verminderte sich die Begeisterung durchaus nicht.

Clerambault ließ nicht nach, wie ein Orgelbalg weiterzudröhnen. Aber von

Maxime klang nicht mehr das erwartete und erhoffte Echo.

§

Plötzlich kam er auf einige Tage Urlaub zurück. Er hatte niemanden zuvor

verständigt. Auf der Treppe blieb er stehen, seine Füße waren ihm

schwer. Obwohl er kräftiger aussah, wurde er rascher müde, und dann: er

war erregt. Aber er faßte wieder Atem und stieg die Treppe vollends

empor. Seine Mutter öffnete auf sein Klingeln, sie schrie auf vor

Überraschung. Clerambault, der in der Wohnung in ewiger Langeweile und

Erwartung hin und her trottete, lief lärmend herbei. Es gab ein lautes

Wiedersehen. Nach einigen Minuten ließen die Umarmungen und das

zusammenhanglose Reden nach, Maxime mußte zum Fenster, sich ins Licht

hinsetzen und sich von ihren entzückten Blicken betrachten lassen. Sie

waren begeistert über seine braune Hautfarbe, seine vollen Wangen, sein

gutes Aussehen; sein Vater tat die Arme auf und rief ihn an: „Mein

Held!“ — Und Maxime, mit zusammengeballten Händen, fühlte plötzlich,

daß es ihm unmöglich sei, etwas zu sagen.

Bei Tisch verzehrte man ihn mit den Blicken, man trank seine Worte. Aber

er sprach beinahe nichts. Die übertriebene Begeisterung der Seinen hatte

sein erstes leidenschaftliches Gefühl irgendwie gebrochen.

Glücklicherweise merkten sie es nicht. Sie schoben sein Schweigen der

Müdigkeit und dem Hunger zu. Übrigens sprach Clerambault für zwei, er

erzählte Maxime, wie es in den Schützengräben zugehe, und die gute Frau

Pauline wurde in seinen Worten die Cornelia des Plutarch. Maxime sah sie

an, aß, sah sie von neuem an: ein Abgrund war zwischen ihnen.

Zu Ende der Mahlzeit, als er im Zimmer seines Vaters in einem Fauteuil

saß und seine Zigarre rauchte, konnte er nicht anders, als endlich die

Erwartung der guten Leute zufriedenzustellen. Er begann also, in

ruhiger, sachlicher Weise seine Tageseinteilung zu schildern, und in

einer besonderen Schamhaftigkeit war er darauf bedacht, in seinen

Erzählungen jedes übertriebene Wort und vor allem die tragischen Bilder

zu vermeiden. Sie hörten zu, zitternd vor Erwartung, und sie warteten

noch immer, als er schon zu Ende war. Dann gab es ihrerseits einen

ganzen Sturm von Fragen, Maxime antwortete darauf mit wenigen Worten,

hastig und ohne Feuer. Schließlich versuchte Clerambault, „seinen

lustigen Jungen“ aufzumuntern und gab ihm jovial einige Stöße.

„Na also, erzähl’ ein bißchen... so von einem Gefecht bei euch..., das

muß aber schön sein..., was für eine schöne Sache doch dieser heilige

Glaube ist... bei Gott, das möchte ich einmal sehen, ich möchte gern an

deiner Stelle sein.“

Maxime antwortete:

„Alle diese schönen Dinge siehst du besser von hier aus.“

Seit er im Schützengraben war, hatte er keinen Kampf mehr und kaum

irgendeinen Deutschen gesehen. Einzig den Dreck und das Wasser. — Aber

sie glaubten es ihm nicht, sie dachten, er rede so aus dem

Widerspruchsgeist, den sie bei ihm von Kind an kannten.

„Du Spaßvogel“, sagte Clerambault lachend. „Also was macht ihr denn den

ganzen Tag da in euren Gräben?“

„Man verkriecht sich und schlägt die Zeit tot, die ist unser größter

Feind.“

Clerambault stieß mit dem Ellenbogen Maxime in die Seite.

„Aber was, andere schlagt ihr doch auch tot!“

Maxime wendete sich zur Seite, sah den guten, neugierigen Blick seines

Vaters und seiner Mutter und sagte:

„Nein, reden wir über andere Dinge.“

Und nach einem Augenblick:

„Wollt ihr mir ein Vergnügen machen, dann fragt mich heute nichts mehr.“

Erstaunt gaben sie ihm nach und redeten sich ein, er sei erschöpft und

bedürfe der Ruhe. Sie erwiesen ihm alle möglichen kleinen

Aufmerksamkeiten, aber dennoch brach Clerambault jeden Augenblick gegen

seinen eigenen Willen in begeisterte Ansprachen aus, die eine Antwort

oder eine Zustimmung erforderten. Das Wort „Freiheit“ war der Kehrreim

aller dieser Tiraden. Maxime lächelte blaß und beobachtete Rosine, deren

Benehmen seltsam schien. Als ihr Bruder eingetreten war, hatte sie sich

ihm in die Arme geworfen, aber dann hielt sie sich zurück, fast in einer

gewissen Distanz. Sie nahm nicht teil an den Fragen ihrer Eltern, und

statt die Mitteilungen Maximes zu provozieren, schien sie sie eher zu

fürchten. Die Zudringlichkeit ihres Vaters war ihr peinlich, und die

Furcht vor dem, was ihr Bruder hätte sagen können, verriet sich in

unmerklichen Bewegungen oder flüchtigen Blicken, die einzig Maxime

erfaßte. Er wieder fühlte die gleiche Scheu und vermied es, mit ihr

allein zu bleiben, und doch waren sie einander nie im Geiste so nahe

gewesen. Nur wagten sie sich nicht einzugestehen, warum.

Maxime mußte es sich gefallen lassen, allen Bekannten des Vaters

vorgeführt zu werden. Man schleppte ihn in Paris zu seiner Zerstreuung

herum. Trotz ihrer Trauerkleider zeigte die Stadt wieder ihr lachendes

Antlitz. Das Unglück und die Sorgen verbargen sich zu Hause oder in der

Tiefe der stolzen Herzen, der ewige Jahrmarkt aber breitete in den

Straßen, in den Zeitungen seine zufriedene Maske aus. Das Publikum der

Kaffeehäuser und der Teesalons war bereit, zwanzig Jahre durchzuhalten,

wenn es not tat. Maxime, der mit den Seinen an einem kleinen Tischchen

in der Konditorei inmitten des heiteren Geschwätzes und dem Duft der

Frauen saß, sah plötzlich den Unterstand, wo sie sechsundzwanzig Tage

mit Geschossen bombardiert worden waren, ohne aus dem glitschigen Graben

heraus zu können, in dem ihnen die Leichen als Schutzwand dienten... Die

Hand seiner Mutter legte sich auf die seine. Er wachte auf, sah die

zärtlichen Augen der Seinen, die nach seiner Sorge fragten, sofort

machte er sich Vorwürfe, die armen Leute zu beunruhigen, lachte, schaute

herum, und zwang sich, lustig zu sprechen. Seine übermütig knabenhafte

Leichtigkeit kam wieder, und das Antlitz Clerambaults, das sich für

einen Augenblick verdüstert hatte, wurde hell, sein Blick dankte

unbewußt Maxime.

Aber er mußte noch weiter auf der Hut sein. Als sie aus der Konditorei

herauskamen (Clerambault stützte sich auf den Arm seines Sohnes),

begegneten sie auf der Straße einem Militärbegräbnis. Es gab Kränze,

Uniformen, irgendeinen Alten von der Akademie, seinen Säbel zwischen den

Beinen, und eine Blechmusik, die ihre heroische Klage anstimmte. Die

Menge bildete ernste Reihen. Clerambault blieb stehen und nahm mit

großer Geste den Hut ab. Seine linke Hand drückte den Arm Maximes

fester. Da fühlte er ihn zittern und sah seinen Sohn an. Er sah, daß er

eine seltsame Miene machte, glaubte, daß Maxime erschüttert sei und

wollte ihn wegziehen. Aber Maxime rührte sich nicht. Maxime war nur

erstaunt:

„Ein Toter“, dachte er, „so viel Getue für einen Toten... dort draußen

trampelt man darüber hinweg... fünfhundert Tote in der Tagesmeldung, das

ist unser Durchschnitt...“

Ein kleines böses Lachen fuhr ihm über die Lippen. Erschrocken zog ihn

Clerambault am Arme fort.

„Komm!“ sagte er.

Sie gingen weiter.

„Wenn sie sehen würden“, dachte sich Maxime, „wenn diese Leute einmal

wirklich sehen würden... die ganze Gesellschaft würde zusammenbrechen...

aber sie werden es ja nie einsehen, denn sie wollen ja nicht sehen.“

Und seine plötzlich schmerzhaft scharf sehenden Augen sahen mit einem

Male rings um sich... den Feind: die Gleichgültigkeit der Welt, die

Dummheit, den Egoismus, den Wucher, die Wurstigkeit, den Kriegsgewinn,

den Kriegsgenuß, die Lüge bis zu ihren letzten Wurzeln, die in

Sicherheit Sitzenden, die Drückeberger, die Polizeiknechte, die

Munitionsfabrikanten mit ihren frech fahrenden Autos, die Kanonen

glichen, sahen deren Frauen mit den hohen Schuhen und den knallroten

Lippen, diese gierigen Leckermäuler... ah, sie sind zufrieden, alles

geht gut... das kann noch lange dauern... Eine Hälfte der Menschheit

frißt die andere auf.

Sie kehrten heim. Am Abend nach dem Essen war Clerambault schon ganz

ungeduldig, Maxime sein letztes Gedicht vorzulesen. Die Absicht, aus der

er es geschrieben, war rührend und ein wenig lächerlich, denn aus Liebe

zu seinem Sohn versuchte er wenigstens im Geiste, sein Gefährte im Ruhm

und in der Qual zu sein. Von ferne beschrieb er darin „das Morgenrot im

Schützengraben“. Zweimal stand er auf, um das Manuskript zu holen. Aber

immer, wenn er die Blätter schon hielt, hinderte ihn eine Scham. Er

setzte sich mit leeren Händen wieder hin.

Die Tage gingen rasch vorbei. Sie fühlten sich körperlich nahe, aber

ihre Seelen berührten einander nicht. Keiner von ihnen wollte es

eingestehen, und jeder wußte es. Traurigkeit stand zwischen ihnen, und

sie zwangen sich, ihre wirkliche Ursache nicht zu sehen, und zogen vor,

sie der nahen Rückreise zuzuschieben. Von Zeit zu Zeit machte der Vater

oder die Mutter einen neuen Versuch, die alte Intimität

wiederherzustellen. Jedesmal war es die gleiche Enttäuschung, Maxime

fühlte, daß er sich mit ihnen und mit keinem vom Hinterland verständlich

machen könne, daß seine und ihre Welt zwei verschiedene geworden waren.

Würden sie einander niemals wiederfinden?... Und doch verstand er sie

nur zu gut! War er doch selbst dem gefährlichen Einfluß, der auf ihnen

lastete, früher unterlegen und erst dort draußen wach geworden an der

Berührung mit den Leiden und dem wirklichen Tode. Aber gerade weil er

selbst ein Opfer gewesen war, wußte er, daß es unmöglich sei, die

anderen mit Worten zu heilen. So schwieg er, ließ die anderen reden,

lächelte, nickte, ohne zuzuhören. Was das Hinterland beschäftigte, das

Gebrüll der Zeitungen, die persönlichen Streitigkeiten (und welcher

Persönlichkeiten, der alten Hanswurste und gierigen Politiker!), das

patriotische Geschwätz der Schreibtischstrategen, die Aufregung über das

schlechte Brot und die Zuckerkarte, oder über die Tage, an denen die

Konditoreien geschlossen waren — all das erfüllte ihn mit einem Ekel

der Langeweile, einem unendlichen Mitleid mit diesem Volk des

Hinterlandes, dem er sich bis ins Tiefste fremd fühlte.

So schloß er sich immer mehr in ein rätselhaftes, dumpfes Schweigen ein.

Nur für Augenblicke zwang er sich heraus, wenn er an die kurze Zeit

dachte, die er noch mit den guten Menschen zu teilen hatte, die ihn so

sehr liebten. Dann begann er plötzlich belebt zu sprechen, gleichgültig

worüber. Das Wichtigste war ja doch, daß man Worte machte, wenn man

schon seine Gedanken nicht sagen durfte. Natürlich fiel man immer wieder

auf die Gemeinplätze des Tages zurück, die politischen, militärischen,

die allgemeinen Fragen, alle die Dinge, die sie ebenso gut in ihrer

Zeitung hätten lesen können. „Die Zerschmetterung der Barbaren“, der

„Triumph des Rechtes“ füllten die Reden, die Gedanken Clerambaults aus.

Maxime hörte seine Predigten gläubig an und sagte, wenn die Messe zu

Ende war, sein „_cum spirito tuo_“. Aber beide warteten nur auf eines:

d a ß d e r a n d e r e e n d l i c h a n f a n g e n w ü r d e z u

s p r e c h e n.

Sie warteten so lange, bis schließlich der Tag der Trennung kam. Kurz

vor seiner Abreise trat Maxime in das Zimmer seines Vaters. Er war

entschlossen, sich mit ihm auseinanderzusetzen:

„Papa, bist du eigentlich ganz sicher?...“

Die Verwirrung auf dem Antlitz seines Vaters hinderte ihn

weiterzusprechen. Ein plötzliches Mitleid überkam ihn. Und er fragte

nur, ob sein Vater wirklich sicher sei über die Stunde der Abfahrt.

Clerambault nahm das Ende dieser Frage mit allzu sichtlicher

Erleichterung auf, und kaum daß er nochmals die Auskunft gegeben hatte

— auf die Maxime gar nicht hörte — begann er von neuem, seinen

Redestrom loszulassen und sich in den gewöhnlichen idealistischen

Deklamationen zu ergehen. Maxime schwieg enttäuscht. Während der letzten

Stunde sagten sie sich nur Oberflächlichkeiten. Alle, außer der Mutter,

fühlten, daß sie das Wirkliche verschwiegen. Äußerlich hatten sie alle

heitere und vertrauensvolle Worte, sichtliche Erregung, im Herzen den

ewigen Seufzer: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Schließlich ging Maxime. Im tiefsten Herzen war er erleichtert, wieder

an die Front zurückzukehren. Der Abgrund, den er zwischen der Front und

dem Hinterlande fühlte, schien ihm tiefer zu sein als alle

Schützengräben, und er wußte, daß das Mörderischste nicht die Kanonen

waren, sondern die Ideen. Wie er am Fenster des wegrollenden Waggons die

erschütterten Gesichter entschwinden sah, dachte er:

„Arme Leute! Ihr seid ihre Opfer! Und wir sind die euren!...“

§

Am Tage nach seiner Rückkehr an die Front brach die große

Frühlingsoffensive los, die dem Feind von den redseligen Zeitungen

bereits seit längeren Wochen angedroht worden war. Mit ihr hatte man die

Hoffnung der ganzen Nation während des dumpfen Winters der Erwartung und

der totenähnlichen Starre unablässig genährt. Ein Schauer ungeduldiger

Freude erhob sich im ganzen Volke, man war des Sieges sicher und rief

ihm das „endlich!“ zu.

Die erste Nachricht schien dieser Hoffnung recht zu geben. Sie erzählte,

wie es der Brauch ist, natürlich nur von den Verlusten des Feindes. Alle

Gesichter strahlten. Die Eltern, deren Kinder, die Frauen, deren Männer

draußen waren, fühlten sich erhoben bei dem Gedanken, daß ihre Schöpfung

und ihre Liebe teil hatte am blutigen Liebesmahl. In ihrer Begeisterung

kamen sie kaum auf den Gedanken, daß der Ihre auch ein Opfer sein

konnte. Dieser Fieberzustand war derartig, daß Clerambault, der doch ein

zärtlicher, liebevoller und für die Seinen besorgter Vater war, nur

fürchtete, sein Sohn sei vielleicht noch nicht rechtzeitig zurück

gewesen, um an dem „glorreichen Tag“ teilzunehmen. Sein ganzer Gedanke

war, er möchte dabei gewesen sein, seine glühendsten Wünsche warfen ihn

in den Abgrund hinein. Er opferte ihn auf, er gab ihn und sein Leben

hin, ohne sich zu fragen, ob der Wille seines Kindes selbst damit

einverstanden war. Da er, Clerambault, sich selbst nicht mehr gehörte,

konnte er es einfach nicht mehr verstehen, daß ein anderer seiner

Nächsten sich noch selbst gehörte. Die dunkle Gewalt des Masseninstinkts

hatte alles aufgezehrt.

Und doch, manchmal ließ ihn irgendein Rest von Selbstanalyse einige

Spuren seiner früheren Natur wiederfinden. Es war immer, wie wenn man

einen empfindlichen Nerv berührt — ein dumpfer Schlag, ein Schatten von

Schmerz. Aber er geht vorbei, und man leugnet ihn dann.

Nach drei Wochen stapfte die erschöpfte Offensive noch immer auf den

blutgedüngten Kilometern herum. Die Zeitungen begannen die

Aufmerksamkeit abzulenken, indem sie das Interesse auf irgendein anderes

Thema lockten. Maxime hatte seit seiner Abreise nicht mehr geschrieben.

Man suchte, um sich zu gedulden, irgendeinen jener Vorwände, wie sie die

Vernunft ja so gefällig gibt, aber das Herz glaubt nicht an sie. Wieder

gingen acht Tage vorbei. Untereinander tat jeder der drei so, als ob er

zuversichtlich wäre. Aber in der Nacht, wenn jeder allein in seinem

Zimmer war, schrie die Seele in ihrer Angst auf. Ganze Stunden lang war

das Ohr auf der Lauer, horchte, die Nerven zum Zerreißen angespannt auf

jeden Schritt, der die Treppe emporkam, lauschte auf die Klingel oder

die Berührung einer Hand, die an die Tür streifte.

Allmählich kamen die ersten offiziellen Nachrichten über die Verluste.

In mehreren befreundeten Familien zählte man schon einige Tote und

Verwundete. Jene, die alles verloren hatten, beneideten diejenigen,

denen ihre Lieben vielleicht blutend und verstümmelt, doch wenigstens

würden wiedergegeben werden. Einige hüllten sich in ihre Toten ein wie

in die Nacht, für sie war der Krieg zu Ende, das Leben zu Ende. Bei

anderen aber blieb in erstaunlicher Weise die ursprüngliche Exaltation

beharrlich: Clerambault sah eine Mutter, die ihr Patriotismus und ihre

Trauer so fieberig entflammten, daß man fast das Gefühl hatte, sie freue

sich am Tod ihres Sohnes. Sie sagte mit fanatischer und leidenschaftlich

zusammengeballter Freude: „Ich habe alles gegeben, ich habe alles

hingegeben“, so wie eine, die im Taumel der letzten Sekunden spricht,

ehe sie sich mit ihrem Geliebten ins Wasser stürzt. Aber Clerambault,

schwächeren Wesens oder schon aus seinem Taumel erwachend, dachte immer

nur:

„Auch ich habe alles gegeben — sogar das, was mir nicht mehr gehörte.“

Er wandte sich an die militärische Behörde. Man wußte noch nichts. Acht

Tage später kam die Nachricht, daß der Sergeant Clerambault Maxime als

„vermißt“ seit der Nacht vom 27./28. des vergangenen Monats verzeichnet

war. In den Pariser Büros konnte Clerambault keine weiteren Einzelheiten

erfahren. Er fuhr nach Genf, suchte das Rote Kreuz, das Büro der

Gefangenen auf, erfuhr nichts, stürzte sich auf jede Fährte, erhielt die

Erlaubnis, in den Hospitälern und Etappendepots die Kameraden seines

Sohnes befragen zu dürfen, die ganz entgegengesetzte Auskünfte gaben.

(Die einen sagten, er sei gefangen, die anderen hatten ihn tot gesehen

— am nächsten Tage gaben beide zu, daß sie sich geirrt hatten... o

Qual... Gott, was für ein Henker bist du!...) Und nach zehn Tagen kam er

endlich von diesem Passionsweg gealtert, gebrochen, erschöpft heim.

Er fand seine Frau in einem Paroxismus lauten Schmerzes, der sich bei

diesem gutmütigen Wesen in einen rasenden Haß gegen den Feind verwandelt

hatte. Sie schrie nur Rache und Rache. Zum erstenmal antwortete ihr

Clerambault nicht. Es blieb ihm keine Kraft mehr zu hassen — er

verbrauchte seine ganze im Leiden.

Er schloß sich in sein Zimmer ein. Während dieser ganzen furchtbaren

zehntägigen Pilgerfahrt hatte er sich kaum ein einziges Mal seinen

Gedanken gegenübergestellt. Nur eine Idee hatte ihn Tag und Nacht

hypnotisiert, so wie einen Hund auf der Fährte: nur schneller, nur

rascher vorwärts kommen. Die Langsamkeit der Wagen und Züge hatte ihn

verzehrt. Es war vorgekommen, daß er ein Zimmer für die Nacht bestellte

und doch noch am selben Abend wieder abreiste, ohne sich Zeit zur

Erholung zu lassen, und dieses Fieber der Hast und Erwartung hatte alles

aufgeschluckt. Es machte ihn unfähigen (zu seinem Glück), irgendwie im

Zusammenhang zu denken. Aber jetzt war die Hetzjagd zu Ende, die

Vernunft fand sich wieder, atemlos und röchelnd. Clerambault war jetzt

gewiß, daß Maxime tot sei. Er hatte es seiner Frau nicht gesagt und ihr

einige Mitteilungen verschwiegen, die ihm jede Hoffnung raubten, denn

sie war eine jener Naturen, für die es ein Lebensbedürfnis ist, sich

selbst gegen alle Vernunft einen Schein von Lüge zu bewahren, der sie so

lange noch aufrecht hält, bis die große Flut des Schmerzes ein wenig

verebbt ist. Vielleicht wäre Clerambault vordem auch einer dieser

Menschen gewesen, aber jetzt erkannte er schon zu gut, wohin dieser

Selbstbetrug geführt hatte. Er wagte noch nicht zu richten, versuchte

überhaupt noch kein Urteil, er lag nur da in seiner Nacht, zu schwach,

sich aufzurichten, rings um sich zu tasten, lag wie einer, der nach

einem Sturz seinen zerschmetterten Körper regt und erst an seinem

Schmerze gewahr wird, daß er noch lebt und sich bemüht, zu verstehen,

was ihm eigentlich zugestoßen sei. Der weit aufgerissene tiefe Abgrund

dieses Todes starrte ihn an und bezauberte ihn. Dieses schöne Kind, das

man mit so viel Lust, mit so viel Mühe erzogen hatte, dieser Reichtum an

blühender Hoffnung, das kleine, unvergleichliche Weltall, das ein junger

Mensch bedeutet, dieser Baum von Jesse, dieses kommende Jahrhundert...

all das zerstört in einer Stunde... und wofür? Wofür?

Er versuchte sich wenigstens zu überreden, daß es für etwas sehr Großes

und Notwendiges geschehen sei. Mit Verzweiflung klammerte sich

Clerambault in den folgenden Tagen und Nächten an diese Boje, er wußte,

wenn seine Finger sie losließen, müsse er ertrinken. Noch gewaltsamer

suchte er die Heiligkeit der Sache zu betonen, obwohl er es vermied,

darüber zu diskutieren. Aber seine Finger klammerten sich immer

schwächer an, bei jeder Bewegung sank er mehr hinab in die Tiefe, bei

jeder neuen Bekräftigung des Rechtes und der Gerechtigkeit erhob sich

aus seinem Gewissen wie ein finsterer Donner eine Stimme, die sagte:

„Und wenn ihr auch zwanzigtausendmal mehr Recht hättet in eurem Kampf,

kauft dies, daß eure Vernunft recht behält, das entsetzliche Unglück

darum schon zurück, mit dem es bezahlt ist? Wiegt euer Recht die

Millionen Unschuldigen auf, die als Pfand des Unrechts und des Irrtums

der andern fallen? Wäscht ein Verbrechen das andere rein, ein Mord den

andern? War es wirklich nötig, daß eure Söhne nicht nur Opfer, sondern

auch Mitschuldige waren, nicht nur Ermordete, sondern auch Mörder?“

Er sah im Geiste noch einmal den letzten Besuch seines Sohnes, hörte

ihre letzten Gespräche, und alles wiederholte sich in seinem Herzen.

Wieviel Dinge verstand er jetzt, die er damals nicht verstanden hatte!

All das oftmalige Schweigen Maximes, die Vorwürfe seiner Augen... Aber

das Schlimmste von allem für ihn kam, als er sich darüber klar wurde,

daß er sie schon damals verstanden hatte, damals, als sein Sohn noch da

war, und daß er sie nur nicht hatte verstehen wollen.

Und diese Entdeckung, die er schon seit einigen Wochen wie eine finstere

Drohung über sich schweben fühlte — diese Entdeckung seiner inneren

Lüge erdrückte ihn.

§

Rosine Clerambault war bis zum gegenwärtigen kritischen Augenblick

gleichsam verloschen gewesen. Die anderen, und beinahe sie selbst,

wußten nichts von ihrem Innenleben, kaum ihr Vater hatte davon eine

deutliche Ahnung. Ohne Freundinnen oder gleichalterige Kameradinnen

hatte sie die ganze Zeit unter dem Schutzmantel der Wärme

selbstsüchtiger und erstickender Familienzärtlichkeit dahingelebt. Die

Eltern standen zwischen ihr und der äußeren Welt, sie war schon daran

gewöhnt, in ihrem Schatten dahinzuleben; sehnte sie sich dann, als sie

herangewachsen war, aus dieser Sphäre herauszukommen, so wagte sie es

nicht, wußte auch gar nicht, was mit sich anfangen. Denn kaum, daß sie

aus dem Familienkreise heraustrat, fühlte sie sich gehemmt, ihre

Bewegungen wurden ungelenk, sie konnte kaum sprechen, und das allgemeine

Urteil fand sie unbedeutend. Sie wußte das und litt daran, denn sie war

nicht ohne Selbstgefühl. So ging sie so wenig als möglich aus, blieb in

ihrem Kreise, still, einfach und natürlich, und diese Stille war nicht

die Folge einer Trägheit des Denkens, sondern der Geschwätzigkeit der

anderen. Der Vater, die Mutter, der Bruder waren alle überschwänglich,

so schloß sich dieses kleine Wesen aus Gegensätzlichkeit in sich selbst

ein. Aber sie hielt Zwiesprache mit sich in ihrem Herzen.

Sie war blond, groß und schmal, hatte die Formen eines Knaben, hübsches

Haar, dessen Locken leicht über die Wangen spielten, einen großen und

ernsten Mund. Die untere Lippe war gegen die Mundwinkel zu etwas voll,

sie hatte große, stille, träumerische Augen, fein und zart gezogene

Brauen und ein hübsches Kinn. Auch ihr Hals war hübsch, ihre Brust zart

und ebenso die Hüfte, nur die Hände etwas rot und groß mit vollen Adern.

Ein Nichts konnte sie erröten machen. Der Reiz ihrer Jugend lag in der

Stirn und im Kinn, die Augen fragten nur herum, träumten, aber verrieten

nichts.

Ihr Vater hatte eine Vorliebe für sie, ebenso wie die Mutter für den

Sohn: es gab zwischen ihnen geheime Beziehungen. Ohne es zu wollen,

hatte Clerambault unaufhörlich sich des Mädchens seit dessen Kindheit

mit seiner Zärtlichkeit bemächtigt und hielt es unablässig darin

gefangen. Er hatte zum Teil selbst Rosinens Erziehung geleitet und sie

mit der oft ein wenig aufdringlichen Naivität des Künstlers zu seiner

Vertrauten gemacht. Dazu verführte ihn sein überströmendes Wesen, sein

Bedürfnis, sich mitzuteilen, und das geringe Echo, das er bei seiner

Frau fand: dieser guten Frau, die vor ihm auf den Knien lag und dort

gewissermaßen liegen geblieben war. Sie sagte „ja“ zu allem, was er

sagte, bewunderte ihn voll Vertrauen, aber sie verstand ihn nicht und

merkte es nicht einmal, daß sie ihn nicht verstand. Das Wichtigste waren

für sie nicht die Ideen ihres Mannes, sondern er selbst, seine

Gesundheit, seine Zufriedenheit, seine Bequemlichkeit, seine Kleidung

und Nahrung. Clerambault als dankbare Natur fällte kein Urteil über

seine Frau, ebensowenig wie Rosine über ihre Mutter, aber beider

Instinkt wußte wohl, was von ihr zu halten war, und dies war ein

geheimes Band, das sie einte. Clerambault bemerkte gar nicht, daß er

allmählich aus seiner Tochter seine wahre geistige Gattin und Gefährtin

gemacht hatte; erst in der letzten Zeit wurde er dessen ahnend gewahr,

als die politische Krise zwischen ihnen die stillschweigende

Übereinstimmung löste und ihm plötzlich die Zustimmung, die geheime

Neigung Rosinens fehlte. Rosine wußte all die Dinge längst vor ihm, sie

vermied nur, ihr Geheimnis näher zu untersuchen. Das Herz braucht für

sein Wissen nicht den Appell an den Verstand.

Seltsames und wundervolles Geheimnis der Liebe, die die Seelen

verbindet! Sie weiß unabhängig zu bleiben von den Gesetzen der

Gesellschaft und selbst der Natur, aber nur wenige Menschen werden

dessen gewahr, und noch wenigere wagen es, sich es einzugestehen, aus

Furcht vor der Plumpheit der Welt, die immer nur Gesamturteile hören

will und sich an den engen Sinn der Gewohnheitssprache hält. Aber in

dieser konventionell abgeschliffenen Sprache, die aus gesellschaftlicher

Vereinfachung mit Absicht ungenau bleibt, sind die Worte weit davon

entfernt, die lebendigen Nuancen der vielfältigen Wirklichkeit zu

offenbaren und aufzuschließen, im Gegenteil, sie fesseln, uniformieren,

versteinern sie und stoßen sie in den Dienst der selbst an die Kette

gelegten Vernunft — jener Vernunft, die nicht aus den Tiefen des

Geistes entspringt sondern — wie eine Fontäne in Versailles — aus

weiten, in das Gefüge der zivilisierten Gesellschaft eingemauerten

Wasserflächen. In diesem gleichsam juristischen Vokabular ist die Liebe

an das Geschlecht, an das Alter, an gewisse gesellschaftliche Klassen

gebunden, und je nachdem, ob sie sich den geltenden Umständen fügt,

entweder als natürlich oder nicht, als legitim oder nicht anerkannt.

Aber was diese Worte erhaschen, ist nur ein dünnes Rinnsal aus den

tiefen Quellen der Liebe. Die unendliche Liebe, gleichsam das

Schwergewichtsgesetz, das die Welten bewegt, kümmert sich nicht um den

Rahmen, den wir um ihr Wesen ziehen. Sie geschieht zwischen Seelen, die

alles innerhalb Raum und Zeit voneinander zu entfernen scheint, über

Jahrhunderte hinweg eint sie die Gedanken von Lebenden und Toten, sie

schlingt enge und keusche Bindung zwischen Alten und Jungen, bringt den

Freund dem Freunde und oft die Seele des Kindes der eines Greises näher,

als sie beide, Mann oder Frau, jemals vielleicht in ihrem Leben

Gefährtin oder Gefährten finden werden. Zwischen Vater und Kind gibt es

oft solche Bindungen, ohne daß beide ihrer gewahr würden. Und „des

Menschen Geschlechte“ (wie unsere Vorväter sagten) zählen so wenig im

ewigen Antlitz der Liebe, daß zwischen Vätern und Kindern die

Beziehungen vertauscht sind und die Kinder oft nicht die Jüngeren sind

von beiden, sondern der Vater das wahre Kind ist. Wieviel Söhne

empfinden fromm eine väterliche Liebe für ihre alte Mutter! Und

geschieht es nicht wieder auch uns, daß wir uns ganz demütig und klein

vor den Augen eines Kindes fühlen? Das Bambino Botticellis läßt auf der

reinen Jungfrau seinen Blick voll einer unbewußten schmerzlichen

Erfahrung ruhen, die so alt ist wie die Welt.

Auch die Zuneigung Clerambaults und Rosinens war von solcher erhabenen

und frommen Wesensart, wie sie Vernunft allein nicht zu erklären vermag.

Und deshalb begann in den Tiefen des bewegten Meeres tief unterhalb

jener Schwankungen und Gewissenskämpfe, die der Krieg entfesselte,

zwischen diesen beiden Seelen, die durch solche heilige Liebe verbunden

waren, ohne Gesten, fast ohne Wort, ein geheimes Drama. Aus diesem

unbewußten Gefühl erklärte sich auch die Zartheit ihres beiderseitigen

Spürens. Zuerst war es das stumme Sichzurückziehen Rosinens, die, in

ihrer Zärtlichkeit enttäuscht, in ihrem geheimen Ehrfurchtskult durch

die Haltung ihres vom Krieg verführten Vaters ernüchtert, sich leise von

ihm weghielt wie eine kleine antike, keusch verhüllte Statue; schon aber

empfand die Unruhe Clerambaults, dessen Feinfühligkeit durch sein

zärtliches Gefühl geschärft war, dieses „_Noli me tangere_“. Es gab

zwischen dem Vater und der Tochter in jener Zeit kurz vor dem Tode

Maximes eine unausgesprochene Entfremdung, die man vielleicht (wenn die

Worte nicht zu grobschlächtig wären) einen Liebeskummer im reinsten

Sinne des Wortes hätte nennen können. Dieser geheime Zwiespalt, der nie

zu einem Wort zwischen ihnen aufschwebte, war für beide eine Kränkung,

er verwirrte das junge Mädchen und reizte Clerambault, denn dieser

kannte wohl die Ursache, nur sein Stolz weigerte sich, sie anzuerkennen.

Aber bald kam er soweit, sich eingestehen zu müssen, daß Rosine im Recht

war, und gern hätte er sich gedemütigt, aber er blieb in falscher Scham

verschlossen. So verschärften sich die Mißverständnisse noch im Geiste,

indes schon das Herz zur Nachgiebigkeit aufforderte.

Während der inneren Verwirrung nach dem Tode Maximes lastete diese Bitte

dringlicher auf ihren schon mehr zur Nachgiebigkeit bereiten Seelen.

Eines Tages, als die drei sich zum Abendessen zusammenfanden — es war

dies die einzige Stunde, die sie verband, denn jeder lebte für sich,

Clerambault ganz seiner Trauer hingegeben, Frau Clerambault immer

ziellos beschäftigt und Rosine den ganzen Tag abwesend bei ihren

Hilfsaktionen — hörte Clerambault seine Frau heftig Rosinen Vorwürfe

machen. Rosine sprach von ihrer Absicht, die Pflege von feindlichen

Verwundeten zu übernehmen, und Frau Clerambault, die dies als Verbrechen

empfand, regte sich darüber auf.

Sie rief ihren Mann als Richter an. Clerambault, dessen müde, dunkle und

leidende Augen zu verstehen begannen, sah Rosine an, die schweigend und

mit gesenkter Stirn seine Antwort erwartete. Dann sagte er:

„Meine Kleine hat recht.“

Rosine errötete vor plötzlicher Erregung, denn das hatte sie nicht

erwartet. Dankend hob sie die Augen zu ihm auf; ihr Blick schien zu

sagen:

„Endlich habe ich dich wiedergefunden.“

Nach der kurzen Abendmahlzeit trennten sich alle drei, jeder blieb für

sich. Clerambault, vor seinem Arbeitstisch, weinte, das Antlitz in den

Händen. Der Blick seiner Tochter hatte sein von Schmerz erstarrtes Herz

aufgelöst. Es war seine verlorene Seele, die seit Monaten erstickte,

dieselbe Seele, die er vor dem Kriege besessen und nun wiedergefunden

hatte. Und sie blickte ihn an....

Er trocknete seine Tränen und lauschte an der Tür... Seine Frau ordnete

wie allabendlich in dem doppelt verschlossenen Zimmer Maximes wieder und

wieder und wieder die Wäsche und die Gegenstände des Toten... Er trat in

das Zimmer seiner Tochter, wo Rosine allein nahe beim Fenster saß und

nähte. Sie war ganz in ihre Gedanken verloren und hörte sein Kommen

erst, als er schon dicht neben ihr stand.

Er neigte seinen ergrauten Kopf gegen sie und sagte:

„Mein kleines Mädchen.“

Da zerschmolz auch ihr Herz, sie ließ ihre Arbeit fallen, nahm das alte

Haupt mit den wirren Haaren zwischen ihre Hände und sagte, während ihre

Tränen sich mit jenen, die sie hinströmen sah, vermengten:

„Lieber, lieber Vater!“

Aber weder der eine noch der andere bedurfte einer Erklärung, weshalb

sie zueinander gekommen waren. Nach einem langen Schweigen, als er seine

Ruhe wiedergefunden, sagte er mit einem Blick auf sie:

„Mir ist, als ob ich aus einem furchtbaren Wahn erwachte.“

Sie streichelte ihm das Haar, ohne zu sprechen.

„Aber du hast über mir gewacht, nicht wahr? Ich habe es gefühlt, immer

bemerkt... hat es dir sehr weh getan?“

Sie nickte mit dem Kopfe, ohne ihn anzusehen. Er küßte ihr die Hände,

richtete sich auf und sagte:

„Mein guter Engel, du hast mich gerettet.“

§

Er kehrte in sein Zimmer zurück.

Sie blieb allein, ohne sich zu rühren, ganz durchdrungen von Erregung.

Lange verharrte sie so gesenkten Hauptes, die Hände über ihren Knien

gefaltet. Die Flut der Gefühle, die wild aus ihr aufquollen, ließen

ihren Atem stocken, ihr Herz war schwer von Liebe, Glück und Beschämung.

Die Demut ihres Vaters verwirrte sie... Plötzlich riß sie ein Schwall

von Zärtlichkeit und leidenschaftlichem Mitleid aus der Starre, die ihre

Glieder und ihre Seele umfing, sie streckte die Arme gegen den Fernen

aus, warf sich verwirrt vor ihrem Bett nieder, dankte Gott und bat ihn

im Gebete, er möge alle Schmerzen auf sie häufen und das Glück ihm

schenken, den sie liebte.

Aber der Gott, den sie beschworen, hatte nicht acht auf ihren Wunsch.

Auf die Augen des Mädchens senkte er den guten Schlaf des Vergessens;

Clerambault indes mußte noch den Gipfel seines Kalvarienberges

erklimmen.

§

In der Nacht seines Zimmers, bei erloschener Lampe, blickte Clerambault

in sich hinein. Er war entschlossen, bis in die letzte Tiefe seiner

verlogenen und ängstlichen Seele, die der Wahrheit entflohen,

hinabzuforschen. Die Hand seiner Tochter, deren Kühle er noch auf seiner

Stirn fühlte, hatte das letzte Zögern weggestreift. Er war entschlossen,

dem Ungeheuer Wahrheit ins Auge zu sehen, auch auf die Gefahr hin, von

seinen Tatzen, die keinen mehr loslassen, den sie einmal erfaßt haben,

zerfleischt zu werden.

Mit Angst, aber mit entschlossener Hand begann er in blutigen Stücken

die Haut der irdischen Vorurteile, der Leidenschaften und fremden Ideen,

die seine Seele ganz umwachsen hatte, von ihr loszulösen.

Zuerst das dicke Fell des tausendköpfigen Tieres, der gemeinsamen

Herdenseele. Aus Angst und aus Schwäche hatte er sich in sie

hineingeflüchtet, denn sie hält warm, fast zum Ersticken warm, man ruht

gut darin, und doch ist sie ein schmutziges Kissen. Aber ist man einmal

drinnen in dieser weichen Masse, so ist es vorbei mit jedem Versuch, aus

ihr herauszukommen, und man will es auch gar nicht mehr. Man braucht

nicht mehr zu denken, zu wollen, man ist geschützt vor der kalten

Zugluft der Verantwortlichkeit. Trägheit und Feigheit... Fort! Weg

damit!... Sogleich stürzt durch die offenen Ritzen der eisige Wind! Man

schauert zurück — aber schon ist durch diesen kalten Stoß die

Schläfrigkeit abgeschüttelt. Die umnebelte Energie richtet sich wankend

wieder auf. Was wird sie draußen finden? Sei es, was es wolle, sie muß

es sehen.

Er sah zuerst, das Herz von Ekel geschüttelt, was er nie geglaubt hätte

— wie tief dieses fettige Fell schon mit seinem Fleische verwachsen

war. Er witterte darinnen gleichsam eine späte faule Ausdünstung der

Urbestie, alle die wilden uneingestandenen Instinkte des Krieges, des

Mordes, des vergossenen Blutes, des von gierigen Kinnladen zerrissenen

Fleisches. Er fühlte die ganze Urkraft des Todes über das Leben, er

fühlte in der Tiefe des menschlichen Seins die Grube des Schlachthauses,

die die Zivilisation, statt sie zuzuschütten, nur mit dem Schwall ihrer

Lüge verhüllt und über der der dumpfe Dunst vergossenen Blutes

schwelt... Dieser widrige Geruch ernüchterte Clerambault vollständig.

Mit Grauen riß er die Haut der Bestie von sich ab, deren Beute er

geworden war.

Ah, wie sie schwer war, heiß, zugleich stinkend und schön, seidenhaarig,

warm und doch blutig. Zusammengefügt aus den niedrigsten Instinkten und

den erlauchtesten Träumen. Was war nicht alles darin verwebt, das

Lieben, Sich-Hingeben, Sich-Aufopfern, ein Körper und eine Seele Sein im

Vaterland, dem einzig Lebendigen!... Aber was ist denn dieses Vaterland,

dieses einzige Leben, dem man nicht nur sein Leben, nein, alle Leben

hinwirft, und dazu noch sein Gewissen, alle Gewissen? Und was ist dies

für eine blinde Liebe, deren anderes Janusantlitz mit den ausgerissenen

Augen nur blinden Haß zeigt?

„Man hat höchst fälschlich den Namen der Vernunft von dem der Liebe

getrennt und sie ohne guten Grund einander gegenübergestellt“, sagt

Pascal. „Die Liebe und die Vernunft sind ein und dasselbe. Es ist ein

vorschnelles Denken, das sich zu einer Seite hinwendet, ohne alles

geprüft zu haben, aber immerhin, es ist eine Art zu denken.“

Nun gut, durchdenken wir das Ganze! Birgt sich nicht gerade in dieser

Form der Liebe bei vielen Furcht, alles zu prüfen, tun sie nicht gleich

dem Kinde, das, um den Schatten an der Wand nicht zu sehen, den Kopf

unter die Decke steckt?

Das Vaterland? Was ist es? Ein Hindutempel: Menschen, Ungetüme und

Götter. Was ist sein eigentliches Wesen? Die heimische Erde? Die ganze

Erde ist unsere gemeinsame Mutter. Oder ist es die Familie? Es gibt hier

Familien und drüben, beim Feind und bei uns, und beide wollen sie nur

den Frieden. Oder sind es die Armen, die Arbeiter, das Volk? Die sind

auf beiden Seiten gleich elend und gleich ausgebeutet. Oder sind es die

Geistigen? Die haben nur ein gemeinsames Feld, und ihre Eitelkeiten und

Streitigkeiten sind ebenso lächerlich im Morgenlande wie im Abendlande.

Die Welt hat anderes zu tun als sich wegen des Gezänkes eines Vadius und

eines Trissotin zu bekämpfen. Ist es also der Staat? Der Staat ist nicht

das Vaterland. Einzig jene, die davon Vorteil haben, mischen diese

beiden Begriffe ineinander. Der Staat ist unsere Kraft, die einige

Menschen ausnützen oder mißbrauchen. Menschen wie wir, die nicht mehr

wert sind als wir selbst und oft weniger, und von denen wir uns in

Friedenszeit sonst nicht narren lassen und die wir im allgemeinen

richtig zu beurteilen wissen. Aber kaum, daß der Krieg da ist, lassen

wir ihnen freie Hand, sie dürfen die niedrigsten Instinkte entfesseln,

jede Kontrolle ersticken, jede Freiheit hinmorden, jede Wahrheit, die

ganze Menschheit. Sie sind dann die Herren, man muß sich in Reih und

Glied drücken, um die Ehre und die Dummheit dieser in Herrenkleider

vermummten Bedienten zu verteidigen. Wir sind einig, sagt man?

Erbärmliches Wortnetz! Einig sind wir ohne Zweifel, wir haben die

schlechtesten und die besten in unseren Völkern beisammen, das ist wahr,

das wissen wir. Aber daß eine Pflicht uns bindet, ihre Ungerechtigkeiten

und Sinnlosigkeiten mitzumachen, das leugne ich...

Die Gemeinsamkeit soll darum nicht verachtet sein. Niemand, denkt

Clerambault, hat mehr als ich ihre Lust gefühlt, ihre Größe gefeiert. Es

ist gut, gesund, stärkend und kräftigend, den nackten, starren und eisig

einsamen Egoismus in jenes Bad des Vertrauens und der brüderlichen

Aufopferung hinabzuwerfen, das die Massenseele bedeutet. Man entspannt

sich, man gibt sich hin, man atmet. Der Mensch bedarf der anderen, er

ist den anderen verpflichtet. Aber er ist ihnen nicht mit seinem ganzen

Wesen verpflichtet. Denn was bliebe ihm sonst für Gott? Er muß sich den

anderen hingeben, doch um geben zu können, muß man etwas haben, man muß

vor allem selbst etwas sein. Aber wie kann man selbst etwas sein, wenn

man ganz in die anderen zerfließt? So viel Pflichten es auch gibt, die

erste ist, sein eigenes Selbst zu sein und zu bleiben bis zur

Aufopferung und Hingabe seines Ich. Das Bad in der Massenseele als

Dauerzustand wäre eine Gefahr. Aus seelischer Hygiene in sie

hinabzutauchen, mag gut tun. Aber man muß wieder heraus, sonst läßt man

alle seine moralische Kraft darin. Und gerade in unserem Zeitalter ist

man ja schon von seiner Kindheit an, ob man will oder nicht, in die

demokratische Badekufe hinabgetaucht. Die Gesellschaft denkt für einen,

ihre Moral will, und ihr Staat handelt für uns, ihre Mode und Meinung

nehmen uns die Luft weg, die wir atmen, trinken unseren Hauch, unser

Herz, unser Licht. Man ward Diener dessen, das man mißachtet, man lügt

in allen seinen Bewegungen, seinen Worten, seinen Gedanken. Man

verzichtet und ist nicht mehr... Aber wer hat den Vorteil davon, wenn

alle verzichten? Zu wessen Wohl verzichtet man? Für die blinden

Instinkte oder für ein paar Lumpenkerle? Wem gehorchen wir? Einem Gott

oder ein paar Scharlatanen, die in seinem Namen die Orakel sprechen? Den

Schleier fort! Ich will sehen, was sich dahinter verbirgt... Das

Vaterland!... Was für ein großes Wort, was für ein schönes Wort. Der

Vater, umschlungen von seinen Brüdern... Aber das ist ja gar nicht das

Vaterland, das ihr mir zeigt, es ist ein falsches Vaterland, ein

Bretterverschlag, ein Tierkäfig, Schützengräben und Barrikaden,

Gefängniswände!... Meine Brüder! Wo sind meine Brüder? Wo sind sie alle,

die rings im Weltall leiden? Ihr Kains, was habt ihr aus ihnen gemacht?

Ich breite ihnen die Arme entgegen, und ein Strom von Blut trennt mich

von ihnen. In meinem eigenen Volke darf ich nicht mehr frei zu meinen

Brüdern reden, ich bin nur mehr ein namenloses Instrument, das morden

soll... Mein Vaterland! Aber ihr seid es ja, die es tötet... Mein

Vaterland war die große Gemeinschaft der Menschheit, und sie habt ihr

zerschlagen. Die Freiheit und der Gedanke haben keine Heimstatt mehr in

Europa... Ich will mir mein Haus wieder aufbauen, unser aller Haus, denn

ich habe keines mehr, das eure ist ein Gefängnis... Wie soll ich es tun?

Wo soll ich suchen? Wo mich verbergen...? Sie haben mir alles genommen!

Es gibt keine Fingerbreite mehr auf der Erde oder im Geiste, die noch

frei ist, alle Heiligtümer der Seele, der Kunst, der Wissenschaft haben

sie geschändet, alles haben sie sich hörig gemacht! Ich bin allein und

verloren, ich habe nichts mehr, ich stürze hin...

§

Als Clerambault alles von sich abgerissen hatte, blieb ihm nichts mehr

als seine eigene nackte Seele. Bis zum Ausgang dieser Nacht drückte sie

sich zitternd und erstarrt an ihn. Aber in dieser zitternden Seele, in

diesem winzigen Wesen, das im Weltall verloren war, glühte leise ein

Funke wie eines jener εἴδωλα, die die primitiven Maler über dem Munde

der Sterbenden schweben lassen. Als es gegen Morgen ging, begann die

fast unsichtbare Flamme, die beinahe in der schweren Umschalung der Lüge

erstickt war, zu erwachen. Im Atem der frischen Luft schlug sie hell

empor. Und nichts konnte sie mehr hindern, frei emporzuwachsen.

§

Langsamer, grauer Tag nach diesem Kampf oder dieser Geburt. Schwere

zerbrochene Ruhe. Tiefe, ungewohnte Stille... Ermattetes Wohlgefühl

vollbrachter Pflicht... Clerambault, das Haupt an die Lehne seines

Fauteuils gestützt, träumte unbeweglich vor sich hin, Fieber im Leib,

das Herz schwer von Erinnerung. Seine Tränen strömten, ohne daß er es

fühlte. Draußen erwachte die melancholische Natur der letzten

Wintertage, die Bäume zitternd, wie er selbst, und noch nackt. Aber

unter dem Eisglanz der Luft bebte schon ein neues Feuer.

Bald wird es das All umfangen.

Clerambault: Geschichte eines freien Gewissens im Kriege · 第 7 / 17 题