Man vgl. das finnische Märchen aus Salmelainens Sammlung in Ermans
Archiv für wissenschaftliche Kunde von Rußland =XIII=, 483, das masurische
bei Töppen Aberglauben aus Masuren S. 148, das von Chavannes in der
Sammelschrift »Die Wissenschaften im 19. Jahrhundert« =IX=, 100
mitgetheilte russische, das polnische bei Glinski =Bajarz polski I=, 38,
das tiroler bei Zingerle Tirols Volksdichtungen und Volksgebräuche =II=,
395. Alle diese Märchen gehen gleich dem ehstnischen davon aus, daß ein
sterbender Vater seine drei Söhne auffordert, nach seinem Tode der Reihe
nach je eine Nacht auf seinem Grabe zuzubringen, welcher Aufforderung
jedoch die beiden ältesten nicht nachkommen, während der jüngste, der
als Dümmling gilt, alle drei Nächte auf dem väterlichen Grabe wacht. Die
Hand der Königstochter soll im finnischen Märchen der erhalten, welcher
sein Pferd bis ans dritte Stockwerk der Hofburg springen lassen und der
da sitzenden Prinzessin einen Kuß geben kann; im masurischen, wer zu
Pferde zweimal in das vierte Stockwerk des Schlosses zur Prinzessin
gelangen kann; im russischen, wer zu Pferde der im dritten Stockwerk
sitzenden Prinzessin einen Kuß geben, oder nach Varianten: wer über
zwölf Glastafeln oder über so und so viel Balken zu ihr oder ihrem Bild
zu Pferd gelangen kann; im tiroler, wer einen steilen Felsen empor
reiten kann; im polnischen, wer in Ritterspielen siegt. In einigen der
zahlreichen, sonst ähnlichen Märchen, in denen jedoch die Nachtwachen
auf dem Grabe des Vaters fehlen, muß, wie im ehstnischen, der Bewerber
um die Hand der Königstochter einen Glasberg hinaufreiten (Sommer Sagen,
Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen =I=, 96, Asbjörnsen und
Moë Norske Folkeeventyr Nr. 52, Grundtvig Gamle danske Minder i
Folkemunde =I=, 211, Müllenhoff Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig u.
s. w. S. 437, Anmerk. zu Nr. =XIII=). In fast allen hierher gehörigen
Märchen macht der Dümmling von seinem Siege zunächst keinen Gebrauch,
begibt sich vielmehr unerkannt nach Hause und wird erst nach einiger
Zeit, meist ohne sein Zuthun, als der gesuchte Sieger erkannt. In diesem
Punkte ist das ehstnische Märchen entstellt. Durchaus eigentümlich dem
ehstnischen Märchen sind der siebenjährige Schlaf der Königstochter und
der Umstand, daß der Bauernsohn ein vertauschter Prinz ist. K.
Daß der Glaskasten, in dem die Königstochter ruht, und der Glasberg
Nachklänge der altnordischen Brynhildr-Mythe sind, bemerke ich, indem
ich kurz auf Mannhardt Germanische Mythen S. 333 verweise, woselbst man
auch das hierher gehörige dänische Volkslied citiert findet, demzufolge
Sigfrid den Glasberg hinaufreitet. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der
in der russischen Heldensage räthselhaft dastehende Swjatogor (ob nicht
entstellt aus Sigurd?), der sein Weib in einem Krystall-Schrein auf den
Schultern trägt (Rybnikow =I=, 37), hierher zu ziehen ist. Wie sehr
Verunstaltungen im Laufe der Zeit entstehen können, erkennt man leicht,
wenn man bedenkt, wie die dem Swjatogor vom Schicksal bestimmte Braut im
Land am Meeresstrand dreißig Jahre auf einem Misthaufen ruht und ihr
Leib wie Tannenrinde aussieht; vgl. meinen Aufsatz »Zur russischen
Heldensage« im Bulletin =IV=, 273-85 = =Mélanges russes IV=, 230-48. In dem
Märchen »der Krystallberg« bei Afanasjew =VII=, 209, kriecht der
Königssohn Iwan in Gestalt einer Ameise in den Krystallberg, in welchen
der zwölfköpfige Drache die Königstochter entführt hatte; er tödtet den
Drachen und findet in dessen rechter Seite einen Kasten, in dem Kasten
einen Hasen, in dem Hasen eine Ente, in der Ente ein Ei, in dem Ei ein
Samenkorn; dieses zündet er an und bringt es zum Krystallberg, der
alsbald zerschmilzt. Sch.