in seinem »Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein« (Friedrichstadt bei
Dresden, 1748, Seite 10) das folgende: »Den 2. April [1715] erschoß der
Förster zu Hennersdorff, Herr Kanngießer, auf dem Töpffer-Wald, bei dem
Königs-Brunnen, ein unbekanntes Raub-Thier. Als es nach Hofe geschicket
wurde, so wurde es erkannt, daß es ein Vielfraß wäre, dergleichen in
Moscau und Persien anzutreffen sind.« Über die Einlieferung in Dresden
findet sich bereits vordem in den »Dresdnischen Merkwürdigkeiten«
(1750, Seite 60) eine kurze Notiz: »Den 4ten ~hujus~ [April] ward
ein Vielfraß, so von einem Jäger bey Frauenstein geschossen worden,
eingebracht, und auf die Kunstkammer geliefert«. Das Tier wird dann
wieder in Hasches »Umständlicher Beschreibung Dresdens« (Dresden
1781/83) als im Kurfürstlichen Naturalien-Cabinett stehend erwähnt:
»Zwey Vielfraße, einer weißrötlich, bey Frauenstein gefangen, der andre
schwarzbräunlich aus Sibirien.« Robert Berge, der dann später das
Vorkommen erwähnt – Wissenschaftliche Beilage Leipziger Zeitung 1899,
Nr. 61, Seite 241 bis 244 und Zoologischer Garten, Band 41, 1900, Seite
129 bis 135 – und sich dabei auf die Bahnsche Angabe stützt, in der
der Erlegung des Tieres zweimal (Seite 10 und 149) gedacht und das eine
Mal dabei seine Erbeutung infolge eines offenbaren Druckfehlers auf das
Jahr 1718 verlegt worden ist (»und sonderlich 1718 ein ungewöhnliches
Raub-Thier, ein Vielfraß gefangen und eingeliefert worden«), spricht
dementsprechend, aber natürlich irrtümlicherweise, von einem
zweimaligen Vorkommen des Tieres.
Ich hielt diese kurzen Darstellungen für notwendig, um zu vermeiden,
daß aus der Klengelschen Notiz etwaige falsche Schlüsse auf den
früheren Tierbestand Sachsens gezogen werden könnten. Einmal
eingebürgerte unrichtige Vorstellungen aber sind ja dann auch immer
schwer wieder zu beseitigen. Wie spuken zum Beispiel heute nicht die
auf keinerlei sichere Unterlagen sich stützende Angaben von Heinrich
Meschwitz in seiner sonst so schönen »Geschichte der Dresdner Heide«
umher, der diese in der Vergangenheit unter anderen von Biber, Storch,
Reiher, Kranich, Trappen usw. bevölkert gewesen sein läßt, also von
Tieren, von denen zum mindesten für einen Teil das Vorkommen in der
Heide völlig ausgeschlossen ist (Biber, Trappe! usw.).
Der Wanderfalke in Sachsen
Von _Rud. Zimmermann_
Mit Abbildungen nach Aufnahmen des Verfassers
Sachsens stattlichster Nachtraubvogel, der königliche Uhu, wie
Altmeister Naumann ihn nennt, gehört unserm Vaterlande seit nunmehr
fast fünfzehn Jahren als Brutvogel nicht mehr an, – er ist ein Opfer
der erlittenen scharfen Nachstellungen und blindester Jagdleidenschaft
geworden; der letzte in der Sächsischen Schweiz auf Postelwitzer
Revier horstende Vogel unsrer Art wurde, wie Richard Heyder in seiner
»~Ornis Saxonica~« mitteilt, 1910 von einem Bergsteiger mit dem
Revolver totgeknallt!! Die Sächsische Schweiz und das Zittauer Gebirge
gewährten dem Vogel die letzten Wohn- und Horstplätze im Sachsenlande;
im Zittauer Gebirge war er nachweisbarer Brutvogel etwa bis um das Jahr
1906 und in der Sächsischen Schweiz nur ereilte ihn, wie wir schon
gehört haben, das Schicksal etwas später. Sein Verschwinden ging,
nachdem er einmal spärlich geworden war, allerdings ziemlich rasch
vor sich; um 1892 etwa horstete er auf Rosenthaler Revier linksseitig
der Elbe das letzte Mal, um 1904 verschwand er rechtsseitig auf
Mittelndorfer und 1906 auf Hohnsteiner Revier, bis dann wenige Jahre
später der letzte brütende Uhu in der obengeschilderten Weise auf
Postelwitzer Revier endete.
Das Schicksal, das den Uhu betroffen hat, wirft in gefahrdrohender
Weise seine Schatten auch auf den letzten kleinen Restbestand unsres
schönsten und kühnsten Tagraubvogels, des _Wanderfalken_. Einst –
ganz ähnlich wie auch der Uhu – viel weiter im Lande verbreitet
und auch in den nordsächsischen Tieflandsgebieten daheim, dessen
ausgedehnte Waldungen ihm günstige Horstgelegenheiten boten, umfaßt
sein Brutbestand heute nur einige wenige Paare, von denen das eine
(das einzige Ostsachsens überhaupt) im Zittauer Gebirge am Oybin
horstet und erfreulicherweise von der Stadt Zittau, auf deren Gebiet
sich der Horstplatz befindet, unter Schutz gestellt worden ist,
während die übrigen dem Lande noch angehörenden Brutpaare in der
Felsenwildnis der Sächsischen Schweiz ihre Jagdgründe und Brutplätze
besitzen. Nach _Heyder_ horsteten bei Abschluß seiner im Jahre 1916
erschienenen »~Ornis Saxonica~« nach den Auskünften der dabei in Frage
kommenden Staatsforstrevierverwaltungen auf Postelwitzer Revier fünf,
auf Mittelndorfer, Ottendorfer und Hohnsteiner Revier rechtsseitig
der Elbe sowie auf Rosenthaler Revier linksseitig derselben je ein
Paar Wanderfalken. Diese Zahlen, die wohl schon damals nur noch
einen Abglanz von dem Einst boten – von Üchtritz beispielsweise
bezeichnet 1821 den Wanderfalken als »gemein« für unser Gebiet –
dürften heute nicht ganz mehr stimmen und sich in den letzten Jahren
weiter zuungunsten des Vogels verschoben haben; der eine oder andere
der damals noch vorhandenen Horstplätze mag jetzt verwaist und
seine Bewohner aus dem Gebiete verschwunden sein. Von den genannten
Revierverwaltungen meldeten mir für das letzte Jahr Rosenthal ein,
Ottendorf ein bis zwei und Postelwitz zwei bis drei Paare, während
Hohnstein den Wanderfalken als Brutvogel nicht mehr kennt und von
Mittelndorf trotz aller Bemühungen leider keine Auskunft zu erlangen
war. Zu diesen gemeldeten Horstpaaren kommen noch zwei weitere, von
denen das eine Heyder unbekannt geblieben war, so daß wir – die mir
von den Revierverwaltungen gemeldeten Zahlen dürften sich auf Grund
eigener Nachforschungen an Ort und Stelle noch um etwas verschieben
– für die Gegenwart wahrscheinlich mit einem Bestand von sicher
sechs, wahrscheinlich aber sieben oder acht Brutpaaren rechnen dürfen,
gegenüber einem solchen von etwa zehn bei Abschluß der Heyderschen
»~Ornis Saxonica~.«
[Illustration: Abb. 1 =Alter Horststandort des Wanderfalken auf dem
Pfaffenstein=]
Die größte Gefahr für unsern Vogel in der Sächsischen Schweiz besteht
– auch die Mitteilungen der befragten Revierverwaltungen deuten
dies an – im Klettersport; die Bergsteiger ersteigen im Frühjahr
die Horstplätze der »Geier«, wie sie mir gegenüber den Wanderfalken
wiederholt bezeichneten, und nehmen die Horste aus. Ich weiß von
einem solchen, an dem dies in den Jahren vor und während des Krieges
regelmäßig geschah (die »kühnen Geierjäger« haben sich dabei –
selbstverständlich! – auch immer noch photographieren lassen) und
ebenso ist mir von andern Horsten berichtet worden, die noch nach
dem Krieg ausgeräubert worden sind. Es mögen nun freilich in der
Mehrzahl dieser Fälle keine bewußt schlechten Absichten sein, die diese
Horstplünderer leiten, sondern nur die Unkenntnis der Verhältnisse
sie zu ihrem Tun veranlassen; sie kennen den hohen ästhetischen Wert
des Vogels nicht und wissen nicht, daß sie uns durch ihre Handlungen
eines unsrer schönsten Naturdenkmäler berauben, sondern sind vielmehr
noch überzeugt, ein gutes, des »Schadens« des Vogels wegen zu
billigendes Werk geleistet zu haben (um so mehr, als in einem der
älteren mir gemeldeten Fälle der Horst mit ausdrücklicher Billigung der
Revierverwaltung ausgenommen wurde).
[Illustration: Abb. 2 =Horstplatz des Wanderfalken im Polenztal=]
Nur, wer den Wanderfalken kennt, wer ihn schon draußen in seinem Reiche
hat beobachten dürfen, wird ermessen können, welches hervorragende
Naturdenkmal wir in ihm besitzen. Unvergessen z. B. steht mir eine
Begegnung mit dem Vogel an einem Spätherbsttage jenes trüben Jahres
in der Erinnerung, in dem die deutsche Ehre dahinsank und wir unsers
Reiches Größe begraben mußten. Ich war an den Frohburg-Eschefelder
Teichen gewesen und wanderte dem waldgelegenen, stillen Vaterhause
zu. Aufgeblockt auf einer einsam im weiten, freien Felde stehenden
Kiefer, die als schwarze Silhouette vor einem trübroten Herbsthimmel
mit sturmgejagten, regendunklen Wolken stand, saß einer unsrer
wundervollen, kühnen Räuber der Lüfte – ein Bild, so schön und die
Sinne gefangennehmend, daß hinter ihm, für kurze Zeit wenigstens, das
ganze Elend einer toll gewordenen Zeit verschwand. Und unverwischbar
in der Erinnerung haben sich dann auch wieder Beobachtungen
des Wanderfalken eingegraben, die ich im Frühjahr 1921 auf dem
Pfaffenstein, einem seiner Horstplätze in der Sächsischen Schweiz,
machen konnte. Mit einem warmherzigen, naturfrohen lieben Freund aus
Sachsens unruhevollster Fabrikstadt hatte ich mich dort getroffen, und
fast drei Tage lang konnten wir uns dann an dem fesselnden Leben und
Treiben der eben flügge gewordenen jungen Wanderfalken erfreuen. Auf
den Felskegeln und Felsleisten des Steines hockten sie, rufend und von
Zeit zu Zeit die Schwingen in kurzen, aber wunderbaren Flugübungen und
Flugschwenkungen erprobend. Tauchte dann in der Ferne beutebeladen
einer der Alten auf, so stürmten die Jungen ihm entgegen, bettelnd und
dann im Flug die von dem Elternvogel fallengelassene Beute erhaschend.
Einmal sah ich dabei ein Bild, wie es sonst wohl nur wenige zu sehen
bekommen. Der alte Vogel hatte die Beute fallengelassen, der an
seiner Seite fliegende junge sie aber nicht aufgefangen. Senkrecht
sich fallenlassend, stürzte ihr da der alte Vogel nach, und, sich
überschlagend, daß er dabei auf dem Rücken zu liegen kam, fing er sie
auf, ließ sie – in normale Fluglage zurückgekehrt – von neuem fallen,
folgte ihr wiederum im Sturzfluge, um sie wie in der eben geschilderten
Weise auf dem Rücken liegend wieder zu erhaschen, und wiederholte
dieses, wie eine direkte Schauleistung wirkende flugkünstlerische Spiel
fünf- oder sechsmal, so daß der Vogel geradezu wie ein in der Luft
rasend umherwirbelndes Rad anmutete.
[Illustration: Abb. 3 =Junger, flügge gewordener Wanderfalk=]
Sollen wir nun tatenlos zusehen, wie dieser schöne Vogel, dem wir
unter den sächsischen Raubvögeln keinen zweiten an die Seite stellen
können, rettungslos seinem Untergang zueilt, auf das wir in wenigen
Jahren vielleicht schon auf ihn das »Es war einmal« des Märchens
anwenden können? Nein! Der Schreiber dieses nimmt gegenwärtig im
Auftrage des Vereins sächsischer Ornithologen und mit Unterstützung
des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz eine Bestandsaufnahme des
Wanderfalken in der Sächsischen Schweiz vor, die dann die Unterlagen
für den bereits eingeleiteten, umfassenden und hoffentlich von einem
dauernden Erfolg begleiteten Schutz unsres »~Falco peregrinus~« bilden
sollen.
In der Zeit der schweren Not
Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch
»Anna Elisabeth hieß sie, nicht Rosina Rebekka. Mensch, wann wirst du
unsre Familiengeschichte endlich mal beherrschen lernen! Die Großmutter
von der Urgroßmutter, die bei euch überm Kanapee hängt. Das ist doch
so einfach! – – Wie’s eigentlich sich zugetragen hat? Nu, dabei war
ich nicht, denn man schrieb das Jahr 1720. Ein Sonntag war’s, kurz vor
Silvester unter der Predigt. Da waren dazumal nicht zu viel Leut’ auf
der Gasse, denn Kirchgang war Pflicht eines rechten Christenmenschen
und der Herr Oberpfarrer von Schellenberg merkte sich’s, wenn einer
gar zu selten erschien. Draußen auf den Gassen standen die Röhrbrunnen
dick im eisigen Strohpanzer und die Sperlinge saßen dickaufgeplustert
in dem bißchen Morgensonnenschein – eine Bärenkälte war’s wieder
einmal im Lande. Das mochte auch der Meister Petz im Schloßzwinger
fühlen und er beschloß, sich mal ein wenig Bewegung zu machen, wo noch
dazu heute das Gatter offen stand. Eins – zwei – drei – hopla, da
war er oben, schüttelte sich den Pelz sauber zurecht und trollte die
Schloßgasse hinunter ins Städtel. Kein Mensch ist ihm begegnet, nur
die lahme Großmutter vom Meister Lohgerber, die ganz allein zuhause
war und im Lehnstuhl am Fenster über ihrem Dresdner Gesangbuch
saß, sah auf einmal eine dickvermummte Gestalt vor dem Nachbarhaus
sitzen und immer nach dem grünen Wirtshauskranz schlagen, der dorten
heraushing. Aber wer der dicke Kerl eigentlich war, bekam die Alte
doch nicht heraus, dieweilen ihr Augenlicht ja schon gar schwach war.
Petz aber trabte weiter und in der nächsten Gasse verschwand er im
Hausflur. Finster war’s hier, und er brummelte ein bißchen unwillig
über die mangelnde Flur- und Treppenbeleuchtung, dann aber gab eine
Türe vor seiner stoßenden Nase nach, und er war in der Wohnstube der
Bürgersleute. Menschenleer auch hier alles, aber im Winkel dort stand
ein hölzernes Ding auf breiten Kufen. Das fing lustig an zu schwanken,
wie der Bär mit der Tatze danach langte und alsbald erscholl aus dem
Innern des Kastens ein schwaches Geschrei; der kleine Kerl in der
Wiege war munter geworden. Zuerst wunderte sich der Braune ein wenig,
dann aber macht’ ihm die Sache Vergnügen und er fing immer kräftiger
an, die Wiege zu treten. Da gab’s denn nun wohl bald ein lautres
Geschrei bei dem Insassen, also, daß sich auf einmal die Tür auftat
und Anna Elisabeth Hungerin auf der Schwelle stand – deine Ahne,
Mensch! Die war heute nicht in der Kirche gewesen; hatte vielmehr ein
kräftig Wochensüpplein zu der Frau Schulmeisterin getragen. Auf dem
Heimweg dann hatte sie das Kindergezeter gehört und war in die Stube
getreten. Muß ein tapferes Weiblein gewesen sein, die Urahne, denn
alsbald ist sie mit ihrem Stecken auf den Braunen losgegangen und hat
ihm das Fell zu gerben begonnen. Vielleicht war’s mehr das Geschrei
als die Schläge – aber jedenfalls ward der Ausreißer zornig, ging
vorne hoch und dann sauste seine Pranke auf das Haupt der Angreiferin
nieder. Dann hat er sie in Stücke gerissen und sich auch nicht durch
die heimkehrenden Kirchengänger stören lassen, bis ein Musketenlauf
zum Fenster hereinklirrte und die Kugel ihm das Lebenslicht ausblies.
Seinen Schädel kannst du jetzt noch am Augustusburger Schloßtor dir
ansehn. Na, weißt du nu, wie’s zugegangen?«
Krach, saust es auf einmal zwischen uns zwei müde Jägersleute
hernieder, die wir eben von weiter Morgenbirsch heimkehren und uns den
Weg durch alte Geschichten kürzen. Ein vertrockneter Astzacken aus den
hohen Kiefernwipfeln über uns!
»Ha, ha,« lacht der Vetter, »mein märkischer Wald mag es nicht leiden,
daß ich so viel hier von Kursachsen spreche. Glaub’s wohl, der Zipfel
hier, so nah’ an der kursächsischen Grenze, ist den preußischen Königen
gerad’ zur Zeit unsres Familienabenteuers oft ein Dorn im Auge gewesen.
Die langen Kerle aus Potsdam rissen nur gar zu gern hier herüber
aus in die sächsischen Dörfer. Und der sächsische Kurfürst wieder
mußte sich ärgern über die vermaledeiten Werber, die gerade auch von
hier aus bei ihm einfielen und Jagd machten auf seine Landeskinder.
›Totschlagen die Kerle, wo sie erwischt werden‹, war die Parole auf
kursächsischer Seite, da alle diplomatischen Vorstellungen in Berlin
nichts fruchteten. Aber na, da ist ja das Forsthaus – wünsche wohl zu
ruhen, liebwerter Herr Vetter.«
Es will gar nicht recht klappen dies Jahr mit der Birsch auf den
Keiler, und an manchem Abend sitzt der Vetter, der mich liebend gern zu
Schuß bringen möchte, auf dem ehrwürdigen Kanapee, pafft wie ein Vulkan
und nimmt nicht die geringste Notiz von Waldine und Hexe, den beiden
Dackeln, die rechts und links von ihm Schönmännchen machen. Da hilft
dann gewöhnlich nur ein Mittel, ihn aufzuheitern: ein Abstecher in das
Gebiet der Familiengeschichte. Es ist beinahe rührend, diesen so weit
von der Heimat verschlagenen Menschen zu beobachten, wie er auflebt,
kann er sich ein wenig in die Vergangenheit seiner und meiner Familie
versenken und einmal nach Herzenslust plaudern von unsern Ahnen, den
alten Freiberger Glockengießern Hilliger zumal, auf die er besonders
stolz ist. Da ziehen sie vorüber im Tabaksnebel des märkischen
Forsthauses, die stolzen, alten Patrizier aus der hochberühmten
Silberstadt, die Trainer, die Theler, die Monhaupt, die Schönlebe, und
der Vetter klirrt förmlich durch die Stube, wenn er von Wenzel von
Allnpeck erzählt, der 1396 vor Nikopolis gegen den Türken fiel.
Der Vetter hat übrigens unrecht, wenn er gestern gar so sehr auf sein
Revier schimpfte, das mir kein Weidmannsheil bringen will. Ich fühl’
mich gar wohl hier auch ohne Bruch am Hut, und er, nun er liebt seinen
Wald hier in der dürren Zauche mit aller Kraft seines treuen Herzens.
Unvergeßlich wird mir die Überraschung bleiben, die ich am zweiten
Abend hier erleben durfte, als mich der Vetter durch die rotbestrahlten
Altkiefern hinunterführte und ich dann auf einmal am Ufer eines
gewaltigen Sees stand, am Schwielow, dem Sohne der Havel, dessen
Geburtsstunde in stürmischer Springflutnacht uns der kurmärkische
Wandersmann Theodor Fontane so eindrucksvoll schildert in seinem Buch
»Havelland«. Ruhevoll gleiten ein paar Segel auf der Höhe dahin, aber
auf dem modrigen Grunde liegen, so erzählt es der Vetter, die Trümmer
manch eines Lastkahnes, und kalt rieselt es mir über den Rücken,
denke ich an das Abenteuer, das ein Bekannter in der Heimat in seinen
Jugendjahren hier auf dem Schwielow erlebt hat.
Von Potsdam aus waren die zwei jungen Leute in der Mondnacht die Havel
hinabgefahren im leichten Ruderboot. Auf dem Schwielow dann hatten sie
Lust bekommen, ein Bad zu nehmen im sommerwarmen Gewässer. Gedacht,
getan! Bald schwammen sie lustig im See herum, über den der Vollmond
seinen goldnen Steg baute. Nach einem Viertelstündchen rüstigen
Schwimmens beschloß man, zum Boot zurückzukehren. Man machte Kehrt
und schwamm auf die Stelle zu, da man ins Wasser gesprungen. Hell
war die Luft und leuchtend hüpften die Wogen – aber das Boot, das
Boot war weg. Herr des Himmels, wo war der Kahn hin? So hoch sich die
Schwimmer aus dem Wasser hoben, überall rundum nur glitzernde Hügel,
dahinter schwarzes unübersehbares Wasser. Guter Rat war teuer. Man
wußte nicht einmal mehr, wo man sich befand; was Nord war oder Süd.
Schwamm man jetzt quer zu dem See, so war’s eine Stunde noch nach
Baumgartenbrück; teilte man die Wogen in der Längsrichtung, so waren
es zwei Stunden bis hinunter nach Ferch. Und die Kräfte nahmen schon
jetzt merklich ab! Mein Bekannter schlug vor, zunächst einmal immer im
Kreise zu schwimmen, das Boot konnte ja nicht weit abgetrieben sein.
Ach, gering war die Hoffnung, immer mehr kostbare Kraft ging verloren.
Da auf einmal hemmt ein dröhnender Stoß an den Kopf den müdewerdenden
Schwimmer – das Boot ist es, das Boot – unsehbar treibt das dunkle
Gefährt zwischen den glitzernden Springwogen. – – –
Eine Reise tut man ja wohl, um zu erkennen, daß es in der lieben Heimat
am allerbesten ist. So bin ich denn auch von Herzen froh, wie ich bei
Großenhain wieder auf sächsischen Schienen dahinrolle. Aber ach, was
hat sich während der stillen Urlaubswochen alles ereignet. Die fremden
Völker sind eingefallen im lieben Dresden, jetzt, da die Reichsmark so
tief gesunken und das Leben in Deutschland so angenehm geworden ist
für einen, der »Valuta« besitzt. – Gottlob, alles können sie uns doch
nicht wegtragen! Wir haben noch Werte im Lande, nach denen keiner der
Fremden greifen mag, weil sie seiner Seele eben nichts bieten. Uns
aber gelten sie hoch und teuer, höher als alles kostbare Pelzwerk,
höher als alle Perlenschnüre und Diamantringe. Unsre Heimatflur ist
es, unsre stillen Dörfer und kleinen Städte draußen zwischen Heide,
Wasser und Bergland. Dorthin kommen sie nicht, die Hochvalutarier,
und gerade daran kann ein Herz sich stärken und genesen, das fast
zerbrechen will manchmal in dem Jammer der Zeit und in dem Drang einer
verzweiflungsvollen, hoffnungslosen Arbeitslast. Sieh’, so ein Abend
auf der Kuppe eines grünumbuschten Heimatberges etwa, mit dem Blick
hinaus auf den unendlichen Frieden der stillen Flur, er ist dir doch
hier und da einmal beschieden, und wenn du es früher nicht so gewußt
hast in den »guten« Jahren, da du verreisen konntest nach Nord und Süd,
so weit du nur wolltest, jetzt fühlst du es mit einem Glücksgefühl ohne
Gleichen: deine Heimat ist dir geblieben und sie tröstet dich heut, wie
einen seine Mutter tröstet. Du erhebst dich voll Dank gegen Gott, aber
du möchtest auch selbst etwas tun, um dich der gebliebenen Gabe wert
zu zeigen, du sinnst vielleicht, wie du es anfangen sollst. Da kommt
dir ein guter Geist zu Hilfe und flüstert ein Wort in dein Ohr, das
klingt so traulich und hold wie ein Kinderliedchen zur Weihnacht und
wie ein Abendlied in blühender Laube – »Heimatschutz« heißt es, das
Wort! In die Stadt kehrst du heim; in eine Altdresdner Gasse lenkst du
den Schritt, vor ein Haus mit hallendem Flur und dunkelnden Stiegen.
Du klopfst an der Tür, man tut dir auf und auf einmal ist dir’s so
wohl, so heimlich unter den Menschen, die da in später Stunde noch
schaffen. Im Heimatschutz bist du hier, Freund, beim Treuhänder all der
ungeheuren Goldschätze, die du auf deiner Streife soeben erst geahnt
hast. Unverdrossen arbeiten sie hier, die Werkleute, mit Liebe zu ihrer
Sache im Herzen, und immer einmal huscht dann und wann nach getanem
eignen Tagewerk noch einer der Mitkämpfer über die Schwelle, einer aus
den Ausschüssen, aus dem Gesamtvorstand. »Unser aller Leben ist reicher
geworden, meine Freunde, seit wir dem Heimatschutz dienen,« so sprach
einer der unsern, ein Junggebliebner im schneeweißen Bart, erst vor ein
paar Monaten es aus. Damals saß er auch noch unter uns, Freude im Blick
und heitre Rede auf den Lippen, unser Führer, den wir im Spätjahr auf
immer verloren, aber dessen Geist weiter unter uns wirkt und wirbt,
und dessen Andenken in Segen bleiben wird unter uns – Karl Schmidt,
der getreue Eckart der Heimat. Schöner als aus Menschenmund tönt ihm
sein Lob im Rauschen der alten Bäume draußen im Land, die er vor der
Axt bewahrt hat und im Sprudeln des Baches, den er vor Schändung durch
giftige Abwässer behütet. Er ruhe in Frieden – sein Werk ist sein
schönstes und bleibendstes Mal!
Ja, nicht undankbar wollen wir sein. Manch stille gute Stunde hat uns
Heimatfreunden das Jahr 1922 doch auch noch gebracht. Wie denke ich
da heute so gern an den Tag in der Adventszeit, da ich den Markt zu
Stolpen hinanklettern sah nach der Burg mit seinen rührenden Häuschen,
auf denen der rote Morgensonnenschein lag, und an dem ich durch die
stillen Gassen schritt, bis hin zum grünüberwucherten Tor. Hier war
es auch, wo ich eine nicht unbedeutende Neuerwerbung machte, die für
den Heimatfahrer beinahe so wichtig ist, wie ein Gaul für den Reiter
– einen neuen Wanderstab! Seit vorigem Spätjahr fehlte mir einer
– gar zu rasch war die Flucht aus dem Jagdwagen vor sich gegangen,
drüben im Meißner Tiefland, als uns auf der offnen Bahnstrecke vor
der großen Kurve auf einmal die glühenden Augen des Dresdner Zuges
entgegensprühten, und als dann in übelangebrachter Pflichtnachholung
der Blockwärter die Schranke gerade herunterließ, als wir im Galopp
über die Schienen jagen wollten. Gott Lob konnten wir das Pferd noch
aufs Nebengleis herumwerfen und das brave Rößlein hielt auch ruhig den
vorbeischmetternden Zug aus – aber mein alter Hakenstock war bei der
Geschichte verlorengegangen! Schwächlich nur war der Ersatz gewesen aus
fremdem Rebenholz; einen richtigen Eichenstock mit Buckeln, Krümmung
und Knoten kriegt man, glaub ich, in der Großstadt gar nicht. Hier nun
in Stolpen fand ich ihn, fest und stark, wie für Geschlechter berechnet
in seiner tiefdunklen Edelfärbung. Und ich hoffe allen Ernstes, er
soll sich in meinem bescheidnen bürgerlichen Familienkreis vererben,
wie die hirschlederne Reithose des ritterlichen Dichtersmannes aus dem
Stamm der Münchhausen. Wenigstens einer meiner Nachfahren wird doch mal
ein Jäger sein und ein Wandrer, wie sein Ahn, und dann werden sie sich
auch erzählen von der Zeit der schweren Not, da dieser Stecken erworben
ward für vierhundertundfünfzig Reichsmark, eine Summe, um die sie dann
hoffentlich wieder im deutschen Land eine Kuh kaufen können mit Kalb,
denn Bauer soll doch auch wieder mal einer werden von ihnen!
Mit dem Stock in der Hand hoff’ ich aber vorher noch selbst manche
Straße zu ziehen im lieben Heimatland, noch manch stillen Birschgang
zu machen im Heimatwald, dessen grüne Hallen sich erst kürzlich mir
wieder geöffnet haben in einem neuen, schönen Revier voll reicher
heimatgeschichtlicher Erinnerung – – – ich glaube wahrhaftig, ich
bin doch noch recht reich, selbst in der Zeit der schweren Not!
Hiddensee, die Insel der Heimatsehnsucht
Von _A. Klengel_
Mit Aufnahmen des Bundes für Vogelschutz, Stuttgart
Draußen in der Ostsee, der Insel Rügen westlich vorgelagert, liegt das
siebzehn Kilometer lange und sehr schmale Eiland Hiddensee, erst seit
wenigen Jahren ein Reiseziel erholungsbedürftiger Naturfreunde.