Wer hat wohl früher von diesem weltfernen Ländchen etwas gehört, das

sich in seiner insularen Abgeschiedenheit nicht nur die erhabene

ernste Einsamkeit unberührter Natur, sondern auch das ursprüngliche

Volkstum trefflich bewahrt hat! Hin und wieder las man wohl, daß die

dort geborenen Schiffer, die in die Fremde verschlagen wurden, all

ihr Leben lang mit unwiderstehlicher Sehnsucht an »dat söte Länneken«

denken und nichts sehnlicher wünschen, als dorthin zurückzukehren,

um ihren Lebensabend, wenn auch noch so bescheiden, in der teuren

Heimat zu beschließen. _So gilt Hiddensee immer als ein Wahrzeichen

der Heimatsehnsucht und hoher hehrer Heimatliebe._ Und wer Goethe

gründlicher liest, der findet in den »Maximen und Reflexionen« den

Satz: »Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck

auf Hiddensee«. Wenn auch hier eine sehr freie Übersetzung des

plattdeutschen Satzes »min lewet wittet Seelken« vorliegt – man wird

das Wort »wittet« besser in »weißes oder unschuldiges« übertragen – so

spiegelt sich doch in dem Ausdruck ein sittenstrenges und edles Volk

wieder.

[Illustration: Abb. 1 =Rauchhaus des Fährmanns Johann Gau auf der

Fährinsel bei Hiddensee=]

Verschiedene Wege führen nach Hiddensee! Von Stralsund aus stellt der

Dampfer »Caprivi« die Verbindung her; ein anderer Weg zu Schiff führt

von dem, durch das sächsische Kinderheim bekannten Rügendörfchen Wieck

dorthin. Der rüstige Fußgänger wandert wohl auch von der rügenschen

Kleinbahnstation Trent aus durch ährenschweres Land und an mit

Storchnestern gezierten uralten Bauerhöfen vorüber nach dem Seehof

und läßt sich von dort aus zwischen Vitter und Schaproder Bodden über

den »Trog« durch die Fährleute der kleinen, zu Hiddensee gehörenden

Fährinsel in das Märchenland hineinsegeln.

[Illustration: Abb. 2 =Die Verlandung durch die Pflanzenwelt= (Ein Teil

des Gellens; die langgestreckte Insel ist der Gänsewerder)]

Die Natur der nur etwa sechzehn Quadratkilometer großen Insel ist

außerordentlich abwechslungsreich; man findet hier in kleinerem Kreise

alle die Schönheiten und Eigenheiten wieder, welche der Ostseeküste

ihren Reiz und ihren Zauber verleihen. Im Norden erhebt sich das

bis zweiundsiebzig Meter aufsteigende und weithin vom Meer und von

den rügenschen Bergen aus sichtbare, von einem Leuchtturme gekrönte

Dornbuschhochland, eine aus Mergel, Ton und Geschiebesteinen aufgebaute

Höhengruppe, die nach der Küste zu steil abfällt. Stattlicher

Kiefernhochwald, mit dünner Grasnarbe bedeckte und von Ginsterbüschen

umrahmte Weidetriften, sanfte Täler und vom ewigen Wind umbrauste

kahle Höhen wechseln ab mit steil zum Meer abfallenden, von Sanddorn

umwucherten Schluchten, hohen nackten Uferabstürzen und ewig bewegten

Dünenbildungen. Und wo immer der Blick hinausschweift in die Weite,

dehnt sich das endlose gewaltige Meer aus; an der Westküste im ewig

gleichen Spiel seiner Wellen den Steinstrand umschmeichelnd und am

Lande nagend, an der Ostseite, im Schutze des Hochlandes und der Insel

Rügen, still und blank in der Sonne glitzernd. Wo findet man wohl sonst

auf gleich engem Raume so vielen bunten Wechsel in der Landschaft, wo

wandelt sich die Natur so auf Schritt und Tritt und bietet Bilder, die

von sanfter Anmut aufsteigen bis zur gewaltigen heroischen Wucht, vor

der uns die Kleinheit unsres Menschendaseins so recht bewußt wird! Und

welch’ abwechslungsreiche Bilder bietet das Land im Wandel des Jahres!

Bald liegt glühender Sonnenglast auf den Bergen, der uns im Schatten

der Kiefern vergessen läßt, daß wir auf einem kleinen Eiland stehen.

Zur Herbst- und Frühlingszeit toben die gewaltigen Äquinoktialstürme

über die Insel, Naturgebilde und Menschenwerk auf ihre Festigkeit

erprobend. Und wenn der klare Sommertag zur Rüste geht, bietet

sich dem entzückten Auge vom Dornbusch aus ein Sonnenuntergang von

überwältigender und unvergeßlicher Schönheit.

[Illustration: Abb. 3 =Die Dünenbildung des Windes= (bei Neuendorf)]

Wahrlich, schon der Dornbusch allein ist ein Stück Erde nach dem man

Sehnsucht, nach dem man Heimweh haben kann und der fühlende Mensch

verspürt einen Hauch von der Heimatliebe der Hiddenseer Einwohner, er

lernt das Wort begreifen, das einst der rügensche Dichter Lappe in

seiner »Agnete« dem zurückkehrenden Insulaner in den Mund legte:

Wo wollt’ ich ruhen,

Wo sollt’ ich lieben,

Wo könnt’ ich sterben

Denn nur auf dir!

Zu Füßen des Dornbuschhochlandes liegen das Fischerdörfchen Grieben und

die älteste Siedlung der Insel, Kloster mit seinem schlichten turmlosen

Kirchlein, einem großen, dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen

Geist in Stralsund gehörigen Rittergute, zahlreichen neuen, schmucken

Landhäusern und einigen neuzeitlichen Gasthöfen. Dem Dörfchen Kloster

und dem weiter südlich gelegenen, aus verstreuten Häusern bestehenden

Ort Vitte hat der beginnende Fremdenverkehr bereits seinen Stempel

aufgedrückt, noch findet man aber hier wie in Grieben und in dem noch

südlicher gelegenen Dörfchen Plogshagen zahlreiche alte niedrige,

schilfgedeckte und dornenumhegte Fischerhütten von malerischer

Schönheit. Von dem für Rügen und Hiddensee charakteristischen uralten

schornsteinlosen Rauchhaus ist freilich im vorigen Jahre der letzte

Vertreter verschwunden. Auch die alte Vitter Windmühle steht still und

hat ihre Flügel verloren, obwohl es dem Müller auf dieser »Insel im

Winde« wahrscheinlich selten einmal an Betriebskraft gefehlt hat.

Ein neues Bild entrollt sich vor unsern Augen! Südwärts von Vitte

dehnt sich eine weite Heidelandschaft aus. Die violette Heide

wechselt mit der rosaroten Glockenheide, mit Wacholder, Birken und

der für Hiddensee eigentümlichen niedrigen apfelroten Heckenrose.

Um einen kleinen Süßwassersee inmitten der Heide wuchert der Porst,

die duftige Totenmyrte, und der zarte Sonnentau. Die Einsamkeit der

Heidelandschaft schlägt den Besucher in ihren Bann! Inmitten dieses

wundersamen Landstrichs steht das Gasthaus zur Heiderose, der Sitz

einer kleinen Künstlerkolonie, des Hiddenseer Künstlerinnenbundes,

dem der Kunstfreund schon viel Schönes aus der Natur und dem Volkstum

Hiddensees verdankt.

Südlich der anschließenden Dörfer Plogshagen und Neuendorf verschmälert

sich das Land; dort liegt der etwa sieben Kilometer lange Gellen,

eine unbewohnte, mit Gras bewachsene Halbinsel. Ein langer Steindamm

schützt den mit der schönen Stranddistel reich bewachsenen Weststrand

vor der Wucht der Wellen und eine schmale Kiefernpflanzung hält die

zerstörenden Stürme ab.

Diese Schutzmaßnahme war zur Erhaltung der Insel dringend erforderlich,

wurde doch im Jahre 1878 die Insel südlich von Neuendorf beim

sogenannten »Schwarzen Peter« von einer Sturmflut durchbrochen. Das

Meer bezahlt seine Zerstörungsarbeit mit reichen Geschenken, anderwärts

wirft es Bernstein an den Strand, in Hiddensee schenkte es im Jahre

1872 eine goldene Kette, die bei einer Sturmflut zutage kam und heute

eine Hauptsehenswürdigkeit des Provinzialmuseums zu Stralsund bildet.

Ihr Alter ist mit Sicherheit nicht zu ermitteln; man nimmt jedoch an,

daß sie schon aus dem zehnten Jahrhundert stammen kann.

[Illustration: Abb. 4 =Die Hakenbildung des Meeres durch Anschwemmung=]

Der Hiddenseer Goldschmuck gibt Anlaß, einen kurzen Blick in die reiche

Geschichte der Insel zu werfen, die wohl schon seit den Tagen der

Urzeit immer mit der Rügens verbunden war. Funde von Steinwerkzeugen

und Tonscherben deuten darauf hin, daß Hiddensee schon in der Urzeit

besiedelt war, doch ist nicht erwiesen, ob germanische oder keltische

Stämme das Eiland Heimat nannten. Mit der Völkerwanderung faßten

die slawischen Wenden auf Hiddensee und Rügen festen Fuß bis nach

der Eroberung der nahen Tempelburg Arkona und der Zerstörung des

Nationalheiligtums des Gottes Swantewit durch den Bischof Absalon von

Roeskilde am 14. Juni 1168 Rügen und damit Hiddensee unter dänische

Herrschaft kam. Im Jahre 1296 schenkte der Rügensche Fürst Wizlaw

die Insel Hiddensee dem Zisterzienserorden zur Anlegung der Abtei

Kloster auf Hiddensee. Nur wenige Überreste des einst mächtigen und

reichbegüterten Klosters, dem die päpstliche goldene Rose zuteil wurde

und dessen Abt den Bischofsstab führte, sind auf unsre Tage gekommen,

ein alter verwitterter Torbogen und der Grabstein des letzten Abtes.

Das Kloster unterstand ursprünglich dem Bischof von Roeskilde und

kam später unter das Bistum Kammin. Nach Aufhebung des Klosters im

Jahre 1536 kam Hiddensee an die pommerschen Herzöge, geriet 1648

unter schwedische Herrschaft, worunter es bis 1815 verblieb. In

den nordischen Kriegen errichteten die Schweden auf der Fährinsel

und gegenüber am Seehof auf Rügen zum Schutze der Durchfahrt große

Schanzen, die heute noch erhalten sind. Also auch von kriegerischen

Drangsalen ist Hiddensee nicht verschont geblieben. Noch am 17. August

1870 kam es in seiner Nähe zu einem kleinen Seegefecht zwischen

französischen Kriegsschiffen einerseits und dem deutschen Aviso

»Grille« und Strandbatterien anderseits.

[Illustration: Abb. 5 =Lachmöwe am Nest=]

Die Sage berichtet, daß die unermeßlichen Schätze des Klosters bei

seiner Aufhebung auf der Insel vergraben wurden; der Aschkoben, ein

Hügel am Dornbusch soll sie beherbergen und die aufgefundene Kette soll

ein Teil davon sein. Fast der ganze Landbesitz von Hiddensee gehört

heute dem Provisoriat des Klosters zum Heiligen Geist und damit zum

Besitze der Stadt Stralsund.

[Illustration: Abb. 6 =Austernfischer am Nest=]

Wer die echte und ursprüngliche Bevölkerung Hiddensees in ihrer

Natürlichkeit und Biederkeit kennen gelernt hat, muß sie liebgewinnen,

die sturmerprobten, wetterzerzausten Fischergestalten und die blonden

stattlichen Frauen. An der häufigen Wiederkehr derselben Familiennamen

– fast unzählige Male kommt der Name Gau und Schluck vor – merkt man,

daß eine Vermischung mit fremden Elementen zu den Seltenheiten gehört.

In ihren Fischer- und Schiffsgenossenschaften liegt noch ein Stück

alten Patriarchentums, ein goldenes Stück großen Familiensinns. Möge

es immer so bleiben, mag auch die neue Zeit, unter der Hiddensee als

Badeinsel Mode geworden ist, nichts daran ändern.

[Illustration: Abb. 7 =Fluß-Seeschwalbe=]

Eine Idylle für sich bildet die Fährinsel bei Hiddensee, und ein Stück

unverfälschten Inselvolkstums ist verkörpert in dem alten Fährmanne

»John Jau« (Johann Gau), der dort in seiner wohnlicher gestalteten

Rauchkate haust und in der übrigen, kaum ein halbes Dutzend Köpfe

zählenden Fährinselbevölkerung.

[Illustration: Abb. 8 =Halsbandregenpfeifer am Nest=]

Daß bei der insularen Abgeschlossenheit Hiddensees auch die Gemütswerte

der Bevölkerung unverfälscht erhalten geblieben sind, ist wohl

selbstverständlich. Wie auf den vom Verkehr abgelegenen Teilen

Rügens, so hat auch hier die Sage noch eine treffliche Heimstatt.

Schier unerschöpflich ist der Born, aus dem die Sagen von der Riesin

Hitthim, von Spukgestalten und andern weltentrückten Geistern der

Vorzeit sprudeln. Wundern wird dies den tiefer schürfenden Beobachter

nicht, ist doch Hiddensee mit den alten Kulturen eng verbunden. Nicht

allzu weit auf Arkona liegen die Trümmer der schon hochentwickelten

wendischen Kultur und drüben von Rügen, von Hiddensee aus sichtbar,

grüßen die Hünengräber, Zeugen eines noch viel älteren germanischen

Daseins herüber. »Altgermanische Vorfahren haben die Hünensteine

zusammengewälzt, sei es als Gedächtnismale gefallener Helden, sei es

als Altäre der bildlosen großen Gottheit, die sie im dumpfen Ahnen

besser und klarer erkannten, als römische und hellenische Weisheit

in all ihrer Pracht und Herrlichkeit sie faßten.« Darf es uns

wundernehmen, daß Reste dieser Kulturen ihren Niederschlag fanden

im seelischen Leben und im Gemütsempfinden der unberührten einsamen

Inselbevölkerung!

Hiddensee hat in der Literatur schon mehrfach eine Rolle gespielt,

von den rügenschen Dichtern Kosegarten und Lappe an, die noch im

achtzehnten Jahrhundert lebten, bis in unsre Tage. Am meisten bekannt

geworden ist es jedoch durch Gerhart Hauptmanns Drama »Gabriel

Schillings Flucht«, das auf Hiddensee spielt. Der zu den ständigen

Besuchern Hiddensees zählende Dichter hat mehrere seiner Werke hier

vollendet und den Namen seines »Schluck und Jau« der Inselbevölkerung

entlehnt.

[Illustration: Abb. 9 =Junge Lachmöwen=]

In der weiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Hiddensee aber durch

die Bestrebungen zum Schutze der Seevogelwelt, welche seit 1911 von

den deutschen Vogelschutzverbänden, wie dem Bund für Vogelschutz,

dem Naturschutzbund Hiddensee, dem Ornithologischen Verein Stralsund

usw. auf Hiddenseer Boden unternommen werden. In Frage kommen dafür

in der Hauptsache die Fährinsel, die Südspitze der Halbinsel Gellen

mit dem Gänsewerder und die Halbinsel Altbessin. Der einst dort

vorhandene gewaltige Reichtum an brütenden Seevögeln, namentlich an

Sturm- und Lachmöwen, Seeschwalben, Strandläufern, Austernfischern,

Rotschenkeln, Regenpfeifern, Enten, Sägern usw. war durch Eierraub und

verbotswidrigen Abschuß soweit zurückgegangen, daß dringende Hilfe not

tat, wenn man dem völligen Untergange der die Gestade der Insel und das

Meer selbst in wundervoller Weise belebenden Vogelwelt nicht tatenlos

zusehen wollte. Unter Aufwendung erheblicher Kosten wurden Ländereien

gepachtet und vom Jagdrecht ausgeschieden, Drahtzäune angelegt, Wärter

und Aufsichtsbeamte angestellt usw. Diesen Bemühungen ist es zu danken,

daß der Bestand an Brutvögeln wieder erfreulich gestiegen ist. Die

Erfolge könnten noch größer sein, wenn die nötigen Geldmittel vorhanden

wären, die es ermöglichten, den durch die heute zu beobachtende

Verwilderung der Rechtsbegriffe und Sitten entstandenen Mißhelligkeiten

einen wirksamen Damm entgegenzusetzen. Hoffentlich kommen auch hier

einst bessere Zeiten zum Segen unsrer schwer bedrängten Seevogelwelt,

zum Besten des deutschen Naturschutzes!

Jeder Naturfreund, jeder für landschaftliche Schönheiten und Eigenarten

empfängliche Mensch, der Hiddensee kennen gelernt, muß die kleine Insel

lieben. Die Hiddenseer Tage werden ihm unvergeßlich bleiben und auch in

ihm wird nachklingen, was Siegfried Mauermann in seinem tiefempfundenen

Gedichte von Hiddensee sagt:

Ein Wundereiland hat mein Fuß betreten,

Mein ganzes Wesen ist der Welt entrückt.

Und mich durchglüht ein ungewolltes Beten.

Fragt nicht, warum: ich fühl’s und bin beglückt.

Ihr schaut von Hügeln auf den Glanz der Wogen,

Ihr rühmt der Schluchten Absturz in das Meer,

Bespülter Buchten weite, sanfte Bogen;

Der Blick ist reich. O sei das Herz nicht leer.

Ihr hört das Tosen und das Wellenrauschen,

Der Zweige Flüstern leis’ im Abendwind;

Ihr wißt dem Vogelzwitschern fein zu lauschen,

Ihr hört mit Ohren, die voll Weisheit sind.

Ihr pflückt euch Ginster, Ähren, Immortellen,

Der Heckenrose luftiges Gebild.

Ihr laßt euch schaukeln von bewegten Wellen,

Euch blinkt die Abendsonne glitzernd, mild.

Und all’ dies, alles schildert ihr begeistert.

Ich bleibe selig überwältigt, stumm.

Und wenn mein Mund nicht schöne Worte meistert –

Ich bin beglückt, ich fühl’s; fragt nicht warum!

[Illustration]

Unsre Elbvögel einst und jetzt!

Von Prof. ~Dr.~ _Bernhard Hoffmann_

Unter dem »einst« ist nicht etwa der Beginn unsrer Zeitrechnung,

sondern die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zu verstehen,

zu welcher Zeit der ehemalige Rektor der Meißner Fürstenschule, namens

Fabricius, Annalen der Stadt Meißen verfaßte, worin auch die damals

an und auf der Elbe bei Meißen vorkommenden Vögel aufgeführt werden.

Die Schrift ist lateinisch geschrieben. Nachstehend gebe ich eine

kleine Probe des wohl ältesten Verzeichnisses sächsischer Vögel, das

alphabetisch geordnet ist:

Brandgense / ~a colore nigricante~ / ~vt~ Brandhirsch /

Brandfuchs.

Bachsteltze / Wassersteltze / ~Saxonibus~ / ein ackermencken /

~Motacilla Juneo. Viridis~.

~Flava~ / ~a colore ventris~.

Eisvogel / ~Halcedo~, ~Ispis~.

Ente / ~Anas~.

Großente / ~Anas magna Penelops: insigni collo propter colorem

puniceum et viridem~.

Mittelente / ~Boscas~ / ~Anas mediocris~.

Krucentlein oder Krichentlein / ~Querquedula Varroni~ /

~anas parva~ usw.

Nach dieser Probe sind die von Fabricius genannten Arten nicht

schwer zu erkennen, wennschon z. B. unter »Brandgense« nicht unsre

heutigen »Brandgänse«, sondern Ringelgänse zu verstehen sind. Daneben

aber führt Fabricius noch manche Namen an, deren Deutung sehr große

Schwierigkeiten bereitet; es seien z. B. erwähnt: Facke, Münchle,

Pilwenckgen, Racke, die verschiedenen Arten der »Reiger«, Schnetz,

Tittiluen usw. In einigen Fällen dürften Schreib- oder Druckfehler

vorliegen; es muß beispielsweise wahrscheinlich heißen: Focke,

Schnertz, Tittilgen usw. Doch soll auf all die Schwierigkeiten der

Übersetzung und Deutung hier nicht eingegangen werden[2]. Dagegen

dürfte das Endergebnis der Untersuchung auch weitere Kreise fesseln.

Die seinerzeit an und auf der Elbe bei Meißen beobachteten Vögel sind

die nachstehend verzeichneten:

Schwalben

Krähen (?)

Weiße Bachstelze

Gebirgsbachstelze

Kuhstelze

Rohrammer

Wasseramsel

Mauersegler

Eisvogel

Gem. Kranich

Wiesenralle

Bläßhuhn

Grünfüß. Teichhuhn

Brauner Sichler

Löffler

Schwarzer Storch

Weißer Storch

Nachtreiher

Große Rohrdommel

Fischreiher

Purpurreiher

Flußuferläufer

Rotschenkel

Bekassine

Flußregenpfeifer

Kiebitz

Höckerschwan

Singschwan

Bläßgans

Graugans

Ringelgans

Saatgans

Krickente

Löffelente

Moorente

Schnatterente

Stockente

Tafelente

Großer Säger

Mittler Säger

Zwergsäger

Flußscharbe

Dreizehenmöwe (?)

Heringsmöwe

Lachmöwe

Silbermöwe

Sturmmöwe

Flußseeschwalbe

Zwergseeschwalbe

Rothalstaucher (?)

Schwarzhalstaucher

Zwergtaucher

Fast könnte diese stattliche Liste den Neid der Gegenwart erwecken!

Nicht weniger als über fünfzig verschiedene Vogelarten haben im

sechzehnten Jahrhundert die Elbe und ihre Ufer belebt, darunter recht

ansehnliche Vögel, wie z. B. die verschiedenen Gänsearten, Reiher,

Störche, Schwäne usw.! Damals freilich war der Elbstrom und seine Ufer

noch in dem Zustand, wie ihn Mutter Natur geschaffen hatte. Sie boten

Nahrung, Unterschlupf, Verstecke und Nistgelegenheiten in Hülle und

Fülle. Aber die Zeit, die uns die gemauerten Steindämme der Flüsse,

das Ausfüllen von Teichen und stillstehenden Gewässern mit Schutt usw.

bzw. ihre Urbarmachung, ferner die Zunahme der Besiedelung und damit

der Anwohner am Strom entlang, das Beseitigen der Heger und Kiesbänke

im Strombett und noch manche andre hier in Betracht kommende Änderung

gebracht hat – sie hat auch im Vogelbestande Wandel geschaffen,

leider in einer sehr betrüblichen Weise! Sieht man von ganz vereinzelt

auftretenden Stücken ab, so ist der weitaus größte Teil der oben

genannten Arten von der mittleren Elbe gänzlich verschwunden, wie

z. B. die Kraniche, Löffler, Nacht- und Purpurreiher, die Schwäne,

Gänse, Flußscharben und vor allem auch die Seeschwalben. Andre sind

auf der Elbe in der Hauptsache nur Wintergäste, wie z. B. die Säger,

Bläßhühner, Zwergtaucher und die Scharen von Stockenten. Nur ganz

wenige Arten trifft man noch jetzt in geringerer oder größerer Zahl

während des Sommers an der Elbe an; ich nenne u. a. die Schwalben,

Bachstelzen, Krähen, Flußregenpfeifer und Lachmöwen. Einen Teil der

andern von Fabricius aufgeführten Arten finden wir glücklicherweise

noch heute in und an den Teichen und Seen, insbesondre der Lausitz, von

Moritzburg bis hinter nach Königswartha, Baselitz usw., darunter vor

allem die verschiedenen Entenarten, die Taucher, die Bekassine, die

Rohrdommel, den Rotschenkel, den Kiebitz, das Bläßhuhn usw. Möchten

ihnen wenigstens diese Wohn- bzw. Zufluchtsstätten für alle Zeit

erhalten bleiben und sie selbst sich eines dauernden Schutzes erfreuen,

damit unser Sachsenland an diesem Teile der Vogelwelt nicht auch noch

vollständig verarmt!

Fußnoten:

[2] Man vergleiche hierüber den im Journal für Ornith. 1923,

S. 1–10 veröffentlichten Auszug aus meiner umfangreichen

Arbeit »Das älteste sächsische Verzeichnis von Vögeln, die

ums Jahr 1564 auf und an der Elbe bei Meißen vorgekommen

sind«.

Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet

Von _Paul Bernhardt_

Mit Aufnahmen des Verfassers

Der Monat Februar geht zu Ende. Ein sonniger Tag lockt mich hinaus ins

Beobachtungsgebiet. Gefiederte Freunde, die Kiebitze, sind nach den

Aufzeichnungen meines ornithologischen Tagebuches heute zu erwarten.

Vor mir liegt der Großteich im Sonnenschein, befreit von der starren

Eisdecke, die monatelang jegliches Leben bannte. Doch so ohne Kampf

räumt der Winter das Feld nicht. Weiße Flecken in der Landschaft zeigen

seine Spuren.

Ein nordischer Wintergast, der Zwergsäger, ist immer noch zwischen den

Schellenten auf der Wasserfläche zu beobachten. Die dürren Rohrstengel

bewegt ein eisiger Wind hin und her; er verdeckt die wärmende Sonne

mit dunklen Wolken und treibt leichte Schneeschauer übers Land.

Schon zweifle ich an der Ankunft des Kiebitzes, da entdecke ich ihn

durchs Glas am jenseitigen Ufer. Dort steht der prächtige Vogel mit

seiner schönen Schwarzweißfärbung, der stahlblauen Oberseite und dem

zierlichen Federschopfe – der Harlekin unter den Vögeln. Er hat Wort

gehalten. Wenn es das Wetter nur einigermaßen gestattet, kehrt er jedes

Jahr am 28. Februar zurück. Den Körper fast wagrecht auf den Ständern,

die Brust etwas nach vorn gebeugt, steht er mit eingezogenem Kopfe

ruhig im dürren Riedgrase. Heute spürt er keine Lust zum gaukelnden

Fluge; die lange Reise und das unfreundliche Wetter sitzen ihm noch

in den Gliedern. Nur um den Hunger zu stillen, trippelt er nach dem

Teichrand und sucht im angeschwemmten Geäste nach Nahrung. Bald nimmt

er wieder die Ruhestellung ein. In den nächsten Tagen sind auffällig

viel Kiebitze im Gebiet; es sind meistens Durchzügler. Die heimischen

Brutpaare kehren zuerst zurück.

Nach drei Wochen ist unser Kiebitz kaum wiederzuerkennen. Der

Frühling hat es ihm angetan. Die Sonne scheint wärmer, und an der

Tiergartenmauer blühen schon die ersten Veilchen. Der Kiebitz hat

eine Gefährtin gefunden und behauptet als Platzhahn sein Gebiet gegen

jeden Eindringling. Die Nordostecke am Großteich, von wo er alles

überblicken kann, hat er sich ausgewählt. Für ihn ist jetzt Wonnemonat;

sein Gefieder steht in voller Pracht und liebestrunken verlebt er die

kommenden Tage. In ganz eigenartiger Weise wirbt er um die Gunst seiner

Gefährtin. Die Liebe nimmt ihn völlig gefangen und treibt ihn zu den

tollsten Liebesspielen. Eine närrische Balz beobachtete ich am 25. März

1921: Auf der noch grauen, sumpfigen Wiese steht ruhig das kleinere,

weniger lebhaft gefärbte Weibchen, nicht weit davon das Männchen im

Prachtkleide. Mit vorgebeugter Brust erhebt es sich, fliegt wuchtelnd

kurz über dem Boden hin; plötzlich geht es mit schneidendem »knū’it« im

45°-Winkel in die Höhe, und nun folgt ein Gaukeln und Stürzen in der

Luft, so daß der Beobachter verwundert den Kopf schüttelt. Im tollen

Übermut ruft der Kiebitz seinen Balzruf: knū’it, knū’it in den sonnigen

Frühlingstag, vollführt den schönsten Sturzflug und steht plötzlich

wieder neben dem Weibchen, um hier sein närrisches Liebesspiel

fortzusetzen. Mit gesenkter Brust, das frische Weiß der Schenkel

zeigend, führt er einige kippende Verbeugungen vor seiner Schönen aus,

stößt mehrmals mit dem Schnabel nach unten und macht eine Bewegung, als

würfe er dürre Grashalme hinter sich. Plötzlich drückt er den ganzen

Körper tief an den Boden, so daß der Kopf die Erde berührt, schlägt

die Flügel nach oben und führt mit diesen und dem rostrot gefärbten

Schwanze zuckende Bewegungen aus, als wolle er seine Liebesglut der

kühlen Erde anvertrauen. Wozu dieses närrische Spiel? Will er das

Weibchen ermuntern, indem er durch diese Bewegungen auf den Nestbau

hinweist? Noch mehrmals kann ich diesem eigenartigen Treiben zuschauen

und über die Allgewalt der Liebe staunen. Das Weibchen zeigt sich sehr

spröde, es hat scheinbar nicht viel übrig für den Liebhaber.

[Illustration: Abb. 1 =Gelege des Kiebitzes=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 1-3 · 第 3 / 5 段