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Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
1 bis 3
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XII
_Inhalt_: Im Zauber des Erzgebirges – Kurt Arnold Findeisen – Auf
der Schwelle des Erzgebirges – Der Vielfraß in Sachsen – Der
Wanderfalke in Sachsen – In der Zeit der schweren Not – Hiddensee,
die Insel der Heimatsehnsucht – Unsre Elbvögel, einst und jetzt! –
Der Kiebitz als Brutvogel im Moritzburger Gebiet – Die Sageneiche
am Ölteiche zu Kohren – Die Grabentour – Sächsische »Schweiz«? –
Bücherbesprechung
Einzelpreis dieses Heftes M. 2500.--, Bezugspreis für einen Band
(aus 12 Nummern bestehend) M. 9000.--, für Behörden und Büchereien
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Dresden 1923
An unsre geehrten Mitglieder!
In den letzten Tagen haben wir um Einsendung eines Notbeitrages von
1000 M. für Einzelmitglieder, 5000 M. für körperschaftliche Mitglieder
gebeten, und wir haben so viel ansehnliche Beträge aus freiem Ermessen
erhalten, daß wir die feste Zuversicht haben, daß, wenn alle noch
ausstehenden Beiträge eingehen, wir in der Lage sein werden, den Verein
und seine Werke durchzuhalten. _Die vielen Einsendungen, die noch
ausstehen, müssen aber unter allen Umständen eingehen, und deshalb
bitten wir alle diejenigen, die unsrer Bitte noch nicht nachgekommen
sind, dies umgehend zu tun und zur Einsendung die Zahlkarte zu
benutzen, die unsrem Rundschreiben beilag, das wir in den letzten Tagen
des Februar an alle unsre Mitglieder versandten._
Aus dem vorliegenden Heft bitten wir zu entnehmen, daß es ohne die
geringste Einschränkung in der alten Ausstattung, wie unsre Hefte
seit 1908 erscheinen, hergestellt worden ist. Auch daraus bitten wir
unsre verehrten Mitarbeiter, Mitglieder und Freunde zu ersehen, daß
unsre Hoffnungen auf das Durchhalten unsres Vereins nicht trügerisch
sind, sondern daß bei uns nicht nur der feste Wille dazu besteht,
sondern auch die sicheren, wohldurchdachten und berechneten Grundlagen
vorhanden sind, das gesteckte Ziel zu erreichen.
Wir bitten, die beiden letzten Umschlagseiten dieses Heftes zu beachten
und uns im weiteren Kampf um das Bestehen des Vereins zum Besten von
Heimat und Volk nicht im Stich zu lassen. Wir danken aufrichtig und
herzlich für alle Mitarbeit, für alle Hilfe; der schönste Dank ist das
Durchhalten der Bewegung, des Vereins in schwerster Zeit.
Mit deutschem Gruß!
Landesverein Sächsischer Heimatschutz
=O. Seyffert=, =Michael=,
Hofrat, Professor Oberregierungsrat
März 1923
Band XII, Heft 1/3 1923
[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Dresden]
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
herausgegeben
Abgeschlossen am 1. Februar 1923
Im Zauber des Erzgebirges
Von _Hans Hänig_ (Wurzen)
Worin besteht eigentlich der Zauber des Erzgebirges?
Ich habe es seit länger als zwei Jahrzehnten nach allen Richtungen
durchstreift, ich bin auf tausend Pfaden gegangen, an denen die
große Menge achtlos vorbeigeht und habe einsame Bäche in ihrem Laufe
verfolgt, die in irgendeinem Winkel des Hochwaldes ihren Ursprung
nehmen. Ich habe beinahe auf allen Hochwarten gestanden, die das
Gebirge aufzuweisen hat, und immer hat es mir wieder Neues und
Seltsames geboten. Es muß wohl die Menschenseele sein, die hier in den
Höhen und Tiefen der Landschaft ihre Geheimnisse wiederfindet.
Seitdem ich das erstemal auf einer Höhe des Gebirges stand, um die
Blicke nach dem Wogen von Bergen und Tälern hinüberschweifen zu lassen,
durchwanderte ich einen großen Teil von Deutschlands Gauen, und das
Schicksal verschlug mich auch in andere Teile Europas – aber alles,
was ich da fand, das finde ich vereint in meinem Erzgebirge wieder.
Der Wald- und Moorreichtum des westlichen Gebirges versetzt mich immer
wieder zu den Höhen des Böhmerwaldes, wenngleich von dessen Gipfeln
die Aussicht vielleicht noch weiter und umfassender ist, aber das
schwermütige Bild zu den Füßen des Beschauers ist noch dasselbe und mir
ist, als müßte dem Erzgebirge noch einmal ein Dichter wie A. Stifter
erstehen, der seine Schönheit im Innersten zu erfassen vermag. Die
Burgruinen und bewaldeten Kuppen am südlichen Steilabfall des Gebirges
vermögen dem Wanderer einen Augenblick rheinische Landschaften vor
das Auge zu zaubern. Das Waldgebiet um den Teufelsstein im oberen
Schwarzwassertal zeigt Fichtelgebirgsstimmungen, und die langen Linien
des stilleren östlichen Gebirges werden ihn an die Landschaften der
Eifel und des hohen Venn erinnern, die besonders im Herbst einen
so eigentümlich schwermütigen Eindruck machen. Mit dem Hochgebirge
hat das Erzgebirge nur wenig Gemeinsames, und doch finden sich auch
hier Berührungspunkte: der Greifenstein ist eine gute Schule für
angehende Kletterer, und der Gebirgskamm am Fichtelberg und Keilberg
trägt wie der alpine Steig im Schwarzwassertal bei Aue einen echt
alpinen Charakter wie vielleicht wenig andere Gebirgslandschaften in
Deutschland.
Ich habe diese Täler und Höhen zu jeder Zeit des Jahres beobachtet:
wenn der Frühling die Gebirgsbäche schwellt oder wenn Sommertagszauber
auf den Bergstädten und Halden liegt. Vielleicht ist auch hier der
Herbst am schönsten, und die klare, reine Luft läßt dann Einzelheiten
hervortreten, die durch die Schwüle des Sommers nur allzuoft verwischt
waren. An solchen Tagen hebt sich jedes Baumblatt in klaren Umrissen
vom Horizonte ab und dahinter ein Stück altersgrauer Fels, bis auch
dieser wieder in das brennende Feuer der Abendröte getaucht ist. Dann
wird die Freude an den tausend kleinen Entdeckungen, die der Wandrer
bei seinen Fahrten macht, zur Andacht – zu der großen, stillen
Andacht, die den Menschen im Innersten seine Verwandtschaft mit der
Natur ahnen läßt.
Oft lag der Mittagszauber über dieser Erzgebirgsnatur, und die Linien
des Gebirges lösten sich in der Schwüle auf, die über Tälern und
Wäldern lag. Das Mittagsgespenst geht um und drückt Menschen und Tiere.
Die Halden liegen einsam und versonnen, und in den Bergstädten schläft
man ein Stück in den Nachmittag hinein. Wer in solchen Zeiten in der
Natur ist und ihrem Weben nachgeht, den umfängt ein geheimnisvoller
Schauer, den Schwind in seiner Mittagsfrau unnachahmbar zum Ausdruck
gebracht hat. Aber mich soll sie heute nicht abhalten, immer mehr in
die Fichtelgebirgsnatur hineinzuwandern, die sich hinter Mittweida
auftut. Die Mühle, die hier am Eingange des oberen Mittweidaer Tales
eingebettet ist in lauschiger Einsamkeit, soll mein erstes Ziel sein.
Schon vor Jahren hatte es mich öfter in diese Gegend gezogen, als ich
eines Nachmittags die Crottendorfer Kirche entdeckte. Inmitten dieser
Erzgebirgsnatur, umrahmt von den Vorhöhen des Fichtelberges ein Stück
Kunst hinter den altersgrauen Mauern, wie es selbst der farbenfrohe
Südländer sich nicht besser wünschen könnte. Ein prachtvoller alter
Holzaltar, die Decke getäfelt und selbst an den Wänden und Emporen
Bilderschmuck – so wird das Ganze dieses Kirchleins zu einer inneren
Anregung für den Besucher, wie sie unsre protestantischen Gotteshäuser
leider nur allzuoft vermissen lassen und wie sie doch gerade in unsrer
hastenden Zeit so wohl tut. Ob uns wohl etwas mehr Farbenfreude in
unserem arm gewordenen Deutschland schaden würde?
[Illustration: Abb. 1 =Kirche zu Crottendorf=]
Hinter der Bahnstation von Mittweida beginnt das eigentliche Tal, das
sich von hier bis zum Fichtelberg selbst hinzieht. Während der ersten
Wegstunde immer dasselbe Bild: drunten am Bach ein paar Häuser oder
eine Papier- und Sägemühle – dahinter weite Waldbestände, die, je
höher man hinaufkommt, desto mehr den Blick gefangennehmen und die
Gedanken an nichts anderes aufkommen lassen. Hinter der Wolfner Mühle,
die noch einmal an einer Talgabelung liegt, tritt der Wald so nahe
heran, daß nur noch die Mittweida und eine Waldstraße durch das Tal
führen. Dann hören auch die letzten Ansiedlungen auf, und die große,
feierliche Stille der Natur beginnt. Die umliegenden Höhen senden
ihre Blöcke und Kuppen vor, die über dem Waldreichtum Wache halten.
Der Weg zieht sich immer weiter zur Höhe hinan und täuscht doch immer
wieder, indem er weitere Ausblicke eröffnet – es ist, als wollte der
Wald hier kein Ende nehmen und als sollte niemand wieder aus seinem
Bann herauskommen, der sich einmal hinein begeben hat. Endlich, als
sich schon der Fichtelberg selbst wie ein Wächter dieser Landschaft
emporreckt, teilt sich der Weg, indem ein Pfad gerade an dem Abhang
emporführt, während ein anderer sich oberhalb der Tellerhäuser mit dem
sogenannten Prinzenweg vereinigt. Die Mittweida selbst entspringt nicht
weit vom Unterkunftshause, und man hat somit Gelegenheit, das Werden
und Wachsen dieses kristallenen Baches bis zu seiner Mündung in das
Schwarzwasser zu verfolgen.
[Illustration: Abb. 2 =Inneres der Kirche zu Crottendorf=]
Wer es kann, wandere diese einsame Straße, wenn im November das
Abendrot hinter den Bäumen hängt und aus dem Waldbereich einsame Feuer
emporsteigen. Er wird hier ein Stück Naturmystik finden wie selten im
Erzgebirge, und er wird aus solchen Fahrten neue Erholung und Kraft
schöpfen. Jene Kraft, die uns mit der Natur selbst verbindet und die
unser armes Volk gerade in den jetzigen Tagen so nötig hat.
Anmerkung
Nach der Mitteilung des Herrn Pfarrers Merz in Crottendorf hat
wahrscheinlich schon im dreizehnten Jahrhundert an der Stelle der
heutigen Kirche dieses Dorfes eine frühere gestanden, deren Größe
noch heute an dem Nordgiebel des Kirchbodens zu sehen ist. Am fünften
Sonntag nach Trinitatis 1539 wurde hier wahrscheinlich von dem Pfarrer
Abraham Schroot (oder Adam Schrott) die erste evangelische Predigt
gehalten. Die jetzige Kirche wurde 1654 geweiht. Der schöne Altar,
der neben der kunstvollen Holzdecke einen Hauptschmuck der Kirche
bildet, wurde von dem Freiberger Bildhauer Theodor Meyer begonnen und
nach seinem Tode in Crottendorf von seinem Eidam 1698 vollendet und
1699 geweiht. Die Kanzel ist ein Werk des Annaberger Meisters Andrä
Götze und ist zweimal, 1883 und 1896 erneuert worden. Neben der Kanzel
steht ein alter Flügelaltar, der in gleicher Höhe rechts auf dem Bilde
sichtbar ist. Ferner sind noch zwei Ölgemälde, Bildnisse der Kurfürsten
Johann Georg I. und Johann Georg II., des letzteren in jugendlichem
Alter, vorhanden, dazu rechts und links von den beiden Emporen Ölbilder
mit Darstellungen aus dem alten und neuen Testament, die sehr alt und
noch gut erhalten sind. Der Taufstein ist aus Crottendorfer Marmor
hergestellt.
Kurt Arnold Findeisen
Von _Otto Eduard Schmidt_
Am nächsten 15. Oktober vollenden sich vierzig Jahre, seit Kurt
Arnold Findeisen im sächsischen Zwickau geboren wurde. So liegt die
Jugendzeit hinter ihm, das männliche Alter beginnt und damit ist der
rechte Zeitpunkt gegeben, einen Rückblick auf das Schaffen des Dichters
anzustellen und – soweit es ein Menschenauge vermag – einen Ausblick
auf seine Zukunft zu wagen. Aus einer Familie stammend, die Juristen,
Schulleute, Forstbeamte hervorgebracht hat, trat er als Sohn eines
Kohlenschachtbuchhalters ins Leben, seine Mutter war eine ehemalige
Kleinkinderlehrerin. An ihr hing der Knabe mit zärtlicher Liebe; ihr
Bild taucht wie ein sorgsam gehütetes Kleinod in Findeisens Gedichten
immer wieder auf. Seine Schulbildung erhielt er in Dresden, Zwickau und
Schneeberg. Er wurde Lehrer in Mylau, dann in Plauen im Vogtlande.
Durch Teilnahme an Ferienkursen der Universität Jena erweiterte und
vertiefte er sein Wissen und seine Weltauffassung. Findeisen selbst
sagt, daß er erst nach seinen Bildungsjahren zu seiner eigentlichen
Bestimmung erwachte. Das mag wohl sein, aber jedenfalls ist schon
lange, bevor er die ersten Früchte seiner Muse pflückte, tüchtig an
ihm gearbeitet worden und noch mehr wohl hat es in ihm gearbeitet.
Oder wer hat wohl das sinnige Wesen, das ihm von Kind auf eigen war,
die tiefgewurzelte Hinneigung zur Natur und vor allem den stärksten
Antrieb seines ganzen Schaffens, die Sehnsucht, in ihn gepflanzt, wenn
nicht die frühverklärte Mutter? Sehnsucht nach etwas anderem, als dem
gemeinen Alltag trug er schon als Knabe im Herzen, wenn er am »roten
Brückenberg« in Zwickau »im Zittergras stundenlang« träumte, mit der
Sehnsucht in der Seele durchwanderte er in Plauen seine Umwelt und
verliebte sich in die wenigen stillen Gründe und Gartenwinkel, die der
Industrialismus dort übriggelassen hatte, die Sehnsucht begleitete ihn
hinaus auf die vogtländischen Wiesen und erlenumsäumten Bachtäler, über
denen noch der Nachhall der Heimatlieder Julius Mosens schwebte, die
Sehnsucht führte ihn früh zu der Hinterlassenschaft seines Landsmannes
Robert Schumann und zu Wilhelm Raabe, mit dem er noch eine persönliche
Beziehung knüpfen durfte. Und zu der Sehnsucht kam die Parzivalstimmung
»durch Mitleid wissend«, die Heimat und Welt umspannende Menschenliebe,
der zweite Brennpunkt seines Wesens. Das reiche Innenleben drängte
nach außen: er fand eine doppelte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit
für alles, was in ihm lebte, die dichterische und die musikalische.
Die dichterische betätigte er zuerst in weichen Klängen inniger
Heimatliebe, in Liedern und Balladen, die er in Zeitschriften
veröffentlichte. Er selbst gab seit 1912 mit Paul Miller und Emil
Rösler die Monatsschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete«
heraus, die von Anbeginn an durch die auf den Grundsätzen der Romantik
beruhende innere Verknüpfung der Künste hoch über den meisten
Unternehmungen dieser Art stand. Dann riß ihn der Weltkrieg als
Krankenpfleger mitten hinein in die äußere und innere Not unseres
schwer ringenden Volkes. Mitten im Brausen des Kriegssturmes entstand
seine erste Gedichtsammlung »Mutterland« in den zwei Unterabteilungen
»Vogtland« und »Erzgebirge«, die Findeisen später (1922) bei Oskar
Laube in erweiterter Gestalt unter dem Titel »Sachsen, zwei Bücher
Landschaftsgedichte und Balladen« (1. Mutterland, 2. Ahnenland)
herausgab. Niemand kann Findeisen verstehen, der nicht in diesen
von inniger Heimatliebe getragenen, aber zugleich auch die tiefsten
und letzten Fragen des menschlichen Lebens berührenden und lösenden
Dichtungen gründlich zu Hause ist. Ich gestehe, daß ich in diesen
Gedichten seiner ersten Periode das Schönste finde, was Findeisen in
Vers und Reim geleistet hat, und ich möchte wünschen, daß er sich nie
von dieser ihm ureigenen Art zu künstlicheren, vielleicht auch einmal
verkünstelten Gedichten, wie sie sich neben vielem urkräftig Schönen
hie und da unter seinen späteren Gedichten finden (»Aus der Armutei«,
E. Focke, Chemnitz 1919), entfernen möge. Im »Vogtlandslied« und im
»Erzgebirgslied« klingen so herzbewegende Töne, wie sie seit Julius
Mosen kein Obersachse mehr anzuschlagen verstand, aber weit größer
und eindrucksvoller als bei dem älteren Dichter ist bei Findeisen der
musikalische Wohllaut der Sprache:
O ihr Berge meiner Väter,
Träumerisch und tannengrün,
Dran die braunen Hütten kleben
Und die Abendlichter blühn!
O ihr Hänge meiner Heimat!
Tief in Holz und Heidekraut
Hat bei euch sich meine Seele
Ach, ein kleines Nest gebaut.
Für die Krone der älteren Dichtungen Findeisens halte ich die von
ihm ganz frei aus der innerlichsten Anschauung des großen Altars der
Schneeberger Wolfgangskirche und aus dem Erleben der Schneeberger
Weihnachtswoche und der Christmetten ersonnene und gestaltete Ballade
»Der kleine Melchior und das Weihnachtskind«. Aus der gesamten
deutschen poetischen Literatur über das Weihnachtsfest weiß ich dieser
geradezu klassischen Verherrlichung des Christnachtszaubers wegen der
»Fülle der Gesichte« und der brunnengleich quellenden Sprache nichts
Gleichwertiges an die Seite zu stellen. Der dem Dichter wesensverwandte
Maler Alfred Hofmann-Stollberg, hat die Anschaulichkeit der Gedichte
Findeisens durch wundersam beseelte Zeichnungen noch erhöht.
Um dieselbe Zeit erschien auch die erste Geschichtensammlung Findeisens
unter dem Titel »Heimwege« (Konstanz 1918, Verlag von Reuß & Itta),
vier Perlen einer schlichten, aber tief ergreifenden Erzählungskunst.
Am erschütterndsten sind wohl »Der Schulmeister von Dröda«, jene
»sonnenlose Geschichte«, die er dem ehemaligen Lehrer von Papstleithen,
seinem Schwiegervater, künstlerisch gestaltend nacherzählte,
und »Der Wunderbaum«, das in samtweicher Sprache dahintönende,
schmerzensreiche »Hohelied« vom vogtländischen Heimweh, durch das er
die Heimwehstimmungen seines stärksten Vorgängers auf diesem Gebiete,
Julius Mosens, weit übertraf. Sie sind, um vier kleinere Erzählungen
vermehrt, in einer zweiten Auflage unter dem Titel »Der Tod und das
Tödlein« 1921 in Dresden erschienen.
Unterdessen hatte der Dichter, seit 1913 mit Wanda Hildegard Gebauer
verheiratet und Vater eines 1915 geborenen Sohnes, Plauen, die rührige
Hauptstadt des Vogtlandes, mit der sächsischen Landeshauptstadt
Dresden vertauscht. Hier spricht die Kunst im weitesten Sinne des
Wortes und eine lange, spuren- und werkreiche Geschichte des geistigen
und künstlerischen Lebens der Obersachsen noch weit eindringlicher
zu seiner empfänglichen Seele, hier hat er unter dem Einflusse der
unabsehbaren Folgen des Weltkrieges und der Staatsumwälzung neue
Gärungen durchgemacht, die seine Wesensbildung rasch steigerten und
hoffentlich ohne Schädigung seiner natürlichen Eigenart vollenden
werden. Die wichtigste Frucht dieser inneren Kämpfe und Wandlungen
ist die immer stärkere Hinneigung zu der Dichtungsart, durch die
gegenwärtig die kräftigste Einwirkung auf die Stimmung und Gesinnung
des Volkes erzielt wird: zum Roman. Sehr bezeichnend für Findeisen
ist die Wahl der Stoffe. Für ihn gab es kein Schweifen in die
Ferne, sondern, wie er mit allen Fasern seines Wesens in Volk und
Heimat verankert ist, packten ihn mit zwingender Notwendigkeit fast
gleichzeitig zwei obersächsische Stoffe von sehr verschiedener
Art und noch verschiedenerem Ausmaß: Robert Schumann und – Karl
Stülpner. Dem Schumann-Roman gingen zwei Bücher voraus, die die
besondere Befähigung des Verfassers für die Auslegung musikalischer
Werte und musikgeschichtlicher Verhältnisse an den Tag legten: die
bei Dürr in Leipzig verlegten »Klaviergeschichten, Einführungen in
ein volkstümliches Verständnis der Musik« und die schon in zweiter
Auflage gedruckten »Robert Schumanns Kinderszenen auf heimatlichen
Grund gelegt«. Von dem Schumann-Roman, der den Titel trägt »Der
Davidsbündler« ist Weihnachten 1921 der erste Teil »Herzen und
Masken« erschienen, der die Entwicklung Robert Schumanns in Leipzig,
das Leipziger Musikleben jener Zeit und Schumanns dornenvolles
Liebeswerben um Klara Wieck bis zur endlichen Vereinigung mit der
Geliebten schildert. Vieles ist in dem Roman aus den Kompositionen und
dem Briefwechsel der beteiligten Personen und aus dem eindringendsten
Studium der Orts- und Zeitverhältnisse mit feinem Nachempfinden
und sicherem Sicheinfühlen gestaltet, anderes, was der Dichter zur
Ergänzung der trümmerhaften Überlieferung brauchte, ist mit genialem
Seherblick und kraftvoller Phantasie frei erfunden. Man wird aber mit
einem Urteil über das Ganze billigerweise zurückhalten müssen, bis
der Dichter auch den zweiten Teil »Den Weg in den Aschermittwoch«,
den Niedergang und das Erlöschen des leuchtenden Gestirns, das ihm
Robert Schumann bedeutet, dargestellt haben wird. Der Stülpner-Roman
erschien zuerst in einzelnen Stücken in der »Sächsischen Heimat«, der
von Findeisen herausgegebenen »Zeitschrift für volkstümliche Kunst
und Wissenschaft in den obersächsischen Landen«, dann aber, durch
einige wichtige Kapitel abgerundet, in Buchform bei Grethlein & Co.,
Leipzig und Zürich, zu Weihnachten 1922 unter dem Titel »Der Sohn
der Wälder«. Die Geschichte vom Raubschützen Karl Stülpner, dessen
Bild noch heute in mancher Holzhütte des oberen Gebirges hängt,
von dem ein selten gewordenes Buch mit bunten Kupfern erzählt, das
ich in meiner Knabenzeit voll Begeisterung las, der noch immer als
das beste Kassenstück des sächsischen Puppentheaters gilt, ist der
kräftigste und ergiebigste Stoff, den die erzgebirgische Vergangenheit
für den kommenden Dichter aufbewahrt hat, und Findeisen, in dem die
erzgebirgische Heimat lebt und atmet, der am liebsten selbst in den
Tiefen des Waldes die Schwere und die Unrast der Zeit vergessen möchte,
war der rechte Mann, diesen köstlichen Schatz zu heben und künstlerisch
zu verklären. In Findeisens Stülpnerbuch waltet ein dem Geist der
Romantiker verwandter mystischer Naturalismus, wie wenn Goethe in der
Szene »Wald und Höhle« den Faust zum Erdgeist sagen läßt:
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Sein Stülpner lebt mit Wald und Fels, mit Tier und Blume in innigster
Gemeinschaft, er erscheint selbst als eine Art Erzeugnis der
Waldesnatur und sinkt zuletzt in geheimnisvoller Weise in das Reich
zurück, aus dem er gekommen ist. Man genießt diesen Roman im ersten
Lesesturm wie einen erfrischenden Hauch aus der Zeit unseres Gebirges,
in der es noch in unverfälschter Ursprünglichkeit zum Menschen redete.
Erst beim zweiten und dritten Durchlesen wird man sich der feinen
Kunst bewußt, mit der der Dichter diese Wirkung erzielt. Wie der
Tau eines Frühlingsmorgens liegt Reinheit und Keuschheit über dem
Ganzen. Die Frauenliebe tritt gegen die Mutterliebe zurück, und wo
sie einmal im Vordergrund steht, da spart der Dichter die sinnlichen
Ausmalungen. Dagegen ist der gebirgischen Derbheit reichlich Raum
gegeben, namentlich in der wohlgelungenen Zeichnung des Amtsfrons
Wohllebe und der Genossen Stülpners, der Wildschützen Dotzinger und
Hertzog. Ich stehe nicht an, Findeisens Stülpner-Roman als die echteste
und volkstümlichste Schöpfung zu bezeichnen, die die Dichtung des
Erzgebirges bis jetzt hervorgebracht hat. Damit ist nun auch der Platz
besetzt, den wir mit Bedauern so lange leer gesehen haben. Findeisen
hat, wie schon früher in seiner Lyrik und seiner Ballade, so nunmehr
auch im Roman die Bedeutung erlangt, daß wir in ihm einen der führenden
Dichter des obersächsischen Stammes erkennen dürfen. Möge es dem
Dichter, dessen wir uns als eines teuern Kleinods erfreuen wollen,
vergönnt sein, von Stufe zu Stufe in seiner naturgemäßen Entwicklung
fortzuschreiten und das Ehrenkränzlein obersächsischer Dichtung mit
neuen, immer schöneren Blüten zu schmücken.
Auf der Schwelle des Erzgebirges
Von ~Dr.~ _Kurt Schumann_
Mit Bildern nach Aufnahmen von _J. Ostermaier_, Dresden-Blasewitz
So oft ich, gequält durch den Lärm von fünf äußerst betriebsreichen
Straßenbahnlinien und das melodische Gewimmer eines
Luftschaukelleierkastens, gegen das ich seit Jahren einen ebenso
zähen wie erfolglosen Kampf führe, mich mit dem Gedanken trage,
meinen Striesener Wigwam zu verlassen und mich auf die mit meiner
Arbeitsstätte durch die billige Reichsbahn verbundene Lausitzer
Hochfläche zurückzuziehen, brauche ich nur einen Blick zum Fenster
hinauszutun, um mich in meinem Entschluß wieder wankend werden zu
lassen. Denn bis zu den Gipfeln des östlichen Erzgebirges, zum Geising
und Sattelberg, wandert der Blick selbst vom Schreibtisch aus, und
auch bei neunzehnhundertzweiundzwanziger Wetter sind wenigstens
seine Vorhöhen gut zu überschauen. Und dieser Blick wiegt schon
eine ordentliche Portion Straßen- und Karussellärm auf. Die letzten
Cunnersdorfer Schächte begrenzen den Horizont im Westen; dann folgt die
Goldene Höhe, und zwischen ihr und dem Plateau der Babisnauer Pappel
guckt der Walfischrücken der Quohrener Kipse durch, was besonders
schön in die Erscheinung tritt, wenn der hintere Höhenzug im Schimmer
frischgefallenen Schnees glänzt, während den vorderen niederen schon
der grüne Schein lenzesfroher Saaten schmückt. Beherrscht aber wird
das ganze Bild von dem einzigen wirklichen Gipfel dieser Höhenzüge,
dem nahezu fünfhundert Meter hohen Wilisch. Im Osten schließt die
flache Kuppe des Finkenfangs das besonders im Morgen- und Abendlicht
ganz wundersame Bild ab. Da sich außerdem mit dem überblickten Gebiet
Erinnerungen an meine ersten Wandertaten verknüpfen, ist es kein
Wunder, daß ich mit ihm noch vertrauter bin als mit manchem anderen
Dresdner Ausflugsgebiet, und mir die redlichste Mühe gebe, ihm immer
neue Verehrer zu gewinnen. »Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?«
Wie notwendig solche Führungen sind, konnte ich wieder einmal erkennen,
als ich mit einer sonst wirklich nicht auf den Kopf gefallenen
Jugendgruppe die letzte diesjährige Volkshochschulwanderung unternahm.
War doch z. B. keiner von den etwa dreißig Teilnehmern bisher mit
der _Windbergbahn_ gefahren, obgleich eine Fahrt auf dieser Strecke
unzweifelhaft zu den schönsten und billigsten Genüssen gehört, die
sich der Dresdner leisten kann. – Am Bahnhof Plauen blickt man
zunächst einmal der Gegend in die Eingeweide. Über dem Syenit des
_Ratssteinbruchs_ lagern, schräg nach dem Elbtal zu einfallend,
Plänerschichten, Erinnerungen an die Zeit, da über diesem Gebiet die
Fluten des Kreidemeers wogten. Bei dem mächtigen Getreidesilo am Fuße
der Heideschanze verläßt der Zug die Enge des Plauenschen Grundes
und tritt in das weite _Döhlener Becken_ ein, das die Weißeritz
durch Abtransport der diese ganze Gegend bedeckenden Geröllmassen,
die im Zeitalter des _Rotliegenden_ hier abgelagert worden waren,
geschaffen hat. Der das Becken beherrschende Windberg zeigt an,
bis zu welcher Höhe diese Konglomerate einst lagen. An den weichen
Lehnen klettert unser Zug empor, wobei sich die herrlichsten Blicke
über das Freitaler Industriegebiet, das Elbtal und die Lößnitzhänge
eröffnen. Auf der Höhe angelangt, können wir die Blicke weit nach
Norden und Osten schweifen lassen. Wir wissen nicht, welcher von den
drei überschauten Landschaften wir den Preis der Schönheit zuerkennen
sollen, den sanftgewellten Höhen des Lausitzer Berglandes, der
weiten von Siedlungen erfüllten Elbaue mit den Loschwitzer Hängen
und dem Eckpfeiler des Borsbergs im Hintergrund oder der zierlichen
Tafelberggesellschaft des Elbsandsteins, die fremd und eigenartig im
Süden auftaucht. Die Nähe aber ist nicht minder interessant. Mächtige
Wälder von Baumfarnen und anderen tropischen Gewächsen, deren Schönheit
uns heutzutage nur noch die Gewächshäuser (Pillnitz) offenbaren, wurden
von den Schottermassen der Rotliegendzeit einst zugedeckt. Im Laufe
verschiedener Jahrmillionen wurden die Baumleichen in Kohle verwandelt,
die der Niederhäslicher und Burgker Bergmann nun unter schwerer Mühe
und Lebensgefahr, von der auch das Denkmal auf dem Segen-Gottes-Schacht
erzählt, ans Licht bringt. Denjenigen, die sich für unsern heimischen
Bergbau näher interessieren, kann ich gar nicht warm genug die
Ausstellung im Heimatkundlichen Schulmuseum des Dresdner Lehrervereins
auf der Sedanstraße empfehlen, wo sich nicht nur Zeichnungen und
Modelle von Bergwerken, die Werkzeuge des Bergmanns, geologische Karten
und Profile und geschichtliche Erinnerungsblätter finden, sondern
man auch in bequemer und übersichtlicher Weise einen Einblick in die
Bedeutung, Verbreitung und Arbeitsweise der verschiedenen auf dem
Kohlenreichtum des Gebiets sich aufbauenden Industriezweige erhält.
Eine treffliche Ergänzung dazu bildet die Schilderung, die H. Beier im
ersten Band des Dresdner Wanderbuchs vom »Industriegebiet des Döhlener
Beckens« gibt. Unser Züglein führt uns in der Nähe verschiedener
Schächte und ganz dicht am Marienschacht vorüber, so daß wir bei der
beängstigenden Geschwindigkeit unseres Vehikels genügend Gelegenheit
haben, neiderfüllte Blicke nach den mit den schönsten Steinkohlen
beladenen Hunden und Eisenbahnwagen zu werfen.
[Illustration: Abb. 1 =Im Plauenschen Grund bei Coßmannsdorf=]
Am Bahnhof Bannewitz wendet sich die Bahn südwärts, und wir gewinnen
einen prächtigen Blick auf das nach dem Döhlener Becken hinabziehende
Poisental, das den in den unfruchtbaren Sandsteinen des Rotliegenden
wurzelnden _Poisenwald_ umschlingt. Auch dieser den Dresdnern noch
verhältnismäßig wenig bekannte Wald hat seine besonderen Reize. Wenn im
Frühjahr und Herbst die Birkenreihen wie Fackelzüge durch den dunklen
Kiefern- und Fichtenwald sich durchschlängeln, kann er wohl mit seinen
bevorzugten Brüdern in Wettbewerb treten. Nachdem uns die Halde neben
der Haltestelle Goldene Höhe daran erinnert hat, daß sich früher
der Bergbau bis nach Rippien hinüberzog, fahren wir an der schönen
Pappelallee nach Possendorf hinab. Tief unter uns liegt Wilmsdorf
im oberen Poisental. Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß dort der
Freiheitskämpfer Schill 1776 geboren wurde.
[Illustration: Abb. 2 =Die Possendorfer Windmühle=]
Uns verheißt die goldne Herbstsonne, die uns beim Aussteigen in
_Possendorf_ begrüßt, ein schöneres Los als ihm, und so wandern wir
wohlgemut durch das behäbige Dorf, das als Mittelpunkt der ganzen
Pflege einen sehr stattlichen Gasthof, eine ebensolche Kirche und ein
mit schönen Renaissancegiebeln versehenes Rittergut besitzt. Einen
halben Kilometer jenseits des Dorfes, wo die prächtige Kastanienallee
in einem schön geschwungenen Bogen die Wendischkarsdorfer Höhe
nimmt, geht ein schmaler Fußsteig rechts feldein. Wir folgen ihm und
beobachten dabei, daß die Felder eine auffällig rote Farbe tragen.
Wir befinden uns also immer noch im Gebiet des Rotliegenden. Einige
aufgelesene Steine belehren uns, daß wir es mit einer Ansammlung
erzgebirgischer Gneise zu tun haben. Wenn nun diese Gneise schon in
ihrem Ursprungsgebiet einen leidlichen Ackerboden abgeben, so ist
dies naturgemäß hier, wo sie im bereits zerschlagenen Zustande der
Verwitterung viel leichter anheimfallen, noch mehr der Fall. Deshalb
macht auch das Quellreihendorf _Börnchen_, das nach fünf Minuten vor
uns in der Tiefe auftaucht, einen ziemlich wohlgenährten Eindruck. Den
Bewohnern der Umgegend ist es unter den Namen Käsebörnchen bekannt,
weil die Börnchener sich nicht nur des Ackerbaues sondern auch der
Käserei befleißigen. Noch heute kaufen wirtschaftsgeographisch
geschulte Dresdner Hausfrauen ihren Käsebedarf unmittelbar von
den Börnchner Käsewagen und -weibern in der Ausspannung in der
Wilsdruffer Vorstadt. Sobald man die Quellmulde, in der Börnchen liegt,
verlassen hat, liegt ein Turmgasthaus vor uns, das den »Gipfel« des
_Lerchenbergs_ krönt. Mit seinen vierhundertfünfundzwanzig Metern ist
der Lerchenberg noch achtzig Meter höher als die wegen ihrer Aussicht
berühmte Goldene Höhe; kein Wunder, daß seine Aussicht mindestens vom
geographischen Standpunkt als die vielseitigste der näheren Dresdner
Umgebung bezeichnet werden muß. Das vulkanische böhmische Mittelgebirge
ist mit seinen schönsten Repräsentanten ebenso vertreten wie die
Sächsische Schweiz mit ihren sämtlichen »Steinen«, die Lausitz mit
ihren Granitkuppen (Keulenberg, Butterberg, Valtenberg, Triebenberg)
und das Erzgebirge mit den der einförmigen Rumpffläche aufgesetzten
Basaltbergen (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch) und den wegen
ihrer Härte herauspräparierten Porphyrhöhen (Kahleberg, Tellkoppe,
Frauenstein). Das uns umgebende Rotliegendengebiet zeichnet sich durch
seine sanftgewölbten Formen aus (gutes Skigelände!), mit denen nur
die Basaltspitze des Wilisch und die Sandsteintafel an der Babisnauer
Pappel kontrastiert. Ein anderes Sandsteingebiet liegt südlich von
unserm Standpunkt. Es tritt deutlich aus der Landschaft hervor, weil
es statt der Felder, die sich auf Gneis und Rotliegendem ausbreiten,
große Waldflächen trägt. Daß sich der Sandstein dort gehalten hat,
beruht auf ähnlichen Ursachen wie die Existenz _der_ Sandsteinscholle,
aus der die Sächsische Schweiz herausmodelliert wurde. Auch hier
ist der Sandstein durch eine sogenannte Verwerfung in ein tieferes
Niveau gebracht und dadurch vor der Abtragung bewahrt worden. Diesem
Sandsteingebiet streben wir nunmehr zu. _Groß-Ölsa_, das wir zunächst
berühren, ist heute ein Hauptsitz der Möbelindustrie, die überhaupt zu
den charakteristischen Erwerbszweigen des östlichen Erzgebirges gehört.
Nur die Strohindustrie, die sich vom Kamm bis nach Dresden hineinzieht,
kann sich mit ihr messen. Auch bei diesen beiden Erwerbszweigen
können wir dieselbe Entwicklung verfolgen wie bei den meisten andern
Industrien, sowohl im Erzgebirge als auch in andern deutschen
Mittelgebirgen. Ursprünglich bauten sie sich auf den Rohstoffen auf,
die das Gebirge lieferte (Holz, Erz, Stroh) und siedelten sich da an,
wo das Wasser eine billige Betriebskraft lieferte. Jetzt reichen weder
die heimischen Rohstoffe noch die Kraft der heimischen Gewässer zum
Betrieb der Unternehmungen. Trotzdem bleiben sie mit Rücksicht auf die
dadurch entstandene Bevölkerungsverteilung an den Ursprungsorten, und
so kommt es, daß wir heute an Orten Industrie finden, wo Rohstoffe und
Betriebsmittel von auswärts bezogen werden müssen. Die Entstehung der
Überlandzentralen hat diese Entwicklung noch begünstigt. Im Interesse
der Volksgesundheit ist dies nur zu begrüßen; denn der Arbeiter, der
von seiner Werkbank ins Freie blickt auf grüne Wiesen, wogende Felder
und freundliche Gehöfte, und nach beendeter Arbeit sich in einem
Heim findet, das von lauter Natur umgeben ist, möchte wahrscheinlich
nicht mit seinem Kollegen in der Oppellvorstadt tauschen, der seinen
Augen und Lungen während der Woche nichts Besseres vorsetzen kann als
finstre, dunstige Höfe und sterbenslangweilige luft- und liebeleere
Straßen. Selbstverständlich tragen diese Fabrikbauten auf den Dörfern
nicht gerade zur Verschönerung der Landschaft bei; aber auch auf
diesem Gebiet sind wir über das Gröbste hinweg. Wie die Schulen auf
dem Lande nicht mehr im Kasernengewande in die Landschaft hineinragen,
sondern sich dem dörflichen Bilde einpassen, so gehören auch die mit
knallroter Schauseite jedes Dorfidyll erschlagenden Fabriken, von denen
man besonders in den Lausitzer Weberdörfern wahre Prachtexemplare
findet, hoffentlich der Vergangenheit an.
[Illustration: Abb. 3 =Die Barbarakapelle in der Dippoldiswalder Heide=]
Unter solchen erbaulichen Sonntagsmorgenbetrachtungen sind wir in
die Seifersdorfer Straße eingebogen. Auf dem ersten links abgehenden
Feldwege verlassen wir sie wieder und gelangen bald in den Wald,
die _Dippoldiswalder Heide_. Sie zeigt hier noch wenig ihren wahren
Charakter, denn überall sinkt der Fuß in moorigen Boden ein, aus dem
hier und da sogar bescheidene Bächlein entspringen. Die Sandsteindecke
ist hier noch sehr dünn, so daß sich das durchsickernde Wasser auf
der Gneisunterlage sammelt und abläuft. Nach wenigen Minuten sehen
wir links vom Wege die Ruinen der Barbarakapelle. O. E. Schmidt
bringt sie mit dem Bergbau in Beziehung (die heilige Barbara ist
die Schutzheilige der Bergleute), während Schiffner in seinem
ausführlichen Handbuch des Königreichs Sachsen von 1840 den Namen
Barbarakapelle überhaupt nicht kennt. Er schreibt über die Ruine:
»Südlich von Ölsa, tausend Schritt entfernt, steht im Walde die
Claus- oder Clausenkirche, d. h. die Ruine der Nicolaikapelle, welche
dem Kloster Zella gehörte, und deren Altar man noch in Seifersdorf
sieht; dicht dabei quillt eine überaus starke Quelle (sie wird heute
für die Wasserversorgung von Rabenau ausgenützt, wie der Steinborn
bei Obermalter der Stadt Dippoldiswalde täglich bis über zweihundert
Kubikmeter zu liefern vermag), und das Ganze war wohl eine Station
für die nach Zella Wallfahrenden.« Schäfer fügt in seinem Führer
durch Dresdens Umgebung noch hinzu, daß sie von Johann VIII. von
Maltitz, dem dreiundvierzigsten Bischof von Meißen, gestorben 1649,
zerstört wurde, weil ihr Geistlicher reformatorisch aufgetreten war.
Irgendwelche künstlerische Bedeutung hat die Ruine nicht und jede
Anwandlung feierlicher Stimmung, die sich in solchen Waldruinen
bei empfindsamen Seelen einzustellen pflegt, wird jäh vernichtet
durch die trotz der freundlichen Warnungen des Gebirgsvereins hier
angesammelten Papierhaufen, die von der Beliebtheit dieses Platzes beim
naturliebenden Publikum zeugen. Ich bin nur gespannt, bis zu welchen
phantastischen Preisen das Papier noch steigen muß, ehe diesem Unfug
ein Ende gemacht wird. Ein wunderschöner trockner Frühstücksplatz
zwischen Heidekraut und Birken entschädigt uns für die an der
Barbarakapelle nicht zustande gekommene Gefühlswallung. So landen wir
wohl oder übel wieder im seichten Materialismus und lassen uns den
Inhalt unserer Rucksäcke so gut schmecken, als es der üppige Belag
zuläßt.
Zu den bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten der Dippoldiswalder
Heide gehören die Wolfssäule und der Einsiedlerstein. Darum
mußten auch wir ihnen unbedingt einen Besuch abstatten. Beide
liegen an der schönen Straße, die Malter mit Wendischkarsdorf
verbindet. Die Wolfssäule erinnert an eine Jagd im Jahre 1802,
bei der »ein Wolf, der seit fünf Jahren aus- und eingetrabt ist
und hundertunddrei Pfund wog, geschossen« wurde. Der glückliche
Schütze war der kurpfalz-baiersche Gesandte und Minister Herr von
Lerchenfeld. Bei dieser Gelegenheit sei mit hingewiesen auf den
außerordentlichen Wildreichtum, der sich noch vor dreihundert
Jahren in unsern Wäldern fand. Johann Georg I. (1611–1656) schoß
während seiner Regierung fünfzehntausendzweihundertachtundzwanzig
Hirsche, neunundzwanzigtausendeinhundertsechsundzwanzig Wildschweine,
zweihundertvier Bären, eintausendfünfhundertdreiundvierzig
Wölfe, zweihundert Luchse, elftausendachthundertelf Hasen,
achtzehntausendneunhundertsiebenundfünfzig Füchse und
dreitausendfünfhundertvierundzwanzig Wildkatzen. Wenn man auch
versteht, daß mit der stärkeren Besiedlung und Kultivierung des Landes
diese Fülle schwinden mußte, so kann doch der Naturfreund nur aufs
tiefste die Verarmung beklagen, die unsrer heimischen Tierwelt dadurch
widerfahren ist.
[Illustration: Abb. 4 =Der Einsiedlerstein bei Dippoldiswalde=]
Auf der vorhin genannten Waldstraße, die infolge des durchlässigen
Sandsteinuntergrundes auch nach den stärksten Regengüssen trocken ist,
und deshalb den Stöckelschuh-Schleierstrumpftouristen aufs wärmste
empfohlen werden kann, gelangen wir zum Einsiedlerstein. Es ist
tatsächlich ein kleines Stück Sächsische Schweiz, das sich hier vor
uns aufbaut. Alle die typischen Erscheinungen der Sandsteinklüftung,
Verwitterung und Pflanzenwelt sind hier zu beobachten. Nur die jedem
Teilnehmer an wissenschaftlichen Sächsische Schweiz-Exkursionen
bekannte Hauptattraktion fehlt: wenigstens haben wir alle Wände
vergebens abgeleckt und kein _Alaun_ gefunden.
[Illustration: Abb. 5 =Blick auf den Wilisch von Hermsdorfer Seite=]
Auf dem Weiterwege können wir feststellen, was für ein herrlicher Baum
die sonst ihren benadelten Schwestern nachstehende Kiefer werden kann,
wenn sie auf günstigem Boden steht. Die wundervollen Exemplare links
von unserm Wege künden die Behausung des Pflegers dieses Waldgebiets,
die Oberförsterei Wendischkarsdorf an. Sie liegt im flachen Wiesental
des Ölsenbachs und hat als Nachbarin die schöne Wendischkarsdorfer
Heidemühle, die sich in wundervoller Weise der Landschaft einpaßt.
Seit die allgemein mit Freude begrüßte Badeepidemie unser Volk
ergriffen hat, ist es in dieser Gegend etwas lebendiger geworden;
denn zehn Minuten oberhalb der Heidemühle liegt ein schöner Teich.
Der Oktoberfrost hat der Sommerlust ein Ende gemacht, und abgesehen
von den Verbotstafeln, erinnert nichts mehr daran, daß sonst die
Fülle des Volks die Ufer säumte. Um so ungestörter können wir das
stimmungsvolle Herbstbild genießen. Dann verfolgen wir ein Bächlein,
das sich in den Teich ergießt, von der Mündung, vor der ein großer
Schuttkegel liegt, bis zur Quelle, die sich wieder da findet, wo
Sandstein und Gneis aneinanderstoßen. Nun schlagen wir uns durch nach
der verlängerten »Prager Straße«, haben das seltene Glück, von keinem
Automobil gerädert zu werden und gewinnen durch das Zscheckwitzer Holz
den Zugang zur _Quohrener Kipse_. Wir begnügen uns heute mit einem
Besuch der in ihren Südhang eingelassenen Grube, die uns ausgezeichnet
erkennen läßt, woraus sich dieser markante Höhenzug zusammensetzt.
Es ist »Gneisgeröll« aus dem unmittelbar anstoßenden Erzgebirge.
Viele dieser Ablagerungen zeigen eine feine Fältelung und andere
Stauchungserscheinungen, wie sie bei den Gneisen des Weißeritztales
gewöhnlich sind, ein Beweis dafür, daß schon zur Zeit des Rotliegenden
bedeutende Faltungen im Erzgebirge vollzogen waren und die Gneise schon
denselben petrographischen Charakter besaßen wie heute[1]. Die Straße
nach dem Wilisch führt immer an der Grenze von Gneis und Rotliegendem
hin. Deshalb haben wir hier wieder einen Quellhorizont, wie die
zahlreichen Brunnen bei _Hermsdorf_ beweisen. Name und Form des Dorfes
zeigen uns, daß wir es hier mit einer deutschen Siedlung zu tun haben,
und wir auch in dieser Beziehung an der Schwelle des Erzgebirges, das
in wundervoller Klarheit immer vor uns liegt, stehen. Alle Dörfer
nördlich der Hermsdorfer Höhen und auch das an der Paßstraße liegende
Wendischkarsdorf haben zum mindesten einen slawischen Kern.
[Illustration: Abb. 6 =Die »Malermühle« bei Goppeln=]
Die schmucke Wilischbaude verführt uns, trotz des herrlichen
Nachmittags unsre Mittag-Vesperpause im Innern dieses gemütlichen
Berggasthauses zu verbringen. Selbst die sonst prinzipienfeste
Jugend, der ich ein paar herrliche Lagerplätze in der Nähe des
Hauses wärmstens empfohlen hatte, beging einen Sündenfall und
frönte dem Kaffeegenuß und anderen Lastern (Ansichtskarten!).
Nachdem zum Nachtisch noch die unvermeidlichen Volkstänze im
Steinbruch getanzt worden waren, konnten wir den wissenschaftlichen
Problemen des Berges zu Leibe rücken. Der _Wilisch_ besteht wie so
viele andere bemerkenswerte Gipfel der weiteren Dresdner Umgebung
(Winterberg, Stolpener Schloßberg, Landberg, Ascherhübel, Luchberg,
Geising, Sattelberg) aus Basalt. Dieses Eruptivgestein ist in der
Braunkohlenzeit durch die Ablagerungen des Rotliegenden und der Kreide
durchgebrochen. Wie man aus der Richtung der Säulen feststellen kann,
befinden wir uns auf dem Wilisch im Schlot des einstigen Vulkans. Die
Grenzfläche zwischen Basalt und den Gneiskonglomeraten des Rotliegenden
ist am Eingang zum Steinbruch ausgezeichnet zu sehen. Die Aussicht vom
Gipfel, den seit vorigem Jahr statt der alten Landesvermessungssäule
ein Kriegsgedenkstein krönt, wird durch den Baumbestand etwas
beeinträchtigt. Ich bitte, die schönen Buchen aber trotzdem
stehenzulassen, zumal der Charakter des Berges schon durch Kahlschläge
in unmittelbarer Nähe des Gipfels aufs empfindlichste geschädigt
worden ist. Ich habe damals, als ich mit wachsendem Grimm von meinem
Fenster aus die Verschandelung des geliebten Berges bemerkte, sofort
den Heimatschutz alarmiert, aber er konnte leider auch nichts mehr
ausrichten.
In reichlich zwei Stunden gelangt man vom Wilisch über Kreischa,
Kautzsch, Bärenklause, Gaustritz, Goppeln nach Dresden. Wenn man die
Babisnauer Pappel (Gewissensfrage: Wieviele Dresdner sind noch nicht
dort gewesen?), vor der ein neues Aussichtsgerüst steht, noch mitnimmt
und über Golberode mit seinen schönen Gütern nach Goppeln wandert,
dauerts eine halbe Stunde länger. Jedenfalls liegt dieses herrliche
Wandergebiet so nahe vor den Toren der Stadt, daß jeder, der noch nicht
von der Schwelle des Erzgebirges ins weite Land geschaut hat, es recht
bald einmal tun sollte. Und wenn uns der Winter wieder eine Schneedecke
beschert, wie wir sie letztes Jahr hatten, dann säume keiner, dem vor
den letzten Markstürzen ein freundliches Geschick noch ein paar Brettel
bescherte, statt der nur mit Lebensgefahr (Umsteigen in Hainsberg!) zu
erreichenden Kipsdorfer und Geisinger Gefilde die Höhen zwischen Malter
und Wilisch, Kipse und Schmiedeberg aufzusuchen. Wie oft ist nicht der
Blick ins gelobte Land schöner als das gelobte Land selbst!
[Illustration]
Fußnoten:
[1] Beck, Geol. Führer: Elbtallandschaft.
Der Vielfraß in Sachsen
Von _Rudolf Zimmermann_
Es dürfte meines Erachtens nicht zu empfehlen sein, als Beweis für
den früher vorhandenen Wildreichtum des Erzgebirges – vergleiche
Klengel, Jagdschloß Rehefeld, Mitteilungen Sächsischer Heimatschutz,
Band XI, 1922, Seite 254 bis 257 – die Erlegung auch des Vielfraßes
bei Frauenstein anzuführen. Denn hierbei handelt es sich lediglich nur
um die _einmalige_ Erbeutung eines versprengten, _in Deutschland gar
nicht heimischen und in historischer Zeit auch nicht heimisch gewesenen
Tieres_. Bereits Blasius, der noch ein zweites deutsches Vorkommen
anführt und nur diese beiden Vorkommen kennt, betont dies in seinen
»Säugetieren Deutschlands« (Braunschweig 1857, Seite 211). »Einige Male
hat man ihn (den Vielfraß) in Deutschland angetroffen: bei Frauenstein
in Sachsen nach Bechstein und bei Helmstedt im Braunschweigischen
nach Zimmermann. Das Skelett dieses letzteren, am weitesten nach
Westen vorgedrungenen Tieres, habe ich noch im Museum in Braunschweig
gesehen. Dieses vereinzelte Vorkommen ist sicher als das versprengter
Flüchtlinge anzusehen. Es ist kein Grund vorhanden, daß der Vielfraß
bis so weit nach Deutschland hinein je einheimisch gewesen wäre.«