Neste liegen, geht die schöne Liebeszeit zu Ende, und sorgenvolle
Tage kommen. Jetzt gilt es, durch allerlei Manöver sich nähernde
Menschen, Hunde und sonstige Nestplünderer irrezuführen und vom Neste
fernzuhalten. Doch kenne ich diese Schliche zu genau; bald habe ich
durchs Glas schon von der Straße aus das Weibchen entdeckt, wie es
dem stillen Brutgeschäft nachgeht. Dort im Seggengrase, kaum dreißig
Meter vom Ufer entfernt, sitzt es und beobachtet mit dem großen Auge
das Gelände. Es hat mich erblickt. Trotzdem ich noch weit vom Neste
entfernt bin, verläßt es die Eier, läuft geduckt in entgegengesetzter
Richtung am Boden hin, erhebt sich erst weit vom Neste und fliegt
wehklagend auf mich zu. Ich lasse mich nicht irreführen; und doch macht
es mir Mühe, das Gelege zu finden. Schön in Kreuzform angeordnet,
die Spitzen nach innen, liegen vier dunkelgefärbte Eier unmittelbar
vor meinen Füßen in einer kleinen Vertiefung. Wie oft wird dieses
Familienglück von roher Hand zerstört, um Schlemmern in der nahen
Großstadt den entarteten Gaumen zu kitzeln auf Kosten unsrer schon
so hart bedrängten Natur! Helle Entrüstung stieg aber in mir auf,
als ich eines Tages ein kleines Schlageisen im Neste fand. Ein
»Auch-Naturfreund« wollte auf diese Weise einen Kiebitz zum Ausstopfen
erlangen. Glücklicherweise hatte er nicht mit der Klugheit des Vogels
gerechnet. Doch weg mit diesen Gedanken! Heute bin ich mit der
Kamera im Rucksack ausgezogen, um im Bilde zeigen zu können, welche
Schönheiten unsre Heimat aufweist. Von all den Mühen dieser Kamerajagd
zu erzählen, wäre verlockend, würde aber zu weit führen. Erst im
dritten Jahre gelang es mir nach vielen Enttäuschungen und Mißerfolgen
unter Anwendung größter List und Geduld, das brütende Weibchen auf
die Platte zu bannen. Auch ich hatte nicht mit der Klugheit des
Kiebitzes gerechnet! Gemeinsam suchten das Männchen und Weibchen meinen
Plan zu vereiteln, und noch klingt mir der schreckliche Warnruf des
Kiebitzhahnes in den Ohren, der mir bestimmt sagte, daß er mich erspäht
habe und das Jagen deshalb heute erfolglos sei. Dem großen Kiebitzauge
(Bild 2) entgeht nichts! Im Jahre 1921 fand ich allein am wenig
gefüllten Großteich acht Kiebitzgelege. Im ganzen Gebiete brüteten
in diesem Jahre ungefähr fünfundzwanzig Paare. H. Mayhoff nimmt für
1915/16 nur fünfzehn Brutpaare an. Demnach wäre eine erfreuliche
Zunahme festzustellen.
[Illustration: Abb. 2 =Brütender Kiebitz=]
Große Aufregung und Sorge bringt dem Kiebitzpaare der Tag, an dem
die Kleinen der Eischale entschlüpfen. Die Jungen verlassen sofort
das Nest, nachdem sie trocken sind, und folgen der besorgten Mutter,
die sie nach Art einer Glucke führt. Wie oft habe ich dieses schöne
Familienbild aus dem Versteck belauscht! Die kleinen Wollklümpchen
huschen flink durch das Seggengras und finden bald selbständig den
Wurm und die Schnecke. Geradezu rührend ist die große elterliche
Sorge. Bei der geringsten Gefahr erheben die Alten ein Klagegeschrei
und versuchen den Feind zu vertreiben. Der harmlose Spaziergänger
staunt nicht schlecht, wenn sich ihm ein schwarzweißer Vogel mit
jammernden »kuit« fast um die Ohren schlägt. Er verspürt ganz deutlich
den Luftzug und vernimmt ein dumpfes »wupp, wupp, wupp«. Auch der
Köter des auf der Landstraße fahrenden Fleischers, der sich eine
»Extratour« ins Gelände erlaubt, verläßt schnell den Brutplatz. Ihm
ist die Zudringlichkeit des Vogels zuwider. Selbst Reinecke Fuchs,
der in der Dämmerung durch die Riedgräser des Georgenteiches schnürt,
wird mit lautem Geschrei und fortwährendem Anfliegen vom dortigen
Brutpaare empfangen. Ihm liegt an dieser Aufmerksamkeit rein gar
nichts, er schnürt eilig weiter und beantwortet die gröbsten Angriffe
mit erfolglosem In-die-Luft-schnappen. Die Dunenjungen verstehen
den Warnruf der Mutter: »kiebit« (d. h. drückt euch!) sehr gut und
drücken sich fest an den Boden, daß sie fast den menschlichen Blicken
entzogen sind. Selbst dem Kenner bereitet es Mühe, diese unscheinbaren
Wollklümpchen aufzufinden (siehe Bild 3). Erst wenn sich der kleine
Kerl erhebt, macht er sich durch seine weiße Halsfärbung gut sichtbar
(Bild 4). Noch eine Überraschung! Als ich eines Tages guten Freunden
vierzehn Tage alte Dunenjunge zeigen wollte, die ich schon öfter in
der Hand gehabt hatte, vertrauten diese sich plötzlich dem Wasser an
und schwammen zu unserm größten Erstaunen gewandt wie junge Enten nach
dem zweihundert Meter entfernten jenseitigen Ufer, wo sie die besorgte
Mutter empfing. Hier gingen sie sofort der Nahrungssuche nach, als wäre
nichts geschehen.
[Illustration: Abb. 3 =Junger Kiebitz in Schutzstellung=]
Im Monat August verlassen die Brutpaare mit den flüggen Jungvögeln
das Moritzburger Gebiet, das um diese Zeit fast kiebitzleer ist.
Wenige Beobachtungen aus den Augusttagen liegen vor mir. Erst im
September stellen sich große Schwärme ein. Es sind Durchzügler aus
Skandinavien und den baltischen Ländern. Ein besonderer Genuß ist es,
dem eigenartigen Flug eines solchen Kiebitzschwarmes, der oft bis
zweihundert Vögel zählt, in der Herbstsonne zuzusehen (Bild 5). Bei
eintretender Kälte machen sich auch diese Gäste auf nach dem südlichen
Europa. Als spätesten Abzugstag notierte ich den 10. November.
[Illustration: Abb. 4 =Junger Kiebitz=]
Jeder Naturfreund würde es mit mir tief beklagen, wenn sich der
Kiebitzbestand im Moritzburger Gebiet durch menschliche Eingriffe
verminderte, und wenn wir uns nicht mehr an dem Treiben des prächtigen
Vogels so nahe an den Toren der Großstadt erfreuen könnten. Deshalb
sorge ein jeder, dem seine Heimat lieb und wert ist, durch Aufklärung
und Vorbild dafür, daß Eierraub und sinnlose Schießerei im Gebiet
aufhört. Vom Landesverein wird zum Schutz unsrer bedrängten heimischen
Vogelwelt alles getan. Dafür ist ihm der Dank aller Naturfreunde sicher.
[Illustration: Abb. 5 =Kiebitzflug über dem Großteich=]
[Illustration: =Fällen der Sageneiche am Ölteiche zu Kohren=]
Wenn sich, wie im vorliegenden Falle, der Herr Förster so imposant als
Oberbaumhauer im Bilde verewigen läßt, so liegt die Frage nahe, wie
der Mann wohl zu solch »idealer« Auffassung seines Berufes gekommen
sein möchte. Wahrscheinlich wird ihn selbst dabei die Hauptschuld nicht
treffen. Möge das Bild recht ausgiebig als abschreckendes Beispiel
wirken.
T.
Die Grabentour
Von _A. Klengel_
Mit Aufnahmen von _Alfred Hermann Nitsche_, Dresden und _Karl Reymann_,
Freiberg
»Wir machen die Grabentour!« oder »Wir wandern die Grabentour
entlang!« – Das sind in wanderfrohen Kreisen Mittelsachsens oft
gehörte Worte. Man wählt dies Reiseziel zur Pfingstzeit, wenn Birke
und Buche mit erstem frischen Grün sich schmücken, oder im Herbst,
wenn verschwenderische Farbenpracht über die Wälder ausgegossen ist
und die Kastanienbäume stolze goldene Kronen tragen; wohl auch im
Winter, wenn weicher Schnee auf dem Walde lastet und jede Fichte in
einen glitzernden Weihnachtsbaum verzaubert, wenn die Wasser unter dem
Eispanzer murmeln und die Meisen leise klingelnd den Wald durchstreifen.
Die Worte des Reiseplanes lassen erkennen, daß man unter der Grabentour
sowohl die eigentliche Wanderung, als auch das Stück Heimatland selbst
versteht, das es dabei zu durchwandern gilt. Die Landkarten verzeichnen
als »Grabentour« nur den Oberreinsberg mit Krummenhennersdorf
verbindenden Weg, der den Graben entlang am Hange des Bobritzschtales
hinführt. Der wanderfrohe Naturfreund hat den Begriff im Laufe der
Jahrzehnte erweitert, ohne ihn jedoch in eine feste Grenze zu zwängen.
Im Norden rechnet man wohl das ganze Bobritzschtal bis zur Mündung
des Flusses in die Mulde beim Zollhaus Bieberstein dazu und im Süden
das Gebiet bis in den Bereich der Halsbrücker Esse. Und in der Tat!
Eine schönere Einleitung zur eigentlichen Grabentour läßt sich kaum
denken als die Wanderung durch das landschaftlich bevorzugte untere
Bobritzschtal und einen würdigen Ausklang findet die Fahrt in dem
reiche geschichtliche Erinnerungen bergenden Landstrich, dem der
Silberbergbau das Gepräge verleiht, von dessen Höhen unser Blick
hinüberschweift zu den Türmen des silberschweren Freiberg. Verdankt
doch auch der Graben dem Freiberger Bergbau sein Dasein.
Warum ich die Grabentour im Norden, also geographisch betrachtet, an
ihrem Ende beginnen will? – Einmal, weil ich sie stets in dieser
Weise unternahm, so oft mich auch der Weg seit über zwei Jahrzehnten
dorthin führte und Tausende es in gleicher Weise tun. Zum andern, weil
ich meinen Wanderungen stets einen Besuch der Ruinen des Klosters
Altenzella vorausgehen ließ. An dieser denkwürdigen Kulturstätte mit
ihrer fast tausendjährigen Geschichte habe ich mich immer mit der
rechten Stimmung zur Wanderfahrt ausgerüstet. Das Land, das es zu
durchwandern gilt, ist entweder uralter ehemaliger Klosterbesitz oder
trägt doch wenigstens reiche Erinnerungen an die Zeit, da das mächtige
Kloster Altenzella noch in Blüte stand. Und wer sich weiter hinein
vertieft in die ältere Geschichte des zu durchwandernden Gebiets – nur
flüchtige Andeutungen können hier gemacht werden – wird immer wieder
auf den Namen Altenzella stoßen.
[Illustration: Abb. 1 =Eingang zur Grabentour bei Krummenhennersdorf=]
Beim Zollhaus Bieberstein an der Bobritzschmündung soll die Wanderung
beginnen! Kulturgeschichtlich denkwürdiger Boden ist es, den wir
betreten. Die alte Heerstraße Freiberg–Meißen führt vorüber und
die Herrschaft des Rittergutes Bieberstein erhob einst hier einen
Brückenzoll. Reger Fuhrverkehr bevölkerte in alten Tagen die wichtige
Straße und aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird von wilden
Kriegsvölkern berichtet, die hier vorüberzogen. Es ist anders geworden
im Lande, längst hat die Eisenbahn den Verkehr an sich gezogen,
die Straße, die über die Alt-Väterbrücke bei Freiberg führt, ist
vereinsamt, unbekannt geworden und zum Teil verfallen. Hochauf steigt
die Landzunge, die Mulde und Bobritzsch umschließen. Von bewaldeter
Höhe herab grüßt das Schloß Bieberstein, ein wuchtiger Bau mit hohem
Ziegeldach, arm an baukünstlerischem Schmuck. Um die Mitte des
siebzehnten Jahrhunderts ist das Schloß entstanden auf und neben der
in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges unwohnlich gewordenen alten
Doppelburg Bieberstein. Die schwere Not der Zeit, die damals auf dem
Lande lastete, mag auf schlichte, ja nüchterne Bauweise gedrungen
haben. Unbewußt erfüllte der alte Baumeister dadurch eine Forderung
des Heimatschutzes: Hier wo die schlichten Naturschönheiten eines
anmutigen, stillen Tales sprechen, ist kein Raum für einen Prunkbau,
für ein Bauwerk, dessen wechselnde Linien ein schönes Heimatbild
zerstören, Naturschönheiten erdrücken würden. So ist jeder Mißklang
ferngeblieben und mit Wohlgefallen ruht das Auge des Heimatfreundes
auf dem Schloß Bieberstein, das verwachsen scheint mit den ehrwürdigen
Baumriesen des Schloßparks, der Berghöhe und Talhang in seinen grünen
Mantel hüllt.
[Illustration: Abb. 2 =Mundloch einer Grabenrösche=]
Fast so alt wie die Geschichte des Landes ist die Geschichte der
alten Burg Bieberstein, von der freilich nur Reste der Feinde Wut und
dem Zahn der Zeit standgehalten haben. Von Moos und Efeu umgrünte
Turmgebäude mit tiefen, gewölbten, schaurigen Gängen, durch die die
Sage raunt, erzählen von dem mächtigen Geschlecht der Herren von
biuverstein, dem die Burg im zwölften Jahrhundert den Namen gab. Sie
berichten auch von späteren Besitzern, den fehdelustigen Herren von
Marschalk, die ihren Geschlechtsnamen nach der Burg in Marschall von
Bieberstein ergänzten und mit dem Kloster Altenzella blutige Fehden um
die Gerichtsbarkeit führten. Nach Teilung der Herrschaft und mehrfachem
Besitzwechsel kam Bieberstein im Jahre 1630 an die Herren von
Schönberg auf Reinsberg und bildete nunmehr einen Teil des sogenannten
Schönberger Ländchens. Gotthelf Friedrich von Schönberg erbaute das
jetzige Schloß an die Stelle der alten oberen Burg. Im Jahre 1807
ging der Besitz durch Heirat an die Familie von Schröter über. Das
Schloß birgt reiche Kunstschätze und mannigfache Erinnerungen aus alter
Zeit. Als wertvollste Kleinodien erscheinen mir jedoch die herrlichen
Ausblicke vom Altan und aus den Schloßgemächern hinab ins Bobritzschtal
und hinaus in die Gefilde der Heimat.
[Illustration: Abb. 3 =Grabentour= (Waldwiese an der Bobritzsch)]
Eine prächtige Lindenallee führt vom Schloß Bieberstein hinab ins
Tal der Bobritzsch. Gleichen Ursprung haben die Namen Bieberstein
und Bobritzsch; sie erinnern an den Biber, den heute leider fast
ausgestorbenen Nager, der einst am Flusse seine Burgen baute. In großer
Zahl mag er hier vorgekommen sein, man würde sonst kaum den Fluß und
die Burg nach ihm benannt haben. Spärlich nur fließen freilich die
Quellen, die von seinem Dasein in alter Zeit berichten, wahrscheinlich
hatte starke Nachstellung ihn schon frühzeitig zu einem seltenen
Naturdenkmal gemacht.
Nur eine kurze Strecke, an der Mühle mit dem Schönbergschen Wappen
vorüber, führt der Weg talaufwärts und schon lädt eine Allee aus Linden
und Ahorn zum Besuch des Schlosses und des einstigen »Städtleins«
Reinsberg ein. Trotzig schaut das teilweise in den Felsen gesprengte
alte Schloß, dessen Burgcharakter trefflich gewahrt ist, hinaus in das
Land. Im Dunkel des Mittelalters liegt seine Gründungszeit, werden doch
schon im Jahre 1197 Herren von Reyensberg in Altenzellaer Urkunden
als Schiedsrichter und in andern hochangesehenen Ämtern genannt. Im
Jahre 1377 ging der Besitz an die Herren von Schönberg über, die ihn
heute noch ihr eigen nennen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
erfolgte eine Teilung der Herrschaft innerhalb der Familie in Ober-
und Niederreinsberg. Die beiden Besitzer bewohnten bis 1816 die Burg
gemeinsam, doch räumlich getrennt und durch besondere Brücken über den
Burggraben mit der Außenwelt verbunden.
[Illustration: Abb. 4 =Grabentour= (an der Bobritzsch)]
Reinsberg hat eine reiche Geschichte. Im Jahre 1632 wurde die Burg von
den Österreichern mit stürmender Hand genommen, wobei fünf Söhne des
Besitzers den Heldentod fanden und der Besitzer, Lorenz von Schönberg,
selbst in der Nähe der Bobritzsch, wie heute noch ein Denkstein kündet,
einer feindlichen Kugel zum Opfer fiel. Den bunten Wechsel der Zeiten
trotzten die bis fünf Stock hohen Gebäude, die altertümlichen Türme
und Erker, der Rittersaal mit der Ahnengalerie. Trefflich erhalten
sind auch das efeuumsponnene, wappengeschmückte Burgtor und der
tiefe Burggraben. Nesselgestrüpp und bunte Blumen bedecken heute den
Grabengrund; Bienengesumme klingt herauf. Nur der Kuckucksruf aus
dem nahen Wald unterbricht das große ernste Schweigen, das über dem
wohlerhaltenen Zeugen einer andern Zeit ausgebreitet ist; Reinsbergs
Bedeutung liegt Jahrhunderte zurück im Schoße der Vergangenheit.
Der Vergessenheit gehört auch die einstige Bedeutung der Reinsberger
Kirche als Wallfahrtsziel an. Die Kalandbrüderschaft unterhielt hier
in alter Zeit einen Altar als Gnadenort, an dem frommen Wallfahrern
reicher Ablaß gewährt wurde. Gewaltig war der Zuzug, bis die
Reformation mit den Wallfahrten aufräumte. Unbewußt hält jedoch
die Volksseele noch heute an der alten Wallfahrtsfeier fest; das
weitbekannte und stets stark besuchte »Reinsberger Vogelschießen« ist
daraus entstanden.
Der Reinsberger Friedhof mit der Gruft der Herren von Schönberg, mit
zahlreichen wohlerhaltenen, in vergangene Jahrhunderte zurückreichenden
Grabmälern und Eisenkreuzen bietet reiche Anregung zu sinnigen
Betrachtungen und ernster Forscherarbeit.
In der Mitte des Dorfes, dicht am Bahnhofe, steht ein Schachtgebäude!
Des Haldenglöckleins heller Klang schallt vom Türmchen. Ein Stollen
läßt Wasser auf ein Radwerk fließen. Wir stehen am vierten Lichtloche
des _Rothschönberger Stollens_ und zugleich am Ausflusse, also am Ende
des Grabens, der der Grabentour den Namen gab. Wie ich aus Erfahrung
weiß, kennen die meisten Grabentourwanderer den Zusammenhang zwischen
Rothschönberger Stollen und Graben nicht, meist wird beides miteinander
verwechselt. Auch Wanderbücher und Reisebeschreibungen lassen uns meist
im Unklaren, obwohl die Erbauung des Stollens und die Anlegung des
Grabens erst vor wenigen Jahrzehnten erfolgten. Der Heimatfreund wird
es deshalb gewiß begrüßen, wenn er an dieser Stelle Ausführlicheres
darüber erfährt.
Mit dem in den Jahren 1844 bis 1877 erbauten Rothschönberger Erbstollen
wurde ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen, dessen Nutzen freilich
hinter den Erwartungen zurückblieb, die man beim Baubeginn gehabt
hatte. Obwohl mit der Einstellung des Freiberger Bergwerks der Stollen
so gut wie bedeutungslos geworden ist, bleibt er doch für alle Zeiten
ein gewaltiges Kulturdenkmal, dem so leicht nichts Ähnliches zur Seite
gestellt werden kann. Daß sich die Anlage des Stollens nicht lohnte,
ist ja auch durchaus nicht die Folge falscher Berechnung oder eines
andern technischen Fehlers; lediglich die unter dem Drucke damaliger
Edelmetallentwertung notwendig gewordene Einstellung des Freiberger
Silberbergbaues nahm dem Rothschönberger Stollen seine Bedeutung,
ehe sie recht zur Geltung gekommen war. Als man ans Werk ging, stand
das Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 1 : 15. Schon vor der
Vollendung begann unter dem Einflusse der gewaltigen Silbergewinnung
Nordamerikas der Preissturz des Silbers, der das Wertverhältnis um die
Wende des Jahrhunderts auf 1 : 40 herabdrückte. Unter so veränderten
Umständen vermochte auch die kunstvollste Technik und die umsichtigste
Sparsamkeit aller Bergbau- und Verhüttungsverfahren die Freiberger
Silbergewinnung nicht mehr lohnend zu gestalten. Sie starb dahin. Die
unterirdische Leitung der durch den Stollen bemeisterten Gruben- und
Aufschlagwässer ist eins der Denkmäler, das den Freiberger Bergbau
überlebt.
Was führte nun zur Anlegung des Rothschönberger Stollens? – Nach
jahrhundertelanger Ausbeute der Freiberger Silbergruben war das
erzhaltige Gebirge in seinen oberen Schichten in der Hauptsache
abgebaut; es galt tiefer zu gehen. Diesem Vorhaben bereitete aber das
Grundwasser, der Hauptfeind des Bergbaues, immer größere Hindernisse,
je weiter man in das Berginnere eindrang. Die Bewältigung der
Grubengewässer war in der Hauptsache auf von Wasserkräften betriebene
maschinelle Anlagen angewiesen, die aber zur Wasserhebung aus immer
bedeutender werdenden Tiefen nicht mehr ausreichten. Die Anwendung der
Dampfkraft erschien zu kostspielig. Infolge dieser Hindernisse waren
bereits verschiedene wichtige Grubenbetriebe zum Erliegen gekommen und
anderen drohte ein langsames Dahinsiechen.
[Illustration: Abb. 5 =Schloß und Kirche Reinsberg=]
Den einzigen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sah man in der
Anlegung eines tiefen Revierstollens, durch den das Wasser ohne
Hebung aus den tiefsten Stellen des Bergreviers nach einem Fluß in
der Umgebung abgeführt werden konnte. Durch eine solche Anlage konnte
zugleich das Aufschlagwasser für die in tieferen Stellen der Gruben
erbauten Kraftanlagen mit beseitigt werden. Die Erbauung derartiger
Wasserabführungsstollen war nicht neu. Wie andre Grubenreviere, so
besaß auch Freiberg bereits eine größere Anzahl, doch reichten sie
wegen ihrer geringen Tiefe zur Wasserbewältigung nicht aus.
Im Jahre 1838 trat nun Oberberghauptmann von Herder mit einem ebenso
gewaltigen wie genialen Plan an die Öffentlichkeit. Er schlug den
sogenannten »Meißner Stollen« vor, der das Wasser durch einen
dreiundzwanzig Kilometer langen und ungefähr hundertdreiundachtzig
Meter unter dem tiefsten Freiberger Bergwerk zu liegen kommenden Abfluß
nach der Elbe bei Meißen leiten sollte. Der Plan ist zwar unausgeführt
geblieben, doch fußte auf ihm das Projekt des später vom Bergmeister
von Weißenbach entworfenen Rothschönberger Stollens, der 1844 begonnen
und 1877 vollendet wurde. Der Hauptstollen mündet bei Rothschönberg
in das Triebischtal und wurde in dreizehntausendneunhundert Meter
Länge bis an den Halsbrücker Spatgang, vierundneunzig Meter unter
den tiefsten dortigen Stollen, den Anna-Stollen, geführt. Nach
Anschluß aller Flügelstollen erhielt das gewaltige unterirdische
Wasserwerk später eine Gesamtlänge von einundachtzigtausend Metern.
Der Hauptstollen wurde von acht Lichtlöchern aus erbaut, die je
nach der Höhenlage des durchbrochenen Gebirges eine Tiefe von
dreiundfünfzig bis hundertfünfundfünfzig Metern besitzen. Zwischen
dem Mundloch bei Rothschönberg und dem siebenten Lichtloch bei
Halsbrücke hat der Stollen bei drei Meter Höhe eine Breite von zwei
Meter fünfzig Zentimeter und weiter aufwärts bei gleicher Höhe eine
Breite von einem Meter fünfzig Zentimeter. Letzteres Maß haben auch
die Stollenhauptflügel im Innern des Freiberger Reviers. Der gewaltige
Stollen kann demnach bequem mit einem Kahne durchfahren werden.
Wir stehen hier in Reinsberg am vierten Lichtloch, unter dem in
vierundachtzig Meter Tiefe der Rothschönberger Stollen die Freiberger
Grubenwässer zur Triebisch führt, die sie wieder bei Meißen in die Elbe
leitet.
Die Kosten des Stollens in Höhe von
siebenmillionenhundertsechsundachtzigtausendsechshundertsiebenundneunzig
Mark dreiundvierzig Pfennige überschritten den Anschlag um
neunundsiebzig Prozent, was bei der Länge der Bauzeit und bei den
mannigfachen und großen Schwierigkeiten, die sich der Vollendung
entgegenstellten, durchaus nicht verwunderlich ist. Die Geschichte des
Stollenbaues bietet ein Bild deutscher Gründlichkeit, zähester Ausdauer
und hoher technischer Leistungsfähigkeit. Wer je an Deutschlands
Schaffenskraft zweifeln wollte, dem sei ein Studium der Baugeschichte
des Rothschönberger Stollens empfohlen; er wird sicher eines besseren
belehrt werden.
Aus der Bauzeit des Rothschönberger Stollens stammt auch der
Graben, die Wasserkunst, welche der Grabentour den Namen gegeben
hat. An den einzelnen Lichtlöchern wurden die Förderarbeiten durch
Dampfkunstgezeuge und Dampfgöpel ausgeführt. Nur am vierten Lichtloch
in Reinsberg nahm man ein Radkunstgezeug und einen Kehrradgöpel und am
fünften Lichtloch im Bobritzschtale zwei vertikale (Schwamkrug’sche)
Turbinen zum Betriebe der Wasserhebungs-, Wetter- und Fördermaschinen
zu Hilfe. Das nötige Aufschlagwasser wurde unterhalb Krummenhennersdorf
aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch eine
dreitausendfünfhundertsiebenundfünfzig Meter lange Leitung, _den
Graben an der Grabentour_, zugeführt. Die Wasserführung ist auf
eintausendsechshundertzweiundfünfzig Meter als offener Graben und auf
eintausendneunhundertundfünf Meter als unterirdische Rösche angelegt.
Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stollen hat also der Graben heute
nichts mehr zu tun, wiewohl dies vielfach angenommen wird. Er war
lediglich ein Hilfsmittel bei seiner Erbauung und ist heute ein Denkmal
großzügigen Bergbauunternehmens.
[Illustration: Abb. 6 =Schloß Reinsberg=]
Das Dorf Reinsberg verlassend, führt uns der Weg an der alten
kursächsischen Postmeilensäule vorüber dem Walde und der Grabentour
im engeren Sinne zu. Aus Inschriften ist zu ersehen, daß wir uns
auf Oberreinsberger Forstrevier befinden und daß der Graben der
Betriebsdirektion der staatlichen Grube Himmelfahrt zu Freiberg
untersteht.